Schlagwort-Archiv: kulturpolitik

gegen stagnation und kompetenzverlust

sie kennen das problem? in einer konsumkultur lautet ein vorherrschendes prinzip: ich produziere, du kaufst! unsere erfahrung besagt, daß sich solche beziehungen auf beunruhigende art verselbstständigen und von den eigentlichen inhalten ablösen können.

es ist mir unvergeßlich, wie ich von einem regionalen management einmal mit der anforderung konfrontiert wurde, ich möge etwas „knackiges“ liefern, das sich den bürgermeistern „verkaufen“ ließe. sie ahnen schon, wir sind in diesem punkt nicht einig geworden.

eine kulturinititiative, die sich u.a. der besseren allgemeinen wahrnehmung von gegenwartskunst widmet, hat in ihrem „leistungsheft“ keinen einzigen passus, der von „knackigem“ handelt. es geht auch nicht darum, jemandem etwas zu „verkaufen“.

wenn politikerInnen schäumen: würde ich zu einem kulturthema nur einen bruchteil streitlustiger büergermeisterInnen in den saal bekommen?

außerdem ist in den prozessen, die wir eingeführt haben, ZEIT ein unendlich wichtiger faktor. demnach: knackig, um flott zu sein und schnell anzukommen, das wäre vermutlich ein großer pluspunkt bei der freiwilligen feuerwehr, doch im kulturbereich ist ein katalog der prioritäten etwas anders geordnet.

ich fasse es so zusammen:
wären kunst und kultur metiers, in denen sich den menschen etwas „knackiges“ andienen und verkaufen ließe, hätte man sowas überdies in wenigstens einem halben jahr im kasten, dann würden wir vermutlich nicht diese umfassende stagnation und diesen rasenden kompetenzverlust erleben, von denen in österreich heute praktisch jeder spatz von jedem dach pfeift.

aber eine menge grundlegender menschlicher kompetenzen lassen sich eben nicht im modus „fast foreward“ implementieren.

ich darf widerholen, was ich an verschiedenen stellen schon erwähnt habe:
im land mit einem der teuersten bildungssysteme europas, das eines der schlechtesten ergebnisse europas produziert, hat laut „gemeindebund österreich“ kein metier so hohe zustimmung zu KÜRZUNGEN wie „kultur“. zugleich ist, ebenfalls laut „gemeindebund österreich“, kein bereich so hoch gereiht, wenn man fragt, wo sich menschen ehrenamtlich engagieren möchten; nämlich: kultur.

es ist von verblüffender radikalität, daß gerade jene genres mit so viel landläufiger abschätzigkeit bedacht werden, die realen anlaß und konkrete verfahrensweisen bieten, um menschen in fragen der selbstvergewisserung, der wahrnehmungs-erfahrungen und des kommunikationsvermögens voranzubringen.

wir reden über kunst und ihre bedingungen: künstlerin eva ursprung in der gleisdorfer ausstellung von künstlerin ulla rauter

kaum ein metier gibt, wie die kunst, gelegenheit, sogar das einander widersprechendes als gewinn zu erleben. die befassung mit kunst zeigt in allem, belegt, beweist und zelebriert: unsere angelegenheit ist nichts weniger als die fähigkeit, in der ANTWORTVIELFALT sich selbst und andere als vollständig und vital zu erfahren.

warum nennt wohl schon der § 1 des landeskulturförderungsgesetzes ziele wie „ die schöpferische Selbstentfaltung jedes Menschen durch aktive kulturelle Kreativität und die Teilhabe jedes Menschen am kulturellen und künstlerischen Prozess in jeder Region des Landes“ oder „eine zum Verständnis und zur Kritik befähigte Öffentlichkeit“?

wie kann es demnach einer etablierten funktionärswelt passieren, diesem einigermaßen deutlich verständlichen GESETZESAUFTRAG vollkommen ratlos gegenüberzustehen? wieso finde ich etwa in der „provinz“ kulturpolitisches handeln weitgehend bloß in einer veranstaltungs- und repräsentationskultur eingelöst, die an auffallend vielen stellen völlig ungeschminkt auf publikumsmaximiereung zielt?

anders gefragt:
was fällt gebildeten leuten eigentlich ein, diesen kulturbereich und das ihm zugehörige kunstfeld zu behandeln, als wären da TOURISMUS-agenda anhängig? und warum wird kaum ein zusammenhang zwischen solchen fehlleistungen und der statgantion wie dem unübersehbaren kompetenzverlust dieser gesellschaft hergestellt?

simon brault konstatiert: „keine kultur, keine zukunft“

ich kann es ihnen verraten:
weil sonst mindestens das akademisch gebildete personal unserer kommunen, aber letztlich auch alle andere arten von funktionstragenden in politik und verwaltung, ihre eigene KOMPETENZLAGE in sachen kunst und kultur auf stand bringen müßten. weil die eigentlich völlig unerklärliche INKOMPETENZ eines großteils dieser leute offenkundig würde.

ich trete JEDERZEIT den wahrheitsbweis an:
greif mir völlig beliebig 10, 15 kulturbeauftrage aus der „provinz“ heraus, setze sie mit mir an einen tisch und ich halte JEDE WETTE, daß allerbestens zehn prozent davon ein 20minütiges fachgespräch durchstehen würden, ohne sich nach spätestens fünf minuten in floskeln, plattitüden und gestammel zu flüchten.

außerdem halte ich für wahrscheinlich, daß keine zehn prozent aller steirischen kulturbeauftragten plus leute aus diversen regional- und tourismus-managements je einen blick in den gesetzestext geworfen haben, also die politische willensbekundung des landes steiermark auch nur flüchtig kennen.

warum kann das nicht öffentlich verhandelt werden? meine erfahrung besagt, daß jemand, der öffentlich sein gesicht zu verlieren droht, die rolleau runterläßt, kommunikation abbricht, jeden gedanken an mögliche kooperation auschlägt. auf solcher ebene ist also für uns nichts zu erreichen.

das bedeutet zwingend, daß wir andere verfahrensweisen finden müssen, um diesen zustand der stagnation zu überwinden; auch um uns nicht selbst in jenen kameradschaftsbund derer mit verlorenen kompetenzen einzureihen. wenn nämlich nicht reichen sollte, daß immer nur die anderen schuld seien, dann liegt vor uns eine erhebliche anforderung, ideen und praktikable modi zu entwickeln, wie und wodurch wir aus dieser stagnation rauskommen.

ich kennen noch eine option. sich einer internationalen nieten-solidarität anzuschließen und mit gelegentlich pittoreskem auftreten, ergänzt duch romantisches gebrüll, vergessen zu machen, daß man selbst längst ein kind der ratlosigkeit geworden ist.

