Archiv für den Monat: März 2012

Wir sind 55,6 Prozent!

Ich bin freischaffender Künstler, also ein EinPersonen-Unternehmen, kurz: EPU. Damit gehöre ich einer bedeutenden Spezies der österreichischen Wirtschaft an. Wir sind nämlich sehr viele. Die Wirtschaftskammer hat gerade wieder gezählt. Einzelunternehmen und GmbHs (gewerbliche Wirtschaft, ohne geringfügig Beschäftigte):
+) EPU in Österreich (absolut): 238.320
+) EPU in Österreich (Anteil): 55,6%.
Wir machen also gut die Hälfte heimischer Betriebe aus. [Quelle]

Mit meinen 56 Jahren liege ich deutlich über dem Durchchnittsalter. Der Frauenanteil scheint sich der Hälfte anzunähern:
EPU-Durchschnittsalter: 43,9 Jahre
EPU-Frauenanteil: 43,4%

Ich bin einer von Tausenden, die für Steuern und Sozialversicherung selbst aufkommen, wobei ich als Künstler einen staatlichen Zuschuß von 130, Euro/Monat erhalte; also nicht ich, dieses Geld geht direkt an die SVA.

Viele Leute meines Metiers sind Angestellte, denn Freischaffende machen auf Österreichs Kunstfeld den geringsten Teil aus. Angestellte dürfen sich Arbeits- und Lohnnebenkosten mit ihrem Betrieb oder ihrer Behörde teilen. Meinsgleichen tragen das weitgehend alleine. Ein „EU-Vergleich der Arbeitskosten und Lohnnebenkosten für das Jahr 2010“ mag dabei ganz interessant sein: [link]

Nun sind Leute wie ich keineswegs unwillig, ihren Teil zum Gemeinwesen beizutragen. Aber Faktum ist, daß der MODUS, den uns die Politik bezüglich Sozialversicherung auferlegt hat, inzwischen als KONKURSRISKO Nr. 1 dieses Milieus gilt. Das heißt, nicht die nötige Versicherungsabgabe an sich ist unser Problem, sondern die Berechnungs-Modalitäten erweisen sich mehr und mehr als ruinös.

Diesem Umstand, nein: Mißstand, widmet sich nun schon einige Zeit eine Interessensgruppe, welche unter dem Namen „Amici delle SVA“ auftritt: [link] Dazu tut sich auch bei Facebook laufend was: [link]

Sehr impulsgebend war in der Sache bisher außerdem das „Forum zur Förderung der Selbständigkeit“: [link]

Wir haben uns hier nicht mit hausgemachten Problemen eingedeckt. Im „Kurier“ war eben zu lesen:
>>In der SVA-Chefetage heißt es, man sei ja selbst unglücklich mit der Lage. Aber man dürfe von der Vorgabe des Gesetzgebers nicht abweichen, sagt Direktor Peter McDonald. Im Gegensatz zur Finanz hat die SVA kaum Spielraum für Kulanz: Sie muss qua Gesetz eintreiben.<< [Quelle]

Die Problemlage ist also bekannt und keineswegs ein kleiner „Betriebsunfall“, den noch niemand bemerkt hätte:
>>Die SVA sieht die Probleme, sieht sich aber schuldlos. Nur: Wo ist dann der Aufschrei gegen die Belastungen im Sparpaket, wo der Kampf für die Klienten?“ McDonald: „Ein Aufschrei hilft weniger als Überzeugungsarbeit.“ Aber die leistet eben niemand ernsthaft. Bis auf Weiteres gilt also der Befund eines SVA-Opfers: „Wir sind die Lücke im System.“<<

Hier also ein herzliches DANKE an die Politik, daß wir mit diesem unausgegorenen Reglement permanent unter Druck stehen müssen, was seinerseits mittel- bis langfristig Schäden und daher Kosten verursacht. Schäden am Geschäft und Schäden an den Menschen, welche diese Geschäfte betreiben.

Man möchte den Verantwortlichen zurufen:
Reicht es Euch noch nicht, was Österreichs Volkswirtschaft an Burn out, Mobbing, Bildungsdefiziten etc. verdauen muß? Ist es so schwer, uns engagierten Leuten adäquate Rahmenbedingungen zu bieten?

Hans Rauscher notierte eben im „Standard“ zur Sache:
>>Die Wirtschaftskammer tut ein bisserl was. Aber die soziale und politische Bedeutung des Wandels zur Kleinselbstständigkeit haben sie alle nicht begriffen.<< [Quelle]

An all dem ist AUCH interessant, daß in den aktuellen (öffentlichen) Diskursen Kunstschaffende noch kaum genannt, einbezogen werden, sich aber auch selbst nur schütter zu Wort melden. Es gibt also einbe Menge Handlungs- und Klärungsbedarf.

