Kategorie-Archiv: Veranstaltung

Nicht Förderung, Kofinanzierung

Zur Wiener und zur Pischelsdorfer Session gilt gleichermaßen, was einer wie ich dort hineinträgt und wozu er gerne mit etwas erweiterten Vorstellungen herausgehen würde: Es wäre angenehm, könnte ich als freischaffender Künstler das Jahreseinkommen und die Benefizien etwa eines Mittelschullehrers oder Universitätsprofessors genießen. Genau das am besten bei dem hohen Maß an Selbstbestimmung und bei freier Wahl der Themen wie Vorhaben, wie ich es eben seit Jahrzehnten gewohnt bin.

Es gibt allerdings keine öffentliche Einrichtung, die mir so einen Modus finanziert. Was an öffentlichen Geldern durch meine Hände geht, ist außerdem stets der Kofinanzierung konkreter Vorhaben gewidmet. Kein Einwand! Ich bin ja der Litaneisänger, dessen Lieblingsliedchen besagt: Keine 100 Prozent Abhängigkeit vom Staat!

Gemeinderat Karl Bauer: Wenn einer unserer engagiertesten Verbündeten Kommunalpolitiker und landwirtschaftlicher Funktionär ist, wie erklären wir ihm und uns dann, daß doch alle Politker angeblich Volldeppen seien?

Kofinanzierung! Da wäre also nicht von „Förderung“ zu reden, das ist ein wenig unzeitgemäß. Ich sehe meine Arbeit vielfach in KOOPERATION, denn die Stadt, das Land, der Bund, all deren Kultureinrichtungen stehen mir ja keineswegs buddhistisch-absichtslos gegenüber. Sie erscheinen als KooperationspartnerInnen mit ihren eigenen Intentionen und Zielen. Nur dort, wo wir in meinen Intentionen und Zielen Schnittpunkte finden, kann Geld fließen, das eben keineswegs MICH „fördert“, sondern UNSERE Kooperation kofinanziert.

Das meint nun kulturelle Agenda und speziell jene der Kunstvermittlung. Kunstproduktion hat notwendigerweise andere Regeln. Das muß klar sein.

Bliebe außerdem noch, auf dem freien Markt einen entsprechenden Umsatz zu generieren. Ich kenne Kunstschaffende, denen das gelingt. Doch diesen Job muß man mental und intellektuell drauf haben. Ich möchte so eine Existenz lieber nicht führen, weiß auch sehr genau warum, weshalb ich andere Modalitäten zu akzeptieren hab.

Blieben noch die Optionen „reiche Eltern haben“ oder „reich heiraten“. Kleiner Scherz! Faktum ist, daß sich ein Dasein als Freelancer im Kunstbereich gewöhnlich nur gut situierte Leute leisten können. Für den Rest ist es, wie für mich, eine Plackerei, die zu jedem Quartal, da Umsatzsteuer und Sozialversicherungsbeitrag fällig sind, ein paar zusätzliche Stress-Momente ergibt. Siehe dazu: „2.136,60 Euro pro Monat für Finanz und SVA“! [link]

Gut oder schlecht, so ist der Job. Überdies leistet sich mein Milieu, so weit ich sehe, allerhand sozialromantische Klitterungen. Daß in Politik und Verwaltung lauter Deppen säßen, wurde in den letzten Jahren oft und laut genug behauptet. Derlei schlampige Ansichten sind freilich keine haltbare Basis für sinnvolle Kooperationen auf dem Weg in neue Verfassungen des Metiers.

Rutschpartie auf dem glatten Boden eines oststeirischen Fahrtechnikzentrums; die Preisfrage: Haben wir auch nur irgendwas gemeinsam, worüber wir reden könnten?

Dazu kommt, was ich noch einmal kurz und herzlos betonen möchte: „Die Wirtschaft“ gibt es nicht. Rund 90 von 100 Prozent der österreichischen Unternehmen sind Klein- und Mittelbetriebe. Über 60 von 100 Prozent der österreichischen Betriebe sind EPU, also „Ein-Personen-Unternehmen“.

Wer also nicht auf Formen bürgerlicher Repräsentationskultur setzt, bleibt schon einmal außerhalb bewährter Felder konventionellen Sponsorings. Außerhalb dieser Felder müßte überhaupt erst neu geklärt werden, was geeignete Anlässe und Gegenstände wären, damit Wirtschaftstreibende Geld in Kunstprojekte investieren.

Dabei müssen wir zugeben, daß wir noch wenig wissen und wenig entwickelt, erprobt haben. Diese Arbeit steht erst an und hat den bescheidenen Nachteil, daß sie vorerst kaum Geldgewinn erwirtschaften läßt. Sie kostet Ressourcen. Genau dieser „Grundlagenbereich“ wäre eigentlich dringendes Ziel gemeinsamer Anstrengungen des ganzen Milieus.

Damit ließen sich die „Entwicklungskosten“ auf mehr Leute verteilen und wir würden als Milieu ein Ausmaß an Know how generieren, durch das alle von uns Vorteile gewinnen müßten, denn was sich davon auf breiterer Ebene bewähren würde, ließe die Branche stabiler werden.

Damit meine ich, Kunstschaffende müßten ihre Kräfte und Ideen bündeln, sich mit sachkundigen Leuten aus anderen Genres verständigen, und an der Entwicklung ökonomisch tragfähiger Ideen, Konzepte, Strategien arbeiten.

