Die Jahreswende als Markierung. Wie anstrengend sich 2011 erwiesen hat, weil verschiedene krisenhafte Entwicklungen zur Basis durchgeschlagen haben, ist nun oft genug erzählt worden, findet sich auch als Notiz noch einmal kurz im Presse-Info von Dezember 2011: [link] Das sollte reichen. Es ist uns, wie erwähnt, viel gelungen.
Das verdankt sich vor allem auch einer Reihe höchst unterschiedlicher Persönlichkeiten, die sich jeweils in einem Teilbereich unserer Vorhaben engagiert haben. Das verdankt sich AUCH einer Ausdifferenzierung, in der einzelne Leute ganz eigene Wege gehen, dem größeren Ganzen aber über Berührungspunkte verbunden bleiben.
Die letzte Woche von 2011 haben Themen dominiert, welche unserem „Kuratorium für triviale Mythen“ [link] gehören und die sich im Bereich Mobilitätsgeschichte bündeln lassen.
Schnittpunkte: (von links) Norbert Gall, Franz Sattler und Michael Toson
Außerdem haben sich in den letzten Tagen des Jahres einige verhaltensoriginelle „Web-Marodeure“ auf unserer Website eingefunden. Das gibt einen Anlaß zur Reflexion der Telepräsenz plus authentisches Anschauungsmaterial zu einigen grundlegenden Fragen der Netzkultur: [link]
Ganz ohne Rekreation geht es nicht. Demnach werden wir den Jänner eher ruhig zubringen. Allerdings setzen wir Ende des Monats einen weierführenden Akzent zum Thema „Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft“: [link]
Ich hoffe, wir konnten im vergangenen Jahr deutlich machen, daß „kunst ost“ nicht als konventionelle Veranstaltungseinrichtung funktioniert, sondern eher als eine Versuchsstation und Forschungseinrichtung. Die Hauptfrage lautet nach wie vor:
Wovon handelt kulturelles Engagement auf der Höhe der Zeit?
Einige Male im Jahr tagt das „Kuratorium für triviale Mythen“ [link] an wechselnden Orten und in wechselnder Besetzung. Diesmal, dem Thema sehr naheliegend, in einer Autobahn-Raststätte. Mich beschäftigt in der Sache zur Zeit vorrangig zweierlei. Die Zeit zwischen 1955 und 1960 sowie das Thema Masseproduktion für eine Massengesellschaft.
Techniker Michel Toson (links) und Fotograf Franz Sattler in der Startposition zu unserer Konferenz
Die zweite Hälfte der 1950er-Jahre war eine Ära beispielloser Massenmotorisierung. Das stellt sich in Debatten und Produktionen dar, die vom Motorrad zum Motorroller führen (Komfortgewinn) und damit das Thema „Rollermobil“ aufwerfen (kein Roller mehr, aber noch kein „richtiges“ Auto), um schließlich über den Fiat 600 zum 500 Nuova und so auch zum Grazer „Puch-Auto“ zu führen, die als Kleinwagen, aber „richtige“ Autos galten.
Bedingungen der Massenproduktion sind Grundlagen einer Preisgestaltung, durch welche die gemeinten Waren für breitere Kreise erschwinglich werden. Es mag banal wirken, wenn wir erörtern, ob eine Schraube mehr oder weniger an einem Auto etwas im Preis bewirkt. Aber das sind tatsächlich relevante Kategorien. Norbert Gall [link], Brand Manager von „Abarth Österreich“ [link], konzedierte, daß hier 3 Cent, dort 5 Cent und da 10 Cent eingespart in der Masse etwas bewegen würde.
Abarth-Brand Manager Norbert Gall, in den lauf der Dinge verstrickt
Michael Toson [link], Techniker bei „Magna Steyr“ [link], erzählte aus seinem Arbeitsbereich, daß in einer abschließenden Durchsicht an einem neuen Fahrzeug sehr wohl erwogen werde, ob man etwa ein Kabel doch noch so verlegen könne, daß sich ein Zentimeter Kabellänge einsparen ließe.
Wir haben mindestens seit a) dem Waffendrill der preußischen Armee und b) seit den Methoden der Effizienzsteigerung durch Henry Ford eine Reihe von menschlichen Zurichtungsverfahren erlebt, die unsere Lebensbedingungen sehr grundlegend veränderten.
