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kunst ost in der praxis

durch welche verfahrensweisen läßt sich für den kulturbereich in der heutigen situation terrain halten? wir haben gerade erlebt, wie radikal sich der rückzug der öffentlichen hand vollzieht, wenn budgets einbrechen und strukturen wanken.

das aktuelle krisenmanagement war für uns überhaupt nur mit privatem einsatz von arbeitskraft und geld zu bewältigen. ansonsten wäre „kunst ost“ nun den bach hinuntergegangen. für mich schien vorrangig, das heurige „april-festival“ zustande zu bringen. das ist nach innen eine prüfung, was unser konzeptioneller arbeitsansatz taugt.

medienkünstler niki passath ist beim kommenden "april-festival" unser erster gast in der neuen diskussions-reihe "was sagen kunstwerke?"

nach außen soll es ein signal sein, das den verantwortlichen aus politik und verwaltung demonstriert, was das kollektiv zu leisten imstande ist; inhaltlich und in der umsetzung. da bewährt sich nun jener prozeß aus mehreren jahren, in dem wir klären konnten, was alles NICHT geeignet ist, einen modus kollektiver kreativität voranzubringen.

dank dieser praktischen erfahrungen können wir uns heute in hohem maße auf jene schritte konzentrieren, die sehr vielversprechend erscheinen.

wir haben 2006 begonnen, ein setup herauszuarbeiten, welches aktuell stabilität bringt, wo sich in den letzten monaten – mangels verfügbarer budgets – einige mögliche kooperationspartner schlagartig verflüchtigt haben.

es war wichtig, für „kunst ost“ eine neue „basis-crew“ zu formieren, die sich so einer aufgabe gewachsen sieht, und – wie erwähnt – das „april-festival“ 2011 sicherzustellen. eine idee, ein handlungsplan, etwas geld und einige engagierte leute, die auch bereit sind, unbezahlte arbeit einzubringen.

das hat sich als leistungsfähige „grundausstattung“ erwiesen, um den aktuellen umbruch zu bewältigen. von hier aus sollte sich ein status erarbeiten lassen, der einen passablen mix von ehrenamtlicher und hauptamtlicher kulturarbeit ermöglicht.

das packen wir vor dem hintergrund einer mittefristigen entwicklung des inhaltlichen horizonts, dem sich „kunst ost“ widmet, an. das bedeutet, aus dem erst skizzenhaft entworfenen themenbogen „zwischen landwirtschaft und high tech“ haben wir nun konkrete inhaltliche arbeitsansätze, die von sehr verschiedenen personen mitgetragen werden.

sach-promotoren im umfeld von "kunst ost" (von links): tierarzt karl bauer, volksmusikant christian nell und kamillo hörner vom "volksbildungswerk steiermark"

ich habe die ganze situation am denkmodell der „drei sektoren“ orientiert. dabei ist keine hierarchische anordnung vorgesehen. ziel dieser orientierung ist eine kooperation von sachkundigen leuten aus den drei sektoren staat, markt und zivilgesellschaft. also
1) politik und verwaltung,
2) wirtschaft und
3) kulturschaffende als einzelpersonen wie als teil von vereinen.

das aktuelle „april-festival“ bildet diese vorstellung schon sehr konkret ab. die inhaltliche entwicklung haben wir in rund einem dreiviertel jahr kontinuierlicher themenarbeit realisiert: [link]

zur „basis-crew“ (krusche, peitler-selakov & strassegger-tipl) kamen heuer autonome „location-crews“ und (aktuell in erprobung) einige „labor-gruppen“. in dieser situation kommt den verantworlichen „schlüsselpersonen“ eine wesentliche rolle zu: [link]

sie sind nicht nur bindeglieder zwischen der „basis-crew“ und den verschiedenen autonomen formationen eines größeren vorhabens, sie sind auch garanten für eine vielfalt in den zugängen und verfahrensweisen.

das bedeutet, wir nehmen die „praxis des kontrastes“ sehr ernst. und wir sind gestimmt, die vereinbarkeit dieser komtraste zu demonstrieren. das bezieht sich übrigens auch auf die vier genres, die wir integrieren: alltagskultur, kunsthandwerk, voluntary arts und gegenwartskunst [link]

überdies haben wir, was die annäherung zwischen kulturschaffenden und wirtschaftstreibenden angeht, auch einen modus entwickelt, der sich inzwischen als sehr tragfähig erweist … siehe dazu den beitrag im licht zu kontrasten„!

