Schlagwort-Archiv: was ist kunst?

was ist kunst? #17

ich hab in einem beitrag über kulturpolitik die „freiheit der kunst“ als ein rechtlich verbrieftes kulturelles gut beschrieben: [link] das österreichische staatsgrundgesetz widmet der kunst und deren lehre einen eigenen artikel (17a). ich habe bei der gelegenheit eine reihe anderer gesetzesstellen zitiert, die von gedankenfreiheit, freiheit der berufswahl und ähnlichen anliegen handeln.

nun darf ich zu gunsten von uns kunstschaffenden betonen: wäre die befassung mit kunst bloß ein kulturelles dekorationsgeschäft oder, etwas wichtiger genommen, ein wesentlicher bereich unseres bildungswesens, wäre es kaum nötig, sie per staatsgrundgesetz gegen anfechtungen und einschränkungen zu schützen.

der befassung mit kunst, ob schaffend, vermittelnd oder rezipierend, wird eine besondere soziokulturelle bedeutung beigemessen, die sich auch im kulturförderungsgesetz des landes steiermark [link] ausdrückt. der § 1 hebt das in zwei punkten speziell hervor:
+) 2.: die schöpferische Selbstentfaltung jedes Menschen durch aktive kulturelle Kreativität und die Teilhabe jedes Menschen am kulturellen und künstlerischen Prozess in jeder Region des Landes; und
+) 3.: eine zum Verständnis und zur Kritik befähigte Öffentlichkeit;

eine sehr interessante referenz findet man diesbezüglich im vorwort jenes buches von niklas luhmann, mit dem er sich im rahmen seiner großen gesellschaftstheorie ganz speziell der kunst widmet, nein, eigentlich nicht der kunst, sonder der gesellschaftlichen bedeutung von kunst. daß luhmann dieses buch, nämlich „die kunst der gesellschaft“, geschrieben hat, „liegt nicht an besonderen Neigungen des Verfassers für diesen Gegenstand, sondern an der Annahme, daß eine auf Universalität abzielende Gesellschaftstheorie nicht ignorieren kann, daß es Kunst gibt“.

(foto: edith cytryn)

da wir keinen kunstbegriff haben, der durch die zeiten gleich anwendbar wäre, wandelt sich auch stets, was mit „freiheit der kunst“ gemeint wird. in der antike wurde zwischen „freien künsten“ (artes liberales ) und „praktischen künsten“ (artes mechanicae) unterschieden. grob gesagt: zwischen kopfarbeit und handarbeit (einrechnend, daß handarbeit ohne kopfarbeit wohl nicht möglich ist.)

die „praktischen künste“ (téchne) waren solche, die direkt dem broterweb dienten, während die „sieben freien künste“ jene waren, die „eines freien mannes“ für würdig befunden wurden. damit ist jemanden ins blickfeld gewückt, der in einer sklavengesellschaft auf kosten anderer sein leben führte, seine muße pflegte und sich diesen künsten widmete. jemand, der sich also seine erhabenheit bestätigte, indem er die voteile konsumierte und freiheiten genoß, deren grundlagen ihm abhängige erarbeiten mußten.

ich betone das, weil ich daran erinnern möchte, welche sozialen bedingungen die „freiheit der kunst“ einst hatte, auch um darauf hinzuweisen, daß wir gegenwärtig unserer freiheit als kunstschaffende und unsere daraus resultiernden ansprüche auf andere art begründen müssen.

die „sieben freien künste“ waren wenigstens bis zum mittelalter: arithmetik, astronomie, dialektik, geometrie, grammatik, musik und rhetorik. gegenüber den „praktischen künsten“, bei denen kräftig hand angelegt wurde, also körperliche arbeit fällig war, galten die „freien künste“ (mit ihrer betonung geistiger arbeit) als privileg „freier menschen“, was bedeutete, sie waren die angelegenheit sozial gut gestellter männer.

vielleicht ist es dieser soziale aspekt am thema „freiheit der kunst“, welcher noch heute für viele menschen so provokant wirkt. die historische tatsache, daß muße und geistige tätigkeit bei gleichzeitiger freistellung von mühsamer knochenarbeit kleinen kreisen privilegierter vorbehalten waren.

offenbar überlagert dieses motiv immer noch stark jenes grundlegende angebot aus der befassung mit kunst, nämlich geistige freiheit zu erlangen und zu praktizieren, was sogar per gesetz nicht den sozialen eliten vorbehalten ist, sondern allen bügerinnen und bürgern zugebilligt, ja: empfohlen wird.

ich denke, das sind keine agenda der kunst selbst, sondern soziokulturelle agenda ANLÄSSLICH der befassung mit kunst; wie erwähnt: schaffend, vermittelnd und/oder rezipierend.

[überblick]

was ist kunst? #16

„was? das soll kunst sein?“ diese frage begleitet meine wege durch ausstellungräume seit jahrzehnten wie ein häßliches glockenläuten. ich habe solches fragen, das eigentlich eine feststellung ist, nicht nur angesichts konkreter werke gehört, sondern auch in unzähligen gesprächen über künstlerische ereignisse. ich höre es sogar gelegentlich im vorbeigehen von leuten, mit denen ich nichts zu tun habe. etwa vor dem schaufenster einer kleinen gleisdorfer galerie, wo eine frau lautstark verkündet, „nicht amal geschenkt“ möchte sie eines der bilder haben.

das ist doch sehr erstaunlich, wie viel abschätzigkeit manche menschen für etwas aufbringen, das sie ganz offensichtlich nicht interessiert, obwohl es sie sehr beschäftigt. es markiert eine aussichtlose position, angesichts eines werkes „das soll kunst sein?“ zu fragen, wo jemand ja auch fragen könnte: „womit hab ich es hier zu tun?“ nämlich nicht mit KUNST, sondern mit einem kunstWERK.

franz sattler beim gespräch über seine arbeiten

kunstwerke sind keineswegs zwangsläufig von hausaus welche. wenn sie aber als welche gelten, können sie diesen rang prinzipiell auch wieder verlieren. sollte ein werk über mehrere jahrhunderte solchen rang haben, also zum KANON unserer kultur zählen, ist es freilich sehr unwahrscheinlich, daß es so viel trivialisierung erfährt, um schließlich wieder zum plunder zu zählen. das ist allerdings nicht prinzipiell ausgeschlossen.

