die penible arbeit an den wänden sieht man erst im dunkeln, wenn die schwarzlichtlampe aufgedreht wird. medienkünstlerin ulla rauter werkt zur zeit am und im raum, welcher ereignisort und ereignisoberfläche wird, in der gleisdorfer „popcorner-passage“.
ulla rauter on location: die farbe auf der weißen wand ist bei tageslicht nicht sichtbar
fotograph christian strassegger bewährt sich in der alpinistischen passage. wir hatten im vergangenen jahr fröhliche (und auch irritierende) momente, als in der allzweckhalle von urscha/labuch die ausstellung mit der arbeit von jelena juresa aufzubauen gewesen ist: „what it feels like for a girl“ [link]
christian strassegger würde vermutlich auch badehosen und taucherbrille mitbringen, wenn wir einmal eine geflutetes schwimmbecken zu bespielen hätten
kleiner einschub: der „frauenmonat“ von „kunst ost“ bedeutet, wir setzen einen fokus auf frauenleben. das bedeutet NICHT, hier sei eine veranstaltuzngsreihe nur an frauen adressiert. sie können sich vielleicht vorstellen, welche kuriose situation das in urscha/labuch war, als wir mitten in das revier von oststeirischen eisschützen einer portrait-serie geschundener und mißhandelter frauen gesetzt haben: [link]
ich habe freilich manchmal zweifel an dieser anstrengung, kunstwerke an plätzen zu zeigen, die nicht für die präsentation von kunstwerken gemacht sind. dabei trifft mich nur ein bruchteil dieser anstrengung. die meiste mühe hat kuratorin mirjana peitler-selakov zu bewältigen, um a) eine jeweils halbwegs adäquate raumsitution zu finden und b) mit der kunstschaffenden dann eine zufriedenstellende umsetzung der ausstellung zu erarbeiten.
ulla rauter und mirjana peitler-selakov in der „popcorner-passage“
die allgemeinen zugänge zur kunst sind ein noch junges gesellschaftliches phänomen. also haben wir keineswegs die situation, daß eine befassung mit kunst ebenso selbstverständlich als persönlicher gewinn bewertet wird, wie andere bildungs- und erfahrungsmöglichkeiten.
wenn man nun einrechnet, daß zur zeit in einem der teuersten bildungssysteme europas nicht einmal ein allgemein gewünschter bildungsstandard zustande kommt, sind präsenzprobleme der leute aus der kunst sehr einleuchtend.
indem wir beharrlich abseits des landeszentrums an orten, die genau NICHT der kunst gewidmet sind, die präsenz mit kunst zu halten versuchen, bemühen wir uns als kulturinitiative um ein stück kulturellen bodens, der gerade im moment enorm von austrocknung bedroht ist.
künstlerin ulla rauter bei der aufbauarbeit in der „popcorner-passage“ von gleisdorf. wir haben dort ein leerstehendes geschäftslokal gemietet, um im zentrum der stadt einen teil des „frauenmonats“ von „kunst ost“ zu realisieren.
beginn der tausend handgriffe: künstlerin ulla rauter vor ort
diese tausend handgriffe, um in eine komplexe themenstellung hineinzugelangen. dieses völlig andere bezugssystem der kunst, um einen stand der dinge erfahrbar zu machen. „FMTechnik!“ fokussiert auf die zusammenhänge von frauen, macht und technik. dazu hat kuratorin mirjana peitler-selakov die kleine veranstaltungsreihe in die reale wirtschaftswelt verzweigt, hat ein stück meta-ebene und diskurs einbezogen, schließlich mehrere passagen durch zonen der kunst gelegt.
künstler christian strassegger und kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov
dieses changieren zwischen alltagspraxis, theorie und kunst ergibt nach unserer erfahrung sehr interessante möglichkeiten, komplexe themen transparenter und greifbar zu machen. das handelt im gesamten jahresverlauf auch von querverbindungen zum „kuratorium für triviale mythen“: [link]
zu den frühen akteuren des kuratoriums gehört norbert gall, brand manager von abarth österreich: [link] während rauter im abgedunkelten geschäftsraum erste anordnungen für ihre kommende ausstellung festlegte, landete gall in gleisdorf.
ich habe in ihm ein sachkundiges gegenüber zur erörterung gegenwärtiger zustände jener mobilitätsgeschichte, die in der ersten hälfte des 19. jahrhunderts bemerkenswerte kontroversen zeigte, die zwischen schiene und straße polarisierten; da gab es noch gar keine automobile im heutigen sinn.
