Archiv für den Monat: Mai 2011

was ist kunst? #14

kunst mag auch im stillen gedeihen, ja sogar völlig vom publikum und von der welt abgewandt ihre blüten hervorbringen. aber der kunstbetrieb und der kunstdiskurs verlangen unerbittlich nach öffentlichkeit. kunst, kunstwerke und kunstbetrieb sollten also miteinander nicht verwechselt werden.

als junger kerl war ich von zwei historischen ereignissen im frankreich des 19. jahrhunderts sehr beeindruckt. von balzacs roman „verlorene illusionen“ (in den jahren rund um 1840 verfaßt) und von zolas brief „j’accuse…!“, den er 1898 an den französischen präsidenten faure gerichtet hatte, um politische mißstände, antisemitismus und die verleumdung des hauptmannes alfred dreyfus anzuklagen.

emile zola: "ich klage an!"; ein intellektueller fordert öffentlich die autoritäten des staates

beides handelt unter anderem von fragen nach definitionsmacht und eigenarten des medienbetriebs, auch von der frage nach intellektueller redlichkeit. apropos! zola hat figur und rolle des „intellektuellen“ zwar nicht erfunden, aber gerade mit seinem auftreten in der „dreyfus-affäre“ wesentlich geprägt. demnach darf man sich darunter jemanden vorstellen, der oder die ohne mandat einer etablierten institution in die öffentlichen diskurse eingreift. intellektuelle sind menschen, die sich aus eigenem antrieb öffentlich äußern und gehört werden. das geschieht meist aus anlässen, die kritik hervorriefen.

diese angelegenheit handelt also von jenen „deutungseliten“, welche ich im beitrag #13 erwähnt habe. es geht dabei um a) medienzugänge und b) definitionsmacht; natürlich unter der voraussetzung, daß jemand inhaltlich und rhetorisch gerüstet ist, in öffentliche diskurse einzugreifen. es zählen dabei aber nuancen. so werden beispielsweise die autorinnen und autoren von leserpost in tageszeitungen üblicherweise NICHT diesem feld zugerechtet. (in zeitungen würde man intellektuellen die möglichkeit zu einem kommentar anbieten.)

mich beschäftigt das gerade in folgendem kontext: eine republik, genauer, deren personal, muß sich öffentlicher kritik und öffentlichem diskurs stellen. das steht prinzipiell jeder bürgerin und jedem bürger offen. intellektuelle haben in der regel schon allein aus unserer unmittelbaren kulturellen tradition heraus mehr erfahrung mit dem formulieren und publizieren von kritik. sie haben normalerweise die entsprechenden medienzugänge.

der öffentliche raum ist bei uns – im gegensatz zu medien – eher nicht mit solchen traditionen belegt. „speakers corners“ wie in großbritannien kennen wir nicht. die straße ist bei uns meist der ort von protestbewegungen und demonstrationen, die freilich auch ihre rädelsführerinnen und -führer haben.

aber da es in dieser text-serie eigentlich um KUNST geht, auch um die frage, wo denn von wem verhandelt werde, was kunst sei, beziehungsweise was wir zur zeit etwa unter gegenwartskunst verstehen, möchte ich mich nun auf diesen aspekt konzentrieren.

österreichische folklore teilt kunstschaffende gerne in zwei lager: „es bellen die rebellen!“ oder „alles karajan!“

in manchen winkeln unserer gemeinschaften wird gerne angenommen, kunstschaffende seien vor allem kritisch, nonkonformistisch, ja sogar rebellenhaft. das sind nichtssagende klischees, populäre stereotypen, die sich kaum verifizieren lassen. der „poet und rebell“, dieses motiv ist mindestens in der zweiten republik österreichs praktisch nicht nachweisbar. außerdem wäre rebellisches verhalten a priori keine kategorie der kunst.

was also kunst sei und was die bevorzugten verhaltensweisen von menschen sind, wird zwar individuell so manchen kausalen zusammenhang haben, aber ich bin eher davon überzeugt, daß wir diese bereiche des sozialverhaltens nicht debattieren müssen, wenn wir klären möchten, was sich an kunst zeigt und wie uns kunst begegnet.

aktuelle vorgänge in der steiermark lassen mich annehmen, daß aktionistische projekte, die als protestmaßnahmen gegen vorherrschende politische zustände gedacht sind, als KUNST ausgegeben und gedeutet werden, um das rebellische verhalten … ja was nun? zu konstituieren? zu adeln? zu legitimieren? zu untersteichen?

ich kann nicht erkennen, daß solche aktionen gleich zu einem aktionismus würden, der in einem kunstdiskurs überhaupt erwähnung fände. ich weiß auch nicht, welche flausen aus dem spiel mit künstlerischen methoden KUNST generieren sollen, die neuerdings, so war kürzlich zu lesen, sogar angeblich etwas wie „protest-kunst“ sei. ich hab keine ahnung, was da geschieht, um diese vorstellung auch nur ansatzweise wahr werden zu lassen.

es übersteigt außerdem meine vorstellungskraft, mir die quelle solcher tendenzen auszumalen. warum kann staatsbürgerliche empörung nicht einfach sein, was sie ist, nämlich staatsbürgerliche empörung? warum will sich legitimes protestverhalten als künstlerischer akt ausgeben?

erfahrungsaustausch in st. lamprecht (auf der landesebene wird eine konzentration auf gegenwartskunst und ein zur politik kritisches vergalten kunstschaffender durchus erwünscht, auf kommunaler ebene nicht so sehr ...)

als wir kürzlich im obersteirischen stift st. lamprecht ein arbeitstreffen kulturschaffender aus der ganzen steiermark absolviert haben, führten diverse debatten u.a. zu einem moment, wo ein kollege fragend feststellte, ich sei wohl eher für eine „politische kunst“.

das bin ich nicht. es kann das nach meiner auffassung gar nicht geben. ich bin für eine „kunst-kunst“. aber ich bin sehr für politische kunstschaffende; und zwar genau in dem sinn, wie ich für politisch anwesende bürgerinnen und bürger bin.

das meint kunstschaffende, die in ihrer staatsbürgerlichen anwesenheit immer wieder verstehen, was in der zivilgesellschaft und in den politischen foren vorgeht, die in der lage sind, zu diesen vorgängen eine klare meinung zu haben, bei bedarf diese meinung auch zu äußern.

freilich profitiere ich in diesem wunsch und anspruch aus den erfahrungen, die ich in jahrzehnten künstlerischer praxis aus dieser befassung mit kunst bezogen habe. aber deshalb ist eben nicht meine künstlerische praxis politisch, sondern ich bin es, der künstler und staatsbürger.