zu unserer zeit dominiert demnach NICHT die auffassung, daß für die kunst EWIGE WERTE zur disposition stünden. (ich nehme an, dafür fühlt man sich auf den feldern der religionen zuständig, die kunst ist kein hort des „ewigen“.) die kulturökonomie von boris groys, hier schon erwähnt: [link], beschreibt diese dynamik als ein wechselspiel zwischen valorisierung (aufwertung) und trivialisierung (abwertung), wodurch werke zwischen „profanem raum“ und „archiven der kultur“ bewegt werden. sie werden folglich als mehr oder minder der aufbewahrung für wert befunden.

dabei sind diese werke auch einer höchst wechselhaften bewertung unterzogen, was a) ihren KULTURwert und b) ihren MARKTwert angeht. das hat so seine bezüge zu den kategorien GEBRAUCHSwert und TAUSCHwert. was eine sache mir wert ist und was sie auf dem/einem markt wert ist, sind sehr unterschiedliche angelegenheiten.

vor dem hintergrund dieser kräftespiele und bewertungsprozesse, die allerhand mit definitionsmacht zu tun haben, steht es uns allen natürlich frei, uns in selbstermächtigung zu üben. ich denke, es ist so banal, wie es erscheint: wenn ICH sage, daß es ein kunstwerk ist, dann ist es eines. (kaum ein aspekt des kunstgeschehens scheint mehr zu provozieren als dieser!) ob ich auch andere menschen zu dieser einschätzung bewegen kann, bleibt abzuwarten.

wenn mir dabei aber zustimmung verwehrt bleibt? na, dann ist die sache noch längst nicht entschieden. ein stück ewigkeit könnte in der angelegenheit zu meinen gunsten ausfallen. es gilt unter vielen kunstschaffenden allerdings eher als unschicklich, sich frech an die ewigkeit zu wenden. aber vermutlich haben jene kolleginnen und kollegen, die das konsequent und professionell tun, keine schlechten karten. zumindest für einige zeit. wie angedeutet, mit der ewigkeit kann man keine geschäfte machen. zu viele unwägbarkeiten.

kurz noch einmal zu meiner bemerkung aus dem vorigen eintrag: ich PRODUZIERE kunst nicht, ich PRAKTIZIERE sie. das führt zu werken, zu artefakten und prozessen, die für augenblicke bedeutung und gewicht haben, manchmal für länger. wenn etwas davon marktwert erringt, sich also in geld konvertieren läßt, auch gut. ein komplettes jahreseinkommen erwarte ich mir aus solchen möglichkeiten nicht, dafür ist österreichs markt zu klein und mir selbst die welt zu groß.

was mein jahreseinkommen angeht, können sie der notiz „Einige Takte Klartext: Soziales“ [link] details entnehmen. es ist mir schon lange zu dumm, daß solche dinge bei uns wie staatsgeheimnisse behandelt werden, weshalb man nicht so genau weiß, wovon die rede ist, wenn die sprache auf die soziale lage kunstschaffender in österreich kommt. daher dieses stück klartext.

fußnote: daß ich FREISCHAFFENDER künstler bin, ist eine soziale kategorie, es ist keine kategorie der kunst! ich habe als künstler von berufs wegen simultan mit sehr verschiedenen wertkonzepten zu tun. da ist es meiner ansicht nach sehr hilfreich, wenn gelegentlich klartext gesprochen wird, weil sonst ein unerträgliches ausmaß an konfusion um sich greift.

[überblick]

was ist kunst? #15

wochen. monate. gelegentlich auch ein jahr oder mehr davon. dem entstehen einer arbeit gehen bei mir lange prozesse des schauens, imaginierens und überdenkens voraus. spontane manifestationen sind dabei meist nur etwas wie probestücke, details auf kurze frist. bis ich ein exponat für fertig, einen prozeß für abgeschlossen halte, habe ich mich selbst daran verändert. ich bin also angesichts der ergebnisses nicht mehr der, der ich am beginn gewesen bin.

manchmal kommt so ein verlauf gar nicht mehr vom virtuellen ins aktuelle. es kann also vorkommen, daß einieg werke sich nicht in einem „endprodukt“ materialisieren, weil sie sich gewissermaßen in der virtualität erfüllt haben. ebenso schaffe ich immer wieder artefakte aus meinem leben, verwerfe stücke, werfe sie also weg. oder ich löse sie auf, um die interessanten unter ihren bestandteilen für eine andere arbeit zu verwenden. das mache ich nicht nur mit gegenständen, auch mit texten kann es dazu kommen.

sie ahnen schon, ich bin dabei ziemlich wenig auf publikum angewiesen. das wichtigste spielt sich nicht in der arena ab. deutlicher könnte die unterscheidung zwischen KULTURELLEM WERT und MARKTWERT vielleicht gar nicht gemacht werden. für den markt muß ich etwas veräußern. für immaterielle vorgänge muß ich über die dinge frei verfügen können. ich nehme an, es kann verstanden werden, wo ich als künstler meist den fokus habe. es ist die künstlerische PRAXIS selbst, die mir über alles geht, nicht das einzelne werk, das artefakt.

deshalb ist mein hauptereignis auch dieses nun schon über viele jahre laufende projekt, man könnte sagen: werk, mit dem titel „the long distance howl“. deshalb nenne ich es „art under net conditions“, also eine kunst unter bedingungen der vernetzung. die verneztung meint hier ein geflecht von prozessen, ereignissen, gegenstständen… und selbstverständlich menschen.

dieses prozeßhafte arbeiten mag ihnen deutlich machen: hier stoßen wir kaum auf die frage „WAS ist kunst?“, eher laufend auf die frage „WANN ist kunst?“. daraus folgt: ich PRODUZIERE kunst nicht, ich PRAKTIZIERE sie. es gibt dazu einen sehr schönen gedanken, über dessen quelle ich mir nicht mehr recht im klaren bin.

ich denke, ich hab diesen gedanken von jacques rancière, der ihn, so glaube ich, von schiller bezogen hat. demnach ist kunst das ERGEBNIS von etwas, das für jene, die es gemacht haben, nicht kunst war. damit ist auf engstem raum diese komplexe geschichte skizziert, wie ich sie wieder und wieder erlebe.

es ist nicht so, daß ich morgens aufstehe, mir einen kaffee koche, die ärmel aufkremple und mir sage: jetzt gehe ich kunst machen. es ist mehr so ein dauerzustand, in dem neugier, erregung, wißbegier und tatendrang zu stets anderen mischungen vergären, gelegentlich zu neuen zuständen verdichten.

es ist ein wechselspiel zwischen aisthesis und poiesis. ja! ästhetik und poesie. also wahrnehmung (aisthesis) und schaffen (poiesis), durchsetzt von reflexion. und befeuert von kommunikation mit anderen menschen über eben diese dinge oder über das, was sie – diese dinge und prozesse – umgibt.

folglich gilt, wie erwähnt: ich PRODUZIERE kunst nicht, ich PRAKTIZIERE sie. ich weiß eher nicht WAS kunst ist, aber meistens weiß ich, WANN kunst ist. das einzelne werk ist mir in der regel bloß teil des prozesses und oft anlaß für neue vorhaben. deshalb kann ich mich kaum auf den markt konzentrieren, bin für ein publikum wenig verfügbar, ich hab viel damit zu tun, diese prozesse in gang zu halten.

