Schlagwort-Archiv: gegenwartskunst

altes ufer, neue optionen

diese jüngste reise nach beograd ist von einer irritierenden erfahrung geprägt. zwei leute eines künstlerkollektivs machen ihr privates erbe zum ausgangspunkt eines kraftvollen statements gegenüber der kommune und der gesellschaft. einiges geld, ein grundstück, die kompetenzen eines architekten und zahllose handgriffe schufen das haus von treci beograd, wie es nun am ufer der donau steht; nahe der pancevo-brücke.

das geschah in tagen, wo alle maßgeblichen museen in beograd geschlossen sind, andere kulturelle einrichtungen, wie etwa „remont“, ihre räume aufgegeben haben. eine gruppe kunstschaffender nimmt sich das mandat, die gegenwartskunst nicht nur persönlich zu vertreten, sondern dieser aufgabe auch eine feste struktur zu geben.

das haus von „treci beograd“ an der donau

man blickt von diesem ufer aus auf die ränder der alten stadt. lastkähne werden auf dem breiten fluß bewegt. einige gehminuten entfernt schafft eine schwimmende fördernalage kies aus der donau, der oben verarbeitet und per lkw abtransportiert wird.

ursprünglich standen hier bloß hütten als unterstände für fischer. aus den massiven krisen eine postkriegs-gesellschaft hat also die gegenwartskunst in beograd ein neues ufer erreicht. ich hänge da auch emotional tief drinnen. heute werden wir die vernissage einer weiteren station der „virtuosen der täuschung“ erleben. die kollektiven aktionen aus moskau setzen einen weiteren akzent in dieser unserer geschichte des ringens um neue positionen.

neue positionen als kunstschaffende in einer gesellschaft, die nun ein halbes jahrhundert absolviert hat, das eingen teilen europas einen davor nie gekannten wohlstand gebracht hat, der ganzen welt eine mediensituation, deren konsequenzen wir noch gar nicht ermessen können.

in der zeit unmittelbar nach dem zweiten weltkrieg hat der österreichische philosoph günther anders, angeregt durch seine erfahrungen in der amerikanischen gesellschaft, eine medienkritik formuliert, die im kern besagte, wir würden systeme schaffen, deren dimension und komlexität unsere auffassungsgabe übersteige.

die zweite hälfte des 20. jahrhunderts ist eine ära, in welcher die tv-entwicklung und der tv-konsum unsere gesellschaft verändert haben. im letzten jahrzehnt dieses jahrhunderts, anfang der 1990er-jahre, wurde österreich an das tcp/ip angebunden, das internet-protokoll, über welches zahlreiche edv-gestützte netze zu einem weltumfassenden internet zusammengefaßt wurden.

der serbische künstler selman trtovac

am mittwoch, dem 12. oktober 2011, saß ich mit selman trtovac beim kaffee im „dunavski pirat“. er hatte die deprimierende nachricht gebracht, daß sergej romashko in sehr schlechter gesundheitlicher verfassung sei, deshalb sein kommen absagen mußte. wir sprachen über einige positionen von joseph beuys (siehe dazu: was ist kunst? #20!), mit dessen arbeit sich selman aus seiner zeit in düsseldorf sehr vertraut fühlt. (trtovac war dort schüler von klaus rinke, was eine sehr persönliche verbindung zur arbeit von beuys bedeutet.)

wir debattierten einige aspekte unserer arbeit, notwendigkeiten, bedingungen, optionen. welche art boden ist zu gewinnen? was verlangt es von uns? was bringen wir dafür auf und was tragen wir bei? das 20. jahrhundert liegt nun schon ein gutes jahrzehnt hinter uns. auf selmans weg in diese gegenwart hat sich auch ein brutaler krieg ereignet, der noch einmal alles durchspielte, was europa in fragen der nationalismen und ethnischen konfliktpotenziale an falschen wegen aufzubieten hatte. ich betone hier ausdrücklich: europa, nicht der balkan. in diesem teil der geschichte hängen wir alle drinnen.

worin mir selman zustimmte: der einsame held, der sich in das rad der geschichte wirft, um den lauf der welt zu ändern, ist ein rollenmodell, das sich erledigt hat. dieser typ ist ein wasserträger der tyrannis. wir haben an anderen optionen zu arbeiten.

aber wozu sind kollektive in der lage und was kann kollektive krativität leisten? liegen darin auch emanzipatorische möglichkeiten? denn ist ja unübersehbar, daß demokratische gewaltentrennung im staat sehr durchlässig geworden ist. in österreich gibt es außerdem beklemmende beispiele, wie sich spitzenpolitik der wirtschaft und manchen medien angedient hat.

das leben und die kunst. die kunst und der markt.
wie soll sich all das zu einander verhalten?

