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wovon handelt kulturpolitik? #3

ich halte die laune gesetzestexte zu ignorieren, weil sie als „trockene materie“ gelten, für eine problematische pose. in einer repräsentativen demokratie sind das jene texte, die faktisch einen breiten gesellschaftlichen konsens ausdrücken, auch wenn vox populi da und dort anders klingen mag. aber noch wichtiger: das sind regelwerke, auf die ich mich berufen kann, wenn ich mit leuten aus der politik bedingungen zu verhandeln habe.

ich hab im beitrag #16 von „was ist kunst?“ erwähnt: „vor dem hintergrund dieser kräftespiele und bewertungsprozesse, die allerhand mit definitionsmacht zu tun haben, steht es uns allen natürlich frei, uns in selbstermächtigung zu üben. ich denke, es ist so banal, wie es erscheint: wenn ICH sage, daß es ein kunstwerk ist, dann ist es eines. (kaum ein aspekt des kunstgeschehens scheint mehr zu provozieren als dieser!)“ [link]

wir haben die freiheit zu staunen, dinge in frage zu stellen, nichts für selbstverständlich zu halten, das ist sogar per gesetz keinesfalls eine domäne der kunstschaffenden, sondern aller bürgerinnen und bürger

selbstermächtugung in der kunst, um sich seine themen frei zu wählen, über die wege der umsetzung frei zu entscheiden, also mit einem höchstmaß an selbstbestimmung vorzugehen. das soll man dürfen? womöglich ohne ansehen der eigenen sozialen position, des ranges innerhalb einer gemeinschaft? ist da nun von „freiheit der kunst“ zu reden?

ja und nein. eigentlich ist vor allem einmal von der freiheit ALLER bürgerinnen und bürger zu reden, wie uns das auch in den niedergeschriebenen grundlagen unseres staates verbrieft wurde, wie es überdies als teil umfassender menschenrechte verstanden wird.

sollten kunstschaffende die einzigen sein, die das für ihr metier andauernd im munde führen, dann müßte sich eigentlich der rest der menschen fragen, warum, sie es NICHT tun, wo uns derlei freiheiten allen zugesichert sind.

anders ausgedrückt: können sie mir sonst noch professionen nennen, bei der diese grundlegenden freiheiten nicht nur verbrieft sind, da gibt’s ja mehrere, sondern auch so permanent gegenstand öffentlicher äußerungen? doch auch die gegenfrage liegt nahe: können sie mir nur eine profession nennen, die sinnvoll und zielführend auszuüben wäre, ohne solche grundlagen zu brauchen?

das thema „freiheit der kunst“ kommt im österreichischen bundesverfassungsgesetz nicht vor, im staatsvertrag schon gar nicht. im staatsgrundgesetz „über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger für die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder“ können wir aber fündig fündig werden: „Artikel 17a. Das künstlerische Schaffen, die Vermittlung von Kunst sowie deren Lehre sind frei.“ [quelle]

das ist deshalb der „Artikel 17a“, weil erst noch festgestellt wurde: „Artikel 17. Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei. Unterrichts- und Erziehungsanstalten zu gründen und an solchen Unterricht zu erteilen, ist jeder Staatsbürger berechtigt, der seine Befähigung hiezu in gesetzlicher Weise nachgewiesen hat. …“

dazu paßt dann auch: „Artikel 18. Es steht jedermann frei, seinen Beruf zu wählen und sich für denselben auszubilden, wie und wo er will.“

beide artikel haben voraussetzungen, welche nach dieser oder jener form der praxis verlangen, künstlerische praxis ist bloß EINE der möglichkeiten, wie sich dieses recht ausüben läßt: „Artikel 13. Jedermann hat das Recht, durch Wort, Schrift, Druck oder durch bildliche Darstellung seine Meinung innerhalb der gesetzlichen Schranken frei zu äußern. Die Presse darf weder unter Zensur gestellt, noch durch das Konzessions-System beschränkt werden. Administrative Postverbote finden auf inländische Druckschriften keine Anwendung.“

es gibt eine weitere sehr wichtige textstelle in österreichischen gesetzen, die besagt: „Artikel 1. Schutzgarantie der Vertragsstaaten. Die Hohen Vertragschließenden Teile sichern allen ihrer Jurisdiktion unterstehenden Personen die in Abschnitt I dieser Konvention niedergelegten Rechte und Freiheiten zu.“

damit bekennt sich der staat österreich zur „Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK)“, das ist die „Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950, BGBl. 1958/210“ (inklusive einem österreichischen „Vorbehalt zur MRK“).

darin lautet der „Artikel 9. Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. (1) Jedermann hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfaßt die Freiheit des Einzelnen zum Wechsel der Religion oder der Weltanschauung sowie die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen öffentlich oder privat, durch Gottesdienst, Unterricht, durch Ausübung und Betrachtung religiöser Gebräuche auszuüben. …“ [quelle]

der „Artikel 10. Recht der freien Meinungsäußerung“ vertieft noch, was nicht bloß kunstschaffende beanspruchen, sondern alle bürgerinnen und bürger für sich in anspruch nehmen dürfen: „(1) Jeder hat Anspruch auf frei Meinungsäußerung. Dieses Recht schließt die Freiheit der Meinung und die Freiheit zum Empfang und zur Mitteilung von Nachrichten oder Ideen ohne Eingriff öffentlicher Behörden und ohne Rücksicht auf Landesgrenzen ein. …“

ich möchte also eigentlich nicht hören, daß jemand sich aus diesem oder jenem grund über eine praxis der „freiheit der kunst“ empört, statt sie zu begrüßen, denn es wäre umgehend zu fragen: warum verzichtest du selbst auf solche freiheiten?

