Wovon handelt Kulturpolitik? #17

Ich verfolge den „Speakers Corner“ im Kulturteil der „Kleinen Zeitung“ schon eine Weile. Dabei geht es um Fragen der Kulturpolitik, um die Einschätzung des Status quo. Eines der offenkundigen Schwerpunktthemen ist dabei der Mangel an Wertschätzung, den Kunst- und Kulturschaffende erleben und betonen.

(Quelle: Kleine Zeitung)

Ich kenne das gut, es ist fast so was wie ein übliches „Berufsrisiko“ geworden, dss sich laufend einlöst. Dazu kommt ein auffallender Mangel an Sachkenntnis bei recht vielen Funktionstragenden in Politik und Verwaltung sowie in diversen privatwirtschaftlichen Institutionen der Meta-Ebene.

Die Mängelliste könnte fortgesetzt werden. Aber das bringt uns nichts, wir kennen den Problemkatalog ohnehin in vielen Ausfertigungen. Einen wichtigen Punkt möchte ich noch anfügen, der in solchen Erörterungen gerne unterschlagen wird. Auch unter meinen Kolleginnen und Kollegen stelle ich manchmal einen deprimierenden Mangel an Sachkenntnis fest. Das führt gelegentlich zu sehr skurrilen Diskurs-Momenten.

Der Job ist Gerade nicht vakant...

Was machen wir nun? Ich hab kürzlich eine — meiner Meinung nach — wichtige Ursache für diesen Stand der Dinge skizziert: „Was (nicht) zu übersehen war“ [link] Die konsequente Abwertung von Wissensarbeit und von Kulturarbeit bei gleichzeitig erschreckendem Verfall der Bezahlung solcher Arbeit ist ein umfassendes Phänomen, dem wir uns während der letzten 25 Jahre leider nie konsequent und womöglich kollektiv gewidmet haben.

Daher ist für mich eine der vorrangigen Fragen, mit welchen Mitteln sich die Wertschätzung für Wissens- und Kulturarbeit wieder anheben läßt, was auch verlangt, daß die Reputation unserer Berufe wachsen muß, daß wir unser Sozialprestige in die Höhe bringen sollten.

Aus verschiedenen sachlichen Zusammenhängen nehme ich nicht an, daß uns dabei herkömmliche Methoden der PR-Arbeit nützen würden. Es sind wohl auch kaum Budgets verfügbar, um einschlägige Kampagnen zu fahren. Ich nehme an, daß wir
a) über berufliche Kompetenz, die sich in Arbeitsergebnissen zeigt, punkten können,
b) über fundierte kulturpolitische Ansichten und deren Vertreten in öffentlichen Diskursen Boden gewinnen werden und
c) mittels zeitgemäßer Formen von Kooperation Terrain sichern mögen.

Damit meine ich ausdrücklich NICHT anschwellende Phrasendrescherei und Polemiken, die keiner genauern Debatte standhalten. Ich meine auch NICHT das klagende Verkünden von harten Arbeitsbedingungen und das herbeten von Krankheitsbildern, denn: Wer will das hören? Wir sind Weltmeister in Sachen Burn out, ganz Österreich pflegt das. (Jede Supermarkt-Kassierin im Teilzeitjob, die ein kleines Kind zuhause hat, kann in Belastungsfragen sicher locker mit mir mithalten.)

Ich würde es vorziehen, daß wir erst einmal — quasi branchen-intern — beginnen, angemessene Strategien zu entwickeln und best practice herauszuarbeiten. Das kann NICHT bedeuten, diese Leistung erst zu erbringen, wenn die Politik uns endlich mehr Geld rüberschiebt. (Auch die Geldfragen bedürfen neuer Verhandlungszusammenhänge.) Das muß uns primär aus eigenen Stücken gelingen; allein um der Autonomie willen.

Zugleich meine ich, daß wir unter den Funktionstragenden aus Politik und Verwaltung Boden gewinnen sollten. Ich will sie in Kooperationssituationen eingebunden sehen. Ich will erreichen, daß wir für gemeinsam gewählte Aufgaben auch gemeinsam Verantwortung übernehmen. Das mag ja in Graz nicht gar so leicht zu bekommen sein, in kleineren Gemeinden ist das selbstverständlich denkbar und machbar.