Bei Franz Seidl ("estyria") und manch anderen sind wir nicht auf Akquise, sondern bitten um grundlegende Gespräche, damit überhaupt erst einmal brauchbare Vorstellungen entstehen, womit wir es zu tun haben

Genau davon erfahre ich nichts, wenn ich mich zur Sache etwas umhöre. Die steirische „Szene“ zeigt ab und zu inhaltlich die Zähne, einige erfahrene Leute bringen Lesenswertes auf den Punkt. So etwa im Papier „Zur Lage der bildenden Kunst in Graz“ [link]

Doch mutmaßlich eine Mehrheit dieser „Szene“ bevorzugt das Verfassen von Protestnoten und Petitionen, hofft anscheinend, darin möge auch nur irgendein Segen liegen. Ein Beispiel aus dem Vorjahr ist das inhaltlich extrem dünne und in seinen Folgen völlig wirkungslose „Manifest“ zu Kontroverse um das Grazer Künstlerhaus: [PDF-link]

Ein aktuelles Beispiel wäre etwa die offene Facebook-Gruppe „Eichberg und Tannhaus“, mit der Autor Günther Eichberger dagegen mobil macht, daß
a) die Kleine Zeitung weiterhin auf seine Kolumnenbeiträge verzichtet und
b) die Einstellung externer Textformate in der „Kleinen Zeitung“ („Exit Graz“ in G7, „Stadtflaneur“ im Grazer Lokalteil u.a.) hingenommen werde. [Quelle]

Kurz gefaßte Protestnoten und Petitionen samt Unterschriftenlisten, statt zehn, fünfzehn Jahre konsequente kulturpolitische Arbeit. Das wird vermutlich nichts bringen, wie man auch „der Wirtschaft“ ruhig so allerhand zurufen kann, was dort kaum zur Verständigung beitragen dürfte.

Zitat Eichberger: „Eine rein betriebswirtschaftliche Sicht geht erfahrungsgemäß zu Lasten des Qualitätsanspruchs. Und sie kostet mehr Leserinnen und Leser, als sich das Erbsenzähler, die nur Bilanzen lesen, vorstellen können…“

Wunderbar! Das ist gewiß aufmerksam gehört worden und macht auch betriebswirtschaftlich allerhand Sinn. Zumindest in der Phantasie betriebsferner Flaneure. Ich darf versichern, das ist alles, wenn auch emotional redlich befeuert, ganz der Geist des vorigen Jahrhunderts. Das ist ferner eine etwas altbackene Rhetorik, die überdies ignorieren läßt, was ich oben schon angedeutet habe. Konzerne, wirklich große Companies, machen keine zehn Prozent der österreichischen Unternehmen aus.

Wir haben es bei der heimischen Wirtschaft in der Regel mit kleineren Formationen zu tun. Wer unter Kunstschaffenden ernsthaft annimmt, dort würden bloß profitorientierte Deppen ohne soziale und kulturelle Kompetenz fuhrwerken, hat definitiv keine Ahnung von diesen Dingen.

Kaufmann Gregor Mörath macht in seinem Geschäft eine erste Ausstellungserfahrung

Ich wüßte im Augenblick nicht, auf welcher Ebene wir mit welchen Argumenten losziehen könnten, um jene zu erreichen, die Eichberger für „Erbsenzähler“ und deren Bosse hält. Da wäre noch einige Denk- und Diskussionsarbeit nötig, um einmal erste Ansätze dingfest machen zu können. Eine Unterschriftenliste im Rahmen einer Facebook-Gruppe ist da bestenfalls eine Ersatzhandlung, wahrscheinlich eine vollkommen leere Geste.

Meistens haben wir es ohnehin nicht mit großen Companies, schon gar nicht mit globalen Players zu tun, sondern mit Klein- und Mittelbetrieben sowie mit Legionen von Ein- und Zweipersonen-Unternehmen. Haben wir diesen Leuten was zu sagen? Und falls ja, was genau?

— [Dokumentation] [KWW] —

+) Siehe zu einem Teil dieser Angelegenheiten und zu Fragen des kulturpolitischen Klimas in der Steiermark auch die Polemik „Ich glaub, mich tritt die Goaß“ [link]

Dieser Region ein Bild ihrer selbst zu geben

Die Überschrift dieses Eintrags ist ein Zitat. Jene Textpassage kommt in einem kleinen Feature vor, welches Künstler Richard Kriesche zu unserem kommenden Symposion verfaßt hat. Er bezieht sich für „Regionalität und Realität // Globalität und Virtualität“ auf den Bauern Franz Gsellmann und schreibt:

„im kontext der gründung einer plattform für zeitgenössische kunst in der steiermark ist gsellmanns radikale haltung beispielhaftes vorbild für die fördernden und fordernden von künstlerischen hervorbringungen aus der region, dieser region ein bild ihrer selbst zu geben. gefragt ist daher nicht länger die strategisch systemisch ausgerichtete kunst mit augenmerk auf ihre globale verträglichkeit, ist nicht im bereits 1000ste museum ‚more of the same’ mit lokal koloriertem unterfutter zu errichten, sondern eine plattform hochgradig kunstferner kunst gefragt, der es in ihrer regionalen abgeschiedenheit nachweislich gelungen ist, das lokale bzw. regionale in den globalen kontext umzuschreiben. und nicht umgekehrt! auch dafür steht die kunstferne kunst gsellmanns pate.“

Künstler Richard Kriesche

Das beinhaltet auch eine Position, die gegen jene Flut von „Public Realtions“ steht, in der aus diversen Büros mit Allerweltsfloskeln und branchenüblichem Jargon über die Lebensrealität(en) der Menschen d’rübergeschrieben wird.

