Diese steirische Region war einst eine wichtige Passage, wenn Menschen von Graz nach Wien gelangen wollten oder sich sonst wie auf der Durchreise befanden. Mit der Süd-Autobahn (A2), die ab den 1960ern gebaut wurde, änderten sich Situation und Bedeutung des Wechsellandes grundlegend.
Das Team (von links): Alfred Ninaus (Regie), Reinhold Ogris (Kamera), Richard Mayr (Fotos), Fritz Aigner (Autor)
Regisseur Alfred Ninaus und Drehbuchautor Fritz Aigner widmen sich diesem Teil der Steiermark mit einer filmischen Annäherung. In der Dokumentation „Heimat im Wechsel“ geben Menschen des Steirischen Wechsellandes Auskunft darüber, wie sich ihre Heimat gewandelt hat, welche Herausforderungen auf sie zukommen und wie sie Heimat überhaupt definieren. Dazu beschäftigt sich der Film auch mit der Geschichte des Landes sowie mit der wirtschaftlichen Situation dieser besonderen Gegend Österreichs.
Nun hat das Projekt aber noch eine weitere Ebene erhalten.
Der Gleisdorfer Fotograf Richard Mayr begleitete das Team bei den Dreharbeiten, sah den Leuten über die Schultern, reflektierte seine Ausfahrten aber auch ganz eigenständig. Damit nicht genug, diese Reflexionsarbeit führte nun über Texte von Fritz Aigner zu einem Fotoband Mayrs.
Mayr war an insgesamt 30 Drehtagen mit von der Partie. So mancher Arbeitstag am Hochwechsel begann schon um fünf Uhr morgens, denn der Regisseur und der Fotograf haben eines unbedingt gemeinsam, was ihr Metier bestimmt. Sie folgen dem Licht und bestimmten Lichtverhältnissen, um ihren visuellen Vorstellungen nachzukommen.
Ninaus und Mayr sind durch die Erfahrungen aus ihrer Kooperation nun einig, daß sie auch Ninaus’ folgendes Filmprojekt dialogisch bearbeiten wollen. Da geht es um einen Beitrag für die Sendereihe „Universum“ über das Ausseerland.
• Dienstag, 17. April 2012, 19:30 Uhr „Mensch im Wechsel“ (Eine regionale Auseinandersetzung)
Filmvorführung (Langversion), Buchpräsentation, Autorengespräch im Rahmen des „April-Festivals“ von „kunst ost“: Alfred Ninaus (Regisseur), Richard Mayr (Fotograf) & Fritz Aigner (Autor)
Forum Kloster, Saal Martin, Rathausplatz 5, 8200 Gleisdorf
[Projekt-Link]
Wie nun verschiedene Ereignisstränge sich zu einem Bündel fügen… Letzte Revision. Nächste Woche geht unser „Puch-Buch“ [link] in Druck. Die Arbeit daran muß einen nicht stets in das Landezentrum führen. Wenn ich mich mit Graphic Novelist Jörg Vogeltanz und mit Techniker Michael Toson zu einem Meeting in Laßnitzhöhe einfinde, haben wir uns quasi auf halbem Wege getroffen.
Michael Toson (links) und Jörg Vogeltanz bei Detailfragen
Der dortige „Hügellandhof“ ist uns dafür ein äußerst angenehmer Stützpunkt. Wir haben nun ein Stück Mobilitätsgeschichte erarbeitet, das jenen Kernbereich verständlich macht, in dem die Massenmotorisierung Österreichs im 20. Jahrhundert greifbar wurde. Diese Massenbewegung, gestützt auf Automobile, wird in absehbarer Zeit enden. Mit den Grundlagen der Umorientierung sollten wir längst befaßt sein.