[übersicht]

die kulturpolitische entwicklung

in der 16. kalenderwoche 2009 habe ich im projekt-logbuch notiert: „Zum Kern einer, genauer MEINER Sache: Freelancers auf dem Kunstfeld.“ [link] die studie zur sozialen fage kunstschaffender kannten wir zu diesem zeitpunkt schon, sie war im oktober 2008 publiziert worden: [link]

(quelle: kleine zeitung)

damals wußten wir auch, daß die (inflationsbereinigten) kulturausgaben im staat seit 2000 ständig gesunken waren. da hätten wir uns quer durchs land verständigen können, was zu tun sei. so kam es leider nicht. ich hatte 2009 das überhaupt erste LEADER-kulturprojekt der steiermark in gang. meine annahme, das könnte sich zur plattform ausbauen lassen und neue kooperationsformen hervorbringen, war zu dem zeitpunkt naiv. (wir brauchten dazu viel länger.)

(quelle: kleine zeitung)

damals nahm ich so deutlich wie nie zuvor wahr, daß in der regionalpolitik plötzlich deutliche „absetzbewegungen“ gegenüber der kultur begonnen hatten. deshalb hatte ich aus der „kleinen zeitung“ jenes zitat von vizebürgermeister robert lamperti notiert. es sollten in der folge noch öfter – ohne jede nähere erläuterung – KULTURAUSGABEN negativ konnotiert werden; wie hier: als „unerfreuliche negativentwicklung“.

eigentlich ein deutliches und brutales zeichen, daß politische eliten den kulturbereich offenbar zunehmend als „dekorationsthema“ sahen, das bei bedarf heruntergestuft werden könnte, um spielraum und manövriermasse für andere gesellschaftliche bereiche zu gewinnen.

(2. leader-kulturkonferenz in deutschlandsberg)

waren wir gewarnt? haben wir reagiert? hier in der region sicher nicht! mehr noch: von einem „wir“ konnte gar keine rede sein. nach einer kulturkonferenz in deutschlandsberg (26.03.2009) hatte ich „Ein paar Takte Reflexion“ notiert: [link]

ich sehe in diesem text heute einige anregungen zu maßnahmen, die uns JETZT nützlich wären, wenn wir sie damals, 2009 (!), debattiert und angepackt hätten. hätten! haben wir aber nicht. welches „wir?“ eben!

da uns die politik keinesfalls im unklaren ließ, wie sie über unser feld dachte, wären wir wohl gefordert gewesen, die deutlichen zeichen zu interpretieren, schlüsse zu ziehen und zu handeln. aber NOCH trafen uns ja die kürzungen nicht, von denen zwar schon geredet wurde, die aber noch in weiter ferne zu liegen schienen.

inzwischen sind sie sehr viel schneller und umfassender bei uns angekommen, als wir wahrhaben wollten. daher waren die letzten monate von einiger mühe geprägt, unsere projekte auf kurs zu halten und wenigstens grundlegende finanzierungen zu sichern.

parallel dazu heißt es für mich: ab auf die meta-ebene! das ist nicht der pausenfüller, das muß simultan erledigt werden. also: laufender betrieb UND reflexion, was genau geschehen ist, wo wir angekommen sind, wie es nun weitergehen kann, auch: wohin.

ich komme aus einem denken über „eigenständige regionalentwicklung“, in dem zwei prinzipien hohen rang hatten:
a) das heil kommt nicht von außen, wir müssen selbst lösungen finden.
b) aktion und reflexion müssen beieinander und in wechselwirkung gehalten werden.

ich habe nun begonnen, meine aktuellen annahmen und schlüsse zu ordnen und zur debatte zu stellen.

das ist zugleich ein nachdenkprozeß im ringen um brauchbare handlungspläne. daher der leistentitel „wovon handelt kulturpolitik?“ [link] ich stütze mich dabei auf die annahme, daß wir den begriff POLITIK in unserer kultur aus ZWEI dimensionen, beziehungsweise sphären bezogen haben: POLIS, das gemeinwesen, heute würden wir sagen: die zibilgesellschaft, und POLITIKÉ, die „staatskunst“, worunter wir heute die politikerinnen und politiker der republik verstehen.

weil aber die debatte über KULTURPOLITIK auch eine debatte über SOZIALE BELANGE sein muß, habe ich meine eigenen karten offengelegt, damit wir auch klären können, von welchen beddingungen, möglichkeiten und ansprüchen wir im sozialen bereich sprechen.

deshalb gehe ich hier von meinem aktuellen einkommenssteuerbescheid aus, der illustriert, von welcher sozialen position aus ich meine überlegungen vorbringe: [link]

wovon handelt kulturpolitik? #2

bei einem ausführlichen gespräch mit dem wirtschafts- und kulturlandesrat christian buchmann und einigen regionalen funktionstragenden, wie etwa dem landtagsabgeordneten erwin gruber, sagte buchmann: „mehrheit ist wahrheit in der politik.“

wirtschafts- und kulturlandesrat christian buchmann (links) und landtagsabgeordneter erwin gruber

ob einem diese auffassung paßt oder mißfällt, so also läßt mich ein erfahrener landespolitiker wissen, was er innerhalb seiner sphäre im auge behält. buchmann ist sicher versiert genug, um nicht zu meinen, es sollen nur mehrheiten bestimmen, was zu geschehen habe. doch mindestens in der regionalpolitik wird sehr schnell deutlich, daß beispielsweise die bürgermeisterinnen und bürgermeister in kleinen orten keinesfalls ignorieren, was sich an stimmungen in der bevölkerung bemerkbar macht.

kurios bleibt, daß lautes murren mit mehrheiten assoziiert bleibt, was ja keine ausgemachte sache ist. wir wissen in der regeln nicht so genau, was „die leute“ allgemein denken. das sind meist mutmaßungen aufgrund von gerüchten, wanderlegenden, berichterstattung in den medien, leserpost in zeitungen, lauten auslassungen von deutungseliten etc.

aber wir wissen aufgrund von leserpost, umfragen und manchmal laut werdendem gemurre, daß der kulturbereich ganz allgemein und die gegenwartskunst im speziellen keinerlei mehrheiten hinter sich vermuten dürfen.

ob ministerin claudia schmied noch weiß, in welcher schublade die studie über die soziale lage kunstschaffender liegengeblieben ist?

mindestens jene studie [link] zur sozialen lage kunstschaffender, die seit jahren in irgendeiner schublade von ministerin claudia schmied verrottet, unterstreicht diese annahme sehr gründlich.

