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KWW: Wonach hungert unsere Region?

Wir haben nun erst eine kurze gemeinsame Wegstrecke in dieser Kooperation absolviert und da wird eine kraftvolle Perspektive absehbar, die dadurch an Schärfe und Spektrum gewinnt, daß sich in den einzelnen Stationen höchst unterschiedliche Menschen mit ihren Kompetenzen einbringen. KWW steht für Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft, ist eine Kooperation der Kulturvereine bluethenlese und kunst ost mit dem Ingenieurbüro Fickel.

„Es ist Zeit, nicht nur nachzudenken, sondern auch zu handeln.“ So ein Fazit von Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov, die bei der dritten KWW-Session die Position der Kunst einbrachte. Sie betonte, wir seien in privaten Beziehungen und familiären Situationen durchaus damit vertraut, wechselseitige Verantwortung zu übernehmen, aber da bestehe ein merkliches Defizit einzelner Menschen, auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zu empfinden.

Hausherr Franz Seidl, Geschäftsführer von estyria, betonte an anderer Stelle die Frage der Sinnbildung, die offenbar zentral sei. Das Erleben von Sinnhaftigkeit scheint ja eine wesentliche Entscheidungsgrundlage für das Handeln von Menschen zu sein.

In einer (westlichen) Welt der radikalen Überangebote an Gütern, bei gleichzeitig unaufhörlichen Abwärtsbewegungen von Entlohnungen und Qualitäten, kann eine halbwegs bei Laune gehaltene Massengesellschaft erhebliche Orientierungsprobleme bekommen.

Hans Meister, vormals Vizebürgermeister und Kulturreferent von Pischelsdorf, also erfahren in regionalpolitischen Fragestellungen, rückte einen sehr fundamentalen Aspekt in den Fokus: „Wer nie Hunger hatte, kann nicht beurteilen, was es eigentlich bedeutet, einen vollen Teller vor sich zu haben.“

Es war diesen Abend noch mehrfach zu erörtern, was denn nun unsere individuelle Wahrnehmung der Welt an mehr oder weniger stichhaltigen Einschätzungen erlaubt. Meister setzte in diesem einen Punkt noch nach: „Der Hunger ist nicht ausgerottet. Er ist bloß weggezogen; in eine andere Gegend.“

Vor diesem Hintergrund kann es gar nicht egal sein, welchen Aufwand ich in Anspruch nehme, um in einem Überangebot an Waren so sehr den Durchblick zu verlieren, daß ich zu einer sachgerechten Wahl gar nicht mehr qualifiziert bin.

Dann stand fast ruhig aber unerbittlich in der Debatte: „Eine satte Gesellschaft hat sehr geringen Veränderungswillen .“ Das wird spätestens dann brisant, wenn der Lauf der Welt uns Umbrüche aufzwingt, in denen wir Veränderungsbereitschaft zeigen sollten, um uns auf der Höhe der Zeit bewegen zu können.

In solchen Zugängen wird dann durchaus deutlich, daß Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft einige akute Fragestellungen teilen, aus denen sich gemeinsame Aufgaben ableiten ließen.

Otto Sapper, einerseits aktiver Landwirt, andrerseits Geschäftsstellenleiter der WOCHE in Gleisdorf, hat alltäglich mit Wirtschaftstreibenden zu tun. Er ist überzeugt: „In den nächsten zehn, fünfzehn Jahren wird das Dahinter immer wichtiger werden. Es geht nicht nur um Produktwerbung, sondern auch um die Geschichten, wie es zu was kommt.“

Das hat sehr viel mit grundlegenden Kulturtechniken zu tun. So bedeutet zum Beispiel LITERARITÄT, daß man einen Text nicht nur LESEN, sondern auch VERSTEHEN kann. Das verlangt eine Auffassungsgabe, die es einem erlaubt,
a) die Schrift zu entziffern,
b) Kontext und Subtext zu entschlüsseln und
c) das Ganze in einem größeren Zusammenhang zu verstehen.

Das gilt gleichermaßen für visuelle Codes. Unterm Strich sollten wir in der Lage sein, die Zeilen ebensogut zu lesen wie das, was zwischen den Zeilen steht. Wir sollten auch gerüstet sein, verdeckte Intentionen aufzuspüren und Manipulation zu durchschauen.

Das sind übrigens Fertigkeiten, die sich in kaum einem Zusammenhang besser verfeinern ließen als in der ausdauernden Befassung mit Kunst. In keinem Metier sind das Symbolische, die Mehrdeutigkeit, das Kräftespiel zwischen Reduktion und Überbetonung und viele andere Eigenheiten der Darstellung und Kommunikation so sehr grundlegender Bestandteil des Geschehens wie in der Kunst.

Aber der Abend war den möglichen Querverbindungen zwischen allen drei Genres gewidmet; und deren Bedeutung für einen gesellschaftlichen Stand der Dinge. Hans Meister faßt diese Aspekte zusammen: „Wir brauchen nicht mehr Produkte, sondern mehr Orientierung.“ Es gehe auch darum, verbindlich herauszufinden: „Wonach hungert unsere Region?“

[KWW: Die dritte Session]

Grundlagen und Modi

Die Praxis der Zuversicht konnten wir gerade sehr gründlich trainieren. Die vergangenen zirka 18 Monate waren für mich von sehr wechselhaften Emotionen geprägt. Dem Kulturbetrieb wurden 2010 große Einbrüche bei Budgets und Strukturen angekündigt. So kam es teilweise auch. Das belastete Projekte, gefährdete Existenzen; ein Situation, die wir vor allem mit dem Sozialbereich geteilt haben.