Die Geschichte von Steyr-Daimler-Puch ist exemplarisch für dieses Metier
Parallel laufen die Vorbereitungen für das „April-Festival“ weiter, in dem es übrigens auch eine Session zum Thema geben wird. Das „Kuratorium für triviale Mythen“ tagt in Weiz: [link]
Anderes Thema! Inzwischen hat Regisseur Alfred Ninaus seine aktuelle Filmpremiere hinter sich. Da ging es um das Thema „Wechselland“, eine uns nahe Region. Wir nehmen das als Anlaß, diese Zugänge zu thematisieren. Fragen des Wandels, der Definitionshoheit, der Darstellungsformen und -möglichkeiten. Film, Buch, Autorengespräch mit Alfred Ninaus (Regisseur), Richard Mayr (Fotograf) & Fritz Aigner (Autor) [link]
Autor und Regisseur Fritz Aigner (links), am Steuer Produzent und Regisseur Alfred Ninaus
Das gesamte „April-Festival“ ist inhaltlich zwischen Wissensvermittlung, Diskussionen und Kunstpräsentation festgemacht. Damit soll gewährleistet sein, daß die Einladung zur PARTIZIPATION keinesfalls geringer ausfällt als jene zur Betrachtung.
Ich möchte das als ein Prinzip im regionalen Kultur-Engagement gesichert sehen. Es ist auch ein kulturpolitisch wichtiger Aspekt und dieser Punkt bekommt etwa dann Gewicht, wenn Kulturinvestitionen verhandelt werden müssen, denn da wird natürlich meist nach dem Benfit für die Gesellschaft gefragt. Und der stellt sich sehr wesentlich via Partizipation ein…
Ich hab große Freude daran, wie sich Dinge momentan entwickeln. Wie schon bei unserer zweiten KWW-Session [link] zu betonen war: Diese Region hat eine auffallende Dichte inspirierter Menschen. Sie hocken natürlich nicht alle innerhalb eines Ortszentrums. Sind mehrere zu treffen, ergibt das stets eine kleine Reise durch die Region.
Der Fotograf Richar Mayr
Den gestrigen Abend habe ich mit dem Fotografen Richard Mayr [link] und dem Regisseur Alfred Ninaus [link] zugebracht. Wir haben nun Übereinkunft für deren Part beim kommenden „April-Festival“. Film und Buch über das Wechselland ergeben den Anlaß, die Fragen der Umbrüche zu erörtern. Es betrifft Menschen wie ganze Regionen gleichermaßen. Nichts bleibt wie es ist und dennoch soll in all dem etwas von Bestand sein.
Der Regisseur Alfred Ninaus
Ich hab das hier [link] schon einmal kurz in einer Notiz erwähnt. Wie gelingt es also, im unausweichlichen Fluß der Veränderungen Indentität zu bewahren? Das ist weit kniffliger und anspruchsvoller, als man gewöhnlich vermuten möchte. Ein heftiges Beispiel: Ein kleiner Vorfall im eigenen Leib, eine winzige biochemische Katastrophe, und man weiß nach dem Aufwachen nicht mehr, daß man der war, der letzte Nacht schlafen gegangen ist.
So drastisch ereignen sich soziale Veränderungsprozesse zum Glück gewöhnlich nicht. Aber es ist ganz erheblich, was etwa ein Jahrzehnt im Verlauf an einem Lebensraum, einer Region bewirken kann; natürlich auch an einer einzelnen Biografie. Das wird wohl an jenem Abend zur Sprache kommen, den wir nun vorbereiten:
„Mensch im Wechsel“ (Eine regionale Auseinandersetzung)
Film, Buch, Autorengespräch
Alfred Ninaus (Regisseur), Richard Mayr (Fotograf) & Fritz Aigner (Autor)
[April-Festival 2012]
Es klingt auf Anhieb vielleicht ein wenig banal, aber der Satz berührt ein Thema von erheblicher Wucht: Bestand hat nur die Veränderung. So ließe sich in einem Satz das Gespräch zusammenfassen, welches ich eben mit Fotograf Richard Mayr [link] geführt habe.
Fotograf Richard Mayr
Anlaß dazu war sein Buch über das steirische Wechselland. Nein, etwas genauer, das Buch zum Film von Alfred Ninaus mit Texten von Fritz Aigner. Hier hat ein ganzes Team gearbeitet. Veränderungsschübe als das Konstante und die Komplexität der Welt, in der wir bestehen müssen; in beidem, in dieser Welt und in dieser Komplexität.
Das bietet Fragen und Aufgabenstellungen, die sich im Geschäftsleben gleichermaßen stellen wie im Kulturbereich. Und vielleicht sind die unterschiedlichen „Erzählweisen“, die kontrastreichen Codes – hier im Geschäftsleben, da im Kulturbereich –, sehr gut geeignet, als komplementär verstanden und genutzt zu werden.