— [april-festival] —
— [übersicht] —

im licht zu kontrasten

manchmal ist ein hartes licht nötig, um in den aufkommenden kontrasten zu sehen, wo man steht. als kulturschaffende sind wir launige „beleuchter“ …

die flache kultur-steckdose stammt von fotograf christian strassegger, der auch das heurige cover-motiv für unser „april-festival“ geliefert hat. mit ihm habe ich eben ein längerfristiges teil-projekt von „kunst ost“ erörtert, das am nun ersten tag der agrarischen welt anknüpft.

die „kultur-steckdose“ von christian strassegger

es geht uns um die „sichtbarmachung“ der rationalen und emotionalen zusammenhänge, in denen sich die oststeiermark zu ihrem gegenwärtigen status herausgebildet hat; vor dem hintergrund ihrer komplexen sozialgeschichte. das hier schon skizzierte spannungsfeld zwischen agrarischer welt und high tech ergibt dabei eine spezielle herausforderung.

wir streben einen prozeß an, der sich deutlich vom werbeagentur-geschwätz unterscheidet, durch das uns nun schon so oft der blick auf unseren lebensraum verstellt wurde. das handelt dann zum beispiel auch von motiven, wie sie mir der vormalige bauernbub sepp gauster geschildert hat. eben noch ist gleisdorf ein „straßendorf“ gewesen, von landwirtschaften geprägt, die teils nur ein sehr karges leben erlaubten.

unternehmerin jaqueline pölzer und der vormalige bauer sepp gauster

gauster hat seinerzeit die kleine landwirtschaft, der er entstammt, hinter sich gelassen, ist der agrarischen welt aber stets verbunden geblieben. unternehmerin jaqueline pölzer ist einen umgekehrten weg gegangen. sie erschloß sich mit ihrem mann tino vor einigen jahren ein stück eben dieser agrarischen welt.

pölzers betrieb, in dem essig und senf erzeugt werden, ist zugleich seit jahren immer wieder ereignisort kultureller vorhaben: [link] ein weiterer bezugspunkt für uns, um formen einer kooperation im kulturbereich zu erproben, die nicht auf antiquierte art davon handeln, daß „wir“ von den „geldigen“ geld erbitten, um etwas realisieren zu können; in solchen klischeehaften polarisierungen würde hier nichts interessantes entstehen.

es geht statt dessen um das ausloten von kooperationsformen, in denen die beteiligten ganz unterschiedliche rollen finden. unsere station bei pölzer ist dem „kuratorium für triviale mythen“ gewidmet: [link]

unternehmer richard mayr beim finish für seinen ausstellungsbeitrag

völlig anderer art ist die kooperation mit apotheker richard mayr und zwei weiteren gleisdorfer unternehmern (franz lukas und andreas turk). sie sind selbst als kreative in das „april-festival“ eingestiegen und haben miteinander eine komplexe reflexion über den lebensraum gleisdorf erarbeitet.

diese verfahrensweisen bezwecken nicht bloß künstlerische ergebnisse, sondern haben auch den zentralen sinn, daß höchst unterschiedliche akteurinnen und akteure mit einander zu einer kulturellen praxis finden, die ja konkret erprobt werden muß.

dieser erfahrungsprozeß handelt von vollkommen verschiedenen positionen, interessenschwerpunkten und lebensstilen. eben dieser kontrastreichtum bildet ja etwas davon ab, was diese region real ausmacht.

— [april-festival] —

umbrüche

die kälte ist gebrochen, der winter scheint sich zurückzuziehen. die unruhe in der landespolitik korrespondiert mit einiger nervosität auf regionaler ebene. von bürgermeistern kann man erfahren, daß etwas wir kampfstimmung aufkommt. der anlaß dafür sind momentan gar nicht so sehr die finanzprobleme des landes, sondern die damit verknüpften ideen neuer gemeinde-zusammenlegungen.

herta tinchons personale im gleisdorfer "MIR" wird vom "april-festival" abgelöst

ein künstlerischer kontrast zu all dem trubel: heute ist noch ein letzter besuch der personale von herta tinchon im gleisdorfer „MIR“ möglich. (siehe dazu auch: querschnitte„!) bald wir dort für unser „april-festival“ aufgebaut. vor „mayr’s tee & design“ künden schon die ersten plakatständer davon.

