In der Kunst bin ich ein antiquiertes Wesen. Ich hab keinerlei Vorstellung, was eine allfällige Avantgarde heute tut, wie ich auch meiner Zeit nicht voraus bin, sondern auf beunruhigende Weise mittendrin.
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Kunstsymposion 2015: Kontext
Wir haben die letzten Jahre genutzt, jeweils im Herbst Positionen der Gegenwartskunst zu zeigen und die Grundlagen wie die Bedingungen der Kunstpraxis zu debattieren. Dieser Prozeß läuft weiter.
Denunzierung der Kunst
Die Themenstellung des Abends lautete: „Was darf Kunst?“ Da diese Frage ohnehin Mumpitz ist, kam sie wesentlich auch gar nicht erst zur Sprache. Statt dessen führte die Einleitung zu Pablo Picasso, von dem ein Zitat aus ungenannter Quelle deutlich machen sollte, daß er eigentlich jene verachtete, die für seine Werke sehr viel Geld ausgaben.
was ist kunst? #21
Falls wir über Kunst zu reden haben… Das Insert wies ihn als Lagerarbeiter aus. Er saß mit verschränkten Armen da. In einem Wettbüro hätte ich gestern reich werden können. Die Wette hätte gelautet: Er redet über Aktionskünstler Nitsch. Er redet von der Unerträglichkeit dessen Werkes und von den Steuergeldern, die dafür angeblich ausgegeben werden.
Genau so kam es. Ich hab nicht wetten können. Der Reichtum bleibt mir verschlossen.

basis-kunst: Schlußfolgerungen… folgen
Das Symposion [link] ist eine kräftige Markierung im Raum und auf dem Zeitpfeil unserer Vorhaben. Gerade in einer Phase, welche in der gesamten Steiermark mehr als krisenhaft erlebt wird, was gewöhnlich den Bereichen Kunst und Kultur größte Einbrüche beschert, gehen wir nach einem längeren Prozeß der Vorarbeit an die Öffentlichkeit und sagen klar, daß wir der Gegenwartskunst hier, in der Provinz, ganz neue Bedingungen schaffen wollen.
Umbruch: Die Kunst
Der Umbruch, von dem ich hier schon eine Weile schreibe, bedarf auch einiger Klärungsschritte in den Fragen wie sich in der Region Kunstschaffende zu anderen Instanzen dieser Gesellschaft verhalten mögen und was das für die Praxis abseits des Landeszentrums bedeutet.
was ist kunst? #20
ich habe im vorigen beitrag behauptet, es würde in meiner näheren umgebung gerade auffallend „beuyseln“. darum noch einige sätze zu diesem thema. das westliche kunstgeschehen hat von marcel duchamp, andy warhol, john cage und joseph beuys im 20. jahrhundert außergewöhnlich starke impulse bezogen.
duchamp hat praktische alle damals bekannten regeln des kunstbetriebes aufgemischt, verworfen. spätestens ab da ist eine irritierende parallelität verschiedener stile und konzepte etwas ganz selbstverständliches. bei beuys angekommen scheint dann auch klar zu sein, daß es im leben kunstschaffender nicht nur um die eigene person und das eigene werk gehen kann.
beuys nutzt, wie andere kunstschaffende auch, seine kompetenzen für eine betrachtung, analyse und kritik bestehender gesellschaftssyseme, poltischer verhältnisse und wirtschaftsformen. er geht dann aber sehr viel weiter und setzt eben diese kompetenzen ein, um — gemeinsam mit anderen — neue ökonomische und gesellschaftliche modi zu entwickeln, die auf dem anspruch begründet sind, sich in der praxis zu bewähren. in diesem zusammenhang besteht die vorstellung eines „erweiterten kunstbegriffs“, der also offensichtlich kein ästhetisches konzept ist, sondern ein politisches.