[überblick]

wovon handelt kulturpolitik? #1

ich hab lange der vorstellung angehangen, wir müßten das denkmodell „zentrum/provinz“ neu deuten. über laufende debatten kam ich dann zur annahme, dieses denkmodell müsse überhaupt aufgegeben werden. inzwischen sehen ich keine möglichkeit, es zu suspendieren und mir scheint überdies, daß sich diverse gefälle zwischen zentrum und „provinz“ wieder verstärken; zu lasten der zonen jenseits des landeszentrums.

ich habe verschiedene gründe, auf öffentlichen debatten über die themen kunst und kultur zu bestehen. einer der gründe ist folgender: unsere praktische erfahrung in der „region“ besagt, daß wir entweder selbst definieren, was gemeint ist, wenn jemand „kunst und kultur“ sagt, oder wirtschaft und politik übernehmen das ebenso locker wie bestimmt.

martin krusche (2.v.l.) auf einem screenshot aus einer miniaturkamera an einem miniatur-hubschrauber (driven by bernd kober) über einer arbeit von christian strassegger, ziemlich weit draußen, also sehr jenseits von graz

wenn wirtschaft und politik sagen, was kunst und kultur seien, entstehen zum teil jene gravierenden probleme, die wir gerade zu beklagen haben. das handelt von einer umfassenden marginalisierung des themas in den regionalen medien und in der öffentlichen wahrnehmung. das führt überdies zu situationen, in denen eine teils ratlose kommunalpolitik vor allem „kunst“ aber auch „kultur“ desavouiert und als manövriermasse in regionalpolitischen diskursen mißbraucht.

sind also die deutungseliten aus wirtschaft und politik in dieser sache sich selbst überlassen, werden aus geringstem anlaß auf ANDEREN politischen feldern unsere kulturpolitischen rahmenbedingungen beschädigt. es geht sogar noch weiter. ich werde hier noch dokumentieren, wie kunstsschaffende (als „primäre kräfte“ des metiers) sogar aus regionalen funktionärskreisen für divergierende auffassungen massiv angegriffen werden können, wenn sie professionelle grundlagen von zeitgemäßer kulturpolitik öffentlich thematisieren.

zu all dem kommt ein weitgehend diskreditierter kunstbegriff, der zu einem containerwort verkommen ist, welches mit beliebigen inhalten befüllt und gegen beliebige positionen in stellung gebracht werden kann. damit gerät ein ganzes berufsfeld in mißkredit.

ich rege mich darüber nicht auf, weil ich feststellen muß, daß mein metier die verfestigung solcher mißstände weitgehend ohne jeden einwand zugelassen hat. anders ausgedrückt: wir kunstschaffenden haben die situation miterzeugt, die viele von uns gerade lauthals beklagen.

nun interessiert es mich, zu einem stichhaltigen befund des status quo zu kommen, damit es möglich wird, prozesse einzuleiten, die solche mißstände bessern, möglichst beseitigen. ich denke, diese kulturellen agenda werden im auftakt nicht auf dem boulevard zu bearbeiten sein, sondern primär innerhalb unseres metiers und mit all jenen, die uns beruflich und/oder privat verbunden sind.

ich möchte eigentlich nicht mehr erleben, daß etwa eine ausgewiesene kunsthistorikerin in einer veranstaltung öffentlich behauptet, was KUNST sei, ließe sich nicht so genau sagen.

ich möchte eigentlich nicht mehr erleben, daß kunstschaffende, die sich konsequent künstlerischer praxis verschrieben haben, keine idee haben, worin sich etwa gegenwartskunst und voluntary arts unterscheiden.

ich möchte zum auftakt erreichen, daß wir selbst jene kompetenz zeigen, also haben, welche wir von unserem jeweiligen gegenüber in politk, verwaltung und wirtschaft erwarten.

ich möchte erleben, daß wir unsere gründe nennen und fundiert argumentieren wie verhandeln können. ich erwarte mir dabei augenblicklich weniger von deklarationen und mehr von diskursen.

[übersicht]
[die zum foto erwähnte arbeit von strassegger]

was ist kunst? #14

kunst mag auch im stillen gedeihen, ja sogar völlig vom publikum und von der welt abgewandt ihre blüten hervorbringen. aber der kunstbetrieb und der kunstdiskurs verlangen unerbittlich nach öffentlichkeit. kunst, kunstwerke und kunstbetrieb sollten also miteinander nicht verwechselt werden.

als junger kerl war ich von zwei historischen ereignissen im frankreich des 19. jahrhunderts sehr beeindruckt. von balzacs roman „verlorene illusionen“ (in den jahren rund um 1840 verfaßt) und von zolas brief „j’accuse…!“, den er 1898 an den französischen präsidenten faure gerichtet hatte, um politische mißstände, antisemitismus und die verleumdung des hauptmannes alfred dreyfus anzuklagen.

emile zola: "ich klage an!"; ein intellektueller fordert öffentlich die autoritäten des staates

beides handelt unter anderem von fragen nach definitionsmacht und eigenarten des medienbetriebs, auch von der frage nach intellektueller redlichkeit. apropos! zola hat figur und rolle des „intellektuellen“ zwar nicht erfunden, aber gerade mit seinem auftreten in der „dreyfus-affäre“ wesentlich geprägt. demnach darf man sich darunter jemanden vorstellen, der oder die ohne mandat einer etablierten institution in die öffentlichen diskurse eingreift. intellektuelle sind menschen, die sich aus eigenem antrieb öffentlich äußern und gehört werden. das geschieht meist aus anlässen, die kritik hervorriefen.

diese angelegenheit handelt also von jenen „deutungseliten“, welche ich im beitrag #13 erwähnt habe. es geht dabei um a) medienzugänge und b) definitionsmacht; natürlich unter der voraussetzung, daß jemand inhaltlich und rhetorisch gerüstet ist, in öffentliche diskurse einzugreifen. es zählen dabei aber nuancen. so werden beispielsweise die autorinnen und autoren von leserpost in tageszeitungen üblicherweise NICHT diesem feld zugerechtet. (in zeitungen würde man intellektuellen die möglichkeit zu einem kommentar anbieten.)

