Archiv für den Monat: Dezember 2011

das kühle extrazimmer 14

Neulich hier auf der Website von „kunst ost“:
„Was nun das Verhalten von der krusche betrifft: es unterscheidet sich durch nichts vom Verhalten unserer Massenmedien während des Krieges. Es ist ein Mix aus Voreingenommenheit, Einseitigkeit, Engstirrnigkeit und völliger Intoleranz.“

Websites und Logbücher sind Angelpunkte der Netzkultur. Nicht die einzigen, denn es gibt auch noch andere Internet-Dienste, mit denen Teleworking und Telepräsenz gut gelingen. Aber die „Bühnen“ im Web, die „Schaufenster zur Welt“, die Informationskanäle und „virtuellen Treffpunkte“, all das, was ich in Summe gerne „mein kühles Extrazimmer“ nenne, hat eine besondere Attraktivität. Siehe dazu auch: „mein kühles extrazimmer“ [link]

Als langjähriger „Netizen“, als „Bewohner der Netze“, begegne ich dabei immer wieder Trollen und Trittbrettfahrern. Das sind grundsätzlich Menschen, die im Web mit verdeckten Intentionen agieren. Daher ist ihr Kommunikationsstil oft etwas irritierend.

"do not feed the troll!" wer trollen antwortet, verlängert nur den verlauf eines fruchtlosen spiels

Die Motive von Trollen muß man vermutlich in Kategorien des Soziologischen und der Psychologie deuten. Das schert mich wenig, weil zu den offensichtlichen Strategien solcher Leute zählt, andere Menschen möglichst ausdauernd zu bewegen, sich mit ihnen zu beschäftigen. (Solche Kamikaze-Konzepte soll es ja auch in realen Alltagsbeziehungen geben.) Eine kleine Skizze zum Thema Trolle: [link] Etwas ausführlicher in Englisch: [link]

Bei Trittbrettfahrern ist es etwas einfacher zu verstehen. Das läuft ungefähr wie beim „Guerilla Marketing“: [link] Da möchte jemand eine Ware oder Botschaft mit möglichst geringem eigenen Aufwand möglichst breit unter die Leute bringen. Das legt nahe, die Systeme und Ressourcen anderer zu nutzen. Der Begriff „Guerilla Marketing“ umfaßt freilich nicht bloß unredliche Strategien, weshalb ich meine Reflexionen hier auf das Genre „Trittbrettfahrer“ einschränke.

Ich erfuhr also gerade über mich: „Diess Herrenmenschengetue ist wirklich völlig abstossend und passt zu keinem aufgeklärten und zivilisierten Menschen.“ Diesen Befund stellte mir Safeta Sulic zu. Eine Begründung ihrer ernsten Vorhaltungen fehlt. Belege dafür fehlen erst recht. Damit will ich sagen: Sulic behauptet das öffentlich, sie begründet und belegt es aber nicht. Details siehe unter: „Fahrten Südost #3“ [link]

eine bühne, ein publikum, ein monolog: die einseitige durchsetzung von reden ist eine machtdemonstration

Dazu vorweg ein paar grundlegende Gedanken. Eine Website ANZULEGEN, das ist heute keine große Sache. Webspace ist billig und das Aufbauen wie Füttern der Website verlangt längst keine HTML-Kenntnisse mehr. Stichwort CMS, also Content Management Systeme: [link] Mit dem Know how, um Emails zu versenden, denen ich gelegentlich Bild- und Textdateien anhänge, kommt heute jede Person aus. Den Rest leistet die Software plus eine Datenbank. („Wordpress“, das wir hier verwenden, ist ein anschauliches Beispiel für leicht handhabbare Systeme dieser Art.)

All das bedeutet auf jeden Fall, wer Ansichten vertritt und Informationen anbietet, die hier oder da im Web zurückgewiesen werden, hat natürlich die Freiheit, sich selbst eine Website einzurichten, Herr oder Herrin im eigenen (virtuellen) Haus zu sein. Klar? Klar! „Gatekeepers“ im alten Sinn haben bei uns wenig Möglichkeiten, weshalb auch ZENESUR in unseren Breiten nur schwer praktiziert werden kann. Würtde HIER eine Information unterdrückt, könnte sie sofort DORT auftauchen…

Aber was unterscheidet nun die neue Mediensituation vom alten Broadcasting? Der Begriff Broadcasting meint eine Kommunikationslage, in der EIN Sender VIELE Empfänger erreicht… keineswegs zufällig eine Domäne des Faschismus, historisch repräsentiert in der „Goebbels-Schnauze“, dem „Volksempfänger“: [link]

Webpräsenz meint dagegen: VIELE Sender und VIELE Empfänger in einer komplexen Kommunikationssituation. Dazu kommt in meinem Verständnis von Netzkultur ein permanentes Wechselspiel der Onlinesituation mit den Ereignissen im „analogen Raum“, denn für mich ist reale soziale Begegnung das „primäre Ereignis“, dem man durch Webstützung Erweiterungen verschafft.

Da tut sich nun ein klares Motiv auf, warum sich Trittbrettfahrer auf Websites wie unseren einfinden. Zeit ist nämlich ein enorm wichtiger Faktor im Aufbau eine Online-Community, eines Publikums im Web. Zeit und Inhalte verlangen Arbeitskraft und Dauer. Das sind Ressourcen, die nicht vom Himmel fallen.

Wenn sich also plötzlich ein Trittbrettfahrer auf meinem Terrain im Web breit macht, dann heißt das vor allem einmal: Er greift ungefragt auf meine Ressourcen zu und stürzt sich auf das Publikum, das ich erarbeitet habe; im konkreten Fall: das wir von „kunst ost“ nun über mehrere Jahre erarbeitet haben.

Er kommt, er nimmt, er hat kein Problem, durch sein Verhalten eventuell auch unsere Community zu beschädigen. Weil das aber ein höchst unredliches Verhalten ist, wird er seine Intentionen maskieren und wird eventuell meine Sanktionen als Herausgeber und als Webmaster dieser Site als anrüchig, sittenwidrig, undemokratisch BEHAUPTEN.