es weist seit jahren nichts darauf hin, daß mehrheitlicher zuspruch zu einer bezüglich gegenwartskunst offensiven und gut dotierten kulturpolitik vom himmel fallen könnte. es weist außerdem nichts darauf hin, daß politisches personal diesen oder jenen bonus bei seinem klientel riskieren möchte, um jenen sektor nennenswert zu stärken, der sich doch in tagespolitischen scharmützeln so handlich zur diskreditierung anbietet. schlimm? ja, schon. aber wen schert’s?

wir werden uns also voraussichtlich selbst um eine valorisierung unseres sektors kümmern müssen. ich gehe davon aus, daß ein anbrüllen anderer leute sich dafür am wenigstens eignet. ich nehme an, daß konsequente inhaltliche arbeit und das bemühen um strategisch bewirkten „bodengewinn“ uns in der sache voranbringen können.

das sind fragen der inhaltlichen klärungen, fragen der vermittlungsarbeit und fragen der kommunikation nach außen, also auch der medienpräsenz, in summe soziokulturelle agenda.

[übersicht]

streitkultur oder kulturstreit?

es herrscht quer durchs land viel dissens. genügt es nun, auf der straße präsent zu sein? ist offener protest als ausdruck von empörung ein hinreichendes mittel, um dem politischen personal des landes etwas auszurichten? wird im landhaus oder in der burg darauf reagiert, wenn sich hunderte oder gar tausende menschen auf der straße einfinden, um ihre forderungen laut vorzubringen?

landtagsabgeordnete ingrid lechner-sonnek

ich hab eine landespolitikerin gefragt, was ihr eindruck bezüglich dieser option sei. ingrid lechner-sonnek bestätigt klar, daß solche ereignisse nicht ignoriert werden. das öffentliche protestverhalten selbst und auch dessen mediale auswirkungen lösen in politischen kreisen reaktionen aus.

es sei überdies evident, daß am budget, dem anlaß für diese proteste, im letzten moment noch einige millionen euro in bewegung gebracht werden konnten, was ohne die rund fünftausend menschen auf der straße sicher nicht geschehen wäre.

das ist also die eine ebene des geschehens. da wird es interessant sein, erstens zu erfahren, wie praktikabel und prolongierbar diese präsenz und dieses ensemble von aktionsformen sind, um – zweitens – damit auf den lauf der politik einzuwirken.

mich interessiert freilich auch sehr, welche positionen und welche sozial- wie kulturpolitischen grundlagen heute zur debatte stehen. damit meine ich: mit WEM konkret kann ich WAS konkret verhandeln? auf welchen BEFUND des status quo stützt sich dieses verhandeln? in diesen fragen finde ich sehr unterschiedliche auffassungen vor.

so habe ich etwa das problem, im kulturförderungsgesetz des landes passagen zu finden, welche ich als kunstschaffender begrüße, weil sie mir akzeptable grundlagen für meine arbeit anbieten. aber ich finde diesbezüglich weder in politik und verwaltung angemessene sachkenntnis und bereitschaft, diesen gesetzlichen grundlagen nachzukommen, noch in meinem eigenen milieu einen ausreichend entwickelten stand des diskurses solcher zusammenhänge.

daraus muß ich – polemisch verkürzt – schließen: bei der bloßen entscheidung, die eigene empörung in einer straßenaktion umzusetzen, würden einander voraussichtlich leute aus a) der zivilgesellschaft und b) politik & verwaltung gegenüberstehen, die dem thema kaum gewachsen sind und keine klare vorstellung haben, welche strategien mit welchen zielen zu suchen wären. es bliebe also hauptsächlich, einander anzubrüllen.

ich kontstatiere das im KULTURbereich. den SOZIALbereich betreffend bin ich nicht ausreichend sachkundig, um den stand der dinge zu beurteilen. aber ich frage gerne leute, die das sind.

politikerin ingrid lechner-sonnek hat diese kompetenzen fraglos. franz wolfmayr hat sie ebenso. er ist präsident des EASPD, das ist der „europäische dachverband von dienstleistungsanbietern für personen mit behinderung“.

franz wolfmayr ist im dachverband der steirischen behindertenhilfe und auf europäischer ebene aktiv

ich habe mit wolfmayr gerade einen abend lang debattiert, wo wir in diesen angelegenheiten stehen und womit genau wir es zu tun haben. als eines der größten probleme weist wolfmayr den verlust jeglicher paktfähigkeit maßgeblicher politiker aus. das bedeutet, man könne sich auf getroffene abmachungen nicht verlassen und müsse sogar hinnehmen, daß eine gebrochene vereinbarung von der politik medial als erfolgreicher konsens gefeiert werde.

das ist zugleich schon eines der brutalsten symptome meines momentan bevozugten befundes, dem wolfmayr zustimmt. es geht mir um die „auseinandergebrochenen sphären“.

wir sollten eigentlich politik und zivilgesellschaft als zwei sphären eines größeren ganzen verstehen und erleben können. zwei sphären, die einander wechselseitig bedingen und daher nicht getrennt werden könn(t)en. das wird in unserer kultur übrigens allein schon das wort ausgedrückt, weil sich der terminus POLITIK von ZWEI begriffen herleitet, der POLITIKÉ und der POLIS. die „staatskunst“ und das „gemeinwesen“, also in heutiger deutung: politik und zivilgesellschaft. erst in ihrem zusammenwirken ergeben sie das, was wir POLITIK nennen, wenn wir damit NICHT parteipolitik meinen. jedes für sich, ohne das andere, ist in unserer derzeitigen auffasung von demokratie eigentlich weder vorstellbar noch zulässig.

nun erleben wir, daß diese beiden sphären faktisch auseinandergefallen sind. dazu kommt verschärfend, daß auch die kommunikation zwischen diesen beiden ebreichen weitgehend abgebrochen ist, was sich unter anderem genau darin zeigt, daß eine wechselseitige verpflichung offenbar nicht mehr wahrgenommen wird. das äußert sich zum beispiel in eben diesem entfallen von paktfähigkeit. (das ist eine brandgefährliche situation!)