>>“Eigentlich müssten bei allen Verantwortlichen die Alarmglocken schrillen. Wenn eine Sozialversicherung fast 18 Prozent ihrer Versicherten mahnt und 9 Prozent aufgrund fehlender Beitragszahlungen exekutierten, dann läuft ganz offensichtlich etwas grundlegend falsch“, zeigt sich Ruperta Lichtenecker, Wirtschaftssprecherin der Grünen, besorgt über die Situation von Ein-Personen UnternehmerInnen (EPU) und KleinstunternehmerInnen in Österreich.<< [Quelle]

[wovon lebt der krusche?]

Wechselland

Diese steirische Region war einst eine wichtige Passage, wenn Menschen von Graz nach Wien gelangen wollten oder sich sonst wie auf der Durchreise befanden. Mit der Süd-Autobahn (A2), die ab den 1960ern gebaut wurde, änderten sich Situation und Bedeutung des Wechsellandes grundlegend.

Das Team (von links): Alfred Ninaus (Regie), Reinhold Ogris (Kamera), Richard Mayr (Fotos), Fritz Aigner (Autor)

Regisseur Alfred Ninaus und Drehbuchautor Fritz Aigner widmen sich diesem Teil der Steiermark mit einer filmischen Annäherung. In der Dokumentation „Heimat im Wechsel“ geben Menschen des Steirischen Wechsellandes Auskunft darüber, wie sich ihre Heimat gewandelt hat, welche Herausforderungen auf sie zukommen und wie sie Heimat überhaupt definieren. Dazu beschäftigt sich der Film auch mit der Geschichte des Landes sowie mit der wirtschaftlichen Situation dieser besonderen Gegend Österreichs.

Nun hat das Projekt aber noch eine weitere Ebene erhalten.

Der Gleisdorfer Fotograf Richard Mayr begleitete das Team bei den Dreharbeiten, sah den Leuten über die Schultern, reflektierte seine Ausfahrten aber auch ganz eigenständig. Damit nicht genug, diese Reflexionsarbeit führte nun über Texte von Fritz Aigner zu einem Fotoband Mayrs.

Mayr war an insgesamt 30 Drehtagen mit von der Partie. So mancher Arbeitstag am Hochwechsel begann schon um fünf Uhr morgens, denn der Regisseur und der Fotograf haben eines unbedingt gemeinsam, was ihr Metier bestimmt. Sie folgen dem Licht und bestimmten Lichtverhältnissen, um ihren visuellen Vorstellungen nachzukommen.

Ninaus und Mayr sind durch die Erfahrungen aus ihrer Kooperation nun einig, daß sie auch Ninaus’ folgendes Filmprojekt dialogisch bearbeiten wollen. Da geht es um einen Beitrag für die Sendereihe „Universum“ über das Ausseerland.

• Dienstag, 17. April 2012, 19:30 Uhr
„Mensch im Wechsel“ (Eine regionale Auseinandersetzung)
Filmvorführung (Langversion), Buchpräsentation, Autorengespräch im Rahmen des „April-Festivals“ von „kunst ost“: Alfred Ninaus (Regisseur), Richard Mayr (Fotograf) & Fritz Aigner (Autor)
Forum Kloster, Saal Martin, Rathausplatz 5, 8200 Gleisdorf
[Projekt-Link]

Grundlagen und Modi

Die Praxis der Zuversicht konnten wir gerade sehr gründlich trainieren. Die vergangenen zirka 18 Monate waren für mich von sehr wechselhaften Emotionen geprägt. Dem Kulturbetrieb wurden 2010 große Einbrüche bei Budgets und Strukturen angekündigt. So kam es teilweise auch. Das belastete Projekte, gefährdete Existenzen; ein Situation, die wir vor allem mit dem Sozialbereich geteilt haben.

Wo Finanzierungen ursprünglich von Kommunen gekommen waren, fielen sie großteils aus, weil in den Gemeindeämtern zur Sanierung beigetragen wurde, indem Kulturbudgets fielen. Wer dennoch mit den Leuten aus Politik und Verwaltung im Gespräch blieb, hatte da und dort realistische Chancen, neue Anknüpfungspunkte zu finden.

Bereichsübergreifende Arbeitsgespräche: Tierarzt Karl Bauer und Malerin Irmgard Hierzer

Im Rückblick zeigt sich auch, daß die Krise eine gute Gelegenheit war, den Funktionstragenden zu demonstrieren, wie ernst uns die Sache ist und daß wir unsere Positionen auf dem Kulturfeld halten, auch wenn die Bedingungen dafür rapide schlechter werden, daß wir uns also auf jeden Fall selbst zu helfen wissen.