So kommt es dann auch, daß man mir auf unserer Website ausrichtet:
„Was nun das Verhalten von der krusche betrifft: es unterscheidet sich durch nichts vom Verhalten unserer Massenmedien während des Krieges. Es ist ein Mix aus Voreingenommenheit, Einseitigkeit, Engstirrnigkeit und völliger Intoleranz.“ (Fortsetzung folgt!)

[šok alijansa / notes #2: überblick]
[NETZKULTUR: der überblick]

Fahrten Südost #3

Netzkultur. Das Thema handelt von weit ausladenden Möglichkeiten, der Chance zur Konfusion und von bemerkenswerten Kommunikationsmomenten. Seit das Web weit, gar weltweit ist, seit Webspace fast nichts kostet und der Aufbau von Websites simpel ist, weil sich Laien mit Datenbankgestützten Dateimanagementsystemen behelfen können, sind der MeinungsÄUSSERUNG bei uns sehr geringe Grenzen gesetzt. Die MeinungsBILDUNG bleibt allerdings ein so anspruchsvoller Vorgang wie eh.

Ich erlebe gerade den sehr anschaulichen Fall von einer Art „Guerilla-Marketing“ für spröde Ansichten. In der Sache ließe sich auch das Thema „Troll“ wieder etwas beleuchten. Beides ist für politische Interessierte und für Kulturschaffende interessant, weil sich gerade in unserem Netzkulturbereich, abseits des medialen Mainstream-Betriebes, allfällige Trittbrettfahrerei ganz gut schminken läßt. Das ist ein gleichermaßen amüsantes und bedrückendes Exempel, wie so was gemacht wird.

Ob die Leute, die gerade auf dieser Website gerade in Erscheinung traten, im Sinne der Netzkultur richtige „Trolle“ sind, kann ich aufgrund der Kürze des Ablaufes noch nicht sagen. Aber die zwei Burschen, von denen noch zu erzählen sein wird, würde ich auf jeden Fall als eine Art „Web-Marodeure“ einschätzen. Marodeure sind von „Kampfhandlungen“ beschädigte Leute, die sich in Folge ihrer Schwächung nun nicht mehr gegen den ursprünglich erwählten Feind in Stellung bringen, sondern am Wegesrand auf alles losgehen, was schwächer als sie ist. Oder was sie eben für schwächer halten.

Ich breite also diese Fallgeschichte hier aus, weil es lehrreich sein kann, und wo es nicht lehrreich ist, so wird es gewiß amüsant sein. Ich habe es dabei mit Leuten zu tun bekommen, da erstaunt allein schon, daß es derart verhaltensoriginelle Typen tatsächlich gibt. Nachdem mir in dieser Angelegenheit gerade „Herrenmenschengetue“ nachgesagt wurde, ein sehr ernster Vorwurf, beginne ich bei diesem interessanten Punkt der Geschichte.

Gestern bekam ich auf der Website von „kunst ost“ Nachricht von Safeta Sulic. (Ich bin 38 Jahre alt und wohne in der Schweiz.) Sie schrieb mir: „Demnach wird jeder weitere Besuch hier überflüssig, da sich ein moderner Mensch in zensurierter Umgebung nicht wohl fühlen kann.“

Sie setzte sich also mit mir in Verbindung, um mir mitzuteilen, daß es sich nicht lohne, sich mit mir in Verbindung zu setzen.

Kleiner Einschub: Die ganze Angelegenheit dreht sich um den Ort Srebrenica und um Geschehnisse in dieser Gegend während des letzten Bosnienkrieges, in dem sich serbische, kroatische und bosnjakische Verbände feindlich gegenüber standen. Serbische und kroatische Leute nicht durchgehend, denn die waren einige Zeit auch Alliierte, als Tudjman und Milosevic meinten, sie könnten sich Bosnien und Hercegovina aufteilen. Diese Rechnung hatten sie freilich ohne Bosnjaken gemacht. Also waren sie letztlich wieder Feinde.

Warum schreibt mir also Safeta Sulic. Und warum schreibt sie mir nicht in privater Post? Warum dieses in sich nicht ganz schlüssige Auftreten in der Teilöffentlichkeit unserer Website? Weil sie eine Botschaft hat. Diese Botschaft ist ein wenig für mich bestimmt, vor allem aber für die Welt.

Die Botschaft besagt: „Was nun das Verhalten von der krusche betrifft: es unterscheidet sich durch nichts vom Verhalten unserer Massenmedien während des Krieges. Es ist ein Mix aus Voreingenommenheit, Einseitigkeit, Engstirrnigkeit und völliger Intoleranz. Das durch die Massenmedien verbreitete Bild wird eisern verteidigt, während allen Gegeninformationen sofort der Garaus gemacht wird. Diess Herrenmenschengetue ist wirklich völlig abstossend und passt zu keinem aufgeklärten und zivilisierten Menschen.“

Weshalb diese Heftigkeit? Dem ging eine (öffentliche) Korrespondenz mit zwei Männern voraus, deren Identität mir momentan noch unklar ist. Das Thema ist in Europa extrem unpopulär. Es geht um die erheblichen zivilen Opfer einer bosnjakischen Soldateska a) im Raum Srebrenica und b) im Bosnienkrieg überhaupt. Das Faktum ist unbestreitbar, seine öffentliche Debatte von Problemen umstellt.

Zurück zu Sulic. Mein „Herrenmenschengetue“ ist natürlich nicht gar so leicht belegbar. Voreingenommenheit, Einseitigkeit, Engstirnigkeit und völlige Intoleranz. Man könnte glatt annehmen, ich neige zur Vergnügungssucht, denn gemäß diesem Befund hätte ich (fast) nichts ausgelassen, was einen Autor und Kulturschaffenden in einer zeitgemäßen Kultur-Community erledigen würde.