norbert gall ist profunder kenner vor allem der entwicklungen in der zweiten hälfte des 20. jahrhunderts: [link] als manager der zum haus fiat gehörenden sportwagen-marke abarth habe ich in ihm freilich auch einen sachkundigen diskussionspartner, was gegenwärtige entwicklungen angeht.
ich hab lange der vorstellung angehangen, wir müßten das denkmodell „zentrum/provinz“ neu deuten. über laufende debatten kam ich dann zur annahme, dieses denkmodell müsse überhaupt aufgegeben werden. inzwischen sehen ich keine möglichkeit, es zu suspendieren und mir scheint überdies, daß sich diverse gefälle zwischen zentrum und „provinz“ wieder verstärken; zu lasten der zonen jenseits des landeszentrums.
ich habe verschiedene gründe, auf öffentlichen debatten über die themen kunst und kultur zu bestehen. einer der gründe ist folgender: unsere praktische erfahrung in der „region“ besagt, daß wir entweder selbst definieren, was gemeint ist, wenn jemand „kunst und kultur“ sagt, oder wirtschaft und politik übernehmen das ebenso locker wie bestimmt.
martin krusche (2.v.l.) auf einem screenshot aus einer miniaturkamera an einem miniatur-hubschrauber (driven by bernd kober) über einer arbeit von christian strassegger, ziemlich weit draußen, also sehr jenseits von graz
wenn wirtschaft und politik sagen, was kunst und kultur seien, entstehen zum teil jene gravierenden probleme, die wir gerade zu beklagen haben. das handelt von einer umfassenden marginalisierung des themas in den regionalen medien und in der öffentlichen wahrnehmung. das führt überdies zu situationen, in denen eine teils ratlose kommunalpolitik vor allem „kunst“ aber auch „kultur“ desavouiert und als manövriermasse in regionalpolitischen diskursen mißbraucht.
sind also die deutungseliten aus wirtschaft und politik in dieser sache sich selbst überlassen, werden aus geringstem anlaß auf ANDEREN politischen feldern unsere kulturpolitischen rahmenbedingungen beschädigt. es geht sogar noch weiter. ich werde hier noch dokumentieren, wie kunstsschaffende (als „primäre kräfte“ des metiers) sogar aus regionalen funktionärskreisen für divergierende auffassungen massiv angegriffen werden können, wenn sie professionelle grundlagen von zeitgemäßer kulturpolitik öffentlich thematisieren.
zu all dem kommt ein weitgehend diskreditierter kunstbegriff, der zu einem containerwort verkommen ist, welches mit beliebigen inhalten befüllt und gegen beliebige positionen in stellung gebracht werden kann. damit gerät ein ganzes berufsfeld in mißkredit.
ich rege mich darüber nicht auf, weil ich feststellen muß, daß mein metier die verfestigung solcher mißstände weitgehend ohne jeden einwand zugelassen hat. anders ausgedrückt: wir kunstschaffenden haben die situation miterzeugt, die viele von uns gerade lauthals beklagen.
nun interessiert es mich, zu einem stichhaltigen befund des status quo zu kommen, damit es möglich wird, prozesse einzuleiten, die solche mißstände bessern, möglichst beseitigen. ich denke, diese kulturellen agenda werden im auftakt nicht auf dem boulevard zu bearbeiten sein, sondern primär innerhalb unseres metiers und mit all jenen, die uns beruflich und/oder privat verbunden sind.
ich möchte eigentlich nicht mehr erleben, daß etwa eine ausgewiesene kunsthistorikerin in einer veranstaltung öffentlich behauptet, was KUNST sei, ließe sich nicht so genau sagen.
ich möchte eigentlich nicht mehr erleben, daß kunstschaffende, die sich konsequent künstlerischer praxis verschrieben haben, keine idee haben, worin sich etwa gegenwartskunst und voluntary arts unterscheiden.
ich möchte zum auftakt erreichen, daß wir selbst jene kompetenz zeigen, also haben, welche wir von unserem jeweiligen gegenüber in politk, verwaltung und wirtschaft erwarten.
ich möchte erleben, daß wir unsere gründe nennen und fundiert argumentieren wie verhandeln können. ich erwarte mir dabei augenblicklich weniger von deklarationen und mehr von diskursen.