wenn joseph beuys proklamiert hat, jeder mensch sei ein künstler, hat er von PORTENZIALEN gesprochen. schöpferische gaben und die möglichkeit des gestaltens von lebenssituationen, von gesellschaftlichen verhältnissen. er sagte dabei ausdrücklich, es gehe nicht darum, daß jeder mensch ein bildhauer, maler oder sänger werde, sondern IN SEINEM FELD schöpferisch und gestaltend tätig werde.
beuys hat seinen erweiterten kunstbegriff auf eine gesamtgesellschaftliche situation und ihre institutionen gemünzt. die soziale skulptur oder plastik, er verwendete beide begriffe, sei eine „neue kunstdisziplin“. was er da entwickelt hat, war AUCH eine kritik am „reduzierten modernen kunstbetrieb“, den er seiner erfahrung nach ähnlich einschränkend empfand wie den wissenschaftsbetrieb.
ich halte es aus solchen gründen für problematisch, wenn schlampig gelesener beuys als konzeptuelle basis für schlampige künstlerische praxis herhalten muß, wenn also künstlerische klitterung, die keiner ausführlicheren debatte standhalten würde, mit beuys’schen kategorien gerechtfertigt würde.
gerade wo beuys seinen „erweiterten kunstbegriff“ erläutert hat, betonte er oftmals, daß es schwierig sei, weil das von einem grundlegenden umdenken und von einem umdeuten vieler begriffe handle. er sagte ausdrücklich, es sei überhaupt nicht möglich, diese dinge bei erstem hören oder erstem lesen zu verstehen. dazu forderte er, man müsse die von ihm und seinen leuten eingeführten begriffe ernst nehmen und ihren gebrauch „üben“, was einlassung und längerfristige befassung verlangt.
beuys deutete seinen erweiterten kunstbegriff anthropologisch, also jeden menschen betreffend. das bezog er, wie erwähnt, auf potenziale, auf menschliche möglichkeiten. daraus leitete er nicht ab, daß die nutzung dieser potenziale zu einer künstlerexistenz, zu einer künstlerischen profession führen müsse. wenn er beispielsweise hervorhob, sein erweiterter kunstbegriff sei identisch mit einem erweiterten ökonomiebegriff, wird deutlich, daß er hier keineswegs ein bestimmtes künstlerisches genre meinte, sondern eine gesamtgesellschaftliche situation.
die kritik, um die es ihm offenbar ging, kennen wir ähnlich, seit kant seinen aufsatz zur frage was „aufklärung“ sei publiziert hat. dort hieß es, aufklärung ist der ausgang aus selbstverschuldeter unmündigkeit. diese unmündigkeit definierte kant so, daß jemand nicht bereit sei, sich seines verstandes ohne anleitung anderer zu bedienen.
beuys verstand das denken als „quellpunkt aller kreativität“. nach seiner überzeugung haben herrschende systeme, wie sie gerade existieren, das selbstständige denken der menschen systematisch verschüttet. medienpraxis, unterhaltungsgeschäft, informationspolitik, all das würde belegen, daß es herrschaftssysteme am liebsten mit schafen zu tun hätten.

wenn ich mich also mit jemandem über das thema „erweiterter kunstbegriff“ und „soziale plastik“ unterhalte, führe ich volkommen andere gespräche, als wenn ich mich mit einer kollegin, einem kollegen über meine oder ihre künstlerische praxis unterhalte.
aber! ich habe kein näheres einvernehmen mit kolleginnen und kollegen, die sich NUR für ihre künstlerische praxis interessieren und dabei die befassung mit dem größeren ganzen, mit den gesamtgesellschaftlichen zusammenhängen, ausschlagen. solche leute interesseiren mich nicht. sie müßten schon zu einem bemerkenswerten werk fähig sein, damit mich ihre arbeit fesseln könnte. doch sie selbst langweilen mich, wie mich bohemiens langweilen und noch mehr bohemiens, die sich für rebellen halten.
solche spaßvögel geistern ja in unserem metier immer noch häufig herum. stößt man auf ein geistreiches exemplar, ist etwas kurzweil gesichert. doch diese großspurigen bajazzos im kleinformat, denen man schon allein aufgrund ihres outfits anmerken möchte: „hier kömmt ein künstler!“, schaffen meist nicht einmal drei gerade sätze zum thema kunst.
