In diesem Land ist viel in Bewegung gekommen. Worauf sollen sich Kulturschaffende momentan konzentrieren? Für unseren Teil sind gerade einige Entscheidungen gefallen. Ich hab im vorigen Eintrag [link] zwei zentrale Fragen herausgestellt, die uns bei „kunst ost“ momentan beschäftigen:
+) Was ist regionale Identität?
+) Woher kommt das Neue?
In diesem Zusammenhang haben wir schon vor eine Weile begonnen, die regionale Gegenwart der agrarischen Welt etwas genau zu betrachten: [link] Darin liegen einige Aspekte und Fragen, die zu ignorieren uns ein völlig schiefes Bild von unserem Lebensraum liefern würde. Suchen wir überdies Klarheit über einige Zusammenhänge aktueller Mobilitätsgeschichte, sind Modernisierung und Maschinisierung der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg höchst aufschlußreiche Teilthemen.
Wohin führt unser Wunsch nach individueller Mobilität?
Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich noch ein ganz anderer Angelpunkt dieser Themenkomplexe: „Möchten wir das 20. Jahrhundert begreifen, sollten wir das Wesen der Massenmotorisierung verstehen; die ist wiederum ein legitimes Kind der individuellen Mobilität, welche durch das Fahrrad vom exklusiven Herrenvergnügen zum Breitensport wurde.“
So habe ich es für die Themenleiste „die gefolgschaft des ikarus“ [link] formuliert, mit der wir nun auf das kommende „April-Festival“ [link] zugehen.
Diese Erzählung soll auf sehr individueller Ebene deutlich machen, wie sich die komplexe Materie fassen läßt. Das korrespondiert mit einer Facebook-Leiste zum Thema Mobilitätsgeschichte. Hier bewegen wir uns im Plauderton durch rund zwei Jahrhunderte, um auszuleuchten, was es mit all dem auf sich hat und wie es zusammenhängt: [link]
Die andere Facebook-Leiste ist dem Themenschwerpunkt „KWW – Kunst Wirtschaft Wissenschaft“ gewidmet: [link] Da gehen wir konzentriert in die regionale Praxis des kulturellen Engagements.
So sollen Theorie und Praxis, Aktion und Reflexion in laufender Wechselwirkung bleiben, um hier, in der „Energie-Region“, ein kulturelles Beispiel von Best Practice im LEADER-Kontext zu etablieren.
Wir sind bei „kunst ost“ im Augenblick mehr als klar orientiert. Eine wesentliche Arbeitsebene ist der Kunst gewidmet. Das bezieht sich vor allen auf zwei Jahresschwerpunkte:
+) Das kommende „April-Festival“ mit dem Fokus auf regionalen Kräften: [link]
+) und das Symposion im Herbst mit dem Fokus auf internationalen Zusammenhängen: [link]
Die zweite Arbeitsebene ist den regionalen Rahmenbedingungen und Zusammenhängen gewidmet, in denen sich solche Aktivitäten entfalten. Dabei haben wir momentan zwei wesentlich Fragestellungen im Blickfeld:
+) Was ist regionale Identität?
+) Woher kommt das Neue?
Was nun die Region sei und mit welchen Konzepen wir dabei laborieren, ist gerade Gegenstand unserer Kooperation „Kunst Wirtschaft Wissenschaft“, im Rahmen derer wir kürzliche die zweite Session absolviert haben: [link] Dabei hat Unternehmer Kurt Winter, der hier auch die Wirtschaftskammer repräsentiert, anschaulich geschildert, was auch unsere Erfahrung im Kulturbereich ausmacht.
Kurt Winter: "Und wenn man ganz weit weg ist, ist man from Austria.“
Wenn wir nämlich von Region und Identität sprechen, dann meist nicht von einem Zustand, sondern von Relationen, also von Bezugspunkten und wie sie sich zu einander verhalten. Unsere Arbeitspraxis handelt also davon, daß die Begriffe Region und Identität sehr dynamische Angelegenheiten benennen.
Winter ging von einer simplen Praxissituation aus: Wie stelle ich mich selbst vor, wenn ich irgendwo hinkomme und Leute fragen mich „Wo kommst denn her“? Das ereignet sich dann konkret auf eine Art, wie ich es auch kenne.