mich beschäftigt das gerade in folgendem kontext: eine republik, genauer, deren personal, muß sich öffentlicher kritik und öffentlichem diskurs stellen. das steht prinzipiell jeder bürgerin und jedem bürger offen. intellektuelle haben in der regel schon allein aus unserer unmittelbaren kulturellen tradition heraus mehr erfahrung mit dem formulieren und publizieren von kritik. sie haben normalerweise die entsprechenden medienzugänge.

der öffentliche raum ist bei uns – im gegensatz zu medien – eher nicht mit solchen traditionen belegt. „speakers corners“ wie in großbritannien kennen wir nicht. die straße ist bei uns meist der ort von protestbewegungen und demonstrationen, die freilich auch ihre rädelsführerinnen und -führer haben.

aber da es in dieser text-serie eigentlich um KUNST geht, auch um die frage, wo denn von wem verhandelt werde, was kunst sei, beziehungsweise was wir zur zeit etwa unter gegenwartskunst verstehen, möchte ich mich nun auf diesen aspekt konzentrieren.

österreichische folklore teilt kunstschaffende gerne in zwei lager: „es bellen die rebellen!“ oder „alles karajan!“

in manchen winkeln unserer gemeinschaften wird gerne angenommen, kunstschaffende seien vor allem kritisch, nonkonformistisch, ja sogar rebellenhaft. das sind nichtssagende klischees, populäre stereotypen, die sich kaum verifizieren lassen. der „poet und rebell“, dieses motiv ist mindestens in der zweiten republik österreichs praktisch nicht nachweisbar. außerdem wäre rebellisches verhalten a priori keine kategorie der kunst.

was also kunst sei und was die bevorzugten verhaltensweisen von menschen sind, wird zwar individuell so manchen kausalen zusammenhang haben, aber ich bin eher davon überzeugt, daß wir diese bereiche des sozialverhaltens nicht debattieren müssen, wenn wir klären möchten, was sich an kunst zeigt und wie uns kunst begegnet.

aktuelle vorgänge in der steiermark lassen mich annehmen, daß aktionistische projekte, die als protestmaßnahmen gegen vorherrschende politische zustände gedacht sind, als KUNST ausgegeben und gedeutet werden, um das rebellische verhalten … ja was nun? zu konstituieren? zu adeln? zu legitimieren? zu untersteichen?

ich kann nicht erkennen, daß solche aktionen gleich zu einem aktionismus würden, der in einem kunstdiskurs überhaupt erwähnung fände. ich weiß auch nicht, welche flausen aus dem spiel mit künstlerischen methoden KUNST generieren sollen, die neuerdings, so war kürzlich zu lesen, sogar angeblich etwas wie „protest-kunst“ sei. ich hab keine ahnung, was da geschieht, um diese vorstellung auch nur ansatzweise wahr werden zu lassen.

es übersteigt außerdem meine vorstellungskraft, mir die quelle solcher tendenzen auszumalen. warum kann staatsbürgerliche empörung nicht einfach sein, was sie ist, nämlich staatsbürgerliche empörung? warum will sich legitimes protestverhalten als künstlerischer akt ausgeben?

erfahrungsaustausch in st. lamprecht (auf der landesebene wird eine konzentration auf gegenwartskunst und ein zur politik kritisches vergalten kunstschaffender durchus erwünscht, auf kommunaler ebene nicht so sehr ...)

als wir kürzlich im obersteirischen stift st. lamprecht ein arbeitstreffen kulturschaffender aus der ganzen steiermark absolviert haben, führten diverse debatten u.a. zu einem moment, wo ein kollege fragend feststellte, ich sei wohl eher für eine „politische kunst“.

das bin ich nicht. es kann das nach meiner auffassung gar nicht geben. ich bin für eine „kunst-kunst“. aber ich bin sehr für politische kunstschaffende; und zwar genau in dem sinn, wie ich für politisch anwesende bürgerinnen und bürger bin.

das meint kunstschaffende, die in ihrer staatsbürgerlichen anwesenheit immer wieder verstehen, was in der zivilgesellschaft und in den politischen foren vorgeht, die in der lage sind, zu diesen vorgängen eine klare meinung zu haben, bei bedarf diese meinung auch zu äußern.

freilich profitiere ich in diesem wunsch und anspruch aus den erfahrungen, die ich in jahrzehnten künstlerischer praxis aus dieser befassung mit kunst bezogen habe. aber deshalb ist eben nicht meine künstlerische praxis politisch, sondern ich bin es, der künstler und staatsbürger.

[überblick]

was ist kunst? #13

ich denke, hier ist inzwischen schon deutlich geworden, daß die fragen nach der kunst keinen sinn ergeben, wenn jemand das thema mit einigen wenigen sätzen erledigt haben möchte. wer zu kurzen antworten auf komplexe fragen neigt, wird sich andere themen suchen müssen.

vielleicht waren wir alle über zu viele generationen hauptsächlich untertanen, um uns einem der zentralen themen des kunstgeschehens vergnügt zuzuwenden: definitionshoheit. wer darf sagen was es ist? wie lange darf die debatte dauern? wer redet dabei mit? was ist mit jenen, die nicht gehört werden?

eine kleine galerie in tirana (albanien) als bescheidenes beispiel für den teil eines organisierten und strukturierten „kulturellen gedächtnisses“

eine der kuriosesten fragen ergibt sich für mich von der regionalen gesellschaftlichen praxis her: warum drängen sich so auffallend viele leute um die flagge der kunst, wo das leben der kunstschaffenden in diesem land so unübersehbar von sozialer marginalisierung geprägt ist? hier mangelndes sozialprestige der kunstschaffenden, da zugang zu defintionsmacht, was für eine merkwürdige mischung!

ich habe im vorigen beitrag [link] boris groys und deine theorie einer kulturökonomie erwähnt. groys beschreibt ein geschehen, das sein wechselspiel zwischen „profanem raum“ und „kulturellen archiven“ entfaltet. gemäß dieser theorie lassen sich kunstGEGENSTÄNDE (nicht die kunst!) als etwas verstehen, was im profanen raum entsteht, durch aufkommendes interesse und bedeutungszuweisung „valorisiert“ wird, also eine WERTsteigerung erfährt, wodurch es geeignet ist, vom profanen raum in die archive der kultur zu wechseln, weil es als erhaltenswert betrachtet wird.