Damit meine ich, die unterschiedlichen Anforderungen und Verfahrensweisen können sich als wechselseitig sehr anregend erweisen. Ein möglicher Austausch in so verschiedenen Bezugssystemen ist, das haben wir schon herausgefunden, recht spannend. Das ist übrigens auch ein wichtiger Aspekt unseres Arbeitsvorhabens bei KWW („Kunst Wirtschaft Wissenschaft“): [link] Aber damit wäre ich jetzt bei einem anderen Thema. Zurück zum Ausgangspunkt!
Geschäftsleben und Kulturbereich. Da sind zwei großen Felder in Mayrs Biographie; einerseits als Unternehmer für einen Betrieb verantwortlich zu sein (Stadtapotheke Gleisdorf), andrerseits als Fotograf sich Themen und Projekte zu erschließen. Grundverschiedene Aufgabenstellungen vor dem Hintergrund eines Kräftespiels, in dem diese Region gerade erhebliche Umbrüche erlebt.
Was verlangt also nach Bestand und worin sollte es uns gelingen Veränderungen zuzulassen oder sogar selbst zu initiieren? Ich denke, das wird noch einige Erörterungen verlangen…
Noch ein paar Takte zum Buch. Das Wechselland ist die östlichste LEADER-Region der Steiermark: [link] Regisseur Alfred Ninaus hat gerade einen Film über dieses Gebiet gemacht: [link]
Drehbuchautor ist der Gleisdorfer Fritz Aigner: [link] Von ihm stammen, wie erwähnt, auch die Texte zu Mayrs Fotoband.
Es war vor Jahren, als wir während eines „April-Festivals“ in der Region gerade eine Vernissage in Gleisdorf absolviert hatten. Danach fanden sich etliche von uns noch in einem Lokal ein, um den Abend dort ausklingen zu lassen. Unter den anderen Gästen waren auch einige Geschäftsleute des Ortes um einen Tisch versammelt. Das brachte eine Puppenspielerin in der Runde dazu, diesen Leuten quer durch den Raum zuzubrüllen: „Die Künstla hätt’n an Durscht!“
Tage später sprach mich einer der Unternehmer auf diese Situation an und fragte mich, ob wir eigentlich ganz bei Trost seien. Es ist auch für mich einigermaßen irritierend, daß doch recht viele meiner Leute die Rolle von Gauklern, Bittstellern und Bettlern selbst wählen, was sie zugleich lautstark beklagen.
Zwischen KMU und Global Player: MIchaela Knittelfelder-Lang und Christian Strassegger auf Besuch bei "Wollsdorf Leder"
Anders ausgedrückt, es herrscht in meinem Milieu nicht gar so viel Klarheit, was man unter „Begegnung in Augenhöhe“ verstehen könnte und wie es folglich dazu kommen solle.
Warum sollte mir jemand bei eine Deal entgegenkommen, wenn ich deutlich ausdrücke, daß ich eigentlich nur mit mir beschäftigt bin und den anderen gering schätze, womöglich verachte? Außerdem sind derartige Egozentrik-Nummern im Kunstbetrieb nicht mehr ganz State of the Art. Das Genie, welches allein durch seine Gegenwart höchste Aufmerksamkeit und Zuwendung verdient, ist etwas aus der Mode gekommen.
Für den Rest an Relevanz stehen wir Kunst- und Kulturschaffende in einer langen Reihe an; mit Leuten aus dem Bildungswesen, Gesundheitswesen, Sozialbereich etc. Überall ist die grundsätzliche Wichtigkeit des Metiers für den hohen Lebensstandard Österreichs prinzipiell außer Streit gestellt. Aber betreffs der angemessenen Budgetierungen kursieren krasse Auffassungsunterschiede.
Kulturschaffende schleppen ein bescheidenes Problem mit sich: Wir haben in den letzten 20, 25 Jahren kaum etwas getan, um einen breiteren gesellschaftlichen Konsens zu erwirken, daß das, was wir tun, wichtig sei. Ich sah gerade in diesem krisenhaften Jahr 2011 allerhand Beleidigtheit darüber, daß es diesen Konsens nicht gibt. Aber ich sah kaum adäquate Antworten auf diesen Status quo.