Wo Finanzierungen ursprünglich von Kommunen gekommen waren, fielen sie großteils aus, weil in den Gemeindeämtern zur Sanierung beigetragen wurde, indem Kulturbudgets fielen. Wer dennoch mit den Leuten aus Politik und Verwaltung im Gespräch blieb, hatte da und dort realistische Chancen, neue Anknüpfungspunkte zu finden.

Bereichsübergreifende Arbeitsgespräche: Tierarzt Karl Bauer und Malerin Irmgard Hierzer

Im Rückblick zeigt sich auch, daß die Krise eine gute Gelegenheit war, den Funktionstragenden zu demonstrieren, wie ernst uns die Sache ist und daß wir unsere Positionen auf dem Kulturfeld halten, auch wenn die Bedingungen dafür rapide schlechter werden, daß wir uns also auf jeden Fall selbst zu helfen wissen.

Es ist zwar so, daß ich für mich feststelle, dieser wachsende Druck über den genannten Zeitraum hat mich beschädigt, ich trage unerfreuliche Folgen davon. Aber dem steht wenigstens auch etwas positives gegenüber; nämlich ein Bündel allerhand erfreulicher Effekte.

Wir sind alle gefordert worden, unsere Grundlagen und Modi zu überdenken, unsere Verfahrensweisen zu überprüfen. Ich bin bezüglich der Folgerungen und Zwischenergebnisse in meinen Bereichen mehr als vergnügt. Da haben eine ganze Reihe von Leuten ernst gemacht, kluge Schlüsse gezogen.

Musiker Reinhard Weixler („blizzfrizz“)

Da wurde in der Selbstverantwortung kräftig zugelegt und Eigeninitiative gesteigert. Wie sich nun zeigt, hatte das nicht zur Folge, die kommunalen Instanzen aus ihren Aufgaben zu entlassen. Es waren bloß die Karten neu zu mischen, mögliche Vorhaben und Kooperationen zu entwerfen, zu verhandeln.

Ich hab vorhin schon beschrieben, daß die Stadt Gleisdorf nun gerüstet ist, mit uns kulturpolitisches Neuland zu betreten: [link] Das wird auch von angemessenen Schnittstellen für die Wirtschaft handeln. Wie sehr wir dabei auf antiquierte Ideen verzichten müssen, daß also überhaupt erst ganz neu geklärt sein will, wie und warum abseits des Landeszentrums Kultur und Wirtschaft zusammenfinden mögen, habe ich schon mehrfach erwähnt.

Dazu haben wir übrigens mit KWW eine eigene Diskurs- und Arbeitsebene eingeführt, wo Grundlagen und Rahmenbedingungen dieser Zusammenhänge geklärt werden sollen: [link] Die nächste KWW-Session („Kunst Wirtschaft Wissenschaft“) ist übrigens für Donnerstag, den 15. März 2012, angesetzt. Wir werden damit zu Gast im Hause der „estyria – Naturprodukte GmbH“ sein (Wollsdorf 75, 8181 St. Ruprecht/Raab): [link]

Die wichtigste Konsequenz der Krisenmonate liegt sicher in den autonomen „location crews“ und einigen Kooperationspartnern, mit denen wir das aktuelle „April-Festival“ zustande gebracht haben: [link]

Ich erlebe da gerade eine sehr spannende Team-Situation, in der diverse Kunst- und Kulturschaffende a) eigenständig wirken und b) für das größere Ganze kooperieren, wie ich das zuvor noch nicht erlebt habe.

Wir haben damit möglicherweise jenes neue Terrain betreten, auf dem die zwei Hauptprobleme des steirischen Kulturbetriebes, wie sie seit einer Ewigkeit und drei Tagen Wirkung haben, offenbar nimmer greifen: Brotneid und Eitelkeit.

Und wir haben den Ansatz einer ausgeweiteten „Kulturspange“, die nun von Gleisdorf bis Bad Gleichenberg reicht, wo Kathi Velik aus dem alten Bahnhof des Ortes die Kulturinitiative „Kopfbahnhof“ gemacht hat. Auf dem Weg dort hin besteht übrigens nahe Feldbach die Kulturinitiative „bluethenlese“, deren Initiator Gerhard Flekatsch unser Kooperationspartner beim oben erwähnten Projekt KWW ist.

Das bedeutet, wir haben in Summe eine Kooperationssituation erreicht, deren künstlerisches Potential noch gar nicht abzuschätzen ist und deren Kraft zur Selbstverantwortung und -organisation ziemlich tragfähig sein sollte. Daraus müßte sich ein erhebliches Spektrum an weiterführenden Kooperationsmöglichkeiten ergeben, über das wir mit der Regionalpolitik und der Wirtschaft vorankommen dürften.

KWW: Identitätsgrundlagen und Kontraste

Folgende Textpassage zum Thema Identität habe ich sehr gemocht:
Zum Aufbau unserer Identität gehört die Erkenntnis, dass:
• wir immer auf die Umwelt bezogen sind
• wir auf die Umwelt neugierig sind, zugleich vor ihr Angst haben
• wir dauernd handeln, also entscheiden müssen
• wir eine Intimität haben
• wir einsam sind
• wir frei sind
• wir mehrere Identitäten haben
• wir nur in einer Gruppe leben können, die uns allerdings bestimmte Regeln und Bewertungen einigermaßen aufzwingt.

