Schlagwort-Archiv: Kunst Wirtschaft Wissenschaft

Wovon handelt Kulturpolitik? #23

Wie sollen oder können Kooperationsverhältnisse zwischen Zentrum und Provinz angeordnet sein, um beiden Seiten zu nützen? Welche gemeinsamen geschäftlichen Grundlagen sind denkbar, wenn private Initiative, öffentliche Hand und Wirtschaft zu Übereinkünften finden sollen? Und wozu all das?

Ich hab in einem früheren Eintrag jenes Motiv herausgestellt, mit dem wir einen gemeinsamen Nenner für sehr verschiedene Instanzen dieser Gesellschaft haben dürften:

„Dieser Region ein Bild ihrer selbst zu geben“ [link]

Wovon handelt Kulturpolitik? #23 weiterlesen

Die aktuelle Krisensituation verstehen

Ich hab kein Problem mit der Tatsache, daß wir Krisen bewältigen müssen. In unserer Kulturgeschichte besteht seit Jahrtausenden die Vorstellung, daß jede Katharsis eine Krisis zur Vorbedingung habe. Außerdem sind Umbrüche aufregende Zeiten; wenn auch ziemlich anstrengend.

Im Jahr 1848 wurde das Ende der „Erbuntertänigkeit“ rechtskräftig, 1919 endete die Feudalzeit formal. Es folgte ein autoritärer Ständestaat, der in die Nazi-Tyrannis mündete. 1945 durfte die Zweite Republik anbrechen. Wir haben also noch nicht gar so viel Erfahrung damit, ein Kulturgeschehen inhaltlich zu gestalten, kulturpolitisch zu verhandeln und mit angemessenen Ressourcen auszustatten, um nicht bloß Eliten zu bedienen, sondern Zugänge zu Kunst und Kultur für eine Massengesellschaft zu schaffen, zu öffnen…

Ab den späten 1970ern wurde erprobt und etabliert, was wie heute als freie bzw. autonome „Initiativenszene“ kennen. Vieles, was einst unsere Arbeit war, ist heute Standard konventioneller Kulturbeauftragter. Wir sind also überfällig, neue Aufgaben zu finden. Dabei kommt uns der Lauf der Dinge aufmunternd entgegen, denn demnächst bleibt auf mehreren Feldern kein Stein auf dem anderen.

Wir haben in der Kooperation von „kunst ost“ und „kultur.at“ einen Schwerpunkt herausgearbeitet, der mit dem Kürzel KWW markiert wurde: Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft.

Da wir uns nicht nach den dominanten Marktsituationen reichten möchten, da wir aber auch keine 100 Prozent Abhängigkeit vom Staat für sinnvoll halten, ist neu zu klären, wie diese drei Bereiche sich zu einander verhalten mögen; speziell jenseits des Landeszentrums, in der „Provinz“.


Damit meine ich auch, wir haben zu klären, worin genau der Leistungsaustausch bestehen mag, der uns Budgets einbringt. Ich hab einiges zu diesen Überlegungen im Beitrag „Feine Krise“ [link] skizziert. Unsere genaue Kooperationssituation ist hier dargestellt: [link]

Ich hab außerdem zu behaupten, daß es „Die Wirtschaft“ nicht gibt und daß wir gefordert sind, etwas differenzierter klar zu machen, mit wem wir uns unter welchen Bedingungen was vorstellen können; siehe dazu: [link] Das handelt von RAHMENBEDINGUNGEN für all das, was wir dann einzeln und ganz speziell der GEGENWARTSKUNST widmen. In der Arbeitspraxis siehst das abschnittweise aus wie in den folgenden Absätzen umrissen.

Kleiner Einschub: In der „Provinz“ dominieren seites der Kreativen die „Voluntaries“ übermächtig. Das meint, mindestens 80 Prozent der Leute, die hier einen Kulturbetrieb reklamieren, um selbst zu veröffentlichen/auszustellen, sehen sich keineswegs der Gegenwartskunst verpflichtet, sondern repräsentieren die Voluntary Arts: [link] Das hat fundamentale kulturpolitische Konsequenzen.

Wo stehen wir im Moment? Ich hab im vorigen Eintrag [link] skizziert, welche Grundlagen im „FrauenMonat“ 2012 nun greifbar sind, um ein Labor-Projekt („FMTech_Lab!“) zu initiieren. Eine andere Themenlinie ist hier beschrieben: [link] Das bündelt in Summe Aspekte folgender Teilthemen:
+) Mediengeschichte
+) Industriedenkmäler
+) Sozialgeschichte
+) Mobilitätsgeschichte.

Warum haben wir den Fokus ausgerechnet darauf gerichtet? Wir sind die Kinder einer Massenkultur, deren markanter Auftakt in den 1930er-Jahren zu Situationen geführt hat, die uns derzeit ausmachen. Eines der großen Themen dieser Zeit ist die Massenmobilisierung und deren Generalfetisch, das Automobil.