das ist eine demokratie. man darf also frei wählen, welcher haltung man anhängen will.

die erfahrung von weng

ein dampfer legt sich nicht in die kurve, nur weil der schiffsmotor eben ein paar ps mehr aufbringen kann. eine ländliche region ändert nicht ihr kulturelles antlitz, nur weil gerade für ein, zwei jahre erhöhte kulturbudgets zur wirkung kommen. und jetzt ist es in vielen ländliche gemeinden sogar sense mit den wenigsten halbwegs adäquaten kulturbudgets.

dazu kommen noch allerhand andere beeinträchtigungen, von denen ich ihnen hier gar nicht erst erzählen will, weil das schnell fad wird. wir haben ja während der letzten 20 jahre längst so ungefähr 200 problemkataloge erstellt und veröffentlicht. ein lebhaftes geschäft, bei dem wir nun von einigen frischen krisen eingeholt worden sind. also wird es zeit, die befunde auf stichhaltigkeit zu überprüfen, schlüsse zu ziehen, handlungspläne herauszufiltern und loszulegen.

"ForumK" live: manchmal sind wir so ernst, wie es den anschein hat...

warum diese töne? ich war eben in weng bei admont. franz maunz lebt und wirkt dort schon eine ewigkeit und drei tage als jazz-promotor („wengerwirt„). das muß man an so einem ort erst einmal überleben. maunz ist außerdem akteur des kulturdachverbandes R*E*X, was unter anderem bedeutet, er weiß als insider, wozu eine „regionale“ momentan in der lage ist und wozu nicht.

"broadlahn"-sänger ernstl huber (links) und jazz-promotor franz maunz beim ausklang einer welschriesling-meditation

am 6. juli fand in weng ein „ForumK“ statt, also eine jener diskursveranstaltungen, die der R*E*X in gang hält, um brisante frage- und themenstellungen zu bearbeiten. in unserem metier herrscht quer durchs land ein wenig diskursfaulheit, was anderen interessensgruppen zu allerhand von genau jenem spielraum verhilft, dessen konsequenzen im kulturbetrieb zur zeit beklagt werden.

leute wie wir haben ende der 1970er- und entlang der 1980er-jahre entworfen, erprobt und durchgesetzt, was heute als „autonome initiativenszene“ präsent ist. künstlerische genres, deren darbietungen wir jenseits von graz damals erst eingeführt haben, sind heute standard selbst kleiner gemeinden, soweit sie über kulturbeauftragte verfügen.

in vielen gemeinden waren es aber nicht leute der politik, sondern engagierte privatpersonen, die das initiiert haben, weil seitens der kommunen niemand in der lage oder daran interessiert gewesen wäre, gegenwartskunst im bildenden bereich, zeitgenössische literatur, kabarett, jazz, folk und blues zu promoten.

diese genres fanden einst weder akzeptanz, noch budgets; kurioser weise vor dem hintergrund, daß viele authentische formen von volkskultur den bach hinuntergingen und von dümmlichem mainstream-kommerz überlagert wurden. es ist mit bis heute ein rätsel, warum zum beispiel menschen aus der agrarischen welt sich ein lächerliches bis groteskes zerrbild ihres eigenen lebens als „freizeitgenuß“ verkaufen lassen.

diskurs am morgen danach: GEA-boss heinrich staudinger (links) und jazz-promotor franz maunz sind einig, daß wir auch über eigenarten der heimischen ökonomie klare aussagen treffen können sollten

wie dem auch sei, leute wir wir haben jedenfalls nun jahrzehnte arbeit und engagement darauf verwendet, das kulturelle gefälle zwischen „zentrum und provinz“ abzuflachen. wie sich aktuell zeigt, hat uns das etwa die politik nicht gelohnt, indem sie es schaffte, im gleichen zeitraum das strukturelle gefälle wenigstens etwas abzuflachen. ganz im gegenteil, wir haben eine neue landflucht am hals, die demographische entwicklung ist einschüchternd schlecht, auf dem lande verkrampfen sich allerhand funktionstragenden im thema neu anstehender gemeindezusammenlegungen. es geht also eindeutig in stürmisches wetter und der dampfer hat motorschaden.

wir haben nun vielfach anlaß, diskurse über kunst, kultur und kulturpolitik in den regionen am laufen zu halten. dieses reiche land erfährt eine wachsende stagnation in vielen gesellschaftlichen bereichen. der rasende kompetenzverlust, den diese gesellschaft erleidet, hat unser metier nicht ausgenommen. welche ausreden würden noch übrigbleiben, um nun jene kompetenzen, die wir für uns reklamieren, nun nicht auch konsequent anzuwenden?

ich hab mit franz maunz und einigen anderen leuten übereinkunft: wir prüfen unsere befunde, ziehen schlüsse daraus und handeln entsprechend. wir sind einig, daß es vorrangig sein muß, nun deutlich zu machen und angemessen nach außen zu kommunizieren, welchen rang unser metier hat, was es zu leisten vermag und welche priorität unserer kulturellen praxis in dieser gesellschaft zufällt.

es kann nicht übersehen werden, daß eines der teuersten bildungssysteme europsas eines der schlechtesten ergebnisse europas produziert. es kann nicht geleugnet werden, daß etablierte funktionstragende der kommunen und des landes an immer mehr aktuellen problemen und aufgaben vorerst scheitern.

distanz zum landeszentrum darf doch kein garant für ein eklatantes, womöglich noch wachsendes strukturgefälle sein

es muß betont werden, daß die kommunikations- und arbeitsverhältnisse zwischen regionalen kommunen und landesebene, aber auch der kommunen und des landes zum bund hin, schwer belastet, teilweise sogar desaströs sind. unser aller leben ist zunehmend durch kommunikationsprobleme, stagnation und kostenexplosionen belastet. wie verblüffend, daß es in der kommunalpolitik österreichweit großen konsens gibt, das ließe sich zum beispiel durch einsparungen ausgerechnet im kulturbetrieb bessern.

das ist für sich schon ein irritierender beleg herrschender kompetenzmängel, denn a) ist kommunikation ein kernbereich soziokultureller agenda, b) hat der kulturbetrieb ein höchstmaß an ehrenamtlichem engagement von bürgerinnen und bürgern, c) hat der gesamte kreativsektor, dem dieser kulturbereich zugerechnet werden muß, wirtschaftlich wesentlich bessere wachstumsraten und entwicklungspotenziale als konventionelle branchen. (ich werde das bei nächster gelegenheit mit quellen belegen.)

