Das kulturelle Geschehen auf dem Florianiplatz ist von privater Initiative geprägt und hat einen auffallenden Schwerpunkt in der Gegenwartskunst.

Das kulturelle Geschehen auf dem Florianiplatz ist von privater Initiative geprägt und hat einen auffallenden Schwerpunkt in der Gegenwartskunst.
(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)
Man mag sich erinnern, daß sich auf Facebook eine Gruppe unter dem Titel „Schweigemarsch2020“ exponiert hat, an der man sehr schnell ein vertrautes Muster feststellen konnte. Es dauert nur recht kurze Zeit, bis eine Mischung aus Dampf ablassen und Selbstdarstellung dominierte.
Netzwerke und prozeßhafte Arbeit, Teil I
Was ich vor Jahren als Kulturpakt Gleisdorf konzipiert und eingeführt habe, hielt bis ins erste Quartal 2015, um dann etwas völlig anderes zu werden. Was es 2013 und 2014 war, verdankt sich der konzeptionellen Leistung und kontinuierliche Umsetzung dr Kulturinitiativen Kultur.at und Kunst Ost.
Dies ist das letzte der oststeirischen April-Festivals als Teil eines mehrjährigen Projektes. Im Jahr 2006 begann die Kunstformation kultur.at mit einem kulturpolitischen Experiment, auf das sich die Stadt Gleisdorf einließ.
Gleisdorf hat gerade eine sehr ungewöhnliche Session erlebt. Die „Kultur-Lounge“ im Rahmen des „TIP-Kirta“ ist eine Kombination, von der vorab niemand wissen konnte, ob das auch nur ansatzweise klappt.
Ich erinnere mich an einen Zeitungsartikel, durch den ein oststeirischer Kulturbeauftragter wissen ließ, das Kulturprogramm einer Stadt müsse „für alle“ etwas zu bieten haben.
Daran glaube ich nicht. Weder ist das möglich, noch ist das sinnvoll. (Ich meine, dieser Satz drückt eine leere Geste aus.)
(eine erklärung von weng)
die folgende reflexion entstand nach einer konferenz kulturschaffender und wirtschaftsleute in weng bei admont („forum k“) [link] und kurz vor einem weiteren arbeitstreffen kulturschaffender ebendort.
wir sind als kunst- und kulturschaffende keine objekete der kulturpolitik, sondern die primär handelnden, von denen kulturpolitik – im sinne der zivilgesellschaft – generiert wird. wir sind teil jener deutungseliten, durch deren zusammenwirken kulturpolitik im staatlichen sinne überhaupt erst entsteht.
diese ansicht ist keine einsame option. ich kenne natürlich kolleginnen und kollegen, die sich in der rolle bittstellender so vertraut sind, daß ihnen ihre gebeugte haltung gar nicht mehr auffällt. sie würden keineswegs voraussetzen, daß augenhöhe ein ausgangspunkt ist.
unsere profession ist von aktion und reflexion bestimmt. das bedeutet, wir haben laufend zu überprüfen, in welchem maß unser praktisches tun sich dem annähert, was unsere diskurse über kunst und kultur als wünschenswert und notwendig nahelegen. wir haben aber auch – umgekehrt – unsere zielsetzungen an den politischen ergebnissen zu überprüfen.
als kulturschaffender jenseits des landeszentrums kann ich mich nicht auf einen gesellschaftlichen konsens stützen, der dem kulturellen sektor auch nur annähernd jene relevanz und jenes gewicht zuschreibt, wie etwa dem bildungswesen, der medizinischen grundversorgung und anderen quellen soziokulturellen gedeihens.
für diese häuig auffallende und kuriose abschätzigkeit jenem kernbereich menschlicher gemeinschaft gegenüber, nämlich der kunst und der kultur gegenüber, mache ich hauptsächlich unseren erfahrungen als dienstboten und untertanen über mehr als hundert generationen verantwortlich. zu lange waren die zugänge zu diesen menschlichen erfahrungsbereichen den alten eliten vorbehalten, die nachkommen der domestiken, der knechte und mägde sind sich ihres anspruchs darauf mehr als unsicher.
dazu kommt: ich habe unaufgeregt festzustellen, daß eine ganze reihe von jungen strukturproblemen und eine neu wie massiv aufgeflammte landflucht viel beitragen, um das alte „zentrum-provinz-gefälle“ zu unerem nachteil zu restaurieren, obwohl es in diesem wohlhabenden land seit der industriellen revolution inzwischen überwunden sein sollte.
hier können wir nicht einmal innerhalb des eigenen metiers eine anregende debatte über fragen der verteilungsgerechtigkeit erreichen. also ist ein kulturelles engagegement auf der höhe der zeit in der sogenannten „provinz“ momentan mit zusätzlichen bürden belastet, die wir hier entweder verringern oder kompensieren müssen. wie das gehen soll, ist augenblich gegenstand internsiver erprobung einiger strategien.