Effizienzsteigerung, Beschleunigung, Massenfertigung. Ich hausiere schon eine Weile mit einem Zitat von Philosoph Peter Sloterdijk, der in „Weltverschwörung der Spießer“ meinte: „Wir erleben Vorgänge, die in ihrem ganzen Ausmaß erst durch unsere Nachkommen gewürdigt werden können. Summarisch gesprochen: Wir sind in ein Zeitalter der unmenschlichen Geschwindigkeiten eingetreten – und dieser Übergang läuft mitten durch unsere Lebensgeschichten.“ [Quelle]
Kein Konsumgut repräsentiert das in jeder Hinsicht so sehr, wie das Automobil. Seine Produktion wie seine Nutzung sind Ausdruck dessen, was Sloterdijk kritisiert. Das Geniale an diesem Fetisch, er löst auch noch Begehren in genau diesen Eigenheiten aus, statt uns darin zu beunruhigen, abzuschrecken.
Wir haben es da also mit einem sehr komplexen und problematischen Kulturgut zu tun. Damit werden wir demnach noch eine Menge Arbeit haben. Speziell hier in der „Energie-Region“, wo der steirische Automobil-Cluster [link] gleich ums Ecker präsent ist. Da haben wir einige Gelegenheit, zu überprüfen, welche Fragen das konkret für den Lebensalltag vor Ort aufwirft.
Ich bleib noch ein Weilchen bei den Fragen nach dem Verhältnis zwischen Kulturbetrieb und Privatwirtschaft. Was ich von BEIDEN Seiten am häufigsten höre, ist die Variante: Kulturschaffende haben ein Projekt und fragen bei Wirtschaftstreibenden um Geld. Gibt es kein Geld, ist die Verständigung schlagartig zu Ende. Solche ersterbende Kommunikation hat das Zeug zum Selbstläufer. Ein fataler Effekt.
Gibt es eigentlich „Die Geschäftsleute“ und „Die Geschäftswelt“, wovon wir Kulturschaffenden dann diese oder jene Meinung haben? Ich glaub das nicht. Solange wir aber auf dem Kulturfeld keine differenzierten Ansichten aufgrund von profunden Einsichten zulassen, bleibt das alles diffus und damit klischeeanfällig.
Werner Weiß, Geschäftsführer der "aee-intec"
Eben saß ich mit einem recht kuriosen Unternehmer an einem Tisch. Werner Weiß ist einer von zwei Geschäftsführern des europaweit zweitgrößten Institutes, das sich mit Forschung und Entwicklungen im Bereich erneuerbarer Energie befaßt.
Weiß hat quasi berufsbedingt sehr interessante Ansichten darüber, wie Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zusammenwirken und was dabei zu beachten sei. Weiß betont die Wichtigkeit von Politikberatung, damit man politische Rahmenbedingungen mitgestalten kann. Und zwar vor dem Hintergrund, daß die Politik nach seiner Meinung eigentlich so gut wie alle Instrumente zur Gestaltung von Energiepolitik längst aus der Hand gegeben habe. „Energiepolitik macht nicht der Energieminister, sondern die großen Konzerne.“
Weiß konstatiert: „Die Politik ist dazu verkommen, den Staat wie eine Firma zu managen.“ Und er meint: „Politik muß die Märkte kontrollieren, nicht umgekehrt.“ Das sind bemerkenswerte Ansichten eines Mannes, der für sich selbst geklärt hat: „Ich muß doch nicht als Geschäftsführer das siebenfache Gehalt unserer Angestellten haben, nur weil das so üblich ist.“ Diesen Geist drückt auch der Betrieb als Konstruktion aus. „Die Firma gehört niemandem.“
Damit meint Weiß, er und sein Kollege Ewald Selvicka haben ausgeschlagen, daß der Betrieb in persönlichen Privatbesitz übergehe. Die Firma wird von einem Verein getragen, also einer „Rechtspersönlichkeit“ [link], die ihrerseits für manche der anfallenden Projekte eine GmbH als „Hilfsbetrieb“ besitzt. „Warum muß das jemandem gehören?“ fragt Weiß rhetorisch, „Es läuft so schon 20 Jahre gut.“
Ich kenne Weiß und Selvicka aus den Anfängen dieser Geschichte. Was einst als eine Selbstbaugruppe begann, die dieser Region Europas höchste Dichte an Solarflächen verpaßt hat, ist heute eine Firma, die kaum noch direkt in die Region herein wirkt, sondern hauptsächlich quer durch Europa aktiv ist, außerdem in Afrika und im arabischen Raum.