Schon bevor diese Ereigniskette, symbolisiert vom Codesystem „Stromlinie“, unsere vertraute Welt völlig zu verändern begann, haben verschiedene Formen technischer Reproduzierbarkeit und der Massenfertigung zu enormen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Konsequenzen geführt.

Wenn wir also in der „Provinz“ einen kulturpolitischen Diskurs wünschen, sollten Grundlagen und Hintergründe der kulturellen Situation wenigstens im Ausmaß von Zeitgeschichte einigermaßen geläufig sein.

KWW: Was geht, was kommt, was (aus-) bleibt…

Wir sagen gerne „Die Wirtschaft“, aber so weit ich sehe, gibt es „Die Wirtschaft“ nicht; wenigstens nicht in dem Zusammenhang, der uns Kunst- und Kulturschaffende hier in der Region beschäftigen mag. Wir träumen gerne. Wir träumen uns das Echo anderer Verhältnisse zurecht. Das führt zu ganz merkwürdigen Klitterungen.

Da wären also „Die Mäzene“. Die gehören aber, so das Träumen, den Vergangenheiten an. Deshalb habe „Der Staat“ die Mäzene abgelöst. Und wo könnte sonst noch Geld für die Kunst herkommen? Na, denken Sie doch an „Die Wirtschaft“!

Kaufmann Gregor Mörath macht in seinem Geschäft eine erste Ausstellungserfahrung

Wie erwähnt, die gibt es nicht. Und Kunstschaffende, die ökonomisch zu hundert Prozent vom Staat abhängen, sind auch eine fragwürdige Option. Das wirft allerdings einige Fragen auf. Wie sollen sich Staat, Markt und Zivilgesellschaft zueinander verhalten? Warum sollen Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft miteinander zu tun haben?

Wie möchten wir den Umgang der verschiedenen Sektoren miteinander geregelt haben? Welche Geldflüsse soll es geben, gestützt auf welche Art von Leistungsaustausch? Ich kann das rausbrüllen, so oft ich will, vorerst erhalte ich keine Antworten. Die einzige markante Antwort, die ich aus meinem Umfeld kenne, wird von der IG Kultur Steiermark promotet und lautet: „plus 25%“. (Ein schwaches Statement!)

Ich bleib noch etwas beim beliebten Bild „Die Wirtschaft“. Das bedeutet in Österreich, über 60 Prozent der heimischen Betriebe sind EPU, also „Ein-Personen-Unternehmen“. Die werden naturgemäß eher selten im Bereich Kunstsponsoring aktiv, zumal ein erheblicher Anteil dieser EPU über die Jahre selbst unter großem ökonomischem Druck steht.

Die EPU sind gewissermaßen Teil der KMU: „Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bilden das Rückgrat der Unternehmenslandschaft und haben damit wesentlichen Einfluss auf die Wirtschaftsstruktur.“ [Quelle] Laut „KMU Forschung Austria“ sind das „99,6% der gewerblichen Wirtschaft“ [Quelle] Die reißen uns hier auch nicht heraus.

In unserer regionalen Kulturpraxis habe ich es permanent mit EPU-Leuten zu tun, ferner mit einigen führenden Kräften von Klein- und Mittelbetrieben, wie etwa der Stadtapotheke, dem Kaufhaus Mörath, Elektro Kurtz, Buchhandlung Plautz oder die eigenständige Volksbank, Raiffeisenbank, Zweirad Laller etc.

Soweit dort Budgets für Kunstprojekte vorhanden sind, gehen sie in eigene Kulturveranstaltungen. Investitionen in die Vorhaben anderer Leute sind von diesen Betrieben her die Ausnahme.

Erwin Stubenschrott, Geschäftsführer von „KWB“, bei einer Session mit Künstlerin Maruša Sagadin (Foto: Sagadin)

Keiner dieser Betriebe mit unterschiedlich großem Angestelltenstab hat Ressourcen, die ein konventionelles Kunstsponsoring ermöglichen würden. Sachleistungen sind möglich. So hat mich etwa Bernhard Kurtz (Elektro Kurtz) noch nie abblitzen lassen, wenn ich für eine Veranstaltung einen großen Monitor plus DVD-Player gebraucht hab etc.

Es gibt in dieser Betriebsdimension gelegentlich Ausnahmen wie etwa den Unternehmensberater Erich Wolf, der erhebliche Mittel in Ausstellungen, Kataloge und Werke investiert; weil er Kunstsammler ist. Das heißt, er folgt seinen eigenen Intentionen und Obsessionen, agiert nicht als Sponsor im herkömmlichen Sinn.

In der nächst größeren Betriebskategorie sieht das schon anders aus. Etwa Binder +Co oder KWB, da hat man Ressourcen und auch eine entsprechende Orientierung, durch die eine Kofinanzierung von Kunstprojekten immerhin möglich ist, zuweilen vorkommt.

Von einigen Betrieben der Region weiß ich, daß sie Kunstsammlungen haben, was ja seinerseits Mittel bindet, die folglich nicht in „außenliegende“ Aktivitäten investiert werden. Das heißt: Die Kunstaffinität ist da, aber die verfügbaren Mittel sind gebunden.