wir haben aber über kunst zu reden, über ihre aufgabenstellungen, strategien, auch darüber, was heute das geistige bestehen von kunstschaffenden in dieser gesellschaft bedingt und welche rahmenbedingungen das kunstschaffen verlangt, darüber hinaus: welche positionen wir gegenüber den eingeführten institutionen einzunehmen gedenken und welche felder wir besetzen möchten, sie als das terrain unserer praxis und existenz beanspruchen müssen.
was ist kunst? #19
in meinem milieu „beuyselt“ es gerade wieder heftig. damit meine ich, es ist ein vermehrtes aufkommen von berufungen auf joseph beuys festzustellen. dieses phänomen hat so eine konjunkturen. in den meisten fällen der berufungen ist es angewandte schlamperei.
wir haben bei „kunst ost“ nun schon einige zeit eine kooperationssituation mit kunstsammler erich wolf. der verdreht schnell die augen, wenn man ihm mit diesen schlampigen beuys-auslegungen kommt. wir teilen das anliegen, der gegenwartskunst mehr augenmerk und terrain zu sichern. dabei ist es sehr abträglich, wenn halbgare vorstellungen kolportiert werden, die vor allem zweierlei fördern. sie bedienen den bebend vorgetragenen appell von unsichern leute, doch bitte auch dem metier der kunstschaffenden zugerechnet zu werden. und sie ermutigen die verächtlichen, sich hinter diesem ignoranz-posten einzugraben: „das kann eh jeder!“
ich hab kürzlich in meinem logbuch eva blimlinger, die neue rektorin der akademie der bildenden künste, zitiert: „Mich nervt, dass manche glauben, wenn sie drei Versatzstücke haben, können sie alles. Das lässt sich generell auf die Kunst übertragen: Bestimmte Dinge muss man lernen, als Künstler.“ [link] was spricht bloß gegen solches lernen, gegen das vertiefen in stoffe und das klären von kontext?

wenn es „beuyselt“, geht es meist dabei um den „erweiterten kunstbegriff“ im zusammenhang mit der beschreibung einer „sozialen plastik“ und um eine unterstellung, wonach beuys gesagt haben soll, jeder mensch sei ein künstler; so im sinne von kunstschaffend gleich franz sattler als fotograf, herta tinchon als malerin oder jörg vogeltanz als graphic novelist, so wie ich als autor.
es wäre natürlich völliger unfug, derlei anzunehmen. es wäre mumpitz, jahrzehnte der künstlerischen praxis für unerheblich zu halten und gelegentlich spontanes hineinschnuppern als gleiche kategorie zu deuten. dabei interessiert mich keine idee von erhabenheit oder exzellenz. es geht mir bloß darum, daß ein apfel keine birne ist und daß jede kommunikation in’s leere leäuft, wenn wir uns nicht gelegentlich rückversichern, was denn nun womit gemeint sei.
ich bin keineswegs eine autorität in der beuys-exegese, aber das getraue ich mich herzusagen: so hat es beuys keinesfalls gemeint, daß alle menschen künstler seien, sondern bloß, und das ist ja brisant genug, daß sie welche sein könnten. in einem der überlieferten gespräche (beuys, kounellis, kiefer und cucchi) heißt es etwa: „Wenn Du ein waches Auge hast für das Menschliche, kannst Du sehen, daß jeder Mensch ein Künstler ist“, was ja ganz offenbar ein nachdenken über die conditio humana ausdrückt, also auch über menschliche POTENZIALE.

hier geht also generell um möglichkeiten der menschen und um quellen, aus denen zu schöpfen ist, auch um die frage, was denn die kunst und was künstlerische praxis sei. das rechtfertigt keinen umkehrschluß im sinne von: „alle menschen sind künstler“.
kürzlich habe ich eine veranstaltung erlebt, da wurden vor dem publikum einige leute zusammengesetzt, um ein thema zu diskutieren. dieses setup wurde zur „sozialen plastik“ erklärt und die moderatorin betonte mehrmals, daß sie, um diese aufgabenstellung zu verstärken, die gemeinten personen wie eine „reihe von perlen“ beinander halten würde.
