Archiv für den Monat: März 2012

The Track: Strecken und Spuren #2

Der Abschnitt, den wir erreicht haben, ist von meiner Seite her einem künstlerischen Vorhaben gewidmet, für dessen Realisierung ich mindestens ein Jahrzehnt angesetzt habe. Dieses Jahrzehnt ist bald voll. Der „Generaltitel“ lautet „the long distance howl“. Ich habe das in „Büchern“ und „Kapiteln“ gedacht, weil diese Art des strukturellen Ordnens mir als Autor und als Lesender tief vertraut ist.

Das aktuelle „Buch“ trägt den Titel „the track“, was „Die Strecke“ bedeutet. Das handelt von einer RÄUMLICHEN Dimension und realen Ereignissen, die ich in diesem definierten Raum initiiere. Das älteste Dokument im Web, welches zu diesem Gesamtvorhaben noch zu finden ist, stammt aus dem Jahr 2003. Es trägt den Titel „the long distance howl“ (art under net conditions: worldwide) [link]

Darin ist ein Mann gewürdigt, der Pinochets Folter-Camps überlebt hat, der ein Liebhaber der Literatur und Künste ist, der Chiles Botschafter in Wien war, als wir uns begegneten. Von ihm erhielt ich sehr wesentliche Impulse zu diesem Vorhaben. Ende 2003 habe ich einige Hintergründe von „the long distance howl“ in einem kleinen Text zusammengefaßt: „Verschluckt“ (Neue Räume, alte Träume) [link]

Darin ein William Gibson-Zitat: “Lichtzeilen, in den Nicht-Raum des Verstandes gepackt, gruppierte Datenpakete. Wie die fliehenden Lichter einer Stadt.” Was wir später als Internet und „Cyberspace“ kennenlernten, was in Gibsons Literatur die „Kyberspace-Matrix”, von “knisternder Stille” belebt. Zu diesen radikalen Erfahrungen holte ich mir in meinem Projekt einen starken Bezug zum Realraum, da vor allem zum öffentlichen Raum, zurück.

Die Bahntrassen in der Oststeiermark sind ein greifbares Bezugssystem dieser ganzen Geschichte. Ausgangspunkt waren verschiedene Debatten über aktuelle Vorstellungen vom öffentlichen Raum und wie er sich zum privaten Raum verhalten würde. Ein Ergebnis dieser Prozesse war die frühe Phase unseres Avantourismus’.

Das erste avantouristische Dokument stammt vom Jänner 2005: [link] Gleich darauf war klar, daß ich ein Symposion in einem fahrenden Zug realisieren werde, von Graz, quer durch die Oststeiermark nach Wien: [link]

Zu diesen Ereignissen gehören auch Reflexionen wie „Unzusammenhängende Gedanken zu Mobilität und individuellen Rechte“ von Politologin Monika Mokre: [link]

Im Sommer 2004 begannen meine kleinen Wanderschaften entlang der Bahnlinie durch die Region, ausgehend von einer Debatte mit dem serbischen Künstler Mihael Milunovic: [link]

Das hatte sich 2003 über ein Konzept mobiler Kunst- und Vermittlungspraxis ergeben, deren genauere Zusammenhänge ich hier kurz skizziert habe: [link] So war ich zu meinem Langzeitprojekt „the long distance howl“ gekommen, über das 2003er-Projekt „die verschwundene galerie“: [link]

Das hatte wiederum seine 2002er-Vorgeschichte in der „praxiszone kunstraum gleisdorf“, wo im Bereich „Neue Räume“ zu erörtern war, was abseits des Landeszentrums Orte der Kunst sein könnten, aber auch generell, was im „Medienzeitalter“ nun der öffentliche Raum und der private Raum sei, wie sich beide zu einander verhielten…

[Überblick]

The Track: Strecken und Spuren

Künstlerische Praxis ist eine Praxis des symbolischen Denkens, ist ein Arbeiten mit Codes, ist ein Zuschreiben von Bedeutungen, ist ein Ausloten von Zusammenhängen und deren Deutung in Akten von Definitionsmacht. Klar? Klar! Ich mußte den Satz dann selber zwei mal lesen, um sicher zu gehen, daß er auf den Punkt kommt, den ich gerade vor Augen habe.

Winfried Lehmann (links) und Christian Strassegger südwärts im 1931er Triebwagen

Manche Sätze, Abschnitte, Seiten, ganze Texte muß ich öfter als zweimal lesen, um mir zugänglich zu machen, wovon sie handeln. In solchen Zugängen ist auch eine Landschaft für mich Text. Ich durchmesse Terrain gerne im Legen von Strecken, also im Gehen oder Fahren. Dabei erahne ich Spuren von getanen Taten und gelebtem Leben. Das ist eine Art des Erschließens von Geschichte.

Kürzlich machten wir eine kleine Strecke, auf der es sich ergab, daß wir unerwartet in einem 1931er Triebwagen saßen, mit dem wir etwa die Hälfte der Route absolviert haben. Das heißt, wir waren in ein Artefakt gepackt, das einer radikalen Ära entstammt, in der eine Mischung aus technologischen Veränderungen und Ideologie begann, das Antlitz der Welt zu ändern; in einem wörtlichen, physischen Sinn.