Das dominante Reaktionsmuster war eigentlich, anderen zuzubrüllen: „Die Künstla hätt’n an Durscht!“ Und obwohl etwa das steirische Landeskulturförderungsgesetz von 2005 ein durchaus klar verständliches Regelwerk ist, obwohl die Vergabepraxis seit Jahren keinen Zweifel läßt: Kofinanzierung ja, Vollfinanzierung nein!, kommen wir nicht in die Gänge, um den Weg von der Förderung zur Kooperation wenigstens einmal konzeptionell zu schaffen.
Kooperation, das würde voraussetzen, mein Gegenüber weder tendenziell noch generell abzulehnen. Das würde auch voraussetzen, jeweils jenem „System“, mit dem man kooperieren möchte, grundsätzlich zuzustimmen. Momentan haben wir die ans Neurotische grenzende Situation, daß wir jene, die uns Ressourcen verfügbar machen, lieber ablehnen und notfalls attackieren, als sie an unsere Tische zu bitten.
Strikt KMU: Der Apotheker Richard Mayr (links) und der Ingenieur Andreas Turk
Das hat natürlich auch seine Entsprechungen hinter Gardinen, Vorhängen, verschlossenen Türen. Dort geht es dann weit weniger radikal und kämpferisch zu. Das führt zu wenisgstens zwei völlig verschiedenen Kommunikationsstilen und –inhalten einzelner Personen. Zum eigenen Milieu hin widerborstig, in widerständischer Attitüde, aber „to make a living“ bleiben dann ja nur der Markt, der Staat und das „Hotel Mama“. Also zum anderen Milieu hin verbindlich und vielleicht etwas verbogen.
Muß man die Gabe der Prophetie haben, um das für aussichtslos bis irreführend zu halten?
Klischees, Ressentiments, Feindbilder; kennen wir, haben wir. Es ist ganz bemerkenswert, was sich dagegen finden und erfahren läßt, wenn man loszieht, um Gespräche zu führen, die vorerst einmal überhaupt zu brauchbaren Annahmen führen sollen, wer es da mit wem auf welche Art zu tun bekommt. Wir haben dazu ein „Quintett auf Reisen“ formiert, welches sich dieser Mögllichkeit widmet.
Wir ersuchen darum, für einige Zeit Gäste sein und Fragen stellen zu dürfen. Es ist mehr als erstaunlich, was das auf beiden Seiten zu bewirken scheint.
P.S.:
+) Dieses „Quintett auf Reisen“ ist eine komplementäre Ebene zu „Kunst Wirtschaft Wissenschaft“: [link]
+) Es hat seinen Themenschwerpunkt momentan bei den „Tagen der agrarischen Welt“: [link]
+) Das ergibt auch Inputs für den Berech „Vision 2050“: [link]
richard mayr ist unternehmer. punktum. falsch! mayr besitzt einen gleisdorfer traditionsbetrieb, das ist ein teil der geschichte. ein anderer teil handelt davon, daß er sich über jahre zu einem fotografen auf hohem niveau profiliert hat. bisher war er damit hauptsächlich im angewandten bereich tätig, inzwischen interessieren ihn auch künstlerische strategien. das belegt zum beispiel die jüngste kunstkarte in der edition unserers „kuratoriums für triviale mythen“: [link]
mayr widmet sich außerdem in seinem betrieb der gegenwartskunst über eine reihe von veranstaltungen: [link] in dieser serie wird es am 1. oktober 2011 einen abend geben, der nicht als personale angelegt ist, sondern als ein querschnitt durch die zeitgenössische malerei österreichs.
kurator karl a. irsigler wird zum themenabend „lebendige kunstgeschichte“ anhand der werke von kubin, weiler, mikl, attersee, schmalix und anderen eine einführung zum verständnis dieser arbeiten bieten.