Winter: „Wenn ich hier bin, sage ich: Ich komm aus Pircha. Ludersdorf/Wilfersdorf. Weiß ein jeder. Wenn ich in Wien bin, kann ich sagen ‚Ich komme aus Gleisdorf’. Wenn ich in Innsbruck oder in Bregenz bin, ist es schon nicht mehr ganz so leicht. Da komme ich aus Gleisdorf bei Graz. Wenn man irgendwo weiter weg ist, ist man aus Graz. Und wenn man ganz weit weg ist, ist man from Austria.“
Das korrespondiert vorzüglich mit der Anforderung, „Region“ nicht als ein geschlossenes, eng geordnetes Gefüge zu verstehen, sondern stets in größeren Zusammenhängen zu betrachten. Das mag auch bedeuten, ich muß selbst immer wieder neu klären, wo ich gerade stehe und wie ich mich zu den jeweils anderen Positionen verhalte.
Kurt Winter an jenem Abend: „Region ist letztendlich das, aus meiner Sicht, womit einen andere bis zu einem gewissen Grad identifizieren und auch einordnen, weil es schwierig ist, solche Gespräche immer vom Grund auf durchzuführen. Deshalb geben sich viele Regionen irgendein Image.“
Mirjana Peitler-Selakov: "Was sind kreative Akte? Was sind individuelle und soziale Voraussetzungen für das Neue? Wie fördern wir das Neue?"
Mit dem anderen Fragenkomplex – Woher kommt das Neue? – ist auf der praktischen Ebene im Augenblick vor allem unsere Kuratorin Mirjana Peitler-Selakov befaßt. Und zwar in einem mehrmonatigen Prozeß, der dialogisch angelegt ist, in dem sie mit Milena Bekerle und der Geschäftsführung von „KWB“ (KRAFT UND WÄRME AUS BIOMASSE GMBH) [link] ein gemeinsames Kunstprojekt erarbeitet, das heuer realisiert wird.
Wir sind also in Summe damit beschäftigt, in einem sehr kontrastreichen Bezugsfeld mit Menschen, die höchst unterschiedliche Aufgaben haben, jene Schnittpunkte zu erarbeiten, die brauchbare Ausgangspunkte für konkrete Kooperationen ergeben.
Die „Besetzungsliste“ jener zweiten KWW-Session ist ein anschauliche Ausdruck genau dessen: [link] Wenn wir in so einem Ensemble auch nur einige wenige gemeinsame Interessen herausarbeiten können, haben wir einen sehr vitalen Ansatz für das, was man unter „eigenständiger Regionalentwicklung“ verstehen könnte.
Wir bedenken meist nicht, was für eine komplexe menschliche Leistung IDENTITÄT ist. Damit unterschätzen wir auch leicht eine so simpel scheinende Frage wie: Woher weiß ich nach dem Aufstehen, daß ich der bin, der gestern in’s Bett gegangen ist, um zu schlafen? Das ist eine enorme Integrationsleistung, die Körper und Geist täglich vollbringen.
Ich hab keine Ahnung gehabt, wie es sich fügen könnte. Unsere Session im Hause KWB [link] ging von einer äußerst heterogenen Runde aus. Wir haben die exponierten Personen auch zum Teil in eine Situation hereingeholt, die ihnen vorab nicht ganz klar gewesen ist. So ergab sich eine womöglich recht authentische Startsituation.
Von links: Erwin Stubenschrott, Kurt Winter, Werner Höfler, Karl Bauer, Sandra Kocuvan, Iris Absenger-Helmli, Gerhard Flekatsch
Damit meine ich: Menschen aus ganz unterschiedlichen Metiers, die in unserem Lebensraum ganz unterschiedliche Aufgaben haben und deshalb auch sehr verschiedene Prioritätenkataloge mitbringen, sind plötzlich für zwei Stunden mit einander verknüpft und sind gefordert, eine gemeinsame Themenstellung zu beleuchten.
Das hat natürlich keineswegs bloß Konsens generiert. Aber wir haben miteinander eine Gesamtsituation erlebt, in der sehr unterschiedliche Positionen einmal deutlich da sein konnten; ergänzt um Eindrücke, in welchen Zusammenhängen alltäglicher Arbeit diese unterschiedlichen Positionen bestehen.