[überblick]

keine sommerpause

wir gehen mit den „talking communities“ nun weiter. in wenigen tagen treffen wir heimo steps, den vorsitzenden des kulturförderungs-beirates, zu einer zweiten session: [link] in einem text von steps finden sich allerhand details, die deutlich machen, wie dieses gesetz gemeint und daher der beirat orientiert ist. da heißt es unter anderem:

>>Kulturförderung ist kein Gnadenerweis, sondern eine Vereinbarung, die einerseits von den Kulturschaffenden ein korrektes Management ihrer kulturellen Aktivitäten verlangt, andererseits vom Land transparente Entscheidungsgrundlagen und Verlässlichkeit. Um es der freien Szene und den regionalen Kulturinitiativen zu ermöglichen, weitsichtig und effizient zu planen, vernünftige Planungshorizonte zu realisieren, sollen dreijährige Förderungsvereinbarungen abgeschlossen werden.<< [quelle]

bleibt natürlich stets neu zu vehandeln und zu klären, was das für die praxis vor allem regionaler kulturschaffender bedeutet.

unsere kuratorin mirjana peitler-selakov bereitet inzwischen weitere treffen für den anderen bereich der „talking communities“, die reihe „was sagen kunstwerke?“, vor. dazu ist sie momentan mit zwei bildenden künstlerinennen im gespräch, der gleisdorferin herta tinchon und der grazerin eva ursprung.

entwürfe unter verwendung von bildern des werkes von ulla rauter

das verweist zugleich auf den „frauenmonat“ 2011 im kommenden juli, für den nina strassegger-tipl gerade an den print-entwürfen arbeitet. peitler-selakov hat dazu die wortmarke „FMTechnik!“ eingeführt: [link] damit greift sie den themenzusammnenhang frauen, macht und technik auf. sie stellt folgende frage:


>>Seit Jahren wird versucht, mit Hilfe diverser Förderungsprogramme, Frauen für technische Berufe zu interessieren. Leider beweisen die Untersuchungen, dass diese frauenfördernden Aktionen bisher wenig Effekt gebracht haben. An der TU Graz beträgt der Frauenanteil beispielsweise im Durchschnitt knapp 20%, im Wintersemester 2010/2011 waren es 21,4%. In den klassischen Ingenieursfächern sind noch immer fast keine Studentinnen zu finden. Warum ist das auch heute, im 21. Jahrhundert, so?<<

die „talking comnmunities“ handeln also von zwei ebenen und diskussions-bereichen. „was sagen kunstwerke?“ erklärt sich von selbst. wir wollen zeigen, daß man über kunst sprechen kann und daß sich durchaus klären läßt, was kunst ist und was kunstwerke sind.

der andere teil, die „konferenz in permanenz“, ist kultur- und regionalpolitischen fragen gewidmet. was soll kulturpolitik leisten und warum? was verlangt eigenständige regionalentwicklung und was steht dem eventuell entgegen?

polemisch verkürzt läßt sich sagen: wo alte funktionärsherrlichkeit an neuen aufgaben scheitert, steigt die tendenz zu tricksereien. die kippen dann manchmal auch in kriminelle dimensionen.

links moderator winfried kuckenberger, rechts herberstein-insider heinz boxan

wir haben genau das kürzlich an einem sehr spektakulären beispiel dargelegt bekommen. heinz boxan, vormals verwalter auf gut herberstein, war zu gast unserer „talking communities“. anlaß für hitzige debatten. feedback in der „kleinen zeitung“: [link]

[talking communities]
[FMTechnik!]

was ist kunst? #13

ich denke, hier ist inzwischen schon deutlich geworden, daß die fragen nach der kunst keinen sinn ergeben, wenn jemand das thema mit einigen wenigen sätzen erledigt haben möchte. wer zu kurzen antworten auf komplexe fragen neigt, wird sich andere themen suchen müssen.

vielleicht waren wir alle über zu viele generationen hauptsächlich untertanen, um uns einem der zentralen themen des kunstgeschehens vergnügt zuzuwenden: definitionshoheit. wer darf sagen was es ist? wie lange darf die debatte dauern? wer redet dabei mit? was ist mit jenen, die nicht gehört werden?

eine kleine galerie in tirana (albanien) als bescheidenes beispiel für den teil eines organisierten und strukturierten „kulturellen gedächtnisses“

eine der kuriosesten fragen ergibt sich für mich von der regionalen gesellschaftlichen praxis her: warum drängen sich so auffallend viele leute um die flagge der kunst, wo das leben der kunstschaffenden in diesem land so unübersehbar von sozialer marginalisierung geprägt ist? hier mangelndes sozialprestige der kunstschaffenden, da zugang zu defintionsmacht, was für eine merkwürdige mischung!

ich habe im vorigen beitrag [link] boris groys und deine theorie einer kulturökonomie erwähnt. groys beschreibt ein geschehen, das sein wechselspiel zwischen „profanem raum“ und „kulturellen archiven“ entfaltet. gemäß dieser theorie lassen sich kunstGEGENSTÄNDE (nicht die kunst!) als etwas verstehen, was im profanen raum entsteht, durch aufkommendes interesse und bedeutungszuweisung „valorisiert“ wird, also eine WERTsteigerung erfährt, wodurch es geeignet ist, vom profanen raum in die archive der kultur zu wechseln, weil es als erhaltenswert betrachtet wird.