am 1. oktober 2011: "lebendige kunstgeschichte"
der titel „lebendige kunstgeschichte“ macht klar, hier handelt es sich durchgehend um kanonisierte werke, was meint, sie stehen als kunstwerke außer streit. das sind freilich immer kategorien des vorläufigen, denn die auf- oder abwertung von werken ereignet sich stets zeitbezogen. es gibt auch keinen durch mehrere zeiten durchgängigen kunstbegriff. das heißt, die menschlichen vorstellungen, was kunst sei, ändern sich laufend.
genau deshalb ist eine ständige auseinandersetzung mit kunst nötig, da diese ja nicht bloß von kunst handelt, sondern vor allem auch von unseren eigenen sichtweisen und vorstellungen von der welt. das bedeutet, im kunstschaffen selbst wie in der betrachtung von gegenwartskunst erfahren wir uns selbst auf der höhe der zeit.
mayr ist einer von mehreren unternehmern gleisdorfs, die dieses augenmerk auf gegenwartskunst pflegen und auch dazu beitragen, daß menschen adäquate zugänge finden. ich hab hier kürzlich den abend im hause von erich wolf erwähnt: [link]
während andernorts nach wie vor eher auf events und touristisch orientirte kunstereignisse gesetzt wird, belegt solches engagement eine konzentration auf subtilere bereiche menschlicher wahrnehmung; was ja gesellige momente keineswegs ausschließt.
unsere vorhaben sind nun in wesentlichen zielpunkten auf jahre klar entworfen. das löst sich cih in kleinen ereignissen ein. wir haben heuer begonnen, entlang unserer veranstaltungen eine serie von postkarten herauszubringen. eben sind zwei weitere ausgaben fertig geworden. jene von richard mayr schließt noch an das vergangene „april-festival“ [link] an, jene von christian strassegger ist das erste motiv der serie „close to nature“: [link]
nun sind auch je eine karte vion christian strassegger (links) und richard mayr in unserer edition verfügbar
damit ist ein großer teil unserer aktuellen arbeit in eine ruhige phase gekommen. im augenblick beginnt wieder die inhaltliche arbeit zu dominieren. nächste woche absolvieren wir eine kleine kulturkonferenz in der obersteiermark. dabei sollen möglichkeiten der kooperation und des erfahrungsaustausches jenseits der „energie-region“ überprüft werden. (siehe dazu: „die erfahrung von weng„!)
ich habe schon mehrfach erwähnt, daß ich inhaltliches gewicht und kooperation für wesentliche mittel halte, um aktuelle auswirkungen diverser krisen zu kompensieren. außerdem haben gerade diese krisenausläufer der etwa letzten 10 monate deutlich gezeigt, wie gering quer durchs land die allgemeinen kenntnisse der zusammenhänge von gegenwartskunst und generell dem kulturellen klima sind.
das bedeutet auch, viele entscheidungen, die GEGEN kulturbudgets fallen, basieren sehr wesentlich auf mangelnder sachkenntnis. berührungsängste sind standard, ressentiments erlebe ich häufig. anders ausgedrückt: wer in einem herkömmlichen gemeinderat mit dem thema KUNST anzukommen versucht, hat allergrößte chance, zuerst einmal ins leere zu laufen.
es interessiert mich nicht, darüber klage zu führen, weil jene, die ich gerne als sachkundige gegenüber gewinnen würde, ohnehin schon ausreichend rückzug üben, genau WEIL sie den öffentlichen diskurs meiden, in dem die häufig herrschenden kompetenzmängel auffallen könnten.
wir brauchen demnach andere strategien und verfahrensweisen, um für die sache der kunst boden zu gewinnen. die lassen sich nach meiner überzeugung in wachsenden kooperationen finden. erst in der konkreten zusammenarbeit entsteht jene wechselseitige kenntnis von einander, die vorerst so schmerzlich fehlt.
ich debattiere diese fragen zur zeit auch mit dem gleisdorfer kunstsammler erich wolf. er verfügt über eine beachtliche kollektion steirischer gegenwartskunst. wolf ist ein mann, der nicht auf das „besondere bild“ aus ist, sondern die zusammenhänge sucht, also ensembles bevorzugt, die eine verlaufsgeschichte abbilden.