Das waren in unserer zweiten Session diesmal:
+) Iris Absenger-Helmli (LEADER-Managerin, „Energie-Region“)
+) Karl Bauer (Tierarzt, Gemeinderat Gleisdorf)
+) Werner Höfler (Landwirt, Bürgermeister, Hofstätten a.d. Raab)
+) Sandra Kocuvan (Fachreferentin, Kulturabteilung d. Landes Steiermark)
+) Erwin Stubenschrott (Unternehmer, KWB)
+) Kurt Winter (IT-Fachmann, Wirtschaftskammer)
Ich hab übrigens einen Tonmitschnitt der Inputs und der darauf folgenden Debatte, den ich hier demnächst als Download zur Verfügung stellen möchte.
Von links: Karl Bauer, Sandra Kocuvan, Iris Absenger-Helmli
Wir werden im Basis-Team (Fickl, Flekatsch, Krusche, Peitler-Selakov) nun die gesamte Diskussion des Abends aufarbeiten; inklusive der Inputs aus dem Publikum. Eine Zusammenfassung dessen wird an die Leute geschickt, damit Einwände und Ergänzungen möglich sind.
Dann geht es in eine zweite Runde der Redaktionsarbeit, die ein kohärentes Arbeitspapier ergeben soll, mit dem ich geklärt sehen möchte, was wir an diesem Abend erarbeitet haben, was davon abgehakt werden kann und was uns in die nächste Station begleiten sollte.
Apropos nächste Station! Der Gleisdorfer Gemeinderat Karl Bauer [link] und Johann Baumgartner [link], im Raiffeisenhof für Bildung und Kultur zuständig, haben diesbezüglich schon Vorschläge gemacht. Wir werden also sehr bald die dritte Station unserer Serie fixiert haben.
Eines unserer Ziele ist ja, daß wir in die Praxis dieser oder jener Kooperation kommen. Dazu hat jener Abend nun schon ein paar interessante Ansätze geliefert. Ich darf dennoch betonen: Es geht hier um keine „schnellen Ergebnisse“, sondern vor allem einmal um einen anregenden Prozeß und um eine wachsende Kommunikationssituation. Es geht um einen längerfristigen belebten „Möglichkeitsraum“, in dem wir eine Art „Praxis des Kontrastes“ erproben können.
Andreas Turk (links) und Reinhard Weixler
Ich denke, es ist so, wie wir es grade exemplarisch mit der Firma KWB [link] erleben. KWB Und „kunst ost“ entwickeln nämlich zur Zeit gemeinsam ein Kunstprojekt. Und das läuft nicht auf die Art „Sie wünschen, wir spielen, zack, das war’s, und hier sind die Ergebnisse“. Allein der Entwicklungsprozeß dieses Projektes, das von unserer Seite Kuratorin Mirjana Peitler-Selakov betreuet, erstreckt sich nun schon über mehrere Monate.
Offenbar wissen beide Seiten in diesem Prozeß, daß genau diese behutsame und konzentrierte Arbeit schon für sich Ergebnisse generiert, Erfahrung bringt, die in Wissen übersetzt werden kann. Und genau das ist – neben herkömmlichen Schritten der Kunstpräsentation – unsere Angelegenheit.
Das ergibt sich übrigens auch allein schon im Basis-Team. Fickl, Flekatsch, Krusche, Peitler-Selakov, das sind vier höchst unterschiedliche Charaktere mit ganz verschiedenen Temperamenten und Zugängen. Auch da gibt es keine „schnellen Ergebnisse“, sondern prozeßhaftes Arbeiten in laufender Kommunikation ist vorerst eines der Hauptereignisse. Nun also unterwegs zur dritten Station von „Kunst Wirtschaft Wissenschaft“…
Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft in der Wechselbeziehung der Möglichkeiten. Alles klar? Na, keineswegs! Und die Frage nach kulturellem Engagement auf der Höhe der Zeit erscheint mir einigermaßen brisant. Sehe ich mich in meinem Metier um, fällt mir auf, daß so allerhand in ganz altvertrauten Bahnen läuft, in denen sich sehr wahrscheinlich kein neues Terrain erreichen läßt.