Dieses anregende Zitat entstammt einer „Skizze“ von Sprachwissenschafter Michael Metzeltin. Er befaßt sich darin mit dem Zusammenhang von Identität und Sprache. Quelle als PDF: [link]

Identität war in der Deutung einer „regionalen Identität“ kürzlich unser Thema bei KWW: [link] Darauf bezieht sich ein Eintrag im Projekt-Logbuch, in dem ich Martina Böck zitiere: „Jeder kommuniziert und jeder weiß, dass Kommunikation als Verständigungsprozess unser Leben gestaltet…“ [link]

Das mag nun auf Anhieb als etwas viel Zitatenwirtschaft erscheinen, aber es hat eine interessanten Zusammenhang. Kulturbetrieb, Wirtschaft und Politik haben gleichermaßen die Neigung, mit dem Thema Identität intensiv bis ausufernd zu arbeiten. Das führt gelegentlich zu sehr kühnen Spielarten eines Verständnisses von „Wir-Formationen“ und wie sich Einzelne dazu verhalten mögen.

Jede Menge Klärungsbedarf! Vor allem in krisenhaften Zeiten, wo das Verhältnis zwischen Eigennutz und Gemeinwohl massiven Verhandlungen unterzogen wird. Nun habe ich den Metzeltin-Text kürzlich von Böck erhalten. So hängt es oberflächlich zusammen.

Böck hat sich wiederum in einer Diplomarbeit den „Kommunikative(n) Dimensionen bei Patienten mit seltenen Erkrankungen bzw. Kranken ohne Diagnose“ (2009) gewidmet. Das ist jetzt vordergründig nicht gerade mein naheliegendstes Thema. Aber es berührt eine Reihe von Fragen, die mich auch beschäftigen. So schreibt Böck etwa, es „…kommt deutlich zum Ausdruck, dass Identität auf einer Wechselbeziehung sozialer und kultureller Einflüsse, Erlebnis- und Erfahrungszusammenhängen beruht. Identität benötigt Repräsentation und Interaktion, eine Kultur des Sich-Begegnens.“

An anderer Stelle notiert sie, „dass Identität als Selbstkonzept bzw. Lebensentwurf die existentielle Grundlage des Menschen darstellt, von dem ausgehend sein Handeln gesteuert ist.“ Da werde ich natürlich hellwach und finde zugleich ein praktisches Beispiel für eine der Grundlagen des Modus, den ich für „Kunst Wirtschaft Wissenschaft“ formuliert habe. Sind mögliche Kommunikationsbarrieren eingeebnet, wie sie zwischen verschiedenen Milieus aufgrund von unterschiedlichen Ritualen, Codes und Jargons bestehen mögen, frage ich bald: Gibt es Fragestellungen zum Stand der Dinge oder zu Lauf der Welt, die uns gleichermaßen beschäftigen?

Und siehe da, auch wenn ich zum Thema „Patienten mit seltenen Erkrankungen bzw. Kranken ohne Diagnose“ mangels Sachkenntnis gar nichts beizutragen habe, steckt doch in der Arbeit einiges, mit dem wir uns im regionalen Kulturgeschehen befassen.

Wird aus dieser Schilderung ein wenig deutlicher, wie ich mir einen Teil unserer Arbeit als die Metiers übergreifend vorstelle? Es kommt noch was dazu. Der Kontakt mit Böck entstand im Web zwo, wo wir uns offenbar einig waren, daß es unakzeptabel ist, wenn in Kontroversen die Andersdenkenden selbst angegriffen werden, statt ihrer Argumente.

Ist diese Unterscheidung klar? In Meinungsverschiedenheiten werde ich manchmal sehr heftig eine Idee angreifen, aber nicht die Person, die sie hat, äußert. Diese Differenz ist selbst auf dem Kulturfeld nicht mehr ganz so selbstverständlich, wie ich es verlange…

[KWW: Übersicht]

Wovon handelt Kulturpolitik? #17

Ich verfolge den „Speakers Corner“ im Kulturteil der „Kleinen Zeitung“ schon eine Weile. Dabei geht es um Fragen der Kulturpolitik, um die Einschätzung des Status quo. Eines der offenkundigen Schwerpunktthemen ist dabei der Mangel an Wertschätzung, den Kunst- und Kulturschaffende erleben und betonen.

(Quelle: Kleine Zeitung)

Ich kenne das gut, es ist fast so was wie ein übliches „Berufsrisiko“ geworden, dss sich laufend einlöst. Dazu kommt ein auffallender Mangel an Sachkenntnis bei recht vielen Funktionstragenden in Politik und Verwaltung sowie in diversen privatwirtschaftlichen Institutionen der Meta-Ebene.

Die Mängelliste könnte fortgesetzt werden. Aber das bringt uns nichts, wir kennen den Problemkatalog ohnehin in vielen Ausfertigungen. Einen wichtigen Punkt möchte ich noch anfügen, der in solchen Erörterungen gerne unterschlagen wird. Auch unter meinen Kolleginnen und Kollegen stelle ich manchmal einen deprimierenden Mangel an Sachkenntnis fest. Das führt gelegentlich zu sehr skurrilen Diskurs-Momenten.

Der Job ist Gerade nicht vakant...