Es herrscht stellenweise eine Art der „Agentur-Geschwätzigkeit“, welche von beliebig austauschbaren Illustrationen begleitet wird, da ereignet sich genau das Gegenteil von dem was Kriesche mit solchen Worten unterstreicht: „Dieser Region ein Bild ihrer selbst zu geben“.

Im Frühjahr 2011 habe ich unserem damaligen April-Festival folgendes Bild vorangestellt:
„Wenn diese Region eine Erzählung wäre, dann könnte sie sich selbst erzählen, falls die Menschen, die hier leben und arbeiten, ihre Stimmen erheben würden.“ [Quelle]

Franz Gsellmanns "Weltmaschine" (Foto: Roman Klementschitz)

Das korrespondiert mit den Möglichkeiten der Kunst, genauer, der Befassung mit Kunst. Ob rezipierend oder produzierend, es kann auch fließende Übergänge in einander haben, die Befassung mit Kunst bietet eine Verfeinerung der eigenen Wahrnehmung, der Denk- und Kommunikationsmöglichkeiten. Das legt schließlich nahe, sich nach außen mitzuteilen.

Oft sind diese Erfahrungsmöglichkeiten in soziale Ereignisse eingebunden, respektive ereignen sich als soziale Momente. Unser Vorhaben basis kunst ist in einigen seiner Grundlagen genau diesen Optionen gewidmet. Das Erzählen in seinen verschiedenen medialen Erscheinungsformen ist nie bloß den „Professionals“ vorbehalten, sondern war schon ein zentrales Ereignis menschlicher Gemeinschaft, da ist „Künstlerin/Künstler“ noch lange nicht gedacht worden.

Was nun unser Projekt basis kunst angeht, zur Erinnerung:
„In einem mehrjährigen Prozess soll im Raum Gleisdorf eine Plattform für Gegenwartskunst entstehen, die in ihrem Präsentationsbereich zeigen wird, was steirische Gegenwartskunst leistet und auf welche künstlerischen Leistungen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sich dieses Potenzial stützt.“

Dieser ausdrückliche Fokus auf Gegenwartskunst hat aber seine Umgebung und Bezugsrahmen, die ihrerseits Schwerpunkte herausbilden:
„In anderen Wirkungsbereichen soll die Plattform eine Art Relaisstation ergeben, welche heimisches Kunstgeschehen mit internationalen Verknüpfungen ausstattet und dabei jungen Kunstschaffenden der Steiermark jenes Know how anbietet, das für sie nötig ist, um auch international zu reüssieren.“

"fencing IV (landscape)" von "zweintopf" in der Gleisdorfer Galerie "einraum"

Das ist freilich nur einer der weiterführenden Aspekte. In der Verknüpfung mit anderen Schwerpunkten unserer Kulturarbeit ergeben sich Bezugspunkte zu Bereichen der Alltagskultur, der trivialen Mythen und des (zeitgenössischen) Handwerks sowie zu verschiedenen Metiers der Arbeitswelt.

Demnach:
„Das Projekt muss, sich lokal, bzw. in der Kleinregion bewähren, damit es vor Ort möglichst breit mitgetragen wird und da auch einen erkennbaren Nutzen entfaltet;
+) regionale Relevanz erlangen und mindestens steiermarkweit als ein Beispiel der „best practice“ Wirkung zeigen, um in dieser räumlichen Dimension Gewicht zu erlangen und Synergien zu ermöglichen. Die an kreativen Prozessen, Strategien und Projekten interessierte Öffentlichkeit muss teilhaben können;
+) international, also Landesgrenzen überschreitend, Rang erreichen, um sich in einer Situation der „wechselseitigen Kommunikation“ und des Austausches zu bewähren. Dazu soll es für heimische Kunstschaffende eine nach außen vermittelnde Rolle spielen, umgekehrt aber Know how und Publikum aus nicht nur ganz Österreich, sondern auch aus dem europäischen Umfeld in die Oststeiermark führen.“

— [home] [KWW] —

Tabu Leistungsaustausch

Wir debattieren in unserem Milieu keine Fragen wie die nach dem Leistungsaustausch. Aber wir praktizieren es. Wenn „Die Szene“ Geld erwartet, sogar Geld fordert, sei es von der öffentlichen Hand oder von der Wirtschaft, impliziert das ja einen Leistungsaustausch. Die Forderung nach Geld ist evident, die nach MEHR Geld häufig.

Ich betreibe keine Philosophie, sondern rede dem realen Leben hinterher, wenn ich daran erinnere, daß Geld ein MEDIUM ist. Was immer andere Menschen an Prioritäten bevorzugen, in MEINEM Universum bleibt es unverzichtbar, stets neu zu klären:
a) WAS möchte ich in Geld konvertieren?
b) IN was möchte ich Geld konvertieren?

Gerald Gigler bei der Session in Wien

Gut, als Kunstschaffender ist mir das schnurzegal, weil ich in der künstlerischen Praxis mit solchen Kategorien nichts zu tun hab. Aber als Kulturschaffender empfinde ich da stets Klärungsbedarf. Verwechseln wir also nicht Fragen der Kunst und Fragen der Kunstvermittlung.