Es ist zwar so, daß ich für mich feststelle, dieser wachsende Druck über den genannten Zeitraum hat mich beschädigt, ich trage unerfreuliche Folgen davon. Aber dem steht wenigstens auch etwas positives gegenüber; nämlich ein Bündel allerhand erfreulicher Effekte.

Wir sind alle gefordert worden, unsere Grundlagen und Modi zu überdenken, unsere Verfahrensweisen zu überprüfen. Ich bin bezüglich der Folgerungen und Zwischenergebnisse in meinen Bereichen mehr als vergnügt. Da haben eine ganze Reihe von Leuten ernst gemacht, kluge Schlüsse gezogen.

Musiker Reinhard Weixler („blizzfrizz“)

Da wurde in der Selbstverantwortung kräftig zugelegt und Eigeninitiative gesteigert. Wie sich nun zeigt, hatte das nicht zur Folge, die kommunalen Instanzen aus ihren Aufgaben zu entlassen. Es waren bloß die Karten neu zu mischen, mögliche Vorhaben und Kooperationen zu entwerfen, zu verhandeln.

Ich hab vorhin schon beschrieben, daß die Stadt Gleisdorf nun gerüstet ist, mit uns kulturpolitisches Neuland zu betreten: [link] Das wird auch von angemessenen Schnittstellen für die Wirtschaft handeln. Wie sehr wir dabei auf antiquierte Ideen verzichten müssen, daß also überhaupt erst ganz neu geklärt sein will, wie und warum abseits des Landeszentrums Kultur und Wirtschaft zusammenfinden mögen, habe ich schon mehrfach erwähnt.

Dazu haben wir übrigens mit KWW eine eigene Diskurs- und Arbeitsebene eingeführt, wo Grundlagen und Rahmenbedingungen dieser Zusammenhänge geklärt werden sollen: [link] Die nächste KWW-Session („Kunst Wirtschaft Wissenschaft“) ist übrigens für Donnerstag, den 15. März 2012, angesetzt. Wir werden damit zu Gast im Hause der „estyria – Naturprodukte GmbH“ sein (Wollsdorf 75, 8181 St. Ruprecht/Raab): [link]

Die wichtigste Konsequenz der Krisenmonate liegt sicher in den autonomen „location crews“ und einigen Kooperationspartnern, mit denen wir das aktuelle „April-Festival“ zustande gebracht haben: [link]

Ich erlebe da gerade eine sehr spannende Team-Situation, in der diverse Kunst- und Kulturschaffende a) eigenständig wirken und b) für das größere Ganze kooperieren, wie ich das zuvor noch nicht erlebt habe.

Wir haben damit möglicherweise jenes neue Terrain betreten, auf dem die zwei Hauptprobleme des steirischen Kulturbetriebes, wie sie seit einer Ewigkeit und drei Tagen Wirkung haben, offenbar nimmer greifen: Brotneid und Eitelkeit.

Und wir haben den Ansatz einer ausgeweiteten „Kulturspange“, die nun von Gleisdorf bis Bad Gleichenberg reicht, wo Kathi Velik aus dem alten Bahnhof des Ortes die Kulturinitiative „Kopfbahnhof“ gemacht hat. Auf dem Weg dort hin besteht übrigens nahe Feldbach die Kulturinitiative „bluethenlese“, deren Initiator Gerhard Flekatsch unser Kooperationspartner beim oben erwähnten Projekt KWW ist.

Das bedeutet, wir haben in Summe eine Kooperationssituation erreicht, deren künstlerisches Potential noch gar nicht abzuschätzen ist und deren Kraft zur Selbstverantwortung und -organisation ziemlich tragfähig sein sollte. Daraus müßte sich ein erhebliches Spektrum an weiterführenden Kooperationsmöglichkeiten ergeben, über das wir mit der Regionalpolitik und der Wirtschaft vorankommen dürften.

TIP: Buchpräsentation Gero Jenner

Der Autor Gero Jenner [link] analysiert kontinuierlich den Lauf der Dinge, durchleuchtet die Kräftespiele zwischen Wirtschaft, Politik und verschiedenen Gesellschaftsbereichen, legt seine Schlüsse in gut nachvollziehbaren Texten dar.

Seine aktuelle Publikation ist „Das Buch zur Krise“ mit Jenners Reflexion von „Ursachen und Folgen“, auch der Darstellung von Opfern und Tätern. Jenner versteht das als „Eine Abrechnung mit den Lügen der Politik“.

