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kunst ost in der praxis

durch welche verfahrensweisen läßt sich für den kulturbereich in der heutigen situation terrain halten? wir haben gerade erlebt, wie radikal sich der rückzug der öffentlichen hand vollzieht, wenn budgets einbrechen und strukturen wanken.

das aktuelle krisenmanagement war für uns überhaupt nur mit privatem einsatz von arbeitskraft und geld zu bewältigen. ansonsten wäre „kunst ost“ nun den bach hinuntergegangen. für mich schien vorrangig, das heurige „april-festival“ zustande zu bringen. das ist nach innen eine prüfung, was unser konzeptioneller arbeitsansatz taugt.

medienkünstler niki passath ist beim kommenden "april-festival" unser erster gast in der neuen diskussions-reihe "was sagen kunstwerke?"

nach außen soll es ein signal sein, das den verantwortlichen aus politik und verwaltung demonstriert, was das kollektiv zu leisten imstande ist; inhaltlich und in der umsetzung. da bewährt sich nun jener prozeß aus mehreren jahren, in dem wir klären konnten, was alles NICHT geeignet ist, einen modus kollektiver kreativität voranzubringen.

dank dieser praktischen erfahrungen können wir uns heute in hohem maße auf jene schritte konzentrieren, die sehr vielversprechend erscheinen.

wir haben 2006 begonnen, ein setup herauszuarbeiten, welches aktuell stabilität bringt, wo sich in den letzten monaten – mangels verfügbarer budgets – einige mögliche kooperationspartner schlagartig verflüchtigt haben.

es war wichtig, für „kunst ost“ eine neue „basis-crew“ zu formieren, die sich so einer aufgabe gewachsen sieht, und – wie erwähnt – das „april-festival“ 2011 sicherzustellen. eine idee, ein handlungsplan, etwas geld und einige engagierte leute, die auch bereit sind, unbezahlte arbeit einzubringen.

das hat sich als leistungsfähige „grundausstattung“ erwiesen, um den aktuellen umbruch zu bewältigen. von hier aus sollte sich ein status erarbeiten lassen, der einen passablen mix von ehrenamtlicher und hauptamtlicher kulturarbeit ermöglicht.

das packen wir vor dem hintergrund einer mittefristigen entwicklung des inhaltlichen horizonts, dem sich „kunst ost“ widmet, an. das bedeutet, aus dem erst skizzenhaft entworfenen themenbogen „zwischen landwirtschaft und high tech“ haben wir nun konkrete inhaltliche arbeitsansätze, die von sehr verschiedenen personen mitgetragen werden.

sach-promotoren im umfeld von "kunst ost" (von links): tierarzt karl bauer, volksmusikant christian nell und kamillo hörner vom "volksbildungswerk steiermark"

ich habe die ganze situation am denkmodell der „drei sektoren“ orientiert. dabei ist keine hierarchische anordnung vorgesehen. ziel dieser orientierung ist eine kooperation von sachkundigen leuten aus den drei sektoren staat, markt und zivilgesellschaft. also
1) politik und verwaltung,
2) wirtschaft und
3) kulturschaffende als einzelpersonen wie als teil von vereinen.

das aktuelle „april-festival“ bildet diese vorstellung schon sehr konkret ab. die inhaltliche entwicklung haben wir in rund einem dreiviertel jahr kontinuierlicher themenarbeit realisiert: [link]

zur „basis-crew“ (krusche, peitler-selakov & strassegger-tipl) kamen heuer autonome „location-crews“ und (aktuell in erprobung) einige „labor-gruppen“. in dieser situation kommt den verantworlichen „schlüsselpersonen“ eine wesentliche rolle zu: [link]

sie sind nicht nur bindeglieder zwischen der „basis-crew“ und den verschiedenen autonomen formationen eines größeren vorhabens, sie sind auch garanten für eine vielfalt in den zugängen und verfahrensweisen.

das bedeutet, wir nehmen die „praxis des kontrastes“ sehr ernst. und wir sind gestimmt, die vereinbarkeit dieser komtraste zu demonstrieren. das bezieht sich übrigens auch auf die vier genres, die wir integrieren: alltagskultur, kunsthandwerk, voluntary arts und gegenwartskunst [link]

überdies haben wir, was die annäherung zwischen kulturschaffenden und wirtschaftstreibenden angeht, auch einen modus entwickelt, der sich inzwischen als sehr tragfähig erweist … siehe dazu den beitrag im licht zu kontrasten„!