Eine Gesellschaft kennt viele Zusammenhänge, in denen erbringbare Leistungen NICHT einer kommerziellen Verwertungslogik unterworfen werden können. Wo wir das für uns geltend machen, müssen wir natürlich unsere Gründe nennen können. Ich hab im vorigen Beitrag [link] LEADER-Fachreferent Gerald Gigler erwähnt.

Giglers Feedback zur Wiener Session an mich berührt einen grundlegenden Bereich möglicher Schnittstellen verschiedener Genres. Er schreibt zum Beispiel: „Mechanismen, Qualitäten oder auch nur Themen, die mich und andere ‚berühren’, offenzulegen und deren innere Logik für unterschiedliche Kontextebenen brauchbar zu machen.“

Worum es da geht? Wir debattieren immer wieder, auf welchen Grundlagen praktikable ANSATZPUNKTE liegen können, um der Gegenwartskunst in der Provinz mehr Boden zu verschaffen. Diese Ansätze können nicht in der Kunst selbst liegen, sondern bedürfen ziemlich sicher grundlegenderer „Bezugsfelder“.

1982: Eine dichte "Club-Szene", in der sich Kunstschaffende erproben konnten, gab es im Landeszentrum, aber nicht in der Provinz

Da habe ich mit Gigler offenbar schon Konsens: „Ich glaube verstanden zu haben, was du für Intentionen hegst und von welchen Arbeitsprämissen du ausgehst. Ich versuche in der Regionalentwicklung ja ähnlich anzusetzen.“

Das bedeutet auch, wir haben nicht die Ambition, als „Provokateure“ im Sinne einer „antibürgerlichen Bohème“ aufzutreten, denn dieses Konzept ist in seiner heutigen Deutung über 200 Jahre alt und überdies „Zentrums-Kram“. Darin liegt keinerlei brauchbare Strategie für unsere Vorhaben in der Provinz, das ist bloß ein Rollenangebot für soziokulturelle „Pausen-Kasperln“, denen die Argumente ausgegangen sind.

Gigler geht es darum, und da sind wir uns einig, „an den Schnittstellen der Regionalentwicklung ‚Diskussion und Innovationskraft’ zu ‚provozieren’“. Er meint damit genauer ein „nicht systemangepasstes Verhalten – natürlich gepaart mit hoher Kompetenz in der Argumentation bzw. Dialektik“. Wir wissen ja beide, „dass ANDERE schon das als provokativ erachten, was nicht ihrem Denkschema entspricht“. Das trifft übrigens auch und besonders auf unser Milieu selbst zu.

Ich hab im vorigen Eintrag mit einem Gigler-Zitat zu jenem grundlegenden Bezugsfeld hingeführt, von dem aus mir dann auch der Bodengewinn für die Gegenwartskunst möglich erscheint: „Ist ja leider auch bei ‚Insidern’ noch nicht so angekommen: der Krusche plaudert mit Bauern und Schlossern, wo ist da die Kunst?“

Das klappt nämlich nicht, indem wir die Kunstfernen zum Auftakt über Kunst belehren wollten. Wir schon erwähnt, es wäre eine zu drollige Vorstellung: Der Künstler rennt zu Bauern und Handwerken und erklärt ihnen die Kunst, er„beuyselt“ also gewissermaßen, und die wackeren Kinder des Ruralen lauschen aufmerksam, werden erhellt und erweckt.

Wir verstanden uns als Ausdruck einer "Subkultur", die etablierten Formationen erschienen uns suspekt.

Derlei selbstreferenzielle und arrogante Bildungsschusselei war im Grunde schon Ende der 1970er-Jahre erledigt und – man beachte! – in eben ihrem Scheitern ein wesentlicher Entstehungsimpuls der damals ganz jungen Initiativenszene. Zum Mitschreiben:

Genau WEIL eurozentristisch und zentralistisch angelegte bildungsbürgerliche Bildungsschusselei sich als ziemlich untauglich erwiesen hat, genau WEIL a) „Entwicklungshilfe“ für „Entwicklungsländer“ und b) rund zwei Jahrzehnte heimischer Erwachsenenbildung auch all die Mängel und Defizite damaliger Ansätze offengelegt hatten, waren Ende der 1970er-Jahre Prozesse in Gang gekommen, die unter anderem jene kulturelle Initiativenszene hervorbrachten, zu der wir uns zählen.

Sind wir womöglich in der Steiermark heute zu eben dem geworden, was uns vor rund 30 Jahren als soziokulturelle Innovation ausgelöst hat? Das wäre ja etwas gruselig. Ich rede deshalb so bestimmt darüber, weil ich mich mit allerhand Bauern, Handwerkern, Ingenieurinnen herumtreibe und einigermaßen klare Vorstellungen hab, womit man ihnen die Plomben zieht und wodurch man ihre Verachtung lostritt.

Der Mechaniker und der Ingenieur, Rennsportlegende F. Thaler (links) und Syncro-Ingenieur E. Mohorko: "Die Bodenplatte ist heilig. Da könntest du sonst gleich ein neues Auto konstruieren, so teuer wird das."