wir werden das nicht lösen können, indem wir lange listen von schuldzuweisungen verfassen. wir haben zu klären, wofür wir uns selbst zuständig fühlen und was wir den formell zuständigen funktionstragenden abverlangen müssen, aber auch, was wir ihnen anbieten wollen.

wir haben zu klären, was uns selbst konkret einfällt, um die stagnation in dieser gesellschaft zu überwinden und den umfassenden kompetenzverlust wenigstens zu bremsen.

post scriptum:
die erfahrung von weng liegt nun vorerst darin, daß für mich deutlich wurde, ich bin nicht der einzige, der den status quo so bewertet und ich finde zunehmend erfahrene leute, der handlungspläne meinen ähneln.

klang und bewegung

der tag auf dem weg zu ulla rauters vernissage war von „belfast-wetter“ geprägt. das ganze spektrum von regen wind und sonne, mehrmals abwechselnd, kalt, warm und heiß im ständigen durchlauf. spaßige zustände! wie sehr wußte ich es zu schätzen, daß wir gerade zur ausstellungs-eröffnung, als ein arger regenguß sich über uns entlud, in einer mit glas bedeckten passage zugange waren.

künstlerin ulla rauter (mitte) und kuratorin mirjana peitler-selakov

kuratorin mirjana peitler-selakov hatte eine der interessantesten jungen künstlerinnen aus der klasse brigitte kowanz („angewandte“, wien) eingeladen. rauter arbeitet konsequent entlang einem klaren konzept, mit präziser umsetzung ihrer werke. an einer stelle im feature von peitler-selakov klingt das so:

„Das Ausgangsmaterial zu Sound Surfaces sind reale Ton-Quellen. Das ‚reale‘ Material wird durch das digitale Medium praktisch entfremdet und in einen einfachen Datenfluss übersetzt. So wird das Objekthafte, das Räumliche, zuerst auf reine Oberfläche reduziert und dann durch den Prozess des Lichtmalens transparent gestellt, in ein Konturenrelief verwandelt. Von der digitalen Spur wird aus dem Klang ein reduziertes Bild erstellt; oder die Bewegung initiiert.“

in der praxis war das dann an kuriosen technischen umsetzungen zu erfahren, die einerseits in ihren funktionen, andererseits in den ästhetischen qualitäten der erscheinung überraschen, um schließlich in ihrer anwendung denk- und erfahrungsprozesse anzustoßen.

der leib als teil des instrumentes

ein beispiel für gegenwartskunst, die zum einen theoriegeleitet ist, also auf komplexen deutungen unseres technischen und medialen status quo beruht, zum anderen ein ästhtetisches ereignis sind, was meint: wahrnehmungserfahrungen initiieren, um dann, drittens, weiterführende denkprozesse zu triggern.

wir haben hier in der region noch vorherrschende auffassungen, vom erbauungs-, erfreuungs- und letztlich unterhaltungscharakter, der sich dem kunstgeschehen aufbürden ließe. so wie vernissagen, allerdings zu recht, mit der funktion eines sozialen ereignisses befrachtet sind.

würde das in summe bloß zu einem fröhlichen KONSUM von wein, brötchen und sinneseindrücken führen, bliebe das ein ereignistyp, den man beruhigt an den sozialausschuß für eine kooperation mit dem tourismus-büro abgeben könnte.

hier ist das dann doch wesentlich anders angelegt und genau nicht so aufbereitet, um den prinzipien unserer konsumkultur zu dienen.

geselliges ereignis UND rahmen für denkanstöße

der abend mit ulla rauter hat zu einigen debatten geführt. dabei stand erneut klar im fokus: die kunst ist die kunst und hat keine anderen aufgaben, als ihren eigenen möglichkeiten gewidmet zu sein. aber die BEFASSUNG mit kunst, egal ob schaffend oder rezipierend, führt zu erfahrungen und kompetenzen, auf die ein gemeinwesen dringend angewiesen ist.

spät am abend waren wir in einer verbleibenden runde auch dabei angelangt, daß wir dieser unserer gesellschaft einen rasenden KOMPETENZVERLUST zuschreiben dürfen, der ziemlich viele lebensbereiche betrifft. das gipfelt unter anderem in der tatsache, daß eines der reichsten länder der welt eines der teuersten bildungssysteme europa mit einem der schlechtesten ergebnisse europas hat.

auch die aktuellen ereignisse in den kontroversen zwischen kommunen, land und bund lassen sich ohne probleme als ausdruck eines zusammenbrechens von kommunikationslagen anläßlich gescheiterter problemlösungsmomente erkennen.

in eben diesen zusammenhängen können wir geltend machen und nachweisen, daß ein kulturelles engagement auf der höhe der zeit möglich ist, welches solche probleme nicht gleich aus der welt schafft, wo aber strategien und verfahrensweisen erprobt werden, in denen sich auf lokaler und regionaler ebene wieder wege öffnen lassen. wege der kommunikation, der selbst- und fremderfahrung, des begreifens immer komplexerer gesellschaftlicher zustände, bei gleichzeitiger praxis des HERUNTERBREMSENS jener schnell-schnell-welterklärungsmethoden, die ja offensichtlich immer tiefer in stagnation hineinführen.

– [frauenmonat 2011: FMTechnik!] –

verbreiterung

ich habe kürzlich erzählt, daß wir von hier aus nach süden eine kooperation entfalten. künstler gerhard flektsch (verein „bluethenlese“) und schloßbesitzerin annabella dietz (schloß hainfeld, nahe feldbach) gehen mit uns in einigen arbeitsansätzen d’accord. siehe dazu: „verdichtungen“!

nun habe ich ein ausführliches arbeitsgespräch mit kulturwissenschafter günther marchner („consalis“) hinter mir. marchner ist ein langjähriger und profunder kenner der initiativen-szene. er arbeitet teils auf der meta-ebene, aber auch an der basis. wir haben nun übereinkunft, eine themenstellung gemeinsam zu bearbeiten und die aktivitäten dazu in einem wechselspiel zwischen obersteiermark und oststeiermark zu realisieren.

es geht im kern um VERGESSENES WISSEN, also um jene kompetenzen, die in regionen noch vorhanden, aber teils verschütt gegangen sind. dabei sehen wir praktische möglichkeiten, unsere kulturellen fragestellungen einerseits im kunst-kontext zu bearbeiten, andererseits an unternehmen der regionen heranzuführen und sie drittens auch auf der meta-ebene zu bearbeiten.