— [april-festival] —
— [übersicht] —

politik macht kultur

… und zwar gelegentlich auf die HARTE TOUR. eigentlich ist es brüskierend. aber wir haben es nun einmal so vor der nase …

inzwischen lache ich schon. es ist irgendwie zu komisch, an welchen barrieren engagierte kulturarbeit, falls sie von der basis her kommt, quer durchs jahr feststecken kann. man erinnere sich, im herbst 2009 waren sogar funktionstragende einer regionalen kommune so kühn, „kunst ost“ abschaffen zu wollen, was ja auf einem feld der eigenständigen regionalentwicklung eine völlig unakzeptable pose ist. das war also im ersten jahr des überhaupt ersten LEADER-kulturprojektes eine eher üble erfahrung.

der politische versuch vom 28.10.2009, "kunst ost" abzuschaffen

bei „regionext“, bei „LEADER“ und bei den „lokalen agenda 21“ gilt das „bottom up-prinzip“. das verlangt eigentlich von den leuten in der politik, PARTIZIPATION und kommunales engagement der bürgerinnen und bürger im zentrum der entwicklungen zu dulden, zu fördern. gar nicht so einfach, wo alte funktionärsherrlichkeit noch gut im saft steht; oder wo kommunalte gremien sich ihrere eigenen rollen nicht mehr so sicher sind.

was das meint? na, unter anderem, daß verwaltungsreformen im lande dringend nötig und unausweichlich geworden sind. das pfeifen schon lange alle spatzen von allen dächern. dazu kommen auch: GEMEINDEZUSAMMENLEGUNGEN. ein „nicht-thema“, das sich den betroffenen in der regionalen politik gerade aufdrängt. denn in wenigen tagen wird eine legion von bürgermeisterinnen und bürgermeistern bei landeshauptmannstellvertreter hermann schützenhöfer antreten, um zu erfahren, WAS nun an zusammenlegungen anstünde.

und wer wird wann mit den bürgerinnen und bürgern darüber zu reden beginnen? ("VP will über Gemeindefusionen reden", kleine zeitung, 19.2.11)

und deshalb, so höre ich, könne man momentan in der frage einer ortsübergreifenden kulturarbeit nicht all zu bestimmt vorgehen, weil das womöglich als eine vorhut für die in den gemeindestuben so verhaßten zusammenlegungen gewertet werde.

eigentlich ein alptraum, daß wir andauernd vor solchen barrieren stehen, die mit unserer gemeinwesen-orientierten arbeit nichts zu tun haben, und irgendwie darüber hinweg kommen müssen, anstatt rückenwind zu erhalten. gerade wenn kommunen und ihre chefs unter druck stehen, in schwierigkeiten sind, ressourcenknappheit bewältigen müssen, sollten doch engagierte bürgerinnen und bürger als entlastende komponente gesehen und unterstützt werden.

na gut, in einigen gemeinden sehen wir ja, daß unser engagement willkommen ist. da werden mit uns neue kooperationsformen erprobt. andere leute aus der kommunalpolitik werden sich dem vielleicht noch anschließen. es geht um sehr konkrete, praktische erfahrungsschritte, die wir ja erst machen müssen, um herauszufinden, wie KOOPERATION der drei sektoren (staat, markt & zivilgesellschaft) geht, wenn wir alle dabei nicht auf hierarchische modelle setzen.

turbulenzen auf flotter fahrt

am donnerstag abend: christa ecker-eckhofen an ihrem letzten „amtstag“ als obfrau von „kunst ost“, bei der eröffnung einer ausstellung eigener arbeiten in der gleisdorfer galerie „einraum“. so rundet sich ein abschnitt turbulenter ereignisse. zur erinnerung: im arbeitsjahr 2010 hatten wir allein drei verschiedene landeskulturreferenten. und auch sonst blieb so mancher stein nicht auf dem anderen.

christa ecker-eckhofen stellt zur zeit im gleisdorfer „einraum“ aus (rechts malerin irmgard hierzer)

am freitag darauf demissionierten ecker-eckhofen und michaela zingerle formell, um sich anderen aufgaben zu widmen. was tut sich sonst so?

die LEADER-kulturprojekte quer durchs land sollten sich ja inzwischen weitgehend konsolidiert haben. aber die umfassende finanzkrise der steiermark mit ihren rüden auswirkungen auf die welt der kommunen machen es für uns natürlich nicht gerade leichter, der kunst stabile positionen zu erarbeiten.

