Schlagwort-Archiv: kulturpolitik

Die Künstlerhaus-Debatte #9

„es fehlt ein begriff davon…“

Der öffentliche Diskurs zu Fragen der Kunst und der Kulturpolitik wird merklich lebhafter. Eine aktuelle Umfrage in der „Kleinen Zeitung“ hat mir zum Beispiel dieses bemerkenswerte Statement von Autor Johannes Schrettele in die Hände gespielt:

Johannes Schrettele

„es fehlt ein begriff davon, was und wofür kunst in einem gemeinwesen sein soll, weil ein begriff davon fehlt, was ein gemeinwesen, was öffentliche räume überhaupt ausmacht, außer tourismus und konsumangebote. dadurch fehlt auch ein verständnis dafür, dass es kunstproduzentInnen mit speziellen kompetenzen, räume und diskurse zu produzieren, gibt, die beamtInnen und politikerInnen naturgemäß nicht haben. mittel und möglichkeiten müssten wesentlich direkter zu diesen produzentInnen gehen, politik von politikerInnen gemacht werden, die sich wirklich dafür interessieren.“ [Quelle]

Ich stimme diesem Befund zu. Wenn wir keine klaren Begriffe habe, können wir aktuelle Anliegen nicht verhandeln, wir können nicht einmal streiten. Nötige Prozesse der Begriffsbestimmungen werden wohl primär von den Kunstschaffenden selbst ausgehen müssen. Es sollte kein Problem sein, die Ergebnisse solcher Prozesse dann auch bei Politik und Verwaltung ankommen zu lassen.

Die letzten Jahre haben laufend bestätigt: Wenn WIR (Kunstschaffende) nicht klären, was Kunst sei, werden das Politik und Wirtschaft gerne für uns erledigen.

Die Kulturschaffende Edith Draxl betont, es sei „die Vermischung von sozialen und inhaltlichen Kriterien unproduktiv für die Entwicklung der Kunst. Es gibt zu wenig Wissen um aktuelle künstlerische Entwicklungen, daher wird öfters provinziell gedacht und falsch gewichtet.“ Ein wichtiger Aspekt, denn Sozialarbeit ist mit anderen Aufgaben und Zielen ausgestattet als Kulturarbeit, auch wenn es natürlich Schnittpunkte gibt. Und die Regeln der Kunst sind wiederum ganz anders angelegt.

Werner Schrempf

Kulturvermittler Werner Schrempf betont „Gezielte Unterstützung von Kooperationen, Professionalisierungs- und Internationalisierungsprozessen.“ Das muß freilich auch von den „primären „ Akteurinnen und Akteuren gewollt und angestrebt werden. Schrempf ferner: „Stärkung erfolgreicher und zukunftsweisender Initiativen, begleitet durch den Auftrag, sich gemeinsam mit der regionalen Szene zu entwickeln. Nutzung von Synergieeffekten versus Kategorisierung in ‚groß und klein’ oder ‚frei und etabliert’“.

Ausgezeichnet! Zumal die aktuelle Nomenklatur ohnehin in den Ramschladen gehört, weil mit diesen Termini keine zügige Verständigung mehr möglich ist. „Hochkultur“ versus… was eigentlich? Und „Szene“. Und dies und das. Trübe Kategorien, die neue Klärung darüber vertragen könnten, was womit gemeint ist und was selbst nach Revision nichtssagend bleibt.

Also wieder rüber zu Schrettele: „es fehlt ein begriff davon,…“ Und bitte nicht vergessen! Es wäre unter anderem zwischen Gegenwartskunst und Voluntary Arts zu unterscheiden. Kunsthandwerk und ambitionierte Basteleien sind auch etwas anders. Um Draxl zu wiederholen: „die Vermischung von sozialen und inhaltlichen Kriterien unproduktiv…“

Was sind also Kategorien der Kunst, was soziale Agenda, was sind wirtschaftliche Fragen und was ist Sache des Tourismus-Büros Ihres Vertrauens? Es müssen wahrlich nicht alle Widersprüche eliminiert werden, um zu interessanten Einsichten zu kommen. Im Gegenteil, das Widersprüchliche ist anregend. Aber wer in der Sache Parteienstellung beansprucht, sollte seine oder ihre Gründe halbwegs kohärent vorbringen können.

Und bitte auf jeden Fall mehr davon in den öffentliche Diskursen!

[Die Debatte: Übersicht]

Die Künstlerhaus-Debatte #8

Boulevardisierung des Kunstbetriebes?

Eine Artikelserie in der „Kleinen Zeitung“ bietet zum Auftakt ein Interview mit Kulturlandesrat Christian Buchmann. Die ersten vier Fragen lassen erahnen, auf welchem Niveau der kulturpolitische Diskurs in der Steiermark angelangt ist:

1) „Bei einer Podiumsdiskussion über die schöne Kunst und das schnöde Geld sagte Kurator Peter Weibel kürzlich auf die Frage, was sich denn ändern solle: ‚Der Buchmann muss weg!’ Und aus dem Saal echote es: ‚Ja, der Buchmann muss weg!!!’ Was haben Sie falsch gemacht?“
2) „Nach besagter Diskussion hörte man von den Leuten die Kritik, dass Ihnen Empathie und Leidenschaft für die Kultur und die Kulturschaffenden völlig abgehe.“
3) „Es heißt, Sie hätten eine geradezu körperliche Abneigung gegenüber Kulturleuten.“
4) „Ist Ihre Klientel schwierig oder sind Sie schwierig?“
Da wird mir ja schlecht! Quelle: [link]

Wird gerade abgeräumt oder aufgedeckt?

Ich halte Michael Tschida für einen seriösen und konzentrierten Journalisten. Wie ist dann aber so eine Story zu erklären? Und wie viele Jahre ist es wohl her, daß Josef Haslinger seiner Kritik einer „Politik der Gefühle“ ein ganzes Buch gewidmet hat? (Es war 1987!) Nebenbei: Warum hängen sich neuerdings auffallend viele Leute meines Metiers an die Rockschöße von Peter Weibel?