Was machen wir nun? Ich hab kürzlich eine — meiner Meinung nach — wichtige Ursache für diesen Stand der Dinge skizziert: „Was (nicht) zu übersehen war“ [link] Die konsequente Abwertung von Wissensarbeit und von Kulturarbeit bei gleichzeitig erschreckendem Verfall der Bezahlung solcher Arbeit ist ein umfassendes Phänomen, dem wir uns während der letzten 25 Jahre leider nie konsequent und womöglich kollektiv gewidmet haben.

Daher ist für mich eine der vorrangigen Fragen, mit welchen Mitteln sich die Wertschätzung für Wissens- und Kulturarbeit wieder anheben läßt, was auch verlangt, daß die Reputation unserer Berufe wachsen muß, daß wir unser Sozialprestige in die Höhe bringen sollten.

Aus verschiedenen sachlichen Zusammenhängen nehme ich nicht an, daß uns dabei herkömmliche Methoden der PR-Arbeit nützen würden. Es sind wohl auch kaum Budgets verfügbar, um einschlägige Kampagnen zu fahren. Ich nehme an, daß wir
a) über berufliche Kompetenz, die sich in Arbeitsergebnissen zeigt, punkten können,
b) über fundierte kulturpolitische Ansichten und deren Vertreten in öffentlichen Diskursen Boden gewinnen werden und
c) mittels zeitgemäßer Formen von Kooperation Terrain sichern mögen.

Damit meine ich ausdrücklich NICHT anschwellende Phrasendrescherei und Polemiken, die keiner genauern Debatte standhalten. Ich meine auch NICHT das klagende Verkünden von harten Arbeitsbedingungen und das herbeten von Krankheitsbildern, denn: Wer will das hören? Wir sind Weltmeister in Sachen Burn out, ganz Österreich pflegt das. (Jede Supermarkt-Kassierin im Teilzeitjob, die ein kleines Kind zuhause hat, kann in Belastungsfragen sicher locker mit mir mithalten.)

Ich würde es vorziehen, daß wir erst einmal — quasi branchen-intern — beginnen, angemessene Strategien zu entwickeln und best practice herauszuarbeiten. Das kann NICHT bedeuten, diese Leistung erst zu erbringen, wenn die Politik uns endlich mehr Geld rüberschiebt. (Auch die Geldfragen bedürfen neuer Verhandlungszusammenhänge.) Das muß uns primär aus eigenen Stücken gelingen; allein um der Autonomie willen.

Zugleich meine ich, daß wir unter den Funktionstragenden aus Politik und Verwaltung Boden gewinnen sollten. Ich will sie in Kooperationssituationen eingebunden sehen. Ich will erreichen, daß wir für gemeinsam gewählte Aufgaben auch gemeinsam Verantwortung übernehmen. Das mag ja in Graz nicht gar so leicht zu bekommen sein, in kleineren Gemeinden ist das selbstverständlich denkbar und machbar.

Außerdem hat unsere praktische Erfahrung gezeigt, daß es unter Wirtschaftstreibenden etliche gibt, die finden an einer Reihe Fragestellungen gleiches Interesse wie wir. Also suche ich mir jene aus, die mit uns gemeinsame Aufgabenstellungen erwägen würden, bei denen wir unser Know how und unsere Ressourcen bündeln können.

Der entscheidende Punkt in dieser Vorgangsweise ist die Modusänderung. Ich gehe nämlich nicht zu Geschäftsleuten und sage zu ihnen: „Gebt’s uns ein Geld, wir machen dann schon!“ Ich sage: „Was können wir uns gemeinsam vornehmen? Welche Rolle im regionalen Kulturgeschehen könnt Ihr Euch vorstellen, um zu einer Stärkung des kulturellen Klimas beizutragen?“

Klar, das ist ein viel weiterer und aufwendigerer Weg als zu sagen: „Gebt’s uns Geld, wir machen dann schon!“ Es ist eben ein völlig anderer Modus, der von einem anders gewichteten Selbstverständnis handelt. Überflüssig zu betonen, daß wir diesen Weg bei „kunst ost“ schon praktizieren. Deshalb sind unsere Budgetsorgen keineswegs vom Tisch. Das ist nun eben Entwicklungsarbeit. Die verlangt Inputs, bevor sie Profit abwirft. Nein, halt! Es gibt ja auch immateriellen Profit; der hat sich längst eingestellt.

Zu dieser Entwicklungsarbeit gehört hier in der Provinz auch ganz wesentlich die Klärung der Frage, wie sich längerfristig das Ehrenamt zum Hauptamt verhalten soll, wie sich öffentliche Mittel und Sponsorengelder mit den Früchten unbezahlter Arbeit kombinieren lassen, ohne permanent Spannungen zwischen Akteurinnen und Akteuren zu erzeugen.

Orientierungs-Kniffligkeiten: Und wenn das Pferd blöd schaut, waren vielleicht gerade mehr Häuptlinge als Indianer am Werk.

Die letzten Jahre der Praxis haben nämlich gezeigt, daß oft jene, die am allerwenigsten etwas zum größeren Ganzen beitragen, am lautesten nach Zugriff auf lukrierte Gelder verlangen. Bei unseren Projekten haben manchmal jene, die am geringsten für Akquise, Öffentlichkeits- und Überzeugungsarbeit zur Verfügung stehen, am heftigsten nach Anteil an errungenen Geldmitteln verlangt.