Ich denke, es sind uns heute weder die genauern Zusammenhänge präsent, noch die Kontinuität vor Augen, in der sich das vollzogen hat, in der sich das an uns manifestierte. Ich streue in polemischer Verkürzung einen Satz ein, an dem wir noch viel Arbeit haben werden: Die aktuelle Krisensituation ist vor allem auch eine Krise des Fordismus; genauer: Die umfassende Krise einer fordistischen Kultur.

Kleiner Einschub:
Der Begriff Fordismus wurde von Henry Ford und seinen unternehmerischen Konzepten hergeleitet: [link] Eva Kreisky faßt zusammen: „Merkmale eines fordistischen Systems sind Massenproduktion in der Kombination mit der Schaffung von Massenkaufkraft, bzw. -konsum, Vollbeschäftigung und Sozialstaat sowie eine institutionalisierte Zusammenarbeit zwischen Kapital und Arbeit in einer Industriegesellschaft. All dies ist vom Staat zu garantieren.“

Es ist demnach kein Zufall, daß ich im Teilprojekt The Track [link] das Motiv der Mobilität so zentral angeordnet habe und daß eines der dominanten Teilthemen in diesem Zusammenhang der Automobilismus ist, der in unserer Mobilitätsgeschichte so radikal auftaucht und wirkt wie zuletzt vermutlich die federleichten Streitwagen mit ihren revolutionären Speichenrädern, wie sie im zweiten Jahrtausend vor Christus von den Sumerern eingeführt wurden.

Auf unserer kleinen Reise zu Kathi Veliks „Kopfbahnhof“ in Bad Gleichenberg kam ein symbolträchtiges Ensemble zustande. Den 1931er Triebwagen habe ich schon erwähnt. Dazu kam Bildhauer Winfried Lehmann, der übrigens erwähnte, es säße nun seit rund 25 Jahren das erste Mal wieder in der Eisenbahn. Lehmann wurde 1934 geboren. Das ist exakt jenes gut beschreibbare Jahr, in dem der Fordismus sowie das gesamte Industriegeschehen in einer neuen Ära aufgingen, was sich auch kulturell enorm niederschlug.

Ich hab in „Die erste Fahrt“ [link] schon knapp skizziert, was die „Stromlininen-Ära“ bedeutet und durch welche amerikanischen Fahrzeuge sie erstmals für die breitere Wahrnehmung repräsentiert wurde: Der Eisenbahnzug Pioneer Zephyr und der Air Flow von Autoproduzent Chrysler. Siehe dazu auch meinen Logbuch-Eintrag #1817! [link]

Die Ära der "Silberpfeile": Der "P-Wagen" von Hitlers Hof-Ingenieur Ferdinand Porsche bei der Erprobung in Monza (Quelle: Allgemeine Automobilzeitung, Februar 1934)

Die für heutige Gewohnheiten auffallende Langsamkeit unserer Bahnfahrt auf dem letzten Abschnitt der Route stand im harten Kontrast zu jenem Beschleunigungskult, der sich mit den „Streamliners“ 1934 erstmals ganz massiv hervortat. 1934 ist auch das Jahr, in dem Auto Union und Mercedes-Benz neue Rennwagen vorstellten, die später als „Silberpfeile“ nicht bloß Motorsportgeschichte schreiben sollten, sondern auch zu einem prominenten Kapitel in der Geschichte der Tyrannis wurden.

Adolf Hitler war 1933 zum Reichskanzler ernannt worden. Sein Verbrechensregime setzte propagandistisch auf eben diese „Silberpfeile“, investierte Vermögen in deren Entwicklung, machte das Automobil zu einem Hauptgegenstand einer vollkommen neuen Massenkultur.

Damit wurde ein reaktionärer Modernismus inszeniert, der auf Massenmobilisierung zielte und das Auto zu jenem herausragenden Konsumgut erhob, mit dem der breiten Bevölkerung versprochen wurde, an einem kommenden Wohlstand teilnehmen zu können. (Eines der vielen Versprechen, das die Nazi gebrochen haben.)

So mag erahnbar werden, wie all diese Aspekte zusammenhängen und zusammenwirken. So mag greifbar werden, warum ich der Ansicht bin, daß unseren aktuellen Krisenerfahrungen aus einigen Kausalketten hervorgehen, die teils tief in den Bereichen des Fordismus und da wiederum in der Kontinuität eines aggressiven Automobilismus liegen, der in dieser Deutung mehr Ideologie als Transportsystem ist.

[Überblick]
[April-Festival 2012]
[kuratorium für triviale mythen]

Avantourismus: Das Puch-Buch ist da!

Es ist bloß die Hälfte der Lieferung. Der Fahrer war so freundlich, mir meine Wohnungstür nicht völlig zuzumauern. Außerdem kamen die Pakete in zwei Durchgängen. Das hat seine Vorteile, denn Kartons, mit solchen Alben vollgepackt, bringen es auf ein stattliches Gewicht, das geschultert und unters Dach verbracht werden muß.

Teil 1 der Lieferung

Also habe ich mir diese freudigen Mühen aufteilen können. Es ist insgesamt eine lange Geschichte auf einem gewundenen Weg. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich begonnen hab, mit Michael Toson an diesem Vorhaben zu arbeiten. Nun aber liegt das kuriose Album vor mir und duftet heftig. Ich liebe den Geruch von Druckfarbe ebenso wie den von altem Papier, welchen betagte Bücher verströmen. Frische Drucksorten riechen naturgemäß vollkommen anders.