kulturwissenschafter günther marchner ist u.a. seit jahrzehnten mit theorie und praxis der initiativen-szene befaßt

der „kunst ost“-modus „zwischen grundlagen, alltagspraxis und kunst“ bewährt sich ja zunehmend. mit diesem aspekt von wissensmanagement, den marchner nun schon eine weile bearbeitet, sehen wir eine gute möglichkeit, die verschiedenen genres und themenstellungen stärker miteinander zu verweben.

wir haben konsens, daß im kern eine betrachtung des wechselspiels zwischen agarischer welt und industrialisierter welt jene kräfte sichtbar macht, denen auch das kunstgeschehen ausgesetzt ist, respektive in dem ein kunstgeschehen jenseits des landeszentrums überhaupt erst raum und ressourcen findet.

ich habe in diesem zusammenhang nun viele jahre das denkmodell von den „drei sektoren“ forciert, in dem staat, markt und zivilgesellschaft zu kooperationen finden mögen. das ist vor allem im projekt-logbuch nachzulesen, etwa 2007: [link], 2008: [link] etc., aber auch an etlichen anderen stellen der dokumentation unserer laufenden arbeit.

wir sehen uns, was anregungen betrifft, auch immer wieder in anderen ländern um. so haben wir einen wichtigen aspekt des regionalen kunstgeschehens durch erfahrungen von kulturschaffenden in irland besser zu differenzieren gelernt. sprachregelung und inhaltliche dimensionen der „voluntary arts“ sind uns in belfast greifbar geworden: [link]

aktuell haben wir in kanada eine interessante korrespondenz mit unseren zugängen entdeckt. simon brault „is both a member of Canada’s cultural establishment and an iconoclast dedicated to its reimagining.“ eine sehr interessante position! zu braults funktionen zählt auch jene des „chairman of Culture Montreal, a grassroots organization that over the last decade brought together governments, business, and Montreal’s arts community to design and pay for a cultural renaissance in the city.“ [quelle]

der kanadische kulturschaffende simon brault (foto: maximecote)

da wurde ich natürlich sehr hellhörig: eine basis-organisation, die während des letzten jahrzehnts regierung, geschäftswelt und die kunst-community von montreal zusammengebracht hat, um eine kulturelle wiedergeburt der stadt zu entwerfen und zu bezahlen. das ist also offenbar ein großes praxismodell der kooperation jener drei sektoren, von denen ich hier seit jahren rede.

noch eine spezielle passage in jenem interview mit brault hat mein spezielles interesse geweckt: „A lot of the arguments that were made against the arts cuts were quite self-serving or defensive, without regard for consequences for Quebeckers and Canadians outside of the community.„ das kommt mir doch sehr vertraut vor.

simon brault konstatiert: „keine kultur, keine zukunft“

ich übernehme hier braults statement „no culture, no future“, das mit dem weißen kreuz auf schwarzem feld auch ein zeichen erhalten hat. ich denke, wir werden in unserem umfeld diesen überlegungen von simon brault noch ausführlicher nachgehen…

wovon handelt kulturpolitik? #3

ich halte die laune gesetzestexte zu ignorieren, weil sie als „trockene materie“ gelten, für eine problematische pose. in einer repräsentativen demokratie sind das jene texte, die faktisch einen breiten gesellschaftlichen konsens ausdrücken, auch wenn vox populi da und dort anders klingen mag. aber noch wichtiger: das sind regelwerke, auf die ich mich berufen kann, wenn ich mit leuten aus der politik bedingungen zu verhandeln habe.

ich hab im beitrag #16 von „was ist kunst?“ erwähnt: „vor dem hintergrund dieser kräftespiele und bewertungsprozesse, die allerhand mit definitionsmacht zu tun haben, steht es uns allen natürlich frei, uns in selbstermächtigung zu üben. ich denke, es ist so banal, wie es erscheint: wenn ICH sage, daß es ein kunstwerk ist, dann ist es eines. (kaum ein aspekt des kunstgeschehens scheint mehr zu provozieren als dieser!)“ [link]

wir haben die freiheit zu staunen, dinge in frage zu stellen, nichts für selbstverständlich zu halten, das ist sogar per gesetz keinesfalls eine domäne der kunstschaffenden, sondern aller bürgerinnen und bürger

selbstermächtugung in der kunst, um sich seine themen frei zu wählen, über die wege der umsetzung frei zu entscheiden, also mit einem höchstmaß an selbstbestimmung vorzugehen. das soll man dürfen? womöglich ohne ansehen der eigenen sozialen position, des ranges innerhalb einer gemeinschaft? ist da nun von „freiheit der kunst“ zu reden?

ja und nein. eigentlich ist vor allem einmal von der freiheit ALLER bürgerinnen und bürger zu reden, wie uns das auch in den niedergeschriebenen grundlagen unseres staates verbrieft wurde, wie es überdies als teil umfassender menschenrechte verstanden wird.

sollten kunstschaffende die einzigen sein, die das für ihr metier andauernd im munde führen, dann müßte sich eigentlich der rest der menschen fragen, warum, sie es NICHT tun, wo uns derlei freiheiten allen zugesichert sind.

anders ausgedrückt: können sie mir sonst noch professionen nennen, bei der diese grundlegenden freiheiten nicht nur verbrieft sind, da gibt’s ja mehrere, sondern auch so permanent gegenstand öffentlicher äußerungen? doch auch die gegenfrage liegt nahe: können sie mir nur eine profession nennen, die sinnvoll und zielführend auszuüben wäre, ohne solche grundlagen zu brauchen?

das thema „freiheit der kunst“ kommt im österreichischen bundesverfassungsgesetz nicht vor, im staatsvertrag schon gar nicht. im staatsgrundgesetz „über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger für die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder“ können wir aber fündig fündig werden: „Artikel 17a. Das künstlerische Schaffen, die Vermittlung von Kunst sowie deren Lehre sind frei.“ [quelle]

das ist deshalb der „Artikel 17a“, weil erst noch festgestellt wurde: „Artikel 17. Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei. Unterrichts- und Erziehungsanstalten zu gründen und an solchen Unterricht zu erteilen, ist jeder Staatsbürger berechtigt, der seine Befähigung hiezu in gesetzlicher Weise nachgewiesen hat. …“

dazu paßt dann auch: „Artikel 18. Es steht jedermann frei, seinen Beruf zu wählen und sich für denselben auszubilden, wie und wo er will.“

beide artikel haben voraussetzungen, welche nach dieser oder jener form der praxis verlangen, künstlerische praxis ist bloß EINE der möglichkeiten, wie sich dieses recht ausüben läßt: „Artikel 13. Jedermann hat das Recht, durch Wort, Schrift, Druck oder durch bildliche Darstellung seine Meinung innerhalb der gesetzlichen Schranken frei zu äußern. Die Presse darf weder unter Zensur gestellt, noch durch das Konzessions-System beschränkt werden. Administrative Postverbote finden auf inländische Druckschriften keine Anwendung.“

es gibt eine weitere sehr wichtige textstelle in österreichischen gesetzen, die besagt: „Artikel 1. Schutzgarantie der Vertragsstaaten. Die Hohen Vertragschließenden Teile sichern allen ihrer Jurisdiktion unterstehenden Personen die in Abschnitt I dieser Konvention niedergelegten Rechte und Freiheiten zu.“

damit bekennt sich der staat österreich zur „Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK)“, das ist die „Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950, BGBl. 1958/210“ (inklusive einem österreichischen „Vorbehalt zur MRK“).