Die Gemeinde soll, die regionale Wirtschaft soll, der soll und die soll, das sind alles keine brauchbaren Ausgangspunkte für eine kontinuierliche kulturpolitische Entwicklung und für einen Aufbau von adäquaten Strukturen. Der Modus, den wir bei KWW [link] herausgearbeitet haben, erscheint da wesentlich vielversprechender:
1. Frage: Gibt es Fragestellungen, die uns gemeinsam interessieren?
2. Frage: Welche Aufgabenstellungen können wir aus Schnittpunkten ableiten und gemeinsam bearbeiten?
3. Frage: Welche Ressourcen kann jede beteiligte Person/Einrichtung in eine Kooperation einbringen?

Diesen kleinen Fragenkatalog nutze ich stets, ganz egal, ob ich mit Leuten aus einer Gemeinde, einer Firma, einer Kulturinitiative oder Einzelpersonen zu tun habe. Ein Arbeits-Auftakt im Konsens zu diesen Fragen kann viel Positives nach sich ziehen. Mir ist dagegen noch nie aufgefallen, daß die wechselseitigen Zurufe von Forderungen uns Konsens und Geschäftsabschlüsse gebracht hätten…

Was mir nötig erscheint? Stichhaltige Befunde des Status quo unter Vermeidung üblicher Wanderlegenden. Klare Schlußfolgerungen, Handlungspläne und Praxisschritte. Leistungsfähige Kooperationen, mindestens um die verknappten Ressourcen besser nutzen zu können. Seriöse Präsenz in öffentlichen Diskursen.

Das halte ich für eine unverzichtbare Grundausstallung, die je nach Position und Bezugsrahmen noch diverse Ergänzungen verlangt.

[überblick]

LEADER-Kulturtreffen in Gleisdorf

Das EU-Programm LEADER hat eine steirische Besonderheit. Nur in diesem Bundesland gibt es dazu auch ein Kulturkonzept, das mit Sonderrichtlinien ausgestattet wurde. Das führte zu einer Reihe von regionalen Projekten. Hier ein kleiner Überblick auf dem Landesserver: [link]

Die für uns zuständige Fachreferentin in der Kulturabteilung des Landes Steiermark ist Sandra Kocuvan. Auf regionaler Ebene sind wir in solchen Projekten jeweils einer LAG verpflichtet, einer „LEADER Aktions-Gruppe“. Diese ist im Fall von „kunst ost“ ein Gremium der „Energie-Region Weiz-Gleisdorf“, in der Iris Absenger-Helmli als Regionalmanagerin tätig ist: [link]

Sandra Kocuvan (links) und Iris Absenger-Helmli bei der zweiten KWW-Session

Die LEADER-Kulturleute treffen sich mehrmals im Jahr, heuer zunächst am Donnerstag, dem 26. April 2012, in Gleisdorf; und zwar im Rahmen des „April-Festivals“ von „kunst ost“: [link]

Wir sind auf „Facebook“ momentan mit mehreren Arbeitsbereichen präsent. Laufende Informationen gibt es über die Basis-Leiste: [link] Dahinter tun sich dann zwei Schwerpunktbereiche auf. Einer davon ist neuen Möglichkeiten in der Kooperation von Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft gewidmet („KWW“), der andere dem großen Thema Mobilitätsgeschichte.

+) KWW [link]
+) Mobilitätsgeschichte [link]

Der Bereich Mobilitätsgeschichte ist um eine wachsende Erzählung ergänzt: „die gefolgschaft des ikarus“ [link] Einen besonderen Themenschwerpunkt haben wir ferner mit „Frauen und Technik“, womit wir heuer auf eine neue Aktionsebene vorstoßen werden: [link]

Das bedeutet, wir arbeiten nicht nur an diesem speziellen Sachzusammenhang, sondern wir wollen dabei auch zeigen, daß es gelingt und Sinn ergibt, von der Provinz aus Schritte zu setzen, die sich in Augenhöhe mit den zuständigen Leuten im Landeszentrum realisieren lassen. (Subthema: Das Denkschema „Zenrum/Provinz“ neu deuten.)

Zum Themenkomplex Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft haben wir eben die zweite Session absolviert, in der ziemlich deutlich geworden ist, wie und wohin wir die weitere Arbeit orientieren werden. Dazu gibt es eine downloadbare Video-Dokumentation (mp4, 259MB) von Künstler Gerhard Flekatsch: [link]

Von links: Mirjana Peitler-Selakov & Martin Krusche ("kunst ost"), Architekt Andreas Turk, Unternehmer Kurt Winter (Wirtschaftskammer) und Gerhard Flekatsch ("bluethenlese"), Foto: Sabine Zettl

In diesen Themenzusammenhängen, die noch um den Aspekt „Agrarische Welt“ [link] zu ergänzen wären, suchen wir laufend Erfahrungsaustausch mit inspirierten Leuten, ergeben sich auch verschiedene Kooperationsmöglichkeiten.

In Summe zielt unsere Arbeit darauf ab, der Gegenwartskunst neue Rahmenbedingungen und erhöhtes Augenmerk zu verschaffen. Dabei hat sich gezeigt, daß ein Angelpunkt solcher Möglichkeiten darin liegt, den Akteurinnen und Akteuren des Kulturschaffens mehr Respekt zu verschaffen; im Sinne von: Für Wahrnehmung und Akzeptanz sorgen, daß man es da mit sachkundigen und professionell agierenden Leuten zu tun hat, deren Themenzugänge und Umsetzungsschritte regionale und überregionale Relevanz haben.