Ich halte das saloppe Verteilen psychologischer Befunde für sehr problematisch. Was ich hier lese, ist nicht einfach polemisch, es lotet einen psychischen Zustand aus, der als irgendwie schadhaft angedeutet wird. Derlei Tendenzen sind völlig unakzeptabel und ich halte es für würdelos, solchen Diskurs-Kuriositäten zu applaudieren.

Wir sollten jene Beispiele an Verfahrensweisen aus dem 20. Jahrhundert kennen, die Kunstschaffende mit der Unterstellung psychischer Devianz bis Pathologie in Anstalten oder Gräber geschafft haben. Der Hitlerismus wie der Stalinismus sind reich an einschlägigen Beispielen. Wir können doch nun das gleiche Mittel nicht auf Opponenten anwenden.

Kulturpolitische Diskurse in solchem Kielwasser, wenn auch vergleichsweise in der Untergriffigkeit homöopathisch verdünnt, dürften nicht in Frage kommen und diskreditieren außerdem jede klare inhaltliche Position. Wenn also ein Kulturpolitiker zur Debatte stehen muß, dann geht das eigentlich nur über a) fundierte Sachargumente und b) geistreiche Polemik, doch keinesfalls, indem die leibliche oder psychische Integrität der Person angegriffen wird.

Wer den Lauf des steirischen Kulturbetriebes seit etwa März 2010 verfolgt hat, da völlig unübersehbar geworden war, daß erhebliche Budgetkürzungen kommen werden, hat auch beobachten können, wie sich das aufbaute, nein, aufbauschte, was ich eben auf „infograz“ als „Revolution in Hauspatschen“ beschrieben hab, als eine Lampenputzerei, einen „Aufstand im Sitzen“: [link]

Ich bin sehr verärgert, daß sich in meinem Milieu solche Spießermanieren breit machen konnten, die vor allem einmal dem Boulevard in die Hände arbeiten. Daß wir auf solche Art unsere eigenen Fundamente beschädigen, scheint vielen gar nicht aufzufallen.

Ist eigentlich bemerkt worden, wie ein anderer Artikel in der „Kleinen Zeitung“ zu einem Kommentar geführt hat, der als exemplarisch gelten darf? Da qualifizierte ein petergruber1 den ganzen Berufsstand der Kunstschaffenden als ein Feld von „durchgeknallten Selbstverwirklichern“, denen Gelder gestrichen werden sollten, damit sie einmal „wirklich arbeiten“? [link]

Auch hier fällt auf, daß vor allem einmal die psychische Integrität der Kritisierten in Frage gestellt wird. Dazu wird eine räuberische Haltung unterstellt, die sich auf ein Nichts gründet, für das die Gesellschaft abgezockt werde. Ergänzend und zur Illustration noch einige Zitate von „krone.at“:

“Was ist Kunst?“ „in einem runden raum in die ecke kacken“ / „Die Kunst der Fäkal- und anderen ‚Künstlern’, die Du beschreibst besteht in meinen Augen lediglich darin, eine finanzstarke Lobby (aus Steuergeldern finanziert, versteht sich) zu haben und dies weidlich auszunützen“ / „In diesem Bezug wäre es interessant zu erfahren WIEVIEL Steuergeld da so ins Klo gespühlt wird…“

Slogans, Phrasen, aber auch Herabwürdigungen, Beschimpfungen… es weist nichts darauf hin, daß solche Mittel die Anliegen Kunstschaffender voranbringen könnten. Wenn solche Beiträge Platz greifen können, dürfen, muß ich annehmen, daß in weiten Bereichen meines Metiers die Ambition, um kulturpolitisches Neuland zu ringen, aufgegeben wurde.

Sachliche Kompetenz, stichhaltige Argumente, meinethalben ergänzt um geistreiche Polemik, dazu dürfte es meiner Einschätzung nach keine Alternativen geben.

[Die Debatte: Übersicht]

Die Künstlerhaus-Debatte #7

Durchgeknallte Selbstverwirklicher

Ein petergruber1 hat am 04.01.2012 folgenden bemerkenswerten Kommentar zu einem Artikel in der „Kleinen Zeitung“ abgegeben:
„der einzige Grund warum ich mich auf die kommende Kriese freue ist der, dass dann die ganzen durchgeknallten Selbstverwirklicher ersten mal wirllich arbeiten wetdem müssen – denn die jährlichen Millionenförderungen werden ausbleiben. Dann werden die mal sehen was Sie fordern können“

Daß jemand mit solcher Gehässigkeit auf eine Berufsgruppe losgeht, Kunstschaffende rundheraus als „durchgeknallte Selbstverwirklicher“ abtut und eine unscharfe Vorstellung von „wirklicher Arbeit“ in den Raum stellt, macht mich neugierig.

Der Artikel, auf den petergruber1 reagiert hat, bietet uns aber zur Sache keinerlei Neuigkeiten: „Künstlerhaus: Kulturbaustelle mit vielen neuen Chancen“: [link] Der öffentliche Diskurs zu Künstlerhaus und Gegenwartskunst ist also zumindest in diesem Blatt momentan nicht vorangekommen.

Die Suppentöpfe der Kunstschaffenden: Money for nothinh and chicks for free?

In der „Krone“ gab es inzwischen einige interessante Gastkommentare von sachkundigen Leuten, da Michaela Reichart und Martin Grasser meinten: „Weil eine Zeitung auch ein Forum für Diskussionen und Gedankenaustausch sein sollte, haben wir handelnde Personen um Gastkommentare gebeten, die in den kommenden Tagen und Wochen erscheinen werden.“

Aber zurück zu petergruber1. Derlei Ansichten über unser Metier sind a) keineswegs selten und werden vor allem b) auf dem Boulevard recht gerne und häufig aufgekocht. Wenn der Schlatz aus einem Kommentator dermaßen hervorbricht, darf ich vor allem einmal darauf schließen, wie sehr er seine eigene Berufstätigkeit als sinnvoll und erfüllend empfinden muß.

