Archiv für den Monat: März 2012

KWW: Wonach hungert unsere Region?

Wir haben nun erst eine kurze gemeinsame Wegstrecke in dieser Kooperation absolviert und da wird eine kraftvolle Perspektive absehbar, die dadurch an Schärfe und Spektrum gewinnt, daß sich in den einzelnen Stationen höchst unterschiedliche Menschen mit ihren Kompetenzen einbringen. KWW steht für Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft, ist eine Kooperation der Kulturvereine bluethenlese und kunst ost mit dem Ingenieurbüro Fickel.

„Es ist Zeit, nicht nur nachzudenken, sondern auch zu handeln.“ So ein Fazit von Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov, die bei der dritten KWW-Session die Position der Kunst einbrachte. Sie betonte, wir seien in privaten Beziehungen und familiären Situationen durchaus damit vertraut, wechselseitige Verantwortung zu übernehmen, aber da bestehe ein merkliches Defizit einzelner Menschen, auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zu empfinden.

Hausherr Franz Seidl, Geschäftsführer von estyria, betonte an anderer Stelle die Frage der Sinnbildung, die offenbar zentral sei. Das Erleben von Sinnhaftigkeit scheint ja eine wesentliche Entscheidungsgrundlage für das Handeln von Menschen zu sein.

In einer (westlichen) Welt der radikalen Überangebote an Gütern, bei gleichzeitig unaufhörlichen Abwärtsbewegungen von Entlohnungen und Qualitäten, kann eine halbwegs bei Laune gehaltene Massengesellschaft erhebliche Orientierungsprobleme bekommen.

Hans Meister, vormals Vizebürgermeister und Kulturreferent von Pischelsdorf, also erfahren in regionalpolitischen Fragestellungen, rückte einen sehr fundamentalen Aspekt in den Fokus: „Wer nie Hunger hatte, kann nicht beurteilen, was es eigentlich bedeutet, einen vollen Teller vor sich zu haben.“

Es war diesen Abend noch mehrfach zu erörtern, was denn nun unsere individuelle Wahrnehmung der Welt an mehr oder weniger stichhaltigen Einschätzungen erlaubt. Meister setzte in diesem einen Punkt noch nach: „Der Hunger ist nicht ausgerottet. Er ist bloß weggezogen; in eine andere Gegend.“

Vor diesem Hintergrund kann es gar nicht egal sein, welchen Aufwand ich in Anspruch nehme, um in einem Überangebot an Waren so sehr den Durchblick zu verlieren, daß ich zu einer sachgerechten Wahl gar nicht mehr qualifiziert bin.

Dann stand fast ruhig aber unerbittlich in der Debatte: „Eine satte Gesellschaft hat sehr geringen Veränderungswillen .“ Das wird spätestens dann brisant, wenn der Lauf der Welt uns Umbrüche aufzwingt, in denen wir Veränderungsbereitschaft zeigen sollten, um uns auf der Höhe der Zeit bewegen zu können.

In solchen Zugängen wird dann durchaus deutlich, daß Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft einige akute Fragestellungen teilen, aus denen sich gemeinsame Aufgaben ableiten ließen.

Otto Sapper, einerseits aktiver Landwirt, andrerseits Geschäftsstellenleiter der WOCHE in Gleisdorf, hat alltäglich mit Wirtschaftstreibenden zu tun. Er ist überzeugt: „In den nächsten zehn, fünfzehn Jahren wird das Dahinter immer wichtiger werden. Es geht nicht nur um Produktwerbung, sondern auch um die Geschichten, wie es zu was kommt.“

Das hat sehr viel mit grundlegenden Kulturtechniken zu tun. So bedeutet zum Beispiel LITERARITÄT, daß man einen Text nicht nur LESEN, sondern auch VERSTEHEN kann. Das verlangt eine Auffassungsgabe, die es einem erlaubt,
a) die Schrift zu entziffern,
b) Kontext und Subtext zu entschlüsseln und
c) das Ganze in einem größeren Zusammenhang zu verstehen.

Das gilt gleichermaßen für visuelle Codes. Unterm Strich sollten wir in der Lage sein, die Zeilen ebensogut zu lesen wie das, was zwischen den Zeilen steht. Wir sollten auch gerüstet sein, verdeckte Intentionen aufzuspüren und Manipulation zu durchschauen.

Das sind übrigens Fertigkeiten, die sich in kaum einem Zusammenhang besser verfeinern ließen als in der ausdauernden Befassung mit Kunst. In keinem Metier sind das Symbolische, die Mehrdeutigkeit, das Kräftespiel zwischen Reduktion und Überbetonung und viele andere Eigenheiten der Darstellung und Kommunikation so sehr grundlegender Bestandteil des Geschehens wie in der Kunst.

Aber der Abend war den möglichen Querverbindungen zwischen allen drei Genres gewidmet; und deren Bedeutung für einen gesellschaftlichen Stand der Dinge. Hans Meister faßt diese Aspekte zusammen: „Wir brauchen nicht mehr Produkte, sondern mehr Orientierung.“ Es gehe auch darum, verbindlich herauszufinden: „Wonach hungert unsere Region?“

[KWW: Die dritte Session]

kunst ost: reflexionen #4

Kulturpolitik als Two Trick-Pony

Ich erlebe nun seit vielen Jahren das häufige Betonen von „Bürgerbeteiligung“, „Bottom up-Prinzip“ und ähnlichen Ansätzen zur Kooperation zwischen den verschiedenen Sektoren einer Gesellschaft. Die drei Bereiche Staat Markt und Zivilgesellschaft sind in den jeweiligen Lagern mit allerhand Ressentiments hochgerüstet. Von den Zinnen so mancher Festung wird einander zugegrinst.