seit vielen jahrzehnten werden in der gegenwartskunst nicht nur artefakte, gegenstände, als kunstwerke verstanden, sondern auch prozesse sowie verschiedene mischformen. deren „ortswechsel“ aus trivialen positionen richtung kultureller archive ereignet sich also auch nicht von selbst oder selbstverständlich, so ungefähr nach der etwas naiven vorstellung: „das gute setzt sich von selbst durch“. das sind stets prozesse, in denen verhandelt wird. darum gibt es diesen westlichen kunstbetrieb auch nicht ohne theoretische diskurse, ohne kunsttheorie.

die "kulurellen archive" verlangen einen erheblichen einsatz an mitteln. im krieg ist ihre zerstörung durch gegnerische armeen obligat. hier der wiederaufbau eines kulturhauses im albanischen teil von mitrovica (kosovo), mit blick auf den serbischen teil

da stoßen wir also hart auf das oben erwähnte thema definitionshoheit. die theoretischen diskurse über kunst, kunstwerke und über deren wert werden nicht nur, aber hauptsächlich vom personal verschiedener „deutungseliten“ vorgenommen. kunstgeschichte, feuilleton und andere sparten der kunstkritik, politik… und vor allem die kunstschaffenden selbst als jene, die sagen was es ist; oder demonstrativ darüber schweigen.

die antworten auf diese frage „was ist kunst?“ hängen demnach von sehr vielen faktoren ab, vom lauf der zeit und vom stand der dinge, von den jeweiligen positionen der sprechenden, vom verhältnis zwischen marktwert und kulturwert einzelner kunstwerke etc.

die groys’sche theorie handelt unter anderem von der simplen tatsache, daß kunstwerke ihren anerkannten kulturwert auch wieder verlieren können, um in der folge aus den archiven der kultur richtung profanem raum abgeschoben zu werden. das wird nicht gerade der nike von samothrake widerfahren, auchdem feldhasen von dürer droht das kaum. (der verschwindet dafür von selbst, weil unter luft und tageslicht jene partikel aus dem papier verschwinden, welche dürer mit geübter hand aufgebracht hat, um, diesen feldhasen erstehen zu lassen.)

wir kennen aus dem alltag auch die „zwischensituation“. denken sie an die „sixtinische madonna“ von raffael. dieses bedeutende renaissance-gemälde zeigt am unteren bildrand zwei putti, deren popularität jener von pop-stars gleichkommt. deshalb wurde das duo millionenfach auf kitsch-produkte, nippes, heimtextilien, auf jeden nur denkbaren kram übertragen. selbst als wandschmuck kommen diese engelchen daher, als gerahmte flachware. das heißt, nicht etwa als reproduktion des vollständigen bilds raffaels, sondern bloß als kleiner ausschnitt, den geschäftsleute quasi aus dem gemälde rausgeschnitten haben.

das abwerten von "valorisierten kulturgütern": ich schneide mir ein stück aus einem meisterwerk heraus und schmeiß den rest weg

wenn sie kurz im beitrag #12 nachschauen, könnte ihnen auffallen, daß auf einem foto sergei romashko von den „kollektiven aktionen“ mit dem daumen der linken hand auf ein bild hinter seinem rücken zeigt. da hängt kurioserweise eine reproduktion der „madonna sistina“ OHNE die zwei populären putti.

die eine wie die andere version degradiert das werk raffaels zum dekorationsgegenstand. ein unbedeutenderes werk als dieses wäre dadurch wohl zur gänze „re-profanisiert“ und aus den archiven der kultur ausgeschieden worden. nun ahnen sie gewiß, welche knifflige balance kunstschaffende gelegentlich anstreben. sie müssen erreichen, daß ein werk „valorisiert“, also im wert über profane alltagsgegenstände erhoben wird.

es muß allerhand zustimmung erreicht werden, damit so ein werk schließlich in den archiven der kultur aufnahme findet. dabei sollte es aber nicht gar so leicht die zustimmung eines massenpublikums erleben, weil das zwar den marktwert einer arbeit steigern kann, aber ihren kulturwert gefährdet, durch… genau! profanisierung.

solche profanisierung fördert das risiko, letztlich aus den archiven der kultur abgeschrieben, abgeschoben, ausgeladen zu werden. und wer bestimmt nun über all das? viele! es sind laufende diskurse, es sind debatten an allen ecken und enden des kulturbetriebs, die das bewirken.

groys nennt das „hierarchiestiftende wertunterscheidung“. selbstverständlich steht jede hierarchie zur debatte und ist der kritik auszusetzen. aber am organisierten und strukturierten „kulturellen gedächtnis“ (stichwort „kanon“!) läßt sich nicht ohne weiteres rütteln.

das materialisierte kulturelle gedächtnis, wie wir es etwa in bibliotheken, museen und galerien sehen, ist allerdings leichter zu gefährden. geht einer nation das geld aus, werden grade solche einrichtungen vorzugsweise heruntergefahren, geschlossen. marschieren feindliche armeen ein, werden sie meist geplündert und angezündet.