[the track: archive]

was ist kunst? #20

ich habe im vorigen beitrag behauptet, es würde in meiner näheren umgebung gerade auffallend „beuyseln“. darum noch einige sätze zu diesem thema. das westliche kunstgeschehen hat von marcel duchamp, andy warhol, john cage und joseph beuys im 20. jahrhundert außergewöhnlich starke impulse bezogen.

duchamp hat praktische alle damals bekannten regeln des kunstbetriebes aufgemischt, verworfen. spätestens ab da ist eine irritierende parallelität verschiedener stile und konzepte etwas ganz selbstverständliches. bei beuys angekommen scheint dann auch klar zu sein, daß es im leben kunstschaffender nicht nur um die eigene person und das eigene werk gehen kann.

beuys nutzt, wie andere kunstschaffende auch, seine kompetenzen für eine betrachtung, analyse und kritik bestehender gesellschaftssyseme, poltischer verhältnisse und wirtschaftsformen. er geht dann aber sehr viel weiter und setzt eben diese kompetenzen ein, um — gemeinsam mit anderen — neue ökonomische und gesellschaftliche modi zu entwickeln, die auf dem anspruch begründet sind, sich in der praxis zu bewähren. in diesem zusammenhang besteht die vorstellung eines „erweiterten kunstbegriffs“, der also offensichtlich kein ästhetisches konzept ist, sondern ein politisches.

Joseph-Beuys-Poster für die von dem New Yorker Galeristen Ronald Feldman organisierte US-Vortragstournee Energy Plan for the Western Man von 1974. (GNU license)

wenn joseph beuys proklamiert hat, jeder mensch sei ein künstler, hat er von PORTENZIALEN gesprochen. schöpferische gaben und die möglichkeit des gestaltens von lebenssituationen, von gesellschaftlichen verhältnissen. er sagte dabei ausdrücklich, es gehe nicht darum, daß jeder mensch ein bildhauer, maler oder sänger werde, sondern IN SEINEM FELD schöpferisch und gestaltend tätig werde.

beuys hat seinen erweiterten kunstbegriff auf eine gesamtgesellschaftliche situation und ihre institutionen gemünzt. die soziale skulptur oder plastik, er verwendete beide begriffe, sei eine „neue kunstdisziplin“. was er da entwickelt hat, war AUCH eine kritik am „reduzierten modernen kunstbetrieb“, den er seiner erfahrung nach ähnlich einschränkend empfand wie den wissenschaftsbetrieb.

ich halte es aus solchen gründen für problematisch, wenn schlampig gelesener beuys als konzeptuelle basis für schlampige künstlerische praxis herhalten muß, wenn also künstlerische klitterung, die keiner ausführlicheren debatte standhalten würde, mit beuys’schen kategorien gerechtfertigt würde.

gerade wo beuys seinen „erweiterten kunstbegriff“ erläutert hat, betonte er oftmals, daß es schwierig sei, weil das von einem grundlegenden umdenken und von einem umdeuten vieler begriffe handle. er sagte ausdrücklich, es sei überhaupt nicht möglich, diese dinge bei erstem hören oder erstem lesen zu verstehen. dazu forderte er, man müsse die von ihm und seinen leuten eingeführten begriffe ernst nehmen und ihren gebrauch „üben“, was einlassung und längerfristige befassung verlangt.

beuys deutete seinen erweiterten kunstbegriff anthropologisch, also jeden menschen betreffend. das bezog er, wie erwähnt, auf potenziale, auf menschliche möglichkeiten. daraus leitete er nicht ab, daß die nutzung dieser potenziale zu einer künstlerexistenz, zu einer künstlerischen profession führen müsse. wenn er beispielsweise hervorhob, sein erweiterter kunstbegriff sei identisch mit einem erweiterten ökonomiebegriff, wird deutlich, daß er hier keineswegs ein bestimmtes künstlerisches genre meinte, sondern eine gesamtgesellschaftliche situation.

die kritik, um die es ihm offenbar ging, kennen wir ähnlich, seit kant seinen aufsatz zur frage was „aufklärung“ sei publiziert hat. dort hieß es, aufklärung ist der ausgang aus selbstverschuldeter unmündigkeit. diese unmündigkeit definierte kant so, daß jemand nicht bereit sei, sich seines verstandes ohne anleitung anderer zu bedienen.

beuys verstand das denken als „quellpunkt aller kreativität“. nach seiner überzeugung haben herrschende systeme, wie sie gerade existieren, das selbstständige denken der menschen systematisch verschüttet. medienpraxis, unterhaltungsgeschäft, informationspolitik, all das würde belegen, daß es herrschaftssysteme am liebsten mit schafen zu tun hätten.

dieser text, die folge #20, entstand in beograd, während wir mit einem team der „kollektiven aktionen“ aus moskau bei „treci beograd“ eine weitere station der „virtuosen der täuschung“ erlebten. dabei ging es auch sehr wesentlich um eine künstlerische praxis, die sich nicht primär dem markt verpflichtet, sondern grundlegendere ziele verfolgt. (von links: sergej letov, anica vucetic, mirjana peitler-selakov, selman trtovac und sabine hänsgen)

wenn ich mich also mit jemandem über das thema „erweiterter kunstbegriff“ und „soziale plastik“ unterhalte, führe ich volkommen andere gespräche, als wenn ich mich mit einer kollegin, einem kollegen über meine oder ihre künstlerische praxis unterhalte.

aber! ich habe kein näheres einvernehmen mit kolleginnen und kollegen, die sich NUR für ihre künstlerische praxis interessieren und dabei die befassung mit dem größeren ganzen, mit den gesamtgesellschaftlichen zusammenhängen, ausschlagen. solche leute interesseiren mich nicht. sie müßten schon zu einem bemerkenswerten werk fähig sein, damit mich ihre arbeit fesseln könnte. doch sie selbst langweilen mich, wie mich bohemiens langweilen und noch mehr bohemiens, die sich für rebellen halten.