seit vielen jahrzehnten werden in der gegenwartskunst nicht nur artefakte, gegenstände, als kunstwerke verstanden, sondern auch prozesse sowie verschiedene mischformen. deren „ortswechsel“ aus trivialen positionen richtung kultureller archive ereignet sich also auch nicht von selbst oder selbstverständlich, so ungefähr nach der etwas naiven vorstellung: „das gute setzt sich von selbst durch“. das sind stets prozesse, in denen verhandelt wird. darum gibt es diesen westlichen kunstbetrieb auch nicht ohne theoretische diskurse, ohne kunsttheorie.

die "kulurellen archive" verlangen einen erheblichen einsatz an mitteln. im krieg ist ihre zerstörung durch gegnerische armeen obligat. hier der wiederaufbau eines kulturhauses im albanischen teil von mitrovica (kosovo), mit blick auf den serbischen teil

da stoßen wir also hart auf das oben erwähnte thema definitionshoheit. die theoretischen diskurse über kunst, kunstwerke und über deren wert werden nicht nur, aber hauptsächlich vom personal verschiedener „deutungseliten“ vorgenommen. kunstgeschichte, feuilleton und andere sparten der kunstkritik, politik… und vor allem die kunstschaffenden selbst als jene, die sagen was es ist; oder demonstrativ darüber schweigen.

die antworten auf diese frage „was ist kunst?“ hängen demnach von sehr vielen faktoren ab, vom lauf der zeit und vom stand der dinge, von den jeweiligen positionen der sprechenden, vom verhältnis zwischen marktwert und kulturwert einzelner kunstwerke etc.

die groys’sche theorie handelt unter anderem von der simplen tatsache, daß kunstwerke ihren anerkannten kulturwert auch wieder verlieren können, um in der folge aus den archiven der kultur richtung profanem raum abgeschoben zu werden. das wird nicht gerade der nike von samothrake widerfahren, auchdem feldhasen von dürer droht das kaum. (der verschwindet dafür von selbst, weil unter luft und tageslicht jene partikel aus dem papier verschwinden, welche dürer mit geübter hand aufgebracht hat, um, diesen feldhasen erstehen zu lassen.)

wir kennen aus dem alltag auch die „zwischensituation“. denken sie an die „sixtinische madonna“ von raffael. dieses bedeutende renaissance-gemälde zeigt am unteren bildrand zwei putti, deren popularität jener von pop-stars gleichkommt. deshalb wurde das duo millionenfach auf kitsch-produkte, nippes, heimtextilien, auf jeden nur denkbaren kram übertragen. selbst als wandschmuck kommen diese engelchen daher, als gerahmte flachware. das heißt, nicht etwa als reproduktion des vollständigen bilds raffaels, sondern bloß als kleiner ausschnitt, den geschäftsleute quasi aus dem gemälde rausgeschnitten haben.

das abwerten von "valorisierten kulturgütern": ich schneide mir ein stück aus einem meisterwerk heraus und schmeiß den rest weg

wenn sie kurz im beitrag #12 nachschauen, könnte ihnen auffallen, daß auf einem foto sergei romashko von den „kollektiven aktionen“ mit dem daumen der linken hand auf ein bild hinter seinem rücken zeigt. da hängt kurioserweise eine reproduktion der „madonna sistina“ OHNE die zwei populären putti.

die eine wie die andere version degradiert das werk raffaels zum dekorationsgegenstand. ein unbedeutenderes werk als dieses wäre dadurch wohl zur gänze „re-profanisiert“ und aus den archiven der kultur ausgeschieden worden. nun ahnen sie gewiß, welche knifflige balance kunstschaffende gelegentlich anstreben. sie müssen erreichen, daß ein werk „valorisiert“, also im wert über profane alltagsgegenstände erhoben wird.

es muß allerhand zustimmung erreicht werden, damit so ein werk schließlich in den archiven der kultur aufnahme findet. dabei sollte es aber nicht gar so leicht die zustimmung eines massenpublikums erleben, weil das zwar den marktwert einer arbeit steigern kann, aber ihren kulturwert gefährdet, durch… genau! profanisierung.

solche profanisierung fördert das risiko, letztlich aus den archiven der kultur abgeschrieben, abgeschoben, ausgeladen zu werden. und wer bestimmt nun über all das? viele! es sind laufende diskurse, es sind debatten an allen ecken und enden des kulturbetriebs, die das bewirken.

groys nennt das „hierarchiestiftende wertunterscheidung“. selbstverständlich steht jede hierarchie zur debatte und ist der kritik auszusetzen. aber am organisierten und strukturierten „kulturellen gedächtnis“ (stichwort „kanon“!) läßt sich nicht ohne weiteres rütteln.

das materialisierte kulturelle gedächtnis, wie wir es etwa in bibliotheken, museen und galerien sehen, ist allerdings leichter zu gefährden. geht einer nation das geld aus, werden grade solche einrichtungen vorzugsweise heruntergefahren, geschlossen. marschieren feindliche armeen ein, werden sie meist geplündert und angezündet.

[überblick]

was ist kunst? #12

gelegentlich steht mir jemand mit folgender haltung gegenüber: „ja, können sie mir jetzt sagen, was kunst ist oder nicht?“ es scheint manchmal menschen ein beruhigendes gefühl zu verschaffen, wenn sie keine kurze wie bündige antwort erhalten. („aha, er weiß es nicht!“)

bei unseren talking communties erlebte ich sogar die kuriosität, daß eine ausgewiesene kunsthistorikerin behauptete, man könne eigentlich nicht so genau sagen, was kunst sei. kurz und bündig läßt es sich freilich nicht klären. auf die art könnten sie nicht einmal klären, was zum beispiel eine zange sei. oder erklären sie mir einmal, was „sozialpartnerschaft“ ist; immerhin sind wir in der „zweiten republik“ entlang dieses politischen konzeptes aufgewachsen.

selbstverständlich können wir in der frage nach kunst sehr viel klären. das verlangt aber interesse und zeit. wer die welt in drei sätzen erläutert haben möchte, findet auf dem boulverad reichlich zuspruch. hier geht es aber etwas zeitraubender zu.

ich hab nun einige monate keine konzentration für dieses thema gefunden, der eintrag #11 stammt aus dem vergangenen februar. in jenem eintrag sieht man bilder von der eröffnung einer ausstellung des serbischen künstlers nikola dzafo.