Übrigens! Die Partie ist momentan federführend beim Bau der größten solarthermischen Anlage der Welt im saudi-arabischen Riad. Da geht es um 36.000 m² Kollektorenfläche. Worauf ich nun hinauswill, ist die Betonung des Umstandes, daß Wirtschaftstreibende, Unternehmerinnen und Unternehmer, sehr verschiedene Gesichter und Rollen haben.
Manche von ihnen, wie die aee-intec-Leute, würde ich als Kulturschaffender jetzt nicht um Geld anhauen. Ich sehe sie als Verbündete im Ringen um einen würdigen Status quo dieser Gesellschaft. Und ich gewinne als Kulturschaffender, wenn ich sie immer wieder treffen kann, um mit ihnen offene Fragen zu debattieren. Die Beiträge zu einem fruchtbaren kulturellen Klima sind eben nicht bloß materieller Natur.
Es war vor Jahren, als wir während eines „April-Festivals“ in der Region gerade eine Vernissage in Gleisdorf absolviert hatten. Danach fanden sich etliche von uns noch in einem Lokal ein, um den Abend dort ausklingen zu lassen. Unter den anderen Gästen waren auch einige Geschäftsleute des Ortes um einen Tisch versammelt. Das brachte eine Puppenspielerin in der Runde dazu, diesen Leuten quer durch den Raum zuzubrüllen: „Die Künstla hätt’n an Durscht!“
Tage später sprach mich einer der Unternehmer auf diese Situation an und fragte mich, ob wir eigentlich ganz bei Trost seien. Es ist auch für mich einigermaßen irritierend, daß doch recht viele meiner Leute die Rolle von Gauklern, Bittstellern und Bettlern selbst wählen, was sie zugleich lautstark beklagen.
Zwischen KMU und Global Player: MIchaela Knittelfelder-Lang und Christian Strassegger auf Besuch bei "Wollsdorf Leder"
Anders ausgedrückt, es herrscht in meinem Milieu nicht gar so viel Klarheit, was man unter „Begegnung in Augenhöhe“ verstehen könnte und wie es folglich dazu kommen solle.
Warum sollte mir jemand bei eine Deal entgegenkommen, wenn ich deutlich ausdrücke, daß ich eigentlich nur mit mir beschäftigt bin und den anderen gering schätze, womöglich verachte? Außerdem sind derartige Egozentrik-Nummern im Kunstbetrieb nicht mehr ganz State of the Art. Das Genie, welches allein durch seine Gegenwart höchste Aufmerksamkeit und Zuwendung verdient, ist etwas aus der Mode gekommen.
Für den Rest an Relevanz stehen wir Kunst- und Kulturschaffende in einer langen Reihe an; mit Leuten aus dem Bildungswesen, Gesundheitswesen, Sozialbereich etc. Überall ist die grundsätzliche Wichtigkeit des Metiers für den hohen Lebensstandard Österreichs prinzipiell außer Streit gestellt. Aber betreffs der angemessenen Budgetierungen kursieren krasse Auffassungsunterschiede.
Kulturschaffende schleppen ein bescheidenes Problem mit sich: Wir haben in den letzten 20, 25 Jahren kaum etwas getan, um einen breiteren gesellschaftlichen Konsens zu erwirken, daß das, was wir tun, wichtig sei. Ich sah gerade in diesem krisenhaften Jahr 2011 allerhand Beleidigtheit darüber, daß es diesen Konsens nicht gibt. Aber ich sah kaum adäquate Antworten auf diesen Status quo.
Das dominante Reaktionsmuster war eigentlich, anderen zuzubrüllen: „Die Künstla hätt’n an Durscht!“ Und obwohl etwa das steirische Landeskulturförderungsgesetz von 2005 ein durchaus klar verständliches Regelwerk ist, obwohl die Vergabepraxis seit Jahren keinen Zweifel läßt: Kofinanzierung ja, Vollfinanzierung nein!, kommen wir nicht in die Gänge, um den Weg von der Förderung zur Kooperation wenigstens einmal konzeptionell zu schaffen.
Kooperation, das würde voraussetzen, mein Gegenüber weder tendenziell noch generell abzulehnen. Das würde auch voraussetzen, jeweils jenem „System“, mit dem man kooperieren möchte, grundsätzlich zuzustimmen. Momentan haben wir die ans Neurotische grenzende Situation, daß wir jene, die uns Ressourcen verfügbar machen, lieber ablehnen und notfalls attackieren, als sie an unsere Tische zu bitten.