Die Präsentation des Buches „Von der Krise ins Chaos“ findet am Montag, dem 5. März, um 19:30 Uhr in der Buchhandlung Plautz [link] statt.

Und als Anregung hier Jenners Überlegungen zu einem „Neuen Fiskalismus“: [link] Der Autor meint:
„Jedes gute Steuersystem ist ein Kompromiss zwischen zwei gegenläufigen Zielen: einerseits der Forderung der Allgemeinheit nach sozialer Gerechtigkeit, andererseits dem Bestreben, jeden Bürger zum vollen Einsatz seiner Kräfte für das gemeinsame Wohl anzuregen.“

Kulturpolitisches Neuland in Gleisdorf

Gerwald Hierzi ist der neue Geschäftsführer des TIP Citymanagements und leitet ab nun das Gleisdorfer Büro für Kultur und Marketing. Wir hatten gerade ein ausführliches Gespräch darüber, wie er seinen Auftrag sieht, welche Prioritäten er setzt und was dabei die möglichen Schnittpunkte mit dem Kulturbereich sind, soweit das engagierte Bürgerinnen und Bürger betrifft.

Damit ist schon ein sehr wesentlicher Punkt berührt, mit dem wir bei „kunst ost“ offenbar richtig lagen. Es bewährt sich, was wir beschlossen haben: In der Selbstorganisation auf ein höheres Niveau, mindestens mittelfristige Planung vor dem Hintergrund eines Jahreskonzeptes, relevante Themenstellungen, Kooperationsangebote.

Gerwald Hierzi leitet das Gleisdorfer Büro für Kultur und Marketing

Das 2011er-Jahr darf im Rückblick als ausgesprochenes Krisenjahr gelten. Im Oktober 2010 hatten die Kommunen alles zusammengekürzt, was der Politik vertretbar erschien; das betraf am härtesten den Kulturbereich, weil er vielerorts am meisten Akzeptanz für Kürzungen hatte. Siehe dazu den Eintrag „Einige Takte…“: [link]

Auch die Stadt Gleisdorf hatte gekürzt. In zwei Schritten. Das ergab von 2010 auf 2011 ein Minus von rund 75% im Kulturbudget. Wir haben darauf mit einer Konzentration der Vorhaben reagiert und die Konstituierung von autonomen „location crews“ forciert, außerdem verstärkt auf Kooperation gesetzt. Das ist auch die Grundlage des kommenden „April-Festivals“: [link]

Das bedeutet, mehr Eigenverantwortung und Engagement als Basis, konsequente inhaltliche Arbeit und wachsende Kooperationen, um verfügbare Ressourcen besser nutzen zu können. All das im Rahmen einer mittelfristigen Planung und ausdrücklich längerfristigen Perspektiven, die klar formuliert sind. So hofften wir, einen Status quo zu schaffen, an dem dann Kommunen und andere Einrichtungen wieder andocken möchten, durch den es zu wachsenden Kofinanzierungen kommen kann.

Hierzi kann sich mit diesem Arbeitsansatz sehr gut anfreunden. Wir müssen im Augenblick nichts übers Knie brechen, sind uns aber einig, daß wir eine weitreichendere, detailliert ausgearbeitete Kooperation herbeiführen werden, die alle drei Sektoren verknüpft: Staat, Markt und Zivilgesellschaft, also 1) Politik und Verwaltung, 2) Wirtschaftstreibende und 3) Einzelpersonen und Kulturinitaitiven.

Bei solchen Themen schweben gerne alte Klischees im Raum, daß Künstler dies nicht leisten könnten und das nicht mit ihrem Tun vereinbar sei etc. Dieses Gedanken-Gerümpel haben wir gleich entsorgt. Die Professionals, also Freischaffende, sind EPU, sind „Einpersonen-Unternehmen“, mit den ganz banalen Anforderungen jedes EPU und wer denen nicht gerecht werden kann, verschwindet vom Markt. Das ist so klar wie unsentimental. Die Befassung mit Kunst konstituiert da keinerlei Sonderstatus.

Und andere, die sich aus persönlicher Passion in ihrer Freizeit der Kunst widmen, sind dadurch nicht daran gehindert, jenes bißchen Know how zu erwerben, das nötig ist, um in einem Kollektiv Kulturschaffender mehr Eigenverantwortung zu übernehmen, als es viele bisher in Betracht gezogen haben.

Wie gesagt, davon ausgehend versprechen wir uns, aus eigener Kraft ein Organisationsniveau zu erreichen, das es Leuten aus der Politik, der Verwaltung und der Wirtschaft attraktiv erscheinen läßt, mit uns zu kooperieren und Kofinanzierungen einzubringen.