darin lautet der „Artikel 9. Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. (1) Jedermann hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfaßt die Freiheit des Einzelnen zum Wechsel der Religion oder der Weltanschauung sowie die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen öffentlich oder privat, durch Gottesdienst, Unterricht, durch Ausübung und Betrachtung religiöser Gebräuche auszuüben. …“ [quelle]

der „Artikel 10. Recht der freien Meinungsäußerung“ vertieft noch, was nicht bloß kunstschaffende beanspruchen, sondern alle bürgerinnen und bürger für sich in anspruch nehmen dürfen: „(1) Jeder hat Anspruch auf frei Meinungsäußerung. Dieses Recht schließt die Freiheit der Meinung und die Freiheit zum Empfang und zur Mitteilung von Nachrichten oder Ideen ohne Eingriff öffentlicher Behörden und ohne Rücksicht auf Landesgrenzen ein. …“

ich möchte also eigentlich nicht hören, daß jemand sich aus diesem oder jenem grund über eine praxis der „freiheit der kunst“ empört, statt sie zu begrüßen, denn es wäre umgehend zu fragen: warum verzichtest du selbst auf solche freiheiten?

[übersicht]

die kulturpolitische entwicklung

in der 16. kalenderwoche 2009 habe ich im projekt-logbuch notiert: „Zum Kern einer, genauer MEINER Sache: Freelancers auf dem Kunstfeld.“ [link] die studie zur sozialen fage kunstschaffender kannten wir zu diesem zeitpunkt schon, sie war im oktober 2008 publiziert worden: [link]

(quelle: kleine zeitung)

damals wußten wir auch, daß die (inflationsbereinigten) kulturausgaben im staat seit 2000 ständig gesunken waren. da hätten wir uns quer durchs land verständigen können, was zu tun sei. so kam es leider nicht. ich hatte 2009 das überhaupt erste LEADER-kulturprojekt der steiermark in gang. meine annahme, das könnte sich zur plattform ausbauen lassen und neue kooperationsformen hervorbringen, war zu dem zeitpunkt naiv. (wir brauchten dazu viel länger.)

(quelle: kleine zeitung)

damals nahm ich so deutlich wie nie zuvor wahr, daß in der regionalpolitik plötzlich deutliche „absetzbewegungen“ gegenüber der kultur begonnen hatten. deshalb hatte ich aus der „kleinen zeitung“ jenes zitat von vizebürgermeister robert lamperti notiert. es sollten in der folge noch öfter – ohne jede nähere erläuterung – KULTURAUSGABEN negativ konnotiert werden; wie hier: als „unerfreuliche negativentwicklung“.

eigentlich ein deutliches und brutales zeichen, daß politische eliten den kulturbereich offenbar zunehmend als „dekorationsthema“ sahen, das bei bedarf heruntergestuft werden könnte, um spielraum und manövriermasse für andere gesellschaftliche bereiche zu gewinnen.

(2. leader-kulturkonferenz in deutschlandsberg)

waren wir gewarnt? haben wir reagiert? hier in der region sicher nicht! mehr noch: von einem „wir“ konnte gar keine rede sein. nach einer kulturkonferenz in deutschlandsberg (26.03.2009) hatte ich „Ein paar Takte Reflexion“ notiert: [link]

ich sehe in diesem text heute einige anregungen zu maßnahmen, die uns JETZT nützlich wären, wenn wir sie damals, 2009 (!), debattiert und angepackt hätten. hätten! haben wir aber nicht. welches „wir?“ eben!

da uns die politik keinesfalls im unklaren ließ, wie sie über unser feld dachte, wären wir wohl gefordert gewesen, die deutlichen zeichen zu interpretieren, schlüsse zu ziehen und zu handeln. aber NOCH trafen uns ja die kürzungen nicht, von denen zwar schon geredet wurde, die aber noch in weiter ferne zu liegen schienen.

inzwischen sind sie sehr viel schneller und umfassender bei uns angekommen, als wir wahrhaben wollten. daher waren die letzten monate von einiger mühe geprägt, unsere projekte auf kurs zu halten und wenigstens grundlegende finanzierungen zu sichern.

parallel dazu heißt es für mich: ab auf die meta-ebene! das ist nicht der pausenfüller, das muß simultan erledigt werden. also: laufender betrieb UND reflexion, was genau geschehen ist, wo wir angekommen sind, wie es nun weitergehen kann, auch: wohin.

ich komme aus einem denken über „eigenständige regionalentwicklung“, in dem zwei prinzipien hohen rang hatten:
a) das heil kommt nicht von außen, wir müssen selbst lösungen finden.
b) aktion und reflexion müssen beieinander und in wechselwirkung gehalten werden.

ich habe nun begonnen, meine aktuellen annahmen und schlüsse zu ordnen und zur debatte zu stellen.

das ist zugleich ein nachdenkprozeß im ringen um brauchbare handlungspläne. daher der leistentitel „wovon handelt kulturpolitik?“ [link] ich stütze mich dabei auf die annahme, daß wir den begriff POLITIK in unserer kultur aus ZWEI dimensionen, beziehungsweise sphären bezogen haben: POLIS, das gemeinwesen, heute würden wir sagen: die zibilgesellschaft, und POLITIKÉ, die „staatskunst“, worunter wir heute die politikerinnen und politiker der republik verstehen.

weil aber die debatte über KULTURPOLITIK auch eine debatte über SOZIALE BELANGE sein muß, habe ich meine eigenen karten offengelegt, damit wir auch klären können, von welchen beddingungen, möglichkeiten und ansprüchen wir im sozialen bereich sprechen.