Das ist ja kein so seltenes Phänomen. Getreu dem Rock & Roll-Mythos „Money for nothing and chicks for free“ wird gerne angenommen, Kunstschaffende führten ein eher sorgenfreies Leben auf Kosten anderer Leute, während man sich selbst in der Hackn krummlegen müsse. Diese Kolportage bezieht auch Futter aus den romantischen Geschichten über eine (urbane) Boheme, die in antibürgerlicher Attitüde natürlich auch ein bürgerliches Leben und dessen „Werte“ ablehnt, welche das aber – so die Klischees – auf Kosten jenes Bügertums tun möchte, dem es sich nur mit Hohn zuwendet.

Das hat in Summe recht wenig mit dem Berufsfeld von Künstlerinnen und Künstlern zu tun. Solche Stereotypen-Wirtschaft kennen wir auch in sanfteren Versionen. Es wäre in diesem Zusammenhang vermutlich von Vorteil, die Bilder etwas zurechtzurücken und auf aktuellen Stand zu bringen.

Das verlangt unter anderem einige Konzentration darauf, welche Bilder vom Dasein als Kunstschaffende die Öffentlichkeit dominieren und was daran revidiert werden müßte. Verkürzt läßt sich sagen: Seit in der Renaissance das Kunstschaffen aus der Abhängigkeit des „göttlichen Auftrags“ herausgetreten ist und Autonomie beansprucht hat, kennen wir maßgebliche Künstler als Unternehmer im durchaus heutigen Sinn.

Was genau tun eigentliche Menschen, wenn sie sich mit Kunst befassen?

Komischerweise wird das von Leuten, die Kunst kaum interessiert, gerne ignoriert. Oder aber, falls sie es bemerken, wird es als Argument GEGEN Kunstschaffende vorgebracht; Stichwort: „Kommerzler“. Solche abstruse Abschätzigkeit, die sich Kunstschaffende als Eremiten oder Bewohner des „Hotel Mama“ zurechtträumt, aber als ökonomisches Wesen nicht vorstellen kann, findet auch unter jenen Interesse, die sich selbst mühen, auf dem Kunstfeld ernst genommen zu werden.

So findet man unter den Selbstdarstellungen mancher Kreativer originelle Gedanken wie: „freie Kunst ist gelebte Liebe. Solange Künstler von ihrer Kunst leben müssen, sind sie Anbieter käuflicher Liebe und nicht frei.“ Oder: „Künstler die Kunst zwecks Profit machen sind wie Eltern die ihre Kinder zwecks Kindergeld zeugen.“

Das sind ziemlich spießige Bonmots, die keiner weiteren Überprüfung an den Realitäten Kunstschaffender standhalten. Das sind auch keine Kategorien der Kunst, die hier angesprochen werden.

Brunelleschi, Piero della Francesca, Dürer, frühe Leitfiguren der Entwicklungen hin zu dem, was wie heute als Intentionen und Bedingungen von Kunst kennen, waren keine Bohemiens, sondern Professionals. Es gibt Kontinuitäten solcher Prefessionalität, die durch allfällige Brüche eher noch bestätigt, als geschwächt werden.

Inzwischen hat uns Duchamp irritiert, Warhol die Plomben gezogen, Beuys in’s Grübeln gebracht und John Cage verstummen lassen.

Daß wir im Reich der Kunst und ihres Marktes stets auch mit Widersprüchen und Gleichzeitigkeiten konfrontiert sind, setze ich als bekannt voraus. Aber im Kern bleibt es vorerst noch ein Berufsfeld, das offenbar sehr vielen Menschen völlig unklar ist. Und was einem derart unklar ist, scheint darin ausreichend provokant zu wirken, um eine Feindseligkeit zu speisen, die sich etwa auf solche Art Luft macht: „dass dann die ganzen durchgeknallten Selbstverwirklicher ersten mal wirllich arbeiten wetdem müssen“.

Was immer dieser Absender petergruber1 für Probleme hat, und die scheinen nicht gering zu sein, für uns bleibt daraus die Anregung, etwas mehr Mühe darauf zu verwenden, wie unser Beruf gesehen und erfahren werden kann. Wir werden freilich Leute nicht erreichen können, die, wie petergruber1, sich auf schlechte Zeiten freuen, damit es den Kunstschaffenden schlecht gehe. In solcher Verfassung ist man ja eventuell auf irgend eien Art von Hilfe angewiesen, die außerhalb unserer Kompetenzen liegt.

[Die Debatte: Übersicht]

kww: Kommunikationslagen

Ich bleib noch ein Weilchen bei den Fragen nach dem Verhältnis zwischen Kulturbetrieb und Privatwirtschaft. Was ich von BEIDEN Seiten am häufigsten höre, ist die Variante: Kulturschaffende haben ein Projekt und fragen bei Wirtschaftstreibenden um Geld. Gibt es kein Geld, ist die Verständigung schlagartig zu Ende. Solche ersterbende Kommunikation hat das Zeug zum Selbstläufer. Ein fataler Effekt.

Gibt es eigentlich „Die Geschäftsleute“ und „Die Geschäftswelt“, wovon wir Kulturschaffenden dann diese oder jene Meinung haben? Ich glaub das nicht. Solange wir aber auf dem Kulturfeld keine differenzierten Ansichten aufgrund von profunden Einsichten zulassen, bleibt das alles diffus und damit klischeeanfällig.

Werner Weiß, Geschäftsführer der "aee-intec"

Eben saß ich mit einem recht kuriosen Unternehmer an einem Tisch. Werner Weiß ist einer von zwei Geschäftsführern des europaweit zweitgrößten Institutes, das sich mit Forschung und Entwicklungen im Bereich erneuerbarer Energie befaßt.