es machte deutlich, hier wurde beuys recht schlampig so gedeutet, daß etwas herzustellen sei, was dann als „soziale plastik“ gelten dürfe, nämlich jenes grüppchen vor em publikum und die kommende debatte. ich kenne keinen hinweis, der uns nahelegt, das herstellen von etwas bestimmten könne eine „soziale plastik“ ergeben. es ist doch eher so, daß „soziale plastik“ etwas sehr viel größeres und grundlegenderes meint, etwas gesamtgesellschaftliches. in diesem sinn kann ich als künstler zwar beiträge zur „sozialen plastik“ erbringen, aber nicht ihr autor, ihr urheber sein.
ich denke, es ging beuys dabei um einen gesamten sozialen „organismus“, der (mit-) zu gestalten sei. es ist natürlich auch „gebeuyselt“, wenn ich behaupte, daß jede handlung politische relevanz habe. es weist allerhand darauf hin, daß es angemessen sein mag, in küntlerischer praxis da und dort im sinne beuys’ zu handeln, doch sich explizit auf ihn zu berufen halte ich für eitlen unsinn und eine überflüssige übung.
da mein werk und mein tun ohnehin auf den vorleistungen anderer beruhen, ist die referenz fast unausweichlich. im 20. jahrhundert haben etwa duchamp, warhol und beuys derart enormen einfluß auf die welt der (westlichen) kunst gehabt, daß mir scheint: man müßte ihren konsequenzen schon ziemlich bewußt und angestrengt ausweichen, um NICHT da und dort zu ihnen in tradition zu stehen.
das beliebte und geschwätzige „beuyseln“ hat was von den logos der sponsoren auf rennfahrzeugen, wie es dann die stutzer im alltag imitieren, wenn sie ihre golfs und audis mit markenzeichen dekorieren, um anzudeuten, daß sie schnelle und professionelle fahrer seien. nun erkennt man den schnellen und professionellen fahrer hauptsächlich an seinem fahrstil, da bedarf es keiner inszenierung. die logo-wirtschaft ist entbehrlich.
das ist dann auch in der kunst so. sie merken es gelegentlich an den einladungstexten zu vernissagen, wo sich leute hinreißen lassen, jeden gehabten sommerkurs aufzulisten, jede unerhebliche ausstellung in der letzen bankfiliale der hintersten provinz. legitimations-schinderei.
die komplexität von beuys’ werk hat eine dimension, die mich eher scheuen ließe, mich darauf öffentlich zu berufen. man muß ganz schön hoch springen können, um sich aus solchem schatten herauszubewegen. das übliche gehüpfe bringt einen da nicht voran.
p.s.:
da ich diese fotos in meinem beitrag verwendet hab: ich erinnere mich an einige sessions mit robert adrian x: [link]
hat er dabei beuys je explizit erwähnt? von sich auch nicht. bob hat allerdings ausgedrückt, daß ihm beuys und dessen auffassung von den zusammenhängen der kunst und der politik wichtig seien.
zum beispiel durch das tragen der kappe mit der aufgestickten ju 87, jenem „stuka“, in dem beuys 1944 während eines schneesturms auf der krim abgestürzt war. bob’s werk ist von beuys’ arbeit sicher markant beeinflußt. kein grund, das vor sich herzutrompeten… robert adrian x: [intelligent machines] [Zero – the art of being everywhere] [Deja Vu]
was ist kunst? #18
in zeiten knapper budgets steigt die tendenz, kulturbudgets anzufechten. das hat viele wurzeln. zentrale ressentiments gegenüber diesen genres liegen vermutlich in vorstellungen, wie daß „kultur“ eine freizeitangelegenheit sei und gegenwartskunst sowieso etwas elitäres, das als vergnügen von minoritäten aus dem breiteren gesellschaftlichen geschehen ruhig verschwinden könne.
in solchen attitüden antwortet der vormalige untertan früherer herrschaft. hundert generationen als dienstboten, als mägde und knechte, haben in vielen von uns noch ihre gegenwart. wäre die befassung mit kunst ein dekadentes vergnügen, gleich dem übermäßgen verzehr von süßigkeiten, könnte ich diese pose der aufsässigkeit nachvollziehen.