Manches Engagement muß, wie wir es eben erlebt haben, nicht einmal nach außen und an eine Öffentlichkeit adressiert sein. Es kann auch bedeuten, ein Kunstprojekt firmenintern abzuwickeln. Was dabei unausweichlich bleibt: Der Anspruch an hohes inhaltliches Niveau und professionelle Umsetzung.

Wenn eine Firmenleitung Geld verfügbar macht, damit etwa die Management-Riege mit einer Künstlerin in eine Tages-Session geht, dann handelt das von Anforderungen, welche regionale Voluntaries für gewöhnlich nicht zu erbringen imstande sind; so zumindest unsere praktische Erfahrung.

Da brauch ich schon wen, der oder die a) das Metier beherrscht und b) die Abläufe bewältigt, wenn Leute mitziehen, die etwa noch keinerlei Erfahrung mit solchen Sessions haben; ich benötige dazu aber vor allem Ideen und Konzepte, auf die sich eine Firmenleitung einläßt.

Derlei Ideen und Konzepte fallen weder vom Himmel, noch sind sie flott formuliert und noch flotter verkauft. Es kann in Firmen ohne weiteres auf einen mehrmonatigen Dialog mit Entscheidungstragenden hinauslaufen, die ihrerseits allenfalls erst etwas herausfinden müssen bzw. mitgestalten möchten. Es ist also in der Anbahnung mitunter sehr arbeitsintensiv.

Unternehmensberater Erich Wolf folgt mit großer Zähigkeit seinen Kunst-Obsessionen

Internationale Players investieren bei uns eher nicht in regionale Kunstprojekte. Ich sehe bestenfalls ihre Logos auf den Plakaten von Sportvereinen. Die Gegenwartskunst hat hier keinen vergleichbaren Stellenwert und was die Voluntaries machen, wird von einem Management wie etwa dem bei Magna Steyr keiner näheren Betrachtung unterzogen.

Wo aber Wege offen sind, hab ich noch nie gehört, daß vom Kunstfeld eine grandiose Idee angekommen sei, die das umgehende Zücken eines Scheckheftes bewirkt hätte. Wege. Zeit. Prozesse. Ich denke, wo es gelingt, einzelne Geschäftsleute für Vorhaben zu interessieren und schließlich zu gewinnen, müssen beide Seiten geneigt sein, miteinander Erfahrungsschritte zu setzen. „Schnelles Geld“ ist dabei keinerlei relevante Kategorie.

Was dann hinter dem nächsten oder übernächsten Horizont an Kooperationen zwischen Kunst und Wirtschaft greifbar werden mag, das muß, wie mir scheint, inhaltlich und in den Modusfragen überhaupt erst erkundet, erarbeitet werden.

— [kww] —

Gleisdorf: Kooperation mit Kulturbüro und City-Management

Es hat sich für uns ein großer Themenzusammenhang herauskristallisiert, über den wir zu klären versuchen, wie aktuell KUNST, WIRTSCHAFT und WISSENSCHAFT zu einer Wechselwirkung kommen SOLLEN und KÖNNEN. Diese grundsätzliche Fragestellung ist unter anderem auf einen sehr konkreten REGIONALEN Zusammenhang bezogen, auf das Kräftespiel zwischen Landwirtschaft und High Tech.

Ich hab im vorigen Eintrag skizziert, welches Themen-Ensemble wir bei kunst ost nun für die laufende Praxis über eine konkrete Kooperationssituation mit versierten Akteuren abgedeckt haben: [link] Das betont einige Teilthemen besonders:
+) Mobilitätsgeschichte/Sozialgeschichte
+) Gegenwart zwischen Landwirtschaft und High Tech
+) Frauen & Technik
+) Kulturpolitik im Sinne eigenständiger Regionalentwicklung
+) Gegenwartskunst

Wie, womit und wohin steuert eine Kommune? Wo und wodurch dockt BürgerInnenbeteiligung an?

Ganz klar, daß wir in der Summe unserer Arbeit manche Bereiche auf internationale Relevanz ausrichten und erklärtermaßen ein Beispiel für Best Practice in Europa zustande bringen wollen. Wir sind aber in anderen Aspekten auch auf die Oststeiermark und speziell auf die „Energie-Region Weiz Gleisdorf“ konzentriert.

Dabei hat sich nun über das Thema Verwaltungsreform eine aktuelle Brisanz ergeben, die einerseits Gleisdorf als Stadt, andrerseits die „Kleinregion Gleisdorf“ in besonderen Kontrast zu einander stellt. All das handelt von Umbrüchen, Neuorientierungen, Veränderungsschritten. (Derlei vollzieht sich freilich steiermarkweit.)

Gerwald Hierzi ist ein Bindeglied zwischen Gleisdorfs Kulturbüro (kommunal) und dem City-Management (privatwirtschaftlich). Für ihn lautet etwa die Frage nach Identität ganz konkret: Wer bin ich? Dabei beschäftigt ihn die Stadt mit ihren Geschichten, also mit ihren handelnden Personen.