Strikt KMU: Der Apotheker Richard Mayr (links) und der Ingenieur Andreas Turk
Das hat natürlich auch seine Entsprechungen hinter Gardinen, Vorhängen, verschlossenen Türen. Dort geht es dann weit weniger radikal und kämpferisch zu. Das führt zu wenisgstens zwei völlig verschiedenen Kommunikationsstilen und –inhalten einzelner Personen. Zum eigenen Milieu hin widerborstig, in widerständischer Attitüde, aber „to make a living“ bleiben dann ja nur der Markt, der Staat und das „Hotel Mama“. Also zum anderen Milieu hin verbindlich und vielleicht etwas verbogen.
Muß man die Gabe der Prophetie haben, um das für aussichtslos bis irreführend zu halten?
Klischees, Ressentiments, Feindbilder; kennen wir, haben wir. Es ist ganz bemerkenswert, was sich dagegen finden und erfahren läßt, wenn man loszieht, um Gespräche zu führen, die vorerst einmal überhaupt zu brauchbaren Annahmen führen sollen, wer es da mit wem auf welche Art zu tun bekommt. Wir haben dazu ein „Quintett auf Reisen“ formiert, welches sich dieser Mögllichkeit widmet.
Wir ersuchen darum, für einige Zeit Gäste sein und Fragen stellen zu dürfen. Es ist mehr als erstaunlich, was das auf beiden Seiten zu bewirken scheint.
P.S.:
+) Dieses „Quintett auf Reisen“ ist eine komplementäre Ebene zu „Kunst Wirtschaft Wissenschaft“: [link]
+) Es hat seinen Themenschwerpunkt momentan bei den „Tagen der agrarischen Welt“: [link]
+) Das ergibt auch Inputs für den Berech „Vision 2050“: [link]
Ich hab es in letzter Zeit öfter betont, wir müssen neu klären, wie sich der Kulturbetrieb zur Privatwirtschaft verhalten soll, vice versa. In der sogenannten „Provinz“ helfen uns urbane Konzepte aus den Zentren nichts. Die Bedingungen sind zu verschieden.
Es geht ferner darum, neu zu klären, warum, womit und wozu sich diese Lager verständigen sollen. Da gibt es derzeit viel zu viele unüberprüfte Annahmen. Meine Erfahrung zeigt mir ja nicht „Die Unternehmer“, sondern höchst unterschiedliche Persönlichkeiten, deren Orientierungen und Prioritäten eigentlich stets individuell erfahren werden müssen.
Was jenseits davon allgemeine Zusammenhänge wären, die sich den Genres „Die Wirtschaft“ und „Der Kulturbetrieb“ zuschreiben ließen, halte ich ebenso für klärungsbedürftig. Es steht für mich außer Zweifel, daß diese Klärungsprozesse zu fruchtbaren Ergebnissen führen können. Ebenso halte ich für evident, daß wir dazu einige Ressourcen einsetzen müssen und daß wir dafür Zeit brauchen. Es gibt in dieser Sache keine „schnellen Ergebnisse“.
Folgendes ist vermutlich da wie dort konsenstauglich und kann zur Ausstattung „erster Gemeinsamkeiten“ gehören: Wir übernehmen Verantwortung für ein vorteilhaftes kulturelles Klima in unserem Lebensraum. Ein stark entwickeltes kulturelles Klima erleichtert uns
+) die Alltagsbewältigung,
+) den Umgang mit besonderen Aufgaben.
Dies ist eine Zeit, die uns beides in hohem Maß abverlangt. Aber wie sollen so unterschiedliche Metiers und Genres zusammenwirken? Das zu lösen, sind sozio-kulturelle Agenda.
Bei aller Verschiedenheit von Aufgaben und Milieus, von Codes und Jargons, kann sicher auch das zur Ausstattung „erster Gemeinsamkeiten“ gehören:
+) Gibt es Fragen, die uns gleichermaßen interessieren?
+) Führt uns das zu Themen, die uns gemeinsam beschäftigen?
+) Lassen sich daraus Aufgabenstellungen ableiten, für die eine Bündelung unserer sehr unterschiedlichen Kompetenzen vielversprechend wäre?
In der Annäherung und Verständigung nützt uns sicher auch, wenn wir klären, welche Kompetenzen wir individuell zur Verfügung haben, die über unsere „primäre Zuständigkeit“ hinausreichen. Damit meine ich, daß ich ja nicht nur meine Profession repräsentiere, sondern auch ein Bürger bin, der als Teil des Gemeinwesens weiterreichende Ambitionen und Interessen hat.
Das halte ich für vorrangig klärungsbedürftig in Auftaktphasen der Annäherung:
+) Was sind meine berufsspezifischen Schwerpunkte und Fragen?