Regionalentwicklung, Regionalpolitik, regionales Bewußtsein, das sind Optionen, die in der regionalen Kulturpolitik noch kaum Spuren hinterlassen haben. Es gab dazu von der Landesebene her einige Impulse, etwa die Ablöse des Veranstaltungstyps „Landesausstellung“ durch die „regionale“. Das hatte zwei wunde Punkte: Es kam von der Landesebene und es ist der Gegenwartskunst gewidmet.

Wohin? Zu mehr Konsumation oder mehr Partizipation?

Nicht einmal die sogenannte „Initiativenszene“ zeigte sich ausreichend in der Lage, solche Ansätze jenseits des Landeszentrums Graz angemessen in Empfang zu nehmen. Nun ist „LEADER Kultur“ gewissermaßen die „Cousine“ dieses Ereignisses „regionale“, das Ganzjahresereignis neben dem Festival. „LEADER Kultur“ hat Schnittpunkte mit der „regionale“, was Intentionen und Aufgaben betrifft, ist gleichermaßen der Provinz verpflichtet und der Gegenwartskunst.

Ich könnte im Augenblick nicht so genau sagen, was meine Kolleginnen und Kollegen in der Sache entwickelt haben, was landesweit Stand der Dinge ist und wo die einzelnen Projekte praktisch hinzielen; vor allem aber, worin wir nun Potential und konkrete Schnittstellen hätten, um dieses neue kulturelle Geschehen auf dem Lande in wesentlichen Teilen ein wenig zu verknüpfen.

Kunstwerke brauchen RAUM. Es ist ein Unfug und Affront, sie zwischen Bankschalter, diversen Plunder und Warenbestände zu quetschen.

Aber zurück zum lokalen „Erfahrungsbereich Kulturpolitik“. Ich hab schon angedeutet, daß es kaum praktische Beispiele gibt, wo Kulturpolitik über Ortsgrenzen hinaus geführt wird und den Ansatz einer regionalen Kulturpolitik zeigen möchte. Das ist allein schon deshalb staunenswert, weil wir von diversen Regionalkonzepten umhüllt sind wie von Zwiebelschalen. Regionext, „Großregion Oststeiermark“, Kleinregionen im Sinne der „Lokalen Agenda 21“, LEADER plus, Städtepartnerschaft etc.

Gut. Es ist eben so. Und wie schon notiert, Kulturpolitik wird regional – von wenigen Ausnahmen abgesehen – auf zwei wesentliche Aufgaben beschränkt:
a) Das Verwalten von Kulturbudgets beziehungsweise das Rechtfertigen eines völligen Fehlens von Kulturbudgets und
b) das Eröffnen von Veranstaltungen.

Wir hatten also bei kunst ost einige Inhalte und Positionen zu erarbeiten, die es reizvoll werden ließen, über diese knappen Optionen der „Zwei Aufgaben“ hinauszudenken und hinauszugehen. Das wäre zwar prinzipiell in den genannten Programmen der Regionalentwicklung schon angelegt, hatte aber zum Beginn unserer Arbeit noch keinerlei konkrete Entsprechung in der Region.

Ganz im Gegenteil, wir haben unter anderem erlebt, daß einzelne Funktionäre der Lokalpolitik unsere Arbeit massiv angefochten haben; und zwar genau weil sie verstanden, daß wir hier auch (kultur-) politische Fragestellungen bearbeiten.

Das sind also gewichtige Barrieren im Bereich möglicher Zusammenarbeit. Anders betrachtet, in dieser Sache ist noch viel an Verständigung, Entwicklungsarbeit und Erfahrungsaustausch notwendig. Wo dann derlei Kooperation mit Funktionstragenden der Kommunen schon klappt, erweisen sich zwei andere Themenbereiche als sehr leichtgängige Krisenquellen:

+) Bestehende Phantasien über die Möglichkeiten von Sponsoring bei Kulturprojekten.
+) Die reibungslose Kombination von bezahlter und unbezahlter Arbeit bei Kulturprojekten.

Die Annahmen über Sponsoring sind gewöhnlich aus den Landeszentren übernommen, wo sie einem anderen Kontext entstammen, in den meisten Fällen nämlich aus diversen, sehr repräsentativen Formen des Kulturbetriebs. Das meint bei uns auf dem Lande dann eigentlich weder die Gegenwartskunst noch die Hobby-Varianten der Voluntary Arts. Das meint eher Operette und Musical, dann aber doch ab und zu hochrangige Gegenwartskunst mit entsprechendem „Promi-Faktor“ (Marke: Arnulf Rainer umarmt einen Bürgermeister).

In Summe meint es Repräsentationskultur, mit der hauptsächlich die Selbstdarstellung von bürgerlichen Kreisen in Events realisiert wird. Prozeßhafte Arbeit kommt da kaum vor. Gut, das sind tradierte Formen, wie sie im 20. Jahrhundert reichlich in die Provinzen gefunden haben. Unsere Arbeit wird nicht gegen solche Formen zu entfalten sein, sondern neben diesen Formen.