Dazu gehören auch eingeführte Vorstellungen, wie sich die genannten Genres – Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft – zu einander verhalten sollen, was man von einander erwarten könnte. Um Augenhöhe zu erreichen, sollte sich herausfinden lassen, welche Interessen an welchen Themenstellungen wir teilen. Dazu haben wir uns auf ein Motiv konzentriert, das hier praktisch in jeder Branche so oder so genutzt wird.
„Regionale Identität: eine Illusion oder unsere Wirklichkeit?“ ist das Hauptthema unseres zweiten Abends. Der soll uns auch zu Klarheit führen, zu welchen Aufgabenstellungen wir unsere Kompetenzen allenfalls bündeln möchten.
Also fragen wir in diesem nächsten Schritt unseres Vorhabens, welche Bedeutung „Regionale Identität“ in der Arbeitspraxis einiger exponierter Personen in verschiedenen Metiers der Oststeiermark hat. Es beginnt mit einer Reihe persönlicher Inputs, dann wird der Abend in eine offene Debatte übergeführt, aus der wir einige konkrete Aufgabenstellungen für die kommenden Schritte mitnehmen wollen.
Primäre Inputs
+) Werner Höfler (Landwirt, Bürgermeister, Hofstätten a.d. Raab)
+) Erwin Stubenschrott (Unternehmer, KWB)
+) Kurt Winter (IT-Fachmann, Wirtschaftskammer)
Funktionstragende
+) Iris Absenger-Helmli (LEADER-Managerin, „Energie-Region“)
+) Karl Bauer (Tierarzt, Gemeinderat Gleisdorf)
+) Sandra Kocuvan (Fachreferentin, Kulturabteilung d. Landes Steiermark)
Mittwoch, 25. Januar 2012
Beginn: 18:00 Uhr KWB – KRAFT UND WÄRME AUS BIOMASSE GMBH
Industriestraße 235, St. Margarethen
Das Basis-Team:
+) Horst Fickel (Techniker)
+) Gerhard Flekatsch (Künstler, Verein „bluethenlese“)
+) Martin Krusche (Künstler, Verein „kunst ost“)
+) Mirjana Peitler-Selakov (Kunsthistorikerin, Verein „kultur.at“)
Die Anordnung trägt eine kuriose Doppeldeutigkeit in sich. Einerseits handelt sie davon, wer wem einen Auftrag erteilen darf. Andrerseits meint sie Aufstellungen und Relationen, also auch, wie sich Positionen zu einander verhalten.
Ich hab in einem vorherigen Beitrag von Architekt Winfried Lechner erzählt und von seinen Berufserfahrungen mit regionalen Codes, ungeschriebenen Regeln und gesellschaftliche Zusammenhänge, die selbst innerhalb der Steiermark erheblich differieren: [link] Zu unserem Thema „Regionale Identität: eine Illusion oder unsere Wirklichkeit?“ hab ich inzwischen noch weitere Vorgespräche geführt.
IT-Fachmann Kurt Winter
Zum Beispiel mit Kurt Winter, der einerseits in der IT-Branche tätig ist, andrerseits hier im Raum Gleisdorf die Wirtschaftskammer repräsentiert. Er erzählte mir von erstaunlichen Erfahrungen, etwa bei Gewerkschaftsverhandlungen, wo zum Beispiel eine falsch gewählte Sitzordnung den Abbruch einer Gesprächsrunde bedeuten könne. Ganz zu schweigen von Fronstellungen, die sich auch in der Anordnung der Sitzmöbel ausdrücke.
Wir haben es da also mit sehr ambivalenten Spielarten des menschlichen Umgangs mit einander zu tun. Einerseits sind Rituale offenbar hilfreich, Gemeinschaft zu ordnen und auf die Art Regelsysteme zu nutzen, die es auch aus sehr unterschiedlichen Positionen heraus möglich machen, an Konsens zu arbeiten und zu Kooperation zu führen. Auf der anderen Seite kann genau das auch zur leeren Geste werden, die blockiert.