Zur Frage verfügbarer Ressourcen sagt Hierzi einleuchtend: „Wer mittut, soll mehr Nutzen haben.“ Das betont PARTIZIPATION, die es neuerdings zunehmend schwer hat, sich gegenüber Haltungen der KONSUMATION zu behaupten. Und es korrespondiert mit meinem Prinzip für Projekte: Es soll mitreden, wer Verantwortung übernimmt.

Mit Gerwald Hierzi hab ich ein gegenüber a) in der Kommune und b) in der Privatwirtschaft

Hierzi versteht die Stadt als Bühne, in der sich Lebensrealität und Inszenierung komplementär ereignen. Daran interessieren ihn die Rollen, die gefunden und/oder kreiert werden. Das paßt mir gut. Man erinnere sich an meine Lieblingsmetapher: Wenn diese Region eine Erzählung wäre, würde sich diese Geschichte selbst erzählen, wenn wir die Menschen, die hier leben und handeln, dazu brächten, ihre Stimmen zu erheben. Wobei „Stimme“ das individuell bevorzugte Medium meint, nicht unbedingt Text oder Sprache sein muß.

Mir scheint, hier korrespondieren einige Vorstellungen davon, wie man an solchen Themen und Aufgaben arbeiten kann. Deshalb sind wir nun auch eine fixe Kooperation eingegangen, die uns über einen längeren Zeitraum mit Erfahrungsaustausch und interessanten Ergebnissen erfreuen soll.

Wir haben uns regional auf das Projekt „Vision 2050“ eingelassen. Gerwald Hierzi sagt, der Zeithorizont 2050 sei ihm für die praktische Arbeit im Rahmen seiner jetzigen Aufgabenstellungen etwas zu fern, ihn beschäftige in der Kommunikation nach außen die Zone 2025, denn das sei quasi in „Griffweite“. Hier treffen sich etliche unserer Fragestellungen dahingehend, an welchen Zielvorstellungen sich und welche Handlungsweisen orientieren sollen…

— [Vision 2050] —

Vision 2050: Warum so eilig?

Wir können aus dem Landeszentrum keine kulturpolitischen Strategien beziehen, weil dort Vorbedingungen und Gegenwart gleichermaßen unterschiedlich zu den Provinzmomenten sind. Hinzu kommt, daß in unserer Serie von Arbeitstreffen Ziviltechniker Andreas Turk etwas pointiert hervorgehoben hat, was nicht vom Himmel gefallen ist.

Ich kenne selbst seit den 1980er-Jahren die Debatten, was es an der Provinz verändert habe, daß Zentrumsbevölkerung sich ansiedelt, die zwar ihren Berufsschwerpunkt weiterhin im Zentrum habe, auf der Suche nach mehr Lebensqualität aber herausgezogen sei.

Andreas Turk (links) und Erich Wolf: "Dürfen Fragen offen bleiben?"

Turk sagt polemisch scharf: „Früher haben hier Leute für die Region gearbeitet, heute fragen sich viele: Was krieg ich von der Region?“ Das korrespondiert übrigens mit dem, was ich in den letzten eineinhalb, zwei Jahren von etlichen Bürgermeistern zu hören bekam. Die Erwartungen der Menschen, was Kommunen ihnen bieten sollten, steigen laufend. Dagegen sinke die Bereitschaft, sich im Gemeinwesen und für das Gemeinwesen zu engagieren, merklich.

In unseren Erörterungen kulturpolitischer Optionen sind wir bei einem Fragenkomplex, der auch die Lokal- und Regionalpolitik herausfordert: Was kommt denn tatsächlich aus der Region? Woraus wird hier Identität bezogen? Das verweist ferner auf die Überlegung, was in den Identitätsfragen sichtbar würde, wenn man es nicht Werbeagenturen überläßt, Behauptungen zu promoten, WAS diese Region sei und WER ihre Menschen seien.

Erich Wolf: "Langfristige kulturelle Entwicklung..."

Damit kommen wir flott zu einigen Überlegungen, die auch auf dem Kunstfeld zentrale Bedeutung haben. Etwa:
+) Habe ich Zeit für Wahrnehmungserfahrungen, die nicht gleich zu praktisch nutzbaren Ergebnissen führen müssen?
+) Gibt es eine Wertschätzung für diese ganz anderen Zugänge, welche sich auch in verfügbaren Ressourcen ausdrückt?
+) Dürfen dabei Fragen offen bleiben?

Hier sieht etwa Kunstsammler Erich Wolf einen Kontrast Kulturschaffender zu gängiger Politikpraxis: „Es muß nicht immer eine Antwort kommen, ich kann auch eine Frage im Raum stehen lassen. Manche Fragen werden vorerst nicht beantwortet.“

Das mag provokant klingen. Aber es bekommt sofort ganz anderes Gewicht, wenn ich etwas „Realpolitik“ genauer überprüfe und dabei feststellen muß, daß sehr oft Lösungen bloß SIMULIERT werden. Österreich ist gerade jetzt reich an Beispielen dafür, wo die Politik längst Grenzen ihrer Kompetenzen erreicht hat, was von ihren Funktionstragenden aber keineswegs offengelegt wird. Statt dessen bekommen wir dann oft Scheinlösungen serviert.