Ein neuer Angelpunkt

Wäre es unter der Erde, müßte es für einen Keller gehalten werden. Der Zugang ist ebenerdig. Der Raum hat erhebliche Dimension. Hildegard Sowinz sagt, hier könnte man sehr schön Skulpturen zeigen. Über diesem Grundstock hat sie vor dreißig Jahren ein stattliches Haus errichtet, das zum Teil von einer Terrasse gesäumt ist. Die gewährt einen weiten Blick in die sanft hügelige oststeirische Landschaft hinter Sankt Ruprecht.

Hildegard Sowinz im Kellergeschoß ihres Hauses

Die Terrasse gehört zu einer der Etagen, die knapp und geschmackvoll möbliert, vor allem aber weitgehend frei gehalten ist. Und da kommt Sowinz auf den Punkt. Ihr liegt am kulturellen Geschehen, dieser Ort wird ein Angelpunkt für etliche Kunstvorhaben sein.

Das bedeutet vor allem einmal, Sowinz repräsentiert eine weitere „location crew“, durch die unser kommendes „April-Festival“ [link] bereichert wird. Das bedeutet auch, Sowinz hat vor, der Gegenwartskunst in der Region eine klare Position zu sichern.

Derlei private Initiative ist nicht nur abseits des Landeszentrums sehr notwendig, weil die Kunst da stets schwächere Strukturen hat. Das ist heute prinzipiell wichtig, wo wir im Kielwasser diverser Krisen neu klären müssen, mit welchen Mitteln und Methoden wir ein lebhaftes Kulturgeschehen in der Provinz ausstatten möchten.

Ich hab im Beitrag „Selbstermächtigung und Autonomie“ [link] schon implizit betont, daß ein Erarbeiten von Faktenlagen erst einmal unsere Sache sein muß. Von da ausgehend wird sich mit Kräften der Kommunen ganz gut verhandeln lassen, welche Kooperationen naheliegen und welche Ressourcen eine Gemeine allenfalls beitragen kann, damit hier längerfristige kulturelle Entwicklungen gestärkt werden.

Apropos! Um solche Aspekte geht es auch in unserem Arbeitsbereich „Kunst Wirtschaft Wissenschaft“. Die jüngste Debatte hat einiges klarer gemacht, wohin die Arbeit konzentriert werden sollte. Künstler Gerhard Flekatsch hat nun einen Videomitschnitt unserer rund zweistündiger KWW-Zweier-Session im Web verfügbar gemacht: [link]

Selbstermächtigung und Autonomie

Ich erlebe in diesen Tagen, daß sich einer der wichtigsten Arbeitsinhalte von „kunst ost“ auf breiterer Ebene einlöst. Der Schritt zu Selbstermächtigung und Autonomie auf einer kollektiven Ebene. Das bedeutet, es haben sich nun einige eigenständige „location crews“ formiert, die ihren Part für das kommende „April-Festival“ [link] vollkommen nach eigenen Vorstellungen gestalten; in Korrespondenz mit der generellen Themenstellung.

Winfried Lehmann ist die Schlüsselperson der neuen Ludersdorfer Gruppe

Die jüngste dieser Formationen ist gerade in Ludersdorf entstanden. Da hat Winfried Lehmann die Aufgaben der „Schlüsselperson“ übernommen: [link] Heute werde ich noch eine Gruppe im Raum St. Ruprecht besuchen, die Interesse gezeigt hat, sich einzubringen.

Ich denke, in diesen Zeiten, wo Kommunen so vielfältig belastet sind, ist das ein vielversprechendes Konzept, wenn kulturell engagierte Leute solche Art von Eigenverantwortung zeigen. Auf die Art wird es sich am ehesten erreichen lassen, daß auch die Gemeinden zu den Vorhaben etwas beitragen.

Außerdem bedeutet diese Form der Kooperation, mit der wir hier beschäftigt sind, daß ein gemeinsamer und wechselseitiger Nutzen von in Summe erheblichen Ressourcen möglich wird. Auf die Weise kann überdies ausgelotet werden, was „bottom up“ in der regionalen Praxis konkret bedeuten soll.

„BürgerInnenbeteiligung“ ist ja leicht gesagt und klingt gut. Aber die letzten Jahre haben uns gezeigt, da müssen BEIDE Seiten erst üben und lernen, wie wir damit am besten umgehen. Für „kunst ost“ dürfen wir geltend machen: Darüber wissen wir heute sehr viel mehr als noch vor drei Jahren.

Die laufende Verständigung zwischen den verschiedenen Bereichen des Kulturgeschehens ist unverzichtbar! Karl Bauer (links, Kulturausschuß der Gemeinde Gleisdorf) und Wolfgang Seereiter („werkstatt gleisdorf: zeitgeschichte + kultur“)

Solche Überlegungen werden wohl auch Gegenstand einiger Erörterungen sein, die von LEADER-Kulturleuten der ganzen Steiermark angestellt werden. Zur Erinnerung, LEADER ist ein EU-Programm, das ursprünglich der Regionalentwicklung und auch dem agrarischen Bereich gewidmet war.

Die Steiermark hat als einziges Bundesland einen Kulturbereich in dieses Programm einbezogen: [link] Die LEADER-Kulturleute treffen sich einige Male pro Jahr, kommenden April in Gleisdorf: [link]

Und als Nachsatz zur jüngsten „KWW-Session“ [link], weil das ja auch für diese Arbeit hier Gewicht hat: Es wurde offensichtlich, Identität ist kein Zustand, sondern ein Ensemble von Relationen und ein Prozeß. Wenn wir mit dieser Kategorie „Identität“ arbeiten wollen, erweist sich gelingende Kommunikation als Hauptereignis von zentraler Bedeutung.