wir sind uns definitiv einig: die KUNST ist die kunst und hat ihren zweck in der kunst. sie ist kein werkzeug „um zu…“, kein soziales programm, keine wellness-einrichtung, keine tourismus-maßnahme. als kunstschaffende widmen wir unsere künstlerische praxis der kunst. basta! aber!
wir sind als künstler soziale wesen, politisch anwesend. das bedeutet, wir verwenden unser reflexionsvermögen auf den lauf und den stand der dinge. und wir bringen unsere kompetenzen, die wir unter anderem in langjähriger befassung mit kunst erwerben, als engagierte bürger in das gemeinwesen ein.
christian strassegger
nein, das ist jetzt keine erklärung, keine verlautbarung, kein manifest. dieses WIR ist ein sehr loses, eigentlich: flüchtiges, das sich über kommunikationsverhalten und gelegentliche zusammenkünfte konstituiert. wir sind keine gruppe. die zusammensetzungen an den tischen sehen meist höchst unterschiedlich aus.
so, das war nun die stunde der offenbarungen. mehr ist davon augenblicklich wohl nicht nötig. „kunst ost“ ergibt einen MÖGLICHKEITSRAUM, in dem sich gelegentlich etwas von all dem verdichtet. manchmal heißt das auch einfach: ein paar drinks und über das leben wie über die kunst plaudern.
mir ist freilich die KONTINUITÄT wichtig. ich lege großen wert auf ein anregendes geistiges klima. das braucht inspirierte menschen, die miteinander zu tun haben möchten; wenigstens temporär. deshalb müssen wir nichts gründen. es ist ohnehin schon alles gegründet worden.
emil gruber
früher gab es hier einmal eine „verschwörung der poeten“. das hat mir auch gefallen. heute ist das setup anders, wesentlich luftiger. naja, das „kuratorium für triviale mythen“ spielt derzeit schon eine markante rolle. motive und schwerpunkte ändern sich eben.
diesmal saß ich mit christian strassegger und emil gruber am tischchen. gerhard flekatsch [„bluethenlese„] gesellte sich schließlich dazu. wir debattierten die möglichkeiten, gelder für weiterführende projekte zu lukrieren. das faktum runtergefahrener bzw. völlig gestrichener kulturbudgets der gemeinden im ländlichen raum läßt sich nicht zurecht- oder wegdiskutieren. es gab schon vor jahren da und dort den expliziten politischen wunsch, die mittel kunstschaffender runterzukürzen und lieber in den sozialbereich zu investieren.
aus einer gleisdorfer wahlkampfbroschüre vom märz 2010
ich kann mich nicht erinnern, daß quer durchs land stimmen dagegen laut geworden wären. dem steht gegenüber, daß eine ubanisierung der „provinz“ unsinn wäre, daß also strategien aus den zentren sich nicht hierher verlegen und sinnvoll anwenden lassen. dazu zählt auch, daß herkömmliche ideen von sponsoring für unsere tätigkeitsbereiche nicht umsetzbar sind.
gerhard flekatsch
momentan verfügbare ideen in diesem zusammenhang greifen bloß dort, wo es um etablierte kunstformen und um repräsentation geht. also zum beispiel im musikbereich, wo die operettte regiert, klassische musik zuspruch erlebt und zeitgenössische musik sich da in nischen mitereignen darf.
bei bildender kunst regiert natürtlich der kanon, bei literatur und anderen geistigen stoffen ebenso das, was im feuilleton längst reüssiert hat. kurz, herkömmliches sponsoring setzt hauptsächlich auf den repräsentativen veranstaltungsbereich, auf bewährtes und populäres oder überhaupt lieber auf sport.
ich schreibe das ganz unaufgeregt, weil es vollkommen schlüssig ist, daß es sich so ereignet. wir sollten wissen, womit wir es zu tun haben und auf welchem terrain sich AUCH unser tun entfaltet. daß heißt dann für leute wie uns vor allem einmal, wir sollten gute gründe wissen, warum es unsere aktivitäten geben muß und warum das auch finanzierungen verdient. darüber haben wir also zu reden: was sind diese guten gründe?
ob wir es beklagen, ignorieren, ausblenden, egal, es gibt momentan einen enormen verdrängungswettlauf. eine stadt wie gleisdorf hat gegenüber 2009 ihr kulturbudget UM etwa 75 prozent AUF zirka 25 prozent heruntergekürzt. auf das verbleibende budget sind allerdings auch mehr einrichtungen aus, als in kleinen gemeinden. aber immerhin hat eine kleinstadt noch eine infrastruktur, wo wir bei manchen vorhaben durch sachleistungen seitens der kommune unterstützung finden.