nun haben die leute im sozialbereich vor allem damit viel erfahrung, denn das ringen um eine menschwürdige situation für behinderte handelt im kern seit wenigstens 30 jahren genau davon: FÜR jene, die nicht sprechen können bzw. nicht gehört werden, einzufordern und durchzusetzen, daß die „andere seite“ sich ihnen gegenüber klar verpflichtet und sie in dieser vereinbarung nicht im stich läßt. das ist, soweit ich es als zaungast miterlebt habe, die essenz jener entwicklungen, die im rückblick als „steirische integrationsbewegung“ darstellbar sind.

kleiner einschub:
wie kurios! genau DAS war für mich über jahrzehnte die vorherrschende konnotation des begriffes INTEGRATION, daß behinderte und nichtbehinderte die gleichen lebensräume bevölkern sollen und nicht ein teil in nischen bzw. reservate entsorgt wird. heute ist das wort integration mit völlig anderen assoziationen verknüpft.

egal, ob wir uns nun einem teilbereich wie „behinderte“ oder „kunstschaffende“ zurechnen, beide von sozialer marginalisierung geprägt, ob wir das feld der gesamten zivilgesellschaft ins auge fassen, es stellen sich einerseits fragen nach dem „WIR“, worauf es sich stützt und wie es zustandekommt, es stellen sich aber auch fragen für die einzelne person:
+) bin ich sichtbar?
+) werde ich gehört?
+) werde ich verstanden?

das ist einer der aspekten, den wir erörtert haben. gelingt es uns, eine art grundanforderung zu erkennen, die letztlich ALLE gemeinsam haben, egal welcher „peer group“ sie sich zurechnen? dem folgt dann die überlegung, welche kulturelle und mediale ausstattung uns nützt, auf diese fragen befriedigende antworten zu erleben.

— [kunst.rasen: assistenz] —

klärungsbedarf

wir sind uns definitiv einig: die KUNST ist die kunst und hat ihren zweck in der kunst. sie ist kein werkzeug „um zu…“, kein soziales programm, keine wellness-einrichtung, keine tourismus-maßnahme. als kunstschaffende widmen wir unsere künstlerische praxis der kunst. basta! aber!

wir sind als künstler soziale wesen, politisch anwesend. das bedeutet, wir verwenden unser reflexionsvermögen auf den lauf und den stand der dinge. und wir bringen unsere kompetenzen, die wir unter anderem in langjähriger befassung mit kunst erwerben, als engagierte bürger in das gemeinwesen ein.

christian strassegger

nein, das ist jetzt keine erklärung, keine verlautbarung, kein manifest. dieses WIR ist ein sehr loses, eigentlich: flüchtiges, das sich über kommunikationsverhalten und gelegentliche zusammenkünfte konstituiert. wir sind keine gruppe. die zusammensetzungen an den tischen sehen meist höchst unterschiedlich aus.

so, das war nun die stunde der offenbarungen. mehr ist davon augenblicklich wohl nicht nötig. „kunst ost“ ergibt einen MÖGLICHKEITSRAUM, in dem sich gelegentlich etwas von all dem verdichtet. manchmal heißt das auch einfach: ein paar drinks und über das leben wie über die kunst plaudern.

mir ist freilich die KONTINUITÄT wichtig. ich lege großen wert auf ein anregendes geistiges klima. das braucht inspirierte menschen, die miteinander zu tun haben möchten; wenigstens temporär. deshalb müssen wir nichts gründen. es ist ohnehin schon alles gegründet worden.

emil gruber

früher gab es hier einmal eine verschwörung der poeten“. das hat mir auch gefallen. heute ist das setup anders, wesentlich luftiger. naja, das „kuratorium für triviale mythen“ spielt derzeit schon eine markante rolle. motive und schwerpunkte ändern sich eben.

diesmal saß ich mit christian strassegger und emil gruber am tischchen. gerhard flekatsch [bluethenlese] gesellte sich schließlich dazu. wir debattierten die möglichkeiten, gelder für weiterführende projekte zu lukrieren. das faktum runtergefahrener bzw. völlig gestrichener kulturbudgets der gemeinden im ländlichen raum läßt sich nicht zurecht- oder wegdiskutieren. es gab schon vor jahren da und dort den expliziten politischen wunsch, die mittel kunstschaffender runterzukürzen und lieber in den sozialbereich zu investieren.

aus einer gleisdorfer wahlkampfbroschüre vom märz 2010

ich kann mich nicht erinnern, daß quer durchs land stimmen dagegen laut geworden wären. dem steht gegenüber, daß eine ubanisierung der „provinz“ unsinn wäre, daß also strategien aus den zentren sich nicht hierher verlegen und sinnvoll anwenden lassen. dazu zählt auch, daß herkömmliche ideen von sponsoring für unsere tätigkeitsbereiche nicht umsetzbar sind.

gerhard flekatsch

momentan verfügbare ideen in diesem zusammenhang greifen bloß dort, wo es um etablierte kunstformen und um repräsentation geht. also zum beispiel im musikbereich, wo die operettte regiert, klassische musik zuspruch erlebt und zeitgenössische musik sich da in nischen mitereignen darf.

bei bildender kunst regiert natürtlich der kanon, bei literatur und anderen geistigen stoffen ebenso das, was im feuilleton längst reüssiert hat. kurz, herkömmliches sponsoring setzt hauptsächlich auf den repräsentativen veranstaltungsbereich, auf bewährtes und populäres oder überhaupt lieber auf sport.

ich schreibe das ganz unaufgeregt, weil es vollkommen schlüssig ist, daß es sich so ereignet. wir sollten wissen, womit wir es zu tun haben und auf welchem terrain sich AUCH unser tun entfaltet. daß heißt dann für leute wie uns vor allem einmal, wir sollten gute gründe wissen, warum es unsere aktivitäten geben muß und warum das auch finanzierungen verdient. darüber haben wir also zu reden: was sind diese guten gründe?