kunstsammler erich wolf bemüht sich mit leidenschaft, das steirische kunstschaffen der nachkriegszeit in seinen wesentlichen positionen überschaubar und verständlich zu machen
diese faible für das prozeßhafte ist mir sehr vertraut. nun schätze ich nicht bloß anregende debatten über kunst und deren bedingungen mit ihm. wir gehen gerade einen erheblichen schritt weiter. inzwischen ist es also gewissermaßen „amtlich“. es gibt nun eine kooperation zwischen der „sammlung wolf“ und dem projekt „kunst ost“. wir haben einen prozeß eingeleitet, der auf mehrere jahre angelegt ist und das ziel hat, in dieser region eine art kompetenzzentrum für gegenwartskunst herbeizuführen.
damit wir uns recht verstehen, das meint nicht ein museum, sondern eine leistungsfähige „drehscheibe“, bei der es vor allem auch um know how-transfer, netzwerke und auslandskontakte geht, um maßnahmen, steirisches kunstgeschehen wirksam mit internationalen prozessen zu verknüpfen. aber natürlich soll auch vor ort gezeigt werden, wo kunstschaffen aus der steiermark gerade steht.
es ist also ein einigermaßen anspruchsvolles unterfangen, für das wir uns die ärmel aufgestrickt haben. null will die konzeption konkretisiert und die umsetzungsarbeit begonnen werden.
es sind oft feine kräftespiele, die eine position vom feld des kunsthandwerkes hinüber zur kunst verschieben. irmgard eixelberger bewegt sich gerade als grenzgängerin zwischen diesen zonen. ihre profunde kenntnis des brauchtums im agrarischen leben ergab nun einen anknüpfungspunkt für uns, um zu einer ersten „erweiterten runde“ zusammenzufinden, in der wir einige künstlerische optionen der „tage der agrarischen welt“ debattierten.
tierarzt karl bauer, die künstlerinnen herta tinchon, michaela knittelfelder-lang und irmgard eixelberger
auch hier gilt, daß kunstschaffende nicht zu einem „dekorationsgeschäft“ aufgerufen sind. es geht darum, daß sie mit ihren bevorzugten mitteln auf gemeinsam festgelegte frage- und aufgabenstellungen reagieren. im dialog mit leuten, die genau das mit anderen mitteln tun. dieser zugang basiert auf einer vorstellung, die wir dem „april-festival“ 2011 zugrunde gelegt hatten:
„Wenn diese Region eine Erzählung wäre, dann könnte sie sich selbst erzählen, falls die Menschen, die hier leben und arbeiten, ihre Stimmen erheben würden. Die Stimmen zu erheben ist in diesem Fall auch metaphorisch gemeint und bezieht sich auf das Einsetzen der jeweils bevorzugten Kommunikations- und Gestaltungsmittel.“ [quelle]
medienkünstler niki passath (links) und unternehmer tino pölzer bei den startvorbereitungen der „essigrakete“
das bedeutet zum beispiel ebenfalls, kunstschaffende von auswärts mit verschiedenen akteuren des regionalen gemeinwesens in interaktion zu bringen. ein beispiel dafür war die session beim unternehmer-ehepaar jaqueline und tino pölzer, bei der wir experimentalbäckerin ida kreutzer, medienkünstler niki passath und fotograf emil gruber zu gast hatten. [die crew]
nun arbeiten wir am kommenden „april-festival“ das den titel „leben: die praxis der zuversicht“ [link] tragen wird. mit dem eingangs erwähnen arbeitstreffen ist auch eine erste laborgruppe formiert worden, zu der sich noch der fotograf christian strassegger und die künstlerin renate krammer zählen. strassegger arbeitet übrigens auch an einem eigenen konzept für einen beitrag zu den „tagen der agrarischen welt“.
wir gehen gerade daran, unseren aktuellen arbeitsansatz mit landesrat christian buchmann zu debattieren. aus unserer konzeption ergibt sich nämlich ein ganz anderer modus als herkömmlich zirkulierende „geschäftsmodelle“, wie wirtschaftstreibende und kunstschaffende mit einander zu tun haben können. dieser modus steht auch im kontrast zu gängigen befürchtung, die wirtschaft werde die kunst vereinnahmen. wenn sich dieser ausgangspunkt klar markieren läßt, nämlich eine gemeinsamen fragen- und aufgabenstellung, dann ergeben phantasien vom vereinnahmen keinen sinn.