Komplementäre Momente

Das nennen ich wirklich gute Nachrichten! Malerin Irmgard Hierzer, Schlüsselperson einer „location crew“ für das kommende „April-Festival“, schrieb mir eben:

“noch etwas: die kleine gruppe ist so richtig angenehm. jeder leistet seinen beitrag, es ist für mich eine total schöne ZUSAMMENARBEIT“

Das bedeutet, wir haben nun mehrere kleine Formationen, die in sich völlig autonom arbeiten, was dann auch heißt: Der eigenen Chemie entsprechend und folgend. Das führt zu sehr unterschiedlichen Ensembles. Ich bin überzeugt, daß dieser Modus für die nahe Zukunft äußerst vielversprechend ist.

Das Foto für diese Station stammt von Christian Strassegger

Somit bekommt das „April-Festival“ voraussichtlich eine Stabilität, die sich als sehr wertvoll erweisen wird. Denn das bedeutet auch, es können sich kontroversielle Ansichten und Vorstellungen formieren, die dann NICHT in einer Plenar-Situation aufeinanderprallen müssen, sondern die sich in eigenständigen Stationen bewähren mögen, um so letztlich zu einander komplementär zu wirken.

Das sollte auch bedeuten, wo Konfrontation unverzichtbar erscheint, ereignet sie sich zwischen den Ideen und nicht zwischen den Menschen, die diese Ideen vertreten. (Ich hoffe, der grundlegende Unterschied in dieser Gewichtung wird deutlich.)

Das Augenmerk auf komplementäre Entwicklungen drückt sich auch in der thematischen Orientierung jener „location crew“ aus:
8 Künstler
8 Leben
8 Versuche zur PRAXIS DER ZUVERSICHT
[link]

Ein anderer Bereich, der sich konzeptionell gerade sehr gut einlöst, ist unsere Kooperation „KWW – Kunst Wirtschaft Wissenschaft“: [link] Zur dritten Session in dieser Serie haben wir augenblicklich für das Podium drei Zusagen, die eine äußerst interessante Kombination ergeben.

Hans Meister (links) im Gespräch mit Karl Bauer

Johann Baumgartner [link] leitet den Kulturbereich im Grazer „Raiffeisenhof“. Hans Meister, vormals Vizebürgermeister und Kulturreferent von Pischelsdorf, unterrichtet in der Obstbaufachschule Wetzawinkel: [link] Otto Sapper, aktiver Landwirt im Nebenerwerb, ist der Geschätftsstellenleiter der „WOCHE“ Gleisdorf: [link]

In dieser Arbeitsreihe möchte ich zu mehr Klarheit finden, WAS die Prioritäten und Fragestellungen in anderen Metiers sind, um so nicht nur ein wechselseitiges Kennenlernen voranzubringen, sondern auch besser sehen zu können, worin Kooperation denkbar und wünschenswert wäre.

Kooperation bedeutet unter anderem, Ressourcen zu teilen, um für gemeinsam gewählte Aufgaben besser gerüstet zu sein. Ein Denkansatz, den ich zum Beispiel im aktuellen Diskurs rund um das Grazer „Künstlerhaus“ kaum finden kann: [link]

Ich hab hier in einem vorigen Eintrag notiert:
“Zurück zur Frage der Begegnung mit Leuten aus anderen Metiers und zu Fragen der Kooperation. Das ist für mich nämlich eines der Schlüsselwörter, wenn wir a) aus den Posen gebeugter Bittsteller und b) aus den Verknappungen durch jüngste Krisenfälle herauskommen wollen. Kooperation als die Grundlage von Kofinanzierung statt Förderung.“ [Quelle]

Dieser Orientierung zu folgen handelt nicht bloß von der Frage, was wir als Kunst- und Kulturschaffende brauchen, um UNSERE Ideen umzusetzen, sie handelt AUCH von der Frage, warum und wodurch andere mit uns zu tun haben sollen. Darauf brauchen wir konkrete Antworten…

Wovon handelt Kulturpolitik? #13

Wenn wir im Kulturbereich Boden gewinnen möchten, sollten wir in der Lage sein, den Status quo realistisch zu betrachten und darzustellen. Das betrifft natürlich auch die Selbsteinschätzung, denn jene, die uns in kulturpolitischen Verhandlungen gegenüber stehen, verzichten ja keinesfalls darauf, uns so oder so einzuschätzen. Wir sollten demnach allfällige Diskrepanzen dieser Ansichten erörtern können.

Unsere Praxis zeigt außerdem, daß es vorteilhaft ist, wenn uns die anderen Positionen nicht egal sind, wenn wir uns über angemessenes Interesse brauchbare Eindrücke verschaffen können, was die Prioritäten, Codes und Reglements jener Metiers sind, mit denen wir aus sachlichen Gründen zu tun bekommen.

Kulturpolitische Froststarre? Sicher nicht!

Kleiner Eischub: Wenn ich hier „wir“ und „uns“ schreibe, meine ich Kunst- und Kulturschaffende im Sinne eines Metiers, eines Berufsfeldes, NICHT im Sinne einer bestimmten „Szene“.