[überblick]

ein kurzer überblick

Die soziokulturelle Drehscheibe „kunst ost“ verknüpft verschiedene soziale und kulturelle Agenda mit Optionen der Gegenwartskunst, wobei wir aus unserer langjährigen Erfahrung schöpfen, solche Vorhaben jenseits des Landeszentrums, in der sogenannten „Provinz“ zu realisieren. Dabei beziehen wir Kompetenzen aus der Praxis im Bereich eigenständiger Regionalentwicklung und haben auch auf dem Kunstfeld Zugänge entwickelt, die uns erlauben, für unseren Arbeitsbereich geltend zu machen: „Provinz war gestern!“

vorarbeiten für den schwerpunkt "frauen und technik": kulturmanagerin nina strassegger-tipl (links) und kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov in albersdorf

Wir bemühen uns, das gesamte Geflecht an soziokulturellen und sozialgeschichtlichen zusammenhängen angemessen zu bearbeiten. Das bezieht sich in den großen Schwerpunkten auf unsere
+) Tage der agrarischen Welt
und den momentanen Fokus auf
+) Frauen und Technik
sowie verschiedene thematische Querverbindungen, die das
+) Kuratorium für triviale Mythen
bearbeitet, welches sich in den Kunstbereich verzweigt, aber stellenweise auch stark sachbezogen arbeitet. In diesen Zusammenhängen greifen wir momentan auch verstärkt das Thema
+) Mobilitätsgeschichte
auf.

christian strassegger (mitte) setze den heurigen auftakt zu "close to nature", was bernhard kober ("kuratorium für triviale mythen") mit einer aktion abrundete

Wir entwickeln unsere Projekte vor dem Hintergrund eines Themen-Horizonts, an dem zwei große Teil-Themen ineinander gehen, welche diesen Lebensraum, die „Energie-Region“, ausmachen:
+) die agrarische Welt
+) und die High Tech-Zonen.

Im Zentrum unserer Aufgaben steht die Befassung mit Gegenwartskunst und ihren Bedingungen. Die Bedingungen der Kunst sind über quasi benachbarte Genres berührbar:
+) die Alltagskultur
+) das Kunsthandwerk und
+) die Voluntary Arts,
… also jener sehr populäre Bereich, in dem sich interessierte Menschen außerberuflich mit künstlerischen Verfahrensweisen befassen.

Einige dieser Bereiche verknüpfen wir quer durch das Jahr mit künstlerischen Aktivitäten im Rahmen der Reihe „close to nature“. So fügt sich „kunst ost“ als Ganzes zu einem Gesamtvorhaben, in dem diese verschiedenen Themen- und Aufgabenstellungen in Theorie und Praxis verbunden werden.

[kuratorium für triviale mythen]
[Frauenmonat: FMTechnik!]
[april-festival 2012]
[close to nature]
[was ist kunst?]

was ist kunst? #12

gelegentlich steht mir jemand mit folgender haltung gegenüber: „ja, können sie mir jetzt sagen, was kunst ist oder nicht?“ es scheint manchmal menschen ein beruhigendes gefühl zu verschaffen, wenn sie keine kurze wie bündige antwort erhalten. („aha, er weiß es nicht!“)

bei unseren talking communties erlebte ich sogar die kuriosität, daß eine ausgewiesene kunsthistorikerin behauptete, man könne eigentlich nicht so genau sagen, was kunst sei. kurz und bündig läßt es sich freilich nicht klären. auf die art könnten sie nicht einmal klären, was zum beispiel eine zange sei. oder erklären sie mir einmal, was „sozialpartnerschaft“ ist; immerhin sind wir in der „zweiten republik“ entlang dieses politischen konzeptes aufgewachsen.

selbstverständlich können wir in der frage nach kunst sehr viel klären. das verlangt aber interesse und zeit. wer die welt in drei sätzen erläutert haben möchte, findet auf dem boulverad reichlich zuspruch. hier geht es aber etwas zeitraubender zu.

ich hab nun einige monate keine konzentration für dieses thema gefunden, der eintrag #11 stammt aus dem vergangenen februar. in jenem eintrag sieht man bilder von der eröffnung einer ausstellung des serbischen künstlers nikola dzafo.

dzafo arrangiert dzafo in der "schock-galerie", links flaniert schon mrdjan bajic (foto: art klinika)

in meinem privaten logbuch tauchte dzafo kürzlich auf: [link] er ist gerade dabei, mein set „nobody wants to be nobody“ in der „schock-galerie“ (novi sad) neu zu ordnen: [link] das hat übrigens seinen bezug auf eine unserer früheren stationen in gleisdorf, als wir nämlich 2007 das erste mal mit dem festival „steirischer herbst“ kooperiert haben: [link]

merken sie etwas? dieser text bündelt eine reihe von vorkommnissen, die in der zeit angeordnet sind und zu einander in beziehung stehen. es geht — aus gutem grund — damit noch ein stück weiter, das DOKUMENTIEREN spielt dabei eine wichtige rolle.

der erwähnte eintrag in meinem logbuch handelt unter anderem vom theoretiker boris groys. der ist heuer kurator des russichen beitrags zur biennale in venedig und entschied sich für die „kollektiven aktionen“: „Empty Zones: Andrei Monastyrski and the ‘Collective Actions’ Group (Nikita Alexeev, Elena Elagina, Georgy Kizevalter, Igor Makarevich, Andrei Monastyrski, Nikolai Panitkov, Sergei Romashko, Sabine Hänsgen)“ [link]

romashko und hänsgen waren (gemeinsam mit sergei letov) letzten herbst auf unserer strecke. mit „the track: virtuosen der täuschung“ [link] hatten wir eine der bedeutendsten konzeptkunst-formationen des 20. jahrhunderts in der oststeiermark.

von links: mirjana peitler-selakov, sergei romashko und sabine hänsgen im "gemälde-zimmer" des gleisdorfer "red baron"

für uns war es ein vergnügliches wie anregendes erlebnis, mit so erfahrenen leuten einige zeit zu verbingen. in der gegenwartskunst rußlands spielen ARCHIVE eine bedeutende rolle. außerdem waren die tage mit dieser crew höchst lehrreich; nie zuvor habe ich kunstschaffende erlebt, die es in ihrer arbeit mit jedem detail, bis hin zum einzelnen wort, so genau nehmen.

im gesamten werk der „kollektiven aktionen“ sind die aspekte des archivs und der dokumentation sehr wesentliche bestandteile dessen, wie sich diese konzeptkunst-formation über viele jahrzehnte manifestiert hat.