Hierzi hat mich übrigens nun informell unterrichtet, daß der Kulturausschuß unser aktuelles Ansuchen einstimmig angenommen hat. Damit ist ein neuer Modus eingeführt, der sich bewähren sollte. Ein Zitat aus unserem Ansuchen:

[…] Ich möchte Sie namens des Vereins “kunst ost” ersuchen, mit uns kulturpolitisches Neuland zu betreten. Gleisdorf war nun über Jahre der Angelpunkt einiger Innovationen im Kulturbereich. Wir würden das gerne in eine neue Phase überleiten und zu einem Beispiel von „best practice“ entwickeln, welches nicht nur steiermarkweit Gewicht hat, sondern EU-weit zur Debatte stehen kann.

Damit ist eine Kooperationssituation gemeint, in der die Stadt Gleisdorf an einem Kulturschaffen teilnimmt, das sich prozeßhaft entfaltet. Es wird nicht über die eine oder andere einzelne Veranstaltung realisiert, sondern über Ihre Unterstützung einer gesamten Jahrestätigkeit des Vereins. […]

Gleisdorf hat sich also nun mit uns auf einen Weg begeben, im Kulturbereich Verfahrensweisen zu erproben, die hier noch nicht gepflegt wurden. Wir verlassen damit eindeutig den altgedienten Modus, indem Menschen von den Kommunen Dienstleistungen und Subventionen erwarten, und gehen auf ein Feld, wo wir uns in Augenhöhe begegnen und gemeinsame Vorhaben erarbeiten.

Wege, Fahrten, Aussichten

Wie nun verschiedene Ereignisstränge sich zu einem Bündel fügen… Letzte Revision. Nächste Woche geht unser „Puch-Buch“ [link] in Druck. Die Arbeit daran muß einen nicht stets in das Landezentrum führen. Wenn ich mich mit Graphic Novelist Jörg Vogeltanz und mit Techniker Michael Toson zu einem Meeting in Laßnitzhöhe einfinde, haben wir uns quasi auf halbem Wege getroffen.

Michael Toson (links) und Jörg Vogeltanz bei Detailfragen

Der dortige „Hügellandhof“ ist uns dafür ein äußerst angenehmer Stützpunkt. Wir haben nun ein Stück Mobilitätsgeschichte erarbeitet, das jenen Kernbereich verständlich macht, in dem die Massenmotorisierung Österreichs im 20. Jahrhundert greifbar wurde. Diese Massenbewegung, gestützt auf Automobile, wird in absehbarer Zeit enden. Mit den Grundlagen der Umorientierung sollten wir längst befaßt sein.

Die Geschichte von Steyr-Daimler-Puch ist exemplarisch für dieses Metier

Parallel laufen die Vorbereitungen für das „April-Festival“ weiter, in dem es übrigens auch eine Session zum Thema geben wird. Das „Kuratorium für triviale Mythen“ tagt in Weiz: [link]

Anderes Thema! Inzwischen hat Regisseur Alfred Ninaus seine aktuelle Filmpremiere hinter sich. Da ging es um das Thema „Wechselland“, eine uns nahe Region. Wir nehmen das als Anlaß, diese Zugänge zu thematisieren. Fragen des Wandels, der Definitionshoheit, der Darstellungsformen und -möglichkeiten. Film, Buch, Autorengespräch mit Alfred Ninaus (Regisseur), Richard Mayr (Fotograf) & Fritz Aigner (Autor) [link]

Autor und Regisseur Fritz Aigner (links), am Steuer Produzent und Regisseur Alfred Ninaus

Das gesamte „April-Festival“ ist inhaltlich zwischen Wissensvermittlung, Diskussionen und Kunstpräsentation festgemacht. Damit soll gewährleistet sein, daß die Einladung zur PARTIZIPATION keinesfalls geringer ausfällt als jene zur Betrachtung.

Ich möchte das als ein Prinzip im regionalen Kultur-Engagement gesichert sehen. Es ist auch ein kulturpolitisch wichtiger Aspekt und dieser Punkt bekommt etwa dann Gewicht, wenn Kulturinvestitionen verhandelt werden müssen, denn da wird natürlich meist nach dem Benfit für die Gesellschaft gefragt. Und der stellt sich sehr wesentlich via Partizipation ein…

+) „April-Festival“2012 [link]

Einige Takte Status quo II

Eigentlich kann ich es noch gar nicht so recht glauben, daß das Konzept derart rund aufgeht. Anders ausgedrückt: Ich bin ziemlich stolz auf diese Crew des aktuellen „April-Festivals“. Wir haben aus dem vorigen Jahr heraus im Kollektiv Schlüsse ziehen können, die sich völlig eingelöst haben. Das Ergebnis zeigt sich in einem beachtlichen Programm, obwohl enorme Einbrüche in den Strukturen und Budgets der Kommunen kompensiert werden mußten: [link]

2011 war ja ein massives Krisenjahr, in dem jene Gemeinden, die überhaupt ein Kulturbudget haben oder hatten, Vollbremsungen einer weichen Kurskorrektur vorzogen. Wo etwa der Sozialbereich von schweren Defiziten betroffen war, hatte die Politik an vielen Orten kein Problem, den Kulturbereich als nachrangig bis überflüssig zu erachten und abzustellen.