Die Diagnose der Safeta Sulic beruht gewiß auf einer ausführlichen Lektüre meiner Publikationen. Sie beruht außerdem auf der Tatsache, daß ich kürzlich jene zwei genannten Personen, die mir nicht näher bekannt sind, jeweils zur „Persona non grata“ erklärt habe, woraus u.a. folgt, daß sie auf der Website von „kunst ost“ keine Kommentare mehr posten können.

Diese Situation wurzelt in einem Korrespondenzverlauf der Kommentare zu meiner kleinen Reflexion „fahrten südost #2“ [link] Dem war die Notiz „fahrten südost“ [link] vorangegangen, was alles — die Fahrten und die Reflexionen — mit unserer „Šok alijansa“ [link] zusammenhängt.

Es ist also ein anschauliches Beispiel, wie ein ernstes Thema zu einer Kontroverse führt, in der Leute auf einmal nicht mehr meine Argumente angreifen, sondern mich selbst. Dieser kleine, aber bedeutende Unterschied ist der eigentliche Gegenstand meiner jetzigen Ausführungen, weil uns das in der Gesellschaft, in der Politik und im Kulturbetrieb immer wieder unterkommt. Als Auslöser für Konflikte. Argumentiert jemand
+) zur Sache oder
+) zur Person?

Greift jemand die Argumente eines Opponenten an oder den Opponenten selbst? Weiß jemand Vorhaltungen zu begründen? Können diese Gründe belegt werden, etwa mit Zitaten? Auf welche Arten wird das via Web kommuniziert?

Das sind sehr grundlegende Fragen, deren Erörterung im Netzkulturbereich nützlich sein kann…

[šok alijansa / notes #2: überblick]

und dann 2050? #10

Einige Male im Jahr tagt das „Kuratorium für triviale Mythen“ [link] an wechselnden Orten und in wechselnder Besetzung. Diesmal, dem Thema sehr naheliegend, in einer Autobahn-Raststätte. Mich beschäftigt in der Sache zur Zeit vorrangig zweierlei. Die Zeit zwischen 1955 und 1960 sowie das Thema Masseproduktion für eine Massengesellschaft.

Techniker Michel Toson (links) und Fotograf Franz Sattler in der Startposition zu unserer Konferenz

Die zweite Hälfte der 1950er-Jahre war eine Ära beispielloser Massenmotorisierung. Das stellt sich in Debatten und Produktionen dar, die vom Motorrad zum Motorroller führen (Komfortgewinn) und damit das Thema „Rollermobil“ aufwerfen (kein Roller mehr, aber noch kein „richtiges“ Auto), um schließlich über den Fiat 600 zum 500 Nuova und so auch zum Grazer „Puch-Auto“ zu führen, die als Kleinwagen, aber „richtige“ Autos galten.

Bedingungen der Massenproduktion sind Grundlagen einer Preisgestaltung, durch welche die gemeinten Waren für breitere Kreise erschwinglich werden. Es mag banal wirken, wenn wir erörtern, ob eine Schraube mehr oder weniger an einem Auto etwas im Preis bewirkt. Aber das sind tatsächlich relevante Kategorien. Norbert Gall [link], Brand Manager von „Abarth Österreich“ [link], konzedierte, daß hier 3 Cent, dort 5 Cent und da 10 Cent eingespart in der Masse etwas bewegen würde.

Abarth-Brand Manager Norbert Gall, in den lauf der Dinge verstrickt

Michael Toson [link], Techniker bei „Magna Steyr“ [link], erzählte aus seinem Arbeitsbereich, daß in einer abschließenden Durchsicht an einem neuen Fahrzeug sehr wohl erwogen werde, ob man etwa ein Kabel doch noch so verlegen könne, daß sich ein Zentimeter Kabellänge einsparen ließe.

Wir haben mindestens seit a) dem Waffendrill der preußischen Armee und b) seit den Methoden der Effizienzsteigerung durch Henry Ford eine Reihe von menschlichen Zurichtungsverfahren erlebt, die unsere Lebensbedingungen sehr grundlegend veränderten.

Effizienzsteigerung, Beschleunigung, Massenfertigung. Ich hausiere schon eine Weile mit einem Zitat von Philosoph Peter Sloterdijk, der in „Weltverschwörung der Spießer“ meinte: „Wir erleben Vorgänge, die in ihrem ganzen Ausmaß erst durch unsere Nachkommen gewürdigt werden können. Summarisch gesprochen: Wir sind in ein Zeitalter der unmenschlichen Geschwindigkeiten eingetreten – und dieser Übergang läuft mitten durch unsere Lebensgeschichten.“ [Quelle]

Kein Konsumgut repräsentiert das in jeder Hinsicht so sehr, wie das Automobil. Seine Produktion wie seine Nutzung sind Ausdruck dessen, was Sloterdijk kritisiert. Das Geniale an diesem Fetisch, er löst auch noch Begehren in genau diesen Eigenheiten aus, statt uns darin zu beunruhigen, abzuschrecken.

Wir haben es da also mit einem sehr komplexen und problematischen Kulturgut zu tun. Damit werden wir demnach noch eine Menge Arbeit haben. Speziell hier in der „Energie-Region“, wo der steirische Automobil-Cluster [link] gleich ums Ecker präsent ist. Da haben wir einige Gelegenheit, zu überprüfen, welche Fragen das konkret für den Lebensalltag vor Ort aufwirft.

[2050: übersicht]

kww: Kommunikationslagen

Ich bleib noch ein Weilchen bei den Fragen nach dem Verhältnis zwischen Kulturbetrieb und Privatwirtschaft. Was ich von BEIDEN Seiten am häufigsten höre, ist die Variante: Kulturschaffende haben ein Projekt und fragen bei Wirtschaftstreibenden um Geld. Gibt es kein Geld, ist die Verständigung schlagartig zu Ende. Solche ersterbende Kommunikation hat das Zeug zum Selbstläufer. Ein fataler Effekt.