Weiß hat quasi berufsbedingt sehr interessante Ansichten darüber, wie Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zusammenwirken und was dabei zu beachten sei. Weiß betont die Wichtigkeit von Politikberatung, damit man politische Rahmenbedingungen mitgestalten kann. Und zwar vor dem Hintergrund, daß die Politik nach seiner Meinung eigentlich so gut wie alle Instrumente zur Gestaltung von Energiepolitik längst aus der Hand gegeben habe. „Energiepolitik macht nicht der Energieminister, sondern die großen Konzerne.“

Weiß konstatiert: „Die Politik ist dazu verkommen, den Staat wie eine Firma zu managen.“ Und er meint: „Politik muß die Märkte kontrollieren, nicht umgekehrt.“ Das sind bemerkenswerte Ansichten eines Mannes, der für sich selbst geklärt hat: „Ich muß doch nicht als Geschäftsführer das siebenfache Gehalt unserer Angestellten haben, nur weil das so üblich ist.“ Diesen Geist drückt auch der Betrieb als Konstruktion aus. „Die Firma gehört niemandem.“

Damit meint Weiß, er und sein Kollege Ewald Selvicka haben ausgeschlagen, daß der Betrieb in persönlichen Privatbesitz übergehe. Die Firma wird von einem Verein getragen, also einer „Rechtspersönlichkeit“ [link], die ihrerseits für manche der anfallenden Projekte eine GmbH als „Hilfsbetrieb“ besitzt. „Warum muß das jemandem gehören?“ fragt Weiß rhetorisch, „Es läuft so schon 20 Jahre gut.“

Ich kenne Weiß und Selvicka aus den Anfängen dieser Geschichte. Was einst als eine Selbstbaugruppe begann, die dieser Region Europas höchste Dichte an Solarflächen verpaßt hat, ist heute eine Firma, die kaum noch direkt in die Region herein wirkt, sondern hauptsächlich quer durch Europa aktiv ist, außerdem in Afrika und im arabischen Raum.

Übrigens! Die Partie ist momentan federführend beim Bau der größten solarthermischen Anlage der Welt im saudi-arabischen Riad. Da geht es um 36.000 m² Kollektorenfläche. Worauf ich nun hinauswill, ist die Betonung des Umstandes, daß Wirtschaftstreibende, Unternehmerinnen und Unternehmer, sehr verschiedene Gesichter und Rollen haben.

Manche von ihnen, wie die aee-intec-Leute, würde ich als Kulturschaffender jetzt nicht um Geld anhauen. Ich sehe sie als Verbündete im Ringen um einen würdigen Status quo dieser Gesellschaft. Und ich gewinne als Kulturschaffender, wenn ich sie immer wieder treffen kann, um mit ihnen offene Fragen zu debattieren. Die Beiträge zu einem fruchtbaren kulturellen Klima sind eben nicht bloß materieller Natur.

[Dieaee-intec] [kww: übersicht]

und dann 2050? #9

Ich bin ein Feind der Phrasendrescherei. Sie macht mir die Rufenden suspekt. Ich mißtraue jenen, die ihre Gründe nicht zu nennen bereit sind. Und wie sollten gute Gründe in beliebig befüllbaren Containersätzen verborgen sein? Was sollen abgenutzte Floskeln verdeutlichen? Es mag ja sein, daß Marktschreierei diesem oder jenem Geschäft sehr nützlich ist. In meinem Geschäft schadet sie.

Wir haben gerade ein Jahr der Klärungen durchlaufen. Klar ist vor allem, daß aktuell eine Menge Klärungsbedarf besteht. Wofür sollen sich Kunst- und Kulturschaffende selbst zuständig fühlen? Was haben sie mit Politik und Verwaltung zu verhandeln? Wie soll sich der Kulturbetrieb in unserem Bereich zur Privatwirtschaft verhalten?

Ich beziehe solche Fragen primär auf den Bereich jenseits des Landeszentrums, auf die sogenannte „Provinz“. Das hat mit kpmplexen Räumen und mit Wegstrecken zu tun, auch mit strukturellen Differenzen. Das hat mit großen Unterschieden der Milieus zu tun.

Wir haben hier, auf dem Lande, keinen Bevölkerungsanteil, der – ausreichend kulturaffin – ein Stück Grundkonsens verkörpern würde, daß es ein lebhaftes kulturelles Klima geben muß, welches angemessene Ressourcenausstattung verlangt. Was hier an nennenswert Kulturinteressierten wohnt, pendelt gerne in die nächsten Zentren, um Interessen zu befriedigen. Graz, Maribor, Wien …

Wir haben keine Kulturreferate und Kulturbeauftragten, die Kahlschläge von minus 70 bis minus 100 Prozent im Kulturbudget als ein ernstes Problem im Gemeinderat behandeln würden. Vieles weist drauf hin, daß es da und dort genau umgekehrt ist, daß bestehende Kulturbudget wird als Problem verstanden, seine Abschaffung als politische Leistung angesehen. Ich gehe noch weiter: Niemand hat uns gerufen. Niemand würde beklagen, wenn wir als Kulturschaffende demissionieren wollten.

Daß erfahrene Leute den realen Bedarf, auch auf dem Lande, ganz anders einschätzen und bewerten, gehört zu den gut gehüteten Geheimnissen unseres Metiers. Daß nun langsam Defizite der Regionalenwicklung offensichtlich werden, die auf soziokulturelle Mankos hinweisen, beginnt manchen aufzufallen. Mit Phrasendreschen und Marktschreierei wird nun in solchen Fragen nichts zu erreichen sein.

Was bedeutet nun „Professionalität“ in unserer Profession? Wie kommen wir vom Modus Förderung zum Modus Kooperation? Wie soll unser Verhältnis zur Privatwirtschaft angelegt sein? Wie mögen sich Ehrenamt und Hauptamt zu einander verhalten? Und als inhaltlicher Angelpunkt: Was ist die Gegenwartskunst im Kontrast zu anderen Genres?

[2050: übersicht]

Jahresende

Montage, Demontage, rein mit den Sachen, raus mit den Sachen, Ausstellungen sind und bleiben ein wesentlicher Teil regionalen Kulturgeschehens. Wir haben in Schloß Hainfeld nun das Feld geräumt. Für mich war es die letzte Station dieses Jahres: [link] 2011 erwies sich als ein Jahr, in dem die primäre künstlerische Arbeit weit zurückstehen mußte, um aktuelle Strukturprobleme abzuarbeiten, um wieder Stabilität zu erreichen, wo diverse Krisenentwicklungen der letzten Jahre unser Berufsfeld verwüstet hatten.