in den kleineren gemeinden waren es entweder vorher schon NULL prozent kulturbudget, sind es spätestens jetzt MINUS hundert prozent, viele davon haben nicht einmal kulturbeauftragte. das ist der status quo in einer landschaft, wo nicht einmal unter gebildeten leuten und personen mit akademischen graden ein weitreichender grundkonsens herrscht, daß die „provinz“einen lebhaften KULTURBETRIEB haben solle, was – bitte schön! – keineswegs NUR veranstaltungskultur meint.
kurz: es besteht eine menge klärungsbedarf. gehen sie bitte davon aus, daß wir freilich gerüstet sind, diese debatte zu führen…
Die soziokulturelle Drehscheibe „kunst ost“ verknüpft verschiedene soziale und kulturelle Agenda mit Optionen der Gegenwartskunst, wobei wir aus unserer langjährigen Erfahrung schöpfen, solche Vorhaben jenseits des Landeszentrums, in der sogenannten „Provinz“ zu realisieren. Dabei beziehen wir Kompetenzen aus der Praxis im Bereich eigenständiger Regionalentwicklung und haben auch auf dem Kunstfeld Zugänge entwickelt, die uns erlauben, für unseren Arbeitsbereich geltend zu machen: „Provinz war gestern!“
vorarbeiten für den schwerpunkt "frauen und technik": kulturmanagerin nina strassegger-tipl (links) und kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov in albersdorf
Wir bemühen uns, das gesamte Geflecht an soziokulturellen und sozialgeschichtlichen zusammenhängen angemessen zu bearbeiten. Das bezieht sich in den großen Schwerpunkten auf unsere
+) Tage der agrarischen Welt
und den momentanen Fokus auf
+) Frauen und Technik
sowie verschiedene thematische Querverbindungen, die das
+) Kuratorium für triviale Mythen
bearbeitet, welches sich in den Kunstbereich verzweigt, aber stellenweise auch stark sachbezogen arbeitet. In diesen Zusammenhängen greifen wir momentan auch verstärkt das Thema
+) Mobilitätsgeschichte
auf.
christian strassegger (mitte) setze den heurigen auftakt zu "close to nature", was bernhard kober ("kuratorium für triviale mythen") mit einer aktion abrundete
Wir entwickeln unsere Projekte vor dem Hintergrund eines Themen-Horizonts, an dem zwei große Teil-Themen ineinander gehen, welche diesen Lebensraum, die „Energie-Region“, ausmachen:
+) die agrarische Welt
+) und die High Tech-Zonen.
Im Zentrum unserer Aufgaben steht die Befassung mit Gegenwartskunst und ihren Bedingungen. Die Bedingungen der Kunst sind über quasi benachbarte Genres berührbar:
+) die Alltagskultur
+) das Kunsthandwerk und
+) die Voluntary Arts,
… also jener sehr populäre Bereich, in dem sich interessierte Menschen außerberuflich mit künstlerischen Verfahrensweisen befassen.
Einige dieser Bereiche verknüpfen wir quer durch das Jahr mit künstlerischen Aktivitäten im Rahmen der Reihe „close to nature“. So fügt sich „kunst ost“ als Ganzes zu einem Gesamtvorhaben, in dem diese verschiedenen Themen- und Aufgabenstellungen in Theorie und Praxis verbunden werden.
nun hat ein tag zwei wesentliche zwischenergebnisse für unsere arbeit erbacht. es geht im die beiden teilthemen „agrarische welt“ und „high tech-zone“, von denen das leben in der „energie-region“ maßgeblich geprägt ist.
zum einen haben wir klar, wie es inhaltlich mit dem „frauenmonat“ weitergeht. kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov, in ihrem früheren berufsleben diplomingenieurin in der motorenentwicklung, hat das projekt FMTechnik! konzipiert. zum anderen haben wir klar, wie es nach dem „tag der agrarischen welt“ weitergeht. ich durfte mich mit tierarzt karl bauer und künstler christian strassegger über konsens für die nächsten praktischen schritte freuen.