Es ist allerhand Sponsorleistung regionaler Wirtschaft an den Sport gebunden. Es fehlt uns noch an ausreichenden Ideen und Konzepten, was Wirtschaft und Kunst/Kultur in der Provinz so verbinden könnte, daß die Wirtschaft hier nennenswerte Budgets investieren würde, die genau nicht vozugsweise in das Repräsentative gehn.

Die Erfahrung zeigt, daß einzelne Geschäftsleute für Eigenveranstaltungen im Kunst- und Kulturbereich durchaus beträchtliche Ausgaben in Kauf nehmen. Dagegen ist der Modus „Geben Sie uns Ihr Geld, wir machen dann schon“ irrelevant. Gleichermaßen substanzlos ist die halbherzige Überredungskonsequenz, um brutto 100,- bis 150,- Euro auf den Tisch zu hauen. In diesem Modus fettet sich die Hobby-Liga ein Vernissagen-Buffet auf, aber kulturelle Entwicklungsarbeit ermöglicht das nicht.

+) Großregion Oststeiermark
+) LEADER plus
+) Lokale Agenda 21
+) Regionext
+) Städtepartnerschaft

[kunst ost: reflexionen]

kunst ost: reflexionen #3

Ressentiments und Skepsis

Wie im vorigen Abschnitt notiert: Unser zentraler Arbeitsinhalt ist die Gegenwartskunst. Außerdem besteht, soweit wir als LEADER-Kulturprojekt etabliert sind, mit unserem Vertragspartner, dem Land Steiermark, Übereinkunft, daß wir uns mit dem kulturpolitischen Status quo zu befassen haben.

LEADER ist ein Programm der EU, über das Fördermittel verfügbar werden. Mit kunst ost ist das überhaupt erste LEADER-Kulturprojekt Österreichs entstanden. Unser Vertrag wurde von Landeshauptleuten unterzeichnet. Wer nun die Provinz kennt, weiß freilich, daß kommunale Kräfte oft empfindlich bis abwehrend reagieren, wenn sie mit Erwartungen von der Landesebene in Berührung kommen.

Zugleich hätte unser Vertrag und Projekt nie auf die Schiene kommen können, wäre ein Zustimmung von regionalen Machtpromotoren ausgeblieben. So ist der LEADER-Modus. Der regionale „Lenkungsausschuß“ bleibt die erste Instanz, das Land ist die zweite Instanz, mögliche Gelder der vereinbarten Kofinanzierung werden dann bundesweit von der AMA in Wien verwaltet.

Damit sei festgehalten: Solche Budgets, die NUR Kofinanzierungen sind, also keinesfalls in Gang kommen, falls Eigenmittel fehlen, wurden mit hohen Zugangsbarrieren umstellt. Der Aufwand, solche Budgets abzuholen, ist erheblich.

Unser Deal ist also interessant. Der Gegenwartskunst gewidmet, die in der Provinz keinen festen Boden hat, ausdrücklich auf regionalpolitische Relevanz verpflichtet, was in der Regionalpolitik keine Tradition hat, an einen Kunstdiskurs gebunden, der in unserem Metier als öffentlicher Diskurs eher gemieden als gesucht wird.

Damit ist in Summe ein Vorhaben skizziert, das eine ganze Reihe brisanter Punkte enthält. Wir haben uns bei kunst ost vorgenommen, diese Aufgabe zu lösen, um lokal und regional Wirkung zu entfalten und dabei zugleich ein Beispiel von Best Practice zu erarbeiten, das auf europäischer Ebene zur Debatte stehen kann.

In einem Arbeitspapier des zuständigen Referats-Leiters Gerald Gigler (Abteilung 16: Landes- und Gemeindeentwicklung) stehen Passagen wie: „Gemeint ist damit sicherlich nicht die Vermarktung von Kulturarbeit als touristischer Angebotsbringer! Oder auch nicht kulturelle Veranstaltungsförderung.“ Oder: „…kann im positiven Sinne auch Provokation mit einschließen“. Und: „Da LEADER Regionen weitgehend im ländlichen Raum befindlich sind, sollte damit — bei Vorgabe von klaren Zielsetzungen durch die A 9 — auch ein weiter gefasster kulturpolitischer Begriff möglich sein…“ [Quelle]

Ich fand für uns also eine Situation, die auf Übereinkünften ruht, welche vertraglich vereinbart sind, zu denen ich sagen darf: Hier haben Politik und Verwaltung auf der Landesebene eine kulturpolitische Position eingenommen, der ich umfassend zustimmen kann. Es gibt in unseren Vereinbarungen keinen Passus, den ich eingeschränkt oder gar nicht akzeptiert hätte. Das ist kein übler Modus.