solche spaßvögel geistern ja in unserem metier immer noch häufig herum. stößt man auf ein geistreiches exemplar, ist etwas kurzweil gesichert. doch diese großspurigen bajazzos im kleinformat, denen man schon allein aufgrund ihres outfits anmerken möchte: „hier kömmt ein künstler!“, schaffen meist nicht einmal drei gerade sätze zum thema kunst.

wir haben aber über kunst zu reden, über ihre aufgabenstellungen, strategien, auch darüber, was heute das geistige bestehen von kunstschaffenden in dieser gesellschaft bedingt und welche rahmenbedingungen das kunstschaffen verlangt, darüber hinaus: welche positionen wir gegenüber den eingeführten institutionen einzunehmen gedenken und welche felder wir besetzen möchten, sie als das terrain unserer praxis und existenz beanspruchen müssen.

[überblick]

ja, ja, ja, ja, ja. nee, nee, nee, nee, nee

sich mit kunst zu befassen bedeutet immer auch, sich selbst zu erkunden und zugleich das eigene verhältnis zur welt zu überprüfen. ich will zwar nicht ausschließen, daß es möglich wäre, ganz in sich UND in die kunst versunken zu sein, ohne sich auf ein weiteres bezugssystem einzulassen, aber ich kann mir so einen zustand nicht vorstellen.

meine jahrzehnte der befassung mit kunst UND ungezählte begegnungne mit kunstschaffenden haben mir ein codesystem vertraut gemacht, wie man eine fremde sprache lernt. meine wahrnehmung und mein verständnis der dinge sind davon verändert worden. deshalb frage ich nie „was ist kunst?“, sondern in manchen augenblicken bestenfalls „wann ist kunst?“ das sind immer momente der meta-ebene, denn mitten im erfahren von kunst-momenten stellt sich so eine frage nicht.

mirjana peitler-selakov (links) und sabine hänsgen

da ich gerade das thema beuys angeschnitten hab, manchmal geschieht etwas scheinbar banales, ganz nebenher, um sich in irgend einem winkel der wahrnehmung festzusetzen und sehr viel später mehr platz zu beanspruchen. das kann etwa so kommen:

„ja, ja, ja, ja, ja. nee, nee, nee, nee, nee“… das hatte ich zum ersten mal überhaupt gehört, als ich im herbst 2010 mit kuratorin mirjana peitler-selakov und sabine hänsgen von den „kollektiven aktionen“ durch gleisdorf spazierte. sabine hatte mich gefragt, ob ich das kenne und es noch einige male halblaut vor sich hingesagt.

es entstammt einer arbeit von joseph beuys, die hier kurz beschrieben ist: [link] nun habe ich im web dazu ein tondokument gefunden: [mp3-datei] diese arbeit hat etwas von einem koan. eine rationale klärung, wozu das gut sei, kann ruhig entfallen. was sich ereignen soll, ereignet sich, indem man sich darauf einläßt.

das "ubu web"

diese miniatur ist teil einer erstaunlichen sammlung von sound-files als teil des „Ubu-Web“, nämlich „UbuWeb: Sound“: [link] hier finden sich die stimmen so vieler, die im kunstgeschehen des 20. jahrhunderts bedeutung haben. es ist einerseits sehr interessant, deren stimmen zu hören, andrerseits ist diese sammlung inhaltlich eine massive anregung.

im „Ubu-Web“ sind auch filme, videos und texte verfügbar, hier sammelt eine ehrenamtlich tätige community relevantes material, in dessen fülle man sich länger verlieren kann.

was ist kunst? #19

in meinem milieu „beuyselt“ es gerade wieder heftig. damit meine ich, es ist ein vermehrtes aufkommen von berufungen auf joseph beuys festzustellen. dieses phänomen hat so eine konjunkturen. in den meisten fällen der berufungen ist es angewandte schlamperei.

wir haben bei „kunst ost“ nun schon einige zeit eine kooperationssituation mit kunstsammler erich wolf. der verdreht schnell die augen, wenn man ihm mit diesen schlampigen beuys-auslegungen kommt. wir teilen das anliegen, der gegenwartskunst mehr augenmerk und terrain zu sichern. dabei ist es sehr abträglich, wenn halbgare vorstellungen kolportiert werden, die vor allem zweierlei fördern. sie bedienen den bebend vorgetragenen appell von unsichern leute, doch bitte auch dem metier der kunstschaffenden zugerechnet zu werden. und sie ermutigen die verächtlichen, sich hinter diesem ignoranz-posten einzugraben: „das kann eh jeder!“

ich hab kürzlich in meinem logbuch eva blimlinger, die neue rektorin der akademie der bildenden künste, zitiert: „Mich nervt, dass manche glauben, wenn sie drei Versatzstücke haben, können sie alles. Das lässt sich generell auf die Kunst übertragen: Bestimmte Dinge muss man lernen, als Künstler.“ [link] was spricht bloß gegen solches lernen, gegen das vertiefen in stoffe und das klären von kontext?

robert adrian x bei einer session in wien. die kappe auf seinem kopf birgt einen hinweis darauf, daß er beuys schätzt

wenn es „beuyselt“, geht es meist dabei um den „erweiterten kunstbegriff“ im zusammenhang mit der beschreibung einer „sozialen plastik“ und um eine unterstellung, wonach beuys gesagt haben soll, jeder mensch sei ein künstler; so im sinne von kunstschaffend gleich franz sattler als fotograf, herta tinchon als malerin oder jörg vogeltanz als graphic novelist, so wie ich als autor.