frauen und technik: diplomingenieurin mirjana peitler-selakov (mitte) neben robotikerin kirsty boyle (links) und kunsthadwerkerin ida kreutzer bei unserem "tag der trivialen mythen" auf dem gut pölzer
das kürzel FMT meint „Frauen, Macht und Technik“. petler-selakov: „Seit Jahren wird versucht, mit Hilfe diverser Förderungsprogramme Frauen für technische Berufe zu interessieren. Leider beweisen die Untersuchungen, dass diese frauenfördernden Aktionen bisher wenig Effekt gebracht haben. An der TU Graz beträgt der Frauenanteil beispielsweise im Durchschnitt knapp 20%, im Wintersemmestar 2010/2011 waren es 21,4%. In den klassischen Ingenieursfächern sind noch immer fast keine Studentinnen zu finden. Warum ist das auch heute, im 21. Jahrhundert, so?“
peitler-selakov konstatiert: „Technische Kompetenzen werden der männlichen Geschlechtsidentität zugeschrieben. Sie sind fast Teil der männlichen Kultur, die in Kommunikation und Beziehungen zu anderen Männern zum Ausdruck kommt.“
so haben wir, in korrespondenz mit unserer arbeit an der „nikola tesla-doktrin“, einen gewichtigen aspekt der fragen rund um unseren „industrie-komplex“ formuliert bekommen. ich meine damit, im themenbogen „zwischen landwirtschaft und high tech“, den wir für diese region als relevant erachten, sehen wir hier einen sinnvollen ansatz, unser soziokulturelles engagement, das wir mit vorhaben im künstlerischen bereich verknüpfen, auf einige besondere themenstellungen zu fokussieren.
tierarzt karl bauer ist unsere schlüsselperson für fachfragen zur agrarischen welt
im ausloten des status quo der agrarischen welt haben wir nun sechs weiterführende stationen definiert, zu denen wir teilveranstaltungen und künstlerische vorhaben entwerfen, für die wir professionals aus verschiedenen bereichen der landwirtschaft einbeziehen wollen.
wir haben für die nächsten eineinhalb jahre sechs HAUPTTHEMEN ausfindig gemacht, an denen deutlich wird, was die region zur zeit im wesentlichen darstellt. alphabetisch gereiht: apfel, kürbis, mais und pferde.
der apfeld steht für jene sonderkulturen, über die das einstige „armenhaus österreichs“, die oststeiermark, wirtschaftliche voteile gewonnen hat. an kürbis und mais hängen nicht nur ernährungsfragen der menschen, daran knüpfen sich auch schweinemast und hühnerzucht. das pferd war einst nur den sehr gutgestellten bauern als zugtier zur verfügung, heute ist es im bereich sport und freizeit zu einem wichtigen wirtschaftsfaktor geworden.
das sind also 4 von sechs „stations-themen“. zwei stationen sollen dem wichtigen thema „kleinbäuerliche strukturen“ gewidmet sein. in summe wollen wir ein verständis davon fördern, daß heute zwischen bäuerlicher und industrieller landwirtschaft unterschieden werden muß.
künstler christian strassegger führt oft knifflige themenaspekte in viduelle codes über
was haben wir? was brauchen wir? im zusammenhang mit dieser fragestellung wollen wir das gesamte vorhaben auch um die behandlung sozialgeschichtlicher aspekte ergänzen. da war ein erster vortrag von historiker robert f. hausmann in wetzawinkel extrem anregend. es muß auch mehr an solchen informationsangeboten geben, um den stand der dinge zu begreifen und so an der gestaltung der zukunft mitzuwirken.
die künstlerische spange, mit der all diese bereiche verknüpft werden, haben wir einerseits im „april-festival“ angelegt, sie wird aber andrerseits mit dem kunstprojekt „close to nature“ verdichtet. so erwarten wir eine sachlich relevante und in der umsetzung gut realisierbare verzahnung der teilthemen, die wir in zusammenschau betrachten und bearbeiten möchten.
Das April-Festival 2012 „Leben: Die Praxis der Zuversicht“ [link]
unser engagement für die gegenwartskunst hat vor- und rahmenbedingungen. wir haben gewissermaßen boden zu bereiten, um neue verfahrensweisen abseits des landeszentrums zu entwickeln und zu erproben. es geht um akzente von der basis her und um impulse von außen, um den blick über den tellerrand, aber auch um konkrete schritte über solche ränder hinaus.
