Schlagwort-Archiv: autonome initiativenszene

Was es wiegt, das hat’s XLIV: Konkurrenz

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Ich hab in der vorigen Glosse „Die Szene, ein Phantasma“ einige Aspekte notiert, die Aufschluß geben, was man rund um das Nachdenken über den steirischen Kulturbetrieb finden und kennen kann. In den vergangenen Wochen sind ein paar Klarheiten herauszuarbeiten gewesen, weil ich meine Standortbestimmung mit anderen Leuten meines Milieus intensiver erörtert habe als sonst.

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Was es wiegt, das hat’s XLIII: Die Szene, ein Phantasma

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Als ich mit Musiker Oliver Mally augenzwinkernd die Origami Ninja Association formiert hatte, ich nannte das einen Pas de deux, ging am 11. März 2021 das erste Mission Statement online. Darin hieß es unter anderem: „Was immer wir tun, es kann schon tags darauf verworfen sein, weil sich die Bedingungen geändert haben. Wie soll man so arbeiten? Genau so läuft das eben und entweder wir bleiben in Bewegung oder wir saufen ab. Es ist so simpel und banal. Wie sang his Bobness? „You better start swimming or you‘ll sink like a stone.“ (Verflixt! Ich denke manchmal schon in Popkultur-Zitaten.)“ [Quelle]

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Kupo: Was noch nicht gedacht werden kann

Auf der Facebook-Leiste der Origami Ninja Association habe ich eben begonnen, über eine Serie kleiner Glossen das Thema Solidarität abzuklopfen. Es gibt kaum ein anderes Stichwort, das in meinem Milieu so schnell aus dem Fenster gehängt wird, wenn der Kulturbetrieb in Ressourcenfragen unter Druck gerät.

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Wir

Mit der Corona-Pandemie ist unsre gesellshaft unter einen Druck geraten, der manches verdeutlicht, der Fragen aufwirft, der etablierte Konzepte einer Selbstdarstellung ins Wanken bringt. Was meint jemand, wenn dieses „Wir“ ausgerufen wird? Eine Erkundung meines Umfeldes.

Martin Krusche (rechts) im Gespräch mit Roger Chapman

01) Doctor youtubis causa
02) Wo noch niemand war
03) Die boomende Wirerei

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Es ist das 19. Jahr meines auf 20 Jahre angelegten Projektes „The Long Distance Howl“. Siehe dazu: Das neunzehnte Jahr“!

Siehe zur gesamten Themenstellung auch: Meine Post-Beuys-Befindlichkeit!

Die boomende Wirerei

Das Wir hat wieder Konjunktur; zumindest als Propagandamaterial. Ich habe an verschiedenen Stellen schon notiert, wie sehr ich in meinem Metier seit wenigstens einem Jahrzehnt relevante kulturpolitische Diskurse vermisse. Dieser Mangel ist uns naturgemäß schon mehrfach um die Ohren geflogen und wurde immer verläßlich mit Solidaritätsrufen bemäntelt.

Anfang der 1980er: noch suchend…
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Symposion: Zwischenbilanz und Ausblick

Kürzlich besuchte mich Herbert Nichols-Schweiger, damit wir in meinen sich verdichtenden Vorbereitungen des Kunstsymposions einige Fragen erörtern konnten.

Mir liegt daran, ihn gerade in dieser Serie von Konferenzen an Bord zu haben, denn es gibt bei uns nur wenige Menschen, die das Kunstgeschehen und den Kulturbetrieb in der Steiermark der Zweiten Republik so gründlich und umfassend kennen.

Herbert Nichols-Schweiger, ein profunder Kenner des steirischen Kulturbetriebs der Zweiten Republik

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Umbruch: Reflexionsarbeit

Klausur, das bedeutet, Einflüsse von außen temporär möglichst einzudämmen und im Inneren der Klause, einem Häuschen in Bad Mitterndorf, hohe Verdichtung zu erreichen. Bei freundlichem Wetter entlassen wir uns abschnittweise natürlich auch auf die Terrasse. So oder so, es wird ausgekocht, es wird destilliert… Gedanklich, damit wir uns recht verstehen.

Kulturwissenschafter Günther Marchner ist ein Kenner unseres Metiers

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Patientin Kultur?

Am 4. März 2012 titelte Michael Tschida in der „Kleinen Zeitung“ bei einem Kommentar: „Die Patientin Kultur“. Wir komme ich eigentlich dazu, daß mein Berufsfeld auf solche Art desavouiert wird, bloß weil wir a) seit Jahren eine (weltweit) komplexe Krisensituation haben und weil b) sich die steirische Auseinandersetzung zwischen Kulturschaffenden mit den Leuten aus Politik und Verwaltung zunehmend als ein Festival wachsender Kompetenzmängel erweist? (Und zwar auf ALLEN Seiten!)