Da wäre es eigentlich redlicher und sinnvoller, offen zu sagen: Diese und jene Frage kann im Augenblick nicht beantwortet werden. Wir werden allerdings kaum Akteurinnen und Akteure der Politik finden, die so einen Modus in Betracht zögen. (In der Befassung mit Kunst ist das ganz anders.)

Wir kennen den Modus, auf komplexe Fragen simple Antworten zu generieren. Das ist übrigens auch ein erhebliches Problem für die Arbeitspraxis von Bürgermeistern. Turk kennt diese Legion von Beratern, welche Länder durchstreifen, Tonnen von Papieren produzieren, die, wenn sie sich verkaufen lassen, oft zu diesem Punkt führen: Und jetzt macht damit, was ihr wollt!

So werden häufig Ressourcen verbraten, die keine Chance auf Ergebnisse greifbar machen. Uns beschäfigen im Augenblick natürlich Finanzierungsmodelle für künstlerische Projekte (in der Provinz). Uns beschäftigt dabei, wie sie sich zeitgemäß begründen lassen und mit welchen Argumenten sie zu konkreten Kooperationen führen können. Der große Themenbogen ist in unserer Arbeit schon klar: Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft; warum und wie mögen diese Genres in Wechselwirkung gebracht werden? Für welche Vorhaben sind welche Modi der Kooperation realistisch?

Kleiner Einschub:
Wir haben uns in unserer jüngsten Session eine Serie von Features angesehen, die von XXKunstkabel produziert wurden: [link] Der vormalige MAK-Chef Peter Noever sagt da an einer Stelle: „Man muß sich von der Idee trennen, daß gute Dinge eine große Öffentlichkeit haben.“

Das ist ein von mehreren wichtigen Aspekten, den wir bisher eindeutig zu wenig klar vertreten haben. Regionale Politik zeigt kaum Courage, sinnvollen Prozessen Zeit zu lassen und ihnen zu erlauben, in kleinen Kreisen zu beginnen, um sich in Ruhe zu entwickeln.

Edelbert Köb im XXKunstkabel

Genau diese Überlegungen waren ja auch in unserer Session mit Michael Narodoslawsky (TU Graz) Gegenstand unserer Erörterungen; und sind hier nachzuhören: [Link #1] [Link #2] Daß also relevante Prozesse in kleinen Kreisen begonnen mögen und Zeit haben, sich zu entwickeln.

Narodoslawsky betonte gerade jenen Bereich, der mich auch in der Kooperation mit Turk beschäftigt: Den Arbeitsansatz „Vision 2050“. Narodoslawsky sagte sinngemäß: 2050, das ist noch sehr weit weg. Warum wollen sie es jetzt eilig haben, an dieser Vision zu arbeiten und ein schnelles Ergebnis zu produzieren?

Genau da berührt sich das auch mit den Intentionen von Erich Wolf, der einerseits als Unternehmer die Abläufe der Wirtschaft sehr gut kennt, andrerseits als Kunstsammler ein interessantes Hauptmotiv hat: „Ich sammle, um Prozesse dieser Zeit zu erhalten und sie zugänglich zu machen.“

Dieser Ansatz handelt ganz offensichtlich auch von der Intention, Prozessen Raum zu geben und Prozesse zu VERSTEHEN. Kein schlechtes Motiv für kulturelles Engagement.

— [styrian contemporary] —
— [vision 2050] —

Themen und Arbeitsebenen

Das ursprüngliche „Trägersystem“, die Kulturinitiative kultur.at: verein für medienkompetenz, hat im Jahr 2009 ein Projekt realisiert, das inzwischen als kunst ost: soziokulturelle drehscheibe Eigenständigkeit erreichte.

Diese institutionelle Eigenständigkeit beider Formationen erweist sich als sinnvoll, weil ein thematisch sehr komplexer Prozeß entstanden ist. Aus den letzten Jahren hat sich eine Aufgabenstellung herauskristallisiert, die sich aus folgenden Genres zusammensetzt:

1) Kunstvermittlung und -präsentation
2) Diskursarbeit: a) Kunstdiskurs & b) kulturpolitische Diskurse
3) Lobby- und Communityarbeit
4) Dokumentation & Publikation
5) Grenzüberschreitende Kooperationen

Dazu sind im Hintergrund
+) laufende Basisarbeit und
+) Archivarbeit sowie
+) der Ausbau der Web-Präsenz nötig.

Wir verfolgen als thematische Hauptlinien folgende Bereiche
1) Gegenwartskunst
2) kulturelle Praxis auf der Höhe der Zeit
3) Frauen & Technik
4) Sozialgeschichte/Mobilitätsgeschichte

Das verzahnen wir regional in zwei Komplexe
1) Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft
2) Zwischen Landwirtschaft und High Tech

Aus diesem Themengefüge soll sich quer durchs Jahr eine Kontinuität der Ereignisse und Veranstaltungen ableiten lassen, in der eine heterogene Community vielfältige Kompetenzen zur Wirkung bringt.