michaela zingerle (links) und christa ecker-eckhofen bei der übergabe der vereinsunterlagen

es scheint sich nun einzulösen, was über einige jahre im „april-festival“ schon absehbar gewesen ist. die aktuelle struktur mit dem „kern-team“, den autonomen „location crews“ und ihren schlüsselpersonen, sowie einer „labor-gruppe“ gewinnt nun an jener balance, die auch für eine zukünftige kooperation sehr unterschiedlicher leute nützlich sein sollte.

bürgermeister werner höfler ist nun unsere ansprechperson für belange der „kleinregion gleisdorf“

wir dürfen also annehmen, daß es auf dieser ebene gelingt, selbst unter erschwerten bedingungen weiterzumachen. inzwischen hat sich die kleinregion gleisdorfschon einmal ansatzweise auf diesen modus eingelassen und uns bürgermeister werner höfler (hofstätten) als zuständige ansprechperson genannt.

das trifft sich vorzüglich mit der absicht des gleisdorfer kulturreferenten alois reisenhofer, einige aktionslinien zu entwickeln, die eine klare REGIOALE dimension haben. so stellen wir vergnügt fest, daß einige türen offen sind und interessen zunehmen, neben den primären agenda – quasi vor der eigenen haustüre – nun auch verstärkt regionale optionen des kulturgeschehens zu überprüfen und einzelne varianten der umsetzung zu erproben.

ich denke, wir haben gute gründe, das behutsam anzugehen. wir müssen ja überhaupt erst einmal herausfinden, wie sich eine situation praktisch bearbeiten läßt, wenn wir aus dem „alten muster“ der verhältnisse aussteigen …

— [april-festival] —

was fördert das land?

ich war voriges jahr aus dem zentrum der „energie-region“ vom obmann informiert worden, daß die „schlossfestspiele stadl“ als LEADER-kulturprojekt eingereicht werden würden. der zuständige ausschuß auf landesebene lehnte das projekt heuer ab. ulla patz, leitende redakteurin der „kleinen zeitung“ in weiz, faßte den status quo unter dem titel „was das land fördert“ zusammen: [link]

das könnte ein anregender anlaß für eine debatte über regionals kulturgeschehen sein. ich hab die angelegenheit in unserem projekt-logbuch kommentiert: [link] und überdies frau patz einige zusammenhänge aus meiner sicht erläutert. (meine mail an ulla patz finden sie hier am ende dieses eintrags.) sie hat diese post nun im blatt aufgegriffen: [link]

heimo steps, derzeit vorsitzender des steirischen förderbeirates, wird bei unserer "konferenz in permanenz" einige grundlagen der kulturpolitik darlegen

ich halte es für erfeulich, daß in der „kleinen“ offenbar platz ist, um einige kulturpolitische fragestellungen in den öffentlichen diskurs zu bringen. entsprechend hoffe ich, daß andere akteurinnen und akteure dieses bereiches sich nun äußern werden.

es wäre von vorteil, wenn so die teilweise sehr kontrastreichen (kulturpolitischen) optionen einmal auf den tisch kämen, um eine grundlage zu schaffen, auf der erste schritte für eine REGIONALE KULTURPOLITIK zu gehen wären, die jeweils eben NICHT an orts- und gemeindegrenzen enden.

kleiner einschub:
ich habe heimo steps, den derzeitigen vorsitzenden des förderbeirates, der das stadl-projekt abgelehnt hat, für eine „konferenz in permanenz“ eingeladen, er hat uns sein kommen zugesagt. da werden wir einige grundlagen der kulturförderung mit ihm erötern können: „talking communities“ [link]

ein querverweis:
im süden der region machen wir gerade positive erfahrungen, wie sich so ein temporäres zusammengreifen anfühlen kann, wo sich plötzlich bürgermeister, gemeinderäte, kulturbeauftragte und sogar unternehmer mit künstlern und kulturschaffenden an einen tisch setzen, um sich über mögliche kooperationen zu verständigen. siehe dazu die übersicht unseres „april-festivals“! [link]

———- [„talking communities„] ———-

Betreff: Was das Land fördert
Von: der krusche
Datum: Thu, 03 Feb 2011 11:59:04 +0100
An: ulla.patz (kleine zeitung)
werte frau patz!

zu ihrem artikel „Was das Land fördert“: das betrifft GESAMT ja eigentlich ZWEI ganz verschiedene fördermöglichkeiten im land steiermark.

