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agrarische welt: wie einiges zusammenhängt

ich wurde inzwischen mehrmals gefragt, wie ich denn auf das thema „agrarische welt“ gekommen sei. das ist eine geschichte in mehreren ereignis-sprüngen. der jüngste davon ereignete sich im sommer 2010, als ich mit tierarzt karl bauer das kosovo besucht hatte. das bescheidene level, mit dem die meisten bauern dort zurechtkommen müssen, entspricht, so bestätigte mir bauer, ungefähr dem, was der standard in der oststeiermark noch bis zum zweiten wetkrieg gewesen ist. (das hat mir eine menge fragen verursacht, auf die ich dort antworten bekam.)

mit tierarzt karl bauer zwischen kosovo und albanien

davor hatte ich das motiv schon in meinem „regionalen fahrtenbuch“ aufgegriffen: [link] dieser bereich unserer website trägt seit anfang 2010 das motto „zwischen landwirtschaft und high tech“. der grund ist naheliegend. das vormalige armenhaus österreichs, die oststeiermark, war erst nach dem zweiten weltkrieg durch verschiedene modernisierungsschübe zu jenem wohlstand gelangt, den wir heute kennen; und um den neuerdings wieder gefürchtet wird.

ich hatte im ersten eintrag des fahrtenbuchs das wappen von krottendorf werwähnt, in dem ähre und zahnrad diese bipolare situation symbolisieren: agrarisches und technisches. außerdem ist dort von einem zweibändigen werk die rede, das für mich schon für über 20 jahren jene orientierungshilfe ergab, durch welche mir diese region ein stück besser begreiflich wurde: „bäuerliches leben in der oststeiermark seit 1848“ von karl kaser und karl stocker.

ohne wenigstens kursorischer kenntnisse der soziokulturellenn zusammenhänge erschiene mir kulturelles engagement in der region sinnlos

zwischen diesen sehr verschiednen zugängen lag für mich die erfahrung, daß über den weg zur landesausstellung 2001 (“energie”) bis in die gegenwart eine legion von leuten in tourismus-büros, regionalmanagements etc. so allerhand flott dahinschrieben, was die region sei. dorch ein großteil dieser schilderungen, oft in aufwendigen print-produktionen publiziert, gibt eigentlich bloß sehr klischeehafte schilderungen in ausschnitten vom angeblich bäuerlichen und regionalen leben wieder.

wo wir uns heute um den kulturellen bereich einer eigenständigen regionalentwicklung annehmen und für diesen teil des gesellschaftlichen lebens relevante beiträge zu erarbeiten versuchen, muß einigermaßen klar sein, daß wir in der bloßen orientierung an stereotypen promt ins leere laufen und unnütz geld versenken würden.

wir können und wollen in der arbeit nicht ignorieren, was eben noch bestimmend, geradezu normativ im leben der menschen dieser region gewesen ist. was daran sozialgeschichtlich interessant erscheint, dazu erhielten wir gerade nennenswerte anregungen bei ersten „tag der agrarischen welt“.

all das bringt außerdem bezugspunkte zu gegenwärtigen problem- und aufgabenstellungen hervor. individuelle mobilität, verkehrskonzepte, ernährungssicherheit und die frage der nahrungsmittelqualität; vor dem hintergrund weltweiterfinanzkrisen und hochschnellender energie- wie nahrungsmittelpreise zur debatte gestellt.

das sind nicht notwendigerweise bevorzugte themen künstlerischer praxis. aber das sind fundamentale themen, auf denen sich kulturelles engagement aufbaut. und dabei ergibt sich dann durchaus, daß teilthemen und aspekte greifbar werden, die sich dann als künstlerische sujets nahelegen.

ich gehe inzwischen mit ganz anderen augen durch die zonen der agrarischen welt (dieses motiv hab ich allerdings aus dem norden von graz mitgebracht)

so werden wir also dem überaus komplexen thema „agrarische welt“ weiter nachgehen, werden auch interessante querverbindungen zur regional präsenten welt des high tech im auge behalten und in summe einiges beitragen können, was eine authentische vorstellung von dieser region ausmacht. genau DAS sind dann auch durchaus relevante rahmenbedingungen für ein künstlerisches geschehen und ein kulturelles klima, welches dieses künstlerische geschehen fördert.