Das zeigt sich in der Praxis grundsätzlich über drei Optionen:
+) Produktionen aus dem „Kernbereich“, von Mirjana Peitler-Selakov (Kunsthistorikerin) und Martin Krusche (Künstler) entwickelt.
+) Produktionen aus einem engeren Kreis von „Schlüsselpersonen“ der Drehscheibe kunst ost.
+) Kooperationen mit vollkommen eigenständigen Kulturinitiativen der Region.

Dazu kommen zwei Kooperationen gänzlich anderer Art, die im Sinne eigenständiger Regionalentwicklung Gewicht haben. Einerseits die mit dem Unternehmer und Kunstsammler Erich Wolf: [link] Andrerseits die mit dem Ziviltechniker Andreas Turk: [link]

Da erarbeiten wir gerade die Grundlagen eines längerfristigen Zusammenwirkens. Wie schon angedeutet, das Zusammenspiel von Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft hat aktuell Klärungen verlangt: Warum sollen wir überhaupt diese Genres verknüpfen? Wovon handeln mögliche Gemeinsamkeiten und wie sollte das in gemeinsames Tun überführt werden? Das ist inzwischen erheblich klarer und wird für den Rest des Jahres 2012 schon praktische Ergebnisse zeigen.

styrian contemporary

Ich hab im vorigen Beitrag [link] deutlich zu machen versucht, wie wir gerade bei kunst ost konkret zu machen beginnen, was an Zusammenwirken von Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft a) wünschenswert und b) realistisch erscheint. Von unserer Kooperation mit Kunstsammler Erich Wolf war hier schon öfter die Rede: [link]

Kunstsammler Erich Wolf

Von meinen Erörterungen mit Historiker Robert F. Hausmann hab ich auch schon erzählt: [link] Nun saß ich mit beiden an einem Tisch, weil ich angenommen hatte, es gebe einige Fragestellungen, die uns gemeinsam interessieren, also könnten wir eventuell auch einige Aufgabenstellungen finden, für die uns Kooperation reizen mag. Da geht es um Kunst und Wissenschaft, im Kielwasser dieser Optionen natürlich auch um die Wirtschaft.

Ich bevorzuge solche Kräftespiele. Meine eigene künstlerische Praxis hat ja sehr viel mehr den Charakter von Forschungstätigkeit, als daß sie vor allem an ein Publikum adressiert wäre. Mit dieser Tendenz bin ich keinesfalls allein auf weiter Flur. Wolf hat als Sammler (mit dem Schwerpunkt bildender Kunst der Steiermark nach 1945) eine sehr aktuelle Vorstellung vom Status quo. Er sagte: „Die Kunst war nie zuvor so wissenschaftsaffin wie heute.“

Historiker Robert F. Hausmann

Was das Potential für eine Kooperation dieser beiden Genres betrifft, nannte Wolf einen recht interessanten Aspekt: „Die Kunst kann dort weiter gehen, wo die Wissenschaft aufgrund ihrer Bedingungen einmal innehalten muß.“ Außerdem betonte er, auch das Kunstpublikum müsse sich heutzutage mehr mit Zugängen zur Wissenschaft befassen, um Zugänge zur Kunst zu finden.

Damit bin ich erneut bei dem im vorigen Beitrag [link] zitierten Richard Buckminster Fuller: “Je fortgeschrittener Wissenschaft ist, desto näher kommt sie der Kunst. Je fortgeschrittener Kunst ist, desto näher kommt sie der Wissenschaft.”

Historiker Hausmann berührte in unserem Gespräch dann noch einen äußerst brisanten Punkt, der heute, was seine Wirkung angeht, zu gerne übersehen wird oder unzureichend bewertet wird: „Im 19. Jahrhundert kommt die Freizeit. Was tut man damit?“

Wir sehen heute, daß eine mit Milliarden-Budgets gerüstete Freizeitindustrie, eng begleitet von Medienkonzernen, um die von Erwerbstätigkeit freie Zeit und das Geld der Menschen ringt. Diesem Kräftespiel stehen wir Kulturschaffende in der Wissensarbeit und im kulturellen Engagement gegenüber. Das ist kein einfaches Match!

In diesem Zusammenhang sei notiert: Der Verein „styrian contemporary“ (Federführend: Erich Wolf) ist gerade in seiner Gründungsphase und wird in Kürze als formeller Kooperationspartner von kunst ost und kultur.at im regionalen Kulturgeschehen auftauchen.

Wir werden so zwar die vorhin angedeuteten Major Companies der Freizeit- und Medienindustrie nicht anrempeln können, aber wir werden eine klare, regionale Position zugunsten von Bildung, Kunst und Kultur errichten. Neugier, Debatten, Wissenserwerb, ästhetische Erfahrungen…

Wissenschaft und Kunst

Am Beginn des 20. Jahrhunderts war es bei etlichen Leuten der Russischen Avantgarde selbstverständlich, daß sie sich nicht nur als Kunstschaffende, sondern auch als Forschende verstehen. Kasimir Malewitsch ist eines der exponiertesten Beispiel für diese Haltung. Der Einfluß der der Russischen Avantgarde auf die westliche Kunst des vorigen Jahrhunderts kann gar nicht überschätzt werden.