a) die herkömmliche landeskulturförderung, zu der man wie gewohnt einreichen kann und
b) die zeitlich limitierte LEADER-kulturschiene, die mit der leader-förderperiode bald endet und die ein ganz eigenes regelwerk hat.

einreichungen müssen für BEIDES aber im kulturauschuß behandelt werden.
obmann chr. stark hatte mich vor der jahreswende informiert, daß die stadl-festspiele als LEADER-projekt eingereicht würden.

da hätte man freilich von hausaus wissen können, daß die chancen extrem gering bis nahe null sind, weil dort die zuständige referentin der kulturabteilung ganz unmißverständlich klar gemacht hat: es geht bei der leader-kulturschiene hauptsächlich um GEGENWARTSKUNST.

darin hat sie auch konsens mit dem zuständigen referenten der abteilung 16. das wäre NACH dem regionalen lenkungsausschuß die folgende instanz. und dieser instanz folgt eben der ausschuß, der das stadl-projekt offenbar abgelehnt hat.

bliebe also die generelle steirische förder-schiene, die ja allen kulturschaffenden zugänglich sein muß. aber hat man halt die landesweite, harte konkurrenz sehr viel größerer einrichtungen, die dieses genre (operette & musical) pflegen.

wir alle kannten die aktuellen leader-präferenzen seit märz 2010 sehr genau … bei jener konferenz waren ja auch die leader-managements vertreten: [link]

damals mußte also dem management klar sein, daß operette eher nicht gehen wird. ab MAI 2010 wußten alle professionals des steirischen kulturgeschehens: zur jahreswende hin wird es einschüchternde budget-einbrüche geben: [link]

diese headline — „die abrissbirne scheingt bereits“ — hat uns allen klar signalisiert: wer jetzt keine zukunftsweisenden konzepte hat bzw. bloßn dinge vorhat, die im kielwasser herkömmlicher vorhaben liegen, wird beim land kaum ein budget abholen können. da waren also z.b. die tagung mit vollath in graz und in weiz: [link]

nun ist es ja keineswegs so, daß all diese entwicklungen besagen: hier gehts NUR gegenwartskunst, vergessen wir den rest. nein!

es gäbe eine reihe von optionen, in der regionalen kulturpolitik verschiedene genres zu KOMBINIEREN und so ein paar ereignislinien zu entwickeln, die quer durch die region reichen, die gemeinsam eine größere KO-finanzierung aus verschiedenen förderschienen ermöglichen würden.

EINE voraussetzung dafür wäre halt, daß diverse orts-honoratioren endlich aufhörten, nur für die eigene gemeinde zu denken und zu handeln und daß sich erfahrene leute an einen größeren tisch setzen.

in der praxis dominiert derweil noch der modus: kriegt der eine was, wird der andere ihn dafür hassen.

das ist natürlich ein sicherer weg, die entwicklung der REGION in den aktuellen krisenlagen zu BREMSEN, statt zu fördern.

viel smarter wäre dagegen wohl, wenn die zuständigen funktionstragenden sich einmal aufraffen könnten, arbeitsedingungen anzubieten, in denen sich PROZESSHAFT erarbeiten ließe:

+) was sind KULTURPOLITISCHE zielsetzungen für die REGION, auf die wir uns einigen könnten?
+) welche rahmenbedingunen und welche mittel wären dafür nötig?
+) wer könnte in der prakischen umsetzung dann welche nötigen kompetenzen abdecken?
+) wie könnte eine wache REGIONALPOLITIK so einen prozeß begleiten, fördern und sichern?
+) damit nämlich die SACHPROMOTOREN mit den MACHTPROMOTOREN der region zusammenfinden und in der praxis LERNERN, wie eine längerfristige kooperation sehr verschiedener charaktere funktionieren könnte.