— [das april-festival 2011] —

agrarische welt: reflexionen

historisch betrachtet: das bäuerliche leben war eine ständige schinderei, der mangel allgegenwärtig und die herrschaft konnte sich nehmen, was ihr zu nehmen beliebte. laufende dienste und abgaben. wenn unter den noblen geheiratet wurde, bedeutete das extra-steuern. wenn ihnen jemand wegstarb, war ein „besthaupt“ fällig, also das beste stück vieh aus den ställen der untertanen. (von krieg gar nicht erst zu reden.)

soziahistoriker robert f. hausmann machte uns mit einigen grundlegenden zusammenhängen vertraut

sie können quer durch österreich hotels finden, die „meierhof“ oder „alter meierhof“ heißen. lustig, daß sich die nachfahren von untertanen dort wohlfühlen sollen. meierhöfe waren einst stattliche wirtschaften der aristorkratie. da durften die bauern mit robot-leistungen zur sache gehen. frondienst, abgaben, sondersteuern …

sozialhistoriker robert f. hausmann gab uns beim „tag der agrarischen welt“ einen ersten überblick, was einige geschichtliche dimensionen des lebens in der region betrifft; und was zusammenhänge des wirtschaftens angeht. dem schloß sich kamillo hörner („volksbildungswerk steiermark“) mit deutungen der aktuellen situation an.

kamillo hörner ("volksbildungswerk steiermark") hatte eine annäherung an das thema landflucht vorbereitet

noch gegen ende des 19. jahrhunderts waren rund 90 prozent der bevölkerung im agarischen bereich tätig. heute sind es im grundlegenden sinn gerade einmal 2,5, insgesamt bis zu 5 prozent. dieser umbruch hatte seine größte schubkraft erst nach dem zweiten weltkrieg, als eine maschinisierung der landwirtschaft sowie neue saat- und düngemittel sich durchsetzten.

tierarzt karl bauer ging schließlich auf heutige produktionsweisen ein und auf aspekte der vermarktung. wenn man bedenkt, daß bei uns der großteil der lebensmittelversorgung von bloß drei handelsketten geleistet wird, kommt man schon etwas ins grübeln. was bedeutet das bezüglich preisgestaltung, qualität und versorgungssicherheit?

tierarzt karl bauer konzentrierte sich auf die themen nahrungsmittelproduktion und ernährungssicherheit

das sind einige der sachlichen bezugspunkte bei unserem ersten „tag der agrarischen welt“ gewesen, welcher auch von einer ausstellung kreativer aus der gemeinde gutenberg (im norden der „energie-region“) getragen wurde. dazu gehörte auch authentische volksmusik der formation „ob & zua“ (rund um christian nell).

es kam in wetzawinkel eine fülle von denkanstößen daher, die wir nach dem „april-festival“ reflektieren und in weitere arbeitsschritte einbringen möchten. gespräche vor ort haben schon gezeigt, daß wir daraus auch für künstlerische arbeiten anregungen beziehen.

eine klare gegenposition zum flachen und geistlosen geschrumpel im mainstream-radio: die gruppe "ob & zua"

obwohl ich mir diesen themen-fokus selbst gewünscht habe und ihn gemeinsam mit karl bauer erarbeiten konnte, war ich dann überrascht, wie groß die reichweite der teilthemen ist, um in unser aller leben hereinzureichen, und wie deutlich wir auf anhieb eben auch für künstlerische vorhaben bezugspunkte finden konnten.

wie im vorigen beitrag erwähnt, wir haben schon eine themenstellung für 2012: an: “leben: die praxis der zuversicht”

— [april-festival] —
— [die region: hofstätten/raab] —

was herauskommt

nun stecken monate arbeit in diesem „april-festival“. so viele inspirierte leute haben sich aufgerafft, mehr zu tun als nur das eigene werk zu promoten. und obwohl ich die ganze zeit mitten in diesen prozessen gesteckt habe, bin ich verdutzt, was sich mir alles zeigt. auch falle ich in manches, das sich plötzlich ereignet, wie ein fremder, ein gast, hinein.

durch eine verschiebung im programm ergab sich eine lücke in der gleisdorfer stadtbücherei, die nun herta tinchon mit einer kleinen auswahl an arbeiten bespielt

das sind ziemlich irritierende effekte, die mir zugleich große freude machen, weil sich darin eine ganz neue erfahrung andeutet. wir arbeiten zwar schon geraume zeit an der idee von „kollektiver kreativität“ und wie die sich ereignen mag, aber nun, wo sich das anscheinend stärker denn je einlöst, bin ich ziemlich überrascht, wie es sich anfühlt.

in diesen ereignissen tun sich mittlerweile auch unter den beitragenden stärkere kontraste auf als zuvor. da gibt es etwa eine künstlerin, die ein zehn jahre altes konzept aufwärmt und so schlampig umsetzt, daß die arbeit nach einer woche schon auseinandergefallen ist. gut, soll sein. andere haben sich dagegen auf die gesetzte themenstellung eingelassen und neue werke gründlich erarbeitet.

fotograf richard mayr scheint mi den ergebnissen seiner anstrengung zufrieden zu sein

da riecht man an bildern noch die frische farbe. da darf ich dabei sein, wenn jemand seine ergebnisse per post erhält, auspackt, vor freude strahlt, weil die arbeiten den hoch angesetzten erwartungen entsprechen.