Wir hätten das alle spätestens seit August 2010 wissen können, weil der Gemeindebund Österreichs in dieser Sache Klartext publiziert hatte. Da waren 92% der befragten BürgermeisterInnen und 98% der befragten Bevölkerung dafür, vor allem im Bereich Kunst und Kultur zu kürzen; siehe den Eintrag im Projekt-Logbuch: [link] Eigentlich eine skandalöse Situation, die aber keine Debatten ausgelöst hat.

Was mir besonders schmerzlich in Erinnerung ist, weil es irgendwie auch was Verächtliches hat: Niemand aus dieser oder jener Gemeindestube fand es nötig, uns zu Gesprächen zu laden, um uns a) auf das Kommende vorzubereiten und b) mit uns mögliche Strategien zu bereden. Wir wurden einfach fallen gelassen, uns selbst überlassen. Das muß zumindest notiert sein.

Gut, wir haben „kunst ost“ neu formiert und jene ursprünglich geplante „Drehscheibe“ so weit konkretisiert, daß sich a) einige uns zugehörige „location crews“ herausgebildet haben, daß auch b) einige eigenständige Kulturgruppen mit uns kooperieren. So ging es von no budget zu low budget und zu einer Praxis der Zuversicht.

Damit haben wir einen Status quo erarbeitet, der geeignet sein sollte, Kommunen zum Wiedereinstieg in den privaten Kulturbetrieb ihrer Bürgerinnen und Bürger zu bewegen. Immerhin wurde uns in den letzten Jahren oft zugerufen, daß „Bürgerbeteiligung“ hohe Priorität habe, daß das „Bottom up-Prinzip“ vorherrsche, voilá! Hier sind wir und wir sind sehr effizient unterwegs. Man sollte uns nun ein wenig entgegen kommen.

Verhandeln wir, klären wir, wie für die Zukunft Kooperationen zwischen den Gemeinden und engagierten Bürgerinnen und Bürgern im Kulturbereich angelegt sein könnten. Es geht um den Gewinn an Stabilität und um Dauer. Es geht gegen Stückwerk und sporadischen Aktionismus, für den Aufbau verläßlicher Strukturen.

Einer der Abende des Festivals ist dem Bereich „Talking Communities“ gewidmet und bezieht sich auf das regionale Vorhaben der Politik, eine „Vision 2050“ zu entwerfen. Dabei werden wir Michael Narodoslawski von der TU Graz zu Gast haben: [link]

Ein wichtiger Termin, um regionalen Funktionstragenden klar zu machen, daß wir kein Dekorationsgeschäft betreiben, keine „Hobby-Partie“ sind relevante Kräfte der eigenständigen Regionalentwicklung.

+) „April-Festival“ 2012: [link]
+) „Talking Communities“ [link]
+) „Vision 2050“ [link]

Als EPU-Mensch ökonomisch überleben

Ich hab nun schon an mehreren Stellen betont, daß wir im Kunstbetrieb ein merkwürdiges Phantasma installiert haben. Freelancers gelten meist als höchstes Ideal. Der freischaffende Künstler, die freischaffende Künstlerin, aus rein künstlerischer Arbeit ein adäquates Jahreseinkommen erwirtschaftend, das sei die „Königsklasse“.

Bis zum nächsten Steuerbescheid, der für "Berichtigungen" sorgen wird, erwartet die Finanz von mir diese Zahlungen

Es ist ein kleiner Haken an der Sache. Diesen Typus findet man in Österreich fast überhaupt nicht, die lebenden Exemplare sind eine verschwindende Minorität. Diese Minderheit steht in zweierlei Geruch, ist mit Widersprüchen belegt. Einerseits müssen genau DAS ja die „richtigen“ Kunstschaffenden sein, die sowas hinkriegen. Andrerseits stehen sie prinzipiell unter Generalverdacht, sich dem Markt anzudienen und die „Reinheit der Kunst“ am Kassenschalter zu schänden.