ich habe nun schon boris groys erwähnt, dessen theorie einer „kulturökonomie“ von den komplementär angeordneten zuständen des „profanen raumes“ und der „kulturellen archive“ handelt.

groys geht davon aus, daß kulturen grundsätzlich hierarchisch aufgebaut sind, genauer: „werthierarchisch“. wir bestimmen permanent, was es wert sei erhalten zu werden und was uns insoferne als banal umgibt, daß wir es zwar haben, benutzen etc., dem aber keine besondere bedeutung beimessen, die uns diese dinge als erhaltenswert erscheinen ließe.

kunst ereignet sich unter anderem genau dort, wo wir dingen eine bedeutung zuschreiben, die sie aus dem „profanen raum“ in die „archive der kultur“ verschiebt. groys‘ theorie finde ich deshalb so anziehend, weil sie überdies das dynamische solcher prozesse betont.

schafft es ein werk zu einem publikum und in die archive? bleibt es es fremden blicken verborgen? ist kunst an veröffentlichung gebunden? (franz sattler und emil gruber bei unserer station in albersdorf.)

was einmal mit der ausstattung zum erinnern geweiht wurde, also in bibliotheken, museen oder anderen archiv-varianten verwahrt wird, kann nämlich auch wieder profanisiert werden, also aus den archiven der kultur in den profanen raum zurückfallen.

umgekehrt kann zum beispiel triviale massenware im lauf der zeit qualitäten zugeschrieben bekommen, die sie in die archive wuchtet, also mit ganz neuer bedeutung auflädt.

ich habe eingangs vor allem einmal begonnen, ein wenig geschichtchen zu erzählen. die „kollektiven aktionen“ aus moskau, nikola dzafo aus petrovaradin, der „steirische herbst“ in der oststeiermark, die prozesse und momente, wie sie hier auch in unseren online-dokumentationen auftauchen. ideen, themen, prozesse, artefakte und dokumentationen. unsere künstlerische praxis ist auf eine sehr kompexe ereignis-kette angewiesen. ist es nur kunst, wenn all das auch „kanonisiert“ und in die geschichtsschreibung eingetragen wird?

[überblick]

tricksen, täuschen und betrügen

was geschieht, wenn einem wachsenden geflecht von funktionstragenden die kompetenzen ausgehen? dann muß mitunter die propaganda ersetzen, was tüchtigkeit schuldig bleibt. dafür steht in der oststeiermark geradezu exemplarisch der fall herberstein.

„expansion“, „vorzeigebetrieb“, „leitbetrieb“, „tourismusmagnet“, „hoffnungsträger“. die aktuelle station bei den „talking communities“ war an einem kuriosen kriminalfall festgemacht, der sich über wenigstens 30 jahre aufgebaut hat. wir konnten an diesem abend erleben, wie sehr die kausa herberstein für emotionen sorgt, während eine eher rationale debatte der begleitumstände praktisch kein interesse findet.

heinz boxan, rund 30 jahre verwalter auf gut herberstein, ist ein profunder kenner der zusammenhänge und verfahrensweisen des kriminellen netzwerks, das die steiermark unzählige millionen gekostet hat

einige neugierige, einige empörte, der erfahrene gerichts-kiebitz, der kontrahent („warum bewerfen sie die familie herberstein mit dreck?“), der wütende („ich sag das ganz offen, da können die mich klagen.“), aber keine debatte über die gebräuche in den fragen der regionalentwicklung. winfried kuckenberger moderierte die debatte mit dem inzwischen rechtskräftig verurteilten heinz boxan, vormals verwalter auf gut herberstein.

wenn ich schon vorher eher bescheidene erwartungen hatte, was aufklärerisches potenzial regionaler kulturarbeit betrifft – na, da muß ich jetzt selber lachen –, wäre nun mehr als klar, es ist in dieser speziellen erwartung (aufklärerisches potenzial) sehr viel zurückhaltung angebracht. empörung ist leicht zu haben, das wird uns auf dem boulevard vorgehüpft, das zeigen uns auch aktuelle protest-ereignisse rund um das aktuelle „sparpaket“ der steiermark. kritische debatten, die der reflexion gewidmet sind, gehören dagegen nicht zum bevorzugten „format“ im lande.

gibt es eine "klassenjustiz"? warum patzt jemand die "gräfin" an? welche halunken hätten auch auf die anklagebank gehört? es war an diesem abend teilweise ziemlich energisch vorgebrachter klartext zu hören

gut, der abend mit heinz boxan war auch jener, an dem der sk sturm graz ein entscheidendes fußballsoiel absolvierte und prompt österreichischer meister wurde, was in den tagen davor schon für allerhand aufregung gesorgt hatte: [link] aber es ist zweifelhaft, ob wir all zu viel publikum an den sport verloren haben.

und warum befassen wir uns als soziokulturelle drehscheibe mit diesem kriminalfall, an dem der boulevard sich über jahre abgearbeitet hat? unterschätzen sie nicht, in welchem ausmaß manche orts-honoratioren, sobald sie unter anforderungsdruck geraten, zu tricksereien bereit sind, falls ihnen seriöse lösungen nicht einfallen. wir gehen auf eine anstrengende zeit zu, da die umfassende landflucht zunimmt, die struktuellen probleme vor allem kleiner gemeinden sprunghaft steigen, was sich mit kräftespielen aus anderen problembereichen vermengt.

wir sind durchaus gut beraten, vorstellungen zu entwickeln, wie das geht, wenn was geht, also wenn funktionstragende beginnen, einzelnen abzockern zur hand zu gehen, um zwar die verluste von projekten der allgemeinheit aufzubürden, aber die gewinne in private taschen zu schaufeln.

genau DAS ist eines der bemerkenswerten hauptereignisse verschiedenster wirtschaftsunternehmen: gewinne privatisieren, verluste der repulik aufladen. ich hab einige der zusammenhänge solcher modi am beispiel herberstein hier notiert: [link] aber einen öffentlichen diskurs, noch dazu mit einiger kontinuität, sehe ich weder am horizont, noch erahne ich ihn hinter dem nächsten horizont.