da plaudere ich mit dem kunstsammler erich wolf, der sich stets umsieht, was an künstlerischen arbeiten in der region entsteht, und erfahre von ihm, wer sich in den letzten zwei jahren gut sichtbar gesteigert habe.

zurückhaltend mit kommentaren, aber stets mit wacher aufmerksamkeit am lauf der dinge: kunstsammler erich wolf

es ist also ein lebhaftes geschehen, das sich im kontext von „kunst ost“ entfaltet. immer mehr leute nützen merklich die gelegenheit, erstens von einem konzentrierten kunstgeschehen impulse zu beziehen und zweitens dann durch das eigene tun ihrerseits impulse zu geben. ein kurioses kräftespiel.

mit fotograf franz sattler hatte ich inzwischen ein plauder-stündchen, in dem etliche dinge auf den punkt zu bringen waren. eine seiner arbeiten („in der hitze der nacht“) ist nun gegenstand der erste karte in einer kleinen edition von kunstkarten, die ich voranbringen möchte: [link]

fotograf franz sattler tendiert zum reisen. wir werden also demnächst eine gemeinsame ausfahrt kunstschaffender realisieren.

ferner habe ich mit ihm erörtert, was ich davor schon mit kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov debattiert hatte. wir beginnen jetzt schon mit den vorbereitungen für das „april-festival“ 2012. die themenstellung geht noch näher an die menschen heran: „leben: die praxis der zuversicht“.

— [april-festival] —

april-festival: rundgänge

eine zweite führung durch gleisdorfs innenstadt, entlang der stationen des „april-festivals“, war von „irischen momenten“ geprägt. (ein gang durch belfast würde einen gelegentlich in wiederkehrende regengüsse geraten lassen, aber auch sonne und nebenbei einigen wind bescheren.)

fotograf franz sattler in allwetter-ausstattung

nina strassegger-tipl lotste die gäste zu den einzelnen stationen. diese weise, den alltag der menschen zu bespielen, geht übrigens auf eine konzentrierte form zurück, die wir vor einigen jahren als jene kompakte „bühne“ zu gestalten versuchten, die sich anlaßbezogen und temporär in der stadt entfalten möge. ich nannte das damals aufgrund der form der route „gleisdorf: ein L für die kunst“ [link]

die aktivitäten von „kunst ost“ handeln unter anderem von einem kontinuierlichen vertiefen der erfahrungen, wie wir mit der kunst auf einem terrain bestehen können, das nicht primär der kunstvermittlung gewidmet ist.

nina strassegger-tipl (links) und gleisdorfs bürgermeister christoph stark

darin hat gleisdorf allerdings eine besondere ausnahme. das „museum im rathaus“ ist sicher der attraktivste ausstellungsort in der region.  dort waren wir etwas spät am tage angelangt, weil es als schlußpunkt der runde angelegt ist. der arbeitstag im rathaus hatte längst geendet.

malerin irmgard hierzer (mitte) bei der erläuterung der arbeiten von michaela knittelfelder-lang

dabei machten wir die kuriose erfahrung, was geschieht, wenn das museum schon „scharf gemacht“ wurde. ein bewegungsmelder sprang auf uns an und im haus, außerhalb des hauses sowie im anschließende café ging ein ohrendbetäubender alarm los.

die geschichte endete mit einer plauderei, bei der uns zwei freundliche polizisten und ein mitarbeiter der gemeinde gegenüber standen. bürgermeister christoph stark, der sich zu der zeit schon bei freunden befand, um seinen geburtstag zu feiern, meinte, als ich ihm von unserem malheur berichtete, lachend: „ist mir auch schon passiert.“

[april-festival]

Verbeugung vor dem Leben

Wir nehmen gerne an, das Unglück würde in seinen schlimmsten Spielarten nicht an uns heranreichen. Das ist eine passable Sichtweise, um den Alltag zu bewältigen und sich nicht in latenter Schreckensstarre durch ein Leben zu kämpfen. Aber sollten wir nicht gleichzeitig gerüstet sein, dem Schrecken zu begegnen? Und falls ja, wie ginge das?

Von links: Wolfgang Seereiter, Elisabeth Scharang und Christina Seyfried gaben Gelegenheit, über individuelle Verantwortung für den allgemeinen Lauf der Dinge nachzudenken

In Extremsituationen entscheiden sich manche Menschen für die Liebe, andere für die Verachtung. Regisseurin Elisabeth Scharang besuchte Gleisdorf zu ihrem aktuellen Film Vielleicht in einem anderen Leben. Dieser Besuch wurzelt im Engagement des Lehrers Wolfgang Seereiter („Zukunft braucht Erinnerung“) und fand offene Türen bei Christina Seyfried, die im „Dieselkino“ für die Reihe „Kino anders“ verantwortlich zeichnet. Es lief ein Film, der anderen ästhetischen Erfahrungen verpflichtet wurde, als flotte Mainstream-Unterhaltung. Dazu das reale Kinoerlebnis von Raum (großer Saal) und mächtiger Oberfläche (stattliche Leinwand), worin man sich selbst völlig anderes erfährt als zuhause auf der Couch.