im alltäglichen sprachgebrauch heißt es immer noch „obstbaufachschule“, formell aber „Fachschule für OBST-Wirtschaft und EDV-Technik“. die rede ist von unserer location in wetzawinkel, wo wir den „tag der agrarischen welt“ realisieren, einen auftakt, um dieses große thema längerfristig zu behandeln.

arbeitstreffen in wetzawinkel (von links): karl bauer, christian nell, kamillo hörner und dagobert eberdorfer (rechts die hände von bürgermeister werner höfler)

dieser themenkomplex berührt den gewaltigen umbruch von agrarischer welt zur industriemoderne. die meisten von uns führen heute ein urbanes leben, doch mentalitätsgeschichtlich ist die „alte welt“ noch sehr präsent. und die nennenswerte gegenwart der agrarischen welt in neuen formen wird dabei gerne übersehen.

so loten wir aus, was diese region geprägt hat, nachdem sich innerhalb weniger jahrzehnte die lebensbedingungen in dieser region radikal geändert haben.

— [april-festival] —

politik macht kultur

… und zwar gelegentlich auf die HARTE TOUR. eigentlich ist es brüskierend. aber wir haben es nun einmal so vor der nase …

inzwischen lache ich schon. es ist irgendwie zu komisch, an welchen barrieren engagierte kulturarbeit, falls sie von der basis her kommt, quer durchs jahr feststecken kann. man erinnere sich, im herbst 2009 waren sogar funktionstragende einer regionalen kommune so kühn, „kunst ost“ abschaffen zu wollen, was ja auf einem feld der eigenständigen regionalentwicklung eine völlig unakzeptable pose ist. das war also im ersten jahr des überhaupt ersten LEADER-kulturprojektes eine eher üble erfahrung.

der politische versuch vom 28.10.2009, "kunst ost" abzuschaffen

bei „regionext“, bei „LEADER“ und bei den „lokalen agenda 21“ gilt das „bottom up-prinzip“. das verlangt eigentlich von den leuten in der politik, PARTIZIPATION und kommunales engagement der bürgerinnen und bürger im zentrum der entwicklungen zu dulden, zu fördern. gar nicht so einfach, wo alte funktionärsherrlichkeit noch gut im saft steht; oder wo kommunalte gremien sich ihrere eigenen rollen nicht mehr so sicher sind.

was das meint? na, unter anderem, daß verwaltungsreformen im lande dringend nötig und unausweichlich geworden sind. das pfeifen schon lange alle spatzen von allen dächern. dazu kommen auch: GEMEINDEZUSAMMENLEGUNGEN. ein „nicht-thema“, das sich den betroffenen in der regionalen politik gerade aufdrängt. denn in wenigen tagen wird eine legion von bürgermeisterinnen und bürgermeistern bei landeshauptmannstellvertreter hermann schützenhöfer antreten, um zu erfahren, WAS nun an zusammenlegungen anstünde.

und wer wird wann mit den bürgerinnen und bürgern darüber zu reden beginnen? ("VP will über Gemeindefusionen reden", kleine zeitung, 19.2.11)

und deshalb, so höre ich, könne man momentan in der frage einer ortsübergreifenden kulturarbeit nicht all zu bestimmt vorgehen, weil das womöglich als eine vorhut für die in den gemeindestuben so verhaßten zusammenlegungen gewertet werde.

eigentlich ein alptraum, daß wir andauernd vor solchen barrieren stehen, die mit unserer gemeinwesen-orientierten arbeit nichts zu tun haben, und irgendwie darüber hinweg kommen müssen, anstatt rückenwind zu erhalten. gerade wenn kommunen und ihre chefs unter druck stehen, in schwierigkeiten sind, ressourcenknappheit bewältigen müssen, sollten doch engagierte bürgerinnen und bürger als entlastende komponente gesehen und unterstützt werden.

na gut, in einigen gemeinden sehen wir ja, daß unser engagement willkommen ist. da werden mit uns neue kooperationsformen erprobt. andere leute aus der kommunalpolitik werden sich dem vielleicht noch anschließen. es geht um sehr konkrete, praktische erfahrungsschritte, die wir ja erst machen müssen, um herauszufinden, wie KOOPERATION der drei sektoren (staat, markt & zivilgesellschaft) geht, wenn wir alle dabei nicht auf hierarchische modelle setzen.

april-festival: aktueller stand

Wir durchleuchten heuer Zusammenhänge im regionalen Leben zwischen agrarischer Welt und High Tech, zwischen trivialen Mythen und realen Strategien der Krisenbewältigung. Es geht gewissermaßen um die Praxis der Zuversicht.