— [talking communities] —

Jungsein für Fortgeschrittene?

Ich hab in einem früheren Eintrag [link] schon kurz skizziert, warum wir uns bei „kunst ost“ nicht gerade offesiv darum bemühen, Jugendliche an Bord zu holen; obwohl wir keineswegs ausgeblendet haben, was in deren Milieus an Themen und Fragen auftaucht. Jugendliche bekommen doch meist aus diesen oder jenen Ecken zugerufen, was sie tun und wofür sie sich interessieren sollen.

Wir werden jetzt nicht bedenkenlos in diesen Chor einstimmen. Bei einiger Aufmerksamkeit ergeben sich dann schon Berührungspunkte, aus denen auch gemeinsame Vorhaben entstehen können. Damit will ich sagen: Es reizt mich uns andere im Team durchaus, manche Projekte quer durch mehrere Generationen zu entfalten. Es gibt keinen Grund, das übers Knie zu brechen und Youngsters mit der Tür ins Haus zu fallen.

Jugendkulturforscherin Beate Großegger weist darauf hin, daß wir mit Jugendlichen mehr gemeinsam haben können, als gemeinhin erwartet wird, wenn wir nicht erwarten, daß sie so ticken wie wir

Ich hab kürzlich in Gleisdorf einen sehr anregenden Vortrag von Jugendkulturforscherin Beate Großegger gehört. Im Zentrum der Ausführunen stand der Hinweis: „Unsere Kinder sind Kinder der Spaßgesellschaft und bekennen sich dazu.“ Das bedeutet definitiv nicht, sie hätten nur ihr Vergnügen im Kopf. „Sie sind großteils solide und sehnen sich nach Orientierungspunkten.“ Jugendliche sehen an Erwachsenen, daß diese vielfach hohe Werte predigen, nach denen sie selbst nicht leben. Sie möchten aber Teil einer Gesellschaft sein, „wo der Mensch mehr wert ist als das Geld.“ Denn viele Eltern leben offenbar in einer Tretmühle und folgens elbst nicht den Idealen, die sie verbal hochhalten: Liebe, Familie, Freunde, soziale Kontakte.

Viele Jugendliche wollen offenbar nicht mit Ideologie behelligt werden, „weltanschauliche Bindungen sind unten durch“. Die Praxis zählt. (Das dürfte auch eine wichtige Botschaft an die Politik sein.) Sie schauen uns Erwachsenen sehr genau zu, wie Reden und Leben zusammengehen. Sie setzen auf „individuelle Werte, Bauchgefühl und persönlichen Nutzen“, was offenbar nicht heißt, daß sie ein Völkchen von Egoisten sind. Im Gegenteil, Beziehungen und Freundschaften werden als sehr wichtig erachtet. Großegger: Selbst wenn sie uns nachahmen, uns zum Vorbild nehmen, agieren sie nicht immer so, wie wir es erwarten.“ Das bedeutet keinesfalls, sie seien ohne Werte aufgstellt, „sie orientieren sich an ihren konkreten Erfahrungen. Da kommen wir wieder als Vorbild ins Spiel.“

Jugendliche als unser Spiegelbild? Grossegger: "Jede Gesellschaft hat die Jugendlichen, die sie verdient."

Großegger appelliert an Erwachsene, Orientierungspunkte anzubieten: „Jugendliche wollen ihre Aufgaben ja schaffen, sie wissen nur manchmal nicht, wie es gehen soll.“ (Oh! Da haben wir ja einiges gemeinsam!) Planen ist heute chwer. Wissen hat eine sehr kurze Halbwertszeit. Es grassiert „Gegenwartsschrumpfung“. Niemand kann sagen, was in fünf Jahren sein wird. Großegger pointiert: „Alles ist möglich und nix ist fix.“ Das klingt sehr viel freundlicher als es ist.

Ich gehe davon aus, daß wir im Kulturbereich AUCH dazu in der Lage sein sollten, an diesen Problemen förderlich mitzuarbeiten, denn soweit ich sehe, betrifft das wahrlich nicht nur unsere Kinder, sondern in hohem Maße auch uns selbst.

+) Weiterführende Informationen im Internet: [link]

kooperation der drei sektoren

eine unsere zentralen thesen für die kulturarbeit besagt: kooperationen zwischen den „drei sektoren“ könnten eine neue arbeitssituation ergeben. was mag damit gemeint sein? die drei sektoren sind 1.: der staat (politik & verwaltung), 2.: der markt (wirtschaftstreibende) und 3.: die zivilgesellschaft (privatpersonen, vereine etc.)

wenn wir da die KOOPERATION suchen, dann bedeutet das: aus den schnittpunkten in einigen interessen gemeinsame vorhaben entwickeln und realisieren. das bedeutet auch: a) niemand blickt auf die jeweils anderen herab. b) alle machen erfahrungen mit der situation, den bedingungen und prioritäten der jeweils anderen.

kooperation verlangt ferner, daß niemand seinen oder ihren beitrag höher als den der anderen einstuft. diese art eines gefälles im gemeinsamen ist störend, meist sogar ausgesprochen kontraproduktiv.

unsere gesellschaft ist so sehr von polarisierenden bildern geprägt, daß es einiger anstrengung bedarf, in diesem gewirr von gerüchten und unterstellungen, von unüberprüften und bestätigten annahmen, klare positionen herauszuarbeiten.

heimo steps als gast der „talking communities“

unsere reihe „talking communities“ ist zum teil solchen aufgaben gwidmet. die reihe „was sagen kunstwerke?“ wird gegen sommer wieder belebt werden. im augenblick dominiert die „konferenz in permanenz“, wo es hauptsächlich um strukturfragen und -details geht, auch um deren grundlagen.