Die Geschichte wird von Scharang sehr ruhig und konzentriert erzählt. Ein SS-Offizier (Alexander Meile) führt ungarische Juden auf einem langen Fußmarsch Richtung Mauthausen in den Tod. Dieser Marsch ist historisch verbürgt und berührte zu Kriegsende auch den Raum Gleisdorf. Der junge Nazi begegnet in einem kleinen Dorf, wo Station gemacht wird, einem hohen Offizier der einst kaiserlichen Armee. Daß der alte Mann (Joachim Bißmeier) später den Selbstmord des jungen „Herrenmenschen“ entdecken wird, ergibt einen sehr zurückhaltenden, aber bissigen Kommentar zur jugendlichen Schnöselpartie der Barbaren unter dem Hakenkreuz. (Es sollte nicht vergessen werden, was wir in der Zweiten Republik als „Buberl-Partie“ von politischer Relevanz kennenlernen durften, hat historische Vorläufer.)

Ob es so angelegt war? Scharang bekennt, daß sie sich in ihrer Bearbeitung des Theaterstücks von Silke Hassler und Peter Turrini manche Freiheit genommen hat, der Geschichte da und dort einen anderen Fokus zu geben. Sie macht in ihrem Werk deutlich, wie nahe in menschlicher Gemeinschaft die Positionen beieinander liegen können, von denen aus Mitmenschen gerettet aus großer Gefahr gerettet oder zu „Gegenmenschen“ degradiert und ausgelöscht werden.

Damit reicht der Appell dieser Geschichte in unsere unmittelbare Gegenwart, weil man nach 90 beeindruckend Minuten ahnt, es könne jeden von uns treffen, sobald die Rahmenbedingungen einer Gesellschaft auf Sturm gebürstet sind. Scharang läßt keinen Zweifel, es liegt an uns selbst, zu entscheiden und zu verantworten, in welchen Verhältnissen wir leben und wir unsere Kinder aufwachsen sehen. Sie meint, es werde bestimmt interessant sein, in 20 oder 30 Jahren Antworten zu hören, wenn jemand fragt, was wir uns heute in Europa zum Lauf der Dinge gedacht haben.

Das karge Leben und das wortkarge Milieu in dem kleinen Dorf erscheinen mir als sehr authentische Darstellung dessen, was gerade noch die agrarische Welt gewesen ist. Es trennen uns bloß wenige Jahrzehnte von diesen lebenslangen Schindereien, die den meisten Menschen ein bloß bescheidenes Auskommen ermöglichten.

Dabei fällt auch diese weitgehende Unfähigkeit der Leute auf, eigene Gefühle auszudrücken. Wer diesen Bereich der Stille durchbricht, kann sich dafür schnell eine Zurechtweisung einfangen. Was muß alles geschehen, damit der Bauer (Johannes Krisch) seiner Frau (Ursula Strauss) sagen kann, es ausspricht, wie sehr ihm der Sohn fehlt, den ihnen der Krieg genommen hat?

Sehr konsequent erscheint der kurz angebundene Ortsgruppenführer (August Schmölzer), dessen Auffassung vom „Feind des Volkes“ sich bloß aus der verbrecherischen Ideologie der Nazi schöpft, während er die reale Begegnung mit den Juden vermeidet. Aus sicherer Distanz, die er für seine Vorurteile braucht, bringt er das Mordgeschäft, in dem der Film gipfelt, zur Vollendung. Diese radikale Art, eigene Düsternis auf andere abzuwälzen, ist nicht aus der Welt, hat sich nicht mit dem Ende des nazistischen Regimes aus unserem Leben verflüchtigt.

So gesehen erzählt der Film „Vielleicht in einem anderen Leben“ von einem äußerst akuten Gefahrenpotenzial, das zu jeder Zeit die passenden Klamotten an hat.