🙂
martin krusche

strategiefragen

ich mache gerade ein paar staunenswerte erfahrungen. eine strukturelle NEUERUNG für das kommende april-festival ist die location crew“. da mögen kunstschaffende zusammenfinden, die gut mit einander können. die gruppe ist in sich autonom. eine „schlüsselperson“ ist das verbindungsglied zur „basis-crew“ von „kunst ost.

das ist ein wichtiger entwicklungsschritt hin zu mehr selbstorganisation der kunstschaffenden in der region, denn nur so wird sich in kulturellen vorhaben jene stabilität erreichen lassen, über die wir budget- und struktureinbrüche des kulturbetriebes kompensieren können.

ergänzend dazu gibt es auch gelegentlich die formation einer labor-gruppe. das sind kulturschaffende, die gemeinsam längerfristig an bestimmten aufgabenstellungen arbeiten.

auch die klare THEMENSTELLUNG des „april-festivals“ ist — unter anderem — diesem zweck gewidmet. was bedeutet das? die themenstellung ist ein wichtiger inhalt in der frage der KOOPERATION dreier sektoren: staat, markt und zivilgesellschaft.

das bedeutet praktisch, dieses april-festival ist als experiment angelegt, um praktisch zu erproben, ob und wie eine kooperation gelingen kann, in der a) leute aus politik und verwaltung (kommunen), b) unternehmen, betriebe und c) private kulturschaffende bzw. vereine zu einem GEMEINSAMEN VORHABEN finden können, in dem dann auch GEMEINSAM die nötigen mittel zur umsetzung aufgebracht werden. klar? klar!

bei "kunst ost" geht es primär um kollektive kreativität

neuerdings höre ich von der basis kunstschaffender her, das seien eben so meine „theorien“, ich solle es nicht so kompliziert machen, es habe ja auch bisher ohne solche pläne funktioniert und überhaupt, diese themenstellungen, das sei eine einschränkung der freiheit der kunst etc.

das heißt praktisch, einige leute WOLLEN nicht umdenken, sich neu orientieren, sich damit auseinandersetzen, daß sich zeiten und bedingungen gerade radikal geändert haben.

einige leute WOLLEN sich nicht damit befassen, daß der umstand „ich mache kunst“ kein hinreichender grund ist, von öffentlicher hand eine finanzierung zu erwirken. das bedeutet auch, auf dem vertrauten feld eingesessener akteurinnen und akteure ist mit etlichen leuten selbst über jahre eine kritische reflexion des eigenen tuns im zusammenhang mit dem lauf der dinge nicht zu erreichen.

dabei liegt ein simpler schluß nahe, der besagt: „wenn du es besser weißt, mach dein eigenes ding!“ im sinne der „freunde des partikularismus“ würde das beispielsweise bedeuten: „klemm dir eine mappe unter den arm, zieh los und schau, ob dir ein bürgermeister oder ein bankdirektor die kosten für deine personale hinblättert.“

mich beschäftigen dagen strategien, in deren zentrum eine praktische auffassung von „kollektiver kreativität“ steht. in solchen ansätzen werden bestimmte geschichten GEMEINSAM erzählt. und über die RELEVANZ a) der geschichten und b) der konkreten erzählweise, also der UMSETZUNG, sollen auch gute GRÜNDE entstehen, daß sich verschiedene instanzen aufraffen, die finanzierung solcher vorhaben MITZUTRAGEN.

was wir da bei „kunst ost“ erforschen, folgt also der idee, einige KULTURPOLITISCHE innovationen zu erarbeiten, wege dort hin zu entwerfen und zu erproben. das ist ein fixer bestandteil der arbeit von „kunst ost“.

das bedeutet, wir sind hier nicht „dienstleister“ für andere kunst- und kulturschaffende, sondern kooperationspartnerinnen und -partner für konkrete projekte, nein, IN konkreten projekten.

Kunst ist kein Hobby

so hat christian henner-fehr einen aktuellen beitrag in seinem „kulturmanagement blog“ überschrieben: [link] dabei eröffnet er gleich mit einem sehr populären klischee: „Wer sich künstlerisch betätigt, wird von seinem Idealismus angetrieben und macht das nicht wegen des Geldes. Solche Sätze haben Sie wahrscheinlich auch schon des öfteren gehört.“

woher kommen solche ideologischen konstruktionen? ursprünglich ist das ja eine sehr romantische vorstellung aus gesellschaftlichen kreisen, die andere für sich arbeiten ließen. wer sich nicht den ganzen tag abrackern mußte, um ein leben zu haben, durfte freizeit und muße darauf verwenden, sich „edle lebenszwecke“ auszudenken.

heute hat eine im sturm der boulevard-medien geglättete „freizeitgesellschaft“ auf neue art sinnkrisen. vor allem auf sehr viel breiterer basis. da müssen dann zum beispiel romantische vorstellungen was kunst sei als „sinnstiftungsgeschäft“ herhalten.

wir werden heuer im rahmen der „talking communities“ quer durchs jahr ein wenig beleuchten, welche unterschiedlichen positionen in unserer umgebung bestehen und welche begriffsklärunen sich allenfalls als nützlich erweisen.

es wird nicht darum gehen, eine position gegen die andere auszuspielen, sondern besser zu lernen, wie sehr unterschiedliche zugänge neben einander und manchmal mit einander bestehen können, um in summe ein kraftvolles kulturelles klima zu tragen.