das heißt für’s „basis-team“ konkret, die prägenden sozialen und kulturellen kräftespiele der region zu beachten, in die arbeit einzubeziehen. die grundlage dafür ist auf kontinuität ausgelegtes themenzentriertes arbeiten. das hat einen speziellen fokus im alljährlichen „april-festival“, dessen 2012-version wir nun schon vorbereiten:
wir haben einige themenbereiche und arbeitsansätze festgelegt, um die gegenwart der agrarischen welt in der „energie-region“ auszuleuchten. meine primären gesprächspartner für die entwicklung einer diesbezüglichen schwerpunkt-linie von „kunst ost“ sind der tierarzt karl bauer und der künstler christian strassegger. (zum aktuellen hintergrund siehe den beitrag „brisanz und idylle“!)
christian strassegger, präziser fotograf und schöpfer humorvoll gehaltener objekte
über die befassung mit der „nikola tesla-doktrin“ entwickeln wir außerem einen technologie-schwerpunkt, den ich augenblicklich mit kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov detaillierter ausarbeite.
sie kommt ursprünglich aus der motorenentwicklung (avl list), ist also mit beiden metiers, der technik und dem kulturbetrieb, vertraut. bei diesem teilthema sind wir via teleworking mit dem, belgrader forscher branimir jovanovic im einvernehmen und im austausch. (er war eben unser gast beim „april-festival“ 2011.)
eine der arbeiten, mit der malerin michaela knittelfelder-lang auf einen besuch im elin-werk für elektromotoren reagiert hat
so bemühen wir uns um die erzeugung eines „möglichkeitsraumes“, aus dem kunstschaffende anregungen für weitere vorhaben finden. es sind nicht nur die inhalte, es sind auch ambiente und inventare im bereich der genannten themen, aus denen sich ästhetische impulse beziehen lassen, wie etwa die aktuelle arbeit von malerin michaela knittelfelder-lang belegt.
mirjana peitler-selakov befaßt sich zur zeit auch mit dem thema „frauen und technik“, womit der bereich „frauenemonat“ weiter geführt wird. sie bereitet überdies für den herbst unseren tradtionellen kunst-schwerpunkt mit internationalem bezug vor.
mit dem oben erwähnten christian strassegger arbeiten wir ferner an der „künstlerischen klammer“, die zwischen den genannten themenbereichen vermitteln und sie zusätzlich auf das reale gebiet der „energie-region“ übertragen soll. das realisieren wir unter dem titel „close to nature“, inhaltlich 2010 von mirjana peitler-selakov erarbeitet.
mirjana peitler-selakov (rechts) mit zwei "schlüsselpersonen" des heurigen "april-festivals", den malerinnen irmgard hierzer (links) und michaela knittelfelder-lang
zu all diesen vorhaben, die auf künstlerische und themenbezogene schwerpunkte ausgerichtet sind, kommt begleitend die serie „talking communities„, in der es vor allem darum geht, know how zu mehren.
dabei verfolgen wir zwei linien. mit dem einen teil „konferenz in permanenz“ bieten wir vor allem anregungen zu kulturpolitischen fragen an, mit dem anderen teil „was sagen kunstwerke?“ erschließen wir möglichkeiten der debatte über kunst und kunstwerke. den auftakt dazu hatten wir mit medienkünstler niki passath: [link]
das ist die aktuelle aufgabenstellung von „kunst ost“, an der wir mit engagierten menschen arbeiten möchten. das bedeutet vor allem, wir sehen es NICHT als unsere aufgabe, FÜR andere eine bühne zu bauen und so „kulturprogramm“ zu fahren. wir sehen es als unsere aufgabe, MIT anderen an der kulturellen situation dieser region zu arbeiten.
wir haben, wie schon im beitrag “verknüpfungen” skizziert, mit dem ende unseres heurigen “april-festivals” die weichen für die weitere arbeit von “kunst ost” gestellt, da die inhaltlichen grundlagen nun im wesentlichen erarbeitet sind.
bei der programmarbeit (von links): christian strassegger, mirjana peitler-selakov und nina strassegger
dabei haben wir einen ausgangspunkt in der kooperation mit dem forscher branimir jovanovic zur “tesla-doktrin”, aus der wir wertvolle denkanstöße zum heutigen status quo unserer gesellschaft gewinnen. damit verstärken wir das fundament unseres mehrjährigen vorhabens, in der region den themenbogen “zwischen landwirtschaft und high tech” zu bearbeiten und unsere ergebnisse in eine kulturelle wie künstlerische praxis zu überführen.
branimir jovanovic forscht seit jahrzehnten über nikola tesla
der ingenieur und erfinder nikola tesla hinterließ rund 150.000 dokumente, in denen sein denken und seine damaligen ausblicke nachvollziehbar werden. branimir jovanovic hat mehrere jahrzehnte – gestützt auf diese dokumente – über tesla geforscht. jovanovic, selbst ein techniker und erfahren mit wissenschaftsgeschichte, blickt mit eben diesen kompetenzen auf tesla.