es wäre natürlich völliger unfug, derlei anzunehmen. es wäre mumpitz, jahrzehnte der künstlerischen praxis für unerheblich zu halten und gelegentlich spontanes hineinschnuppern als gleiche kategorie zu deuten. dabei interessiert mich keine idee von erhabenheit oder exzellenz. es geht mir bloß darum, daß ein apfel keine birne ist und daß jede kommunikation in’s leere leäuft, wenn wir uns nicht gelegentlich rückversichern, was denn nun womit gemeint sei.

ich bin keineswegs eine autorität in der beuys-exegese, aber das getraue ich mich herzusagen: so hat es beuys keinesfalls gemeint, daß alle menschen künstler seien, sondern bloß, und das ist ja brisant genug, daß sie welche sein könnten. in einem der überlieferten gespräche (beuys, kounellis, kiefer und cucchi) heißt es etwa: „Wenn Du ein waches Auge hast für das Menschliche, kannst Du sehen, daß jeder Mensch ein Künstler ist“, was ja ganz offenbar ein nachdenken über die conditio humana ausdrückt, also auch über menschliche POTENZIALE.

ein flugzeugabsturz als schlüsselerlebnis, eine adikale auffassung des zusammenhangs von kunst und politik...

hier geht also generell um möglichkeiten der menschen und um quellen, aus denen zu schöpfen ist, auch um die frage, was denn die kunst und was künstlerische praxis sei. das rechtfertigt keinen umkehrschluß im sinne von: „alle menschen sind künstler“.

kürzlich habe ich eine veranstaltung erlebt, da wurden vor dem publikum einige leute zusammengesetzt, um ein thema zu diskutieren. dieses setup wurde zur „sozialen plastik“ erklärt und die moderatorin betonte mehrmals, daß sie, um diese aufgabenstellung zu verstärken, die gemeinten personen wie eine „reihe von perlen“ beinander halten würde.

es machte deutlich, hier wurde beuys recht schlampig so gedeutet, daß etwas herzustellen sei, was dann als „soziale plastik“ gelten dürfe, nämlich jenes grüppchen vor em publikum und die kommende debatte. ich kenne keinen hinweis, der uns nahelegt, das herstellen von etwas bestimmten könne eine „soziale plastik“ ergeben. es ist doch eher so, daß „soziale plastik“ etwas sehr viel größeres und grundlegenderes meint, etwas gesamtgesellschaftliches. in diesem sinn kann ich als künstler zwar beiträge zur „sozialen plastik“ erbringen, aber nicht ihr autor, ihr urheber sein.

ich denke, es ging beuys dabei um einen gesamten sozialen „organismus“, der (mit-) zu gestalten sei. es ist natürlich auch „gebeuyselt“, wenn ich behaupte, daß jede handlung politische relevanz habe. es weist allerhand darauf hin, daß es angemessen sein mag, in küntlerischer praxis da und dort im sinne beuys’ zu handeln, doch sich explizit auf ihn zu berufen halte ich für eitlen unsinn und eine überflüssige übung.

da mein werk und mein tun ohnehin auf den vorleistungen anderer beruhen, ist die referenz fast unausweichlich. im 20. jahrhundert haben etwa duchamp, warhol und beuys derart enormen einfluß auf die welt der (westlichen) kunst gehabt, daß mir scheint: man müßte ihren konsequenzen schon ziemlich bewußt und angestrengt ausweichen, um NICHT da und dort zu ihnen in tradition zu stehen.

das beliebte und geschwätzige „beuyseln“ hat was von den logos der sponsoren auf rennfahrzeugen, wie es dann die stutzer im alltag imitieren, wenn sie ihre golfs und audis mit markenzeichen dekorieren, um anzudeuten, daß sie schnelle und professionelle fahrer seien. nun erkennt man den schnellen und professionellen fahrer hauptsächlich an seinem fahrstil, da bedarf es keiner inszenierung. die logo-wirtschaft ist entbehrlich.

das ist dann auch in der kunst so. sie merken es gelegentlich an den einladungstexten zu vernissagen, wo sich leute hinreißen lassen, jeden gehabten sommerkurs aufzulisten, jede unerhebliche ausstellung in der letzen bankfiliale der hintersten provinz. legitimations-schinderei.

die komplexität von beuys’ werk hat eine dimension, die mich eher scheuen ließe, mich darauf öffentlich zu berufen. man muß ganz schön hoch springen können, um sich aus solchem schatten herauszubewegen. das übliche gehüpfe bringt einen da nicht voran.

p.s.:
da ich diese fotos in meinem beitrag verwendet hab: ich erinnere mich an einige sessions mit robert adrian x: [link]

hat er dabei beuys je explizit erwähnt? von sich auch nicht. bob hat allerdings ausgedrückt, daß ihm beuys und dessen auffassung von den zusammenhängen der kunst und der politik wichtig seien.

zum beispiel durch das tragen der kappe mit der aufgestickten ju 87, jenem „stuka“, in dem beuys 1944 während eines schneesturms auf der krim abgestürzt war. bob’s werk ist von beuys’ arbeit sicher markant beeinflußt. kein grund, das vor sich herzutrompeten… robert adrian x: [intelligent machines] [Zero – the art of being everywhere] [Deja Vu]