Aber die Kunst! Es gibt gelegentlich Ausnahmen, doch das kulturelle Geschehen der Region ist von den Voluntary Arts dominiert. Das hat sich in den letzten Jahren bloß bestätigt, hier sind mindestens 80 Prozent der Kreativen, die publizieren/ausstellen möchten, den Voluntary Arts zuzurechnen: [link]

Ich kann auf einem Terrain, wo Gegenwartskunst keinen sozialgeschichtlich bedingten, gewachsenen Rückhalt hat, diese Arbeit nicht tun, indem ich bei der Gegenwartskunst ansetze. Dabei würde ich bloß ins Leere zielen. Ich muß bei vorhandenen Gegebenheiten ansetzen, über die realen Rahmenbedingungen — quasi vom Rand her — an das Thema heranführen.

Was das bedeutet? Die vorherrschenden Varianten eines Kulturbegriffes subsummieren jegliche kreative Äußerung unter den Begriff Kunst, unterscheiden keine Genres und bergen eine verbreitete Skepsis gegenüber dem, was tatsächlich als Gegenwartskunst gelten darf.

Keine Malerin, eine "Pinselschwingerin" (Quelle Kleine Zeitung, Oktober 2009)

Wie erwähnt, unter den künstlerischen Verfahrensweisen dominieren in der Provinz die Voluntary Arts. Kunsthandwerkliche Methoden und kreatives Basteln werden gewöhnlich eingerechnet, während ein breites Unverständnis von Gegenwartskunst oft sogar zu Abwehrhaltungen führt: Zu abgehoben. Zu elitär. Zu intellektuell. Zu schwierig. Das trifft sich mit einer anhaltenden Diskursverweigerung der meisten jener Leute, die tatsächlich im Sinn der Gegenwartskunst arbeiten.

Wir wissen zwar, wenn wir selbst nicht stets neu klären, was Kunst sei, tun das Politik und Wirtschaft für uns, zuzüglich Vox populi, mit den problematischen Konsequenzen, die wir kennen. Das hat seit wenigstens 20 Jahren leider nicht dazu geführt, in der Provinz einen seriösen Kunstdiskurs zu initiieren.

Es mußte uns also gelingen, eine Summe von Ressentiments zu überwinden, ohne jene, die sie pflegen, zu denunzieren. Dazu stießen wir auf ein dominantes Muster in der regionalen Kulturpolitik, die so gut wie keine Beispiele kennt, kulturpolitische Arbeitsansätze über eigene Gemeindegrenzen hinaus zu erwägen, zu erproben. Einschlägige Beispiele finden wir bestenfalls noch in Verkettung mit dem Tourismus, der wiederum so gut wie keine Intention zeigt, sich auf Gegenwartskunst einzulassen.

Diese Situation wird dadurch verschärft, daß ein Gros der regionalen Kulturbeauftragten Kulturpolitik auf zwei wesentliche Aufgaben beschränkt:
a) Das Verwalten von Kulturbudgets beziehungsweise das Rechtfertigen eines völligen Fehlens von Kulturbudgets und
b) das Eröffnen von Veranstaltungen.

Verstehen Sie mich recht! Ich beklage diesen Stand der Dinge nicht, ich finde darin eine äußerst spannende Aufgabenstellung.

Zwei grundlegende Dokumente zu unserem Projekt:
+) Aktionsprogramm Achse 4 LEADER
… über kulturelle Förderungen im ländlichen Raum von 2007 – 2013 durch die Europäische Union und vom Land Steiermark – Kultur [link]

+) Sechs Punkte zum Kulturgeschehen
Von Gerald Gigler… vorgelegt anläßlich des „LEADER Kultur-Treffen“ am 21.11.2008 im Grazer Kunsthaus. Gerald Gigler ist Leiter des „LEADER-Referates“ in der Abteilung 16 (Landes- und Gemeindeentwicklung): [link]

[kunst ost: reflexionen]

kunst ost: reflexionen #2

Geschmacksverstärker und Genußbeschleuniger

Mit dem Eintrag „Gibt es noch ein Geld?“ [link] habe ich auf ein Momentchen während der Organisationsarbeit für unser aktuelles April-Festival [link] reagiert. Ich denke, es ist eine plausible Forderung, Aktion und Reflektion laufend beinander zu halten. Also führe ich das nun auch hier ein. Diese kleine Reflexionsebene für kunst ost.

Unser zentraler Arbeitsinhalt ist die Gegenwartskunst. Unser Arbeitsauftrag ist es, der Gegenwartskunst jenseits des Landeszentrums mehr Augenmerk und mehr Gewicht zu verschaffen. Gemäß den steirischen Sonderrichtlinien und einem entsprechenden Arbeitspapier beinhaltet das auch eine Option, die Sache der Kultur in Fragen der Regionalentwicklung zu vertreten. Es ist also von Kulturpolitik zu sprechen und von Ansätzen, in all dem — Kunstpraxis, Kunstvermittlung und Kulturpolitik –, Neuland zu suchen, Neuland konsequent zu betreten.

Das soll in Prozessen und in Arbeitsvorhaben geschehen, die dem Bottom up-Prinzip verpflichtet bleiben. Das haben inzwischen alle Funktionstragenden der Region in ihre Agenda geschrieben, seufzen zugleich, wenn sie daran denken: „Bottom up“.

Spätestens jetzt höre ich einige Kulturschaffende und Kulturbeauftragte einwenden: Das klingt alles so kompliziert. Kann man es nicht auch einfacher sagen?

Es IST kompliziert, weil sehr komplex. Mir ist nicht bekannt, daß für solche Themenstellungen eine „Readers Digest-Version“ vorläge, also eine leicht zu konsumierende, lecker schmeckende, mundgerechte Variante.