[talking communities]

horizonte und reflexe

das jahr 2011 beginnt wie eine ausfahrt ohne klarheit, was hinter dem nächsten horizont liegt. die kulturpolitische situation hat in teilen des kulturbereiches zu einem üblichen, schon etwas antiquierten reflex geführt.

es wird ein „kulturkampf“ proklamiert. der handelt allerdings erfahrungsgemäß davon, daß zuständigen funktionären in politik und verwaltung die türen eingerannt werden. das sollte eigentlich nicht „kampf“ genannt werden, sondern „lobbyarbeit“.

der artikel zur headline in „der standard“: [link]

dieses reaktionsmuster ist fad. ich kenne es seit jahrzehnten. es läßt sich dabei vorhersagen, wer a) dabei am lautesten schreien wird und b) was dabei herauskommen wird. mich beschäftigt seit einer weile ein ganz anderer zugang. der basiert auf einer vorstellung von wechselseitiger verpflichtung im verfolgen gemeinsamer interessen.

es ist ja eine grundlegende idee im denkmodell von den „drei sektoren“, daß also akteurinnen und akteure aus den bereichen staat, markt und zivilgesellschafft in konkreten vorhaben mit einander KOOPERIEREN. das handelt freilich auch von einem vollkommen anderen rollen-modell im umgang mit einander. die kampf-attitüde als letztlich leere geste ist dabei kein interessantes rollenangebot. eine zentrale aussage im aktuellen blatt des projekt-logbuchs [link] besagt:

>>Wir erproben bei „kunst ost“ einen Arbeitsansatz, der sich nicht auf behauptete Pflichten stützt, wie man sie sich von Institution zu Institution gerne zuruft oder über die Medien ausrichtet. Wir versuchen Formen der Kooperation herbeizuführen, die von einem Bedürfnis nach wechselseitiger Verpflichtung getragen sein sollen. Kooperieren heißt ja unter anderem, mir ist nicht egal, was die Interessen und Bedürfnisse der übrigen Beteiligten sind.<<

das handelt übrigens auch von der vorstellung, über gehabte bruchlinien und vertraute ressentiments hinwegzusteigen. im kultur- und kunstbereich wird ja ganz gerne ein „WIR“ angedeutet, das sich in bildern einer „szene“ beschreiben ließe; das meiste davon: phantasmen. legenden. diese szene hat auf dem steirischen feld der kunst und kultur längst auch seine „kameradschaftsbünde“, die sich aktiver legendenbildung widmen.

ich habe gegenüber solchen tendenzen keinen einwand. derlei schafft sich von selbst in irgendwelche depots, womöglich auch in manches museum. gut so. hauptsache der krempel liegt einem nicht vor den füßen herum.

talking communities #3

kulturelle salons, zirkel, das hat so seine historien. diese kulturellen ereignisse, seit dem 18. jahrhundert in europa von bedeutung, waren in unserer geistesgeschichte prägend. sie waren auch die quelle bemerkenswerter geschichten.

ein beispiel: fjodor dostojewski gehörte einem zirkel an, in dem er einen text von wissarion belinski verlas, der gogol gewidmet war. dieser leseakt brachte ihn nach sibirien. der zar hatte ihm die lesung mit verbannung und zwangsarbeit quittiert.

sie merken schon, romantisch ist das eigentlich nicht. außerdem handeln solche geschichten von kreisen, denen meine leute nicht angehört haben. was sich dann als „bürgerlicher salon“ herauskristallisierte, ein hort kultureller entwicklungen (und politischer merkwürdigkeiten), kann eigentlich auch kein angemessenes modell für mein milieu abgeben.

nostalgia 1984: martin krusche (links) mit dem filmemacher herbert josef grosschedl

heute ranken sich viele legenden um das grazer „forum stadtpark“. das meiste davon halte ich für kreative privatmythologien, wenngleich man die meriten von fredi kolleritsch & co. ja nich gering schätzen muß. das war die generation vor uns. und die ist hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt gewesen. (diesbezüglioch sind wir bei diesen professoren und bohemiens in die lehre gegangen.)