ob wir es beklagen, ignorieren, ausblenden, egal, es gibt momentan einen enormen verdrängungswettlauf. eine stadt wie gleisdorf hat gegenüber 2009 ihr kulturbudget UM etwa 75 prozent AUF zirka 25 prozent heruntergekürzt. auf das verbleibende budget sind allerdings auch mehr einrichtungen aus, als in kleinen gemeinden. aber immerhin hat eine kleinstadt noch eine infrastruktur, wo wir bei manchen vorhaben durch sachleistungen seitens der kommune unterstützung finden.

in den kleineren gemeinden waren es entweder vorher schon NULL prozent kulturbudget, sind es spätestens jetzt MINUS hundert prozent, viele davon haben nicht einmal kulturbeauftragte. das ist der status quo in einer landschaft, wo nicht einmal unter gebildeten leuten und personen mit akademischen graden ein weitreichender grundkonsens herrscht, daß die „provinz“einen lebhaften KULTURBETRIEB haben solle, was – bitte schön! – keineswegs NUR veranstaltungskultur meint.

kurz: es besteht eine menge klärungsbedarf. gehen sie bitte davon aus, daß wir freilich gerüstet sind, diese debatte zu führen…

— [was ist kunst?] —

bitte aufwachen!

für mich war im letzten oktober klar, daß jetzt eine wildwasserfahrt angeht, bei der nicht absehbar ist, welches ausmaß an blauen flecken uns blüht. niemand, der auf dem kunstfeld seine arbeit bei vollem bewußtsein tat, konnte übersehen, was anlag.

wir hatten schon seit dem frühjahr 2010 von der voraussichtlich 25 prozent betragenden minderung des nächsten kulturbudgets auf landesebene gehört. graz war zu der zeit ohnehin längst pleite und florierte kulturell zu lasten der restlichen steiermark. ein ländlicher ort wie gleisdorf, wo ich lebe und arbeite, hatte 2010 bereits minus 60 prozent realisiert, inzwischen sind wir – gegenüber 2009 – bei etwa minus 75 prozent kulturbudget angelangt. (siehe dazu den beitrag kulurpolitischer status quo!)

das alles bedeutet nicht, ich sei im blick auf 2011 mit eibner gabe der prophetie ausgestattet gewesen. es waren eigentlich bloß die deutlichsten zeichen zu lesen und daraus ein paar simple schlüsse zu ziehen. anders ausgedrückt: wer eins und eins zusammenzählen konnte, wußte bescheid.

wie erwähnt, das zentrum graz florierte auf kosten seiner peripherie, wo – in der sogenannten „provinz“ – nicht nur viel überzeugungsarbeit anlag, sondern auch die überwiegend abwehrende haltung der kommunalpolitik einen verstärkten einsatz des landes gebraucht hätte, um dieses kulturpolitische gefälle zu kompensieren und uns bei unserem ringen um bodengewinn für kultur und gegenwartskunst zu unterstützen.

im sommer 2010 war eigentlich klar, daß in den meisten gemeindestuben großer konses herrschte, daß bei den kommenden finanzproblemen kunst und kultur als erstes zurückgekürzt werden sollen. nach einer umfrage des gemeindebundes waren 91% der bürgermeisterinnen und bürgermeister so wie 95% der bevölkerung dieser meinung. kein anderer kommunaler aufgabenbereich hatte eine so hohe zustimmung zu kommenden kürzungen.

wir kulturschaffende waren im sommer 2010 spitzereiter in der ablehnung

ich hatte das mehrfach mit leuten diskutiert, zu saisonauftakt im projekt-logbuch [link] vermerkt etc. es hat sich nicht gezeigt, daß sich wachsende keise oder sogar „die szene“ hätten aufraffen wollen, etwa mit konsequenter überzeugungsarbeit loszulegen und das breit zu entfalten, um gegen diese stimmung anzugehen. es weist auch nichts darauf hin, daß es wenigstens denkmöglich wäre, DIESES thema den leuten mit aktionen auf der straße nahezubringen.

anders ausgedrückt: es kann mir niemand erzählen, es wäre vorstellbar, das personal der steirischen gemeindestuben per protestbewegung zu bewegen, die oben skizzierten haltungen aufzugeben. es haben zwar aktuelle anstrengungen gezeigt, daß etwa konzentrierte protestaktionen auf den straßen die LANDESpolitik nicht unbeeindruckt lassen, da sehe ich aber wirkungen erst einmal im sozialbereich, der kulturbereich dürfte auf diesem kommunikationskanal nicht gar so hellhörig dastehen.

dazu kommt: bevor in österreich zusammenrottungen auch nur in erwägung gezogen werden, heftigkeiten zur debatte stehen, eine wachsende konfrontation mit poltischem personal wenigsten denkbar erscheint, machen wir sowieso vorzugsweise einmal ferien. falls wir dabei einige unserer vorteile einbüßen, werden wir uns erregen. und weil wir auf dem weg in die kunst überwiegend bohemiens waren, werden wir den „rebellen“ in uns von der kette lassen, der macht dann ein grimmiges gesicht und stößt drohungen aus.

zu dem zeitpunkt fühlen wir uns ganz gefährlich und erzählen einander, es werde einen AUFSTAND geben. freilich wissen unsere gegenüber in dieser kontroverse, daß wir höchstwahrscheinlich das boot, in dem wir alle sitzen, nicht gar zu heftig schaukeln werden, schon gar nicht versenken. in welchem boot wir da sitzen?

das wissen wir eigentlich nicht so genau, wir wollen es nicht wissen. denn solche reflexions- und erkenntnisarbeit würde zum beispiel folgendes deutlich machen: die bourgeoisie, der gegenüber wir uns da so rebellisch gerieren, ist a) unser einziges publikum, b) unsere einzige kundschaft, c) unsere hauptsächliche geldquelle und d) das einzige ziel unserer „gesellschaftskritik“. aus welchem paradies wollen wir die rausschmeißen?

da liegt doch viel näher, daß wir party machen …

kleiner scherz! es wird wohl eher zeit für aktuelle kulturpolitische konzepte und angemessene basisarbeit, um ihnen geltung zu verschaffen.

und die jugend?