Kasimir Malewitsch: Skizze zum 5. Bild der Oper Sieg über die Sonne, 1913

Das frühe zwanzigste Jahrhundert war von einer enormen Welle wissenschaftlicher Erkenntnisse und technologischer Innovationen geprägt. Diese Phänomene fanden ein markantes Echo unter den Kunstschaffenden. Das hat sich über die folgenden Jahrzehnte vertieft und ausdifferenziert.

Ich bin vor einigen Jahren von Medienkünstlerin Victoria Vesna auf eine exponierten Bezugspunkt in dieser Sache gebracht worden. Sie selbst ist ein starkes Beispiel dafür, wie in der Kunst Fragen und Verfahrensweisen der Wissenschaft aufgegriffen werden, wie aber auch umgekehrt Strategien der Kunst im Wissenschaftlichen Resonanz finden.

Victoria Vesna beim Bau ihres "Quantum Tunnel"

Sie erzählte mir von Richard Buckminster Fuller, der schon in den 1930er-Jahren überzeugt gewesen sei: „Je fortgeschrittener Wissenschaft ist, desto näher kommt sie der Kunst. Je fortgeschrittener Kunst ist, desto näher kommt sie der Wissenschaft.“ [Quelle] Zu Buckminster Fuller siehe: [link]

Kontakt und Wechselwirkung von Wissenschaft und Kunst haben also eine erhebliche Vorgeschichte. Aus diesem Zusammenhang ergibt sich auch eine auffällige Entwicklung, in der nicht mehr „das schöne Bild“ oder „das wohlgefällige Werk“ im Blickfeld steht, sondern das Bearbeiten von Frage- und Aufgabenstellungen. Prozesse statt Werke als Artefakte, das nahm in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts enorm zu.

In diesem Zusammenhang ist es auch zu verstehen, daß etwa kunst ost über die ausdrückliche Einrichtung eines „Labors“ solche Optionen berührt hat: [link] Heute ist dieser Prozeß bei uns schon in einer nächsten Phase. Das führte uns etwa zur Themenstellung „Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft“: [link]

Das führt uns auch zu jenem von Mirjana Peitler-Selakov entworfenen „Tech_Lab“, an das wir mit dem kommenden FrauenMonat [link] von kunst ost ein Stück näher rücken werden. In Summe bedeutet das etwa, wir bemühen uns, auf der Höhe der Zeit zu klären, wie diese drei Genres — Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft – fruchtbar interagieren und in der Folge kooperieren können.

Das soll uns zweierlei bieten. Erstens ein lebhaftes und anregendes Betätigungsfeld, auf dem Menschen mit höchst unterschiedlichen Kompetenzen einen interessanten Möglichkeitsraum vorfinden. Zweitens eine Arbeitsansatz, in dem sich neue Optionen abzeichnen, wie die drei Sektoren Staat, Markt und Zivilgesellschaft kooperieren können.

Gleisdorf als Angelpunkt

Das Laufende umsetzen, nächste Schritte herbeiführen, Neues planen… Ich geb’ zu, manchmal fällt es mir schwer, so einen Fluß der Dinge sicherzustellen. Es ist ein gravierendes Kräftespiel.

Aber genau diese Kontinuität scheint eine der Voraussetzungen zu sein, damit solche Art Kulturarbeit auch in Kommunen und Unternehmen ausreichend ernst genommen wird, um Kooperationen und Kofinanzierungen wert zu sein.

Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov

Wir haben momentan im Zusammenspiel von kultur.at und kunst ost eine Reihe von Dingen auf die Schiene gebracht, die spannende Zeiten versprechen. Das lohnt dann die Anstrengung. Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov schreibt gerade ihre Dissertation.

In dieser Phase hat sie aber auch den kommenden „Frauen-Monat“ („Frauen, Macht und Technik“) von kunst ost vorbereitet und, was dem eine erhebliche Perspektive gibt, die Grundlagen für ein „Tech-Lab“ geschaffen, in dem wir wohl einige neue Maßstäbe setzen werden, was den Kontext „Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft“ betrifft.

Darüber hinaus wird Mirjana Peitler-Selakov dann ihr Engagement auf dem Kunstfeld reduzieren, denn sie kehrt in die Automobilentwicklung zurück, hat eine leitende Funktion im E-Car-Bereich von Magna Steyr [link] übernommen.

Kunstsammler Erich Wolf

Eine andere Praxisvariante des Kontext „Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft“ realisieren wir in Kooperation mit dem Unternehmer und Kunstsammler Erich Wolf: [link] Daraus ergibt sich der heurige Herbst-Schwerpunkt von kunst ost, welcher traditionell der Gegenwartskunst im internationalen Rang gewidmet ist.