heimo steps, eben erst gast der „talking communities“, hat mir nun jenes arbeitspapier geschickt, auf dem die erste session mit ihm beruhte: [link] Ich zitiere hier noch einmal vier von mehreren grundlegenden Punkten, die im Kulturförderungsgesetz schon im ersten paragraphen angeführt sind:

Die Kultur- und Kunstförderung des Landes hat insbesondere folgende Ziele zu beachten:
1. die Unabhängigkeit und Freiheit kulturellen Handelns in seiner gegebenen Vielfalt;
2. die schöpferische Selbstentfaltung jedes Menschen durch aktive kulturelle Kreativität und die Teilhabe jedes Menschen am kulturellen und künstlerischen Prozess in jeder Region des Landes;
3. eine zum Verständnis und zur Kritik befähigte Öffentlichkeit;
4. die Öffnung gegenüber neuen kulturellen und künstlerischen Entwicklungen im In- und Ausland;
[…] [quelle]

heinz boxan (links) und winfried kuckenberger bei einer vorbesprechung für unere „talking communities“

bleibt zu klären: was heißt das für die praxis? (vor allem auch abseits des landeszentrums.) wie werden ende des monats noch eine zweite session mit steps absolvieren, die selbstverständlich allgemein zugänglich ist.

doch davor gibt es eine station mit heinz boxan, einer schlüsselperson im fall herberstein. auch dieser abend dient dem einblick in bereiche und hintergründe, hier freilich eines skurrilen kriminalfalles, der übrigens das gesamte förderwesen der steiermark in mehreren bereichen grundlegend verändert hat.

in summe sollte es uns quer durchs land gelingen, etwas klarer zu sehen, wir regionalpolitik funktioniert, wo sie in fallen oder sackgassen führt und wie wir die dinge trotz solcher blockaden in gang halten können.

stagnation ist erfahrungsgemäß ein riesenproblem, weil darin schon erreichtes sich einfach verflüchtigt, als wäre es nicht da gewesen. wir bleiben also der anforderung ausgeliefert, selbnst durch krisensituationen hindurch unsere vorhaben voranzubringen und … gute gründe dafür nennen zu können

und die jugend?

es ist bei „kunst ost“ schon öfter die frage nach unserer altersstruktur aufgetaucht, ergänzt um die frage: „wo sind die jungen?“ die antwort liegt ja im anlaß zu dieser frage: nicht bei uns. „warum auch?“ frage ich gerne. dabei gehe ich von den erfahrungen mit meinem eigenen sohn aus. die youngsters brauchen mich und meine konzepte nicht, um ihre kulturellen bedürfnisse zu bearbeiten und zu leben.

brauchen keine zurufe von außen, sondern finden mit ihren youngsters offenbar permanent mehr themen und anlässe, als bearbeitbar sind: kunsterzieherin marianne ofner und geschichte-lehrer peter gerstmann

natürlich gibt es kunst-affine teenies in der oststeiermark. soweit ich welchen begegnet bin, waren sie an einem gymnasium und in anregender begleitung von engagierten lehrpersonen meiner generation. das interesse jener teenies an kunst und zeitgeschichte brauche ich nicht zu unseren vorhaben zerren, sie haben ihre eigenen pläne.

ringt annähernd pausenlos darum, den menschen allen alters gute gründe zum lesen anzubieten: buchhändlerin helga plautz (hier mit gleisdorfs bürgermeister christoph stark)

manches an jugendlichem kulturbezug zeigt sich auch rund um aktivitäten der buchhändlerin helga plautz. das hat seine eigenen initialmomente, seine eigene dynamik. ich freue mich, solche anteile des regionalen (kultur-) lebens feststellen zu können. aber es gibt – so weit ich sehe – keinen guten grund, auf diese ereignisse und personen zugreifen zu wollen oder sich auf diesen feldern um irgend eine idee von vernetzung zu bemühen.

ich glaube nämlich nicht, daß eine gesellschaft durch und durch „vernetzt“ sein möchte. solche bestrebungen müßte ich als versuch werten, eine komplette gesellschaft durchzurekrutieren und durchzuorganisieren. das hatten wir schon in den 1930er-jahren. es war kein überzeugender weg.

ein zeitgemäßes echo solcher bestrebungen ist meines erachtens die „vercoachisierung“ der gesellschaft. ich schätze kluge beratung keineswegs gering. das legen schon meine persönlichen erfahrungen nahe. manche lebenssituationen werden durch versierte begleitung erträglicherm sind durch ein angemessenes coaching besser zu bewältigen. aber ein sich verselbstständigender markt wirft hier allerhand kuriositäten aus.

am wenigstens gefällt mir jene abteilung, wo mir scheint, daß leute, die selbst in freier wildbahn noch nie reüssiert haben, plötzlich durch beratungseinrichtungen irrlichtern, um da leute für die freie wildbahn fit zu machen. das bedeutet, ich stehe der boomenden lebensberatungs- und coaching-branche skeptisch gegenüber.

verschiedene welten und bezugssysteme, verschiedene codes: manche fotos machen mir klar, daß ich auch schon jünger war. hier bin ich im gespräch mit autor dzevad karahasan (links) und schauspielhaus-intendantin anna badora beim "europatag" in graz (foto: frankl)

zurück zu den youngsters. wie erwähnt, ich sehe keinen grund, jugendlich zu „kunst ost“ zu verschleppen. wir sind eine community mit beachtlich hohem altersdurchschnitt. das zeigen dann auch unsere arbeitsansätze und praxisformen. die sind nicht auf „jugendkultur“ ausgerichtet, wie andrerseits „kunst und kultur“ nicht gedacht sind, beschäftigungsprogramme abzuwerfen, durch die jugendliche, deren verhalten unseren erwartungen widerspricht, gebändigt werden sollen.

kurz: unsere kulturelle basisarbeit und künstlerische praxis, die auf das erproben verschiedener wege kollektiver kreativität ausgelegt sind, haben den zweck, genau das zu sein; das wird vorläufig kaum wesentlich mit bereichen verschiedener jugendkulturen zu verknüpfen sein.