es ist bei „kunst ost“ schon öfter die frage nach unserer altersstruktur aufgetaucht, ergänzt um die frage: „wo sind die jungen?“ die antwort liegt ja im anlaß zu dieser frage: nicht bei uns. „warum auch?“ frage ich gerne. dabei gehe ich von den erfahrungen mit meinem eigenen sohn aus. die youngsters brauchen mich und meine konzepte nicht, um ihre kulturellen bedürfnisse zu bearbeiten und zu leben.

brauchen keine zurufe von außen, sondern finden mit ihren youngsters offenbar permanent mehr themen und anlässe, als bearbeitbar sind: kunsterzieherin marianne ofner und geschichte-lehrer peter gerstmann

natürlich gibt es kunst-affine teenies in der oststeiermark. soweit ich welchen begegnet bin, waren sie an einem gymnasium und in anregender begleitung von engagierten lehrpersonen meiner generation. das interesse jener teenies an kunst und zeitgeschichte brauche ich nicht zu unseren vorhaben zerren, sie haben ihre eigenen pläne.

ringt annähernd pausenlos darum, den menschen allen alters gute gründe zum lesen anzubieten: buchhändlerin helga plautz (hier mit gleisdorfs bürgermeister christoph stark)

manches an jugendlichem kulturbezug zeigt sich auch rund um aktivitäten der buchhändlerin helga plautz. das hat seine eigenen initialmomente, seine eigene dynamik. ich freue mich, solche anteile des regionalen (kultur-) lebens feststellen zu können. aber es gibt – so weit ich sehe – keinen guten grund, auf diese ereignisse und personen zugreifen zu wollen oder sich auf diesen feldern um irgend eine idee von vernetzung zu bemühen.

ich glaube nämlich nicht, daß eine gesellschaft durch und durch „vernetzt“ sein möchte. solche bestrebungen müßte ich als versuch werten, eine komplette gesellschaft durchzurekrutieren und durchzuorganisieren. das hatten wir schon in den 1930er-jahren. es war kein überzeugender weg.

ein zeitgemäßes echo solcher bestrebungen ist meines erachtens die „vercoachisierung“ der gesellschaft. ich schätze kluge beratung keineswegs gering. das legen schon meine persönlichen erfahrungen nahe. manche lebenssituationen werden durch versierte begleitung erträglicherm sind durch ein angemessenes coaching besser zu bewältigen. aber ein sich verselbstständigender markt wirft hier allerhand kuriositäten aus.

am wenigstens gefällt mir jene abteilung, wo mir scheint, daß leute, die selbst in freier wildbahn noch nie reüssiert haben, plötzlich durch beratungseinrichtungen irrlichtern, um da leute für die freie wildbahn fit zu machen. das bedeutet, ich stehe der boomenden lebensberatungs- und coaching-branche skeptisch gegenüber.

verschiedene welten und bezugssysteme, verschiedene codes: manche fotos machen mir klar, daß ich auch schon jünger war. hier bin ich im gespräch mit autor dzevad karahasan (links) und schauspielhaus-intendantin anna badora beim "europatag" in graz (foto: frankl)

zurück zu den youngsters. wie erwähnt, ich sehe keinen grund, jugendlich zu „kunst ost“ zu verschleppen. wir sind eine community mit beachtlich hohem altersdurchschnitt. das zeigen dann auch unsere arbeitsansätze und praxisformen. die sind nicht auf „jugendkultur“ ausgerichtet, wie andrerseits „kunst und kultur“ nicht gedacht sind, beschäftigungsprogramme abzuwerfen, durch die jugendliche, deren verhalten unseren erwartungen widerspricht, gebändigt werden sollen.

kurz: unsere kulturelle basisarbeit und künstlerische praxis, die auf das erproben verschiedener wege kollektiver kreativität ausgelegt sind, haben den zweck, genau das zu sein; das wird vorläufig kaum wesentlich mit bereichen verschiedener jugendkulturen zu verknüpfen sein.

doch es läßt uns an grundlagen und an rahmenbedingungen arbeiten, die AUCH in der frage nach jugendkulturen relevant sind. doch da wird es an den youngsters selbst liegen, berührungspunkte oder gar überlappungen zu suchen. es sollte nicht gar so schwer sein, zugänge offenzuhalten, wir brauch aber davor keinen marktschreier aufzupflanzen.

kunst ost in der praxis #4

es macht mir erhebliche freude, daß einige leute der „kunst ost“-community so genau verstanden haben, was zeichen der zeit sind und wie wir einige der defizite kompensieren können, welche uns durch aktuelle sparmaßnahmen verursacht wurden. dieses „april-festival“ ist ausdruck einer aktiven und einfallsreichen reaktion auf die budgetprobleme des landes und der kommunen.

gleisdorfs kulturreferent alois reisenhofer und kulturmanagerin nina strassegger-tipl (kulturreferent ist ein politisches amt, das von einer verwaltungsaufgabe unterschieden werden muß)

das bedeutet definitiv nicht, hier hätten bürgerinnen und bürger sich aufgerafft, politik und verwaltung aus ihren aufgaben zu entlassen. aber wir haben schon vor einer weile begonnen, neue modi und möglichkeiten der kooperation zu entwerfen, zu verhandelt und zu erproben.

im beitrag #2 zum thema „kunst ost in der praxis“ habe ich skizziert, welche situation der gemeinderat uns zeigt. gleisdorf, das muß betont werden, steht augenblicklich – im vergleich zu anderen gemeinden – noch ungewöhnlich gut da. und weil die fraktionen offensichtlich die situation möglichst stabil halen möchten, wurde in einigen bereichen kräftig auf die bremse gestiegen. das haben auch wir schmerzlich zu spüren bekommen.