+) Was habe ich, darüber hinaus, als Privatperson an Interessen und Kompetenzen, die ich hier einbringen würde?
Ein konkretes Beispiel:
Ich bin von Beruf Künstler und bestehe da auch auf dem Prinzip der Autonomie der Kunst, wofür ich in künstlerischer Arbeit eigenen Regeln folge. Aber ich befasse mich ebenso mit anderen Themenkomplexen und den Inhalten anderer Berufsfelder. Darin folge ich NICHT den Regeln der Kunst.
Durch mein spezielles Interesse an Sozialgeschichte findet ich aktuelle Bezugspunkte zu jenen Themen angelegt, die das 20. Jahrhundert ausmachen. Das betrifft vor allem die Verhältnisse zwischen agrarischer Welt und Industrialisierung, das betont Mobilitätsgeschichte (Die Motorisierung einer Massengesellschaft) und das bearbeite ich in Fragen zum „Denkmodell Zentrum/Provinz“. Dazu kommt — übergreifend — meine Medien-Kompetenz bezüglich der Wechselbeziehungen zwischen Print, Radio und Internet.
Es sind vorrangig einmal solche Aspekte, über welche ich die Verständigung mit Wirtschaftstreibenden suche. Ob sich das dann auch in künstlerischen Optionen einlöst, muß der jeweilige Prozeß zeigen, falls es eben nach der Anbahnung zu Formen von Work in Progress kommt.
Für den Arbeitsbereich „Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft“ hat sich ein Quartett formiert, das solche Möglichkeiten bearbeitet. KWW auf Facebook: [link]
Zum großen Thema Mobilitätsgeschichte läuft momentan auf Facebook eine Leiste im Plauderton: [link]
Bezüglich Regionalentwicklung liegt für uns ein Arbeitsansatz in der Frage nach einer „Vision 2050“ (Projekt „iEnergy“): [link]
Unsere Realität fällt nicht vom Himmel, sie ist auch nicht von selbst auf der Erde gewachsen. Realität ist das stets neue Ergebnis komplexer kultureller Prozesse, also Menschenwerk.
Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft sind generell in sehr unterschiedlichen Milieus zuhause. Aber das ganze 20. Jahrhundert wurde enorm davon geprägt, daß sich inspirierte Leute aus diesen Metiers mit einander verständigt haben.
Der Koch, der Fisch, die Fotografin: Jedes Milieu hat seine eigenen Codes
In einer Begegnung mit der amerikanischen Medienkünstlerin Victoria Vesna [link] kamen wir auf eine interessante Ansicht des Architekten Richard Buckminster Fuller (1895 bis 1983, link): „Je entwickelter die Kunst ist, desto mehr ist sie Wissenschaft. Je entwickelter die Wissenschaft ist, desto mehr ist sie Kunst“. [Quelle]
Vesna befaßte sich auch mit der fesselnden Überlegung, daß Integrität die Ästhetik des kommenden Jahrhunderts sei. Ein kleiner Hinweis darauf, daß es für viele Kunstschaffende der Gegenwart ganz selbstverständlich ist, sich mit dem Zustand dieser Gesellschaft zu befassen.
Zwei Drittel eines Trios: Es geht darum, den Job des jeweils anderen zu verstehen
Wo wir uns mit Leuten aus der Wirtschaft sowie mit Funktionstragenden aus Politik und Verwaltung verständigen, geht es ferner um Fragen, für welche Art (regionaler) Lebenspraxis sich ein Bündeln unser aller Kompetenzen eignen würde.
Das sind aktuell einige unserer Fragestellungen, mit denen wir zum Thema „Vision 2050“ in der Region eine praktikable Situation entwerfen wollen, in der sich versierte Leute aus verschiedenen Metiers zum wechselseitigen Nutzen treffen können.
Das läßt sich erfahrungsgemäß weder einfach so dahinbehaupten, noch verordnen. Es ist seinerseits auf Prozesse und auf gelingende Kommunikation angewiesen, also auf Zeit. Deshalb haben wir auch die Arbeitslinie „KWW“ als Work in Progress angelegt. Wir zentralisieren diese Möglichkeit nicht, wir wandern mit den einzelnen Stationen von Ort zu Ort.
Zeit und Prozeßhaftigkeit. Das ist aus einem weiteren Grund wichtig. Jedes Milieu entwickelt seine eigenen Codes, seinen Jargon. Diese Arten von Zeichensystemen können natürlich benutzt werden, um Menschen auszuschließen. Wer die betreffenden Codes nicht kennt, gehört nicht dazu und versteht bestenfalls die Hälfte dessen, was „drinnen“ geredet wird.