deshalb gehe ich hier von meinem aktuellen einkommenssteuerbescheid aus, der illustriert, von welcher sozialen position aus ich meine überlegungen vorbringe: [link]

wovon handelt kulturpolitik? #2

bei einem ausführlichen gespräch mit dem wirtschafts- und kulturlandesrat christian buchmann und einigen regionalen funktionstragenden, wie etwa dem landtagsabgeordneten erwin gruber, sagte buchmann: „mehrheit ist wahrheit in der politik.“

wirtschafts- und kulturlandesrat christian buchmann (links) und landtagsabgeordneter erwin gruber

ob einem diese auffassung paßt oder mißfällt, so also läßt mich ein erfahrener landespolitiker wissen, was er innerhalb seiner sphäre im auge behält. buchmann ist sicher versiert genug, um nicht zu meinen, es sollen nur mehrheiten bestimmen, was zu geschehen habe. doch mindestens in der regionalpolitik wird sehr schnell deutlich, daß beispielsweise die bürgermeisterinnen und bürgermeister in kleinen orten keinesfalls ignorieren, was sich an stimmungen in der bevölkerung bemerkbar macht.

kurios bleibt, daß lautes murren mit mehrheiten assoziiert bleibt, was ja keine ausgemachte sache ist. wir wissen in der regeln nicht so genau, was „die leute“ allgemein denken. das sind meist mutmaßungen aufgrund von gerüchten, wanderlegenden, berichterstattung in den medien, leserpost in zeitungen, lauten auslassungen von deutungseliten etc.

aber wir wissen aufgrund von leserpost, umfragen und manchmal laut werdendem gemurre, daß der kulturbereich ganz allgemein und die gegenwartskunst im speziellen keinerlei mehrheiten hinter sich vermuten dürfen.

ob ministerin claudia schmied noch weiß, in welcher schublade die studie über die soziale lage kunstschaffender liegengeblieben ist?

mindestens jene studie [link] zur sozialen lage kunstschaffender, die seit jahren in irgendeiner schublade von ministerin claudia schmied verrottet, unterstreicht diese annahme sehr gründlich.

es weist seit jahren nichts darauf hin, daß mehrheitlicher zuspruch zu einer bezüglich gegenwartskunst offensiven und gut dotierten kulturpolitik vom himmel fallen könnte. es weist außerdem nichts darauf hin, daß politisches personal diesen oder jenen bonus bei seinem klientel riskieren möchte, um jenen sektor nennenswert zu stärken, der sich doch in tagespolitischen scharmützeln so handlich zur diskreditierung anbietet. schlimm? ja, schon. aber wen schert’s?

wir werden uns also voraussichtlich selbst um eine valorisierung unseres sektors kümmern müssen. ich gehe davon aus, daß ein anbrüllen anderer leute sich dafür am wenigstens eignet. ich nehme an, daß konsequente inhaltliche arbeit und das bemühen um strategisch bewirkten „bodengewinn“ uns in der sache voranbringen können.

das sind fragen der inhaltlichen klärungen, fragen der vermittlungsarbeit und fragen der kommunikation nach außen, also auch der medienpräsenz, in summe soziokulturelle agenda.

[übersicht]

streitkultur oder kulturstreit?

es herrscht quer durchs land viel dissens. genügt es nun, auf der straße präsent zu sein? ist offener protest als ausdruck von empörung ein hinreichendes mittel, um dem politischen personal des landes etwas auszurichten? wird im landhaus oder in der burg darauf reagiert, wenn sich hunderte oder gar tausende menschen auf der straße einfinden, um ihre forderungen laut vorzubringen?

landtagsabgeordnete ingrid lechner-sonnek

ich hab eine landespolitikerin gefragt, was ihr eindruck bezüglich dieser option sei. ingrid lechner-sonnek bestätigt klar, daß solche ereignisse nicht ignoriert werden. das öffentliche protestverhalten selbst und auch dessen mediale auswirkungen lösen in politischen kreisen reaktionen aus.

es sei überdies evident, daß am budget, dem anlaß für diese proteste, im letzten moment noch einige millionen euro in bewegung gebracht werden konnten, was ohne die rund fünftausend menschen auf der straße sicher nicht geschehen wäre.

das ist also die eine ebene des geschehens. da wird es interessant sein, erstens zu erfahren, wie praktikabel und prolongierbar diese präsenz und dieses ensemble von aktionsformen sind, um – zweitens – damit auf den lauf der politik einzuwirken.

mich interessiert freilich auch sehr, welche positionen und welche sozial- wie kulturpolitischen grundlagen heute zur debatte stehen. damit meine ich: mit WEM konkret kann ich WAS konkret verhandeln? auf welchen BEFUND des status quo stützt sich dieses verhandeln? in diesen fragen finde ich sehr unterschiedliche auffassungen vor.

so habe ich etwa das problem, im kulturförderungsgesetz des landes passagen zu finden, welche ich als kunstschaffender begrüße, weil sie mir akzeptable grundlagen für meine arbeit anbieten. aber ich finde diesbezüglich weder in politik und verwaltung angemessene sachkenntnis und bereitschaft, diesen gesetzlichen grundlagen nachzukommen, noch in meinem eigenen milieu einen ausreichend entwickelten stand des diskurses solcher zusammenhänge.

daraus muß ich – polemisch verkürzt – schließen: bei der bloßen entscheidung, die eigene empörung in einer straßenaktion umzusetzen, würden einander voraussichtlich leute aus a) der zivilgesellschaft und b) politik & verwaltung gegenüberstehen, die dem thema kaum gewachsen sind und keine klare vorstellung haben, welche strategien mit welchen zielen zu suchen wären. es bliebe also hauptsächlich, einander anzubrüllen.

ich kontstatiere das im KULTURbereich. den SOZIALbereich betreffend bin ich nicht ausreichend sachkundig, um den stand der dinge zu beurteilen. aber ich frage gerne leute, die das sind.

politikerin ingrid lechner-sonnek hat diese kompetenzen fraglos. franz wolfmayr hat sie ebenso. er ist präsident des EASPD, das ist der „europäische dachverband von dienstleistungsanbietern für personen mit behinderung“.

franz wolfmayr ist im dachverband der steirischen behindertenhilfe und auf europäischer ebene aktiv

ich habe mit wolfmayr gerade einen abend lang debattiert, wo wir in diesen angelegenheiten stehen und womit genau wir es zu tun haben. als eines der größten probleme weist wolfmayr den verlust jeglicher paktfähigkeit maßgeblicher politiker aus. das bedeutet, man könne sich auf getroffene abmachungen nicht verlassen und müsse sogar hinnehmen, daß eine gebrochene vereinbarung von der politik medial als erfolgreicher konsens gefeiert werde.

das ist zugleich schon eines der brutalsten symptome meines momentan bevozugten befundes, dem wolfmayr zustimmt. es geht mir um die „auseinandergebrochenen sphären“.