Wir kennen das Problem natürlich ebenso im Kunstbetrieb. Das Ringen um Balance zwischen Eigennutz und Gemeinwohl wird gerade im Kontext kultureller Vorhaben ganz gerne ausgesetzt; zugunsten einer angeblichen Verteidigung einer nicht näher begründeten „Freiheit der Kunst“. Damit wir uns recht verstehen, ich argumentiere hier nicht gegen diese Freiheit, sondern bloß gegen eine wahllose Berufung darauf.
Pro beteiligter Person je ein eigenes Universum
In „KWW: Genres, Codes und Perspektiven“ [link] hab ich das Thema „Begegnung in Augenhöhe“ angerissen. Die hat zwei sehr simple Voraussetzungen. Interesse an der jeweils anderen Position und grundlegender Respekt vor dem, was man selbst nicht repräsentiert. Diese beiden Voraussetzungen haben ihrerseits Voraussetzungen. Nämlich mindestens diese, gut eingeführte Klischees und Ressentiments hinter sich zu lassen.
Rituale und Anordnungen meint hier als Negativbeispiel das ewig gleiche Abfeiern populärer Klischees, um in die ewig gleichen Abwehrstellungen zu einander zu gehen, aus denen heraus dann womöglich Kooperation erwachsen soll. Durch welches Mirakel derlei gelingen könnte, ist mir ein weit größeres Mirakel.
Wir haben nun im Gesamtzusammenhang „Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft“ gut eingeführte Klischee-Kataloge auf dem Tisch, welche sich in einer Garnitur von Überschriften zusammenfassen lassen. Demnach würden die Kunstschaffenden nur auf sich schauen, die Wirtschaftsleute nur aufs Geld und die Leute der Wissenschaft nur in die Luft, weil da, irgendwo, die Theorie sei.
Ich gehe davon aus, daß unsere Projektarbeit im aktuellen Zusammenhang unter anderem genau das leistet: Die realen Intentionen und Handlungsweisen HINTER solchen Ressentiments greifbarer zu machen, um folglich brauchbare Ausgangspunkte für interessante Kooperationen zu haben.
Regionale Identität: eine Illusion oder unsere Wirklichkeit?
(Konferenz und öffentlich zugängliches Arbeitstreffen)
Mittwoch, 25. Januar 2012
[link]
Das Thema „Regionale Identität: eine Illusion oder unsere Wirklichkeit?“ ergibt einen Angelpunkt, über den sich sehr unterschiedliche Genres in Wechselwirkung bringen lassen. Das ist für uns wichtig, wenn wir eine Begegnung in Augenhöhe bevorzugen und im kulturellen Engagement auf Kooperation setzen; so ein Schnittpunkt, bei dem selbst sehr gegensätzliche Positionen einen gemeinsamen Ausgangspunkt finden.
Bürgermeister Werner Höfler
Wir haben uns bemüht, für den Abend am 25. Jänner Personen zusammenzubringen, die aus ihrer Arbeitspraxis sehr konkrete Ansichten haben, was die Region sei und welche Fragen zum Thema Identität dabei augenblicklich vorrangig erscheinen.
In der Verständigung zu diesem Abend fällt auf: Exponierte Leute sind oft in Personalunion für mehrere Felder repräsentativ. So wird etwa Kurt Winter dabei sein, der einerseits beeideter Sachverständiger in der IT-Branche ist, andrerseits Gleisdorfer Wirtschaftsbund-Obmann. Winter ist also einerseits lokaler Wirtschaftstreibender, andrerseits bringt er Sichtweisen von der Landesebene her ein, nimmt an diesem Abend im Namen von Landesrat Christian Buchmann teil.
Gastgeber und KWB-Geschäftsführer Erwin Stubenschrott ist nicht nur ein bemerkenswertes Beispiel für unternehmerische Kreativität, er hat auch in Fragen des sozialen Klimas und dessen Bedingungen in der Region äußerst klare Vorstellungen.
LEADER-Managerin Iris Absenger-Helmli
Werner Höfler steht für die erhebliche Komplexität, welche wir im Lauf der regionalen Dinge heute finden. Als aktiver Landwirt ist er in Fragen der agrarischen Welt sachkundig. Als Bürgermeister von Hofstätten a.d. Raab hat er mit den Anliegen des Handwerks, der Industrie und des Speditionswesens zu tun, weil diese Metiers in der Gemeinde präsent sind.