Umgekehrt brauchen wir Zeit für Verständigung und für allenfalls nötige Übersetzungsarbeit, wenn wir verschiedene Felder einander öffnen wollen, wenn wir Ansätze zur Kooperation suchen. „KWW“ verstehen wir als Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft im Wechselspiel der Möglichkeiten.
Wir haben keine Ressourcenkrise, sondern eine Strukturkrise. Das sagt Winfried Lechner, Geschäftsführer von „Ingenos Gobiet“ [link] ohne mit der Wimper zu zucken. Sein Geschäft ist es, Prozesse so zu entwerfen und zu lenken, daß bei komplexen Vorhaben Ergebnisse greifbar werden, die möglichst wenig von dem abweichen, was konkret gebraucht wird.
Architekt Winfried Lechner
Aber dazu wäre es von Vorteil, stünde am Beginn solcher Prozesse einigermaßen deutlich fest, WAS gebraucht wird. Und genau das, solche Klarheit, darf oft nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Lechner trifft eine interessante Unterscheidung. Bevorzugt jemand Wissen oder die Anwendung von Regeln?
Da kann man durchaus ins Grübeln kommen. Wissen. Regeln. Abläufe. Orientierung. Heinz Wittenbrink [link] saß mit am Tisch. Medienfragen, Kommunikation, Literarität, das sind seine Themen. Was da zu bereden war? Keine Agenda der Kunst, aber Zusammenhänge komplexer Kommunikationssituationen.
Medienfachmann Heinz Wittenbrink
Und im weiteren Sinn war das in genau jenem Themenbogen aufgestellt, den zu präzisieren mich gerade beschäftigt. Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft haben ja allerhand Schnittstellen, Berührungspunkte. Wie und auf welche Inhalte bezogen kann sich das dann in einem konkreten Lebensraum ereignen? Was sind die Anlässe dafür und was kommt inhaltlich alles ins Spiel?
Ich genieße im Augenblick, daß sich hier ausreichend Gelegenheit findet, mit inspirierten Menschen derlei Fragen zu debattieren. Was „kunst ost“ angeht, ist das ein Phase, als wären wir auf Expedition. Es gibt Ideen von Zielen und Vorstellungen von Wegen. Aber es gibt keine Route und keine bindende Ankunft. Es ist ein Durchmessen, vielleicht auch schon ein Vermessen von unklarem Terrain.
Ich hab unterschiedliche Intentionen, mich solchen Dingen zu widmen. Eine davon berührt unser Vorhaben „KWW – Kunst Wirtschaft Wissenschaft“: [link] Wir haben bisher im Milieu kaum frische Ideen vorgefunden, wie diese Bereiche in der Region zusammenfinden könnten und warum sie das sollten. Mit einigen speziellen Ausnahmen.
Wir konnten stets einzelnen Leuten aus solchen Metiers begegnen, die für interessante Debatten offen waren. Also sind wir nun zwar schon eine Weile unterwegs, um auszuloten, was da allenfalls an neuen Optionen erschließbar ist, doch es ist zur Zeit – wie angedeutet — vor allem eine Debattieren und ein Forschen.
Lokal, regional, national… klar, fehlt noch international. Die Aktivitäten von „kunst ost“ sollten schrittweise eine Relevanz in all diesen Aktions-Radien entwickeln. Das verlangt Prozesse, in denen ZEIT ein enorm wichtiger Faktor ist. Und natürlich Kommunikation.
Es scheint auch, daß einige Funktionstragende der Kommunen zu verstehen beginnen, es habe einen WERT, solche Prozesse zu entwickeln und zu betreuen, Kulturarbeit solle nicht NUR in Events bzw. eröffenbare Veranstaltungen münden.
Mit dem Themenfokus KWW (Kunst Wirtschaft Wissenschaft) haben wir gerade eine Arbeitsbereich fix konstituiert, der vor allem einmal auf lokale und regionale Wirkung zielt. Siehe: [link] Das zuständige Team (Fickel, Flekatsch, Krusche, Peitler-Selakov) wird dazu am 25. Jänner 2012 in der Oststeiermark einen weiteren Akzent setzen.