Ich kenne die gängige Denunziation bis zum Einschlafen: Das möchte sich wichtig machen, indem es komplizierte Wendungen vor sich her trägt.

Aber nein! Das möchte sich keineswegs jemandem andienen. Gehen Sie doch Ihrer Wege, wenn sie leichtere Kost bevorzugen. Bleiben Sie nicht bei uns, wenn Sie diese Art der Ernsthaftigkeit verachten. Die Welt ist voller freundlicher Angebote, welche so tun, als wäre es keine Mühe, sich ihnen anzuvertrauen.

Nur zu! Gehen Sie! Schlummern Sie! Treiben Sie! Das muß einem in einer Demokratie freistehen. Konsumation statt Partizipation. Warum nicht? Treffen Sie Ihre Wahl, aber hören Sie auf, jene herabzuwürdigen, die Wege von mehr Aufwand suchen. Hier gibt es keine Heilversprechen, nur das Gehen, das Entdecken, das Unabsehbare.

In einigen Debatten über gängige Einwände habe ich in jüngster Zeit mehrmals gefragt: Weshalb soll es ein Problem sein, einen Absatz, der eine sehr komplexe Sache behandelt, drei mal zu lesen und in Ruhe zu überdenken, um der Sache auf die Spur zu kommen?

Was genau wollen Sie denn auf dem Feld von Kunst und Kultur, wenn für solche Rezeptions- und Reflexionsakte keine Zeit ist? Was suchen Sie eigentlich hier, wenn das alles leicht konsumierbar und noch leichter verdaulich sein sollte? Gibt es nicht ausreichend Vergnügungsparks, in denen man es simpler haben kann? Warum muß ich mir hier Aufrufe zur Simplifizierung anhören?

Ich verwehre mich gegen diese Anhängerschaft von Junk Food aller Art. Ich verwehre mich gegen die Liebhaberei der Geschmacksverstärker und Genußbeschleuniger. Dafür findet man da draußen genug Angebote. Milliardenschwere Industriekomplexe sorgen für geglättete Angebote und bemühen sich redlich, Millionenvölker an die Haken zu kriegen. Nur zu! Nichts wie hin! Aber ohne mich!

Hier geht es um andere Möglichkeiten, um tiefer gehende Erfahrungen. Die verlangen nach Zeit und Einlassung. Die sind nicht als Junk-Version verfügbar. (Readers Digest: Das Beste in knapper Form, vier Romane, verkürzt, in einem Buch.)

Die Gegenwartskunst und ihre Zusammenhänge. Das sind keine besseren, keine wichtigeren, einfach ANDERE Optionen. Die Befassung mit Kunst, sei es produzierend, sei es rezipierend, als ein radikaler Erfahrungsraum, welcher Zugänge und Wege anbietet, wie sie in Fragen der Alltagsorgansation nicht leicht vorkommen. Ja, es ist anspruchsvoll und verlangt Hingabe. Es ist nicht so leicht zu haben wie ein Schokoriegel an der Supermarktkasse, der einem augenblicklich eine wuchtige Geschmacksexplosion im Mund verspricht und ein mildes, warmes Feuerchen in den Eingeweiden.

Wir haben uns etwas Subtileres vorgenommen. Es ist nicht notwendig, daß sich dafür Massen einfinden. Da ist langer Atem gefordert, um einigen Fragen der Conditio humana konsequent nachzugehen.

[kunst ost: reflexionen]

Gibt es noch ein Geld?

Es ist der Klassiker schlechthin. Eine gutgelaunte Community arbeitet gemeinsam an einer Kunstveranstaltung. Ehrenamt und Hauptamt wirken zusammen, in der Kombination unterschiedlicher Kräfte entsteht ein stattliches Vorhaben.

Die Modalitäten war früh vereinbart, die Regeln sind klar, die Rollen sind verteilt. Die Arbeit läuft. Und sie läuft gut. Da taucht am Rande des Geschehens in einem ganz anderen Zusammenhang das Wort „Geld“ auf; mutmaßlich hier [link] Geld! Kohle! Penunze! Gerschtl! Marie!

Plötzlich meldet sich eine der kunstschaffenden Personen mit dem Anliegen: „Gibt es dann noch ein Geld für meine Arbeit?“ Damit ist das individuelle Werk der Person gemeint. Da können wir jetzt über Jahre — ja! Jahre — betont haben: Hier wird keine Kunstproduktion finanziert, sondern wir akquirieren Gelder für die Kunstvermittlung. Das nutzt nichts, das will nicht gehört werden, denn da ist ja stets neu der Wunsch: „Gibt es dann noch ein Geld für meine Arbeit?“

Äpfel sind keine Birnen, Sessel sind keine Tische, Kunstvermittlung ist keine Kunstproduktion. Ganz einfach. Ganz egal! „Gibt es dann noch ein Geld für meine Arbeit?“

Das Kollektiv, die Arbeitsgemeinschaft, ist nicht für die Werke der einzelnen zuständig, arbeitet nicht für die Werke der einzelnen. Werke tragen wir ALLE bei, weil wir ein Kollektiv von Kunstschaffenden sind, das seine Kräfte und Kompetenzen bündelt, um in der Provinz die Situation der Kunst zu verbessern; und so auch die der Kunstschaffenden. Was wir hier als Kollektiv tun, ist nicht dem Werk und dem Vorankommen einzelner Personen gewidmet, sondern einem größeren Zusammenhang. Aber: „Gibt es dann noch ein Geld für meine Arbeit?“