Ich mag auch diese gewundenen Wege, auf denen etwas wird, das sich derart prozeßhaft entwickelt, langsam entfaltet. Hier ist es ein Stück Mobilitätsgeschichte, das erzählt und gezeigt wird. Die Historie hab ich zusammengefaßt, Techniker Michael Toson schuf die Ausschneidebögen, Graphic Novelist Jörg Vogeltanz besorgte das Art Work.

Das "Puch-Buch", ein buntes Album

Die „Puch-Werke“, das sind neun Bastelbögen mit den maßgeblichen Fahrzeugen aus der Grazer Produktion nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier eine kleine Leseprobe der Geschichte zu dieser Geschichte: [link]

So ist außerdem ein Akzent gesetzt, mit dem unser Kuratorium für triviale Mythen in einen nächsten Bereich der Arbeit an unserer Mobilitätsgeschichte geht. Das hat eine Erzählebene in der Themenleiste „Die Gefolgschaft des Ikarus“: [link]

Das hat außerdem schon bald eine Station im Rahmen unseres April-Festivals: „Gehen, reiten, fahren“ (Fahrzeug & Fetisch) [link] Die Geschichte des 20. Jahrhunderts belegt mehr als deutlich, daß die soziokulturelle Inszenierung und emotionale Aufladung dieser Hauptobjekte einer damals neuen Massenkultur, der Automobile und schließlich Motorräder, so radikal, langfristig und mit derart hohem Budgetensatz betrieben wurde, da kann eine rein rationale, vor allem ökologisch begründete Kritik dieser Entwicklung gar nicht hinreichen.

Michael Tosons "Puch-Werke" im gebauten Zustand

Wir wollen also klären, über welche soziokulturellen Zugänge diese Thema greifbarer werden kann und wohin diese Entwicklung führen mag…

[Das Puch-Buch]
(Euro 9,- zuzügl. Versandkosten)
[Der Avantourismus]
[Das April-Festival 2012]

April-Festival 2012: Die Eröffnung

Ich kann die Stunden, bevor es los geht, nie leiden. Dabei bin ich für die Eröffnung des April-Festivals in der höchst entspannenden Position am Rande gewesen. Das war eindeutig der Abend von Irmgard Hierzer, die mit ihrer Crew den Auftakt unseres Frühlingsschwerpunktes gestaltet hat. Und was für ein Auftakt!

Malerin Irmgard Hierzer
Malerin Irmgard Hierzer

Wir sind auf einem interessanten Weg. Da geht es eindeutig längst nicht bloß um Repräsentation. Was sich in dieser üppig besuchten Vernissage eingelöst hat, ist das Ergebnis eines komplexen Prozesses, der im Akt einer Ausstellung keineswegs abbricht.

Inhaltliche Impulse, kontrastreiche Zugänge, gelegentliche Kontroversen, Privates verschränkt sich ab und zu mit den Arbeitsverläufen einer Gruppe, selbst Leben und Sterben berühren die Wege jener kleinen Reisegesellschaften, als deren Summe sich kunst ost inzwischen erweist.

Das ist vielleicht der für mich wichtigste Aspekt in dieser Geschichte. Es geht keineswegs immer ohne Reibungen, aber es hat Bestand. Kontinuität. Und es läßt, wie sich stets neu zeigt, keinen Aspekt des Lebens aus. Dazu kommt, was zu hoffen war, aber keineswegs gesichert schien: Dieses Prozeßhafte ist inzwischen wieder Anlaß, daß sich Offizielle aus den Kommunen solchem Geschehen zuwenden.

Ich denke, wir werden zeigen können, daß hier eine Art soziokultureller Prozesse erprobt wird, die einem konzentrierten Wirken von Geist, Emotionen und gestalterischen Kompetenzen in einem komplexen Zusammenhang Kontinuität geben; als einem kulturellen Geschehen, in dem Repräsentation zwar weder unterschätzt noch gering geschätzt wird, wo deren Anlaß aber ein weit höheres Gewicht bekommt.

Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov im Gespräch mit Kunstsammler Erich Wolf

Da nun dieses April-Festival gerade erst begonnen hat, beschäftigt mich allerdings schon, welche Schritte uns zum April 2013 führen könnten. Klar ist jetzt schon, diese Schritte führen im kommenden Herbst über ein Symposion, das den Titel „regionalität und realität // globalität und virtualität“ trägt: [link]

Ich bin bereits eine Weile im Dialog mit Kunstsammler Erich Wolf, der die Hauptperson in diesem Vorhaben ist, der Angelpunkt eines mehrjährigen Vorhabens, um so eine Plattform für steirische Gegenwartskunst aufzubauen:
„ereignis-ort, präsentationsraum, bildungsstätte, arbeits-ort, drehscheibe für einen umfassenden know how-transfer. ein projekt, das sich nicht nur lokal und regional bewähren soll, sondern das auch internationale relevanz entfaltet.“ [Quelle]

[Die Station]

Wovon handelt Kulturpolitik? #18

Die mehrjährige Praxis von kunst ost handelt wesentlich von zwei Optionen Kunstschaffender. Ein Teil ist so gut wie ausschließlich mit dem eigenen Werk befaßt und nutzt die gebotenen Publikations- und Ausstellungsmöglichkeiten wie sie sich gerade ergeben. Mit der Bereitstellung angemessener Locations und Budgets können sie sich nicht befassen; meist auch nicht einmal mit der sporadischen Organsationsarbeit, um solchen Möglichkeiten in der Provinz Kontinuiät zu geben.