Von links: Fotograf Christian Strassegger, Zuchtleiterin Johanna Winkler, Assistent Jure Kolaric, Tierarzt Karl Bauer
Eine andere Formation ist auf Tour über die Dörfer, um in Gesprächen mit höchst unterschiedlichen Menschen in größeren Unternehmen überhaupt erst einmal zu erfahren, womit wir es da wirtschaftlich in der Region konkret zu tun haben. Wir erleben in diesen Gesprächen, daß hier Kompetenzen wirken, die uns zu Facetten führen, auf die wir selbst teilweise nie gekommen wären. So wie kürzlich in der Lederfabrik Wollsdorf: [link] Oder jüngst bei der „Saatzucht Gleisdorf“: [link]
Dieses Team sind Tierarzt Karl Bauer, Malerin Michaela Knittelfelder-Lang, Künstler Martin Krusche, Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov und Fotograf Christian Strassegger.
Die Kooperation mit Kunstsammler Erich Wolf und unser Ziel, eine regionale Plattform von internationalem Rang aufzubauen, welche der steirischen Gegenwartskunst gewidmet ist, habe ich schon mehrfach erwähnt: [link]
Dem stehen strukturell kleinere Initiativen gegenüber, die sich beispielsweise als eigenständige Location Crews formieren, um Beiträge für regionale Veranstaltungen zu erarbeiten. Ein Exempel dafür ist die Runde um Irmgard Hierzer, die ein konkretes Team für einen Beitrag zum kommenden April-Festival stellt: [link]
Der Gleisdorfer Maler Gernot Schrampf
Das April-Festival 2012 hat schon eine konzeptionelle Vorgeschichte, wird aber gerade dem neuen Stand der Dinge angepaßt: [link] Dazu gehört auch die Kooperation mit eigenständigen Kulturinitiativen der Region.
So hat eben ein Arbeitsgespräch mit Gernot Schrampf von der „Malwerkstatt Gleisdorf“ zu einer Verknüpfung von Vorhaben geführt. Diese Gruppe wird im Frühjahr in Wetzawinkel eine Klausur mit Gästen aus Deutschland und Ungarn realisieren. Das wollen wir für eine kleine Kulturkonferenz nutzen, in der wir uns Fragen nach Rahmenbedingungen und kulturpolitischen Anforderungen widmen wollen.
Die Ausstellung der Klausur-Ergebnisse im „Museum im Rathaus“ wird einen Beitrag zum April-Festival ergeben. So verdichten sich Verfahrensweisen, wo einerseits „kunst ost“ seine eigenen Schwerpunkt-Teams einsetzt, wo aber andrerseits der Kontakt und Austausch mit völlig eigenständigen Kultuformationen der Region gesucht wird.
Zusammenfassend:
Am Anfang des April-Festival 2011 stand folgende Idee: „Wenn diese Region eine Erzählung wäre, dann könnte sie sich selbst erzählen, falls die Menschen, die hier leben und arbeiten, ihre Stimmen erheben würden. …“ [Quelle]
Das ist die Grundidee, mit der wir auch in den Prozeß „Vision 2050“ einstimmen. Mit den Mitteln Kulturschaffender anregen, daß die Region sich quasi selbst erzählt…
Wir haben bei „kunst ost“ unsere Prioritäten für 2012 zu präzisieren. Das handelt im Kernbereich von einem Konzentrationsprozeß. Dabei werden wir auch stärker auf die Kooperation mit anderen, völlig eigenständigen Formationen setzen.
Eine wesentliche Kooperationsebene, die einem Prozeß dient, der gleichermaßen regionales wie internationales Gewicht erzeugen soll, ist die jene, auf der wir eine PLATTFORM STEIRISCHE GEGENWARTSKUNST herbeiführen werden. Dieser Prozeß ist auf fünf Jahre angelegt und hat heuer begonnen.
>>In einem mehrjährigen Prozess soll im Raum Gleisdorf eine Plattform für Gegenwartskunst entstehen, die in ihrem Präsentationsbereich zeigen wird, was steirische Gegenwartskunst leistet und auf welche künstlerischen Leistungen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sich dieses Potenzial stützt.<<
Neben herkömmlicher Kunstvermittlung stehen auch verschiedene Formen von Kommunikation und Know how-Transfer auf unserer Checkliste.
>>In anderen Wirkungsbereichen soll die Plattform eine Art Relaisstation ergeben, welche heimisches Kunstgeschehen mit internationalen Verknüpfungen ausstattet und dabei jungen Kunstschaffenden der Steiermark jenes Know how anbietet, das für sie nötig ist, um auch international zu reüssieren.<<
Kunstsammler Erich Wolf (links) im Gespräch mit Fotograf Franz Sattler
Das beinhaltet auch, neue Modi zu erarbeiten, wie Kultur und Wirtschaft interagieren können, ohne dabei essentielle Interessenslagen zu beschädigen. Im Vorfeld dieses Projektes, das auf ein sehr hohes Organisationsniveau zielt, arbeiten wir nun schon eine Weile in einem Umfeld, das einerseits in KMU-Dimension belebt ist, andrerseits aber auch von Betrieben, die in ganz Europa, teils sogar weltweit präsent und aktiv sind.