jovanovic zitiert aus einem interview mit tesla, das etwa 1920 stattgefunden hat: “Wir befinden uns in einem Zeitalter der beispiellosen technischen Errungenschaften, die mehr und mehr zu einer absoluten Herrschaft über die Kräfte der Natur und der Vernichtung von Raum und Zeit führen. Aber diese Entwicklung, welche zu unserem Komfort, zu Bequemlichkeit und Sicherheit der Existenz beiträgt, weist nicht in Richtung einer wahren Kultur und Aufklärung. Im Gegenteil, sie ist zerstörerisch für Ideale.”
teslas umfassende kritik an den vor allem sozialen und politischen konsequenzen aus den anwendundunen der neuen technologien kann aus heutiger sicht sehr gut auf ihren gehalt überprüft werden. und dabei lassen sich erstaunliche anregungen finden.
die strecke: wir bespielen seit jahren strecken zwischen den orten der region mit akzenten und künstlerischen momenten
so haben wir nun den themen- und arbeitsbogen für die nahe zukunft weitgehend vollständig. die zwei wesentlichen pole sind, wie erwähnt, die agrarische welt und der high tech-bereich. den agrar-schwerpunkt bearbeite ich zur zeit mit tierarzt karl bauer und fotograf christian strassegger. im technikbereich ist kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov federführend, die als dipl. ing. der elektrotechnik das metier gründlich kennengelernt hat.
die künstlerische klammer für beide bereiche schaffen wir mit der projektreihe „close to nature“. das korrespondiert mit weiteren vorhaben des „kuratoriums für triviale mythen“, von dem ebenfalls beiträge kommen, die einen starken kunstbezug haben, aber auch populäre kulturformen nutzen.
es wird weitere „tesla-tage“ geben, mit denen wir uns der arbeit an der „tesla-doktrin“ widmen, wie sie jovanovic entworfen hat. außerdem wird peitler-selakov einen themenschwerpunkt „frauen und technik“ umsetzen.
wir führen in der oststeiermark erst recht kurze zeit ein überwiegend urban geprägtes leben mit dem standard eines wohlhabenden landes. städtische lebensweise hat ihre spuren auch in ruhige winkel des landes getragen.
aktuelle wirtschaftliche und strukturelle umbrüche legen nahe, unsere vorstellungen zu überprüfen: was IST diese region? und wie ist es in so kurzer zeit dazu gekommen? hierbei nützt ein wenigstens flüchtiger blich in die geschichte.
was geschah, als die bauern plötzlich eigentümer des landes wurden, das sie bebauten? die gesetztliche grundlage dazu ist nicht gar so alt. es geschah 1848. (damals entstanden auch die jetzigen bezirkshauptmannschaften.)
sozialhistoriker robert hausmann ist ein profunder kenner jener entwicklungen, die unserer gegenwärtigen lebensart unmittelbar vorausgegangen sind
wie wirkte es sich auf die oststeiemark aus, als die eisenbahn fertig war und plötzlich billiges getreide aus ungarn verfügbar wurde? was ereignete sich, als im ersten und auch im zweiten weltkrieg die traditionellen selbstversorger-landwirtschaften den zwang erlebten, nun für den markt, also für andere produzieren zu müssen?
wer weiß noch, daß elektrizität und fließwasser in den meisten häusern erst NACH dem zweiten weltrieg eingeleitet wurden? wem ist bewußt, welche veränderungen in genau jener zeit plötzlich traktoren, düngemittel und neue futter-arten brachten?
das sind eine menge offene fragen hinter jenem annehmlichen lebensstil, den wir augenblicklich genießen und der hier, jenseits von graz, in vielen bereichen längst wieder bedroht ist. 1848, 1918, 1946, einige historische markierungen in den rund 160 jahren, die das leben unserer leute radikal verändert haben.
foto-künstler christian strassegger erforscht in einem mehrjährigen prozeß den statu quo der region auf visueller ebene
sie ahnen vielleicht, diese kleine skizze beruht auf einem gespräch, das ich gerade mit dem sozialhistoriker robert f. hausmann geführt habe. er war schon einmal so freundlich, für eines unserer projekte einen vortrag zu erarbeiten, der von den historischen hintergründen eben dieser zeitspanne handelte.