Nun ist Hofstätten einerseits das Ergebnis einer vormaligen Zusammenlegung mehrerer Katastralgemeinden, andrerseits heute aber auch Teil der „Kleinregion Gleisdorf“, die dieses Thema Zusammenlegung erneut durchläuft. Überdies ist Hofstätten die südlichste Gemeinde der „Energie-Region Weiz Gleisdorf“, einer LEADER-Region.
Apropos! LEADER-Managerin Iris Absenger-Helmli wird auch an diesem Abend teilnehmen. Sie hat nun seit Jahren damit zu tun, Interessenslagen in den vielschichtigen Überlagerungen von Regionalkonzepten zu moderieren, aber auch im Kräftespiel zwischen einzelnen Gemeinden zu bestehen, die bei unterschiedlicher Größe auch höchst unterschiedliche wirtschaftliche Potenz haben; je nach betrieblicher Verfassung.
Wir werden ferner Sandra Kocuvan von der Kulturabteilung des Landes Steiermark hören. Sie ist unter anderem für das Festival „regionale“ und für die steirischen „LEADER Kulturprojekte“ zuständig.
Außerdem hat Tierarzt Karl Bauer sein Kommen zugesagt. Er ist als Gleisdorfer Gemeinderat mit der Kommunalpolitik vertraut, hat aber auch Erfahrung als Unternehmer.
Nicht zu vergessen, daß wir im „Basis-Team“ (Fickel, Flekatsch, Krusche & Peitler-Selakov) selbst den gesamten Themenblock „Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft“ repräsentieren. Sie ahnen schon, unser Tun ist einem Möglichkeitsraum gewidmet, der meint: Den Ort, die Region, das Land und internationale Anknüpfungspunkte.
Es geht aktuell vor allem einmal um ein Ausloten: Was sind a) relevante Fragen und b) naheliegende Aufgabenstellungen, die uns quer durch diese Genres gleichermaßen interessieren und beschäftigen?
Falls wir darüber Klarheit finden, falls die Verständigung zwischen Leuten gelingt, die berufsbedingt doch ganz verschiedene Codes pflegen, dürften sich daraus interessante Perspektiven ergeben.
Regionale Identität: eine Illusion oder unsere Wirklichkeit?
(Konferenz und öffentlich zugängliches Arbeitstreffen)
Mittwoch, 25. Januar 2012
[link]
Die Vorgeschichte erstreckt sich über mehrere Jahre, nun bündeln wir das mit aktuellen Perspektiven. Dieses Team arbeitet an Beispielen der Best Practice in gemeinsamen Projekten von Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft. Damit loten wir auch aus, welche neuen Beziehungsformen diese Kombination zuläßt.
Am vertrautesten Beispiel festgemacht, das Sponsoring-Phantasma: Die Künstlerin kommt zum Unternehmer und sagt: „Gib DU mir ein Geld, damit ICH was mache, DU wirst auch davon profitieren.“ Das ist a) eine antiquierte Pose und b) urbanen Konzepten entlehnt. „Wir machen, ihr zahlt.“ Diese Orientierung überzeugt mich nicht.
Von den Mühen, seine sieben Zwetschken zusammenzubekommen...
Es ist höchst unwahrscheinlich, daß sich dieser Modus a) abseits des Landeszentrums und b) im Kontext Gegenwartskunst bewährt, so lange es nicht um repräsentative Vorhaben geht. Außerdem verschenkt dieser Zugang die Frage, welche aktive Rolle allenfalls Unternehmer selbst im Kulturgeschehen der Region finden könnten. Im Sinne von aktiv, gestaltend, kommunizierend, nicht bloß über das „Medium Geld“.
Also habe ich zum Ausgangspunkt gefragt: Worin treffen wir uns allenfalls? Welche Fragestellungen teilen wir eventuell? Und zwar auch mit Leuten aus der Wissenschaft. Unser aktueller Arbeitsansatz geht von einer Problemlage aus, welche JEDES dieser Metiers berührt:
Die zunehmende Fragmentierung der Gesellschaft.
Daraus resultiert unter anderem eine starke Erosion sozialer Stabilität und ein wachsender Kompetenzverlust in allen Bereichen. Folglich sehen viele Menschen eine Institution, einen Betrieb, eine Gemeinde, einen Staat zunehmend als Mischung aus Service-Station und Selbstbedienungsladen.