schließlich gab es „graz underground“ in den 1980er-jahren, boheme-hafte zustände, künstlerisch betonte kreise der nachfahren von keuschlern, kleinhäuslern, dienstboten. wie viele generationen hatte es bisher denn gegeben, um solche art der „kulturellen kreise“ zu erproben? wir waren eher „offene zirkel“, ohne gemeinsames programm, ohne gemeinsame vorhaben im kunstbetrieb.

nostalgia 1984 (von links): walter grond, lucas cejpek, helga glantschnig und stephan eibel erzberg

unter uns gab es zwar vereinzelt leute, die situierter mittelschicht entstammen, aber das war ja eigentlich kleinbürgertum, bildungsbürgertum, also seinerseits noch in erheblicher sozialer distanz zu dem, was in den rund 200 jahren davor „salon-kultur“ ausgemacht hatte.

die unsägliche „verschnöselung“ des bildungsbürgertums hat inzwischen einige terrains frei gemacht. was meint „verschnöselung“? ich habe es seit vielen jahren im kulturbetrieb laufend mit akademisch graduiertem personal zu tun, darunter erfüllen nur die wenigsten leute grundlegende standards ihres milieus. ich kann bei diesen leuchten die simpelsten standards an kunstverständnis und wissen um kulturelle zusammenhänge nicht voraussetzen.

solche „schnösel“ habe ich nicht nur in politik und verwaltung, sondern auch in allerhand managements vor der nase. da herrscht eine stichwortgeberei, ein einwerfen von floskeln, aber wenn ich genauer nachfrage, falle ich in’s leere. das hat kulturpolitisch fatale folgen.

so sind wir schon eine weile damit befaßt, adäquate situationen zu entwerfen, die einer entspannten debatte über fragen der kunst und des kulturbetriebes förderlich sind, ohne dabei zu einer billigen karikatur bürgerlicher kultursalons zu werden. das sind hintergründe des weges von „talking communities“

— [talking communities] —

fehler machen

wir haben die freiheit, auch fehler zu machen. „kunst ost“ ist eine art forschungsprojekt. ein „kulturelles labor“. wir brauchen also die möglichkeit herauszufinden, welche optionen etwas taugen und welche wir hinter uns lassen sollten.

ich hab im vorigen eintrag notiert:
>>“provinz war gestern!“ und zwar auf jeden fall da, wo uns die dinge gelingen.<<

und weiterführend:
>>was uns zwischendurch mißlungen ist, macht uns zwar keine freude, hat aber einen bescheidenen nutzen im sinne von „fein, daß wir diese fehler abhaken können. nicht nötig, sie zu wiederholen.“<<

an welchem haken hängt man, wenn man nur mehr im kreis rennt?

ich halte das für zwei ganz wesentliche referenzpunkte im gesamtvorhaben „kunst ost“. als wir losgezogen sind, um in der sache etwas zu klären, auch: zu erreichen, war INNOVATION eines der motive. sowas behauptet man leicht, es löst sich schwer ein. ferner: wo immer öffentlich gelder verwendung finden, um private vorhaben zu verstärken oder überhaupt erst zu ermöglichen, sollten intentionen und vereinbarungen transparent sein.

dies ist eine republik, also eine „res publika“, eine „öffentliche angelegenheit“. dabei hat unsere erfahrung gezeigt, daß transparenz der intentionen und vorhaben keineswegs oberste priorität hat. weder in der lokalpolitik, noch im regionalgeschehen ist das gesichert.

in dem zusammenhang haben wir sehr gegensätzliche erfahrungen gemacht. es gibt leute aus politik und verwaltung, die offen handeln und eine gewisse risikobereitschaft zeigen, jenseits der dummen heuchelei, die so tut, als würden wir alle stets erfolge produzieren.

wir sind aber auch mehrmals gegen eine alte art der „funktionärsherrlichkeit“ geprallt, was meint: alteingesessene kommunale kräfte, denen schon lange nichts diskussionswüdiges mehr eingefallen ist, erleben heute einen realen funktions- und bedeutungsverlust. dafür revanchieren sie sich mit aggressiven schritten bis an den rand von rufschädigung und geschäftsstörung.

ich habe keinen zweifel, daß die momentan anstehenden problemlagen und veränderungsschübe so massiv wirken, daß gelegentlich herrschende funktionärs-inkompetenz in naher zukunft immer offenkundiger werden wird. solche herrschaften werden ihre kräfte dann brauchen, um den eigenen sessel noch halbwegs zu sichern, es wird ihnen nicht genug energie bleiben, neue projekte anzufeinden.