Der andere Teil investiert neben der laufenden Arbeit am eigenen Oeuvre auch Kraft in die Vermittlungsarbeit, also in den kulturpolitischen Teil des Geschehens, der von Fragen nach Mitteln und Möglichkeiten handelt. Die von Kunstschaffenden erfundene Legende, daß man sich als Kunstschaffender um diese Dinge nicht kümmern könne, wird von solcher Praxis des bürgerlichen Engagements wenn schon nicht widerlegt, so doch konterkariert.

Unter den Kunstschaffenden der Region insgesamt machen die realen Freelancers noch nicht einmal einen nennenswerten Prozentanteil aus. Das bedeutet, für die meisten der Kunstschaffenden ist ihre künstlerische Praxis eine private Angelegenheit, die nicht in jene soziale Kategorie reicht, wo Kunstpraxis mit Brotwerwerb verknüpft wird.

Auf der Strecke Feldbach - Bad Gleichenberg

Das hat wesentliche Konsequenzen, was die Behandlung kulturpolitischer Fragestellungen angeht. So gesehen war das formelle Themenangebot unserer jüngsten Fahrt („talking communities“) überwiegend nachrangiger Natur:

+) Kennenlernen neuer Leute
+) Vorbereitung der Station vom 5. Mai 2012
+) Kooperationsmöglichkeiten innerhalb der Kulturspange
+) EPU-Know how, Strategien gegen die Krisensituationen
[Quelle]

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie problematisch eine kulturpolitische Situation ist, in der ein Gros Kunst- und Kulturschaffender in der Region von der Öffentlichkeit Förderungen und Serviceleistungen erwartet, damit es einen Kulturbetrieb geben möge. Einen Kulturbetrieb, welcher den kreativen Kräften Auftritts- und Ausstellungsmöglichkeiten bietet, wobei die überwiegend PRIVATE Dimension dieses Kulturgeschehens aber mit den Funktionstragenden der Gemeinden politisch nicht verhandelbar ist.

Ich denke, das budgetäre Krisenjahr 2011 sollte deutlich gemacht haben, daß wir in der Lage sein müssen, einen kulturpolitischen Paradigmenwechsel zu debattieren. Aber weder hier, noch im Landeszentrum Graz weist irgend etwas darauf hin, daß diese Ansicht mehrheitsfähig wäre.

Eine Aussendung der IG Kultur Steiermark vom 26.03.2012 (21:55) besagt: „DANKESCHÖN der Plattform 25 / Die letzte Demo am Freitag war ein großer Erfolg, laut Polizei über 2.000 Personen!“ Daraus mag ersichtlich werden, wie polarisiert die Auffassungen sein dürften.

Mir erschließt sich nämlich in keiner Weise, welche Art Erfolg darin liegt, 2.000 Menschen auf die Straße zu bringen. Ich hätte zu fragen: Auf welche kulturpolitische Position bezieht sich dieser Auftritt und was bewirkt er konkret? DAS wären dann meiner Meinung nach Zusammenhänge, über die sich klären ließe, was als Erfolg gelten darf und was nicht.

... Ein dankbarer Fahrgast

Auf der Website der IG [link] finde ich bloß ein Flugblatt zur Protestveranstaltung. Der kulturpolitische Bezug ist darin karg ausgefallen: „WIR FORDERN PLUS 25 % FÜR KULTUR, SOZIALES, FRAUEN, BILDUNG UND GESUNDHEIT! Die Finanzierung dieser Bereiche muss ebenso selbstverständlich sein wie die Aufrechterhaltung von Infrastruktur wie Wasser- und Energieversorgung.“ Mehr ist inhaltlich nicht avisiert.

Nun IST ja diese Finanzierung a) selbstverständlich und hat b) auch gesetzliche Grundlagen. Wobei zu präzisieren wäre: Kofinanzierung. Denn eine Vollfinanzierung wäre wohl nur in Dimensionen einer „Volksrepublik“ vorstellbar.

Selbstverständlich herrscht Uneinigkeit, was nun die Höhe staatlicher Kofinanzierung angeht. „WIR FORDERN PLUS 25 % FÜR KULTUR“ erscheint mir dabei kein kulturpolitisches Argument, sondern eines, das Konsumlogik ausdrückt. Die Forderung besagt: Wir wollen MEHR!

Aber MEHR wofür? Wo kann ich nachlesen, wie nun ein möglicher Zugewinn an Kulturbudgets verwendet werden soll? Was sind die konzeptionellen Grundlagen, mit denen sich dieser Anspruch begründen und verhandeln ließe? Welche Themenpapiere und Konzepte kann ich bekommen, um zu erfahren, wie sich Kunst- und Kulturschaffende ihre Kooperation mit dem Staat vorstellen?

Dabei würde ich auch gerne erfahren, welche Vorstellungen momentan konsensfähig erscheinen, was das aktuelle Verhältnis zischen Landeszentrum und Provinz angeht.