Danach richten sich dann auch die Vorscheibungen der Sozialversichrungen, momentan diese

Das sind also reichlich nervöse Umgangsformen mit einer Profession, die in dieser und jener Praxis unter dem üblichen Druck steht, den alle Freelancers kennen. Bedenkt man nun, daß EPU, also „Einpersonenunternehmen“, rund 60 Prozent von Österreichs Betrieben ausmachen, möchte man annehmen, der Staat sorge in seiner begleitenden Gesetzgebung für ein Reglement, das diesem Berufsfeld gerecht wird und das uns durch die stets sich ändernden Geschäftsverläufe stärkend begleitet. Beim Staat gibt es aber offenbar andere Prioritäten.

An das Kreuz des Triple A-Phantasmas geschlagen (Foto: Amici delle SVA)

Unternehmensberater Conrad Pramböck hat gerade für erfrischenden Klartext gesorgt und den Kontrast Angestellte/Freelancers etwas herausgearbeitet:
„Sie (Die Angestellten, Anm.) haben extrem große Sicherheit, regelmäßiges Einkommen, verdienen ab dem ersten Arbeitstag, haben einen voll ausgestatteten Arbeitsplatz und bekommen Unterstützung von ihren Kollegen. Selbstständige hingegen verbringen die ersten Wochen damit, Möbel und Computer zu besorgen, mit Rechtsanwalt und Steuerberater zu sprechen. Das sind zwar wichtige Dinge, aber es vergeht Zeit, die sie nicht dafür investieren können, Geschäfte zu machen.“ [Quelle]

Ich verrate ja kein Geheimnis, daß gerade in krisenhaften Verläufen eines Landes ganze Kettenreaktionen davon ausgelöst werden, daß stärkere Instanzen anfallende Probleme flott an die nächst schwächeren Instanzen weitergeben. So staunt man als Freelancer mitunter, welcher Scherereien und Aufgaben einem plötzlich zugefallen sind, die ruckzuck von oben nach unten durchgereicht wurden.

Während fix angestellte Leute zwischendurch ihre Belastungserlebnisse in einem Krankenstand mit anschließendem Urlaub auskurieren, beiße ich im nächsten Durchgang an zu langen Arbeitstagen meine Zähne zusammen. (Gut, ich hab es ja so gewollt. Selbstgewählt!)

Dabei empfinde ich es dann schon als sehr provokant, wenn ich zeitgleich lese, wie ein Profi, außerdem vormaliger Finanzminister, sich sein gut situiertes Leben absichern kann: „Zuletzt musste Ex-Finanziminister Grasser laut Bericht mit einem kargem Jahreseinkommen von 13.520 Euro auskommen. Die Finanz hegt „den konkreten Verdacht einer Abgabenhinterziehung bezüglich Umsatzsteuer, Einkommenssteuer und Kapitalertragssteuer“, heißt es.“ [Quelle] Und genau derlei Steuerbescheide gehen automatisch an die SVA, um dort für „Berichtigungen“ in den Vorschreibungen zu sorgen.

Ich soll mir gelegentlich auch noch Neid unterstellen lassen, wenn ich solchen Status quo kritisiere? Das ist alles in Österreich sehr kurios geordnet. Vor dem Hintergrund aufgedeckter Korruptionsvorgänge im Lande kämpfen Kleinstunternehmen heute mehr denn je um ihr Bestehen, bei dem oft folgende Hürde aufragt.

Unter den Tausenden EPU-Leuten ringt eine Legion vor allem mit dem Reglement der Sozialversicherung, durch welches sie so unter Druck sind, daß die SVA längst als Konkurs-Risiko ersten Ranges gilt.

Im „Forum zur Förderung der Selbständigkeit“ [link] kann man allerhand über diese Zusammenhänge erfahren. Seit Monaten widmen sich ferner die „Amici delle SVA“ ganz speziell den Problemlagen, dem Informationsstand und den Lösungsansätzen dafür, die Versicherungspflicht bei der SVA ökonomisch zu überleben: [link]

Und jetzt noch ein kleiner Schwank zum Abschluß dieses Beitrages. Es gibt offenbar Geschäftsmodelle, deren Konzeption alles übersteigt, was ich mir vorstellen kann:
>>Klar ist zudem: In Grassers Stiftungskarussell bunkern mehr als neun Millionen Euro. Preisfrage: Wie ist das möglich, wo er doch beim Finanzamt nur ein so geringes Einkommen versteuert hat? Stimmt da etwas mit der österreichischen Steuergerechtigkeit nicht?<< [Quelle]

+) Siehe zum ganzen Themenkomplex auch: „Wovon lebt der Krusche? [link]
+) Zu den Hintergründen auf dem Kunstfeld: [link]
+) Steirischer Lokalkolorit („Niemand hat mich gerufen“) [link]

[Wovon lebt der Krusche?]