[überblick]

eine kleine zusammenfassung

seit geraumer zeit loten wir die themenstellung „zwischen landwirtschaft und high tech“ aus. dieses unser generalthema ist auf die oststeiermark gesamt bezogen, aber auch auf die „energie-region weiz-gleisdorf“ angewandt.

das bedeutet, wir bearbeiten diese themen mit künstlerischen, kulturellen und sozialgeschichtlichen beiträgen. daraus haben sich zwei hauptthemen ergeben:
+) agrarische welt
+) frauen und technik

unser fokus liegt natürlich auf gegenwartskunst. um dieses thema zu stärken, befassen wir uns auch mit beiträgen im bereich der voluntary arts.

grübeln für die kunst. von links: kulturwissenschafter günther marchner, jazz-promotor franz maunz und künstler gerhard flekatsch

+) tage der agrarische welt / schlüsselperson: karl bauer
das wird gerade zu einer veranstaltungsreihe verdichtet, es hat sich dazu auch schon a) eine laborgruppe formiert und b) fotograf christian strassegger den ansatz einer „location crew“ erarbeitet. [link]

+) frauen, macht und technik / schlüsselperson: mirjana peitler-selakov
dieser bereich hat sich aus dem „frauenmonat“ von „kunst ost“ heraus entwickelt. mirjana peitler-selakov hat die programmatische arbeit daran fortgeführt und wir haben auch schon eine konkrete kooperation mit einem der großen betriebe in der region erreicht. [link]

das unternehmer-ehepaar jaqueline und tino pölzer hat uns eben zu einer weiteren station in seinem betrieb eingeladen

+) close to nature / schlüsselperson: mirjana peitler-selakov
eine komplementäre struktur zu den oben genannten hauptlinien ist der gegenwartskunst gewidmet. dabei liegt hier der fokus auf arbeiten, die sich dann hauptsächlich in freier natur zeigen. [link]

+) schwerpunkt gegenwartskunst / schlüsselperson: martin krusche
eine kooperation mit dem kunstsammler erich wolf soll über einen zeitraum von fünf jahren die grundlage für ein regionales „kompetenzzentrum gegenwartskunst“ schaffen, das auf internationalen rang abzielt. zu diesem prozeß gehören fachtagungen, symposien und andere vorhaben, die uns diesem ziel näherbringen. das thema für unser erstes symposion im herbst 2012 steht fest: „regionalität und realität // globalität und virtualität“. [link]

+) kulturspange / schlüsselperson: martin krusche
wir haben heuer die basis einer kooperation kunst- und kulturschaffender eingerichtet, mit der wir eine „kulturspange“ quer durch das bundesland realisieren und auch vereinzelt über nationale grenzen hinaus erweitern möchten. [link]

filmfestival "diagonale": brigitte bidovec (links) und barbara pichler

+) april-festival
wir arbeiten schon eine weile an der themenstellung für april 2012: „leben: die praxis der zuversicht“. dieses vorhaben wird sich etwas konzentrierter und von der dimension her kleiner ausfallen als vorherige april-festivals. wir setzen dabei auf eine verfeinerte themenbearbeitung. [link]

+) filmkunst
während die kooperation mit kunstsammler erich wolf schon richtung praxis gediehen ist, hat unsere kooperation mit dem filmfestival „diagonale“ noch den status der entwicklungsarbeit.  das festival steht ja in seiner konzeption und wirkung für sich. was wir nun bearbeiten, ist die frage nach sinnvollen komplementär-schritten, die a) quer durchs ganze jahr angelegt sind und b) jenseits von graz wirkung zeigen: [link]

ach, die kunst!

es steht außer zweifel, DAS ist der klassiker: „ah, sie sind künstler. und was arbeiten sie?“ erstaunlich wenig menschen kommen auf die idee, daß sie es hier mit einer PROFESSION zu tun haben könnten. die rache der romantischen professionals gipfelt dann in: „ach, es ist mit der kunst so schwierig!“

da treffen sich zwei seiten im OBSKURANTISMUS. der chor schwillt an, wenn die verunsicherten mitplaudern, die sehnsüchtigen und die grimmigen. „naja, das kann man eigentlich nicht so genau sagen, was kunst ist.“ so? warum denn nicht? „wenn man das sagen könnte, müßte man es ja nicht MACHEN.“

nun haben wir menschen über jahrtausende die fähigkit zum symbolischen denken entwickelt, haben uns verschiedene kommunikationswege erschlossen, auf denen wir sehr unterschiedliche codes einzusetzen verstehen. aber plötzlich soll über das tun nicht geredet werden, sollen inhalte und bedeutungen der debatte entzogen sein? schade um die viele arbeit!

vor ein paar hundert jahren war das einfacher geregelt. kunstwerke zu ordern ist den alten eliten vorbehalten gewesen. aristokraten und kleriker traten im namen gottes als auftraggeber auf, kunstwerke waren auf erden der repräsentation dieser herrschaften gewidmet und nebenbei höheren idealen gutgeschrieben.

der große rest der menschen, der pöbel, hatte damit nichts zus schaffen. (irgendwer mußte sich ja krummlegen, um jenen mehrwert zu erwirtschaften, den der kunstbetrieb verbrauchte.)