Im § 1 des Steiermärkischen Kultur- und Kunstförderungsgesetz 2005 lese ist unter „(4) Die Kultur- und Kunstförderung des Landes hat insbesondere folgende Ziele zu beachten“ zum Beispiel: „2. die schöpferische Selbstentfaltung jedes Menschen durch aktive kulturelle Kreativität und die Teilhabe jedes Menschen am kulturellen und künstlerischen Prozess in jeder Region des Landes“.

Gerade in dieser Frage hat das Zentrum gegenüber der Provinz seit dem 19. Jahrhundert erhebliche Vorteile. Welche Grundlagen, Rahmenbedingungen und Verläufe, welche Prozesse hätten wir kulturpolitisch zu verhandeln, um die Revision dieser eklatanten Asymmetrie voranzubringen?

Solche Fragen sind nun mit der konsumorientierten Sentenz „WIR FORDERN PLUS 25 % FÜR KULTUR“ nicht klärbar. Dazu brauche ich statt dessen stichhaltige Annahmen, was denn auf einer Höhe der Zeit genau zu bearbeiten sei, um damit welche Ziele im Detail zu verfolgen.

Ich habe keinen Zweifel, daß zu den Grundlagen solcher Entwicklungen eine Art „Repolitisierung“ der Kunst- und Kulturschaffenden nötig ist. Das Gerieren als „Wut-“ oder „Mutbürger“ ist kaum mehr als Boulevard-Blödheit. Es wäre dagegen vorrangig zu klären, was es heute eigentlich bedeuten soll, Bürgerin oder Bürger einer zeitgemäßen Demokratie zu sein.

Also bitte kein Retrokurs in eine „Politk der Gefühle“, die etwa Autor Josef Haslinger vor einer Ewigkeit und drei Tagen in einer anregenden Polemik kritisiert hat. Wut und Mut sind sehr private Emotionen, als politische Kategorien schmeckt mir das zu sehr nach dem „Primat der Tat“. Das war ein Grundelement des Faschismus. Das ist mir also etwas zu sentimental.

[überblick]

April-Festival 2012: Die erste Fahrt

Wir besuchten den „Kopfbahnhof“ von Kathi Velik, ein Kulturprojekt in Bad Gleichenberg, per Eisenbahn. Dort wird ja am 5. Mai unser heuriges April-Festival abgeschlossen, um so unter anderem eine kleine Reise durch die Region symbolhaft zu runden: [link]

Bei der Festival-Themenstellung „Leben: Praxis der Zuversicht“, geht es unter anderem darum, Befunde über unseren Lebensraum als Ausgangspunkte zu nehmen und unsere Schlüsse darzulegen. In polemischer Verkürzung stößt man dabei heute auf zwei sehr markante Themen: Beschleunigungskult und überzogenes Konsumverhalten. Dem entgegenzuwirken setzt voraus, daß wir verstehen, wie es zu jenem Status quo gekommen ist. Dieses Verständnis soziokultueller Vorgänge quer durch das 20. Jahrhundert hat im Alltagsleben kuriose Bezugspunkte.

Winfried Lehmann (links) und Christian Strassegger in Feldbach

Gleisdorf liegt im Bereich der ÖBB. In Feldbach wechselt man, um nach Bad Gleischenberg zu kommen, auf das Terrain und den Schienenstrang der Steiermärkischen Landesbahnen. Das brachte uns in einen Triebwagen aus dem Jahr 1931, was von hohem symbolischem Gehalt ist und eine sehr greifbare historische Erfahrung bringt. Es ist ein Fahrzeug aus der Ära der „Stromlinie“, ohne selbst formal diesem radikalen kulturellen Prinzip zu entsprechen.

Das ästhetische Konzept der „Streamliner“ war wegbereitend für eine Konsumlogik und eine Beschleunigungskultur, deren teilweise höchst problematischen Auswirkungen wir bis heute am Hals haben und bearbeiten müssen. Dieser Triebwagen, mit dem wir durch die Oststeiermark fuhren, widersprach in Aufmachung und Fahrverhalten ganz umfassend genau jener Beschleunigungskultur.

Kleiner Einschub:
Um einen Eindruck zu bieten, wovon hier die Rede ist: Der Pioneer Zephyr (1934) von Burlington [link] war der erste Stromlinien-Personenzug Amerikas. Das automobile Pendant dazu war der Air Flow (1934) von Chrysler, kein Verkaufsschlager, aber wegweisende Karosseriegestaltung: [link]

Diese Fahrzeuge mögen offensichtlich und klar machen, was damals die neue HÜLLE bedeutete, welche
a) GESCHWINDIGKEIT und Fortschritt darstellen sollte, welche elegant
b) VERDECKTE, was die Maschine an Organen, Komponenten und Funktionen unter der Haut verbarg.

Der 1934er Pioneer Zephyr (Photo by Charles Peirce)

Das bedeutet, es etablierte sich eine Kultur der visuellen Inszenierung, die sich von den greifbaren Inhalten auch sehr unabhängig machen konnte und ein Hauptstament hatte: Ich bin schnell! Sie finden das auf abstruse Art in jener Zeit auch bald bei Staubsaugern, Waschmaschinen, Bleistiftspitzern etc., sogar an Häusern.