Gibt es eigentlich „Die Geschäftsleute“ und „Die Geschäftswelt“, wovon wir Kulturschaffenden dann diese oder jene Meinung haben? Ich glaub das nicht. Solange wir aber auf dem Kulturfeld keine differenzierten Ansichten aufgrund von profunden Einsichten zulassen, bleibt das alles diffus und damit klischeeanfällig.

Werner Weiß, Geschäftsführer der "aee-intec"

Eben saß ich mit einem recht kuriosen Unternehmer an einem Tisch. Werner Weiß ist einer von zwei Geschäftsführern des europaweit zweitgrößten Institutes, das sich mit Forschung und Entwicklungen im Bereich erneuerbarer Energie befaßt.

Weiß hat quasi berufsbedingt sehr interessante Ansichten darüber, wie Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zusammenwirken und was dabei zu beachten sei. Weiß betont die Wichtigkeit von Politikberatung, damit man politische Rahmenbedingungen mitgestalten kann. Und zwar vor dem Hintergrund, daß die Politik nach seiner Meinung eigentlich so gut wie alle Instrumente zur Gestaltung von Energiepolitik längst aus der Hand gegeben habe. „Energiepolitik macht nicht der Energieminister, sondern die großen Konzerne.“

Weiß konstatiert: „Die Politik ist dazu verkommen, den Staat wie eine Firma zu managen.“ Und er meint: „Politik muß die Märkte kontrollieren, nicht umgekehrt.“ Das sind bemerkenswerte Ansichten eines Mannes, der für sich selbst geklärt hat: „Ich muß doch nicht als Geschäftsführer das siebenfache Gehalt unserer Angestellten haben, nur weil das so üblich ist.“ Diesen Geist drückt auch der Betrieb als Konstruktion aus. „Die Firma gehört niemandem.“

Damit meint Weiß, er und sein Kollege Ewald Selvicka haben ausgeschlagen, daß der Betrieb in persönlichen Privatbesitz übergehe. Die Firma wird von einem Verein getragen, also einer „Rechtspersönlichkeit“ [link], die ihrerseits für manche der anfallenden Projekte eine GmbH als „Hilfsbetrieb“ besitzt. „Warum muß das jemandem gehören?“ fragt Weiß rhetorisch, „Es läuft so schon 20 Jahre gut.“

Ich kenne Weiß und Selvicka aus den Anfängen dieser Geschichte. Was einst als eine Selbstbaugruppe begann, die dieser Region Europas höchste Dichte an Solarflächen verpaßt hat, ist heute eine Firma, die kaum noch direkt in die Region herein wirkt, sondern hauptsächlich quer durch Europa aktiv ist, außerdem in Afrika und im arabischen Raum.

Übrigens! Die Partie ist momentan federführend beim Bau der größten solarthermischen Anlage der Welt im saudi-arabischen Riad. Da geht es um 36.000 m² Kollektorenfläche. Worauf ich nun hinauswill, ist die Betonung des Umstandes, daß Wirtschaftstreibende, Unternehmerinnen und Unternehmer, sehr verschiedene Gesichter und Rollen haben.

Manche von ihnen, wie die aee-intec-Leute, würde ich als Kulturschaffender jetzt nicht um Geld anhauen. Ich sehe sie als Verbündete im Ringen um einen würdigen Status quo dieser Gesellschaft. Und ich gewinne als Kulturschaffender, wenn ich sie immer wieder treffen kann, um mit ihnen offene Fragen zu debattieren. Die Beiträge zu einem fruchtbaren kulturellen Klima sind eben nicht bloß materieller Natur.

[Dieaee-intec] [kww: übersicht]

Quintett auf Reisen

Es war vor Jahren, als wir während eines „April-Festivals“ in der Region gerade eine Vernissage in Gleisdorf absolviert hatten. Danach fanden sich etliche von uns noch in einem Lokal ein, um den Abend dort ausklingen zu lassen. Unter den anderen Gästen waren auch einige Geschäftsleute des Ortes um einen Tisch versammelt. Das brachte eine Puppenspielerin in der Runde dazu, diesen Leuten quer durch den Raum zuzubrüllen: „Die Künstla hätt’n an Durscht!“

Tage später sprach mich einer der Unternehmer auf diese Situation an und fragte mich, ob wir eigentlich ganz bei Trost seien. Es ist auch für mich einigermaßen irritierend, daß doch recht viele meiner Leute die Rolle von Gauklern, Bittstellern und Bettlern selbst wählen, was sie zugleich lautstark beklagen.

Zwischen KMU und Global Player: MIchaela Knittelfelder-Lang und Christian Strassegger auf Besuch bei "Wollsdorf Leder"

Anders ausgedrückt, es herrscht in meinem Milieu nicht gar so viel Klarheit, was man unter „Begegnung in Augenhöhe“ verstehen könnte und wie es folglich dazu kommen solle.

Warum sollte mir jemand bei eine Deal entgegenkommen, wenn ich deutlich ausdrücke, daß ich eigentlich nur mit mir beschäftigt bin und den anderen gering schätze, womöglich verachte? Außerdem sind derartige Egozentrik-Nummern im Kunstbetrieb nicht mehr ganz State of the Art. Das Genie, welches allein durch seine Gegenwart höchste Aufmerksamkeit und Zuwendung verdient, ist etwas aus der Mode gekommen.

Für den Rest an Relevanz stehen wir Kunst- und Kulturschaffende in einer langen Reihe an; mit Leuten aus dem Bildungswesen, Gesundheitswesen, Sozialbereich etc. Überall ist die grundsätzliche Wichtigkeit des Metiers für den hohen Lebensstandard Österreichs prinzipiell außer Streit gestellt. Aber betreffs der angemessenen Budgetierungen kursieren krasse Auffassungsunterschiede.

Kulturschaffende schleppen ein bescheidenes Problem mit sich: Wir haben in den letzten 20, 25 Jahren kaum etwas getan, um einen breiteren gesellschaftlichen Konsens zu erwirken, daß das, was wir tun, wichtig sei. Ich sah gerade in diesem krisenhaften Jahr 2011 allerhand Beleidigtheit darüber, daß es diesen Konsens nicht gibt. Aber ich sah kaum adäquate Antworten auf diesen Status quo.