Wir „beuyseln“ nicht, wenn wir einander begegnen, wir Künstler, Bauern, Handwerkern, Ingenieurinnen, sondern tun das mit Achtsamkeit uns Respekt. Niemand von jenen, mit denen ich dafür Zeit verbringe, würde den anderen eine Superiorität des eigenen Metiers aufschwatzen wollen. So ein paternalistisches Verhalten würde einen mit Sicherheit sofort aus diesen Kreisen heraushebeln.

— [Dokumentation] —

Wider das Beuyseln

Die Präsentation der Studie, welche Veronika Ratzenböck mit ihrem Team erarbeitet hat, stimmt zuversichtlich. Woher kommt dann die viele schlechte Laune unter den Kulturschaffenden in meiner direkten Umgebung? Naja, was generell gelingt, muß nicht alle von uns sanft betten. Gut, „sanft“ ist sowieso momentan nicht lagernd, kann auch auf absehbare Zeit nicht nachbestellt werden.

Wissenschafterin Veronika Ratzenböck

Die Wiener Session hat mir ergänzend deutlich gemacht, daß der Kulturbereich — ganz unabhängig von diversen krisenhaften Entwicklungen — generell gar nicht so übel beinander ist. Wir haben aber einen Verteilungswettkampf am Hals, ein Rennen um Budgets, das mit spitzen Ellbogen und anderen Artigkeiten ausgetragen wird.

Ich behalte einige Standardzeilen aus meinem Lieblingsliedchen auf den Lippen: „Hundert Prozent Abhängigkeit vom Staat wäre so ein Nordkorea-Modus. Will das jemand?“ Oder: „Als Künstler bin ich noch nicht auf einen geschützten Arbeitsplatz aus.“ (Blöd, daß einen das rauhe Arbeitsklima schon geraume Zeit derart zaust, ich träume natürlich zwischendurch von einem Liegestuhl und kühlen Drinks on the house.)

Woher also Budgets nehmen und nicht stehlen, wenn Länder und Kommunen die Budgets runterfahren? Vom (Kunst-) Markt = Verkäufe von Werken? Von der Wirtschaft = Sponsoring?

Es ist ja klar, daß all unsere liebgewonnen Vorstellungen aus früheren Jahrzehnten völlig irrelevant werden, sobald wir a) die Landeszentren verlassen und dann womöglich auch noch b) von den Feldern bürgerlicher Repräsentationskultur runtersteigen.

Kleiner Einschub:
Ich hab keinerlei Ressentiments gegenüber bürgerliche Repräsentationskultur. Ich hab bloß die Erfahrung gemacht, daß sie für Agenda der eigenständigen Regionalentwicklung kaum etwas hergibt; im inhaltlichen wie im materiellen Sinn des Wortes „hergeben“. Sie bringt uns kaum etwas für die Arbeit an neuen Optionen. Aber sie sichert in einigen Nischen kulturellen Grundkonsens. Das hilft auch.

Für "LEADER Kultur" zuständig: Sandra Kocuvan und Gerald Gigler

Gerald Gigler, der für LEADER zuständige Fachreferent beim Land Steiermark, hat mir zur Wien-Session noch ein paar Überlegungen und Einwände zugeworfen. Darunter zu Fragen der Funktionen von Gegenwartskunst:

„Was noch immer nicht beantwortet, welche Art von Kunst das nun sein wird, aber etwas hat mir schon einen Stich versetzt, dass du die Kunst nicht als ‚soziokulturellen Entwicklungshelfer’ sehen willst. Siehst du unsere ‚Ansprüche’ (Joseph II) wirklich so? Künstler als Unternehmensberater? Nein, hatten wir nicht im Sinn, aber – wie du immer betonst – das Schaffen von ‚NEUEN Verhandlungsebenen’, für Kunst, für gesellschaftliche Entwicklung, das kann schon ein verfolgbares Ziel sein.“

In Pischelsdorf hatte ich bemerkt, daß ich keine allgemeine Kenntnis voraussetzen darf, wer und warum er „J’accuse!“ ausgerufen hat. So verstand zwar Gigler meine ironische Erwähnung Josef II, aber ich erkläre es für alle Fälle kurz.

Seit dieser aufgeklärte Monarch in Österreich geschaltet und gewaltet hat, scheinen wir eine ungebrochene Tradition zu genießen, in der Reformen „von oben“ kommen, also von Regierungsseite. Seit jener Zeit haben wir auch den Typ des Künstlers im Staatsdienst als vertrautes Sujet vor Augen. Zum Thema „oben/unten“ siehe: [link]

In der Tat und peinlicherweise sind die gegenwärtigen Sonderrichtlinien plus das steirische Punkteprogramm zu LEADER Kultur sehr viel anregender als vieles, was ich seit Jahren von der steirischen Szene lese. Während wir also „vorne“ die Kulturpolitik lauthals schmähen, bekommen wir „hinten“ von der Beamtenschaft recht interessante Diskussionsgrundlagen zugestellt.

+) Die „Sechs Punkte“ von Gerald Gigler: [link]
+) Die Sonderrichtlinien: [link]

Nun muß ich einerseits, wie sich zeigt, die Autonomie der Kunst verteidigen, weil zu viele Leute mit unscharfen Vorstellungen herumgeistern, und zum Beispiel annehmen, Kunst ließe sich als soziokulturelles Reparatur-Set funktionalisieren. (Mumpitz!) Ich muß andrerseits völlig neue Arbeitsansätze finden, wo es um Kulturarbeit und eigenständige Regionalentwicklung geht, weil sich veraltete Zentrumskonzepte nicht in der Provinz recyceln lassen, wie sich auch die Provinz nicht „urbanisieren“ läßt.