Wenn diese Region eine Erzählung wäre, dann könnte sie sich selbst erzählen, falls die Menschen, die hier leben und arbeiten, ihre Stimmen erheben würden. Die soziokulturelle Drehscheibe „kunst ost“ schafft für diese kulturelle Möglichkeit einen Rahmen. Es geht um eine Versuchsanordnung, in der grundverschiedene Kreative Gelegenheit finden, gemeinsam für einige Wochen zu einem größeren Ganzen zu finden.

(coverfoto: christian strassegger)

Mit dem Thema des „April-Festivals“ 2011 – „elektrisiert“ – widmen wir uns dem Funken, der uns bewegt, um auf die Zukunft aktiv zugehen zu können.

Heuer haben wir erstmals das Formieren völlig autonomer „Location Crews“ angeregt, um so eine Organisationsform einzurichten, in der die teilnehmenden Personen selbst mehr Verantwortung für das Ganze tragen, in der zugleich die Prinzipien eigenständiger Regionalentwicklung in eine aktuelle Praxis überführt werden.

Wir haben außerdem innerhalb des „April-Festivals“ 2011 Schwerpunkte gesetzt. Neben den „Tagen der Kunst“ realisieren wir andere „Thementage“, wie etwa einen „Tag der agrarischen Welt“, einen „Tag der trivialen Mythen“ oder einen „Nikola Tesla-Tag“. (Tesla ist jener herausragende Ingenieur, dessen Erfindungen zu Grundlagen der Elektrifizierung der Welt wurden: [link])

In der praktischen Umsetzung des Festivals ergibt sich eine spezielle Referenz an die „Energie-Region“, indem heuer eine Gruppe Kunstschaffender aus Gutenberg, das zu den nördlichsten Gemeinden der Region zählt, in Wetzawinkel (Hofstätten), der südlichsten Gemeinde in der „Energie-Region“, gastiert. Zugleich haben wir in dieser Gesamtveranstaltung erstmals ein kulturelles Zusammenwirken der „Kleinregion Gleisdorf“ erreicht und so eine Praxis-Situation geschaffen, um mit solchen Anforderungen der Regionalentwicklung weitere Erfahrungen sammeln zu können.

+) Eine kurze Übersicht der Orte und Veranstaltungen: [link]
+) Das Programm mit den Akteurinnen und Akteuren: [link]
+) Laufende Notizen zur inhaltlichen Entwicklung dieses Festivals: [link]

Für „kunst ost“
Martin Krusche, Künstler
Mirjana Peitler-Selakov, Kunsthistorikerin
Nina Strassegger-Tipl, Kulturmanagerin

P.S.:
In unserer Arbeit bündeln wir vier Genres, die wir zu einander in Wechselwirkung bringen, damit Menschen mit sehr unterschiedlichen Intentionen und Talenten Anknüpfungspunkte finden: Alltagskultur, Voluntary Arts, Kunsthandwerk und Gegenwartskunst. Siehe dazu auch: [link]

menschenverachtung zurückweisen

was schert es mich, daß in der oststeiermark jemand für einen kleinen täter-kreis die todesstrafe promotet und somit die vorstellung von „unwertem leben“ restauriert? und was hat das hier bei „kunst ost“ zu tun?

der absender dieser merkwürdigen botschaft, daß nämlich „perversen schweinen“ der tod gebühre, ist ein bürgermeister der „energie-region weiz-gleisdorf“ bzw. der „kleinregion gleisdorf“. er ist ferner mein kooperationspartner für das kommende „april-festival“, schweigt allerdings momentan gegenüber meinen einwänden.

der kulturbetrieb ist kein "dekorationsgeschäft". es geht im inhalte ...