Wir alle haben also Werke zu erarbeiten und deren Umsetzung zu finanzieren. Wir machen das auf vielfältige Art. Man kann es auf dem Kunstmarkt versuchen, Werke verkaufen und aus diesem Profit neue Werke realisieren. Man kann die langen Wege gehen, um Sponsoren zu finden, welche einem die Kunstproduktion finanzieren. Man kann bei diversen Förderstellen anlaufen, Konzepte vorlegen und eine Förderung seiner Kunstproduktion anstreben. Man kann einen Brotberuf ausüben, Jobs machen, um an die Kohle zu kommen, die man für die eigene Kunstproduktion braucht.

Aber nein, da frage ich doch lieber bei wem anderen, bei einem Kollegen oder einer Kollegin: „Gibt es dann noch ein Geld für meine Arbeit?“

Es kann demnach anscheinend gar nicht oft genug betont werden: „kunst ost“ befaßt sich NICHT mit der Finanzierung von Kunstproduktion. „kunst ost“ ist eine Drehscheibe, die zu Kooperationen führen soll, zur besseren gemeinsamen Nutzung verfügbarer Ressourcen, um in der Provinz, also abseits des Landeszentrums, die kulturelle und kulturpolitische Situation zu verbessern.

Wer angesichts des status quo vor allem einmal seinen oder ihren eigenen Vorteil im Auge hat, in dem Fall das Werden des eigenen Werkes, wird sich in diesen Projekten vermutlich nicht halten können. Wir sorgen alle selbst dafür, daß es unsere Werke gibt. Und wir sorgen ab und zu im Kollektiv dafür, daß diese Werke in einem angemessenen Ereignisraum Platz finden.

Was zur Geldfrage noch anzumerken wäre:
Ich brauche zu jedem Budget, das sich abholen läßt, Rahmenbedingungen, die meine/unsere Chancen für einen Zuschlag verbessern. Zu diesen Bedingungen gehört bisherige Praxis, also zu zeigen, was man schon gemacht hat.

Dazu gehört aber auch ein kohärentes Konzept dessen, was man machen möchte. Es ist meist allerhand Überzeugungsarbeit nötig, die unzählige Arbeitsgespräche verlangt. Es sind dann im Finish auch oft ganz konkrete Meetings notwendig, um die direkten Vorbedingungen für eine Zustimmung zu erreichen. Dazu kommen Arbeitspläne, Kostenpläne, all das, womit sich unsereins natürlich nicht gar so gerne herumschlägt, weil es Kraft und Zeit beansprucht, die sonst in das eigene künstlerische Werk fließen könnte.

Aber warum eigentlich all diese Mühen auf sich nehmen, diese Zeit und Kraft investieren, wenn ich statt dessen das Trittbrett eines fahrenden Zuges erklimmen könnte, um von da aus zu fragen: „Gibt es dann noch ein Geld für meine Arbeit?“

[kunst ost: reflexionen]

Talking/Walking Communities

Wir haben mit der „novi sad-session“ im Dezember 2010 die Reihe Talking Communities eröffnet und eingeführt: [link] Sie ist als Konferenz in Permanenz den Fragen der Kunst und der Kulturpolitik gewidmet. Nun werden daraus auch gewissermaßen Walking Communities ;-))

Für das kulturelle Engagement abseits des Landeszentrums bieten Telekommunikation und Teleworking eine Reihe von Vorteilen. Aber die reale soziale Begegnung bleibt unverzichtbar. Wo Kooperation gewünscht wird, sollten außerdem die herkömmlichen Muster des Verhältnisses „Zentrum/Provinz“ nicht reproduziert werden. Also „zentralisieren“ wir diesen Prozeß nicht, wir wandern mit unseren Arbeitstreffen stets durch die Region, suchen die verschiedenen Plätze auf, wo einzelne Personen oder Gruppen Kulturarbeit leisten.

Manchmal reisen wir gemeinsam ein Stück des Weges. So zum kommenden „Picknick im Kopfbahnhof“, wo wir eine „Konferenz in Permanenz“ realisieren. Das bedeutet, wir besuchen Künstlerin Kathi Velik, die im alten Bahnhof von Bad Gleichenberg wohnt und ihn zu einem kleinen Kulturzentrum umgestaltet hat. Wir machen das mit einer gemeinsamen Bahnfahrt Gleisdorf – Bad Gleichenberg; ein Teil der Leute von Graz aus.

So wird nun die neue, südlichste Position der Kulturspange [link] markiert. Basics: Bringen Sie individuellen Picknick-Proviant mit. Decke und/oder Klapphocker dürften nützlich sein. Kleingeld für den Fahrkarten-Automat nicht vergessen!