Daher beschäftigen uns hier Verfahrensweisen und Projekte, bei denen in der Kooperation der drei Metiers Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft das Interesse an Partizipation steigen kann, weil wir miteinander sehr anregende Arbeitssituationen erleben.
Es geht um Partizipation statt Konsumation!
Und zwar als einer Orientierung, in welcher Zusammenarbeit Vergnügen macht und Problemlösungskompetenzen wachsen. Allein die bisherige Praxis von „kunst ost“ belegt, daß diese Möglichkeit zwar von einigen Hürden umstellt, doch erreichbar ist.
Wir schaffen Gelegenheiten und Kontinuität, um zu gemeinsamen Vorhaben zu finden, in denen die weitreichende Verschiedenenheit dieser drei Genres kein Ausschließungsgrund ist. Ganz im Gegenteil! Im Kennenlernen der verschiedenen Arbeitsbedingungen und Codes liegt ein wechselseitiger Gewinn.
Unser Ziel hat zwei Fokusbereiche:
+) Ein Gewinn an Kenntnis von einander: Wie läuft es da und welche Prioritäten stehen auf der Liste ganz oben?
+) Die Entwicklung und Realisierung gemeinsamer Vorhaben.
Deshalb verständigen wir uns zum Auftakte über:
+) relevante Fragen und
+) interessante Aufgaben,
die wir in den Genres Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam haben. Darum auch die aktuelle Fragestellung:
„Regionale Identität: eine Illusion oder unsere Wirklichkeit?“
[Die Veranstaltung]
…denn das ist ein Themenzusammenhang, mit dem wir auf jedem der drei Felder praktische Erfahrungen haben. Wir möchten die unterschiedlichen Deutungen und Gewichtungen kennenlernen, um so das „gemeinsame Feld“ ausloten zu können, von dem aus sich zu nächsten Schritten aufbrechen läßt.
Kunstschaffende, Wirtschaftstreibende und Leute aus der Wissenschaft haben eines auf jeden Fall gemeinsam: Die wechselseitigen Klischees sind gut überschaubar. Auf die markantesten Positionen heruntergebrochen bleibt ein spaßiges Stereotypenbündel, das sich komplementär anordnen läßt. Kunstschaffende schauen nur auf sich, Unternehmer schauen nur aufs Geld und Wissenschafter schauen nur in die Luft. Das Ich, das Geld, die Theorie… und die Welt ganz woanders.
Das ist die Art gängigen Unfugs, der Gesellschaften oft nachhaltiger aufbricht, fragmentiert, als manch andere Kräftespiele. Wenn wir nun noch Politik und Verwaltung in die Mischung rühren, kommt unter Hitze und Druck eine Torte á la Operetten-Österreich heraus, die sich zwar in manchen Schaufenstern gut macht, aber schlucken sollte das niemand können.
Kulturwissenschafter Günther Marchner in Gleisdorf
Wir haben schon vor einer Weile begonnen, uns mit erfahrenen Leuten aus den jeweils anderen Bereichen zu verständigen, um vor allem einmal herauszufinden: Worin decken sich allenfalls unsere Befunde zum Stand der Dinge in unserem Lebensraum?