wir sollten eigentlich politik und zivilgesellschaft als zwei sphären eines größeren ganzen verstehen und erleben können. zwei sphären, die einander wechselseitig bedingen und daher nicht getrennt werden könn(t)en. das wird in unserer kultur übrigens allein schon das wort ausgedrückt, weil sich der terminus POLITIK von ZWEI begriffen herleitet, der POLITIKÉ und der POLIS. die „staatskunst“ und das „gemeinwesen“, also in heutiger deutung: politik und zivilgesellschaft. erst in ihrem zusammenwirken ergeben sie das, was wir POLITIK nennen, wenn wir damit NICHT parteipolitik meinen. jedes für sich, ohne das andere, ist in unserer derzeitigen auffasung von demokratie eigentlich weder vorstellbar noch zulässig.

nun erleben wir, daß diese beiden sphären faktisch auseinandergefallen sind. dazu kommt verschärfend, daß auch die kommunikation zwischen diesen beiden ebreichen weitgehend abgebrochen ist, was sich unter anderem genau darin zeigt, daß eine wechselseitige verpflichung offenbar nicht mehr wahrgenommen wird. das äußert sich zum beispiel in eben diesem entfallen von paktfähigkeit. (das ist eine brandgefährliche situation!)

nun haben die leute im sozialbereich vor allem damit viel erfahrung, denn das ringen um eine menschwürdige situation für behinderte handelt im kern seit wenigstens 30 jahren genau davon: FÜR jene, die nicht sprechen können bzw. nicht gehört werden, einzufordern und durchzusetzen, daß die „andere seite“ sich ihnen gegenüber klar verpflichtet und sie in dieser vereinbarung nicht im stich läßt. das ist, soweit ich es als zaungast miterlebt habe, die essenz jener entwicklungen, die im rückblick als „steirische integrationsbewegung“ darstellbar sind.

kleiner einschub:
wie kurios! genau DAS war für mich über jahrzehnte die vorherrschende konnotation des begriffes INTEGRATION, daß behinderte und nichtbehinderte die gleichen lebensräume bevölkern sollen und nicht ein teil in nischen bzw. reservate entsorgt wird. heute ist das wort integration mit völlig anderen assoziationen verknüpft.

egal, ob wir uns nun einem teilbereich wie „behinderte“ oder „kunstschaffende“ zurechnen, beide von sozialer marginalisierung geprägt, ob wir das feld der gesamten zivilgesellschaft ins auge fassen, es stellen sich einerseits fragen nach dem „WIR“, worauf es sich stützt und wie es zustandekommt, es stellen sich aber auch fragen für die einzelne person:
+) bin ich sichtbar?
+) werde ich gehört?
+) werde ich verstanden?

das ist einer der aspekten, den wir erörtert haben. gelingt es uns, eine art grundanforderung zu erkennen, die letztlich ALLE gemeinsam haben, egal welcher „peer group“ sie sich zurechnen? dem folgt dann die überlegung, welche kulturelle und mediale ausstattung uns nützt, auf diese fragen befriedigende antworten zu erleben.

— [kunst.rasen: assistenz] —

klärungsbedarf

wir sind uns definitiv einig: die KUNST ist die kunst und hat ihren zweck in der kunst. sie ist kein werkzeug „um zu…“, kein soziales programm, keine wellness-einrichtung, keine tourismus-maßnahme. als kunstschaffende widmen wir unsere künstlerische praxis der kunst. basta! aber!

wir sind als künstler soziale wesen, politisch anwesend. das bedeutet, wir verwenden unser reflexionsvermögen auf den lauf und den stand der dinge. und wir bringen unsere kompetenzen, die wir unter anderem in langjähriger befassung mit kunst erwerben, als engagierte bürger in das gemeinwesen ein.

christian strassegger

nein, das ist jetzt keine erklärung, keine verlautbarung, kein manifest. dieses WIR ist ein sehr loses, eigentlich: flüchtiges, das sich über kommunikationsverhalten und gelegentliche zusammenkünfte konstituiert. wir sind keine gruppe. die zusammensetzungen an den tischen sehen meist höchst unterschiedlich aus.

so, das war nun die stunde der offenbarungen. mehr ist davon augenblicklich wohl nicht nötig. „kunst ost“ ergibt einen MÖGLICHKEITSRAUM, in dem sich gelegentlich etwas von all dem verdichtet. manchmal heißt das auch einfach: ein paar drinks und über das leben wie über die kunst plaudern.

mir ist freilich die KONTINUITÄT wichtig. ich lege großen wert auf ein anregendes geistiges klima. das braucht inspirierte menschen, die miteinander zu tun haben möchten; wenigstens temporär. deshalb müssen wir nichts gründen. es ist ohnehin schon alles gegründet worden.

emil gruber

früher gab es hier einmal eine verschwörung der poeten“. das hat mir auch gefallen. heute ist das setup anders, wesentlich luftiger. naja, das „kuratorium für triviale mythen“ spielt derzeit schon eine markante rolle. motive und schwerpunkte ändern sich eben.

diesmal saß ich mit christian strassegger und emil gruber am tischchen. gerhard flekatsch [bluethenlese] gesellte sich schließlich dazu. wir debattierten die möglichkeiten, gelder für weiterführende projekte zu lukrieren. das faktum runtergefahrener bzw. völlig gestrichener kulturbudgets der gemeinden im ländlichen raum läßt sich nicht zurecht- oder wegdiskutieren. es gab schon vor jahren da und dort den expliziten politischen wunsch, die mittel kunstschaffender runterzukürzen und lieber in den sozialbereich zu investieren.

aus einer gleisdorfer wahlkampfbroschüre vom märz 2010

ich kann mich nicht erinnern, daß quer durchs land stimmen dagegen laut geworden wären. dem steht gegenüber, daß eine ubanisierung der „provinz“ unsinn wäre, daß also strategien aus den zentren sich nicht hierher verlegen und sinnvoll anwenden lassen. dazu zählt auch, daß herkömmliche ideen von sponsoring für unsere tätigkeitsbereiche nicht umsetzbar sind.

gerhard flekatsch

momentan verfügbare ideen in diesem zusammenhang greifen bloß dort, wo es um etablierte kunstformen und um repräsentation geht. also zum beispiel im musikbereich, wo die operettte regiert, klassische musik zuspruch erlebt und zeitgenössische musik sich da in nischen mitereignen darf.

bei bildender kunst regiert natürtlich der kanon, bei literatur und anderen geistigen stoffen ebenso das, was im feuilleton längst reüssiert hat. kurz, herkömmliches sponsoring setzt hauptsächlich auf den repräsentativen veranstaltungsbereich, auf bewährtes und populäres oder überhaupt lieber auf sport.