der kanadier simon brault gibt in seiner streitschrift “no culture, no future” einen anregenden hinweis auf solche zusammenhänge: „We are still locked in a restrictive mode that is preventing us from taking full advantage of the potential of the arts and culture, which are incredible vectors of creativity, the principal driver of economic and social growth.“
brault sagt ebenso unmißverständlich: „Culture is not a parasite of economic and social development, but it can be a motor for it.“
apotheker richard mayr (links) und büchsenmacher franz lukas als akteure im kunstgeschehen
das verlangt etwa, herkömmliche rollenzuschreibungen aufzugeben. als beispiel: wenn ich mich bemühe, versierte unternehmer für ein projekt zu gewinnen, und zwar als akteure, dann betrachte ich sie nicht als „geldquelle auf zwei beinen“, sondern als personen, die a) interessante kompetenzen einbringen und b) ihrerseits sehr konkrete erfahrungen mit unserem milieu und unseren arbeitsweisen machen.
das bringt nicht bloß interessante ergebnisse, wie sich etwa im fall von „ist gleich/ungleich“ gezeigt hat. da ging es mir darum einen kaufmann (richard mayr), einen ingenieur (andreas turk) und einen handwerker (franz lukas) für ein gemeinsames vorhaben zu gewinnen: [link]. derlei modi verändern auch die kulturelle situation eines ortes.
nun geht es darum, solchen wechselseitigen erfahrungsprozessen mit ihrer gemeinsamen wirkung nach außen als ein spezielles kulturelles geschehen dauer zu verleihen. dabei spielt zwar die gegenwartskunst eine wichtige, aber nicht die einzige rolle.
ich hab übrigens gerade zusammengefaßt, welche art von rolle ich in solchen zusammenhängen für kunstschaffende sehe: [link]
es geht mir da um eine klare position, sich den verschiedenen varianten simpler verwertungslogik zu entziehen. was sich nun interessanterweise zeigt: genau darin, nämlich im ablehnen simpler verwertungslogik, finden wir dann auch mit manchen wirtschaftstreibenden und einzelnen leuten aus politik und verwaltung konsens. offenbar ein tauglicher ansatz, um begegnung und umgang in augenhöhe zu erproben.
rein in räume, rauf auf leitern, runter auf den boden der tatsachen, rüber ins nächste cafe. vorbereitungen. letzte klärungsschritte. jetzt liegen noch zwei vernissagen vor uns und gegen ende des monats werden wir den „nikola tesla-tag„ absolvieren.
fotograf franz sattler auf fact finding mission in albersdorf
der „boden der tatsachen“ ist ja vor allem auch ein „deutungsraum“, ein terrain, wo verhandelt wird, was die dinge seien. künstlerische verfahrensweisen als einer von mehreren wegen, um reflexion und deutung vorzunehmen, auch selbstvergewisserung.
warum ist das wichtig? aus wenigstens zweierlei gründen. wir sind sinnsuchende wesen, denen bloße alltagsbewältigung gewöhnlich nicht reicht, um damit ein leben auszufüllen. da treffen sich dann im günstigsten fall etliche intentionen von kunstschaffenden und publikum.
ein letzter lokalaugenschein im "business park"; von links: franz lukas, manuela petermann (von "ingenos"), richard mayr und andreas turk
das „april-festival“ ist heuer mehr denn je zu einem ereignis geworden, in dem äußerst verschiedene kreative menschen sich aus einer größeren themenstellung ein teilthema wählten, um es mit ihren bevorzugten mitteln zu bearbeiten.
und während sich dieses festival dem ende zuneigt, sind schon die ersten arbeitsschritte für das von 2012 in gang: [link] so wollen wir einen ausreichend großen zeitraum öffnen, damit a) jene für nächste „location crews“ zusammenfinden, die in neuen frage- und aufgabenstellungen harmonieren und damit b) um genug zeit zu haben, die anspruchsvolle themenstellung auszuloten.
im mai tagen dann wieder die „talking communities“. einmal geht es um grundlagen der kulturförderung: [link] zum anderen sehen wir uns ein kurioses stück regionalgeschichte etwas näher an. heinz boxan, vormals verwalter auf gut herberstein, wird uns einblicke bieten, wie das ausplündern der republik gelingt, wenn leute aus unseren eliten zusammengreifen.