winfried kuckenberger leitet das gleisdorfer "büro für kultur & marketing", repräsentiert also die VERWALTUNG, während kulturreferent reisenhofer für die POLITIK steht; das sind zwei verschiedene instanzen

auf der anderen seite ist allerdings ein ansatz gegeben, mit politik und verwaltung der stadt neue kooperationsweisen auszuloten. das nimmt uns leider nicht die bürde der erheblichen kürzung von mitteln, von ressourcen. da geht’s also nicht bloß um cash. in der „kleinen zeitung“ war eben zu lesen: „Denn, so Stark, sehr viele Serviceleistungen würden von der Gemeinde freiwillig erledigt, die eigentlich gar nicht Aufgabe der Gemeinde wären.“ gleisdorfs bürgermeister christoph stark bevorzugt klartext; siehe: „Soll die Gemeinde so viel helfen?“ [quelle]

wie läßt sich die veränderung also handhaben? wie lassen sich die aktuellen defizite kompensieren? ich hab im beitrag #3 das denkmodell von den „drei sektoren“ erwähnt: 1) staat, 2) markt und 3) zivilgesellschaft. ich bemühe mich, kooperations-situationen zwischen leuten aus diesen drei bereichen herbeizuführen: 1) politik &/ verwaltung, 2) wirtschaft und 3) privatpersonen, vereine etc.

gemeinderat karl bauer (links) und bürgermeister christoph stark repräsentieren zwei bereiche der politik der stadt

das „april-festival“ ist gewissermaßen unser „labor“ für diese perspektive. wie und wodurch können wir politik und verwaltung bewegen, in unsere vorhaben zu investieren? was führt dazu, daß wirtschaftstreibende sich auf unsere projekte einlassen? es scheint ansatzweise so zu gehen: relevante themenstellungen, prozeßhafte arbeit, also auch: kontinuität, ein mindestesmaß an selbstorganisation, also auch: selbstverantwortung, all das in einem zusammenwirken von hauptamt und ehrenamt, also von bezahlter und unbezahlter arbeit.

das bedeutet in summe, den stellenwert von kooperationen höher anzusetzen und teilbereiche zu professionalisieren; im sinne von: engagement und abläufe etwas effizienter gestalten, damit die knapperen mittel besser genutzt werden können.

mir ist aufgefallen, daß manche unserer leute keine trennschärfe zwischen künstlerischer praxis und vermittlungsarbeit aufbringen. so habe ich etwa die kuriose vorhaltung gehört, eine themenstellung würde die „künstlerische freiheit“ einchränken. oder ich erlebe, daß eine künstlerin jemandem im projekt für ihre dienstmagd hält und entsprechend fordernd agiert, ohne selbst etwas erkennbares für das „größere ganze“ beizutragen.

diese unschärfen werden sich noch abarbeien lassen. wie angedeutet, es ist zweierlei, a) als kunstschaffende ein werk zu erarbeiten und b) sich für die kunstvermittlung, die publikation von werken zu engagieren, also etwas beizutragen, damit es so ein kulturfestival gegeben kann, eine serie von veranstaltungen, die koordiniert, organisiert und beworben werden müssen.

ich schreibe hier von zweierlei: von momenten kollektiver kreativität und von zukunftsträchtigen kooperationen engagierter leute aus den drei erwähnen sektoren. die individuelle künstlerische position und freiheit bleibt davon ja unbelastet. als freelancer weiß ich gut genug, daß marktlage und kulturpolitischer status quo natürlich großen einfluß auf meine individuelle situation haben, daß meine möglichkeiten als freischaffender künstler davon sehr wesentlich mitbestimmt werden.

aber eine „regionale kulturpolitik“, die über einzelne gemeindegrenzen hinausreichen würde und mit deren funktionstragenden wir unsere bedingungen verhandeln könnten, gibt es noch nicht. vielleicht bietet das „labor april-festival“ einen ansatz dazu …

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kunst ost in der praxis #3

wo kein zweifel besteht, daß sich „die zeiten“ ändern und der lauf der dinge neue bahnen findet, sollte es einleuchten, daß wir als kulturschaffende nicht über jahrzehnte im gleichen modus und mit den gleichen strategien agieren können. klar? klar!

aber was bedeutet das für unsere praxis? wir erinnern uns an den „alten modus“. kunstschaffende erwarten von der wirtschaft sponsorgelder und von der politik subventionen. (nur ein bruchteil von uns kann sein jahreseinkommen auf dem freien markt lukrieren.)

das hat erstens eine starke tendenz zur antiquiertheit und ist zweitens ein urbanes modell. in der „provinz“, in ländlichen regionen, gibt es dafür zwar gelegentlich beispiele, aber es ist keineswegs ein prominenter modus, auf den wir uns je hätten verlassen können.

nina strassegger in der "heiligenschein-ecke" beid er eröffnung des "april-festifals" 2001

urbane konzepte lassen sich in dieser sache nicht auf ländliche regionen übertragen. außerem ist dieses modell der sponsorengelder plus subventionen das echo einer (groß-) bürgerlichen kulturvorstellung, die ihrerseits mindestens von der pop-kultur schon vor jahrzehnten gründlich überrannt worden ist.

es gibt zwar heute noch verschnarchte spaßvögel, die tief in der oststeiermark mit dem begriff „hochkultur“ operieren, das erweist sich aber gar nicht so selten als die markierung einer traurigen provinz-kopie des städtischen kulturbetriebes in längst versunkener fassung; also – wie angedeutet – die kopie eines antiquierten konzeptes.

auf solchen pfaden ist nichts interessantes zu erringen. es reicht da bestenfalls, daß sich ein milieu der „provinz-bürgerlichkeit“ vor ort auf jene arten inszieniert, wie es die dinge gesehen hat, wenn es zur stillung kultureller bedürfnisse ab und zu nach graz oder nach wien, vielleicht sogar nach salzburg und wahrscheinlich nach mörbisch gefahren ist.

kein einwand! mich interessiert dieser teil des geschehens bloß nicht und bei „kunst ost“ könnte solches geschehen keinen referenzpunkt ergeben. wir haben gerade das „april-festival“ 2011 mit einer satten session eröffnet. es ist aktueller ausdruck dessen, woran wir arbeiten; kulturell, künstlerische und kulturpolitisch.

das werte publikum erwies sich als durchaus belastbar, wo doch bei der vernissage eine nennenswerte wegstrecke durch gleisdorf bewältigt werden mußte

die gezeigten werke reichen von ambitionierten bastelarbeiten über stücke, die im bereich kunsthandwerk geltung hätten, zu bereichen der „voluntary arts“, bis hin zu exponaten, die man der gegenwartskunst zurechnen darf.