ich habe festzustellen, daß dieses gefälle aktuell sogar vom allgemeinen lauf der dinge verstärkt wird und daß unser landeszentrum graz auf bedenkenlose art, und ohne diesbezüglich öffentliche diskurse zu erleben, kulturell zu lasten der „provinz“ floriert.
das ergibt sich nicht nur über das landeskulturbudget, von dem ein seit 2003 („kulturhauptstast europas“) fast konkursreifes graz über gebühr mittel bezieht, das ergibt sich zusätzlich über das massive gefälle im österreichweiten finanzausgleich, bei den steiermark schlußlicht des ganzen staates ist; nicht so graz.
da sich, wie schon angedeutet, nicht einmal kolleginnen und kollegen in graz geneigt zeigen, diese fragen auch nur zu diskutieren, dürften wir kunst- und kulturschaffende in der „provinz“ weiterhin völlig auf uns gestellt bleiben, da sogar der verantaltungstyp „regionale“ längst noch nich absehenh läßt, ob dieses „format“ a) bestand haben wird und wie es b) nachhaltigen nutzen für die kulturellen strukturen der regionen erbringen könnte.
all das ereignet sich einerseits vor dem eklatanten mangel an gesellschaftlichem grundkonsens, was die notwendigkeit aktiver kulturpolitik über ortsgrenzen hinaus angeht, andrerseits gelingt es vorerst kaum, in der regionalen kommnalpolitik einigermaßen sachkundige akteurinnen und akteure zu finden; sprich: ein großteil der orts-chefs und gemeideratsmitglieder hält diesen tätigkeitsbereich groteskerweise für unerheblich.
ich sehe uns kunst- und kulturschaffende also gefordert, jene kompetenzen zu bündeln, die a) treffsichere fachdiskurse ermöglichen und uns b) zu strategien bringen, die eine art der „best practice“ im regionalen kulturgeschehen ermöglichen.
wir werden dabei die „provinz“ nicht „urbanisieren“ können, was meint, zentrums-strategien nützen uns da draußen nichts. eine der größten aufgaben liegt im augenblick darin, verständlich und nachvollziehbar zu machen, daß wir eine profession ausüben, die kein dekorations-geschäft, kein wellness-angebot und keine „quotenmaschine“ für den tourismus ist, sondern ein zentrales ereignis menschlicher gemeinschaft, das versierte akteurinnen und akteure braucht.
entsprechend kann sich kulturpolitik nicht darin erschöpfen, die (immer weniger werdenden) kulturbudgets zu verteilen und veranstaltungen zu eröffnen. so ein pures „funktionärs-verständnis“ von kulturpolitik wäre völlig ungeeignet, relevante kulturelle beiträge zur bearbeitung aktueller fragen und probleme zu erbringen.
als künstler bin ich natürlich nur der kunst verpflichtet, die ihre eigenen aufgabenstellungen und strategien hat. aber in der künstlerischen praxis erwerbe ich kompetenzen, die mir als kulturschaffender und als bürger viel nützen, um im sinne von kollektiv zu schaffenden aufgaben im gemeinwesen wirkungsvoll tätig zu sein.
ein dampfer legt sich nicht in die kurve, nur weil der schiffsmotor eben ein paar ps mehr aufbringen kann. eine ländliche region ändert nicht ihr kulturelles antlitz, nur weil gerade für ein, zwei jahre erhöhte kulturbudgets zur wirkung kommen. und jetzt ist es in vielen ländliche gemeinden sogar sense mit den wenigsten halbwegs adäquaten kulturbudgets.
dazu kommen noch allerhand andere beeinträchtigungen, von denen ich ihnen hier gar nicht erst erzählen will, weil das schnell fad wird. wir haben ja während der letzten 20 jahre längst so ungefähr 200 problemkataloge erstellt und veröffentlicht. ein lebhaftes geschäft, bei dem wir nun von einigen frischen krisen eingeholt worden sind. also wird es zeit, die befunde auf stichhaltigkeit zu überprüfen, schlüsse zu ziehen, handlungspläne herauszufiltern und loszulegen.
warum diese töne? ich war eben in weng bei admont. franz maunz lebt und wirkt dort schon eine ewigkeit und drei tage als jazz-promotor („wengerwirt„). das muß man an so einem ort erst einmal überleben. maunz ist außerdem akteur des kulturdachverbandes R*E*X, was unter anderem bedeutet, er weiß als insider, wozu eine „regionale“ momentan in der lage ist und wozu nicht.
am 6. juli fand in weng ein „ForumK“ statt, also eine jener diskursveranstaltungen, die der R*E*X in gang hält, um brisante frage- und themenstellungen zu bearbeiten. in unserem metier herrscht quer durchs land ein wenig diskursfaulheit, was anderen interessensgruppen zu allerhand von genau jenem spielraum verhilft, dessen konsequenzen im kulturbetrieb zur zeit beklagt werden.