die kunstschaffenden hatten in früheren zeiten mit sehr eingeschränkter bedeutung zurecht zu kommen und mußten der herrschaft dienstba. das hat sich mittlerweile sehr geändert. deshalb sind wir freilich weder fragen des MARKTES losgeworden, noch von der dominanz diverser eliten befreit. einerseits DEUTUNGSELITEN, die laufende diskurse führen, was kunst sei und was nicht, andrerseits KAUFMÄNNISCHE kräfte, die marktwerte bewegen.

zwischen solchen „brückenpfeilern“ wäre noch so allerhand zu verhandeln und zu einzurichten. solange wir die debatten meiden, um stets neu zu klären, was kunst sei und was nicht, überlassen wir diese definitionen allein der ökonomie und der politik. keine gute idee!

solange wir unsere blicke mit romantischem geschwätz trüben und einander klischees aus dem vorigen jahrhundert hersagen, wird es aussichtslos bleiben, dem lauf der dinge neue bedingungen abzutrotzen. natürlich ist es schwierig, in österreich durch künstlerische arbeit ein erträgliches jahreseinkommen zu erwirtschaften. (das ist in vielen anderen branchen auch so.) nebenbei sind fragen der steuern und der sozialversicherung geradezu obszön schlecht geregelt und werden der realen berufssituation kunstschaffender in österreich nicht im mindesten gerecht.

dazu kommt, daß wir in politik und verwaltung quer durchs land nur sehr selten das glück haben, auf sachkundige persdonen zu stoßen. denn meist wird in kommunen die kulturpolitik so verstanden, daß man spärliche budgets zu verteilen und veranstaltungen zu eröffnen habe; das war’s.

solange die einzige antwort auf all das der landesübliche jammer-ton ist, wird sich daran nichts verändern lassen. mich intertessiert eher, die befunde zu präzisieren, schlüsse daraus zu ziehen und handlungspläne daraus abzuleiten. dann wäre noch TUN nötig.

p.s.: ich schätze sehr die evidenz von diskursbeiträgen bei der „ig kultur österreich“: [link] es wäre ja vorzüglich, wenn sich auch andernorts kunstschaffende in öffentliche diskurse über kunst und deren bedingungen einbringen würden.

die bürde?

künstlerische praxis als permanente bürde der kunstschaffenden? das wäre ein merkwürdiges lebens- und arbeitskonzept. „Zeitgenössische Kunst ist immer schwierig.“ wird künstler richard frankenberger zum auftakt in einem artikel („Kunst im Kukuruzfeld“) in der „WOCHE“ zitiert. ich darf widersprechen? denn was sagt das schon! es ist auch schwierig gebrauchte autos zu verkaufen. oder bürgermeisterin in einer kleinen gemeinde zu sein. oder eine mehrstöckige hochzeitstorte zu fabrizieren.

warum immer? und was heißt schwierig?

frankenberger präzisiert im zweiten satz: „Unsere Stärke ist es, hier zu bleiben.“ schon klar. im kleinen oststeirischen ort pischelsdorf läßt sich für gegenwartskunst nun seit jahren, nein, seit jahrzehnten keine situation herbeiführen, wie sie etwa ein kunsthaus in einem landeszentrum haben könnte. und selbst die „zentrumsleute“ knirschen inzwischen, was das betrifft: akzeptanz, interesse, publikumsfrequenz, budgets… keine chance auf eine entspannte situation!

gut, fragen sie einen gebrauchtwagenhändler, die bürgermeisterin einer kleinen gemeinde oder den zuckerbäcker ihres vertrauens. alle knirschen, weil sich keine entspannte situation ergeben will. aber die kunst! es liegt ja vielleicht in der natur der sache, wo es in der menschheitsgeschichte gerade erst einmal drei generationen her ist, seit sich breite bevölkerungsteile mit kunst befassen können. könnten! damit meine ich, mein großvater war zwar ein grundsätzlich etwas kunstinteressierter mann, aber der handwerker hatte sein lebtag keinen praktischen zugang zu kunstwerken und damit verbundenen ästhetischen erfahrungen, wie wir das heute für wichtig hielten.

anders ausgedrückt: seit wir formell aufgehört haben untertanen zu sein und seit wir die tyrannis der nazi losgeworden sind ist noch nicht gar viel zeit vergangen, um zugänge zur gegenwartskunst zu entwickeln, zu finden, zu erproben. es gibt vorerst keinen breiten gesellschaftlichen konsens, daß die befassung mit kunst wichtig sei. und es fehlt generell immer noch an konsequenter landesweiter vermittlungsarbeit.

werke der gegenwartskunst, manchmal mischungen aus artefakt und prozeß, können selbstverständlich nicht von einem breiten publikum rezipiert werden, wenn klischees den blick verstellen und vermittlungsarbeit fehlt

genau in diesem kontext halte ich es für FATAL und sehr kontraproduktiv, wenn die erste botschaft eines berichtes über kulturgeschehen jenseits des landeszentrums so beginnt: „Zeitgenössische Kunst ist immer schwierig.“ vor allem, weil das auch INHALTLICH gedeutet wird und weil sich so darin klischees bestätigen, mit denen der gegenwartskunst bescheinigt wird, sie sei unverständlich, abgehoben, elitär und letztlich… eher überflüssig; was sich ja allein schon in der schwachen ausstattung der kommunen mit kulturbudgets ausdrückt.