dzafo arrangiert dzafo in der "schock-galerie", links flaniert schon mrdjan bajic (foto: art klinika)

in meinem privaten logbuch tauchte dzafo kürzlich auf: [link] er ist gerade dabei, mein set „nobody wants to be nobody“ in der „schock-galerie“ (novi sad) neu zu ordnen: [link] das hat übrigens seinen bezug auf eine unserer früheren stationen in gleisdorf, als wir nämlich 2007 das erste mal mit dem festival „steirischer herbst“ kooperiert haben: [link]

merken sie etwas? dieser text bündelt eine reihe von vorkommnissen, die in der zeit angeordnet sind und zu einander in beziehung stehen. es geht — aus gutem grund — damit noch ein stück weiter, das DOKUMENTIEREN spielt dabei eine wichtige rolle.

der erwähnte eintrag in meinem logbuch handelt unter anderem vom theoretiker boris groys. der ist heuer kurator des russichen beitrags zur biennale in venedig und entschied sich für die „kollektiven aktionen“: „Empty Zones: Andrei Monastyrski and the ‘Collective Actions’ Group (Nikita Alexeev, Elena Elagina, Georgy Kizevalter, Igor Makarevich, Andrei Monastyrski, Nikolai Panitkov, Sergei Romashko, Sabine Hänsgen)“ [link]

romashko und hänsgen waren (gemeinsam mit sergei letov) letzten herbst auf unserer strecke. mit „the track: virtuosen der täuschung“ [link] hatten wir eine der bedeutendsten konzeptkunst-formationen des 20. jahrhunderts in der oststeiermark.

von links: mirjana peitler-selakov, sergei romashko und sabine hänsgen im "gemälde-zimmer" des gleisdorfer "red baron"

für uns war es ein vergnügliches wie anregendes erlebnis, mit so erfahrenen leuten einige zeit zu verbingen. in der gegenwartskunst rußlands spielen ARCHIVE eine bedeutende rolle. außerdem waren die tage mit dieser crew höchst lehrreich; nie zuvor habe ich kunstschaffende erlebt, die es in ihrer arbeit mit jedem detail, bis hin zum einzelnen wort, so genau nehmen.

im gesamten werk der „kollektiven aktionen“ sind die aspekte des archivs und der dokumentation sehr wesentliche bestandteile dessen, wie sich diese konzeptkunst-formation über viele jahrzehnte manifestiert hat.

ich habe nun schon boris groys erwähnt, dessen theorie einer „kulturökonomie“ von den komplementär angeordneten zuständen des „profanen raumes“ und der „kulturellen archive“ handelt.

groys geht davon aus, daß kulturen grundsätzlich hierarchisch aufgebaut sind, genauer: „werthierarchisch“. wir bestimmen permanent, was es wert sei erhalten zu werden und was uns insoferne als banal umgibt, daß wir es zwar haben, benutzen etc., dem aber keine besondere bedeutung beimessen, die uns diese dinge als erhaltenswert erscheinen ließe.

kunst ereignet sich unter anderem genau dort, wo wir dingen eine bedeutung zuschreiben, die sie aus dem „profanen raum“ in die „archive der kultur“ verschiebt. groys‘ theorie finde ich deshalb so anziehend, weil sie überdies das dynamische solcher prozesse betont.

schafft es ein werk zu einem publikum und in die archive? bleibt es es fremden blicken verborgen? ist kunst an veröffentlichung gebunden? (franz sattler und emil gruber bei unserer station in albersdorf.)

was einmal mit der ausstattung zum erinnern geweiht wurde, also in bibliotheken, museen oder anderen archiv-varianten verwahrt wird, kann nämlich auch wieder profanisiert werden, also aus den archiven der kultur in den profanen raum zurückfallen.

umgekehrt kann zum beispiel triviale massenware im lauf der zeit qualitäten zugeschrieben bekommen, die sie in die archive wuchtet, also mit ganz neuer bedeutung auflädt.

ich habe eingangs vor allem einmal begonnen, ein wenig geschichtchen zu erzählen. die „kollektiven aktionen“ aus moskau, nikola dzafo aus petrovaradin, der „steirische herbst“ in der oststeiermark, die prozesse und momente, wie sie hier auch in unseren online-dokumentationen auftauchen. ideen, themen, prozesse, artefakte und dokumentationen. unsere künstlerische praxis ist auf eine sehr kompexe ereignis-kette angewiesen. ist es nur kunst, wenn all das auch „kanonisiert“ und in die geschichtsschreibung eingetragen wird?

[überblick]

was ist kunst? #11

das kommt kaum vor: „es gefällt mir, aber ich verstehe nichts von kunst.“ das kommt häufig vor: „es gefällt mir NICHT, aber ich verstehe nichts von kunst.“ so oder so, jeder der sätze birgt einen wesentlichen hinweis.

wir haben es gewöhnlich mit zwei möglichen zugängen zu tun, die auch mischformen erlauben. ich erfahre kunstwerke
a) über das reich der sinnlichkeit („es gefällt mir/gefällt mir nicht“) und
b) über die regeln der kunst („ich verstehe etwas/nichts von kunst“).

sinnliche wahrnehmung wurde im antiken griechenland „aisthesis“ genannt, also ästhetik. das ist wohl die „hauptabteilung“ der „geschmacksbildung“. freilich wird seit wenigstens zweitausendfünfhundert jahren gestritten, was denn nun „guter“ und was „schlechter“ geschmack sei, ob der „erlesene geschmack“ von „kennern“ oder der breite „massengeschmack“ mehr gewicht habe.

kitsch oder kunst? (nikola macura mit transparenter hasen-maske bei nikola dzafos vernissage zu "lepus in fabula")

sie ahnen sicher, dieses match ist seit jahrtausenden unentschieden. ich seh die frage so gelöst, daß es keine lösung gibt und daß vermutlich auch weiterhin einzelne leute, denen das gefällt, was sich als „den massen geläufig“ bewährt, mit inbrunst die „expertinnen und experten“ verachten werden, während personen, die sich „erlesenen geschmack“ angeeignet haben, dem „massengeschmack“ oft eher abschätzig gegenüberstehen.

ich mußte hier eine menge an- und abführungszeichen verwenden, weil da lauter begriffe stehen, deren inhalt und deutung keineswegs klar und unbestritten ist. ich möchte das positiv bewertet wissen. wir betreten in diesen fragen die wunderbaren welten des kontrastes, der uneindeutigkeiten und der widersprüche.

es ist eine phantastische fähigkeit der menschen, mit widersprüchen und zwischentönen leben zu können, das dann auch gelegentlich zu genießen. ganz offensichtlich wohnt die „wahrheit“ nicht dort, wo man alle widersprüche eliminiert. anscheinend ist eine art „wahrhaftigkeit“ genau in dieser oft verwirrenden pluralität zu finden.