sehr kurios, daß die nachfahren von mägden und knechten nicht gerade häufig auf den gedanken kommen, fürsten und bischöfe hätten nur zu gut gewußt, warum sie sich diesen bereich, die befassung mit kunst, selbst vorbehalten, während sie den pöbel lieber sehen, wie er sich auf den feldern krummschindet.
denn da ging es all die jahrhunderte im kern um „herrschaftswissen“, auch darum, herr der zeichen zu sein. wer über ein feines reflexionsvermögen verfügt, wer kommunikation beherrscht und herr der zeichen ist, wer also auf symbolischer ebene zu dominieren versteht, hat enorme politische möglichkeiten zur verfügung. ich skizziere hier demnach eine grundausstattung der werkzeugkastens der macht.
jeder polizeistaat, der auf kontrolle der menschen durch physische gewalt setzt, kommt früher oder später an unüberwindliche grenzen seiner tyrannis. gerade der „arabische frühling“ erinnert uns zur zeit daran, daß die tyrannis an einen punkt gelangen kann, wo bügererinnen und bürger mit bloßen händen selbst gegenüber bewaffneten einheiten nicht mehr zurückschrecken.
macht hat also noch ein anderes arsenal als bloß waffenkammern. wie erwähnt, kommunikation, die beherrschung von zeichen und symbolen, damit also die fähigkeit, auf symbolischer ebene den lauf der dinge zu gestalten, reflexionsvermögen, in folge all dessen auch: ausdruckskraft.

mit einigen veränderten vorzeichen, wenn es nicht um fragen der machtausübung gehen soll, kann der vorige satz auch auf das thema KUNST angewandt werden. und jetzt dämmert vielleicht manchen, warum es uns so schwer fällt, der gegenwartskunst in der breiten bevölkerung mehr gewicht zu verschaffen und die befassung mit kunst aus dem geruch des dekadenten eliten-vergnügens herauszubringen.
es gibt nur wenige felder menschlichen tuns, wo wir – einerlei, ob als schaffende oder rezipierende – uns so fundamental mit der summe der genannten möglichkeit beschäftigen können; und zwar höchst konzentriert, ohne diese beschäftigung dabei ANDEREN zwecken zu unterwerfen.
zusammengefaßt:
die beschäftigung mit kunst, einerlei, ob als schaffende oder rezipierende, ist unter anderem das üben von kommunikation, das erlernen der beherrschung von zeichen und symbolen, damit also das erlangen der fähigkeit, auf symbolischer ebene den lauf der dinge zu gestalten, das reflexionsvermögen zu stärken, in folge all dessen auch seine eigene ausdruckskraft zu verfeinern, zu verstärken.
wenn sie es einmal unter diesem aspekt betrachten, darf ich die frage empfehlen: und wer will, daß ein ganzes volk sich in diesen möglichkeiten übt?
ein paar weitere hinweise:
wir sind sinnsuchende, zuweilen sinnsüchtige wesen. ich denke, das erklärt sich allein schon in seinem gegenteil. werden menschen zur sinnlosigkeit gezwungen, verdammt, nehmen sie daran sehr bald schaden. kommunikation ist eines der hauptinstrumente von sinnsuche.
das leiden an sinnlosigkeit ist übrigens ein problem, an dem in einer konsumgesellschaft der markt mit großer effizienz ansetzt. mit surrogaten, mit den abenteuerlichsten ersatzstoffen, wird der hunger nach sinn vorläufig gestillt. auch der wunsch nach zuwendung und nach anerkennung, zenrale soziale ereignisse, lassen sich so bewirtschaften, lassen sich ökonomisch und politisch nutzen.
würde es uns gelingen, das ausmaß der denunziation, mit dem eine befassung mit kunst befrachtet ist, zurückzudrängen, könnten erfahrungen offenstehen, die solchen tendenzen entgegenwirken.
damit wir uns recht verstehen, ich sehe nicht die kunst als ein werkzeug um das zu bewirken. die kunst ist die kunst und sich selbst ihr zweck, mit ihren eigenen mitteln. aber wenn wir uns darauf einlassen, machen wir erfahrungen, die uns in diesen anderen zusammenhängen von großem nutzen sein können.
klang und bewegung
der tag auf dem weg zu ulla rauters vernissage war von „belfast-wetter“ geprägt. das ganze spektrum von regen wind und sonne, mehrmals abwechselnd, kalt, warm und heiß im ständigen durchlauf. spaßige zustände! wie sehr wußte ich es zu schätzen, daß wir gerade zur ausstellungs-eröffnung, als ein arger regenguß sich über uns entlud, in einer mit glas bedeckten passage zugange waren.