diese botschaft – „immer schwierig“ – kennt freilich noch andere wurzeln. eine künstlerische boheme hat sich einst, als zeitlich begrenztes soziokulturelles phänomen westeuropäischer prägung, in antibügerlichen attitüden gezeigt. es fällt manchen knstschaffenden heute noch schwer, sich zu entscheiden, ob sie nun ganz offen anstreben sollen, auch auf dem markt zu reüssieren, um dringende geldprobleme loszuwerden, oder ob sie sich auf einen eher mönchischen weg in die kunst einlassen mögen, der zwar tief in die sache führt, aber nicht von großem publikumsinteresse begleitet ist, um sich auch ökonomisch zu rentieren.

das sind fisimatenten eher persönlicher art, ohne große kulturpolitische relevanz. wer tief in der „provinz“ ein fixes und nicht gerade kleinens haus für gegenwartskunst einrichtet, muß entweder eine besondere konzeption vorweisen, die ausreichend publikum und allgemeines interesse mobilisiert, oder seine konzeption überdenken, falls das nicht auf eine „fitzcarraldo-nummer“ (opernhaus im regenwald) hinauslaufen soll.

wir werden, um in solchen fragen voranzukommen, weder „städtische salonkultur“ aus den zentren in die „provinz“ übertragen können, noch ergebnisse erzielen, indem wir alte rollenkonzepte des künstlerdaseins reanimieren, die von heroischen posen und edler einsamkeit handeln. das ist alles 19. jahrhundert. das hat sich, stendahl rauf und runter balzac, längst erledigt.

wäre unter uns kulturschaffenden zu klären, was gemeint sein könnte, wenn wir von kulturpolitik auf der höhe der zeit zu reden hätten.

lebendige kunstgeschichte

richard mayr ist unternehmer. punktum. falsch! mayr besitzt einen gleisdorfer traditionsbetrieb, das ist ein teil der geschichte. ein anderer teil handelt davon, daß er sich über jahre zu einem fotografen auf hohem niveau profiliert hat. bisher war er damit hauptsächlich im angewandten bereich tätig, inzwischen interessieren ihn auch künstlerische strategien. das belegt zum beispiel die jüngste kunstkarte in der edition unserers „kuratoriums für triviale mythen“: [link]

fotograf richard mayr bei der durchsicht neuer arbeiten

mayr widmet sich außerdem in seinem betrieb der gegenwartskunst über eine reihe von veranstaltungen: [link] in dieser serie wird es am 1. oktober 2011 einen abend geben, der nicht als personale angelegt ist, sondern als ein querschnitt durch die zeitgenössische malerei österreichs.

kurator karl a. irsigler wird zum themenabend „lebendige kunstgeschichte“ anhand der werke von kubin, weiler, mikl, attersee, schmalix und anderen eine einführung zum verständnis dieser arbeiten bieten.

am 1. oktober 2011: "lebendige kunstgeschichte"

der titel „lebendige kunstgeschichte“ macht klar, hier handelt es sich durchgehend um kanonisierte werke, was meint, sie stehen als kunstwerke außer streit. das sind freilich immer kategorien des vorläufigen, denn die auf- oder abwertung von werken ereignet sich stets zeitbezogen. es gibt auch keinen durch mehrere zeiten durchgängigen kunstbegriff. das heißt, die menschlichen vorstellungen, was kunst sei, ändern sich laufend.

genau deshalb ist eine ständige auseinandersetzung mit kunst nötig, da diese ja nicht bloß von kunst handelt, sondern vor allem auch von unseren eigenen sichtweisen und vorstellungen von der welt. das bedeutet, im kunstschaffen selbst wie in der betrachtung von gegenwartskunst erfahren wir uns selbst auf der höhe der zeit.

mayr ist einer von mehreren unternehmern gleisdorfs, die dieses augenmerk auf gegenwartskunst pflegen und auch dazu beitragen, daß menschen adäquate zugänge finden. ich hab hier kürzlich den abend im hause von erich wolf erwähnt: [link]

während andernorts nach wie vor eher auf events und touristisch orientirte kunstereignisse gesetzt wird, belegt solches engagement eine konzentration auf subtilere bereiche menschlicher wahrnehmung; was ja gesellige momente keineswegs ausschließt.

Kontrastreiche Strategien

Der Gleisdorfer Kunstsammler Erich Wolf demonstriert, daß Ausstellungen nur ein Teil zeitgemäßen Kunstgeschehens sind und daß man sich hier mit einigen Ereignislinien absolut auf Augenhöhe mit dem Zentrum Graz und anderen, weit größeren Orten des Kulturgeschehens befindet.

Von links: Vortragender Martin Titz, Tänzerin Linda Samaraweerova, Künstler Karl Karner und Gastgeber Erich Wolf

Damit meine ich, daß es schon vorab Rahmenbedingungen und Mittel in ausreichendem Maß geben muß, damit Kunstschaffen möglich ist. Das setzt wiederum einen breiteren gesellschaftlichen Konsens voraus, denn die Kunst kann nicht bloß dem Markt anvertraut sein. Dieser Konsens hat Kenntnis zur Vorbedingung, ist also an Bildungsfragen geknüpft.
Bei der aktuellen Personale in den Räumen von Erich Wolfs Kanzlei wird eine Werkschau des Feldbachers Karl Karner gezeigt. Der ist ein Mann zwischen Handwerk und Kunst, zwischen einzelnem Exponat und Gesamtkunstwerk, welcher mit Witz und energischem Zugriff eine ironische Sicht auf die Welt schafft.