(Quelle: Kleine Zeitung)

Eine der interessantesten Deutungen kommt in den aktuellen Debatten gar nicht vor. Seit der Antike kennen wir die Auffassung, daß eine Krise die Voraussetzung für Katharsis sei. Wo nun eine „freie“ bzw. „autonome Initiativenszene“, die seit den 1970er-Jahren besteht, eventuell Veränderungsschübe in großem Ausmaß zu durchlaufen hätte, wo sich also dieses Feld vielleicht völlig verändern MUSS, weil die Welt sich dreht und sich Gesellschaft immer in Veränderungen ereignet, wäre es ja denkbar, daß wir, „WIR“ mit Vorsicht hingesetzt, uns vor allem einmal in einer Art „Modernisierungskrise“ befinden. Da gehörte es zum Wesen der Angelegenheit, daß kein Stein auf dem Anderen bleibt und daß alte Modi hinfällig werden. (Ich glaub, ich mag diese Vorstellung sehr.)

Die Kultur ist nicht krank, keine Patientin, sie krankt auch nicht an mir oder an anderen Leuten. Sie zeigt sich in genau dem Zustand, den wir ihr durch unser Handeln und Unterlassen ermöglichen. Daß aus meinem Milieu heraus der Tschida-Headline auch noch applaudiert wird, halte ich für einen Ausdruck von Borniertheit und auch für ein bißchen lustig.

Das illustriert nämlich, wie sehr viele Primärkräfte des Kulturbetriebes ernsthaft denken, a) „die Anderen“ seien schuld an dieser oder jener Misere und b) diese „Anderen“ seien in Politik und Verwaltung dingfest gemacht. Um Jandl zu zitieren: „werch ein illtum!“ Kulturpolitik, das sind natürlich wir ALLE im laufenden Wechselspiel der Kräfte.

Krusche plaudert mit der Kurie

Was sich in den spärlichen öffentlichen Kulturdiskursen der Steiermark hervortut, versteht sich per Sprachregelung immer noch als „Szene“, „Initativenszene“, „Freie Szene“ etc. Das ist weder sachlich sehr aufschlußreich, noch benennt es eine konkrete „Wir-Situation“.

Was hier wenigstens via Medien als soziokulturelle Kuschelecke erscheint, wirkt gegenüber aktuellen Veränderungsschüben schreckensstarr und etwas ratlos. Daher auch, so vermute ich, der Hang zum Alarmismus und zum Superismus. Die Alarmrufe künden von Untergangsstimmungen und der Superismus läßt jeden kleinen Effekt verbal als großes Ereignis dastehen. („Kulturkampf in der Steiermark“ und ähnlicher Schmonzes.)

Ich halte viele der Überschriften für polemische Gesten. Übertreibungen verklären Argumente. Ich glaube nicht daran, daß damit in der Sache weiterzukommen ist. Für mein Ringen um festen Boden im Kulturbereich und ein Terrain, auf dem auch ökonomische Erholung vorankommt, erscheinen mir einige Überlegungen wie Voraussetzungen unverzichtbar.

+) Kulturpolitik
… ist NICHT das, was Leute aus Politik und Verwaltung konstituieren, sondern das, was wir Kunst- und Kulturschaffende plus andere Engagierte aus der Zivilgesellschaft im Kräftespiel mit Leuten aus Politik und Verwaltung herbeiführen.

+) Kunst
Wenn wir keine Kunstdiskurse führen bzw. daran nicht teilnehmen, überlassen wir es Politik und Wirtschaft, zu definieren was Kunst sei. Genau das geschieht schon eine Weile mit vielen der Konsequenzen, die uns mißfallen.

+) Genres
Wenn wir nicht in der Lage sind, kategorial wenigstens grobe Unterscheidungen vorzunehmen, was etwa Gegenwartskunst meint und was Voluntary Arts sind, wenn wir Kunsthandwerk, ferner ambitioniertes Basteln etc. nicht als unterschiedliche GENRES betrachten können, die in Intentionen und Zielen der Leute sehr kontrastreich angelegt sind, bleiben kulturpolitische Verhandlungen sehr nebulös.