was wählen, wenn es viele möglichkeiten gibt?

es geschieht ohnehin jetzt schon sehr viel hinter den kulissen der region. wir erfahren davon nur wenig, oft werden wir, wie zu sehen war, plötzlich vor vollendete tatsachen gestellt. das zwingt uns kurze reaktionszeiten auf und verlangt manchmal in kürzester zeit, mit einem brauchbaren „pan b“ unterwegs zu sein.

ich denke, diese aktuellen erfahrungen könnten eine passable anregung sein, das denkmodell von der kooperation der „drei sektoren“ weiter zu entwickeln. das meint die idee, staat, markt und zivilgEsellschaft stünden einander nicht als fordernde instanzen gegenüber, die einander pflichten auflisten, sondern sind einem bemühen um begegnung in augenhöhe gewidmet.

wenn das vorrangiges motiv augenhöhe ist, ergeben sich daraus ganz andere verfahrensweisen als jene, die ich bisher vor allem kenne. eine interessante themen- und aufgabenstellung für das kommende jahr …

einige takte status quo

es ist so greifbar: das jahr endet nun. ich hatte in den letzten wochen manchmal das gefühl, die mehrjährigen mühen unserer konsequenten aufbauarbeit auf dem kulturfeld könnten unter den aktuellen krisen von gemeinden, land und bund ins leere laufen und was erreicht wurde, sei in gefahr.

so ist es zum glück doch nicht. das verdanke ich vor allem inspirierten leuten, die sich weiterhin auf das einlassen, was wir uns vorgenommen haben. ich denke auch, daß der erhöhte druck im neuen jahr so manche spreu vom weizen trennen wird. denn was auf dem kulturfeld gehampel und stümperei ist, wird wohl kaum noch budgets erreichen.

zurück zu den basics: martin krusche bei den "talking communities" (reden, reden, reden, bis wir einander kannten) foto: "art klinika"

wir sind von nur wenigen aspekten der ganzen entwicklung überrascht worden, letztlich bloß von einigen details. das große ganze der einbrüche war absehbar und stand schon vor wenigstens einem halben jahr zur debatte.

wo die kunst auftritt, sind antwortvielfalt und sogar widersprüchlichkeit die regel. hier äußert sich die „conditio humana“ jenseits von verwertungslogik. (was freilich nicht ausschließt, daß aktuerinnen und akteure dann AUCH den weg auf diesen oder jenen markt finden.)

man könnte sagen: „kunst ost“ hat sich nicht eigentlich der kunst verschrieben, denn die ist sache der jeweils handelnden person und muß nicht „orgnaisiert“ werden. aber wir haben uns den BEDINGUNGEN der kunst gewidmet; und einigen ihrer grundlagen. (wir unterscheiden also zwischen „kunst“ und „kunstbetrieb“.)

aktion und reflexion beinander halten: kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov

das drückt sich auch in der aktuellen besetzung des „kern-teams“ aus, woduch wir ein komplexes konzept zu realisieren suchen. mirjana peitler-selakov ist nicht nur kunsthistorikerin und seit einiger zeit als freie kuratorin tätig, sie ist ursprünglich auch dipl. ing. der elektrotechnik.

etliche umsetzungsfragen sin keinen spielereien gewidmet, sondern professionellen abwicklungen: kulturmanagerin nina strassegger-tipl

nina strassegger-tipl ist kulturmanagerin, die sich zur zeit verstärkt dem thema öffentlichkeitsarbeit widmet, bei uns überdies speziell als fachreferentin der „voluntary arts“ tätig wird. diesen bereich könnte man als die „soziale schwester“ der gegenwartskunst verstehen.

ich bin künstler und repräsentant einer art under net conditions“, die sich in menschlicher gemeinschaft als längerfristiger prozeß entfaltet, ohne dabei – was heutzutage recht populär ist – konventionelle sozialarbeit als künstlerische praxis zu behaupten.

daß wir mit den finanzierungsfragen zum 2011er-jahr weitgehend von vorne beginnen müssen, ist fast schon business as usual. ich möcht annehmen, das läßt sich genauso lösen wie einiges an inhaltlichen fragen, die aus unseren letzten arbeitsjahren abzuleiten sind.

nehmen sie mit uns kontakt auf, wenn ihnen diese art des zuganges zu einem kulturellen engagement auf der höhe der zeit interessant erscheint!