IG Kultur: Stefan Schmitzer und Juliane Alton in Pischelsdorf

Ergo kann ich, von einigen Teilaspekten abgesehen, für die (kulturelle) Emanzipation der Provinz gegenüber den Zentren keine Zentrumsstrategien anwenden. Wir müssen hier schon selbst herausfinden, was es überhaupt geben sollte und wie es zu erreichen wäre.

Gerald Gigler meinte auch: „Ist ja leider auch bei ‚Insidern’ noch nicht so angekommen: der Krusche plaudert mit Bauern und Schlossern, wo ist da die Kunst?“

Es wäre eine zu drollige Vorstellung:
Der Künstler rennt zu Bauern d und Handwerken und erklärt ihnen die Kunst, er „beuyselt“ also gewissermaßen, und die wackeren Kinder des Ruralen lauschen aufmerksam, werden erhellt und erweckt.

So hat das natürlich Gigler nicht gemeint, so hab auch ich das noch nie versucht, aber derlei fahrlässiges „Beuyseln“ kommt tatsächlich gelegentlich vor, wenn manche Spießer und Mittelschicht-Trutschen sich selbst auf Bauern oder Mechaniker loslassen. Na, das muß ich noch genauer ausführen. Was ich mit „Beuyseln“ meine, ist hier skizziert: [link]

— [Dokumentation] —

Es kommt: basis-kunst

Wir haben einen Prozeß initiiert, welcher in der Region einen Akzent hervorbringen soll, der a) gesamtsteirische und b) internationale Relevanz entfalten möge, nein: muß.

Ziel des Vorhabens ist die Konzeption, der Aufbau und die Etablierung einer Plattform für steirische Gegenwartskunst in der Region; einer Plattform, die sich auch als Kompetenzzentrum und Präsentations- bzw. Vermittlunsgort bewährt. Hier eine kleine Vorschau zur Auftaktveranstaltung:

7. & 8. September 2012
Gleisdorf: Symposion
Regionalität und Realität // Globalität und Virtualität
Eine Veranstaltung zur Begründung der Gründung der Plattform für steirische Gegenwartskunst

Diese Veranstaltung ist der Auftakt eines mehrjährigen Prozesses. Sie wird in einer Kooperation der Kulturvereine kunst ost (Martin Krusche) und styrian contemporary (Erich Wolf) realisiert.

Im Kernbereich dieses ersten Symposions stehen Inputs und Know how-Angebote zur Frage, was so eine Einrichtung leisten soll und wie sich das praktisch handhaben läßt.

Wir haben Astrid Becksteiner-Rasche gewonnen, im Bereich solcher Institutionen und unter Wirtschaftstreibenden eine adäquate Auswahl zu treffen, deren Ansichten und Erfahrungen wir in unsere Debatten hereinholen.

Unternehmer Erich Wolf ist als Kunstsammler ein profunder Kenner aktueller Entwicklungen

Bei diesem Symposion geht es freilich auch konzentriert um Kunst und um „Vorbedingungen“ der Kunst. Dazu durchleuchtet Medienkünstler Richard Kriesche die oststeirische Ausnahmeerscheinung des Franz Gsellmann. Der Bauer hat uns mit seiner „Weltmaschine“ ein erstaunliches Werk und allerhand Denkanstöße hinterlassen.

Richard Kriesche zur Gesellmann-Ausstellung, die wir vorbereiten und die er kuratiert:
„gsellmann steht für uns nicht im kontext der künste, sondern in ihrem vorfeld, im kontext einer ‚ungebrochenen’, einer absolut ‚originären’ kreativität — mit anderen worten, gsellmann repräsentiert das archaische und anarchische, das allem künstlerisch- wie auch wissenschaftlich-kreativen schaffen und lebensvollzug eigen ist. gsellmanns kunst begründet sich geradezu aus ihrer ferne zur kunst.“

Die Gäste, mit denen wir uns über anstehenden Fragen auseinandersetzen werde:

+++) Freitag 07. September 2012, Tag 1:
Präsentationen von Kunsthäusern / Kunstmuseen / Kunstsammlungen im europäischen Kontext
+) Dr. Sabine Folie: Die Generali Foundation, Wien
+) Prof. Dr. Ludger Hünnekens: Burda Museum, Baden-Baden
+) Carmen Gasser-Derungs und Remo Derungs: Gelbes Haus, Flims
+) Pater Winfried: Sammlung Stift Admont, Admont
+) Mag. Erich Wolf: basis kunst, Gleisdorf

+++) Samstag 08. September, Tag 2:
Präsentationen von Wirtschaftsunternehmen im internationalen Kontext
+) Dipl.-Dolm. Dr. Fritz Kleiner: KLEINER+KLEINER gmbh, Graz
+) Dr. Manfred Gaulhofer: Gaulhofer Vertrieb GmbH & Co KG, Übelbach
+) KR Hans Roth: Saubermacher Dienstleistungs AG, Feldkirchen bei Graz

— [home] —

Tip: „zweintopf“ in Gleisdorf

Ein Teil der Arbeit des Duos zweintopf (Eva Pichler & Gerhard Pichler) führt konsequent durch den öffentlichen Raum. Andere Schritte okkupieren geradezu klar begrenzte Räume. So diese Landschaftsdeutung:

