Schlagwort-Archiv: kooperation

Was es wiegt, das hat’s XXXIII: Konferenz der Provinz

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Eines der Kunst Ost-Prinzipen lautete stets: „Wir zentralisieren nicht.“ Außerdem war ich sicher, daß laufende Arbeitsgespräche in realer sozialer Begegnung unverzichtbar sind. Das hieß folglich: regelmäßige Plenartreffen einer offenen Formation, aber nie am gleichen Ort, sondern auf Wanderschaft.

Nicht zentralisieren: die Konferenz auf Wanderschaft durh die Region
Was es wiegt, das hat’s XXXIII: Konferenz der Provinz weiterlesen

verbreiterung

ich habe kürzlich erzählt, daß wir von hier aus nach süden eine kooperation entfalten. künstler gerhard flektsch (verein „bluethenlese“) und schloßbesitzerin annabella dietz (schloß hainfeld, nahe feldbach) gehen mit uns in einigen arbeitsansätzen d’accord. siehe dazu: „verdichtungen“!

nun habe ich ein ausführliches arbeitsgespräch mit kulturwissenschafter günther marchner („consalis“) hinter mir. marchner ist ein langjähriger und profunder kenner der initiativen-szene. er arbeitet teils auf der meta-ebene, aber auch an der basis. wir haben nun übereinkunft, eine themenstellung gemeinsam zu bearbeiten und die aktivitäten dazu in einem wechselspiel zwischen obersteiermark und oststeiermark zu realisieren.

es geht im kern um VERGESSENES WISSEN, also um jene kompetenzen, die in regionen noch vorhanden, aber teils verschütt gegangen sind. dabei sehen wir praktische möglichkeiten, unsere kulturellen fragestellungen einerseits im kunst-kontext zu bearbeiten, andererseits an unternehmen der regionen heranzuführen und sie drittens auch auf der meta-ebene zu bearbeiten.

kulturwissenschafter günther marchner ist u.a. seit jahrzehnten mit theorie und praxis der initiativen-szene befaßt

der „kunst ost“-modus „zwischen grundlagen, alltagspraxis und kunst“ bewährt sich ja zunehmend. mit diesem aspekt von wissensmanagement, den marchner nun schon eine weile bearbeitet, sehen wir eine gute möglichkeit, die verschiedenen genres und themenstellungen stärker miteinander zu verweben.

wir haben konsens, daß im kern eine betrachtung des wechselspiels zwischen agarischer welt und industrialisierter welt jene kräfte sichtbar macht, denen auch das kunstgeschehen ausgesetzt ist, respektive in dem ein kunstgeschehen jenseits des landeszentrums überhaupt erst raum und ressourcen findet.

ich habe in diesem zusammenhang nun viele jahre das denkmodell von den „drei sektoren“ forciert, in dem staat, markt und zivilgesellschaft zu kooperationen finden mögen. das ist vor allem im projekt-logbuch nachzulesen, etwa 2007: [link], 2008: [link] etc., aber auch an etlichen anderen stellen der dokumentation unserer laufenden arbeit.

wir sehen uns, was anregungen betrifft, auch immer wieder in anderen ländern um. so haben wir einen wichtigen aspekt des regionalen kunstgeschehens durch erfahrungen von kulturschaffenden in irland besser zu differenzieren gelernt. sprachregelung und inhaltliche dimensionen der „voluntary arts“ sind uns in belfast greifbar geworden: [link]

aktuell haben wir in kanada eine interessante korrespondenz mit unseren zugängen entdeckt. simon brault „is both a member of Canada’s cultural establishment and an iconoclast dedicated to its reimagining.“ eine sehr interessante position! zu braults funktionen zählt auch jene des „chairman of Culture Montreal, a grassroots organization that over the last decade brought together governments, business, and Montreal’s arts community to design and pay for a cultural renaissance in the city.“ [quelle]

der kanadische kulturschaffende simon brault (foto: maximecote)

da wurde ich natürlich sehr hellhörig: eine basis-organisation, die während des letzten jahrzehnts regierung, geschäftswelt und die kunst-community von montreal zusammengebracht hat, um eine kulturelle wiedergeburt der stadt zu entwerfen und zu bezahlen. das ist also offenbar ein großes praxismodell der kooperation jener drei sektoren, von denen ich hier seit jahren rede.

noch eine spezielle passage in jenem interview mit brault hat mein spezielles interesse geweckt: „A lot of the arguments that were made against the arts cuts were quite self-serving or defensive, without regard for consequences for Quebeckers and Canadians outside of the community.„ das kommt mir doch sehr vertraut vor.

simon brault konstatiert: „keine kultur, keine zukunft“

ich übernehme hier braults statement „no culture, no future“, das mit dem weißen kreuz auf schwarzem feld auch ein zeichen erhalten hat. ich denke, wir werden in unserem umfeld diesen überlegungen von simon brault noch ausführlicher nachgehen…

location crew

was ist denn bei „kunst ost“ eine „location crew“?

kurz: ein temporärer arbeitskreis, der sich kurzfristig oder länger formiert, um einen beitrag in eine größere veranstaltung von „kunst ost“ einzubringen.

warum dann das englische wort? weil das deutschsprachige „ortsgruppe“ aus österreichs jüngerer geschichte heraus noch diskreditiert ist.

also: eine gruppe (crew) bereitet einen beitrag für einen bestimmten veranstaltungsort (location) vor. die gruppe arbeitet in sich völlig autonom. (autonom = sich selbst die regeln geben.)

aber jede „location crew“ ist über eine „schlüsselperson“ mit dem team von „kunst ost“ verbunden. genau an diesem schnittpunkt werden vereinbarungen getroffen, werden auch gelder bewegt.

beispiel für eine kontrastreiche "location crew" an meiner seite (von links: techniker michael toson, fotograf franz sattler und filmemacher max ladenhauf

wieso sollte eine gruppe bei „kunst ost“ mitmachen?