Fußnote: Mit Jean-Claude Larrieu [link] stand Elisabeth Scharang ein herausragenderKameramann zur Seite.

kunst ost in der praxis #4

es macht mir erhebliche freude, daß einige leute der „kunst ost“-community so genau verstanden haben, was zeichen der zeit sind und wie wir einige der defizite kompensieren können, welche uns durch aktuelle sparmaßnahmen verursacht wurden. dieses „april-festival“ ist ausdruck einer aktiven und einfallsreichen reaktion auf die budgetprobleme des landes und der kommunen.

gleisdorfs kulturreferent alois reisenhofer und kulturmanagerin nina strassegger-tipl (kulturreferent ist ein politisches amt, das von einer verwaltungsaufgabe unterschieden werden muß)

das bedeutet definitiv nicht, hier hätten bürgerinnen und bürger sich aufgerafft, politik und verwaltung aus ihren aufgaben zu entlassen. aber wir haben schon vor einer weile begonnen, neue modi und möglichkeiten der kooperation zu entwerfen, zu verhandelt und zu erproben.

im beitrag #2 zum thema „kunst ost in der praxis“ habe ich skizziert, welche situation der gemeinderat uns zeigt. gleisdorf, das muß betont werden, steht augenblicklich – im vergleich zu anderen gemeinden – noch ungewöhnlich gut da. und weil die fraktionen offensichtlich die situation möglichst stabil halen möchten, wurde in einigen bereichen kräftig auf die bremse gestiegen. das haben auch wir schmerzlich zu spüren bekommen.

winfried kuckenberger leitet das gleisdorfer "büro für kultur & marketing", repräsentiert also die VERWALTUNG, während kulturreferent reisenhofer für die POLITIK steht; das sind zwei verschiedene instanzen

auf der anderen seite ist allerdings ein ansatz gegeben, mit politik und verwaltung der stadt neue kooperationsweisen auszuloten. das nimmt uns leider nicht die bürde der erheblichen kürzung von mitteln, von ressourcen. da geht’s also nicht bloß um cash. in der „kleinen zeitung“ war eben zu lesen: „Denn, so Stark, sehr viele Serviceleistungen würden von der Gemeinde freiwillig erledigt, die eigentlich gar nicht Aufgabe der Gemeinde wären.“ gleisdorfs bürgermeister christoph stark bevorzugt klartext; siehe: „Soll die Gemeinde so viel helfen?“ [quelle]

wie läßt sich die veränderung also handhaben? wie lassen sich die aktuellen defizite kompensieren? ich hab im beitrag #3 das denkmodell von den „drei sektoren“ erwähnt: 1) staat, 2) markt und 3) zivilgesellschaft. ich bemühe mich, kooperations-situationen zwischen leuten aus diesen drei bereichen herbeizuführen: 1) politik &/ verwaltung, 2) wirtschaft und 3) privatpersonen, vereine etc.

gemeinderat karl bauer (links) und bürgermeister christoph stark repräsentieren zwei bereiche der politik der stadt

das „april-festival“ ist gewissermaßen unser „labor“ für diese perspektive. wie und wodurch können wir politik und verwaltung bewegen, in unsere vorhaben zu investieren? was führt dazu, daß wirtschaftstreibende sich auf unsere projekte einlassen? es scheint ansatzweise so zu gehen: relevante themenstellungen, prozeßhafte arbeit, also auch: kontinuität, ein mindestesmaß an selbstorganisation, also auch: selbstverantwortung, all das in einem zusammenwirken von hauptamt und ehrenamt, also von bezahlter und unbezahlter arbeit.

das bedeutet in summe, den stellenwert von kooperationen höher anzusetzen und teilbereiche zu professionalisieren; im sinne von: engagement und abläufe etwas effizienter gestalten, damit die knapperen mittel besser genutzt werden können.

mir ist aufgefallen, daß manche unserer leute keine trennschärfe zwischen künstlerischer praxis und vermittlungsarbeit aufbringen. so habe ich etwa die kuriose vorhaltung gehört, eine themenstellung würde die „künstlerische freiheit“ einchränken. oder ich erlebe, daß eine künstlerin jemandem im projekt für ihre dienstmagd hält und entsprechend fordernd agiert, ohne selbst etwas erkennbares für das „größere ganze“ beizutragen.

diese unschärfen werden sich noch abarbeien lassen. wie angedeutet, es ist zweierlei, a) als kunstschaffende ein werk zu erarbeiten und b) sich für die kunstvermittlung, die publikation von werken zu engagieren, also etwas beizutragen, damit es so ein kulturfestival gegeben kann, eine serie von veranstaltungen, die koordiniert, organisiert und beworben werden müssen.

ich schreibe hier von zweierlei: von momenten kollektiver kreativität und von zukunftsträchtigen kooperationen engagierter leute aus den drei erwähnen sektoren. die individuelle künstlerische position und freiheit bleibt davon ja unbelastet. als freelancer weiß ich gut genug, daß marktlage und kulturpolitischer status quo natürlich großen einfluß auf meine individuelle situation haben, daß meine möglichkeiten als freischaffender künstler davon sehr wesentlich mitbestimmt werden.

aber eine „regionale kulturpolitik“, die über einzelne gemeindegrenzen hinausreichen würde und mit deren funktionstragenden wir unsere bedingungen verhandeln könnten, gibt es noch nicht. vielleicht bietet das „labor april-festival“ einen ansatz dazu …