heinz boxan ist insider eines spektakulären betrugsfalles in der oststeiermark.
das verspricht ein aufschlußreicher abend zu werden: [link] in tagen der einbrechenden budgets dürfte die verlockung zu solchen machenschaften ja da und dort ansteigen. apropos einbrechende budgets! wie sehr wir davon im kulturbereich betroffen sind, habe ich schon skizziert. aber da gib es noch ganz andere problemlagen.
das leben schwer behinderter menschen ist ebenso belastet wie das ihrer angehöriger. bisher haben kompetente assistenzleistunen deren existenz stabilisiert. und genau da drohen nun streichungen, die etliche betroffene an den rand von panik bringen. ich trage hier einige diesbezügliche informationen zusammen: [link]
manchmal ist ein hartes licht nötig, um in den aufkommenden kontrasten zu sehen, wo man steht. als kulturschaffende sind wir launige „beleuchter“ …
die flache „kultur-steckdose“ stammt von fotograf christian strassegger, der auch das heurige cover-motiv für unser „april-festival“ geliefert hat. mit ihm habe ich eben ein längerfristiges teil-projekt von „kunst ost“ erörtert, das am nun ersten „tag der agrarischen welt“ anknüpft.
die „kultur-steckdose“ von christian strassegger
es geht uns um die „sichtbarmachung“ der rationalen und emotionalen zusammenhänge, in denen sich die oststeiermark zu ihrem gegenwärtigen status herausgebildet hat; vor dem hintergrund ihrer komplexen sozialgeschichte. das hier schon skizzierte spannungsfeld zwischen agrarischer welt und high tech ergibt dabei eine spezielle herausforderung.
wir streben einen prozeß an, der sich deutlich vom werbeagentur-geschwätz unterscheidet, durch das uns nun schon so oft der blick auf unseren lebensraum verstellt wurde. das handelt dann zum beispiel auch von motiven, wie sie mir der vormalige bauernbub sepp gauster geschildert hat. eben noch ist gleisdorf ein „straßendorf“ gewesen, von landwirtschaften geprägt, die teils nur ein sehr karges leben erlaubten.
unternehmerin jaqueline pölzer und der vormalige bauer sepp gauster
gauster hat seinerzeit die kleine landwirtschaft, der er entstammt, hinter sich gelassen, ist der agrarischen welt aber stets verbunden geblieben. unternehmerin jaqueline pölzer ist einen umgekehrten weg gegangen. sie erschloß sich mit ihrem mann tino vor einigen jahren ein stück eben dieser agrarischen welt.
pölzers betrieb, in dem essig und senf erzeugt werden, ist zugleich seit jahren immer wieder ereignisort kultureller vorhaben: [link] ein weiterer bezugspunkt für uns, um formen einer kooperation im kulturbereich zu erproben, die nicht auf antiquierte art davon handeln, daß „wir“ von den „geldigen“ geld erbitten, um etwas realisieren zu können; in solchen klischeehaften polarisierungen würde hier nichts interessantes entstehen.
es geht statt dessen um das ausloten von kooperationsformen, in denen die beteiligten ganz unterschiedliche rollen finden. unsere station bei pölzer ist dem „kuratorium für triviale mythen“ gewidmet: [link]
unternehmer richard mayr beim finish für seinen ausstellungsbeitrag
völlig anderer art ist die kooperation mit apotheker richard mayr und zwei weiteren gleisdorfer unternehmern (franz lukas und andreas turk). sie sind selbst als kreative in das „april-festival“ eingestiegen und haben miteinander eine komplexe reflexion über den lebensraum gleisdorf erarbeitet.
diese verfahrensweisen bezwecken nicht bloß künstlerische ergebnisse, sondern haben auch den zentralen sinn, daß höchst unterschiedliche akteurinnen und akteure mit einander zu einer kulturellen praxis finden, die ja konkret erprobt werden muß.
dieser erfahrungsprozeß handelt von vollkommen verschiedenen positionen, interessenschwerpunkten und lebensstilen. eben dieser kontrastreichtum bildet ja etwas davon ab, was diese region real ausmacht.