die kunst ist nicht das einzige thema unserer spezies, bei dem solche zustände als vorzüge gewertet werden können. doch sie ist sicher eines der radikalsten beziehungs- und bedeutungsgeflechte, in dem OHNE solche fähigkeiten, derlei kontrasten etwas abzugewinnen, eigentlich fast gar nichts geht. (naja, „malen nach zahlen“ geht immer, aber das wär’s dann schon …)

ohne kontext geht's oft schwer ... (nikola dzafos "hasen-horde" im "museum für zeitgenössische kunst", novi sad)

als kleiner querverweis: in den kulinarischen welten kennen wir das ja auch; wie kühn man in einem bestimmten moment sein muß, um sich eine neue geschmackswelt zu erschließen. und daß es manchmal zeit plus praktische erfahrungen braucht, um geschmacksmischungen lieben zu lernen, deren schilderung einen vielleicht anfangs eher abgeschreckt hätte. (wie viele jahre mußten vergehen, daß ich jenen weißburgunder schätzen konnte, ohne den ich heute auf die welt des weines gut verzichten könnte?)

zurück zum eigentlich kern der geschichte, nämlich zur frage nach den erfahrungsprozessen, denen sich jemand aussetzen möchte; oder auch nicht. es ist müßig, sich über „massengeschmack“ zu alterieren, zumal „die masse“ ohnehin mehr ein denkmodell als eine klar faßbare kategorie ist. aber auch, weil eben diese masse sich ja erfahrungsgemäß recht wenig darum schert, was eine minorität über sie denkt. (außerdem finde ich in der „massenkultur“ eine ganze reihe sehr reizvoller momente und artefakte.)

ganz anders erscheint es mir mit der verächtlichkeit, zu der sich flaneure vom „massen-feld“ und vom boulevard her immer wieder lauthals aufraffen, wenn ihnen danach ist, einzelne liebhaber, erxpertinnen, suchende auf dem kunstfeld zu diffamieren. da habe ich selbst eine niedere reizschwelle und bin recht streitlustig. grade die kunst scheint schnösel und parvenüs anzuziehen, um sich daran abzuarbeiten.

die tollsten schätzchen sind darunter jene, deren ganzer status merklich boulevard-format hat, die sich — mit diesen dünnen hemdchen ausgestattet — auf das kunstfeld drängen und dort kunstversessene, wo es zu friktionen kommt, desavouieren, als „elitär“ anfeinden und dabei anti-intellektuelle attitüden durchspielen, daß sich die balken biegen.

in diesen dümmlichen tänzchen liegt wenigstens etwas interessantes, nämlich ein verkappter hinweis darauf, daß selbst der schnösel in der kunst etwas von belang vermutet, denn warum sollte er sich sonst bemühen, auf diesem terrain zu reüssieren. und das könnte uns sogar verbinden. vielleicht liegt darin einer der reizvollsten kontraste auf den nebenschauplätzen der kunst. vielleicht ist ja genau dort letztlich auch neuer boden für die kunst zu gewinnen. wer weiß?

[überblick]

p.s.:
wie lange wird all das schon kontroversiell debattiert? im 16. jahrhundert schuf giorgio varasi ein text-oeuvre, das ihm den ruf des ersten kunsthistorikers unserer geschichte einbrachte. als hofmaler und architekt war er (unter anderem) im gleichen metier versiert wie der architekt vitruvius, dessen schriftlich überlieferte architektur-theorie aus dem ersten vorchristlichen jahrhundert heute sicher auch als ein stück kunst-theorie gelten darf. kritische erörterungen verschiedener fragen der kunst finden sich freilich schon in der griechischen antike.

in der soziokulturellen kuschelecke?

im beitrag was ist kunst? #10 habe ich einige einwände erwähnt, die ich gegenüber dem kunstbetrieb laufend höre. es wimmelt da inzwischen von leuten, die zwar an kunst auffallend wenig interesse zeigen, die auf dem kunstfeld aber offenbar ein „soziokulturelles kuscheleck“ suchen und, wie ich annehmen darf, einen gewinn an sozialprestige.

in der polemik über arsch und titten zur schnattergesellschaft bin ich einigen möglichen gründen dafür nachgegangen und habe sie in den kontrast zu den optionen jener leute gestellt, die etwas wie ein reges geistiges leben gegenüber dem inzwischen gut eingeführten „tittytainment“ bevorzugen. der begriff „tittytainment“ bezieht sich übrigens NICHT auf die bevorzugten nacktheiten, die berlusconi seiner gefolgschaft vor die nase hängt. ich hab ihn — falls ich mich recht erinnere — aus einem buch des medienkritikers neil postman. der meinte damit ungefähr, daß wir dazu neigen, an den brüsten der unterhaltungsindustrie zu hängen wie ein säugling an der mutterbrust, höchst zufriden, so lange uns da niemand wegstößt.

es kann kein zufall sein, daß mir kürzlich, auf dem weg zu unserem heurigen „april-festival“, ein mann, der sich gerade einmal zu netten bastelarbeiten aufrafft, in einem streitgespräch mit der „freiheit der kunst“ kam. worauf bezog sich das? er fand es ärgerlich, daß wir mit einer themenstellung und titelwahl beim april-festival eben diese von ihm vermutete freiheit einschränken würden.

ich möchte für möglich halten, daß im steigenden druck einer maßlos gewordenen „leistungsgesellschaft“ menschen vor eben diesem druck ausweichen. einige davon versprechen sich anscheinend im kunst-kontext diese erleichterung. wie wäre sonst zu erklären, daß etwa eine frau, die sich in sozialen fragen engagiert und dabei auch auf die straße geht, um da über originelle formen von aktionismus akute fragen zu thematisieren, daß diese frau von sich sagt „ich bin aktionskünstlerin“?

ich habe keine gründe, diese kuriosen überlappungen anzufechten. vielleicht ist das ja auch langfristig ein gewinn für die gegenwartskunst, weil all diese attitüden und aktivismen ja zu erfahrungen mit symbolischen formen führen. das ebnet wege im zugang zur kunst. aber wo ich um konkrete präsentationsformen für künstlerische arbeiten ringe, wo ich den austausch mit kunstschaffenden aus anderen ländern, anderen kulturellen bezugsfeldern suche, ist ein ausmaß an arbeit und geld nötig, wovon mir beides nicht vom himmel fällt. siehe dazu etwa jenseits der zentren“!

dieses geld läßt sich auf keinem markt erwirtschaften, es muß als eine gesellschaftlche investition in kultur und geistiges klima akquiriert werden. das bedeutet, es muß KULTURPOLITISCH verhandelt werden. und in eben dieser kulturpolitischen verhandlung, die ich mit politik und verwaltung zu führen habe, muß ich a) meine gründe sehr genau nennen können und b) meine gegenüber in den verhandlungen auch überzeugen können. ohne diese möglichkeiten lassen sich gerade jetzt keine budgets mehr gewinnen, um etwa reisekosten und honorare für anregende gäste aufzubringen.

ohne das gelingen dieser verhandlungen würden wir im eigenen schrebergarten verbleiben müssen. viele kulturelle bereiche würden einfach implodieren, in sich zusammensacken, verschwinden. um all dem gegenüber klare positionen zu halten und für ein etwas anspruchsvolleres kulturelles klima eintreten zu können, muß ich sagen könne, was ich eigentlich meine, wenn ich KUNST erwähne.