ich schreibe das ganz unaufgeregt, weil es vollkommen schlüssig ist, daß es sich so ereignet. wir sollten wissen, womit wir es zu tun haben und auf welchem terrain sich AUCH unser tun entfaltet. daß heißt dann für leute wie uns vor allem einmal, wir sollten gute gründe wissen, warum es unsere aktivitäten geben muß und warum das auch finanzierungen verdient. darüber haben wir also zu reden: was sind diese guten gründe?

ob wir es beklagen, ignorieren, ausblenden, egal, es gibt momentan einen enormen verdrängungswettlauf. eine stadt wie gleisdorf hat gegenüber 2009 ihr kulturbudget UM etwa 75 prozent AUF zirka 25 prozent heruntergekürzt. auf das verbleibende budget sind allerdings auch mehr einrichtungen aus, als in kleinen gemeinden. aber immerhin hat eine kleinstadt noch eine infrastruktur, wo wir bei manchen vorhaben durch sachleistungen seitens der kommune unterstützung finden.

in den kleineren gemeinden waren es entweder vorher schon NULL prozent kulturbudget, sind es spätestens jetzt MINUS hundert prozent, viele davon haben nicht einmal kulturbeauftragte. das ist der status quo in einer landschaft, wo nicht einmal unter gebildeten leuten und personen mit akademischen graden ein weitreichender grundkonsens herrscht, daß die „provinz“einen lebhaften KULTURBETRIEB haben solle, was – bitte schön! – keineswegs NUR veranstaltungskultur meint.

kurz: es besteht eine menge klärungsbedarf. gehen sie bitte davon aus, daß wir freilich gerüstet sind, diese debatte zu führen…

— [was ist kunst?] —

bitte aufwachen!

für mich war im letzten oktober klar, daß jetzt eine wildwasserfahrt angeht, bei der nicht absehbar ist, welches ausmaß an blauen flecken uns blüht. niemand, der auf dem kunstfeld seine arbeit bei vollem bewußtsein tat, konnte übersehen, was anlag.

wir hatten schon seit dem frühjahr 2010 von der voraussichtlich 25 prozent betragenden minderung des nächsten kulturbudgets auf landesebene gehört. graz war zu der zeit ohnehin längst pleite und florierte kulturell zu lasten der restlichen steiermark. ein ländlicher ort wie gleisdorf, wo ich lebe und arbeite, hatte 2010 bereits minus 60 prozent realisiert, inzwischen sind wir – gegenüber 2009 – bei etwa minus 75 prozent kulturbudget angelangt. (siehe dazu den beitrag kulurpolitischer status quo!)

das alles bedeutet nicht, ich sei im blick auf 2011 mit eibner gabe der prophetie ausgestattet gewesen. es waren eigentlich bloß die deutlichsten zeichen zu lesen und daraus ein paar simple schlüsse zu ziehen. anders ausgedrückt: wer eins und eins zusammenzählen konnte, wußte bescheid.

wie erwähnt, das zentrum graz florierte auf kosten seiner peripherie, wo – in der sogenannten „provinz“ – nicht nur viel überzeugungsarbeit anlag, sondern auch die überwiegend abwehrende haltung der kommunalpolitik einen verstärkten einsatz des landes gebraucht hätte, um dieses kulturpolitische gefälle zu kompensieren und uns bei unserem ringen um bodengewinn für kultur und gegenwartskunst zu unterstützen.

im sommer 2010 war eigentlich klar, daß in den meisten gemeindestuben großer konses herrschte, daß bei den kommenden finanzproblemen kunst und kultur als erstes zurückgekürzt werden sollen. nach einer umfrage des gemeindebundes waren 91% der bürgermeisterinnen und bürgermeister so wie 95% der bevölkerung dieser meinung. kein anderer kommunaler aufgabenbereich hatte eine so hohe zustimmung zu kommenden kürzungen.

wir kulturschaffende waren im sommer 2010 spitzereiter in der ablehnung

ich hatte das mehrfach mit leuten diskutiert, zu saisonauftakt im projekt-logbuch [link] vermerkt etc. es hat sich nicht gezeigt, daß sich wachsende keise oder sogar „die szene“ hätten aufraffen wollen, etwa mit konsequenter überzeugungsarbeit loszulegen und das breit zu entfalten, um gegen diese stimmung anzugehen. es weist auch nichts darauf hin, daß es wenigstens denkmöglich wäre, DIESES thema den leuten mit aktionen auf der straße nahezubringen.

anders ausgedrückt: es kann mir niemand erzählen, es wäre vorstellbar, das personal der steirischen gemeindestuben per protestbewegung zu bewegen, die oben skizzierten haltungen aufzugeben. es haben zwar aktuelle anstrengungen gezeigt, daß etwa konzentrierte protestaktionen auf den straßen die LANDESpolitik nicht unbeeindruckt lassen, da sehe ich aber wirkungen erst einmal im sozialbereich, der kulturbereich dürfte auf diesem kommunikationskanal nicht gar so hellhörig dastehen.

dazu kommt: bevor in österreich zusammenrottungen auch nur in erwägung gezogen werden, heftigkeiten zur debatte stehen, eine wachsende konfrontation mit poltischem personal wenigsten denkbar erscheint, machen wir sowieso vorzugsweise einmal ferien. falls wir dabei einige unserer vorteile einbüßen, werden wir uns erregen. und weil wir auf dem weg in die kunst überwiegend bohemiens waren, werden wir den „rebellen“ in uns von der kette lassen, der macht dann ein grimmiges gesicht und stößt drohungen aus.

zu dem zeitpunkt fühlen wir uns ganz gefährlich und erzählen einander, es werde einen AUFSTAND geben. freilich wissen unsere gegenüber in dieser kontroverse, daß wir höchstwahrscheinlich das boot, in dem wir alle sitzen, nicht gar zu heftig schaukeln werden, schon gar nicht versenken. in welchem boot wir da sitzen?

das wissen wir eigentlich nicht so genau, wir wollen es nicht wissen. denn solche reflexions- und erkenntnisarbeit würde zum beispiel folgendes deutlich machen: die bourgeoisie, der gegenüber wir uns da so rebellisch gerieren, ist a) unser einziges publikum, b) unsere einzige kundschaft, c) unsere hauptsächliche geldquelle und d) das einzige ziel unserer „gesellschaftskritik“. aus welchem paradies wollen wir die rausschmeißen?

da liegt doch viel näher, daß wir party machen …

kleiner scherz! es wird wohl eher zeit für aktuelle kulturpolitische konzepte und angemessene basisarbeit, um ihnen geltung zu verschaffen.