Das dominante Reaktionsmuster war eigentlich, anderen zuzubrüllen: „Die Künstla hätt’n an Durscht!“ Und obwohl etwa das steirische Landeskulturförderungsgesetz von 2005 ein durchaus klar verständliches Regelwerk ist, obwohl die Vergabepraxis seit Jahren keinen Zweifel läßt: Kofinanzierung ja, Vollfinanzierung nein!, kommen wir nicht in die Gänge, um den Weg von der Förderung zur Kooperation wenigstens einmal konzeptionell zu schaffen.

Kooperation, das würde voraussetzen, mein Gegenüber weder tendenziell noch generell abzulehnen. Das würde auch voraussetzen, jeweils jenem „System“, mit dem man kooperieren möchte, grundsätzlich zuzustimmen. Momentan haben wir die ans Neurotische grenzende Situation, daß wir jene, die uns Ressourcen verfügbar machen, lieber ablehnen und notfalls attackieren, als sie an unsere Tische zu bitten.

Strikt KMU: Der Apotheker Richard Mayr (links) und der Ingenieur Andreas Turk

Das hat natürlich auch seine Entsprechungen hinter Gardinen, Vorhängen, verschlossenen Türen. Dort geht es dann weit weniger radikal und kämpferisch zu. Das führt zu wenisgstens zwei völlig verschiedenen Kommunikationsstilen und –inhalten einzelner Personen. Zum eigenen Milieu hin widerborstig, in widerständischer Attitüde, aber „to make a living“ bleiben dann ja nur der Markt, der Staat und das „Hotel Mama“. Also zum anderen Milieu hin verbindlich und vielleicht etwas verbogen.

Muß man die Gabe der Prophetie haben, um das für aussichtslos bis irreführend zu halten?

Klischees, Ressentiments, Feindbilder; kennen wir, haben wir. Es ist ganz bemerkenswert, was sich dagegen finden und erfahren läßt, wenn man loszieht, um Gespräche zu führen, die vorerst einmal überhaupt zu brauchbaren Annahmen führen sollen, wer es da mit wem auf welche Art zu tun bekommt. Wir haben dazu ein „Quintett auf Reisen“ formiert, welches sich dieser Mögllichkeit widmet.

Wir ersuchen darum, für einige Zeit Gäste sein und Fragen stellen zu dürfen. Es ist mehr als erstaunlich, was das auf beiden Seiten zu bewirken scheint.

P.S.:
+) Dieses „Quintett auf Reisen“ ist eine komplementäre Ebene zu „Kunst Wirtschaft Wissenschaft“: [link]
+) Es hat seinen Themenschwerpunkt momentan bei den „Tagen der agrarischen Welt“: [link]
+) Das ergibt auch Inputs für den Berech „Vision 2050“: [link]

Wir und wer?

Ich hab es in letzter Zeit öfter betont, wir müssen neu klären, wie sich der Kulturbetrieb zur Privatwirtschaft verhalten soll, vice versa. In der sogenannten „Provinz“ helfen uns urbane Konzepte aus den Zentren nichts. Die Bedingungen sind zu verschieden.

Es geht ferner darum, neu zu klären, warum, womit und wozu sich diese Lager verständigen sollen. Da gibt es derzeit viel zu viele unüberprüfte Annahmen. Meine Erfahrung zeigt mir ja nicht „Die Unternehmer“, sondern höchst unterschiedliche Persönlichkeiten, deren Orientierungen und Prioritäten eigentlich stets individuell erfahren werden müssen.

Was jenseits davon allgemeine Zusammenhänge wären, die sich den Genres „Die Wirtschaft“ und „Der Kulturbetrieb“ zuschreiben ließen, halte ich ebenso für klärungsbedürftig. Es steht für mich außer Zweifel, daß diese Klärungsprozesse zu fruchtbaren Ergebnissen führen können. Ebenso halte ich für evident, daß wir dazu einige Ressourcen einsetzen müssen und daß wir dafür Zeit brauchen. Es gibt in dieser Sache keine „schnellen Ergebnisse“.

Folgendes ist vermutlich da wie dort konsenstauglich und kann zur Ausstattung „erster Gemeinsamkeiten“ gehören: Wir übernehmen Verantwortung für ein vorteilhaftes kulturelles Klima in unserem Lebensraum. Ein stark entwickeltes kulturelles Klima erleichtert uns
+) die Alltagsbewältigung,
+) den Umgang mit besonderen Aufgaben.

Dies ist eine Zeit, die uns beides in hohem Maß abverlangt. Aber wie sollen so unterschiedliche Metiers und Genres zusammenwirken? Das zu lösen, sind sozio-kulturelle Agenda.

Bei aller Verschiedenheit von Aufgaben und Milieus, von Codes und Jargons, kann sicher auch das zur Ausstattung „erster Gemeinsamkeiten“ gehören:
+) Gibt es Fragen, die uns gleichermaßen interessieren?
+) Führt uns das zu Themen, die uns gemeinsam beschäftigen?
+) Lassen sich daraus Aufgabenstellungen ableiten, für die eine Bündelung unserer sehr unterschiedlichen Kompetenzen vielversprechend wäre?

In der Annäherung und Verständigung nützt uns sicher auch, wenn wir klären, welche Kompetenzen wir individuell zur Verfügung haben, die über unsere „primäre Zuständigkeit“ hinausreichen. Damit meine ich, daß ich ja nicht nur meine Profession repräsentiere, sondern auch ein Bürger bin, der als Teil des Gemeinwesens weiterreichende Ambitionen und Interessen hat.

Das halte ich für vorrangig klärungsbedürftig in Auftaktphasen der Annäherung:
+) Was sind meine berufsspezifischen Schwerpunkte und Fragen?
+) Was habe ich, darüber hinaus, als Privatperson an Interessen und Kompetenzen, die ich hier einbringen würde?