(die fotos in diesem beitrag stammenn aus der ausstellung lepus in fabula von nikola dzafo im „musuem für zeitgenössische kunst“ in novi sad.)

— [was ist kunst?] —

was ist kunst? #10

einwände, einwände, einwände. ich höre meist einwände, in den geringeren fällen wohlmeinende oder gar geistreiche äußerungen zur kunst, die mir vielleicht von leidenschaft, eventuell von freude und unter umständen von etwas sachkenntnis erzählen. ich kann nur staunen, wie viel abschätziges ich quer durch’s jahr über „die kunst“ oder einzelne werke höre.

ich mache es mir selbst etwas einfacher. von dingen, die mich langweilen, wende ich mich sehr schnell ab. ich brauche auch nicht unerhebliche darbietungen anderer zu bemerken, um den wert meines eigenen tuns zu betonen. letztlich ist aber die kunst so voller unermeßlicher angebote, voller bewegender, vorzüglicher werke, daß ich kaum zeit und anlaß finde, mich mit schlechten arbeiten zu befassen.

andrerseits belegt die offensichtliche flut teils sehr schwacher arbeiten, daß bei uns eigentlich sehr viele menschen sich mit solchen techniken und künstlerischen strategien aktiv befassen. wer wollte ihnen vorwerfen, falls sie es dabei nicht zur meisterschaft bringen? DASS sie sich mehr oder weniger intensiv mit derlei dingen befassen, ist sicher ein gewinn für sie selbst und wahrscheinlch auch ein gewinn für die gemeinschaft, der sie angehören.

maler hannes schwarz bei der revision früher arbeiten

zurück zu den alltagsdiskursen über kunst, welche so auffallend oft eher abschätzig ausfallen. das übliche gezänk halte ich für ermüdend. wo mich jemand erkennen läßt, daß er oder sie eigentlich keinerlei nachvollziehbares interesse am thema kunst hat, was sich meist durch das fehlen wenigstens EINIGER grundlegender kenntnisse zur sache ausdrückt, will ich mir dessen ansichten über kunst gar nicht anhören. wozu? diese suderei, deren intentionen völlig im dunkel bleiben, läßt mich ratlos zurück.

aber das läßt sich auf jedes metier und jedes genre umlegen. chirurgie? autoreparatur? gärtnerei? kindererziehung? wenn alles nur mist sei und alle nur stümper wären, wenn es früher oder nie besser gewesen sei, wenn nichts von dem, was man zu sehen oder zu hören bekommt, etwas taugt, dann meine ich: man könnte auch einen strick nehmen oder sich in der verachtung der welt bequem einrichten und warten, bis einem die ohren abfallen, die augen erblinden … dann ist es eben so und das entzieht sich jeder fruchtbaren debatte.

im beitrag #3 zu dieser kleinen plauderei findet man eine fotografie, die mir teuer ist. sie zeigt den moment eines alten künstlers, da er sich selbst gerade radikal in frage gestellt hat. er ließ mich in diesem intimen moment so nahe an sich heran, daß dieses bild entstehen konnte.

ich habe die aufnahme gemacht, als ich mit dem maler hannes schwarz zum stift admont gefahren war. dieser mann von erheblichem künstlerischen rang, seit jahren unfähig zu malen, weil ihn eine schüttellähmung schwer beeinträchtigt, hatte sich die reise gewünscht, denn in admont besteht eine sammlung von früheren schwarz-werken, die er jahrzehnte nicht mehr gesehen hatte.

hannes sagte, er würde gerne überprüfen, ob diese werke seiner heutigen auffassung von kunst und den daraus resultierenden kriterien standhalten würden. ein insofern riskantes unterfangen, als er ja, falls er große teile seines oeuvres verwerfen müßte, nicht mehr in der lage wäre, neue arbeiten zu schaffen, die diesen verlust ausgleichen würden. warum ich diese geschichte erzähle?

hannes und friedl schwarz im stift admont

ich möchte eine vorstellung anbieten, welche dimensionen die befassung mit kunst haben kann. hannes und seine frau friedl haben ein ganzes leben lang stets nach weiteren ästhetischen erfahrungen gesucht, waren immer auf der suche nach eindrücken, die bestehendes in einen kontrast zu einander setzen.

es paßt zu dieser geschichte, daß friedl voriges jahr während eines ruhigen ausstellungsbesuches in kärnten verstarb. ja, sie hatten gerade erst begonnen, gemeinsam mit dem kunstsammler erich wolf eine kollektion anzusehen. erich hat mir die geschichte erzählt. friedl lag schließlich tot in dem etwas abgeschiedenen museum. es war auf den transport des leichnams zu warten und die leitung des hauses hatte eine angekommene besuchergruppe gebeten, auf einen rundgang zu verzichten, bis friedls leib geholt würde. also waren die zwei, hannes und erich, in der stille zwischen den werken …

hannes, von dem man annehmen darf, daß er in diser situation mehr als nur betroffen war, die beiden hatten jung geheiratet und ein langes leben mit einander verbracht, schlug erich vor, in der verbleibenden zeit durch die ausstellung zu gehen. so teilte er mit seiner frau über deren tod hinaus noch einige momente dieses gemeinsamen erlebens von kunstwerken, das alle ihre gemeinsamen jahrzehnte bestimmt hatte.

ich erzähle das nicht aus ergriffenheit, sondern weil es nach meinem geschmack illustriert, was uns die kunst sein kann. es ist diese art von verbindlichkeit und intensität, die ein level markiert, auf dem ich mich mit jemandem über kunst ausseinandersetzen mag. ein level, auf dem die leidenschaft für die erfahrung von kunst tonangebend ist, für ihre relevanten werke, nicht für ihre schwachen momente …

[überblick]