was geht’s mich und uns also an? ich bringe zuerst einen pragmatischen grund vor. „kunst ost“ ist das überhaupt erste LEADER-kulturprojekt der steiermark, unterliegt demnach laut unserem vertrag den „Richtlinien zur Förderung von Maßnahmen im Rahmen des Aktionsprogramm Achse 4 LEADER über kulturelle Förderungen im ländlichen Raum von 2007 – 2013 durch die Europäische Union und vom Land Steiermark – Kultur“.

einer der punkte im bereich „Leitziel“ dieser richtlinien lautet:
„Erarbeitung von sozialkulturellen Werten hinsichtlich nachhaltiger regionaler/lokaler Entwicklungsansätze für den ländlichen Raum mit Innovationscharakter und regionaler/lokaler Schwerpunktsetzung“.

ein weiterer punkt lautet:
„Der Schwerpunkt liegt auf zeitgenössischer Kunst, künstlerische und soziokulturelle Ansätze sollen zu einem zukunftsorientierten regionalen Dialog führen. Ziel ist es — an der Nahtstelle von Kunst und Alltagsleben — die jeweilige Region und ihre Bevölkerung in die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und künstlerischen Themen einzubeziehen. Das künstlerische Potential einer Region soll auch in einen Austausch mit internationalen künstlerischen Positionen treten.“

— [quelle] —

ich dürfte also allein von daher ein klares mandat für meine erwartung geltend machen, daß in der „energie-region“ über diesen vorfall und seine konsequenzen nicht einfach hinweggegangen wird. ich muß aber zur kenntnis nehmen, daß der lokalpolitiker ausschließlich ein sehr laues dementi gab, darüber hinaus der fall bisher kaum prominente einwände im öffentlichen diskurs nach sich zog; schmierdorfer in der „kleinen zeitung“: „die Todesstrafe für Kinderschänder ist meine persönliche Überzeugung“. [quelle]

nun darf man natürlich in einem reich der meinungsfreiheit meinen, was einem beliebt. und da sich inzwischen auf schmierdorfers „facebook“-präsenz ein erhebliches grüppchen an ministranten der tyrannis eingefunden hat, wo nun auch weiterhin das töten von delinquenten gefordert und schmierdorfer nebenbei zu seiner haltung gratuliert wird, sind in einer pluralistischen gesellschaft natürlich klare gegenpositionen notwendig.

immerhin spricht sich der amtierende bürgermeister offen gegen den artikel 85 der österreichischen bundesverfassung aus: [link]

"... aber wenn sie solche ansichten publizieren, werde ich ihnen ausdauernd widersprechen!“ (foto: nikola dzafo)

habe ich nun als KÜNSTLER einwände vorzubringen? nein, denn die kunst ist prinzipiell keinen tagesgschäften gewidmet und eignet sich nicht als „werkzeug“ für diese oder jene zwecke außerhalb ihrer selbst.

ich neige allerdings zu einer etwas antiquierten pose, deren „absacken“ kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov kürzlich so skizziert hat: „Die klassische Konzeption von Kunstschaffenden im Westen als ‘öffentliche Intellektuelle’, als Figuren der Aufklärung in einer bürgerlichen Öffentlichkeit, hat definitiv an Aktualität verloren und ist noch von rein historischer Relevanz. Parallel dazu verschwindet auch die Vorstellung von einer bürgerlichen Öffentlichkeit als einem Raum, der von rational-kritisch ausgestatteten Subjekten betreten werden soll. Es gibt ‘die Öffentlichkeit’ nicht mehr, sondern entweder überhaupt keine Öffentlichkeit oder eine Reihe verschiedener fragmentierter, spezifischen Öffentlichkeiten.“ (siehe dazudas kühle extrazimmer #10!)

als künstler bin ich demnach nicht gefordert, in dieser sache unbedingt stellung zu beziehen, doch meine jahrelange erfahrung aus künstlerischer praxis stattet mich mit kompetenzen aus, die mich als bürger der region natürlich einigermaßen geharnischt reagieren lassen.

der wesentliche antrieb, hier öffentlich zu widersprechen, liegt freilich im bereich des kultuellen engagements. das meint, unsere kulturelle entwicklung, die ja von sehr unterschiedlichen menschen betrieben und getragen wird, sollte positionen wie die des bürgermeisters mit den mord-phantasien aushalten. doch hier ist einspruch und öffentliche gegenposition unverzichtbar.