Erich Wolf ist federführend in der Entwicklung des Symposions „Regionalität und Realität // Globalität und Virtualität“, das wir am 7. und 8. September dieses Jahres im Hause von Binder+Co [link] realisieren werden.

Damit möchte ich deutlich machen, daß wir augenscheinlich eine nächste Stufe erreicht haben, Themenstellungen und Arbeitsweisen hier in der Provinz auf ein Niveau zu bewegen, wo wir weder den Vergleich mit Projekten im Landeszentrum scheuen müssen, noch beim Schritt über Landesgrenzen eine schlechte Figur machen. Das meint auch, der primäre Ereignisort Gleisdorf erweist sich als ein Angelpunkt kultureller Innovation.

KWW: Eine neue Konzeption der Ethik?

Meine vorigen Notizen zur dritten Session von KWW endeten mit dem Zugehen auf eine Frage. Ich schrieb, es gehe auch darum, verbindlich herauszufinden: „Wonach hungert unsere Region?“ Diese Frage, von Hans Meister formuliert, stand am Ende des Abends im hause der estyria. An seinem Beginn hatte Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov zu einer anderen Frage hingeführt: „Wie finden wir, aus all den verschiedenen Lebensbereichen kommend, zu einer neuen Konzeption der Ethik?“

Mirjana Peitler-Selakov (Foto: Sabine Zettl)

Ausgangspunkt dazu war ihre Schilderung, wie wir im Arbeitsansatz Close to Nature künstlerische Zugänge entwerfen, die sich neben den ästhetischen Aufgaben auch solchen Aufgaben widmen. Peitler-Selakov: „Wir leben mit einem Verlust der natürlichen Umwelt als Erfahrungsraum.“ Dieser Erfahrungsraum sei den meisten von uns verloren gegangen.

Unsere Projektarbeit bündelt dabei nun fünf Optionen: Körperlichkeit, Fühlen, Denken, Wahrnehmen und Handeln. Wir thematisieren hier auch die angemessene Balance zwischen Eigennutz und Gemeinwohl. Peitler-Selakov fragte nach der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Worin sich Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft in dieser Angelegenheit treffen können?

Sind gemeinsame Fragestellungen dingfest gemacht, werden gemeinsame Aufgabenstellungen greifbar. Das ist eine unserer Grundideen. Wo wir die fünf Optionen bündeln möchten, die Körperlichkeit, das Fühlen, das Denken, die Wahrnehmen und das Handeln, haben wir jede Möglichkeit, das in unterschiedlicher Intensität einzusetzen.

Peitler-Selakov: „Alle diese Elemente ansprechen, getrennt, zusammen, in Etappen. So daß der Mensch durch diese Erfahrungen, durch denken und wahrnehmen, letztlich auch zum Handeln kommt. Das ist unsere zentrale Idee.“

Hier wird betont, was wir schon in der zweiten KWW-Session hervorgehoben haben, daß wir auch im Zugang zur Kunst mehr Anregungen zur Partizipation schaffen möchten, damit der Fokus nicht so stark auf dem Bereich der Konsumation bleibt. Konsumation oder Partizipation, das ist eine der brisanten Fragen im laufenden Geschehen.

Praktisch geht es um kein ODER, es geht um das UND mit dem daraus folgenden Verhältnis beider Möglichkeiten zueinander: Konsumation und Partizipation.

Es gibt zu diesem Themenschwerpunkt eine kleine Vorgeschichte. Mirjana Peitler-Selakov war einige Zeit leitende Kuratorin eines Medienkunstlabors im Grazer Kunsthaus. Im Jahr 2008 ist es ihr gelungen, die amerikanische Medienkünstlerin Victoria Vesna ins Haus zu holen. In den Debatten, die wir führten, verwies Vesna auf Richard Buckminster Fuller, von dem die Ansicht stammt, Integrität werde die Ästhetik des 21. Jahrhunderts sein.

Victoria Vesna, Martin Krusche

Ich habe bei Vesna damals noch nachgefragt, ob das so gemeint sei, wie es bei mir angekommen ist. Vesna bestätigte: „The great aesthetic which will inaugurate the twenty-first century will be the utterly invisible quality of intellectual integrity;…” Das vollständige Zitat in meinem Logbuch: [link]

Darin liegt übrigens auch ein Hinweis darauf, daß es quer durch das 20. Jahrhundert Ereignislinien gibt, auf denen Kunstschaffende — ganz ähnlich wie in der Grundlagenforschung — konsequent an relevanten Themen arbeiten.

Daß sich Künstler als Forschen verstehen, hat übrigens seine Wurzeln mindestens in der russischen Avantgarde zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Es geht dabei also nicht um die Selbstinszenierung als Boheme, um ein „antibürgerliches Gehampel“, das sich im Tragen auffälliger Hütchen und lautem Gehabe erschöpft.

Hier zeigt ein Metier seine Möglichkeiten, wobei die Kunst einen der Angelpunkte ergibt, in dem sich menschliche Gemeinschaft bewegt.

+) close to nature
+) … und dann 2050

[KWW: Die dritte Session]