Ich möchte deutlich machen, daß ein kulturpolitischer Diskurs nicht nur von uns und unseren Prioritäten handeln kann, weil ja unser Tun von anderen Bereichen mitbestimmt wird, stellenweise abhängig ist. Wir können also nicht bloß über Positionen reden, wir müssen uns auch mit den Relationen (zwischen verschiedenen Metiers) befassen.

Ich finde genau an diesen Schnittpunkten oft ein schlampiges Reden über eine „Freiheit der Kunst“. Doch diese Freiheit ist meines Wissens inhaltlicher Natur, was die Kunstwerke selbst angeht, sie ist nicht als soziale Kategorie eingeführt. Wir müßten ja sonst entweder eine quasi aristokratische Existenz anstreben, die sich materiell völlig auf Kosten anderer ereignet oder wir müßten „geschützte Arbeitsplätze“ wünschen, an denen wir von herkömmlichen Anforderungen, wie sie werktätige Menschen meist kennen, weitgehend freigestellt sind.

Ich teile die vehemente Forderung nach angemessener Bezahlung von Kunst- und Kulturschaffenden. Dazu müssen wir freilich sehr konkret klären, WOFÜR wir bezahlt werden sollen. Ich denke, anders ist das nicht verhandelbar.

Ich hab am Beispiel des aktuellen kulturpolitischen Diskurses, der rund um das Grazer Künstlerhaus entstanden ist, skizziert, daß diese Diskussionen in der Steiermark überwiegend, wenn auch nicht ausnahmslos, hinter sich selbst herhinken. Damit meine ich, was viele Kunst- und Kulturschaffende dazu gerade äußern, erreicht nicht einmal das Level jener Papiere, die schon verfügbar sind und der steirischen Politik an mehreren Stellen übergeben wurden: [link]

Man mag darüber spekulieren, woran das liegt. Mich schert diese Frage am allerwenigsten. Es muß einem in einer Demokratie freistehen, aus gemachten Überlegungen genau KEINE Schlüsse zu ziehen, diesen fehlenden Schlüssen daher KEINEN Handlungsplan nachzureichen und in der Folge NICHT zu handeln, sondern weiterhin vor allem bloß zu sudern.

Ich hab bei meiner einschlägigen Themenleiste im Web (“kunst.rasen“) schon vor einer Weile eine Liste mit Links publiziert, auf der die wichtigsten Quellen zusammengefaßt sind: [link] Im oben erwähnten Artikel zur Lage findet sich folgende Empfehlung:

„Ich weiß, ich weiß, das Lesen kostet Zeit, Zeit ist kostbar. Aber lassen Sie mich phantasieren. Jemand verwendet einen Nachmittag, einen einzigen mickrigen Nachmittag, auf eine flüchtige Lektüre der hier genannten und leicht verfügbaren Dokumente. Zum Beispiel auf einem bequemen Sofa ruhend, zum Beispiel bei Kaffee und Kuchen.

Das würde nach meiner Meinung tatsächlich genügen, um sich kulturpolitisch einigermaßen auf die steirische Höher der Zeit hin zu bewegen.

Zurück zur Frage der Begegnung mit Leuten aus anderen Metiers und zu Fragen der Kooperation. Das ist für mich nämlich eines der Schlüsselwörter, wenn wir a) aus den Posen gebeugter Bittsteller und b) aus den Verknappungen durch jüngste Krisenfälle herauskommen wollen. Kooperation als die Grundlage von Kofinanzierung statt Förderung.

Ich meine, der Begriff Förderung impliziert ein GEFÄLLE, der Begriff Kooperation setzt Augenhöhe voraus. Über welche Fragen und Schritte lassen sich Augenhöhe, Kooperation, folglich da und dort Kofinanzierung erreichen? Das beschäftigt uns zum Beispiel im Arbeitsbereich „Kunst Wirtschaft Wissenschaft“: [link]

(Quelle: Kleine Zeitung)

Künstler Gerhard Flekatsch hat eben ein Fazit aus unserer zweiten Session zusammengefaßt: „Fliessende Identitäten und veränderbare Beziehungen“ [link] Wir waren davon ausgegangen, daß verschiedene Berufsgruppen permanent mit der Begrifflichkeit „regionale Identität“ laborieren und wollten genauer herausarbeiten, was sichtbar wird, wenn man in diese Geschichte tiefer reingeht.

Flekatsch: „Vom individuellen Selbstverständnis, über unterschiedlichste Identifikationsangebote, die Relativität überlappender Kollektiv-Zugehörigkeiten oder über die Modelle der Konsumation gegenüber der Partizipation, kristallisierte sich immer mehr heraus, dass Identität ein Ensemble von Relationen und ein Prozess ist – dass wir Identität als ständigen Fluss begreifen müssen.“

Fußnote: Hier ist mein Intro als Soundfile von neun Minuten: [link] Das soll deutlich machen, wovon wir ausgegangen sind. Nun bereiten wir gerade die dritte Station vor, die wieder öffentlich zugänglich sein wird.

Es geht mir hier aber noch um ein anderes Gefälle als bloß das soziale zwischen Kulturleuten und jenen aus übrigen Metiers. Jenes zwischen Landeshauptstadt und Regionen, wie es sich nicht nur im Denkschema „Zentrum/Provinz“ ausdrückt, sondern auch in einer Asymmetrie der Mittel und Möglichkeiten. In den letzten Jahren habe ich öfter notiert: „Provinz war gestern!“ Jetzt meine ich, daß wir uns das Wort Provinz zurückholen und es neu konnotieren sollten.

[überblick]