„fencing IV (landscape)“
zweintopf
Vernissage: Freitag 06.07.2012, um 18:00
Galerie einraum, Gleisdorf
(Ausstellungsdauer bis Ende Juli)

Das Duo "zweintopf“ und Kunstsammler Erich Wolf (rechts)

„Ein lineares Element, das eigentlich der Grenzziehung und -durchsetzung dient, wenn auch meist in Zusammenhang mit „untergeordneten“ Lebewesen, die es ohne großen Aufwand auf den ihnen zugeordneten Flächen hält, ist das Grundelement für eine raumgreifende Installation im Einraum Gleisdorf. zweintopf verwendet dazu handelsübliches Zaunband: ein vier Zentimeter breites Kunststoffgeflecht, verwoben mit feinen Drahtlitzen, das aus dem fortschrittlichen, westlichen Landschaftskontext kaum mehr wegzudenken ist.

Aus dieser Linie falten sich in unzähligen, genormten Schichten imaginäre Gebirge auf, die mittels Weidezaungerät unter gleichmäßig pulsierenden Strom gesetzt werden können. Eine Vereinnahmung des Raumes, die damit gleichzeitig seine strikte Ausnehmung bedeutet: die Landschaft und damit der Ausstellungsraum selbst scheinen sich hier zu wappnen, wenn sie sich nach dem Prinzip der Konditionierung jeder Berührung und damit einer planmäßigen Eroberung und Nutzung entziehen.“

Die Website von zweintopf: [link]

Kunst-Karaoke

Ich hatte der Veranstaltung ein Statement vorausgeschickt. Es zielte auf den Umstand, besser gesagt: Mißstand, daß auf dem Lande schon viel zu lange Kunst und Kultur auf völlig diffuse Art begrifflich ineinander vermengt werden, Inhaltsfragen und Vermittlungsfragen wenn schon, dann ohne jede Trennschärfe zur Debatte stehen, was in Summe dazu geführt hat, daß vor allem Kultur, aber dann auch Kunst, soweit dem Budgets gesichert sind, eher der sozialen Reparaturarbeit gewidmet werden, als diesen oder jenen Agenda der Kunst.

Das ist durchsichtig, wird nicht einmal bemäntelt und findet verblüffend wenig Widerspruch seitens Kunst- und Kulturschaffender in der Provinz.

Ich darf auch wiederholen, daß uns allerhand bildungsbürgerliches Personal um die Ohren schwirrt, teils mit akademischen Graden dekoriert, das ohne wenigstens grundlegende Kenntnisse dieser Zusammenhänge einfach drauf los werkt.

Darunter nicht wenige Spießer und Mittelschicht-Trutschen, die in stiller Kumpanei mit pittoresk auftretenden Kreativen die Operettenversion von Kunstschaffenden geben: Der Künstler als Poet, Rebell, Bohémien? Die Künstlerin als Sozialarbeiterin und Salondame? Solche Kostümierungen kommen vor und bekräftigen verbreitete Stereotypen, die uns dann bei der Arbeit im Weg herumstehen.

Die Rollenbilder, die Berufsbilder bleiben dabei vollkommen diffus. Der Mythos von einer „Königsdisziplin Freelancer“ wird weiter gefüttert, damit die „Heldenbilder“ was hergeben. Diese ganze Klamotte hilft natürlich, den Betrieb für allerhand dem Genre vollkommen fremde Aufgaben zurechtzustellen und die möglichen Budgets als Manövriermasse verfügbar zu halten.

In genau solchen Zusammenhängen wird dann auch einmal mehr der Begriff „Kunst“ ganz beliebig besetzt, vorzugsweise mit „Kulinarik“ gekoppelt, weil solche Verquickung Publikum verspricht, um so Terrains zu beleben, für die etwa dem City Management oder dem Tourismusbüro längst sachgerechte Ideen ausgegangen sind.

Warum nicht auch noch eine Tombola anbieten, auf der unbeholfen gemachte Laienarbeiten ohne jeden Marktwert der Verlosung anheimfallen? Hauptsache gesellig und es läßt sich darstellen, daß viele Leute da waren.

Derlei „Kunst-Karaoke“ soll ein Feld markieren, auf dem dann nicht gar so auffällt, daß Budgets für Kunst und Kultur recht häufig ganz widmungsfremd eingesetzt werden, um in der Kommune soziale Reparaturleistungen hinzuklotzen, weil in den letzten zehn, fünfzehn Jahren landesweit so viel schief gegangen ist, daß es sich inzwischen einfach nicht mehr bemänteln läßt.

Da zeigt sich dann auch oft, daß innerhalb kultureller Communities das „Karaoke“ ebenso Standard geworden ist, gleichermaßen in der Kommunikation nach innen wie nach außen. So erklärt sich etwa, warum der Boulevard-Tonfall sich derart breit macht. Die öffentlichen Debatten zur steirischen Kulturpolitik haben leider einen hohen Anteil an Geplärre im Propagandastil von Rechtspopulisten, an völlig überzeichnenden Alarmismus und was sonst noch beitragen mag, einigermaßen präzisen Diskurs durch polemisches Bellen zu ersetzen.