Ein konkretes Beispiel:
Ich bin von Beruf Künstler und bestehe da auch auf dem Prinzip der Autonomie der Kunst, wofür ich in künstlerischer Arbeit eigenen Regeln folge. Aber ich befasse mich ebenso mit anderen Themenkomplexen und den Inhalten anderer Berufsfelder. Darin folge ich NICHT den Regeln der Kunst.

Durch mein spezielles Interesse an Sozialgeschichte findet ich aktuelle Bezugspunkte zu jenen Themen angelegt, die das 20. Jahrhundert ausmachen. Das betrifft vor allem die Verhältnisse zwischen agrarischer Welt und Industrialisierung, das betont Mobilitätsgeschichte (Die Motorisierung einer Massengesellschaft) und das bearbeite ich in Fragen zum „Denkmodell Zentrum/Provinz“. Dazu kommt — übergreifend — meine Medien-Kompetenz bezüglich der Wechselbeziehungen zwischen Print, Radio und Internet.

Es sind vorrangig einmal solche Aspekte, über welche ich die Verständigung mit Wirtschaftstreibenden suche. Ob sich das dann auch in künstlerischen Optionen einlöst, muß der jeweilige Prozeß zeigen, falls es eben nach der Anbahnung zu Formen von Work in Progress kommt.

Für den Arbeitsbereich „Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft“ hat sich ein Quartett formiert, das solche Möglichkeiten bearbeitet. KWW auf Facebook: [link]

Zum großen Thema Mobilitätsgeschichte läuft momentan auf Facebook eine Leiste im Plauderton: [link]

Bezüglich Regionalentwicklung liegt für uns ein Arbeitsansatz in der Frage nach einer „Vision 2050“ (Projekt „iEnergy“): [link]

und dann 2050? #9

Ich bin ein Feind der Phrasendrescherei. Sie macht mir die Rufenden suspekt. Ich mißtraue jenen, die ihre Gründe nicht zu nennen bereit sind. Und wie sollten gute Gründe in beliebig befüllbaren Containersätzen verborgen sein? Was sollen abgenutzte Floskeln verdeutlichen? Es mag ja sein, daß Marktschreierei diesem oder jenem Geschäft sehr nützlich ist. In meinem Geschäft schadet sie.

Wir haben gerade ein Jahr der Klärungen durchlaufen. Klar ist vor allem, daß aktuell eine Menge Klärungsbedarf besteht. Wofür sollen sich Kunst- und Kulturschaffende selbst zuständig fühlen? Was haben sie mit Politik und Verwaltung zu verhandeln? Wie soll sich der Kulturbetrieb in unserem Bereich zur Privatwirtschaft verhalten?

Ich beziehe solche Fragen primär auf den Bereich jenseits des Landeszentrums, auf die sogenannte „Provinz“. Das hat mit kpmplexen Räumen und mit Wegstrecken zu tun, auch mit strukturellen Differenzen. Das hat mit großen Unterschieden der Milieus zu tun.

Wir haben hier, auf dem Lande, keinen Bevölkerungsanteil, der – ausreichend kulturaffin – ein Stück Grundkonsens verkörpern würde, daß es ein lebhaftes kulturelles Klima geben muß, welches angemessene Ressourcenausstattung verlangt. Was hier an nennenswert Kulturinteressierten wohnt, pendelt gerne in die nächsten Zentren, um Interessen zu befriedigen. Graz, Maribor, Wien …

Wir haben keine Kulturreferate und Kulturbeauftragten, die Kahlschläge von minus 70 bis minus 100 Prozent im Kulturbudget als ein ernstes Problem im Gemeinderat behandeln würden. Vieles weist drauf hin, daß es da und dort genau umgekehrt ist, daß bestehende Kulturbudget wird als Problem verstanden, seine Abschaffung als politische Leistung angesehen. Ich gehe noch weiter: Niemand hat uns gerufen. Niemand würde beklagen, wenn wir als Kulturschaffende demissionieren wollten.

Daß erfahrene Leute den realen Bedarf, auch auf dem Lande, ganz anders einschätzen und bewerten, gehört zu den gut gehüteten Geheimnissen unseres Metiers. Daß nun langsam Defizite der Regionalenwicklung offensichtlich werden, die auf soziokulturelle Mankos hinweisen, beginnt manchen aufzufallen. Mit Phrasendreschen und Marktschreierei wird nun in solchen Fragen nichts zu erreichen sein.

Was bedeutet nun „Professionalität“ in unserer Profession? Wie kommen wir vom Modus Förderung zum Modus Kooperation? Wie soll unser Verhältnis zur Privatwirtschaft angelegt sein? Wie mögen sich Ehrenamt und Hauptamt zu einander verhalten? Und als inhaltlicher Angelpunkt: Was ist die Gegenwartskunst im Kontrast zu anderen Genres?

[2050: übersicht]

Jahresende

Montage, Demontage, rein mit den Sachen, raus mit den Sachen, Ausstellungen sind und bleiben ein wesentlicher Teil regionalen Kulturgeschehens. Wir haben in Schloß Hainfeld nun das Feld geräumt. Für mich war es die letzte Station dieses Jahres: [link] 2011 erwies sich als ein Jahr, in dem die primäre künstlerische Arbeit weit zurückstehen mußte, um aktuelle Strukturprobleme abzuarbeiten, um wieder Stabilität zu erreichen, wo diverse Krisenentwicklungen der letzten Jahre unser Berufsfeld verwüstet hatten.

Ich habe diese Ausfahrt ins Schloß dann noch für ein ausführliches Arbeitsgespräch mit Künstlerin Eva Ursprung [link] genützt. Wir repräsentieren einen Bereich dieser Profession, in dem die Überlastung des eigenen Systems durch keinerlei Schonräume und Reserven abgefedert werden kann. Das bedingt schon für gute Zeiten, sehr konzentriert zu arbeiten und stets eine angemessene Balance zwischen primärer künstlerischer Arbeit, Management und betriebswirtschaftlich notwendigen Maßnahmen zu finden.