wir hatten nun über mehrere jahre im engeren kreis debatten, ob das genauer formuliert und formiert werden sollte. nein, die notwendigkeit dazu hat sich nicht herausgestellt. einerseits konzentrieren sich die genres im rahmen der nun eingeführten „location crews“. das heißt, was zusammenpaßt, findet auch meist zusammen, da und dort erzeugt der kontrast des verschiedenen auch besondere reize.

andererseits führt diese verbindung diverser genres in einem gemeinsamen vorhaben, in einer gemeinsamen „erzählung“, durchaus zu wechselseitigen anregungen. in summe dürfen wir damit rechnen, daß die durchmischung sehr verschiedener kreativer leute und ebenso verschiedener publikumskreise einen wichtigen beitrag ergibt, um ein kulturelles klima zu erzeugen, das diese bezeichnung wert ist. bleibt noch ein wesentlicher aspekt in dieser sache zu erwähnen: kontinuität!

zurück zu den ersten absätzen dieses beitrages; „alter“ und „neuer“ modus? statt nun das rollenangebot „energisch fordernder bittsteller“ zu übernehmen, um von der wirtschaft sponsorgelder und von der politik subventionen zu erhoffen, setze ich auf die möglichkeit der KOOPERATION. dabei geht es mir um die kooperation von drei sektoren: 1) staat, 2) markt und 3) zivilgesellschaft.

das aktuelle „april-festival“ bildet diesen arbeitsansatz schon sehr deutlich ab. daraus hat sich schon ein klarer nutzen ergeben. trotz krisenhafter entwicklungen in der steiermark und unserer momentanen position zwischen „low budget“ und „no budget“ erweist sich das heurige programm als umfassend und inhaltlich äußerst relevant.

wie das gegangen ist? wir danken es vor allem den „schlüsselpersonen“ und einigen engagierten leuten aus allen DREI genannten sektoren, die im zusammengreifen dieses gesamtergebnis generiert haben.

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kunst ost in der praxis #2

kulturschaffende sollten wissen, woran sie sind und von welchen rahmenbedingungen ihr tun umgeben ist. dazu gehört auch eine wenigstens kursorische kenntnis der wirtschaftlichen situation einer kommune und der politisch aktuell gesetzten themenschwerpunkte.

weder geld noch guter wille reichen, um in einem gemeinwesen allen grade vorhandenen bedürfnissen entgegenzukommen. die jeweiligen prioritäten innerhalb eines jahres werden folglich von der politik vor ort bestimmt. die politische willensbildung ist naturgemäß nicht in allen aspekten nachvollziehbar. sie ereignet sich ja primär innerhalb der fraktionen.

ein teil der gemeinderats-sitzungen ist öffentlich zugänglich. waren sie schon einmal dort?

es wäre natürlich denkbar, daß auch außerhalb solcher gremien, in bereichen der zivilgesellschaft, politischen willensbildung stattfindet und auf die etablierte politik einwirkt. im kulturbereich hab ich das hier aber noch nicht erlebt. (wenn man von „kunst ost“ absieht, das im kern ein beispiel genau dafür ist.) da dominieren die individuellen partikularinteressen, die von vereinzelten leuten vorgebracht werden; naturgemäß mit wenig politischer wirkungskraft.

in der umsetzung wird politisches wollen meist an transparenz und überblickbarkeit gewinnen, weil ja fachausschüsse beauftragt sind, die themen für den gemeinderat aufzubereiten. dabei kommen im besten fall nicht nur alle fraktionen mit ins spiel, sondern die lokalpolitik wird auf angemessene kommunikation nach außen achten.

damit wir an der basis einer kulturinitiative nicht im trüben fischen müssen, damit der „blindflug“ sich solchen zeiten umfassender konfusion einschränken läßt, habe ich gerne laufend das ohr am puls dieser stadt. ich hatte bisher noch nicht das gefühl, der bürgermeister würde uns wesentliche informationen vorenthalen. es ist feilich ein komplexes kommunikationsverhältnis, momentan auf jeden fall sehr viel komplizierter als in vergangenen jahren. (ich erzähle später, was damit genau gemeint ist.)

bürgermeister christoph stark montierte im sitzungssaal eine unserer "kunst ost"-kultur-steckdosen

eben fand in gleisdorf die erste gemeinderatssitzung des jahres 2011 statt: [link] ein teil dieser zusammenkünfte ist öffentlich zugänglich, kann also von jeder interessierten person besucht werden. eine gelegenheit, die ab und zu genutzt werden sollte. man sieht, mit wem man es politisch zu tun hat, bekommt einen eindruck von arbeitsklima und stimmung im gemeinderat.

die auftakt-sitzung von 2011 war ein gesellig wirkendes arbeitstreffen, in dem gute laune vorherrschte. ich tippe auf zwei wesentliche gründe. einerseits müssen die fachausschüsse gründlich vorgearbeitet haben. falls es da und dort anlaß zu differenzen gab, sind sie offenbar im vorfeld schon bearbeitet worden. andrerseits konnte ein ausgeglichener abschluß des 2010er-haushaltes vorgelegt werden: [link]

das bedeutet, zum jahresende deckte sich die reale situation weitgehend mit dem voranschlag. was in manchen ecken an mehraufweand angefallen war, konnte durch verschiedene einsparungen und vergünstigungen kompensiert werden, ganz wesentlich aber durch ein erhöhtes abgaben-aufkommen seitens der gleisdorfer wirtschaft.

das alles bedeutet nicht, jemand hätte nun der kultur einen roten teppich ausgerollt. aber es ist schon ein bescheidener vorteil, trotz bereits vollzogener kürzungsschritte, die wir erfahren haben, mit kulturellen vorhaben nicht gleich in eine mauer der abwehr zu rennen. schauen wir also, was sich aus der situation machen läßt …

p.s.:
ein exemplar unserer von christian strassegger entworfenen „kultur-steckdosen“ ist nun auch im großen sitzungssaal des gleisdorfer „service-centers“ zu finden.

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