— [übersicht] —
— [april-festival] —

kunst ost in der praxis #3

wo kein zweifel besteht, daß sich „die zeiten“ ändern und der lauf der dinge neue bahnen findet, sollte es einleuchten, daß wir als kulturschaffende nicht über jahrzehnte im gleichen modus und mit den gleichen strategien agieren können. klar? klar!

aber was bedeutet das für unsere praxis? wir erinnern uns an den „alten modus“. kunstschaffende erwarten von der wirtschaft sponsorgelder und von der politik subventionen. (nur ein bruchteil von uns kann sein jahreseinkommen auf dem freien markt lukrieren.)

das hat erstens eine starke tendenz zur antiquiertheit und ist zweitens ein urbanes modell. in der „provinz“, in ländlichen regionen, gibt es dafür zwar gelegentlich beispiele, aber es ist keineswegs ein prominenter modus, auf den wir uns je hätten verlassen können.

nina strassegger in der "heiligenschein-ecke" beid er eröffnung des "april-festifals" 2001

urbane konzepte lassen sich in dieser sache nicht auf ländliche regionen übertragen. außerem ist dieses modell der sponsorengelder plus subventionen das echo einer (groß-) bürgerlichen kulturvorstellung, die ihrerseits mindestens von der pop-kultur schon vor jahrzehnten gründlich überrannt worden ist.

es gibt zwar heute noch verschnarchte spaßvögel, die tief in der oststeiermark mit dem begriff „hochkultur“ operieren, das erweist sich aber gar nicht so selten als die markierung einer traurigen provinz-kopie des städtischen kulturbetriebes in längst versunkener fassung; also – wie angedeutet – die kopie eines antiquierten konzeptes.

auf solchen pfaden ist nichts interessantes zu erringen. es reicht da bestenfalls, daß sich ein milieu der „provinz-bürgerlichkeit“ vor ort auf jene arten inszieniert, wie es die dinge gesehen hat, wenn es zur stillung kultureller bedürfnisse ab und zu nach graz oder nach wien, vielleicht sogar nach salzburg und wahrscheinlich nach mörbisch gefahren ist.

kein einwand! mich interessiert dieser teil des geschehens bloß nicht und bei „kunst ost“ könnte solches geschehen keinen referenzpunkt ergeben. wir haben gerade das „april-festival“ 2011 mit einer satten session eröffnet. es ist aktueller ausdruck dessen, woran wir arbeiten; kulturell, künstlerische und kulturpolitisch.

das werte publikum erwies sich als durchaus belastbar, wo doch bei der vernissage eine nennenswerte wegstrecke durch gleisdorf bewältigt werden mußte

die gezeigten werke reichen von ambitionierten bastelarbeiten über stücke, die im bereich kunsthandwerk geltung hätten, zu bereichen der „voluntary arts“, bis hin zu exponaten, die man der gegenwartskunst zurechnen darf.

wir hatten nun über mehrere jahre im engeren kreis debatten, ob das genauer formuliert und formiert werden sollte. nein, die notwendigkeit dazu hat sich nicht herausgestellt. einerseits konzentrieren sich die genres im rahmen der nun eingeführten „location crews“. das heißt, was zusammenpaßt, findet auch meist zusammen, da und dort erzeugt der kontrast des verschiedenen auch besondere reize.

andererseits führt diese verbindung diverser genres in einem gemeinsamen vorhaben, in einer gemeinsamen „erzählung“, durchaus zu wechselseitigen anregungen. in summe dürfen wir damit rechnen, daß die durchmischung sehr verschiedener kreativer leute und ebenso verschiedener publikumskreise einen wichtigen beitrag ergibt, um ein kulturelles klima zu erzeugen, das diese bezeichnung wert ist. bleibt noch ein wesentlicher aspekt in dieser sache zu erwähnen: kontinuität!

zurück zu den ersten absätzen dieses beitrages; „alter“ und „neuer“ modus? statt nun das rollenangebot „energisch fordernder bittsteller“ zu übernehmen, um von der wirtschaft sponsorgelder und von der politik subventionen zu erhoffen, setze ich auf die möglichkeit der KOOPERATION. dabei geht es mir um die kooperation von drei sektoren: 1) staat, 2) markt und 3) zivilgesellschaft.

das aktuelle „april-festival“ bildet diesen arbeitsansatz schon sehr deutlich ab. daraus hat sich schon ein klarer nutzen ergeben. trotz krisenhafter entwicklungen in der steiermark und unserer momentanen position zwischen „low budget“ und „no budget“ erweist sich das heurige programm als umfassend und inhaltlich äußerst relevant.

wie das gegangen ist? wir danken es vor allem den „schlüsselpersonen“ und einigen engagierten leuten aus allen DREI genannten sektoren, die im zusammengreifen dieses gesamtergebnis generiert haben.

