Wovon handelt Kulturpolitik? #18

Die mehrjährige Praxis von kunst ost handelt wesentlich von zwei Optionen Kunstschaffender. Ein Teil ist so gut wie ausschließlich mit dem eigenen Werk befaßt und nutzt die gebotenen Publikations- und Ausstellungsmöglichkeiten wie sie sich gerade ergeben. Mit der Bereitstellung angemessener Locations und Budgets können sie sich nicht befassen; meist auch nicht einmal mit der sporadischen Organsationsarbeit, um solchen Möglichkeiten in der Provinz Kontinuiät zu geben.

Der andere Teil investiert neben der laufenden Arbeit am eigenen Oeuvre auch Kraft in die Vermittlungsarbeit, also in den kulturpolitischen Teil des Geschehens, der von Fragen nach Mitteln und Möglichkeiten handelt. Die von Kunstschaffenden erfundene Legende, daß man sich als Kunstschaffender um diese Dinge nicht kümmern könne, wird von solcher Praxis des bürgerlichen Engagements wenn schon nicht widerlegt, so doch konterkariert.

Unter den Kunstschaffenden der Region insgesamt machen die realen Freelancers noch nicht einmal einen nennenswerten Prozentanteil aus. Das bedeutet, für die meisten der Kunstschaffenden ist ihre künstlerische Praxis eine private Angelegenheit, die nicht in jene soziale Kategorie reicht, wo Kunstpraxis mit Brotwerwerb verknüpft wird.

Auf der Strecke Feldbach - Bad Gleichenberg

Das hat wesentliche Konsequenzen, was die Behandlung kulturpolitischer Fragestellungen angeht. So gesehen war das formelle Themenangebot unserer jüngsten Fahrt („talking communities“) überwiegend nachrangiger Natur:

+) Kennenlernen neuer Leute
+) Vorbereitung der Station vom 5. Mai 2012
+) Kooperationsmöglichkeiten innerhalb der Kulturspange
+) EPU-Know how, Strategien gegen die Krisensituationen
[Quelle]

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie problematisch eine kulturpolitische Situation ist, in der ein Gros Kunst- und Kulturschaffender in der Region von der Öffentlichkeit Förderungen und Serviceleistungen erwartet, damit es einen Kulturbetrieb geben möge. Einen Kulturbetrieb, welcher den kreativen Kräften Auftritts- und Ausstellungsmöglichkeiten bietet, wobei die überwiegend PRIVATE Dimension dieses Kulturgeschehens aber mit den Funktionstragenden der Gemeinden politisch nicht verhandelbar ist.

Ich denke, das budgetäre Krisenjahr 2011 sollte deutlich gemacht haben, daß wir in der Lage sein müssen, einen kulturpolitischen Paradigmenwechsel zu debattieren. Aber weder hier, noch im Landeszentrum Graz weist irgend etwas darauf hin, daß diese Ansicht mehrheitsfähig wäre.

Eine Aussendung der IG Kultur Steiermark vom 26.03.2012 (21:55) besagt: „DANKESCHÖN der Plattform 25 / Die letzte Demo am Freitag war ein großer Erfolg, laut Polizei über 2.000 Personen!“ Daraus mag ersichtlich werden, wie polarisiert die Auffassungen sein dürften.

Mir erschließt sich nämlich in keiner Weise, welche Art Erfolg darin liegt, 2.000 Menschen auf die Straße zu bringen. Ich hätte zu fragen: Auf welche kulturpolitische Position bezieht sich dieser Auftritt und was bewirkt er konkret? DAS wären dann meiner Meinung nach Zusammenhänge, über die sich klären ließe, was als Erfolg gelten darf und was nicht.

... Ein dankbarer Fahrgast

Auf der Website der IG [link] finde ich bloß ein Flugblatt zur Protestveranstaltung. Der kulturpolitische Bezug ist darin karg ausgefallen: „WIR FORDERN PLUS 25 % FÜR KULTUR, SOZIALES, FRAUEN, BILDUNG UND GESUNDHEIT! Die Finanzierung dieser Bereiche muss ebenso selbstverständlich sein wie die Aufrechterhaltung von Infrastruktur wie Wasser- und Energieversorgung.“ Mehr ist inhaltlich nicht avisiert.

Nun IST ja diese Finanzierung a) selbstverständlich und hat b) auch gesetzliche Grundlagen. Wobei zu präzisieren wäre: Kofinanzierung. Denn eine Vollfinanzierung wäre wohl nur in Dimensionen einer „Volksrepublik“ vorstellbar.

Selbstverständlich herrscht Uneinigkeit, was nun die Höhe staatlicher Kofinanzierung angeht. „WIR FORDERN PLUS 25 % FÜR KULTUR“ erscheint mir dabei kein kulturpolitisches Argument, sondern eines, das Konsumlogik ausdrückt. Die Forderung besagt: Wir wollen MEHR!

Aber MEHR wofür? Wo kann ich nachlesen, wie nun ein möglicher Zugewinn an Kulturbudgets verwendet werden soll? Was sind die konzeptionellen Grundlagen, mit denen sich dieser Anspruch begründen und verhandeln ließe? Welche Themenpapiere und Konzepte kann ich bekommen, um zu erfahren, wie sich Kunst- und Kulturschaffende ihre Kooperation mit dem Staat vorstellen?

Dabei würde ich auch gerne erfahren, welche Vorstellungen momentan konsensfähig erscheinen, was das aktuelle Verhältnis zischen Landeszentrum und Provinz angeht.

Im § 1 des Steiermärkischen Kultur- und Kunstförderungsgesetz 2005 lese ist unter „(4) Die Kultur- und Kunstförderung des Landes hat insbesondere folgende Ziele zu beachten“ zum Beispiel: „2. die schöpferische Selbstentfaltung jedes Menschen durch aktive kulturelle Kreativität und die Teilhabe jedes Menschen am kulturellen und künstlerischen Prozess in jeder Region des Landes“.

Gerade in dieser Frage hat das Zentrum gegenüber der Provinz seit dem 19. Jahrhundert erhebliche Vorteile. Welche Grundlagen, Rahmenbedingungen und Verläufe, welche Prozesse hätten wir kulturpolitisch zu verhandeln, um die Revision dieser eklatanten Asymmetrie voranzubringen?

Solche Fragen sind nun mit der konsumorientierten Sentenz „WIR FORDERN PLUS 25 % FÜR KULTUR“ nicht klärbar. Dazu brauche ich statt dessen stichhaltige Annahmen, was denn auf einer Höhe der Zeit genau zu bearbeiten sei, um damit welche Ziele im Detail zu verfolgen.

Ich habe keinen Zweifel, daß zu den Grundlagen solcher Entwicklungen eine Art „Repolitisierung“ der Kunst- und Kulturschaffenden nötig ist. Das Gerieren als „Wut-“ oder „Mutbürger“ ist kaum mehr als Boulevard-Blödheit. Es wäre dagegen vorrangig zu klären, was es heute eigentlich bedeuten soll, Bürgerin oder Bürger einer zeitgemäßen Demokratie zu sein.

Also bitte kein Retrokurs in eine „Politk der Gefühle“, die etwa Autor Josef Haslinger vor einer Ewigkeit und drei Tagen in einer anregenden Polemik kritisiert hat. Wut und Mut sind sehr private Emotionen, als politische Kategorien schmeckt mir das zu sehr nach dem „Primat der Tat“. Das war ein Grundelement des Faschismus. Das ist mir also etwas zu sentimental.

[überblick]

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffend
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