+) sozialer Status
Obwohl Kunstschaffende, die aus künstlerischer Arbeit ein akzeptables Jahreseinkommen lukrieren, in Österreich die extrem rare Ausnahme sind und daher für unser Metier keinesfalls eine Role Model abgeben können, gelten diese Freischaffenden unausgesprochen als „Königsklasse“. Wir weigern uns überwiegend, zu debattieren und nach außen zu kommunizieren, welche Vielfalt an Lebensmodellen und ökonomischen Konzepten unser Metier ergibt. Damit untermauern wir einen Obskurantismus in dieser Sache, der uns politisch und sozial permanent auf die Köpfe fällt.

+) Selbstbeschädigung
Wenn ich in den letzten dreißig Jahren ein problematisches Phänomen in meinem Metier als durchgängig erlebt habe, dann den Mangel an Fähigkeiten zur tragfähigen Kooperation. Dieser sichere Beitrag, verfügbare Ressourcen besser zu nutzen und deren Verknappung besser abzufangen, hat nach meiner Erfahrung zwei Hauptbarrieren: Brotneid und Eitelkeit. Das Geld der Anderen sowie mediales Augenmerk und Sozialprestige sind oft der Anlaß, sogar gut laufende Projekte zu kippen. Diese Art gepflegter, kulturell ausgefeilter Selbstbeschädigung erscheint mir geradezu sensationell.

+) Hauptamt/Ehrenamt
Wir könnten noch etwas mehr best practice vertragen, wie sich Hauptamt und Ehrenamt innerhalb eines Projektes kombinieren lassen, ohne zu Blockaden zu führen. Das Verlaufsschema ist gut bekannt. Ein Projekt beginnt, befeuert von viel Zuversicht und ehrenamtlichem Engagement. Es wächst in der Dimension, den Hoffnungen und Erwartungen. Jemand schafft es, etwas Geld zu akquirieren, längst nicht genug, um das ganze Ding in hauptamtliche Dimensionen zu wuchten, aber immerhin eine stärkende Zugabe. Plötzlich legen sich einige Ehrenamtliche quer und fordern: Wenn ich nicht auch bezahlt werde, tu ich nichts mehr. Zack, das Projekt sauft ab. Das sollten wir besser hinkriegen!

Die Liste läßt sich natürlich fortsetzen…

die erfahrung von weng

ein dampfer legt sich nicht in die kurve, nur weil der schiffsmotor eben ein paar ps mehr aufbringen kann. eine ländliche region ändert nicht ihr kulturelles antlitz, nur weil gerade für ein, zwei jahre erhöhte kulturbudgets zur wirkung kommen. und jetzt ist es in vielen ländliche gemeinden sogar sense mit den wenigsten halbwegs adäquaten kulturbudgets.

dazu kommen noch allerhand andere beeinträchtigungen, von denen ich ihnen hier gar nicht erst erzählen will, weil das schnell fad wird. wir haben ja während der letzten 20 jahre längst so ungefähr 200 problemkataloge erstellt und veröffentlicht. ein lebhaftes geschäft, bei dem wir nun von einigen frischen krisen eingeholt worden sind. also wird es zeit, die befunde auf stichhaltigkeit zu überprüfen, schlüsse zu ziehen, handlungspläne herauszufiltern und loszulegen.

"ForumK" live: manchmal sind wir so ernst, wie es den anschein hat...

warum diese töne? ich war eben in weng bei admont. franz maunz lebt und wirkt dort schon eine ewigkeit und drei tage als jazz-promotor („wengerwirt„). das muß man an so einem ort erst einmal überleben. maunz ist außerdem akteur des kulturdachverbandes R*E*X, was unter anderem bedeutet, er weiß als insider, wozu eine „regionale“ momentan in der lage ist und wozu nicht.

"broadlahn"-sänger ernstl huber (links) und jazz-promotor franz maunz beim ausklang einer welschriesling-meditation

am 6. juli fand in weng ein „ForumK“ statt, also eine jener diskursveranstaltungen, die der R*E*X in gang hält, um brisante frage- und themenstellungen zu bearbeiten. in unserem metier herrscht quer durchs land ein wenig diskursfaulheit, was anderen interessensgruppen zu allerhand von genau jenem spielraum verhilft, dessen konsequenzen im kulturbetrieb zur zeit beklagt werden.

leute wie wir haben ende der 1970er- und entlang der 1980er-jahre entworfen, erprobt und durchgesetzt, was heute als „autonome initiativenszene“ präsent ist. künstlerische genres, deren darbietungen wir jenseits von graz damals erst eingeführt haben, sind heute standard selbst kleiner gemeinden, soweit sie über kulturbeauftragte verfügen.

in vielen gemeinden waren es aber nicht leute der politik, sondern engagierte privatpersonen, die das initiiert haben, weil seitens der kommunen niemand in der lage oder daran interessiert gewesen wäre, gegenwartskunst im bildenden bereich, zeitgenössische literatur, kabarett, jazz, folk und blues zu promoten.