Dazu besteht bei „kunst ost“ derzeit schon eine eigene Arbeitsgruppe, zu der auch Kooperationspartner gehören. Das Kürzel „KWW“ steht für Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft: [link] Die Kooperationspartner sind der Künstler Gerhard Flekatsch vom Verein „bluethenlese“ und der Unternehmer Horst Fickel.
Die Plattform für steirische Gegenwartskunst erarbeiteten wir als Kooperationspartner des Unternehmers und Kunstsammlers Erich Wolf: [link] Hier ist also ein wachsendes Geflecht von Akteurinnen und Akteuren mit höchst unterschiedlichen Kompetenzen.
Dabei zeigt sich, es liegt offenbar noch viel Arbeit vor uns, um zu klären, was denn nun tatsächlich jene Fragen sind, die uns gemeinsam beschäftigen und über die wir allenfalls zu gemeinsamen Themenstellungen kommen können, aus denen sich gemeinsame Vorhaben ableiten lassen.
Manchmal sind mir Kürzel lieber als Projektnamen mit Aussagekraft. Eine möglichst weit zurückgenommene Geste läßt irgendwie mehr Raum. Nun ist bei uns das Kürzel KWW festgeschrieben. Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft haben das Zeug zu Wechselbeziehungen, die gelegentlich für Nervosität sorgen. Dazu komme ich noch.
Horst Fickel, Gerhard Flekatsch, Mirjana Peitler-Selakov und ich bilden nun jenes Team bei „kunst ost“, das sich diesen Zusammenhängen verstärkt widmet. Ein Techniker, eine Kunsthistorikerin und zwei Künstler; kuriose Mischung.
Gerhard Flekatsch und Mirjana Peitler-Selakov
Der Auftakt war kürzlich auf Schloß Hainfeld gesetzt: [link] Nun legen wir uns in die Kurve, um das Ding auf die nächste Ebene zu bringen. Wer an diesen Themenzusammenhängen Interesse hat, sollte sich Mittwoch, den 25. Jänner 2012, vormerken. Da werden wir eine größere Session im Hause der Firma KWB [link] realisieren. (KWW bei KWB, das hat was.)
Die erwähnte Nervosität in den möglichen Wechselbeziehungen hat im Steirischen einen Favoriten unter den Feindbildern. „Kreativwirtschaft“. Eine von Unruhe gepeinigte Community des Kunstfeldes fürchtet lautstark, man könnte von der Kreativwirtschaft geschnupft werden, geschluckt, verschlungen, vereinnahmt.
Horst Fickel
Was daran verifizierbar ist: Die soziale Lage Kunstschaffender in Österreich ist schweren Belastungen ausgesetzt, weil die Politik sich seit Jahrzehnten weigert, angemessene Rahmenbedingungen zu schaffen. Steuerfragen und jene der Sozialversicherung sind für Kunstschaffende in durchschnittlicher Einkommenssituation höchst problematisch. Das macht anderen Meteiers gegenüber nervös.
Dazu kommt beim Stichwort Kreativwirtschaft der „Schrecken der Anwendbarkeit“, weshalb wir dazu neigen, diesen Leuten mehr Beliebtheit zu unterstellen. Es könnte freilich auch vermutet werden, daß viele Kunstschaffende mit etwas schwächelndem Selbstbewußtsein und so manchem Mangel an Professionalität dazu neigen, ihre Selbstdefinition durch Feindmarkierung vorzunehmen.
Wir sehen uns also durchaus gefordert, mögliche Beziehungen zwischen Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft aktiv zu gestalten, zu klären, welcher Art diese Beziehungen denn nun sein sollen. Das ist eine etwas interessantere, wenn auch etwas anstrengendere Art in der Welt zu sein.
Wir sehen uns auch gefordert, der Regionalpolitik Vorgaben zu machen, weil es hier in der Region keine irgendwie nachvollziehbare Vorstellng von Kulturpolitik gibt, die über das Verwalten von Budgets und Eröffnen von Veranstaltungen wesentlich hinausreichen würde.
In der Sache haben wir nichts zu beklagen, sondern Faktenlagen zun schaffen.