kuratorin mirjana peitler-selakov hatte eine der interessantesten jungen künstlerinnen aus der klasse brigitte kowanz („angewandte“, wien) eingeladen. rauter arbeitet konsequent entlang einem klaren konzept, mit präziser umsetzung ihrer werke. an einer stelle im feature von peitler-selakov klingt das so:
„Das Ausgangsmaterial zu Sound Surfaces sind reale Ton-Quellen. Das ‚reale‘ Material wird durch das digitale Medium praktisch entfremdet und in einen einfachen Datenfluss übersetzt. So wird das Objekthafte, das Räumliche, zuerst auf reine Oberfläche reduziert und dann durch den Prozess des Lichtmalens transparent gestellt, in ein Konturenrelief verwandelt. Von der digitalen Spur wird aus dem Klang ein reduziertes Bild erstellt; oder die Bewegung initiiert.“
in der praxis war das dann an kuriosen technischen umsetzungen zu erfahren, die einerseits in ihren funktionen, andererseits in den ästhetischen qualitäten der erscheinung überraschen, um schließlich in ihrer anwendung denk- und erfahrungsprozesse anzustoßen.

ein beispiel für gegenwartskunst, die zum einen theoriegeleitet ist, also auf komplexen deutungen unseres technischen und medialen status quo beruht, zum anderen ein ästhtetisches ereignis sind, was meint: wahrnehmungserfahrungen initiieren, um dann, drittens, weiterführende denkprozesse zu triggern.
wir haben hier in der region noch vorherrschende auffassungen, vom erbauungs-, erfreuungs- und letztlich unterhaltungscharakter, der sich dem kunstgeschehen aufbürden ließe. so wie vernissagen, allerdings zu recht, mit der funktion eines sozialen ereignisses befrachtet sind.
würde das in summe bloß zu einem fröhlichen KONSUM von wein, brötchen und sinneseindrücken führen, bliebe das ein ereignistyp, den man beruhigt an den sozialausschuß für eine kooperation mit dem tourismus-büro abgeben könnte.
hier ist das dann doch wesentlich anders angelegt und genau nicht so aufbereitet, um den prinzipien unserer konsumkultur zu dienen.

der abend mit ulla rauter hat zu einigen debatten geführt. dabei stand erneut klar im fokus: die kunst ist die kunst und hat keine anderen aufgaben, als ihren eigenen möglichkeiten gewidmet zu sein. aber die BEFASSUNG mit kunst, egal ob schaffend oder rezipierend, führt zu erfahrungen und kompetenzen, auf die ein gemeinwesen dringend angewiesen ist.
spät am abend waren wir in einer verbleibenden runde auch dabei angelangt, daß wir dieser unserer gesellschaft einen rasenden KOMPETENZVERLUST zuschreiben dürfen, der ziemlich viele lebensbereiche betrifft. das gipfelt unter anderem in der tatsache, daß eines der reichsten länder der welt eines der teuersten bildungssysteme europa mit einem der schlechtesten ergebnisse europas hat.
auch die aktuellen ereignisse in den kontroversen zwischen kommunen, land und bund lassen sich ohne probleme als ausdruck eines zusammenbrechens von kommunikationslagen anläßlich gescheiterter problemlösungsmomente erkennen.
in eben diesen zusammenhängen können wir geltend machen und nachweisen, daß ein kulturelles engagement auf der höhe der zeit möglich ist, welches solche probleme nicht gleich aus der welt schafft, wo aber strategien und verfahrensweisen erprobt werden, in denen sich auf lokaler und regionaler ebene wieder wege öffnen lassen. wege der kommunikation, der selbst- und fremderfahrung, des begreifens immer komplexerer gesellschaftlicher zustände, bei gleichzeitiger praxis des HERUNTERBREMSENS jener schnell-schnell-welterklärungsmethoden, die ja offensichtlich immer tiefer in stagnation hineinführen.
– [frauenmonat 2011: FMTechnik!] –