In Abschnitten außergewöhnlicher Belastungen des Kulturbetriebes ist das Belastungspotential manchmal erdrückend. Ich versuche, das so unaufgeregt wie möglich zu skizzieren. Zugleich sind präzise Darstellungen unserer Profession und unserer Berufsbedingungen von einer Menge Tabus umgeben; auch milieuintern. Das macht es relativ schwierig, diese Angelegenheiten kulturpolitisch zu verhandeln. Wenn es heute gelegentlich heißt „Die soziale Lage der Künstlerinnen und Künstler in Österreich“, dann ist damit ein extrem heterogenes Milieu gemeint.

Es ist in Österreich eher unüblich, in diesen Fragen Klartext zu reden. Ein aktuelles Beispiel, da mich ja in unseren kulturellen Vorhaben auch der Bereich der agrarischen Welt interessiert. In den Printmedien finden wir momentan Berichte, daß Bauerneinkommen um 12,2 Prozent gestiegen seien, die Situation der Branche sich stabilisiert habe. [Oberösterreichische Nachrichten] [Krone] Der Bauernbund relativiert gleich, zum Aufatmen sei kein Grund gegeben: [link]

>>In Europa verlief die Entwicklung sehr unterschiedlich: Die höchsten Einkommenszuwächse erzielten im Jahresabstand die irischen (plus 30,1 Prozent) und die slowakischen (plus 25,3 Prozent) Bauern. Am stärksten zurück gingen die Bauerneinkommen dagegen in Belgien (minus 22,5 Prozent) und Malta (minus 21,1 Prozent)<< [Die Presse]

Nun erfahre ich in den flott greifbaren Berichten weder, wie sich das zwischen bäuerlicher und industrieller Landwirtschaft aufteilt, noch was jetzt ganz konkret das Jahreseinkommen von Bäuerinnen und Bauern in dieser oder jener Situation ist. (Es soll einen Durchschnittswert von kaum mehr als 23.000,- Euro pro Jahr ergeben.)

So viel Unschärfe. Wo der Nebel des Rätselhaften Bestand hat, blühen auch Spekulationen und Unsinn. Ich denke, wir werden es vor allem für ein wirkungsvolles kulturpolitisches Engagement brauchen, klare Vorstellungen zu vermitteln, was unsere Profession ist und welche sozialen Bedingungen die Arbeit eher fördern oder eher erschweren.

Ich denke, wir müssen unbefangen über Geld reden, über Leistungsaustausch, über all das, was wir als Professionals tun und was es bewirkt.

2012 ist klar

Das kommende „April-Festival“ [link] ist nun nächster größerer Orientierungspunkt für die aktuelle Arbeitsweise bei „kunst ost“. Zentraler Angelpunkt des Geschehens ist eine „Location Crew“, eine in sich autonome Formation, die sich einem selbstgewählten Aspekt des Generalthemas widmet. (In Zukunft sollte es mehrere solche autonomen Einheiten geben.)

Irmgard Hierzer (links, neben Mirjana Peitler-Selakov) ist die Schlüsselperson der ersten eigenständigen „Location Crew“ von „kunst ost“

Die Kleingruppe hat sich gestern konkret formiert. Das bedeutet, hier ist ein künstlerischer Schwerpunkt fixiert, der NICHT als Sammelbecken für andere Interessierte dient, sondern ein Beispiel gibt, wie sich AUCH andere untereinander verständigen sollten, um einen Beitrag zum Generalthema zu erarbeiten.

Die „Location Crew“ ist dem Verein „kunst ost“ verbunden und bekommt von daher angemessenen Support. Einen anderen Modus demonstriert die „Malwerkstatt Gleisdorf“. Das ist eine völlig eigenständige Initiative von Kreativen, deren aktuelle Vorhaben im April 2012 einen Schnittpunkt mit unseren finden. Hier entsteht eine temporäre Kooperation mit „kunst ost“, die wir unter anderem in einer kleinen Kulturkonferenz einlösen werden. Siehe dazu: [link]

Im Themenzusammenhang „Tage der agrarischen Welt“ hat ferner ein „reisendes Quintett“ zusammengefunden, das augenblicklich mit Basisarbeit befaßt ist, mit Firmenbesuchen, bei denen erst einmal grundlegende Gespräche geführt werden. Schlüsselperson dieses Quintetts ist Karl Bauer. Siehe dazu den vorherigen Link und: [link]

Georg Enzinger und Michaela Knittelfelder-Lang

Einen speziellen Schwerpunkt ergibt unser wiederkehrender „Frauenmonat“ mit dem Fokus auf „Frauen, Macht und Technik“. Schlüsselperson ist dabei Mirjana Peitler-Selakov, die schon am Programm für 2012 arbeitet. Siehe dazu: [link] Damit ist unser Themenbogen, wie wir ihn für die Region definiert haben, konkret markiert: „Zwischen Landwirtschaft und High Tech“; siehe: [link]

So haben wir auch eine klare inhaltliche Orientierung für allfällige Beiträge zum regionalen Prozeß „Vision 2050“: [link] Dieser gedanklich Blick hinter nächste Horizonte berührt auch unsere Kooperation mit der „Sammlung Wolf“ (Schlüsselperson: Martin Krusche), in der wir über einen mehrjährigen Prozeß einen speziellen Akzent zum Thema Steirische Gegenwartskunst setzen möchten: [link]

Das werden wir im Herbst 2012 mit einem großen Symposion an die Öffentlichkeit tragen. Auf die Art ist der Jahreslauf 2012 nun einmal in Arbeitsvorhaben dargestellt. Wer auf diese oder jene Weise an der Mitwirkung Interesse hat, ist eingeladen, sich bei den laufenden Plenartreffen mit seinen/ihren Vorstellungen einzubringen. Die werden stets hier avisiert: [link]

Ich darf erneut empfehlen, sich für mögliche Vorhaben ganz eigenständig mit möglichen Kooperationspartnerinnen und -partnern in Verbindung zu setzen. Wir werden solche Kleingruppen gerne anlaßbezogen mit dem größeren Ganzen verknüpfen und gemäß unseren Möglichkeiten unterstützen.