+++) wir erarbeiten größere themenstellungen, die
a) in der region relevanz haben und
b) teilweise mit internationalen ereignissen verknüpft werden.

+++) wir arbeiten teilthemen heraus, die dann beispielsweise in einem „april-festival“ umgesetzt werden. dazu führen wir eine menge an nötigen arbeitsgesprächen, machen lobby-arbeit und öffentlichkeitsarbeit, tragen recherchen voran etc.

+++) wir leisten koordination und organisation des „größeren ganzen“ und führen so eine dimension wie ein inhaltliches gewicht herbei, dank derer eine angemessene finanzierung wesentlicher arbeitsbereiche wahrscheinlicher wird.

in dieses „modul-system“ können sich einzelne kleingruppen, „location crews“, mit ihren kompetenzen und möglichkeiten einbringen. eines der ziele bei diesem modus sind praktikable SYNERGIEN, um so standortnachteile und landesweite budgeteinbrüche zu kompensieren.

ein anderer (für uns sehr wichtiger) aspekt sind INHALTE. lassen sie es mich – polemisch verkürzt – so ausdrücken. momentan schreibt offenbar ein regionales management vom anderen ab und es besteht längst eine projektflut, die auf EIN hauptthema hinausläuft: KULINARIK.

das ist angenehm, ich genieße auch die früchte solcher bestrebungen, wie meine leiblichkeit unübersehbar verrät. aber als zentrale themenstellung bezüglich der politischen, wirtschaftlichen und soziokulturellen zukunft der oststeiermark ist mir diese suppe eindeutig zu dünn.

deshalb arbeite ich für 2011 gerade an einer grundlegenden, sozialgeschichtlich betonten themenstellung, von der wir dann einzelthemen für einzelne vorhaben ableiten. und genau DA kommen schließlich die möglichen „location crews“ zum zug.

warum diese betonung der kleingruppen? „kunst ost“ ist weder eine regionale service-stelle, noch eine art „oststeirisches kulturreferat“. wir sind demnach eher NICHT mit den individuellen wünschen einzelner kunst- und kulturschaffender befaßt.

statt also partikularineressen zu bedienen, haben wir ein „größeres ganzes“ im auge. genau dabei sind gruppierungen bleiebiger größe willkommen, um gelegentlich snzudocken.

(es gibt dann auch noch das struktur-element „laborgruppe“; aber dazu später.)

in bewegung. der kulturbetrieb.

es spricht sich nur sehr langsam herum, scheint aber nun doch bei etlichen leuten angekommen zu sein: „kunst ost“ arbeitet nicht FÜR kunst- und kulturschaffende, sondern nur MIT ihnen. diese soziokulturelle drehscheibe ist demnach auf KOOPERATION ausgelegt, nicht auf SERVICE.

das ist der teil von „kunst ost“, welcher nach AUSSEN wirkung entfaltet. dem gegenüber gibt es auch das LABOR, quasi die „entwicklungsabteilung“, die ein hauptgrund für das bestehen der plattform ist, die selbst nicht gegenstand von „bühnenaktivitäten“ ist.

ein großer teil der arbeitszeit ist bei "kunst ost" nicht einem publikum, sondern den strukturen und strategien gewidmet.

das entwicklen und erproben von methoden und strategien für die verbesserung der bedingungen von GEGENWARTSKUNST im ländlichen raum; ein thema, von dem kurioser weise so manche orts-chefs gar nichts hören wollen.

unter uns: wie sich das leben in den regionen entwickelt, die neue welle der landflucht längst eingesetzt hat, viele kommunen ihre agenda nicht mehr schaffen, keine arbeitsplätze zusammenbringen, zugleich aber vor neuen gemeinde-zusammenlegungen zurückschrecken, wie also der lauf der dinge einen höchst problematischen stand der dinge hervorbringt, sollte man meinen, die funktionstragenden der regionalpoltik seien mehrheitlich heilfroh über jeden engagierten bürger, jede inspirierte bürgerin, denen etwas einfällt, was dem gedeihen des gemeinwesens voranhilft.

dabei muß es den menschen des landes ja freistehen, welchem teil, welchem aspekt des gemeinwesens sie sich in ihrem persönlichen engagement widmen. nach fast zwei jahren mit einem offiziellen LEADER-projekt, welches der KUNST gewidmet ist, kann ich allerdings nicht feststellen, daß diese haltung in der regionalpolitik dominieren würde. kurios! da bleibt doch zu fragen, welche auffassung von politik heute herrscht, wenn funktionstragende es nicht prinzipiell für naheliegend halten, daß bürgerliches engagement zu unterstützen, zu verstärken wäre. (oder wenigstens: nicht aktiv behindert werden sollte.)

dem steht gegenüber, daß auffallend viele kunst- und kulturschaffende immer noch an der idee festhalten, da ja ihr tun für eine gesellschaft wichtig sei, müsse der staat und müsse die gemeinde und müßten auch … was weiß ich. macht nichts! wer in auffassungen verweilen möchte, die nicht einmal mehr freies sichtfeld auf die höhe der zeit ermöglichen, muß das tun dürfen.

kooperation, nicht nur unter kunst- und kulturschaffenden, sondern auch zwischen den verschiedenen sektoren einer gesellschaft: staat, markt und zivilgesellschaft, vorhaben, die in gemeinsamer abstimmung der interessen aller beteiligten ntwickelt werden, all das scheint noch höchst gewöhnungsbedpürftig zu sein. ich halte es für einen vielversprechenden weg, wenn einem daran liegt, daß man entscheidungstragenden anderer bereiche in augenhöhe begegnen will …