— [übersicht] —
— [april-festival] —

agrarische welt

wir führen in der oststeiermark erst recht kurze zeit ein überwiegend urban geprägtes leben mit dem standard eines wohlhabenden landes. städtische lebensweise hat ihre spuren auch in ruhige winkel des landes getragen.

aktuelle wirtschaftliche und strukturelle umbrüche legen nahe, unsere vorstellungen zu überprüfen: was IST diese region? und wie ist es in so kurzer zeit dazu gekommen? hierbei nützt ein wenigstens flüchtiger blich in die geschichte.

was geschah, als die bauern plötzlich eigentümer des landes wurden, das sie bebauten? die gesetztliche grundlage dazu ist nicht gar so alt. es geschah 1848. (damals entstanden auch die jetzigen bezirkshauptmannschaften.)

sozialhistoriker robert hausmann ist ein profunder kenner jener entwicklungen, die unserer gegenwärtigen lebensart unmittelbar vorausgegangen sind

wie wirkte es sich auf die oststeiemark aus, als die eisenbahn fertig war und plötzlich billiges getreide aus ungarn verfügbar wurde? was ereignete sich, als im ersten und auch im zweiten weltkrieg die traditionellen selbstversorger-landwirtschaften den zwang erlebten, nun für den markt, also für andere produzieren zu müssen?

wer weiß noch, daß elektrizität und fließwasser in den meisten häusern erst NACH dem zweiten weltrieg eingeleitet wurden? wem ist bewußt, welche veränderungen in genau jener zeit plötzlich traktoren, düngemittel und neue futter-arten brachten?

das sind eine menge offene fragen hinter jenem annehmlichen lebensstil, den wir augenblicklich genießen und der hier, jenseits von graz, in vielen bereichen längst wieder bedroht ist. 1848, 1918, 1946, einige historische markierungen in den rund 160 jahren, die das leben unserer leute radikal verändert haben.

foto-künstler christian strassegger erforscht in einem mehrjährigen prozeß den statu quo der region auf visueller ebene

sie ahnen vielleicht, diese kleine skizze beruht auf einem gespräch, das ich gerade mit dem sozialhistoriker robert f. hausmann geführt habe. er war schon einmal so freundlich, für eines unserer projekte einen vortrag zu erarbeiten, der von den historischen hintergründen eben dieser zeitspanne handelte.

diesmal wird er für unseren kommenden „tag der agrarischen welt“ das thema „landwirtschaft. vom gestern zum heute“ faßbar machen. wir sind nämlich in unserer mentalität nicht so „modern“ wie in unserem lebensstil. es dürfte also nützlich sein, jene lebens- und arbeitsbedingungen zu betrachten, von denen unsere leute über hundert generationen geprägt wurden.

— [tag der agrarischen welt] —
— [april-festival] —

kunst ost in der praxis #2

kulturschaffende sollten wissen, woran sie sind und von welchen rahmenbedingungen ihr tun umgeben ist. dazu gehört auch eine wenigstens kursorische kenntnis der wirtschaftlichen situation einer kommune und der politisch aktuell gesetzten themenschwerpunkte.

weder geld noch guter wille reichen, um in einem gemeinwesen allen grade vorhandenen bedürfnissen entgegenzukommen. die jeweiligen prioritäten innerhalb eines jahres werden folglich von der politik vor ort bestimmt. die politische willensbildung ist naturgemäß nicht in allen aspekten nachvollziehbar. sie ereignet sich ja primär innerhalb der fraktionen.

ein teil der gemeinderats-sitzungen ist öffentlich zugänglich. waren sie schon einmal dort?

es wäre natürlich denkbar, daß auch außerhalb solcher gremien, in bereichen der zivilgesellschaft, politischen willensbildung stattfindet und auf die etablierte politik einwirkt. im kulturbereich hab ich das hier aber noch nicht erlebt. (wenn man von „kunst ost“ absieht, das im kern ein beispiel genau dafür ist.) da dominieren die individuellen partikularinteressen, die von vereinzelten leuten vorgebracht werden; naturgemäß mit wenig politischer wirkungskraft.

in der umsetzung wird politisches wollen meist an transparenz und überblickbarkeit gewinnen, weil ja fachausschüsse beauftragt sind, die themen für den gemeinderat aufzubereiten. dabei kommen im besten fall nicht nur alle fraktionen mit ins spiel, sondern die lokalpolitik wird auf angemessene kommunikation nach außen achten.

damit wir an der basis einer kulturinitiative nicht im trüben fischen müssen, damit der „blindflug“ sich solchen zeiten umfassender konfusion einschränken läßt, habe ich gerne laufend das ohr am puls dieser stadt. ich hatte bisher noch nicht das gefühl, der bürgermeister würde uns wesentliche informationen vorenthalen. es ist feilich ein komplexes kommunikationsverhältnis, momentan auf jeden fall sehr viel komplizierter als in vergangenen jahren. (ich erzähle später, was damit genau gemeint ist.)