wo eine haltung gegen die menschenwürde und für die vorstellung von „unwertem leben“ eingenommen wird, wäre jedes kulturelle engagegement entwertet, wenn es einen schweigend darüber hinweggehen ließe. meine botschaft lautet demnach: „sie mögen denken, was immer ihnen beliebt, mein herr, aber wenn sie solche ansichten publizieren, werde ich ihnen ausdauernd widersprechen!“

dem gebe ich nun hier im web auch seine evidenz:
— [link] —

turbulenzen auf flotter fahrt

am donnerstag abend: christa ecker-eckhofen an ihrem letzten „amtstag“ als obfrau von „kunst ost“, bei der eröffnung einer ausstellung eigener arbeiten in der gleisdorfer galerie „einraum“. so rundet sich ein abschnitt turbulenter ereignisse. zur erinnerung: im arbeitsjahr 2010 hatten wir allein drei verschiedene landeskulturreferenten. und auch sonst blieb so mancher stein nicht auf dem anderen.

christa ecker-eckhofen stellt zur zeit im gleisdorfer „einraum“ aus (rechts malerin irmgard hierzer)

am freitag darauf demissionierten ecker-eckhofen und michaela zingerle formell, um sich anderen aufgaben zu widmen. was tut sich sonst so?

die LEADER-kulturprojekte quer durchs land sollten sich ja inzwischen weitgehend konsolidiert haben. aber die umfassende finanzkrise der steiermark mit ihren rüden auswirkungen auf die welt der kommunen machen es für uns natürlich nicht gerade leichter, der kunst stabile positionen zu erarbeiten.

michaela zingerle (links) und christa ecker-eckhofen bei der übergabe der vereinsunterlagen

es scheint sich nun einzulösen, was über einige jahre im „april-festival“ schon absehbar gewesen ist. die aktuelle struktur mit dem „kern-team“, den autonomen „location crews“ und ihren schlüsselpersonen, sowie einer „labor-gruppe“ gewinnt nun an jener balance, die auch für eine zukünftige kooperation sehr unterschiedlicher leute nützlich sein sollte.

bürgermeister werner höfler ist nun unsere ansprechperson für belange der „kleinregion gleisdorf“

wir dürfen also annehmen, daß es auf dieser ebene gelingt, selbst unter erschwerten bedingungen weiterzumachen. inzwischen hat sich die kleinregion gleisdorfschon einmal ansatzweise auf diesen modus eingelassen und uns bürgermeister werner höfler (hofstätten) als zuständige ansprechperson genannt.

das trifft sich vorzüglich mit der absicht des gleisdorfer kulturreferenten alois reisenhofer, einige aktionslinien zu entwickeln, die eine klare REGIOALE dimension haben. so stellen wir vergnügt fest, daß einige türen offen sind und interessen zunehmen, neben den primären agenda – quasi vor der eigenen haustüre – nun auch verstärkt regionale optionen des kulturgeschehens zu überprüfen und einzelne varianten der umsetzung zu erproben.

ich denke, wir haben gute gründe, das behutsam anzugehen. wir müssen ja überhaupt erst einmal herausfinden, wie sich eine situation praktisch bearbeiten läßt, wenn wir aus dem „alten muster“ der verhältnisse aussteigen …

— [april-festival] —

wir dürfen keine rache nehmen, wir dürfen nicht töten!

wir können nicht darüber reden und wir können nicht darüber schweigen.

da tritt jemand in meiner nachbarschaft öffentlich für die wiedereinführung der todesstrafe ein. das zieht eine kleine flut von zustimmung nach sich. ich lese kaum einwände. der großteil der telepräsenten community schweigt überhaupt zur sache, geht einfach darüber hinweg.

ich war schon lange nicht mehr so niedergeschlagen wie in diesen tagen. exponierte regionale persönlichkeiten loben diese demokratie ob der herrschenden meinungsfreiheit. fein!

leider wird vergessen anzuführen: „wie bemerkenswert, daß jemand sich öffentlich so zur todesstrafe äußern kann, aber ich muß einen energischen einspruch vorbringen, denn dieser wunsch ist völlig unakzeptabel und mit vielen grundsätzen dieser gesellschaft völlig unvereinbar!“

mich regt inzwischen schon weniger auf, daß ein bürgermeister sich so geäußert hat, sondern daß ihm kaum wer widerspricht … und welche art an zuspruch er in dieser frage erhält. ich nehme zur kenntnis, daß in solchen momenten mehr schweigen herrscht, als die sache erlaubt (und als ich ertrage).