Das Statement, von dem ich eingangs schrieb, lautet:
„Wir haben auf dem Lande zu klären und nach außen darzustellen, warum die Bereiche künstlerischer Praxis und deren Vermittlung weder als ‚Kreativ-Werkzeugkasten’ zur Bearbeitung sozialer Defizite mißbraucht werden dürfen, noch als Teil der Tourismus-Agenda zu begreifen sind. Die Befassung mit Kunst ist ein völlig eigenständiges Ensemble von Handlungs- und Erfahrungsweisen im Ausloten der Conditio humana, kein ‚Ersatzteillager’ für diverse Baustellen menschlicher Gemeinschaft.“

— [Dokumentation] —

Begriffe klären!

Die IG Kultur Steiermark hat eine Veranstaltungsreihe gestartet, welche Fragen der Kulturpolitik gewidmet ist. Unter dem Generaltitel „Kunst der Kulturpolitik“ fand nun ein Themenabend zur Frage nach „Kulturpolitiken im ländlichen Raum“ statt. Ich hab mir das Podium mit Juliane Alton [link] von der IG Kultur Vorarlberg geteilt.

Vortragende Juliane Alton

Davor wurden von Hausherr Richard Frankenberger „K.U.L.M 2003 – 2012 oder 10 Akademiejahre“ präsentiert. Da wir im wesentlichen eine Fachkonferenz abhielten, also hauptsächlich „branchenkundige“ Leute vor uns hatten, mußten wir nicht gar so sehr den Status quo des Kulturbetriebes durchgehen, soweit es die operativen Bereiche angeht, den kennt eh jede/r.

Eine Debatte über Kulturpolitik muß für mich momentan zuerst einmal eine Erörterung von Begriffen sein, damit wir wissen, worüber wir reden. Wie kann ich Begriffe erörtern? Mein praktischer Zugang: Ich werf den Ball auf, indem ich momentan vorherrschende Begriffskonventionen der Kritik unterziehe.

Das stößt gleich einmal auf ein sehr österreichisches Problemchen. Da ist eine volkstümliche Unschärfe, was a) Kritik zur Sache und b) Kritik zur Person angeht. Wenn ich etwa eine konkrete Formulierung aufgreife und als höchst fragwürdig darstelle, dann wird das mitunter als „Watschen“ gedeutet, die jemand meint abbekommen zu haben.

Gasdtgeber Richard Frankenberger bei der Präsentation

Außerdem darf ich einen frappanten Mangel an Wertschätzung für den Dissens feststellen. Ich hab es hier schon merhfach erwähnt, Dissens ist ein Gewinn und „Wahrheiten“ treten ja keineswegs dadurch zutage, indem wir bei unserer Arbeit alle Widersprüche eliminieren.

Was wir dadurch nämlich verlieren, konnte ich abends beim Wein mit Gastgeber Richard Frankenberger noch herausarbeiten: „Ich weiß zwar, daß wir zwei keinen Konsens haben, aber ich weiß leider nicht, worin genau der Dissens besteht.“ Frankenberger schien amüsiert, wir sind in der Sache aber nicht schlauer geworden.

All das bedeutet ja auch den Verzicht auf Kenntnis von unterschiedlichen Positionen. Und das, genau das, muß ich als Verlust für ein geistiges Klima verstehen, um das wir eigentlich zu ringen haben.

Ich hatte als Teilthema für den Abend „Kunst ist kein Reparaturbetrieb“ vorbereitet: [link] Der Grund ist einfach und aktuell. Managements aller Arten sind in unserem Lebensraum auf heftiger Sinnsuche und Themensuche, durchforsten in dieserm Bedürfnis auch unsere Terrains.

Das weltweite Krisengeschehen seit 2008/2009 hat spätestens Ende 2010 heftig zu unserem Alltag hin durchgeschlagen. Viele Budgets sind weg, die steirische Verwaltungsreform sorgt zusätzlich für enorme Unruhe in den Gemeindenstuben, die kulturpolitische Entwicklung stagniert, erleidet Rückschläge, in den Zentralen diverser Managements ist man effizient auf der Suche nach verfügbaren Budgets und verwertbaren Ideen.

Ich denke daher, wir sind gut beraten, uns einmal mehr zu wappnen und aktiv gegen teilweise höchst hanebüchene „Übernahmeversuche“ und Vereinnahmungsschritte vorzugehen, die Positionen der Kunst auch als grundsätzliche Angelegenheiten der Conditio humana gegen eine touristische oder solzialarbeiterische Verwertung zu verteidigen.

K.U.L.M 2003 - 2012 oder 10 Akademiejahre

„Kunst um zu…“ kann nicht in Frage kommen. Wir müssen in der Lage sein zu klären, WARUM das so ist und WAS statt dessen unsere Beiträge zum Gedeihen des Gemeinwesens sind. Das bedeutet AUCH, wir müssen sehr klar und fundiert KULTURPOLITISCH argumentieren können.

Das wiederum schließt übliche Befindlichkeitsprosa, wie sie in der letzten Jahren reüssiert hat, in solchen Zusammenhängen aus.

Das verbietet eigentlich auch jenen flapsigen Public Relations-Propaganda-Jargon, der sich in nichts vom üblichen Gebell und Geschwätz auf dem Boulevard unterscheidet. Deshalb lautete die kulturpolitische Kernfrage, welche ich an diesem Abend deponiert hab:

Sind wir als Kunst- und Kulturschaffende willens und in der Lage, die Realität treffend und stichhaltig zu beschreiben, um eine temporär gültige Aussage zu treffen?

— [Dokumentation] —