bürgermeister christoph stark montierte im sitzungssaal eine unserer "kunst ost"-kultur-steckdosen

eben fand in gleisdorf die erste gemeinderatssitzung des jahres 2011 statt: [link] ein teil dieser zusammenkünfte ist öffentlich zugänglich, kann also von jeder interessierten person besucht werden. eine gelegenheit, die ab und zu genutzt werden sollte. man sieht, mit wem man es politisch zu tun hat, bekommt einen eindruck von arbeitsklima und stimmung im gemeinderat.

die auftakt-sitzung von 2011 war ein gesellig wirkendes arbeitstreffen, in dem gute laune vorherrschte. ich tippe auf zwei wesentliche gründe. einerseits müssen die fachausschüsse gründlich vorgearbeitet haben. falls es da und dort anlaß zu differenzen gab, sind sie offenbar im vorfeld schon bearbeitet worden. andrerseits konnte ein ausgeglichener abschluß des 2010er-haushaltes vorgelegt werden: [link]

das bedeutet, zum jahresende deckte sich die reale situation weitgehend mit dem voranschlag. was in manchen ecken an mehraufweand angefallen war, konnte durch verschiedene einsparungen und vergünstigungen kompensiert werden, ganz wesentlich aber durch ein erhöhtes abgaben-aufkommen seitens der gleisdorfer wirtschaft.

das alles bedeutet nicht, jemand hätte nun der kultur einen roten teppich ausgerollt. aber es ist schon ein bescheidener vorteil, trotz bereits vollzogener kürzungsschritte, die wir erfahren haben, mit kulturellen vorhaben nicht gleich in eine mauer der abwehr zu rennen. schauen wir also, was sich aus der situation machen läßt …

p.s.:
ein exemplar unserer von christian strassegger entworfenen „kultur-steckdosen“ ist nun auch im großen sitzungssaal des gleisdorfer „service-centers“ zu finden.

— [übersicht] —

talking communities #5

die worte sind nicht das, was sie bezeichnen. also können wir die dinge ganz beliebig benennen. nichts zwingt uns, an bestimmten begriffen festzuhalten. aber wenn in meinem umfeld nicht bekannt ist, was ich mit welchen worten bezeichne, haben wir ein verständigungsproblem.

kaum ein bereich menschlicher selbstvergewisserung entfaltet sich so radikal zwischen derlei übereinkünften und deren möglichen gegenteilen, wie die kunst. damit meine ich, nie sind wir uns der bedeutungen und der begriffe sicher. genau darin liegen die möglichkeiten für enorme erfahrungen.

diese wunderbare unschärfe mag in den bereichen der künstlerischen praxis und der kunstrezeption vorrangig sein. für fragen der kunstvermittlung und der kulturpolitik brauchen wir es temporär meist etwas genauer.

ich betone das temporäre, weil ich darauf bestehen muß, daß keine der übereinkünfte in dieser sache als zeitlos festgeschrieben gelten darf. wir haben stets neu zu verhandeln, was womit gemeint sei.

medienkünstler niki passath eröffnet unsere serie "was sagen kunstwerke?"

dieser grundlegenden forderung (für eine zeitgemäße kulturpolitik) ist unsere reihe „talking communities“ gewidmet. sie hat vorerst zwei bereiche, die einander ergänzen sollen.

den einen bereich bespielen wir mit der reihe „was sagen kunstwerke?“. dazu laden wir kunstschaffende ein, sich mit einem interessierten publikum über ein konkretes werk aus ihrem oeuvre auseinanderzusetzen.

das geschieht heuer erstmals im rahmen des „april-festivals“, wo medienkünstler niki passath sich bereit erklärt hat, den auftakt zu übernehmen.

heimo steps, derzeit vorsitzender des steirischen förderbeirates, wird bei unserer "konferenz in permanenz" einige grundlagen der kulturpolitik darlegen

den zweiten bereich lösen wir über debatten zu verschiedenen teilthemen ein. dazu hat sich heimo steps bereit erklärt, mit uns die intentionen des landeskulturförderungsgesetzes zu erörtern. (steps hat vor einiger zeit grundlagen zum aktuellen steirischen gesetz erarbeitet. er leitet momentan den steirischen förderbeirat.)

wir werden also gelegenheit finden, aus erster hand zu erfahren, wie solche fragen im bereich von politik und verwaltung behandelt werden. in summe liegt mir daran, daß wir über gesprächssituationen und laufende diskurse klären, in welchen konkreten zusammenhängen sich unser kulturelles engagegment und künstlerisches tun entfaltet.

— [talking communities] —
— [april-festival] —