vukovar, nur wenige fahrstunden von hier entfernt, könnte uns erinnern, wie leicht das morden plötzlich werden kann, wenn eine gesellschaft den halt verliert …

vor wenigen tagen, genau: am 22. februar, bin ich auf meinem weg in den süden erneut durch das kroatische vukovar gefahren. dort hat vor einigen jahren ein beispielsloses morden geherrscht. wir vergessen gerne, daß moralische schranken schlagartig einbrechen können, falls wir nicht über jahre ein kulturelles bollwerk gegen das töten errichtet haben.

wir täuschen uns selbst, wenn wir uns vormachen, diese art der gewalt könne nur „die bösen“ treffen. das ist eine törichte phantasie. wie grauenhaft das erwachen aus dieser illusion werden kann, mag man sich von unseren südslawischen nachbarn erzählen lassen. in vukovar, in omarska, in kosarac, in racak …

wenn wir das töten freigeben, und sei es auch nur für wenige, bringen wir uns selbst in gefahr, unsere kinder und enkel. schauen sie, wohin sie wollen, schauen sie vor allem in länder, wo die todesstrafe noch praktiziert wird. es läßt sich nicht beweisen, daß dort die kriminalitätsraten signifikant geringer wären als sonst wo. aber das leben der menschen ist dort weniger wert …

ich widerspreche allen, die gute gründe zu haben glauben, für welche fälle auch immer die todesstrafe anwenden zu wollen. und ich frage vor allem jede und jeden von ihnen: würden sie selbst hand an den delinquenten legen? welche tötungsart würden sie bevorzugen, um jemanden zu ermorden?

— [der bezugspunkt] —
— [das thema] —

unter strom stehen

wir hocken in der „energie-region“, sind ein bissl außer atem, weil es über mehrere monate ein ziemliches gerenne gewesen ist, damit uns in diesem kulturprojekt nicht der saft ausgeht, nun wüßte ich gerne, wo ich schnell meine batterien aufladen kann; ein liegestuhl und zimmerservice wären auch nett, aber dazu fehlen jetzt einfach zeit und mittel.

sie merken schon, ich bin nicht ganz ernst aufgelegt, obwohl der stand der dinge eine ernste angelegenheit ist und der lauf der dinge mir durchaus zu schaffen macht. dann habe ich aber auch meine freude am status quo, weil es bisher gar nicht so öd werden konnte, daß nicht auch einige menschen durch ihr engagement zeigen, wie für alle mehr rausschaut, wenn einige konsequent zusammengreifen.

"kunst ost"-aufkleber; eine idee von christian strassegger

ein beispiel: fotograf christian strassegger hat mir gerade diese witzige lösung eines motivs für einen „kunst ost“-aufkleber zukommen lassen. tja! woher kommt der strom? und woher kommen die ideen? und wie schaffen wir es, dem kulturbetrieb die nötigen strukturen zu erhalten, wo doch so viele leute leichtfertig dahinfragen: „za wos brauch ma des?“

ich kann es ja gerne erklären. belassen wir es augenblicklich bei der kurzform; mit folgender gegenfrage: „genügt ihnen der arbeitsalltag, also ein leben von dienstbeginn bis dienstschluß? oder darf es im leben auch sonst noch um etwas gehen?“ (autsch! ich bin heute einfach zu polemisch gestimmt.)

elisabeth wiedenhofer ist beim kommenden "april-festival" die "schlüsselperson" für die gutenberger gruppe aus gutenberg

themenwechsel! menschen mit engagement. da wäre zum beispiel elisabeth wiedenhofer, die sehr spontan und ohne viel umschweife die verantwortung für eine komplette „location crew“ übernommen hat. so ist im rahmen des kommenden „april-festivals“ der „tag der agrarischen welt“ auch mit einem satten künstlerischen beitrag ausgestattet.