Außerdem hat unsere praktische Erfahrung gezeigt, daß es unter Wirtschaftstreibenden etliche gibt, die finden an einer Reihe Fragestellungen gleiches Interesse wie wir. Also suche ich mir jene aus, die mit uns gemeinsame Aufgabenstellungen erwägen würden, bei denen wir unser Know how und unsere Ressourcen bündeln können.

Der entscheidende Punkt in dieser Vorgangsweise ist die Modusänderung. Ich gehe nämlich nicht zu Geschäftsleuten und sage zu ihnen: „Gebt’s uns ein Geld, wir machen dann schon!“ Ich sage: „Was können wir uns gemeinsam vornehmen? Welche Rolle im regionalen Kulturgeschehen könnt Ihr Euch vorstellen, um zu einer Stärkung des kulturellen Klimas beizutragen?“

Klar, das ist ein viel weiterer und aufwendigerer Weg als zu sagen: „Gebt’s uns Geld, wir machen dann schon!“ Es ist eben ein völlig anderer Modus, der von einem anders gewichteten Selbstverständnis handelt. Überflüssig zu betonen, daß wir diesen Weg bei „kunst ost“ schon praktizieren. Deshalb sind unsere Budgetsorgen keineswegs vom Tisch. Das ist nun eben Entwicklungsarbeit. Die verlangt Inputs, bevor sie Profit abwirft. Nein, halt! Es gibt ja auch immateriellen Profit; der hat sich längst eingestellt.

Zu dieser Entwicklungsarbeit gehört hier in der Provinz auch ganz wesentlich die Klärung der Frage, wie sich längerfristig das Ehrenamt zum Hauptamt verhalten soll, wie sich öffentliche Mittel und Sponsorengelder mit den Früchten unbezahlter Arbeit kombinieren lassen, ohne permanent Spannungen zwischen Akteurinnen und Akteuren zu erzeugen.

Orientierungs-Kniffligkeiten: Und wenn das Pferd blöd schaut, waren vielleicht gerade mehr Häuptlinge als Indianer am Werk.

Die letzten Jahre der Praxis haben nämlich gezeigt, daß oft jene, die am allerwenigsten etwas zum größeren Ganzen beitragen, am lautesten nach Zugriff auf lukrierte Gelder verlangen. Bei unseren Projekten haben manchmal jene, die am geringsten für Akquise, Öffentlichkeits- und Überzeugungsarbeit zur Verfügung stehen, am heftigsten nach Anteil an errungenen Geldmitteln verlangt.

Die Gemeinde soll, die regionale Wirtschaft soll, der soll und die soll, das sind alles keine brauchbaren Ausgangspunkte für eine kontinuierliche kulturpolitische Entwicklung und für einen Aufbau von adäquaten Strukturen. Der Modus, den wir bei KWW [link] herausgearbeitet haben, erscheint da wesentlich vielversprechender:
1. Frage: Gibt es Fragestellungen, die uns gemeinsam interessieren?
2. Frage: Welche Aufgabenstellungen können wir aus Schnittpunkten ableiten und gemeinsam bearbeiten?
3. Frage: Welche Ressourcen kann jede beteiligte Person/Einrichtung in eine Kooperation einbringen?

Diesen kleinen Fragenkatalog nutze ich stets, ganz egal, ob ich mit Leuten aus einer Gemeinde, einer Firma, einer Kulturinitiative oder Einzelpersonen zu tun habe. Ein Arbeits-Auftakt im Konsens zu diesen Fragen kann viel Positives nach sich ziehen. Mir ist dagegen noch nie aufgefallen, daß die wechselseitigen Zurufe von Forderungen uns Konsens und Geschäftsabschlüsse gebracht hätten…

Was mir nötig erscheint? Stichhaltige Befunde des Status quo unter Vermeidung üblicher Wanderlegenden. Klare Schlußfolgerungen, Handlungspläne und Praxisschritte. Leistungsfähige Kooperationen, mindestens um die verknappten Ressourcen besser nutzen zu können. Seriöse Präsenz in öffentlichen Diskursen.

Das halte ich für eine unverzichtbare Grundausstallung, die je nach Position und Bezugsrahmen noch diverse Ergänzungen verlangt.

[überblick]

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffend
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