Wovon handelt Kulturpolitik? #10

Ich darf kurz daran erinnern, daß ich den Begriff „Politik“ auf kulturgeschichtliche Art deute. Ursprünglich wurde darunter ein Wechselspiel zwischen „Polis“ und „Politiké“ verstanden, also (in heutiger Sprachregelung) zwischen Gemeinwesen und der Welt Funktionstragender.

Das war bloß in der Antike auf beiden Seiten eine gebildete und wohlhabende Minorität gegenüber einer Sklavengesellschaft. Heute sind wir ALLE zur Partizipation eingeladen, eigentlich: gefordert.

Zu diesem Verständnis von einem Wechselspiel zwischen Gemeinwesen und der Welt Funktionstragender bewegen wir uns aktuell ja, wenn wir aus den Gemeindestuben den Ruf nach BürgerInnenbeteiligung vernehmen, wenn Regionalentwicklung sich vor allem auch „bottom up“ ereignen soll. Regional bearbeiten wir so etwas zum Beispiel gerade im Themenbereich „Vision 2050“: [link]

In der allgemeinen Wahrnehmung und in gängiger Berichterstattung sind Kunstveranstaltungen, vorzugsweise Ausstellungen, vor allem als gesellschaftliche Ereignisse betont; und darin wiederum als „Präsentationsfläche“ für die Lokalpolitik. Das ist nicht an jedem Ort so, aber es ist ein dominantes Modell.

Damit offenbart sich dieser Modus als ein Kommunikationsmodell, das vor allem etablierten Deutungseliten zuarbeitet. Vom alten Hierarchieverständnis, das in regionalen Ortschaften Bürgermeister, Pfarrer, Arzt und Lehrer hervorhob, ist hauptsächlich das (lokal-) politische Feld als zelebrierbar geblieben. Dabei drängt sich im Extremfall alles ins Blickfeld, was einen Anspruch auf erhöhte Wahrnehmung durch die Bevölkerung pflegt. Das inkludiert gelegentlich sogar einen „Bürgermeister außer Dienst“, also jemanden, der genau NICHT Bürgermeister ist und demnach in solchem Zusammenhang keiner Erwähnung wert.

Ich gebe ein konkretes Beispiel der jüngeren Vergangenheit: Am 25.11.2011 hieß es in der„Woche“ von Hartberg: „Ausstellung Daniela Riedl im 44QM“ [Quelle] Der Text hat 1.284 Zeichen, Leerzeichen eingerechnet. Davon gehen 342 Zeichen, also rund ein Viertel des Textes, an die Aufzählung von Orts-Honoratioren, die ja nicht Thema des Abends und der Ausstellung sind:

>>Anlässlich der Vernissage konnte Kulturstadtrat Ludwig Robitschko neben Bürgermeister Karl Pack auch Bürgermeister außer Dienst Manfred Schlögl, Direktor Friedrich Polzhofer, die Leiterin des Kulturreferates Rita Schreiner, die Betreuerin des der Galerie 44QM Elisabeth Ringhofer sowie die Gemeinderäte Herwig Matajka und Heinz Damm begrüßen.<<

Eine derart ausufernde Okkupation des Raumes in öffentlicher Berichterstattung durch Honoratioren ist unakzeptabel, auch wenn leicht zu begreifen bleibt, daß Politik und Verwaltung mit den Ergebnissen ihrer Bemühungen natürlich öffentlich wahrgenommen werden möchten.

Ich mag es so sehen, daß hier Konventionen walten, Gewohnheiten, die Jahre und Jahrzehnte ohne Einwand geblieben sind. Eine zukunftsorientierte Kulturpolitik sollte auf solche Inszenierungen verzichten. Leute aus der Welt Funktionstragender sollten ihre eigene Rolle ernster nehmen und angemessen entwerfen, sollten auch die Rollen Kunstschaffender ernster nehmen und sie nicht auf die Ebene soziokultureller Transportmittel herunterstufen. In diesem Zusammenhang müßte wohl auch bei der Berichterstattung etwas mehr Orientierung an Inhalten gefordert werden. (Selbstredend, daß sich auch Kunstschaffende nicht den alten Formationen anbiedern sollten.)

In so einer zeitgemäßeren Ausrichtung spricht ja nichts dagegen, sich bei Eröffnungen und Präsentationen das Feld der Sichtbarkeit mit lokalen Funktionstragenden zu teilen. Da dieses Feld nicht grenzenlos ist, sondern eher beengt, eine knappe Ressource, vor allem auch in der Berichterstattung, wäre vielleicht genauer zwischen Politik und Verwaltung zu trennen.

Regionaler Spitzenreiter solcher Unschärfe ist sicher der Kulturbeauftragte G. K., also ein Angestellter, kein Politiker. Blättert man in den Zeitschriften eines Jahrganges, wird man feststellen, daß er sich permanent für die Fotos zurechtstellt, die von Kunstveranstaltungen künden, welche er bearbeitet hat. Seine markanteste Aktion der jüngeren Vergangenheit war ein Foto, auf dem er zu einer Ausstellung ein Bild des Malers in Händen hält, sich so fotografieren und ins Blatt rücken ließ, während der Maler selbst abwesend ist.

Rechnen wir es einmal auf Promi-Ebene hoch, damit deutlich wird, was ich meine. Nikolaus Harnoncourt dirigiert ein Konzert. Nicht der Bürgermeister, nicht der Kulturreferent, sondern ein Angestellter der Stadt, mit der Organisation betraut, läßt sich für die Berichterstattung mit Harnoncourt, ja sogar auch ohne Harnoncourt fotografieren. Das ist irgendwie nicht sehr einleuchtend.

Wir haben also einige Arbeit vor uns, um diversen Rollen und deren Verhältnis zu einander zu klären, um mögliche Neuordnungen solcher Verhältnisse zu erproben.

[überblick]