Diese „Konferenz in Permanenz“ ist ein weiterer Beitrag, um zur Verständigung und zur Kooperation Kunst- und Kulturschaffender anzuregen. Ich hab im Intro zum „April-Festival“ 2012 [link] schon eine klare Position formuliert, die keine Bittsteller-Pose vorsieht, sondern davon handelt:

Wir vertreten unsere Sache in jeder denkbaren Situation. Wir haben in Fragen der Kulturpolitik eine deutliche Themenführerschaft aufgrund gebündelter Kompetenzen. Wir suchen die Kooperation mit anderen Kulturschaffenden, mit Funktionstragenden aus Politik und Verwaltung, mit Wirtschaftstreibenden.

Die Themen für unsere Zugfahrt und den Aufenthalt im Kopfbahnhof:
+) Kennenlernen neuer Leute
+) Vorbereitung der Station vom 5. Mai 2012
+) Kooperationsmöglichkeiten innerhalb der Kulturspange
+) EPU-Know how, Strategien gegen die Krisensituationen

Zum Teilthema EPU-Know how beziehe ich mich auf Inhalte der Gruppe „Amici delle SVA“: [link] Siehe dazu auch: „Wir sind 55,6 Prozent!“ [link]

Chris Hildebrandt präzisierte zur Frage, wer in dieser Community zur Debatte steht: „…selbstverständlich sehen wir — neben EPUs, neuen Selbstständigen, Freiberuflern und Kleingewerbetreibenden — auch Teilselbstständige mit (oft) Gering- oder Teilzeitanstellung als unsere Zielgruppe. Wie du ja weisst sind solche Fälle ja z.B. besonders bei Kunstschaffenden sehr häufig.“

Sonntag, 25. März 2012
Talking/Walking Communities
[link]

Leben: Die Praxis der Zuversicht

Vor einem Jahr, während des April-Festivals 2011, wurde die jetzige Themenstellung deutlich greifbar. Ab dem Frühjahr 2007 hatten sich weltweit verschiedene Krisen entfaltet, Ende 2010 schlugen deren Auswirkungen bis in unser regionales Kulturgeschehen durch, haben aber vor allem soziale Bereiche erschüttert und das Folgejahr geprägt.

Das erzeugte viel Unruhe. Vor unseren Augen lösten sich allerhand Budgets in Luft auf. Sparmaßnahmen im Kulturbereich fanden österreichweit allgemein die meiste Akzeptanz; wenn auch nicht unter uns Kulturschaffenden.

Unsere nächste Kunstpostkarte zeigt eine Grafik von Michela Knittelfelder-Lang

Wir wollten uns keiner Niedergeschlagenheit ergeben, statt dessen unsere Kompetenzen bündeln, unsere Vorhaben neu ordnen. Und wir wollten ein Zeichen setzen, daß wir uns von dem, was uns wichtig ist, nicht abbringen lassen.

Hier geht es um die Qualität unser aller Leben, um Inhalte und um die Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen. Es geht um künstlerische Wege sich damit zu befassen und um eine sehr konkrete Praxis der Zuversicht. So wurde das heurige April-Festival von „kunst ost“ zu einer starken Kooperation höchst unterschiedlicher Kräfte. Es ist der Kunstpräsentation und der Wissensvermittlung gewidmet.

Dieses April-Festival drückt aus, daß ein recht kontrastreicher Kreis von Menschen Verantwortung für das kulturelle Geschehen in der Region übernommen hat und dabei nicht erst wartet, ob Funktionstragende der Kommunen in solchen Angelegenheiten aktiv werden.

Mit dieser Veranstaltung haben wir in der Oststeiermark kulturpolitisches Neuland betreten und möchten deutlich machen, daß uns inspirierte Menschen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft willkommen sind, um in solchem Sinn weiter zusammenzuarbeiten.

[Das April-Festival 2012]

Patientin Kultur?

Am 4. März 2012 titelte Michael Tschida in der „Kleinen Zeitung“ bei einem Kommentar: „Die Patientin Kultur“. Wir komme ich eigentlich dazu, daß mein Berufsfeld auf solche Art desavouiert wird, bloß weil wir a) seit Jahren eine (weltweit) komplexe Krisensituation haben und weil b) sich die steirische Auseinandersetzung zwischen Kulturschaffenden mit den Leuten aus Politik und Verwaltung zunehmend als ein Festival wachsender Kompetenzmängel erweist? (Und zwar auf ALLEN Seiten!)

(Quelle: Kleine Zeitung)

Eine der interessantesten Deutungen kommt in den aktuellen Debatten gar nicht vor. Seit der Antike kennen wir die Auffassung, daß eine Krise die Voraussetzung für Katharsis sei. Wo nun eine „freie“ bzw. „autonome Initiativenszene“, die seit den 1970er-Jahren besteht, eventuell Veränderungsschübe in großem Ausmaß zu durchlaufen hätte, wo sich also dieses Feld vielleicht völlig verändern MUSS, weil die Welt sich dreht und sich Gesellschaft immer in Veränderungen ereignet, wäre es ja denkbar, daß wir, „WIR“ mit Vorsicht hingesetzt, uns vor allem einmal in einer Art „Modernisierungskrise“ befinden. Da gehörte es zum Wesen der Angelegenheit, daß kein Stein auf dem Anderen bleibt und daß alte Modi hinfällig werden. (Ich glaub, ich mag diese Vorstellung sehr.)