Das führt erfahrungsgemäß laufend zu Schnittpunkten und es ist in der Folge recht interessant, zu überprüfen, ob sich daraus auch gemeinsame Fragestellungen und womöglich gemeinsame Aufgaben ableiten lassen. Hier ein kleines Beispiel aus der Verständigung Kunstschaffender mit einem Wissenschafter, nämlich Günther Marchner: [link] In einem internen Arbeitspapier zu unserer „Kulturspange“ betont Marchner einen Zusammenhang, der die Wirtschaftswelt berührt:
>>Ich möchte dabei besonders auf die Herausforderungen von ländlichen Regionen hinweisen: Der Wettbewerbsdruck und wirtschaftliche Strukturwandel führt zu einer Polarisierung zwischen Gewinnern und Verlierern. Viele ländliche Regionen erleben eine massive Veränderung (einen Verlust) von Wirtschafts- und Erwerbsmöglichkeiten.<<
Solche Effekte haben etwa zur Folge, daß junge Letzte weggehen, was wir sogar im Kulturbetrieb jenseits von Graz zu spüren bekommen. Oder wie es Marchner ausdrückt: >>Regionen, die diesem Anpassungsdruck nicht gewachsen und nicht in der Lage sind, ihre Potentiale zu nutzen, geraten zunehmend unter Druck. Ein besonderer Indikator dieser Entwicklung ist die Abwanderung von jungen Qualifizierten.<<
Wir stellen fest, daß wir mit solchen Überlegungen auf Themen treffen, wie sich auch von diversen regionalen Managements und Gemeindeverbänden bearbeitet werden. Wenn Wissenschafter Marchner in der Debatte mit Kunstschaffenden zu folgenden Überlegungen kommt, könnten das auch Wirtschaftstreibende, Politik und Verwaltung interessieren:
>>Viele ländliche Regionen brauchen vor allem eine kulturelle Veränderung im Sinne von Öffnung, um zukünftig diesen Herausforderungen besser begegnen zu können und um nicht laufend an Attraktivität zu verlieren. Das Nachdenken, die Reflexion und Auseinandersetzung darüber, was mit ländlichen Regionen, Kleinstädten und Regionen passiert, sollte nicht alleine dem „Markt“ oder jenen wirtschaftspolitischen Strategen überlassen werden, die sich außerhalb der Ballungsräume nur Erholung, Wellness und Natur oder Räume für Ressourcenausbeutung, Transit und Entsorgung gefährlicher Stoffe vorstellen können.<<
Nachdem Kommunen auf dem Lande im Jahr 2010 Kulturbudgets, soweit überhaupt vorhanden, drastisch heruntergefahren haben, beginnt inzwischen da und dort wieder eine Besinnung darauf, welche Aufgaben im Kulturbereich zu bearbeiten wären und was davon einer Kofinanzerung aus öffentlichen Mitteln bedarf. Wir stellen immer noch fest, daß Debatten über ein „Zentrum-Provinz-Gefälle“ der Mittel und Möglichkeiten zwischen Graz und dem Rest der Steiermark nicht zustande kommen. Nicht einmal in unserem eigenen Metier. Bis das möglich ist, haben wir unter uns auf dem Lande auch gut zu tun.
Marchner präzisiert: >>Wie wichtig – aber weitgehend unberücksichtig – eine Perspektive ist, die sich nicht nur auf urbane Räume/große Städte konzentriert, zeigt die reale Verteilung der Bevölkerung: In Österreich leben knapp 30% der Bevölkerung in Städten mit mehr als 30.000 BewohnerInnen. Dies bedeutet, dass Kulturentwicklung und die Förderung von zeitgenössischer Kunst und Kultur nicht nur in Ballungszentren, sondern auch dort erfolgen sollte, wo die anderen 70% leben.<<
Voila! Da reden wir dann von unserer Arbeit. Die ergibt sich aus einer Summe von Fragestellungen und Aufgaben, über die es quer durch die Steiermark eindeutig mehr Verständigung und Diskurs geben müßte.
Marchner führt aus: >>Und es sollten die Rahmenbedingungen und Kontexte mitbeachtet werden, in denen der Großteil der Bevölkerung nach wie vor lebt: in Kleinstädten und ländlichen Gemeinden, wenn auch forciert durch eine tendenzielle Abwanderung aus peripheren Gebieten (dazu zählt zum Beispiel die Bezirke Liezen und Murau) und durch ein Wachstum des Umlandes der Städte (zum Beispiel Gleisdorf). Dies bedeutet, dass eine erfolgreiche von Gegenwartskunst auch davon abhängt, inwiefern diese Bedingungen und Zugänge reflektiert und berücksichtigt werden.<<
Das Bündeln von Kompetrenzen und (Themen-) Zugängen aus ganz verschiedenen Tätigkeitsbereichen dürfte dabei ein sehr vielversprechender Arbeitsansatz sein.
„Regionale Identität: eine Illusion oder unsere Wirklichkeit?“ Konferenz und öffentlich zugängliches Arbeitstreffen Mittwoch, 25. Januar 2012 Beginn: 18:00 Uhr
[link]