Ich habe diese Ausfahrt ins Schloß dann noch für ein ausführliches Arbeitsgespräch mit Künstlerin Eva Ursprung [link] genützt. Wir repräsentieren einen Bereich dieser Profession, in dem die Überlastung des eigenen Systems durch keinerlei Schonräume und Reserven abgefedert werden kann. Das bedingt schon für gute Zeiten, sehr konzentriert zu arbeiten und stets eine angemessene Balance zwischen primärer künstlerischer Arbeit, Management und betriebswirtschaftlich notwendigen Maßnahmen zu finden.

In Abschnitten außergewöhnlicher Belastungen des Kulturbetriebes ist das Belastungspotential manchmal erdrückend. Ich versuche, das so unaufgeregt wie möglich zu skizzieren. Zugleich sind präzise Darstellungen unserer Profession und unserer Berufsbedingungen von einer Menge Tabus umgeben; auch milieuintern. Das macht es relativ schwierig, diese Angelegenheiten kulturpolitisch zu verhandeln. Wenn es heute gelegentlich heißt „Die soziale Lage der Künstlerinnen und Künstler in Österreich“, dann ist damit ein extrem heterogenes Milieu gemeint.

Es ist in Österreich eher unüblich, in diesen Fragen Klartext zu reden. Ein aktuelles Beispiel, da mich ja in unseren kulturellen Vorhaben auch der Bereich der agrarischen Welt interessiert. In den Printmedien finden wir momentan Berichte, daß Bauerneinkommen um 12,2 Prozent gestiegen seien, die Situation der Branche sich stabilisiert habe. [Oberösterreichische Nachrichten] [Krone] Der Bauernbund relativiert gleich, zum Aufatmen sei kein Grund gegeben: [link]

>>In Europa verlief die Entwicklung sehr unterschiedlich: Die höchsten Einkommenszuwächse erzielten im Jahresabstand die irischen (plus 30,1 Prozent) und die slowakischen (plus 25,3 Prozent) Bauern. Am stärksten zurück gingen die Bauerneinkommen dagegen in Belgien (minus 22,5 Prozent) und Malta (minus 21,1 Prozent)<< [Die Presse]

Nun erfahre ich in den flott greifbaren Berichten weder, wie sich das zwischen bäuerlicher und industrieller Landwirtschaft aufteilt, noch was jetzt ganz konkret das Jahreseinkommen von Bäuerinnen und Bauern in dieser oder jener Situation ist. (Es soll einen Durchschnittswert von kaum mehr als 23.000,- Euro pro Jahr ergeben.)

So viel Unschärfe. Wo der Nebel des Rätselhaften Bestand hat, blühen auch Spekulationen und Unsinn. Ich denke, wir werden es vor allem für ein wirkungsvolles kulturpolitisches Engagement brauchen, klare Vorstellungen zu vermitteln, was unsere Profession ist und welche sozialen Bedingungen die Arbeit eher fördern oder eher erschweren.

Ich denke, wir müssen unbefangen über Geld reden, über Leistungsaustausch, über all das, was wir als Professionals tun und was es bewirkt.

Prioritäten prüfen

Die Frage nach dem Rang Kultur- und Kunstschaffender

Diesmal ein sehr kleines Plenum mit der Arbeit an großen Vorhaben. Wir hatten uns in der Nachbarregion („Vulkanland“) getroffen, auf Schloß Hainfeld. Beim vorangegangenen Plenartreffen [link] waren schon einige Punkte deutlich geworden, die nun greifbarer gemacht werden müssen. Der Hintergrund all dessen ist heuer kontrastreich.

Zusammenfassend läßt sich sagen: Nun ist rund ein Jahr vergangen, seit die Konsequenzen mehrjähriger Krisenentwicklungen, national und international, ganz konkret und hart zur Basis regionaler Kulturschaffender durchgeschlagen haben.

Irmgard Hierzer (links) und Irmgard Eixelberger

Ende Oktober 2010 war klar, daß sich die Kommunen von uns zurückziehen, um sich mit allenfalls verbleibenden Kulturbudgets um ihre „hauseigenen“ Einrichtungen zu kümmern. Allein die Stadt Gleisdorf hat ihr Kulturbudget in zwei Jahresschritten (2010/2011) um 75 Prozent reduziert. Genau! Es blieb bloß noch ein Viertel übrig. Was das auf viele kleine Gemeinden umgelegt bedeutet, ist klar: Null Prozent Rest.

Inzwischen wurde sogar der Ausstellungsbetrieb im Gleisdorfer „Museum im Rathaus“ eingestellt und dieser wichtige wie zentrale Veranstaltungsort bleibt ab nun weitgehend privater Initiative überlassen. So schaut’s aus, punktum. Es gab keinen Moment, wo etwa das Kulturreferat bekanntermaßen engagierte Leute an einen Tisch gebeten hätte, so im Sinne von: „Wir sollten über den Status quo reden“.

Also kein kulturpolitischer Diskurs. Also minus 75 Prozent. Also keine Gespräche. So ist es gekommen. Wird es so bleiben? Zum Glück nicht ganz. Das war alles sehr anregend. (Ironie!) Die Politik beginnt nun doch noch, auf unser Bestreben zu reagieren. Worum geht es aber insgesamt?

Schloß Hainfeld war ja gerade erst unser Treffpunkt, um den Themenbrocken „Kunst Wirtschaft Wissenschaft“ in unsere Praxis herüberzuführen: [link] Siehe dazu auch die Notiz: [link] Das ist einer der Themenschwerpunkte im aktuellen Konzentrationsprozeß.

Gerhard Flekatsch

Ein anderer Aspekt betrifft die Frage nach dem Rang Kultur- und Kunstschaffender innerhalb der Regionalentwicklung. Da haben die Kommunen der „Energie-Region“ gerade einen anspruchsvollen Prozeß gestartet, der unter dem Aspekt von „BürgerInnenbeteiligung“ in die nächsten Jahre hinein wachsen soll. „Vision 2050“ ist für uns auf jeden Fall ein Anlaß, um zu demonstrieren, was kulturelle Kompetenzen in einer regionalen Gesellschaft sind und bedeuten.