Das meint unter anderem, Karner verdient sein Brot in einer Kunstgießerei. Daraus folgt, daß er für einen Teil seines Werkes über alle handwerklichen Fertigkeiten selbst verfügt. Er führt also das Gedankliche, Konzeptuelle, Schöpferische selbst auch bei allen Stationen in physische Momente über.

Karl karner beherrscht neben der Konzeption auch die handwerkliche Umsetzung komplexer Arbeiten

Durch die lebhafte Einführung von Martin Titz und den penibel gearbeiteten Karner-Katalog aus der „Sammlung Wolf“ werden Zugänge zum Verständnis so komplexer Kunstpraxis geöffnet. In der Deutung, der sachkundigen Kommentierung, erhalten wir Gelegenheit, etwas über künstlerische Strategien und Verfahrensweisen mitgeteilt zu bekommen. Hier werden zum Teil genau jene menschlichen Fertigkeiten auf speziellem Niveau angewandt, wie wir sie auch für die Alltagsbewältigung brauchen, wie sie zugleich nötig sind, um auf emotionaler und symbolischer Ebene nicht bloß ein Leben in endloser Routine zu führen.

Das meint auch, künstlerische Praxis bietet Wahrnehmungserfahrungen, die unserem Leben Perspektiven eröffnen, wie sie Tätigkeiten der Alltagsbewältigung in der Regel nicht generieren. Bei Karner handelt das von einem sehr breiten Spektrum der Genres und Techniken. Zeichnungen, Plastiken, Installationen und größere Ensemble, auch Perfomances, bei denen zum Teil Tänzerin Linda Samaraweerova ins Spiel kommt.

So wird über die laufende Ausstellung und den Katalog begreiflich gemacht, daß Gegenwartskunst nicht nur von Objekten, sondern auch von Prozessen handelt.

randnotizen

ohne zu reisen würde meine existenz als künstler völlig mißraten. zweierlei bedingungen lösen sich auf den fahrten ein. im fremden zu sein und vor ort zu ein. die irritation durch das, was man noch nicht kennt und die konkrete anschauung dessen, was woanders ist… jenseits aller mutmaßungen.

das sind auch grundlagen jener kooperationsansätze, die wir bei „kultur.at“ und im rahmen von „kunst ost“ entwickelt haben. zur erinnerung: „kunst ost“ war ursprünglich ein projekt von „kultur.at“. wegen seiner anwachsende dimension und komplexität hatten wir es schließlich ausgelagert und mit einer eigenen struktur versehen.

doch im verweben der unterschiedlichen aufgaben und vorhaben ergibt es ein ganzes, das sich wechselseitig bedingt. es löst sich auch auf reisen ein. das meint einerseits die besuche von kolleginnen und kollegen in anderen regionen. davon verdichtet sich nun etwas in unserer „kulturspange“: [link]

teil der "kulturspange" (von links) franz maunz, eva ursprung, mirjana peitler-selakov und gerhard flekatsch

das gewinnt andererseits erweiterungen über unser „balkan büro“ [link] die krisen des vormaligen jugoslawien sind auch die krisen europas. uns damit und mit den konsequenzen zu befassen bedeutet, sehr viel von jenen kräftespielen zu begreifen, die ganz europa bewegen. (in den „fahrten südost“teil #1 und teil #2 — sind einige aktuelle notizen zusammengefaßt.)

diese mischung aus konzentration auf lokale und regionale, aber auch auf grnzüberschreitende zusammehänge bündeln sich nun in unserer arbeit an der startphase eines „kompetenzzentrums für gegenwartskunst“: [link]

steinernes monument eines brockens europäischer historie: die brücke über die drina

in kooperation mit dem kunstsammler erich wolf haben wir begonnen, gegen ressentiments und kompetenzdefizite, die es in verschiedenen instanzen dieser gesellschaft gibt, der gegenwartskunst gerade in dieser von krisen bestimmten zeit neues terrain zu gewinnen.

reflexionsvermögen, flexibilität des denkens, problemlösungskompetenzen, all das, was politik und wirtschaft so sehr fordern, was aber voe allem eine zeitgemäße demokratie dringend braucht, sind fertigkeiten, die in ihrer entfaltung klare vorbedingungen haben. es geht um WAHRNEHMUNGSERFAHRUNGEN, also um ästhetische erfahrungen. genau DAS bedeutet „ästhtetik“: wahrnehmung.

es gibt nur wenige genres, in denen all das so radikal, also grundlegend zu anwendung kommt, wie in der befassung mit kunst; egal ob als kunstschaffender oder als rezipierender mensch. so gesehen ist es absurd, daß gegenwartskunst vor allem jenseits der landeszentren als „abgehoben“ diffamiert und als „elitär“ herabgewürdigt wird.

man kann ja über kunst reden: malerin herta tinchon im arbeitsgespräch ("talking communities")

es ist ebenso absurd, daß budgets dafür so umfassend gekürzt wurden. aber das scheint im augenblick nicht verhandelbar zu sein. also brauchen wir strategien und neue modi, um in dieser zeit mit ihren kompetenzverlusten und ihrer stagnation nicht nur terrain zu halten, sondern boden zu gewinnen.