Wir waren nun Passagiere der früheren Verhältnisse. Das Drehgestell auf Blattfedern, der Wagenkasten auf Blattfedern, die ganze Fuhre also auf alte Art doppelt mit Stahl gefedert. So entsteht eine Gesamtsituation in Sachen Fahrkomfort aus einer Ära, in welcher Automobile für den Großteil der Menschen unerschwinglich waren. Jene Autos, die es zu der Zeit auf unseren Straßen gab, waren nur zum geringsten Teil in Privatbesitz, die meisten sind Geschäfts- oder Behördenfahrzeuge gewesen.

Zwichen feldbach und Bad Gleichenberg unterwegs: 1931er Gleischstrom-Triebwagen

Die regionale Eisenbahn, wie wir sie zwischen Feldbach und Bad Gleichenberg heute noch erleben können, war damals genau so eine Sensation des individuellen Mobilitätsgewinn und könnte genau das auch wieder werden, wenn die Erhaltungskosten von Autos im heute vertrauten Maß weiter steigen.

Der elektrische Normalspur-Triebwagen generiert aus Gleichstrom (welcher in Gnas eingespeist wird) 400 PS. Eine moderne Taurus macht mit Wechselstrom fast 10.000 PS. Das als weiterer Hinweis auf die enormen Kontraste in den Fundamenten unserer Mobilitätsgeschichte.

Die verlangsamte Reise und die Sicht auf eine Landschaft vom Bahndamm aus ergibt eine völlig andere Erfahrung der Region gegenüber der flotten Fahrt mit dem Auto. Dieser Blick vom Bahndamm aus ist übrigens ein zentrales Element dieser gesamten Projektgeschichte über bald ein Jahrzehnt.

P.S.: In diesen Reflexionen liegt auch ein Querverweis zu „Gehen, reiten, fahren“ (Fahrzeug & Fetisch), ein eigener Themenabend im Rahmen des April-Festivals: [link]

[Fortsetzung folgt!]

kunst ost: reflexionen #5

Kulturelles Engagement auf der Höhe der Zeit

Aber nun kurz zurück zu den klar erinnerbaren Anfängen von kunst ost, in erster Schreibweise noch kunst O.ST, was auf den Regionsbegriff „Oststeiermark“ verwies. Rückblickend läßt sich ein Abend konstituierender Ereignisse markieren. Der 6. März 2007: [link]

Wir hatten bei kultur.at zu der Zeit eine Kooperation mit dem Festival steirischer herbst erreicht, um so im Herbst 2007 einen Kunstakzent von internationaler Relevanz zu realisieren. Der Auftakt dazu war für 16. März festgesetzt: [link] Im Mai folgte, als Zwischenschritt, die kleine Ausstellung „Nobody Want’s To Be Nobody“.

Veronica Kaup-Hasler (steirischer herbst, links) und Mirjana Peitler-Selakov (kultur.at, Mitte) bei der Eröffnung in Gleisdorf

Das eingangs erwähnte Treffen vom 6. März hatte ich als eine Einladung an regionale Kräfte konzipiert, mit einem Auftritt an die Herbst-Geschichte anzudocken und ein Gesamtereignis herbeizuführen, in dem internationale und regionale Kräfte in Wechselwirkung kamen.

Das war also 2007 gewissermaßen die Vorläufersituation zum aktuellen Programmschema, in dem diese zwei Positionen allerdings heute geteilt sind: Regionale Kräfte im ersten Halbjahr (April-Festival), internationaler Kontext im zweiten Halbjahr.

Ende März 2007 hatte ich außerdem noch ein Gespräch in Weiz erwirkt, bei dem wir eine mögliche Kooperation Kulturschaffender quer durch die Region erörterten: [link] Das war die kulturpolitische Ebene; mit einigen Konsequenzen, die ich damals nicht einmal geahnt habe, denn es sollte später noch für erhebliche Unruhe sorgen, daß unser Arbeitsansatz der regionalen Kulturpolitik ganz neue Optionen zumutete: [link]

Gleisdorfer Kunst- und Kulturschschaffende beim ersten 2007er-Treffen, das zu kunst ost führte

Für die Ebene der primären Kräfte hatte ich einen „Dreisprung“ vorgeschlagen. Es ging mir darum, daß wir in drei festgelegten Schritten innerhalb von drei Jahren die praktische Kooperation üben konnten und innerhalb der Region schrittweise wachsen würden; falls alles gut ging. Die „1 von 3“ trug den Titel „next code: flow“ und ging im November 2007 auf dem Weizberg über die Bühne: [link]

Mit der „2 von 3“ im Jahr 2008 waren wir bei den konzeptionellen Grundlagen des April-Festivals angelangt: [link] 2009 folgte die „3 von 3“ und 2010 hatte ich mit der ganzen Geschichte einen Status quo erreicht, der uns neue Möglichkeiten bot, weil kunst ost inzwischen zu einem LEADER-Kulturprojekt geworden war; weshalb wir es aus kultur.at auslagerten und als eigenständige Rechtsperson aufstellten. Hier eine kleine Zusammenfassung dieser Schritte: [link]

Von links: Winfried Kuckenberger (Kulturbüro), Christoph Stark (Bürgermeister) und Hannes Felgitsch (Kulturreferent) vertraten das "offizielle Gleisdorf" beim Weizer Treffen

Ich denke, einer der wichtigsten Aspekten dieses Prozesses lag darin, regionale und internationale Kräfte in ein Wechselspiel zu bringen, so daß für die Kreativen in der Region neue Impressionen und Erfahrungen zum fixen Bestandteil unseres gemeinsamen Tuns wurden. Außerdem haben wir im kulturpolitischen Bereich eingelöst, was die Kommunen seit Jahren offiziell erwarten und erbitten: „Bürgerbeteiligung“, Bürgerinnen selbstverständlich eingeschlossen. Genau dieses Einlösen des Bottom up-Prinzip hat uns allerdings in manchen Gemeindestuben auch erhebliche Widerstände beschert.