Wir haben beim aktuellen Plenum erörtert und beschlossen, dem eine Serie von Arbeitstreffen folgen zu lassen. Die Themen-Website dazu gib schon einen Überblick, was in der Sache bisher zur Diskussion stand: [link] Nun wird „kunst ost“ seine Rolle in diesem Prozeß noch präzisieren.

Das bedeutet, wir bemühen uns, klarer erkennbar zu machen, daß zwar die künstlerische Praxis selbst kein soziales oder politisches Werkzeug ist und daß unsere künstlerische Arbeit sich selbst verpflichtet bleiben sollte, daß aber Kompetenzen, die wir aus der Befassung mit Kunst beziehen, im Gemeinwesen wichtig sind.

Wir haben außerdem erörtert, wo ein kulturpolitischer Diskurs ansetzen kann, da uns die letzten zwei Jahre mehr als deutlich gezeigt haben: Es gibt in den Kommunen der Region keinen breiten Konsens, sich für eine zeitgemäße Kulturpolitik zu engagieren, weil es darüber keine ausreichende Sachkenntnis gibt.

Landeszentren haben es da leichter, weil da historisch gewachsene Milieus bestehen, deren kulturelle Ansprüche und deren Kulturverständnis die Basis eines kulturellen Klimas ergeben, von dem die „Provinz“ keine Spur zeigt. Gut, es ist eben so und da bleiben momentan nur wir Kulturschaffende, die sich dem widmen mögen. Das heißt auch, Graz hat alle Vorteile materieller und immaterieller Art gegenüber der restlichen Steiermark, eine angemessene Wechselwirkung in der Frage findet kaum, eigentlich eher nicht statt.

Kernpunkt: Wenn wir den Leuten in Politik und Verwaltung klar machen möchten, warum es uns geben soll und warum Kommunen in den Kulturbereich investieren müssen, sollten wir das erst einmal uns selbst klar machen.

Dazu gehören auch Fragen nach Vermittlungsarbeit und Präsentation. Wir kennen die Falle. Alle Welt flötet: „Quoten sagen doch nichts aus.“ Aber unterm Strich fragt die Politik: „Wie viele Besucherinnen und Besucher waren da?“ Die konventionelle Verwertungslogik dominiert. Wir sind dem bisheute noch nie ausreichend streitbar entgegengetreten. Wir ließen es bisher an klaren Argumenten fehlen.

Wenn wir das nicht aufbrechen, wird es niemand sonst tun. Also haben wir auch uns selbst zu fragen: Warum soll es Ausstellungen geben? Welchen Sinn und welchen Stellenwert hat Präsentation? Wie viel davon sollte allenfalls zugunsten anderer Aktivitäten zurückgenommen werden?

Wir waren uns freilich einig: Das soll es weiter geben. Wir werden uns auch zukünftig über diesen Weg an eine Öffentlichkeit wenden, ein Publikum suchen. Doch insgesamt muß das Repertoire verschiedener Kulturveranstaltungen überdacht werden. Auf eine Kommunikation mit einem Publikum werden wir nicht verzichten. Aber es geht auch noch um ganz andere Settings und ganz andere Aufgabenstellungen.

Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov mit Unternehmer Andreas Kindermann (Mitte) und Tierarzt Karl Bauer

Das kommende Aprilfestival bleibt natürlich auf der Checkliste: [link] Es wird allerdings konzeptionell gründlich zu überarbeiten sein. Unser „FrauenMonat“ bleibt auch auf dem Programm. Da hat Kuratorin Mirjana Peitler-Selakov aus dem letzten Sommer heraus offenkundig mehrere Durchbrüche geschafft. Siehe dazu auch die Notiz „Frauen, Technik, Kunst“: [link]

Für den Herbst 2012 ist ohnehin schon länger eines von zwei Symposien fixiert, mit dem wir auf die Ebene eines internationalen Kunstdiskurses gehen. Der kommende Herbst ist dem Thema „regionalität und realität // globalität und virtualität“ gewidmet; siehe: [link]

Wir sind also gerüstet, die Positionen Kulturschaffender jenseits des Landeszentrums neu zu besetzen und zu begründen.

Scharf stellen in unscharfen Verhältnissen

Wohin ich mich auch wende, Kulturschaffende führen Klagen über den Status quo. Mir ist das kein Rätsel und wir wissen ja auch, wie es gekommen ist. Aber um das deutlich zu sagen: Ich hab keine Lust, mich selbst als „Opfer“ oder „Problemfall“ zu definieren. Und ich hab auch keine Laune, dauernd nur mit dem befaßt zu sein, was uns schwer fällt. Da müssen auch noch andere Aspekte eine Rolle spielen können.

Die laufenden Debatten sind mir überdies etwas zu dünn. Ich wünsche mir:
+) Wenn schon Polemik, dann mit Esprit!
+) Wenn schon „Flaming“, dann aber radikal und mit grober Kelle!
+) Ansonsten hätte ich es gerne lieber sehr viel sachlicher und unaufgeregter!

Am wenigsten interessiert mich das populäre Verfahren, die Selbstdefinition durch Feindmarkierung vorzunehmen. Das ist erbärmlich. Ich brauche keine Wand, gegen die ich spielen kann, um anderen klar zu machen, wer ich bin und warum ich das bin.

Als Kunst- und Kulturschaffender muß ich in der gegebenen Situation neu klären, was ich selbst zu leisten vermag, wer mich als Verbündeten akzeptieren würde und was daraus folgt, wenn ich meine Position gegenüber Politik und Verwaltung zu verdeutlichen hab.

Wenn ich am Stand der Dinge Kompetenzmängel und Stagnation feststellen muß, dann betrifft das wahrlich nicht bloß die anderen Metiers, sondern auch unseres. Also liegt mir an brauchbaren Befunden, die einer Prüfung und Debatte standhalten. Daraus sind Schlüsse zu ziehen und Handlungspläne zu entwerfen, dann geht’s los. (Ja, ich wiederhole mich.)