leute wie wir haben ende der 1970er- und entlang der 1980er-jahre entworfen, erprobt und durchgesetzt, was heute als „autonome initiativenszene“ präsent ist. künstlerische genres, deren darbietungen wir jenseits von graz damals erst eingeführt haben, sind heute standard selbst kleiner gemeinden, soweit sie über kulturbeauftragte verfügen.
in vielen gemeinden waren es aber nicht leute der politik, sondern engagierte privatpersonen, die das initiiert haben, weil seitens der kommunen niemand in der lage oder daran interessiert gewesen wäre, gegenwartskunst im bildenden bereich, zeitgenössische literatur, kabarett, jazz, folk und blues zu promoten.
diese genres fanden einst weder akzeptanz, noch budgets; kurioser weise vor dem hintergrund, daß viele authentische formen von volkskultur den bach hinuntergingen und von dümmlichem mainstream-kommerz überlagert wurden. es ist mit bis heute ein rätsel, warum zum beispiel menschen aus der agrarischen welt sich ein lächerliches bis groteskes zerrbild ihres eigenen lebens als „freizeitgenuß“ verkaufen lassen.
wie dem auch sei, leute wir wir haben jedenfalls nun jahrzehnte arbeit und engagement darauf verwendet, das kulturelle gefälle zwischen „zentrum und provinz“ abzuflachen. wie sich aktuell zeigt, hat uns das etwa die politik nicht gelohnt, indem sie es schaffte, im gleichen zeitraum das strukturelle gefälle wenigstens etwas abzuflachen. ganz im gegenteil, wir haben eine neue landflucht am hals, die demographische entwicklung ist einschüchternd schlecht, auf dem lande verkrampfen sich allerhand funktionstragenden im thema neu anstehender gemeindezusammenlegungen. es geht also eindeutig in stürmisches wetter und der dampfer hat motorschaden.
wir haben nun vielfach anlaß, diskurse über kunst, kultur und kulturpolitik in den regionen am laufen zu halten. dieses reiche land erfährt eine wachsende stagnation in vielen gesellschaftlichen bereichen. der rasende kompetenzverlust, den diese gesellschaft erleidet, hat unser metier nicht ausgenommen. welche ausreden würden noch übrigbleiben, um nun jene kompetenzen, die wir für uns reklamieren, nun nicht auch konsequent anzuwenden?
ich hab mit franz maunz und einigen anderen leuten übereinkunft: wir prüfen unsere befunde, ziehen schlüsse daraus und handeln entsprechend. wir sind einig, daß es vorrangig sein muß, nun deutlich zu machen und angemessen nach außen zu kommunizieren, welchen rang unser metier hat, was es zu leisten vermag und welche priorität unserer kulturellen praxis in dieser gesellschaft zufällt.
es kann nicht übersehen werden, daß eines der teuersten bildungssysteme europsas eines der schlechtesten ergebnisse europas produziert. es kann nicht geleugnet werden, daß etablierte funktionstragende der kommunen und des landes an immer mehr aktuellen problemen und aufgaben vorerst scheitern.
es muß betont werden, daß die kommunikations- und arbeitsverhältnisse zwischen regionalen kommunen und landesebene, aber auch der kommunen und des landes zum bund hin, schwer belastet, teilweise sogar desaströs sind. unser aller leben ist zunehmend durch kommunikationsprobleme, stagnation und kostenexplosionen belastet. wie verblüffend, daß es in der kommunalpolitik österreichweit großen konsens gibt, das ließe sich zum beispiel durch einsparungen ausgerechnet im kulturbetrieb bessern.
das ist für sich schon ein irritierender beleg herrschender kompetenzmängel, denn a) ist kommunikation ein kernbereich soziokultureller agenda, b) hat der kulturbetrieb ein höchstmaß an ehrenamtlichem engagement von bürgerinnen und bürgern, c) hat der gesamte kreativsektor, dem dieser kulturbereich zugerechnet werden muß, wirtschaftlich wesentlich bessere wachstumsraten und entwicklungspotenziale als konventionelle branchen. (ich werde das bei nächster gelegenheit mit quellen belegen.)
wir werden das nicht lösen können, indem wir lange listen von schuldzuweisungen verfassen. wir haben zu klären, wofür wir uns selbst zuständig fühlen und was wir den formell zuständigen funktionstragenden abverlangen müssen, aber auch, was wir ihnen anbieten wollen.
wir haben zu klären, was uns selbst konkret einfällt, um die stagnation in dieser gesellschaft zu überwinden und den umfassenden kompetenzverlust wenigstens zu bremsen.
post scriptum:
die erfahrung von weng liegt nun vorerst darin, daß für mich deutlich wurde, ich bin nicht der einzige, der den status quo so bewertet und ich finde zunehmend erfahrene leute, der handlungspläne meinen ähneln.