KWW: Identitätsgrundlagen und Kontraste

Folgende Textpassage zum Thema Identität habe ich sehr gemocht:
Zum Aufbau unserer Identität gehört die Erkenntnis, dass:
• wir immer auf die Umwelt bezogen sind
• wir auf die Umwelt neugierig sind, zugleich vor ihr Angst haben
• wir dauernd handeln, also entscheiden müssen
• wir eine Intimität haben
• wir einsam sind
• wir frei sind
• wir mehrere Identitäten haben
• wir nur in einer Gruppe leben können, die uns allerdings bestimmte Regeln und Bewertungen einigermaßen aufzwingt.

Dieses anregende Zitat entstammt einer „Skizze“ von Sprachwissenschafter Michael Metzeltin. Er befaßt sich darin mit dem Zusammenhang von Identität und Sprache. Quelle als PDF: [link]

Identität war in der Deutung einer „regionalen Identität“ kürzlich unser Thema bei KWW: [link] Darauf bezieht sich ein Eintrag im Projekt-Logbuch, in dem ich Martina Böck zitiere: „Jeder kommuniziert und jeder weiß, dass Kommunikation als Verständigungsprozess unser Leben gestaltet…“ [link]

Das mag nun auf Anhieb als etwas viel Zitatenwirtschaft erscheinen, aber es hat eine interessanten Zusammenhang. Kulturbetrieb, Wirtschaft und Politik haben gleichermaßen die Neigung, mit dem Thema Identität intensiv bis ausufernd zu arbeiten. Das führt gelegentlich zu sehr kühnen Spielarten eines Verständnisses von „Wir-Formationen“ und wie sich Einzelne dazu verhalten mögen.

Jede Menge Klärungsbedarf! Vor allem in krisenhaften Zeiten, wo das Verhältnis zwischen Eigennutz und Gemeinwohl massiven Verhandlungen unterzogen wird. Nun habe ich den Metzeltin-Text kürzlich von Böck erhalten. So hängt es oberflächlich zusammen.

Böck hat sich wiederum in einer Diplomarbeit den „Kommunikative(n) Dimensionen bei Patienten mit seltenen Erkrankungen bzw. Kranken ohne Diagnose“ (2009) gewidmet. Das ist jetzt vordergründig nicht gerade mein naheliegendstes Thema. Aber es berührt eine Reihe von Fragen, die mich auch beschäftigen. So schreibt Böck etwa, es „…kommt deutlich zum Ausdruck, dass Identität auf einer Wechselbeziehung sozialer und kultureller Einflüsse, Erlebnis- und Erfahrungszusammenhängen beruht. Identität benötigt Repräsentation und Interaktion, eine Kultur des Sich-Begegnens.“

An anderer Stelle notiert sie, „dass Identität als Selbstkonzept bzw. Lebensentwurf die existentielle Grundlage des Menschen darstellt, von dem ausgehend sein Handeln gesteuert ist.“ Da werde ich natürlich hellwach und finde zugleich ein praktisches Beispiel für eine der Grundlagen des Modus, den ich für „Kunst Wirtschaft Wissenschaft“ formuliert habe. Sind mögliche Kommunikationsbarrieren eingeebnet, wie sie zwischen verschiedenen Milieus aufgrund von unterschiedlichen Ritualen, Codes und Jargons bestehen mögen, frage ich bald: Gibt es Fragestellungen zum Stand der Dinge oder zu Lauf der Welt, die uns gleichermaßen beschäftigen?

Und siehe da, auch wenn ich zum Thema „Patienten mit seltenen Erkrankungen bzw. Kranken ohne Diagnose“ mangels Sachkenntnis gar nichts beizutragen habe, steckt doch in der Arbeit einiges, mit dem wir uns im regionalen Kulturgeschehen befassen.

Wird aus dieser Schilderung ein wenig deutlicher, wie ich mir einen Teil unserer Arbeit als die Metiers übergreifend vorstelle? Es kommt noch was dazu. Der Kontakt mit Böck entstand im Web zwo, wo wir uns offenbar einig waren, daß es unakzeptabel ist, wenn in Kontroversen die Andersdenkenden selbst angegriffen werden, statt ihrer Argumente.

Ist diese Unterscheidung klar? In Meinungsverschiedenheiten werde ich manchmal sehr heftig eine Idee angreifen, aber nicht die Person, die sie hat, äußert. Diese Differenz ist selbst auf dem Kulturfeld nicht mehr ganz so selbstverständlich, wie ich es verlange…

[KWW: Übersicht]