Ich hab vor fast genau einem Jahr, beginnend am 21. März 2011, kurz zusammengefaßt, wo wir damals gerade mit kunst ost standen: [link] Es war das „Krisenjahr“, in dem die bestürzenden Budgeteinbrüche der Kommunen voll zur Wirkung kamen. Die weltweiten Krisen von 2008/2009 hatten voll zu uns durchgeschlagen, gerade im Kulturbereich wurde bedenkenlos gekürzt.

Ich habe in sehr schöner Erinnerung, was uns als Kollektiv in diesem schwierigen Jahr gelungen ist. Für mich steht außer Zweifel, daß wir diese Ergebnisse heuer bestätigen und stabilisieren können. Nächstes Jahr wird die aktuelle LEADER-Periode enden. Diesen Zusammenhang möchte ich noch kurz erläutern.

Wir sind in einer LEADER-Region, der Energie-Region Weiz-Gleisdorf (Oststeiermark), angesiedelt. Deshalb haben wir eine grundlegende Themenstellung formuliert, die ausdrückt, was hier prägend erscheint: „Zwischen Landwirtschaft und High Tech“. In diesem Gesamtzusammenhang entfalten wir seit Jahren unsere Aktivitäten.

Was diese Region angeht, finden Sie hier weiterführende Details: [link]

Auf dem Weg zum überhaupt ersten LEADER-Kulturprojekt des Landes im Jahr 2009 hatte ich die erhebliche Freiheit, daß mir niemand sagen konnte, wie zu verfahren wäre. Es gab ein interessantes Regelwerk, das sich von der Landesebene her aus a) Sonderrichtlinien und b) einem eigenen Arbeitspapier zusammensetzte:
a) Aktionsprogramm Achse 4 LEADER [Link]
b) Sechs Punkte zum Kulturgeschehen (Gerald Gigler) [link]

Es gab meine eigenen Erfahrungen aus der Praxis mit kultur.at und dem künstlerischen Langzeitprojekt the long distance howl, dessen damaliger Abschnitt unter dem Titel next code der Suche nach neuen Codes und Vorgangsweisen im Kunstkontext gewidmet war: [link]

Ich hatte außerdem seit den 1980ern meine Erfahrungen mit den Ideen eigenständiger Regionalentwicklung. Von da her war klar, daß jenseits des Landeszentrums noch keinerlei kulturpolitische Konzepte bestanden, die über Gemeindegrenzen hinausreichten; wenn wir vom Veranstaltungstyp „Landesausstellung“ und dessen Folgekonzept „regionale“ absehen. Aber die sind beide top down angelegt. Mich interessierte, was für einen Künstler bottom up möglich wäre…

[kunst ost: reflexionen]

Kunstkarten: Neue Ausgabe

Unsere kleine Kunstkarten-Edition [link] zeigte bsiher acht Motive mit Arbeiten von Kunstschaffenden, die teils zur Community von kunst ost gehören, teils bei diversen Veranstaltungen unsere Gäste waren. Nun ist die neunte Karte verfügbar.

Sie zeigt eine Druckgrafik von Michalea Knittelfelder-Lang. Diese Grafik ist das visuellle Leitmotiv des heurigen April-Festivals. Die Karten stehen kostenlos zur Verfügung.

[April-Festival]

Komplette Abläufe kennen

Tausend mal der gleiche Bewegungsablauf in einem längeren Durchgang. Das Falten der Drucksorten, die aus kräftigem Papier bestehen und maschinell gerillt wurden, geht flott von der Hand. In der offenen Form funktionieren die Dinger als schlanke Plakate, zusammengeklappt kann man sie als Einladung weitergeben.

Der Geruch von Papier und Druckerfarbe füllt den Raum. Das macht die Menge, aus der sich all das verströmt. Ich kommt immer wieder gerne zu diesen kleinen, grundlegenden Handgriffen einer Kulturveranstaltung zurück. Serielle Vorgänge, wachsende Stapel.

Wie soll ich das erklären? Wenn ich einige Stunden sitze und solche Prozesse absolviert habe, löst sich etwas von den Anfängen meines kulturellen Engagements ein, das Bestand hat. Eine Klarheit darüber, was da geschieht; in jedem Abschnitt des Geschehens.

Ich bin mit jedem der Handgriffe vertraut, ich habe jede der Tätigkeiten schon ausgeführt, ich kenne jede Anforderung im Entstehen solcher Veranstaltungen aus eigener Erfahrung. Das stellt Vertrautheit her, die sogar im Nachhall jener stereotypen Bewegungsabläufe liegt, welcher einige Zeit in der Muskulatur bleibt, die an solche Abläufe nicht gewohnt ist. Das bedeutet, diese Vertrautheit hat sogar physische Entsprechungen.