diesmal wird er für unseren kommenden „tag der agrarischen welt“ das thema „landwirtschaft. vom gestern zum heute“ faßbar machen. wir sind nämlich in unserer mentalität nicht so „modern“ wie in unserem lebensstil. es dürfte also nützlich sein, jene lebens- und arbeitsbedingungen zu betrachten, von denen unsere leute über hundert generationen geprägt wurden.
kulturschaffende sollten wissen, woran sie sind und von welchen rahmenbedingungen ihr tun umgeben ist. dazu gehört auch eine wenigstens kursorische kenntnis der wirtschaftlichen situation einer kommune und der politisch aktuell gesetzten themenschwerpunkte.
weder geld noch guter wille reichen, um in einem gemeinwesen allen grade vorhandenen bedürfnissen entgegenzukommen. die jeweiligen prioritäten innerhalb eines jahres werden folglich von der politik vor ort bestimmt. die politische willensbildung ist naturgemäß nicht in allen aspekten nachvollziehbar. sie ereignet sich ja primär innerhalb der fraktionen.
ein teil der gemeinderats-sitzungen ist öffentlich zugänglich. waren sie schon einmal dort?
es wäre natürlich denkbar, daß auch außerhalb solcher gremien, in bereichen der zivilgesellschaft, politischen willensbildung stattfindet und auf die etablierte politik einwirkt. im kulturbereich hab ich das hier aber noch nicht erlebt. (wenn man von „kunst ost“ absieht, das im kern ein beispiel genau dafür ist.) da dominieren die individuellen partikularinteressen, die von vereinzelten leuten vorgebracht werden; naturgemäß mit wenig politischer wirkungskraft.
in der umsetzung wird politisches wollen meist an transparenz und überblickbarkeit gewinnen, weil ja fachausschüsse beauftragt sind, die themen für den gemeinderat aufzubereiten. dabei kommen im besten fall nicht nur alle fraktionen mit ins spiel, sondern die lokalpolitik wird auf angemessene kommunikation nach außen achten.
damit wir an der basis einer kulturinitiative nicht im trüben fischen müssen, damit der „blindflug“ sich solchen zeiten umfassender konfusion einschränken läßt, habe ich gerne laufend das ohr am puls dieser stadt. ich hatte bisher noch nicht das gefühl, der bürgermeister würde uns wesentliche informationen vorenthalen. es ist feilich ein komplexes kommunikationsverhältnis, momentan auf jeden fall sehr viel komplizierter als in vergangenen jahren. (ich erzähle später, was damit genau gemeint ist.)
bürgermeister christoph stark montierte im sitzungssaal eine unserer "kunst ost"-kultur-steckdosen
eben fand in gleisdorf die erste gemeinderatssitzung des jahres 2011 statt: [link] ein teil dieser zusammenkünfte ist öffentlich zugänglich, kann also von jeder interessierten person besucht werden. eine gelegenheit, die ab und zu genutzt werden sollte. man sieht, mit wem man es politisch zu tun hat, bekommt einen eindruck von arbeitsklima und stimmung im gemeinderat.
die auftakt-sitzung von 2011 war ein gesellig wirkendes arbeitstreffen, in dem gute laune vorherrschte. ich tippe auf zwei wesentliche gründe. einerseits müssen die fachausschüsse gründlich vorgearbeitet haben. falls es da und dort anlaß zu differenzen gab, sind sie offenbar im vorfeld schon bearbeitet worden. andrerseits konnte ein ausgeglichener abschluß des 2010er-haushaltes vorgelegt werden: [link]
das bedeutet, zum jahresende deckte sich die reale situation weitgehend mit dem voranschlag. was in manchen ecken an mehraufweand angefallen war, konnte durch verschiedene einsparungen und vergünstigungen kompensiert werden, ganz wesentlich aber durch ein erhöhtes abgaben-aufkommen seitens der gleisdorfer wirtschaft.
das alles bedeutet nicht, jemand hätte nun der kultur einen roten teppich ausgerollt. aber es ist schon ein bescheidener vorteil, trotz bereits vollzogener kürzungsschritte, die wir erfahren haben, mit kulturellen vorhaben nicht gleich in eine mauer der abwehr zu rennen. schauen wir also, was sich aus der situation machen läßt …
p.s.:
ein exemplar unserer von christian strassegger entworfenen „kultur-steckdosen“ ist nun auch im großen sitzungssaal des gleisdorfer „service-centers“ zu finden.