doch es läßt uns an grundlagen und an rahmenbedingungen arbeiten, die AUCH in der frage nach jugendkulturen relevant sind. doch da wird es an den youngsters selbst liegen, berührungspunkte oder gar überlappungen zu suchen. es sollte nicht gar so schwer sein, zugänge offenzuhalten, wir brauch aber davor keinen marktschreier aufzupflanzen.

gesetz und ordnung, gelegentlich konfus

wer unter den kunst- und kulturschaffenden hat sich eigentlich das kulturförderungsgesetz der steiermark schon einmal angesehen? einige gewiß, die meisten eher nicht. immerhin ist das ein regelwerk, aus dem wir zwar keinen anspruch auf förderungen ableiten können, das wäre nämlich, so heimo steps, verfassungswidrig, aber es enthält einige grundlagen, durch die sich auch das land gegenüber den kulturschaffenden verpflichtet hat. es wäre für kulturschaffende also vorteilhaft, diesen text zu kennen.

steps war einer der architekten kulturförderungsgesetzes und hat dabei seine eigene, langjährige praxiserfahrung einfließen lassen. als promotor der frühen phase von „gamsbART“, einer legendären steirischen jazz-serie, war er teil der grazer szene. (hier das „gründungsmanifest“ aus dem jahr 1984: [link])

die plakat-kunst von herms fritz wurde beim "STERZ" nicht nur mit einem schwerpunkt-heft gewüdigt

ich verbinde diese ära auch mit der phänomenalen plakatserie, die herms fritz dieser veranstaltungsserie quasi auf den leib zeichnete. das hier gezeigte bild stammt allerdings nicht daher, ich habe es von der „sterz“-website geklaut, wo es eine ausgabe zu den fritz’schen plakaten markiert: [link]

und weil ich mich gerne an all das erinnere, hier auch noch ein zitat aus einem herms fritz-interview im „falter“: „Was ist gutes Design?“ / Fritz: „Ja ich!“ [quelle]

aber zurück zum eigentlichen thema! das gesetz birgt ein interessantes politisches statement. der § 1 nennt als ausdrückliches ziel unter anderem: „die schöpferische Selbstentfaltung jedes Menschen durch aktive kulturelle Kreativität und die Teilhabe jedes Menschen am kulturellen und künstlerischen Prozess in jeder Region des Landes“. damit ist vor allem regionales kulturgeschehen jenseits des landeszentrums graz ausdrücklich hervorgehoben.

heimo steps hatte sich in seinen beiträgen bemüht, den anforderungen kunstschaffender entgegenzukommen

auch „eine zum Verständnis und zur Kritik befähigte Öffentlichkeit“ zählt zu den kulturellen agenada, welche hier formell von der politik eingefordert werden. das bedeutet ja umgekehrt, wir sollten fähig sein, uns unter anderem in aktuellen kulturpolitischen streitgesprächen auf diese absichtserklärung der regierung zu berufen. (da ist boden bereitet, um den wir nicht mehr ringen müssen!)

der absatz 5 des § 1 regt uns ferner an, lokal- und regionalpolitische gremien darauf hinzuweisen, daß der gesetzgeber, immerhin repräsentant des volkes, implizit geäußert hat, fußball-klub und blaskapelle würden noch kein kulturpolitisches programm ergeben.

ich erwähne das – etwas polemisch formuliert – deshalb, weil uns die praxis gelegentlich zeigt, daß sich alteingessene formationen in der region notfalls GEGEN die kunst und deren kulturbetrieb aussprechen, wenn es etwa um verteilungsfragen geht.

karl bauer (rechts), mitglied des gleisdorfer kulturausschusses, bevorzugt eine klare kenntnis von rahmenbedingungen, wenn projekte in gang kommen sollen

im gesetzes-text steht ausdrücklich: „Dieses Gesetz verfolgt auch das Ziel, den Gemeinden als Vorbild für deren Kunst- und Kulturförderung zu dienen.“ es sollte uns also gelingen, kommunale kräfte dazu zu bewegen, sich das gesetz einmal anzuschauen.

ich erinnere mich gut, daß ich voriges jahr von einem regionalen management her den einwand hörte, es sähe nicht so gut aus, wenn „kunst ost“ ein plenartreffen in markt hartmannsdorf realisiere, da dieser ort nicht zur „energie-region“ gehöre, in der „kunst ost“ ansässig ist. ich nehme freilich an, das gesetz ist auf meiner seite, wenn da als eines der ziele steht: „die Öffnung gegenüber neuen kulturellen und künstlerischen Entwicklungen im In- und Ausland“. und da wir in dieser frage mit dem gesetzgeber übereinstimmen, pflegen wir auch laufend auslandskontakte, obwohl „kunst ost“ ein erklärtes „regional-projekt“ ist.

übrigens! der § 2 macht deutlich, was ich hier in der region schon gelegentlich um die ohren gehaut bekam, nämlich die bedeutung des fokus auf gegenwartskunst: „Das Land setzt einen Schwerpunkt seiner Förderung im Bereich der Weiterentwicklung der Gegenwartskunst und der Gegenwartskultur.“

wir werden noch darüber zu reden haben, was damit in der praxis gemeint ist, warum das vor allem gegenwartskunst und eher nicht die voluntary arts meint, warum wir DENNOCH auch die voluntary arts in unser engagement eingebunden haben und warum es trotz allem im zentrum von „kunst ost“ um die gegenwartskunst geht.

kompliziert? oh ja! tut mir leid, aber so ist es. naja, überlassen wir radikale komplexitätsreduktion den boulevard-blättern, die „knackig“ sein möchten wie frischer salat, und widmen wir uns der spannenden herausforderung, die komplexität des lebens ernst zu nehmen.

das kulturförderungsgesetz und weitere informationen: [link]
— [talking communities] —