"kunst ost" in der aktuellen Ausgabe von "top of styria"

Mich interessiert zur Zeit natürlich sehr, was wir als Kulturschaffende überhaupt direkt mit Wirtschaftstreibenden zu tun haben können. Das ist ja keineswegs so klar und herkömmliche Vorstellungen von Sponsoring führen in unserem Bereich erfahrungsgemäß eher ins Leere.

In der heurigen Jahresausgabe von „top of styria“ ist auf Seite 18 meine Zusammenfassung solcher Überlegungen zu finden: [link]

Außerdem haben wir im Rahmen unserer „Kulturspange“, einer Kooperationsebene im Kulturbereich, nun eine Reihe von Arbeitstreffen eröffnet, wo solche Annahmen, Optionen, Überlegungen debattiert werden, um in praktikable Versuche zu münden: [link]

Ich sehe die wachsende Diskussion um das Grazer Künstlerhaus als einen interessanten Anlaß, um zu klären, wo denn Kunst- und Kulturschaffende in der Steiermark momentan überhaupt stehen; vor allem auch in ihrer Auseinandersetzung mit Politik und Verwaltung. Deshalb fasse ich einen Teil einschlägiger Beiträge hier zusammen: [link]

Techniker Michael Toson (links) und Graphic Novelist Jörg Vogeltanz im Grazer Johann Puch-Museum

Die Alltagskultur bleibt derweil nicht unberücksichtigt. Aus unserem „Kuratorium für triviale Mythen“ ist inzwischen so einiges hervorgegangen. Das bildet längst einen speziellen Fokus auf Mobilitätsgeschichte. Der hat nun eine im Plauderton gehaltene Ebene auf Facebook, an der Person Johann Puch festgemacht: [link]

Nennen Sie Ihre Gründe!

Es ist schon so, daß meine verfügbare Zeit momentan kaum für künstlerische Praxis reicht, großteils für Debatten, Entwicklungsarbeit und administrative Aufgaben draufgeht. Es wäre ohne Zweifel angenehm, würde mir ein Teil der mühsamen Dinge abgenommen, um mehr Platz für die künstlerische Arbeit zu lassen. Wäre. Könnte. Würde. Träumereien. Der Status quo fordert uns momentan auf andere Art.

Eva ursprung (ganz links) bei der Session in Schloß Hainfeld

Wir hatten eben dieses von Künstler Gerhard Flekatsch initiierte Arbeitstreffen in Schloß Hainfeld, bei dem wir daran gingen, neue Ideen für eine sinnvolle Kooperation mit Wirtschaftstreibenden zu erarbeiten. Eine „Urbanisierung“ der „Provinz“ wäre ja Unfug, weshalb auch herkömmliche Vorstellungen von Sponsoring uns keinen Meter weiterhelfen.

Das war zugleich der Auftakt zu einer kleinen Ausstellung, an der unter anderem Künstlerin Eva Ursprung beteiligt ist. Wie das in Berufsgruppen so üblich ist, auch wir plaudern unter der Arbeit über die „Hackn“, über den Zustand des Betriebes. In den letzten Monaten wurden wir alle vom Lauf der Dinge ziemlich gezaust. Erschöpfungszustände sind inzwischen Standard.

Ich möchte es noch konkreter ausdrücken: Was die Kommunen und das Land uns innerhalb der letzten zwölf Monate zugemutet haben, war so anstrengend, ich bin in dieser Phase definitiv beschädigt worden. Einer der dümmsten Aspekte daran ist die Tatsache, daß unter sprunghaft ansteigendem Krisendruck viele Leute in Politik und Verwaltung diesen Druck sofort an uns weitergereicht haben, in dem sie ansatzlos alles fallen ließen, womit sie grade noch befaßt waren.

Dadurch sind nicht nur wir Kunstschaffenden individuelle beschädigt worden. Dadurch sind auch schon erreichte, also erarbeitete Ziele den Bach runtergegangen. Aber so ist das eben und einschlägige Klagen können beim Salzamt abgegeben werden.

Harmonischer Gemeinderat; die eklatanten Einbrüche im Kulturbereich sind offenbar niemandem aufgefallen

Ich habe gerade in Gleisdorf eine Gemeinderatssitzung miterlebt und war verdutzt, welche Harmonie da herrschte. Das es im Kulturgeschehen nicht nur der Stadt, sondern der ganzen Region gerade ein veritables Desaster gegeben hat, schien diese Harmonie mit keinem Funken Unruhe zu trüben.

Meine Standardfloskel in diesen Zeiten: Es IST so. Und wir haben es offenbar selbst verabsäumt, während der wenigstens letzten zwanzig Jahren konkret wie mit Nachdruck zu fordern, daß in Politik und Verwaltung ausreichend Leute auftauchen müßten, die per Kompetenz in der Lage wären, zu VERSTEHEN, wovon wir reden. Es gibt sie vereinzelt und wir bekommen keinerlei Streß, diese wenigen gelegentlich zu treffen.

Ansonsten haben wir momentan nicht einmal das geringste Gesprächsklima, das zu angemessenen ÖFFENTLICHEN DISKURSEN führen könnte. Man ahnt, dem Abfassen von Protestnoten messe ich die allergeringste Bedeutung bei. Davon kursieren außerdem längst auffallend viele aus der Szene, deren Amtsdeutsch, deren „Funktionärssprech“ kann ich keine fünf Zeilen weit ernst nehmen; wie sollte es dann jemand in Politik und Verwaltung?