Die Kultur ist nicht krank, keine Patientin, sie krankt auch nicht an mir oder an anderen Leuten. Sie zeigt sich in genau dem Zustand, den wir ihr durch unser Handeln und Unterlassen ermöglichen. Daß aus meinem Milieu heraus der Tschida-Headline auch noch applaudiert wird, halte ich für einen Ausdruck von Borniertheit und auch für ein bißchen lustig.

Das illustriert nämlich, wie sehr viele Primärkräfte des Kulturbetriebes ernsthaft denken, a) „die Anderen“ seien schuld an dieser oder jener Misere und b) diese „Anderen“ seien in Politik und Verwaltung dingfest gemacht. Um Jandl zu zitieren: „werch ein illtum!“ Kulturpolitik, das sind natürlich wir ALLE im laufenden Wechselspiel der Kräfte.

Krusche plaudert mit der Kurie

Was sich in den spärlichen öffentlichen Kulturdiskursen der Steiermark hervortut, versteht sich per Sprachregelung immer noch als „Szene“, „Initativenszene“, „Freie Szene“ etc. Das ist weder sachlich sehr aufschlußreich, noch benennt es eine konkrete „Wir-Situation“.

Was hier wenigstens via Medien als soziokulturelle Kuschelecke erscheint, wirkt gegenüber aktuellen Veränderungsschüben schreckensstarr und etwas ratlos. Daher auch, so vermute ich, der Hang zum Alarmismus und zum Superismus. Die Alarmrufe künden von Untergangsstimmungen und der Superismus läßt jeden kleinen Effekt verbal als großes Ereignis dastehen. („Kulturkampf in der Steiermark“ und ähnlicher Schmonzes.)

Ich halte viele der Überschriften für polemische Gesten. Übertreibungen verklären Argumente. Ich glaube nicht daran, daß damit in der Sache weiterzukommen ist. Für mein Ringen um festen Boden im Kulturbereich und ein Terrain, auf dem auch ökonomische Erholung vorankommt, erscheinen mir einige Überlegungen wie Voraussetzungen unverzichtbar.

+) Kulturpolitik
… ist NICHT das, was Leute aus Politik und Verwaltung konstituieren, sondern das, was wir Kunst- und Kulturschaffende plus andere Engagierte aus der Zivilgesellschaft im Kräftespiel mit Leuten aus Politik und Verwaltung herbeiführen.

+) Kunst
Wenn wir keine Kunstdiskurse führen bzw. daran nicht teilnehmen, überlassen wir es Politik und Wirtschaft, zu definieren was Kunst sei. Genau das geschieht schon eine Weile mit vielen der Konsequenzen, die uns mißfallen.

+) Genres
Wenn wir nicht in der Lage sind, kategorial wenigstens grobe Unterscheidungen vorzunehmen, was etwa Gegenwartskunst meint und was Voluntary Arts sind, wenn wir Kunsthandwerk, ferner ambitioniertes Basteln etc. nicht als unterschiedliche GENRES betrachten können, die in Intentionen und Zielen der Leute sehr kontrastreich angelegt sind, bleiben kulturpolitische Verhandlungen sehr nebulös.

+) sozialer Status
Obwohl Kunstschaffende, die aus künstlerischer Arbeit ein akzeptables Jahreseinkommen lukrieren, in Österreich die extrem rare Ausnahme sind und daher für unser Metier keinesfalls eine Role Model abgeben können, gelten diese Freischaffenden unausgesprochen als „Königsklasse“. Wir weigern uns überwiegend, zu debattieren und nach außen zu kommunizieren, welche Vielfalt an Lebensmodellen und ökonomischen Konzepten unser Metier ergibt. Damit untermauern wir einen Obskurantismus in dieser Sache, der uns politisch und sozial permanent auf die Köpfe fällt.

+) Selbstbeschädigung
Wenn ich in den letzten dreißig Jahren ein problematisches Phänomen in meinem Metier als durchgängig erlebt habe, dann den Mangel an Fähigkeiten zur tragfähigen Kooperation. Dieser sichere Beitrag, verfügbare Ressourcen besser zu nutzen und deren Verknappung besser abzufangen, hat nach meiner Erfahrung zwei Hauptbarrieren: Brotneid und Eitelkeit. Das Geld der Anderen sowie mediales Augenmerk und Sozialprestige sind oft der Anlaß, sogar gut laufende Projekte zu kippen. Diese Art gepflegter, kulturell ausgefeilter Selbstbeschädigung erscheint mir geradezu sensationell.

+) Hauptamt/Ehrenamt
Wir könnten noch etwas mehr best practice vertragen, wie sich Hauptamt und Ehrenamt innerhalb eines Projektes kombinieren lassen, ohne zu Blockaden zu führen. Das Verlaufsschema ist gut bekannt. Ein Projekt beginnt, befeuert von viel Zuversicht und ehrenamtlichem Engagement. Es wächst in der Dimension, den Hoffnungen und Erwartungen. Jemand schafft es, etwas Geld zu akquirieren, längst nicht genug, um das ganze Ding in hauptamtliche Dimensionen zu wuchten, aber immerhin eine stärkende Zugabe. Plötzlich legen sich einige Ehrenamtliche quer und fordern: Wenn ich nicht auch bezahlt werde, tu ich nichts mehr. Zack, das Projekt sauft ab. Das sollten wir besser hinkriegen!

Die Liste läßt sich natürlich fortsetzen…