Das Paketieren der Folders in der von meinen Leuten gewünschten Anzahl. Das Abzählen und Rollen der Plakate für die verschiedenen Stationen. Puzzlestücke im Werden eines größeren Ganzen. Ich halte sehr gerne an diesen Details fest, die mir ein verläßliches Gefühl geben, ganz genau zu erfahren, zu wissen, was wir da tun, wie alles zusammenhängt und wofür es gut ist.

Ich denke, man kann gar nicht überschätzen, was es bedeutet und erbringt, wenn jemand komplette Abläufe kennt und mit dem Ergebnis von Arbeit in seiner Ganzheit vertraut ist.

[April-Festival]

KWW: Eine neue Konzeption der Ethik?

Meine vorigen Notizen zur dritten Session von KWW endeten mit dem Zugehen auf eine Frage. Ich schrieb, es gehe auch darum, verbindlich herauszufinden: „Wonach hungert unsere Region?“ Diese Frage, von Hans Meister formuliert, stand am Ende des Abends im hause der estyria. An seinem Beginn hatte Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov zu einer anderen Frage hingeführt: „Wie finden wir, aus all den verschiedenen Lebensbereichen kommend, zu einer neuen Konzeption der Ethik?“

Mirjana Peitler-Selakov (Foto: Sabine Zettl)

Ausgangspunkt dazu war ihre Schilderung, wie wir im Arbeitsansatz Close to Nature künstlerische Zugänge entwerfen, die sich neben den ästhetischen Aufgaben auch solchen Aufgaben widmen. Peitler-Selakov: „Wir leben mit einem Verlust der natürlichen Umwelt als Erfahrungsraum.“ Dieser Erfahrungsraum sei den meisten von uns verloren gegangen.

Unsere Projektarbeit bündelt dabei nun fünf Optionen: Körperlichkeit, Fühlen, Denken, Wahrnehmen und Handeln. Wir thematisieren hier auch die angemessene Balance zwischen Eigennutz und Gemeinwohl. Peitler-Selakov fragte nach der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Worin sich Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft in dieser Angelegenheit treffen können?

Sind gemeinsame Fragestellungen dingfest gemacht, werden gemeinsame Aufgabenstellungen greifbar. Das ist eine unserer Grundideen. Wo wir die fünf Optionen bündeln möchten, die Körperlichkeit, das Fühlen, das Denken, die Wahrnehmen und das Handeln, haben wir jede Möglichkeit, das in unterschiedlicher Intensität einzusetzen.

Peitler-Selakov: „Alle diese Elemente ansprechen, getrennt, zusammen, in Etappen. So daß der Mensch durch diese Erfahrungen, durch denken und wahrnehmen, letztlich auch zum Handeln kommt. Das ist unsere zentrale Idee.“

Hier wird betont, was wir schon in der zweiten KWW-Session hervorgehoben haben, daß wir auch im Zugang zur Kunst mehr Anregungen zur Partizipation schaffen möchten, damit der Fokus nicht so stark auf dem Bereich der Konsumation bleibt. Konsumation oder Partizipation, das ist eine der brisanten Fragen im laufenden Geschehen.

Praktisch geht es um kein ODER, es geht um das UND mit dem daraus folgenden Verhältnis beider Möglichkeiten zueinander: Konsumation und Partizipation.

Es gibt zu diesem Themenschwerpunkt eine kleine Vorgeschichte. Mirjana Peitler-Selakov war einige Zeit leitende Kuratorin eines Medienkunstlabors im Grazer Kunsthaus. Im Jahr 2008 ist es ihr gelungen, die amerikanische Medienkünstlerin Victoria Vesna ins Haus zu holen. In den Debatten, die wir führten, verwies Vesna auf Richard Buckminster Fuller, von dem die Ansicht stammt, Integrität werde die Ästhetik des 21. Jahrhunderts sein.

Victoria Vesna, Martin Krusche

Ich habe bei Vesna damals noch nachgefragt, ob das so gemeint sei, wie es bei mir angekommen ist. Vesna bestätigte: „The great aesthetic which will inaugurate the twenty-first century will be the utterly invisible quality of intellectual integrity;…” Das vollständige Zitat in meinem Logbuch: [link]

Darin liegt übrigens auch ein Hinweis darauf, daß es quer durch das 20. Jahrhundert Ereignislinien gibt, auf denen Kunstschaffende — ganz ähnlich wie in der Grundlagenforschung — konsequent an relevanten Themen arbeiten.

Daß sich Künstler als Forschen verstehen, hat übrigens seine Wurzeln mindestens in der russischen Avantgarde zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Es geht dabei also nicht um die Selbstinszenierung als Boheme, um ein „antibürgerliches Gehampel“, das sich im Tragen auffälliger Hütchen und lautem Gehabe erschöpft.

Hier zeigt ein Metier seine Möglichkeiten, wobei die Kunst einen der Angelpunkte ergibt, in dem sich menschliche Gemeinschaft bewegt.

+) close to nature
+) … und dann 2050

[KWW: Die dritte Session]