Hainfelds Schloßherrin Annabella Ditz und Kunstsammler Erich Wolf: Ohne eine Praxis des Kontrastes wäre in der Region wohl kaum Boden zu gewinnen

Ich bevorzuge vorerst die Arbeit an einer möglichst detaillierten Darstellung des Status quo, um daraus passende Strategien abzuleiten, Handlungspläne zu erarbeiten und loszulegen. All das, wie angedeutet, von öffentlichen Diskursen begleitet. Da wie dort muß es heißen: „Nennen Sie Ihre Gründe!“

Ich mißtraue jenen, die sich darin bedeckt halten, egal, in welchem Lager sie stehen.

und dann 2050? #7

Seit Ende der 1980er beschäftigt mich das Thema „Eigenständige Regionalentwicklung“ und die Frage nach angemessenen Zusammenhängen im Kulturbereich. Es gab ab etwa Mitte der 80er ein deutlich sichtbares Milieu von Kulturschaffenden, die damals vieles von dem erprobten und einführten, was heute Standard ländlicher Kulturreferate ist.

Dennoch ist der kulturpolitische Status quo in der „Provinz“ momentan mehr als besorgniserregend. Wie war das möglich, wo doch so viel kulturelles Engagement Platz gegriffen hatte? Außerdem gingen viele Leute aus diesem damaligen Inituiativenmilieu in verschiedene Institutionen der Gesellschaft, die ein waches Verständnis von Kulturgeschehen fördern könnten. Ich nenne ein regional prominentes Beispiel: Erwin Eggenreich wird der nächste Bürgermeister von Weiz sein. Er war damals ein engagierter Akteur dieser kulturellen Entwicklung.

Gerhard Ziegler (links) und Erwin Eggenreich waren tragende Akteure der regionalen Kulturinitiativenszene in den späten 1980ern. Ziegler ist heute im Projektmanagement tätig, Eggenreich wird der nächste Weizer Bürgermeister.

Ich habe keinen Zweifel, daß einer der Hauptgründe des aktuellen Zustandes im Auseinanderfallen der Milieus liegt, zwischen denen Kommunikation weitgehend abgebrochen ist. Damit meine ich, wir haben aufgrund unserer biografischen Entwicklungen höchst unterschiedliche Felder betreten und weder Anlaß noch Wege gefunden, die Kommunikation zwischen diesen Felder aufrecht zu erhalten, obwohl wir uns aus der Vorgeschichte gut kannten. (Oder vielleicht eben deshalb.)

Ich sehe das übrigens auch als ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Innerhalb der letzten zwölf Monate haben Konfliktlagen im sozialen und kulturellen Bereich deutlich gezeigt, daß mindestens auf der Landesebene die Politik und die Zivilgesellschaft, als zwei Sphären eines größeren Zusammenhangs, auseinandergefallen sind und daß die Kommunikation zwischen diesen beiden Sphären stellenweise bloß noch Simulation ist.

Aber auch auf kommunaler Ebene ist Kommunikation sehr schwierig geworden. Gremien der Gemeinden scheinen eher auf sich zurückgezogen zu sein. Ratlosigkeit nimmt zu. Das Thema Gemeindezusammenlegungen dominiert offenbar viele Arbeitsbereiche. Auch die „Großregion“, eben erst schwungvoll konstituiert, läuft anscheinend auf ein Schwimmen in Gelee hinaus.

In der Kleinregion Gleisdorf heißt es: „Gemeindezusammenlegung nein danke!“ Mit einer kuriosen Ausnahme, wo zwei Winzlingsgemeinden die Fusion erwägen. Allerdings unter der Bedingung, daß ihnen vom Land ein neues, gemeinsames Gemeindezentrum gebaut würde. Lustig!

Die Sitzungen des Gleisdorfer Gemeinderates haben einen öffentlichen Teil, der besucht werden kann, um aus erster Hand zu erfahren, was im Rathaus läuft

Das Thema „Großregion“ wurde 2009 eingeführt: [link] Die Politik hatte entschieden, es sollen in der Steiermark sieben Großregionen formiert werden. Im Gleisdorfer Gemeinderat erfuhr ich: Die Aufgaben sind noch unklar. Auch die Zusammenarbeit mit LEADER sei weitgehend unbestimmt. Es sei eben ein „Werdungsprozeß“. Die regionalen Mühlen mahlen also sehr langsam, während uns die Probleme galoppierend entgegen kommen.

Das korrespondiert freilich mit dem rasenden Servicebedürfnis der Bevölkerung, deren Großteil offenbar von öffentlicher Hand Leistungen erwartet, ohne ausreichend zu klären, was dabei an Eigenverantwortung und Selbstorganisation verstärkend ins Spiel kommen könnte. Dazu hat sich Helmut Kienreich, derzeit Bürgermeister von Weiz, recht deutlich geäußert: [link]

Ich sehe sehr deutlich im Kulturbereich, wie das Servicebedürfnis die Eigeninitiative überlagert. Was ist in den letzten Jahren „bottom up“ entstanden? Welche Kulturschaffenden treffe ich etwa bei Meetings der „Kleinregion Gleisdorf“, wo man völlig zwanglos mit Funktionstragenden der Kommunen ins Gespräch kommen kann?

Es ist verlockend, Politik und Verwaltung mit Vorhaltungen zu konfrontieren. So lassen sich die Ursachen für Stagnation und Kompetenzverluste bei anderen finden. Ich tendiere dazu, primär auf dem eigenen Feld für neue Klarheiten zu sorgen und Handlungspläne zu entwickeln. Parallel müssen wir uns überlegen, was getan werden soll, damit Leute in Politik und Verwaltung zu verstehen beginnen, wovon wir reden. Das ist nämlich nicht von hausaus gegeben. Kommunikation. Übersetzungsarbeit. Das erledigt sich nicht von selbst.

"kunst ost" und die bereichsübergreifende kooperation: gleisdorf, hainfeld (feldbach) und graz, hier gerhard flekatsch und eva ursprung

Ab da lassen sich Kooperationen entwerfen und erproben. Klare Inhalte, gelingende Verständigung, ohne diese Ausgangspunkt droht jede weitere Bemühung in leere Kilometer zu münden. Mein Credo für diese Prozesse: Klären wir zuerst quer durch verschiedene Metiers, ob wir gemeinsame Fragen haben, deren Bearbeitung uns interessant erscheint. Falls ja, klären wir, welche gemeinsamen Aufgaben eine Bündelung unserer verschiedenen Kompetenzen nahelegen würden.

[2050: übersicht]