wir haben dieses prinzip der „location crews“ im vorjahr eingeführt. der sinn liegt darin, daß wir zwar kooperations-situationen mit verschiedenen kleingruppen zustande bringen, die über einzelnen „schlüsselpersonen“ mit uns für das jeweilige vorhaben verbunden sind, daß aber INNERHALB der jeweiligen „location-crew“ autonomie herrscht, was meint: da reden wir den leuten nicht drein, wie sie ihren part gestalten.

das bedeutet auch: wer konkrete verantwortung übernimmt, hat auch entscheidungsgewalt; wie zum beispiel im fall von elisabeth wiedenhofer: sie ist sozusagen die verwalterin der „programmhoheit“ für die „location wetzawinkel“.

das sind wichtige details, denn es hat sich hier gezeigt, was auch irmgard hierzer als „schlüsselperson“ einer gleisdorfer „location crew“ erlebt hat: man gerät mitunter an kreative, die nur ihren eigenen vorteil im auge haben und darin durchaus geneigt sind, die entscheidungen einer „schlüsselperson“ auf umwegen aushebeln zu wollen …

so würde eine kollektive anstrengung für einzelne zum „selbstbedienungsladen“. ich sehe das in der geschichte von „kunst ost“ nicht zum ersten mal. und ich werde nicht zum ersten mal das „riff“ sein, an dem solche ego-touren steckenbleiben …

— [april-festival] —

schock-allianz #2

was für tage! ich bin noch stark unter dem eindruck der jüngsten serbien-reise, wo wir unter anderem die nächsten schritte für die schock-allianz debattiert haben. eine prozeßhafte kooperation verschiedener kunst-inititiativen, bei unseren südslawischen nachbarn allerdings stark geprägt von den bedingungen einer post-kriegs-gesellschaft.

doch wie bei dieser reise, so hab ich auch davor, während der besuche in bosnien und im kosovo, unmißverständlich erfahren: die traumata sind realität, aber niemand kann sich längerfristig über gesellschaftliche defizite und die radikalen erlebnisse im krieg definieren. also ist da ein massives ringen um perspektiven und um neue möglichkeiten. (siehe dazu auch: jenseits der zentren!)

im ersten beitrag zur "schock-allianz": der fotograf gerhard gross (hier in gornji milanovac), zur abwechslung einmal als objekt einer ausstellung

das bedeutet unter anderem, und das verbindet uns auf jeden fall, daß wir strategien suchen und erproben, wie ein zeitgemäßes kunstgeschehen sich behaupten kann, wie es wenigstens etwas boden sichern kann, wenn die ressourcen und rahmenbedingungen dafür sich verschlechtern. unser österreichischer einstiegsbeitrag zu diesem projekt greift das motiv der „verschwundenen galerie“ auf.

das bedeutet, die exponate stecken in einer kiste, die ganze ausstellung ist in den „privaten raum“ verfrachtet, dem öffentlichen raum entzogen, und nur über das web bekommen man einblick, wovon die ausstellung handelt. [link]

wäre die kiste öffentliche zugänglich, könnte man wenigstens durch seitliche „bullaugen“ einen blick auf den inhalt erhaschen. so aber ist die künstlerische vermitllungsarbeit zwar nicht völlig stillgelegt, doch mangels ressourcen dem öffentlichen leben vorenthalten.

der russische künstler sergey yugov im kontext des ursprungsprojektes

ich habe diese verfahrensweise 2003 entwickelt, um damals (im rahmen von „graz 2003: kulturhauptstadt europas“) auszudrücken, daß wir jenseits der zentren praktisch keine adäquaten räume zur vermittlung von kunst, spezielle bildender kunst, haben. dieses defizit hat sich zwar punktuell etwas gemildert, doch aktuell sind diese zarten strukturen schon weider bedroht. hier ein kleiner überblick der 2003er-sessions: [link]

nun gehen wir mit unseren südslawischen nachbarn daran, aktuell auszuloten, was uns an möglichkeiten und handlungsspielräumen bleibt, zwischen „low budget“ und „no budget“ die dinge voranzubringen; und zwar ganz unabhängig davon, ob momentan eine reale kulturpolitik uns dabei entgegenkommt oder auf distanz hält.

ich denke, aus diesen erfahrungszusammenhängen heraus lassen sich dann auch unsere positionen gegenüber der politik neu entwerfen. (siehe dazu auch: das kühle extrazimmer #7!)

— [schock-allianz #1] —