diese genres fanden einst weder akzeptanz, noch budgets; kurioser weise vor dem hintergrund, daß viele authentische formen von volkskultur den bach hinuntergingen und von dümmlichem mainstream-kommerz überlagert wurden. es ist mit bis heute ein rätsel, warum zum beispiel menschen aus der agrarischen welt sich ein lächerliches bis groteskes zerrbild ihres eigenen lebens als „freizeitgenuß“ verkaufen lassen.

diskurs am morgen danach: GEA-boss heinrich staudinger (links) und jazz-promotor franz maunz sind einig, daß wir auch über eigenarten der heimischen ökonomie klare aussagen treffen können sollten

wie dem auch sei, leute wir wir haben jedenfalls nun jahrzehnte arbeit und engagement darauf verwendet, das kulturelle gefälle zwischen „zentrum und provinz“ abzuflachen. wie sich aktuell zeigt, hat uns das etwa die politik nicht gelohnt, indem sie es schaffte, im gleichen zeitraum das strukturelle gefälle wenigstens etwas abzuflachen. ganz im gegenteil, wir haben eine neue landflucht am hals, die demographische entwicklung ist einschüchternd schlecht, auf dem lande verkrampfen sich allerhand funktionstragenden im thema neu anstehender gemeindezusammenlegungen. es geht also eindeutig in stürmisches wetter und der dampfer hat motorschaden.

wir haben nun vielfach anlaß, diskurse über kunst, kultur und kulturpolitik in den regionen am laufen zu halten. dieses reiche land erfährt eine wachsende stagnation in vielen gesellschaftlichen bereichen. der rasende kompetenzverlust, den diese gesellschaft erleidet, hat unser metier nicht ausgenommen. welche ausreden würden noch übrigbleiben, um nun jene kompetenzen, die wir für uns reklamieren, nun nicht auch konsequent anzuwenden?

ich hab mit franz maunz und einigen anderen leuten übereinkunft: wir prüfen unsere befunde, ziehen schlüsse daraus und handeln entsprechend. wir sind einig, daß es vorrangig sein muß, nun deutlich zu machen und angemessen nach außen zu kommunizieren, welchen rang unser metier hat, was es zu leisten vermag und welche priorität unserer kulturellen praxis in dieser gesellschaft zufällt.

es kann nicht übersehen werden, daß eines der teuersten bildungssysteme europsas eines der schlechtesten ergebnisse europas produziert. es kann nicht geleugnet werden, daß etablierte funktionstragende der kommunen und des landes an immer mehr aktuellen problemen und aufgaben vorerst scheitern.

distanz zum landeszentrum darf doch kein garant für ein eklatantes, womöglich noch wachsendes strukturgefälle sein

es muß betont werden, daß die kommunikations- und arbeitsverhältnisse zwischen regionalen kommunen und landesebene, aber auch der kommunen und des landes zum bund hin, schwer belastet, teilweise sogar desaströs sind. unser aller leben ist zunehmend durch kommunikationsprobleme, stagnation und kostenexplosionen belastet. wie verblüffend, daß es in der kommunalpolitik österreichweit großen konsens gibt, das ließe sich zum beispiel durch einsparungen ausgerechnet im kulturbetrieb bessern.

das ist für sich schon ein irritierender beleg herrschender kompetenzmängel, denn a) ist kommunikation ein kernbereich soziokultureller agenda, b) hat der kulturbetrieb ein höchstmaß an ehrenamtlichem engagement von bürgerinnen und bürgern, c) hat der gesamte kreativsektor, dem dieser kulturbereich zugerechnet werden muß, wirtschaftlich wesentlich bessere wachstumsraten und entwicklungspotenziale als konventionelle branchen. (ich werde das bei nächster gelegenheit mit quellen belegen.)

wir werden das nicht lösen können, indem wir lange listen von schuldzuweisungen verfassen. wir haben zu klären, wofür wir uns selbst zuständig fühlen und was wir den formell zuständigen funktionstragenden abverlangen müssen, aber auch, was wir ihnen anbieten wollen.

wir haben zu klären, was uns selbst konkret einfällt, um die stagnation in dieser gesellschaft zu überwinden und den umfassenden kompetenzverlust wenigstens zu bremsen.

post scriptum:
die erfahrung von weng liegt nun vorerst darin, daß für mich deutlich wurde, ich bin nicht der einzige, der den status quo so bewertet und ich finde zunehmend erfahrene leute, der handlungspläne meinen ähneln.