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lebhafte tage

mein hang zur repräsentationsarbeit hält sich sehr in grenzen. aber sichtbarkeit, wahrgenommen zu werden … es gehört zum geschäft, diese aspekte nicht zu ignorieren. umgekehrt betrachtet: es freut mich natürlich auch, wenn unsere arbeit u.a. dadurch gewürdigt wird, daß sie in einem größeren rahmen beachtung findet.

beim „europa-tag“in der aula der alten universität, graz (von links): frido hütter (kultur-chef „kleine zeitung“), landeskulturreferent christian buchmann und kulturpublizist peter wolf

so ein größerer rahmen war ohne zweifel der „europatag 2011“ in graz, zu dem ich exemplarisch für steirische basis-kulturinitiativen jenseits des landeszentrums eingeladen war; in ziemlich bunter gesellschaft, wie sich zeigte:
+) Elisabeth Arlt, Verein Pavelhaus
+) Max Aufischer, Kulturvermittlung Steiermark
+) Anna Badora, Schauspielhaus Graz
+) Christian Buchmann, Landesrat für Wirtschaft, Europa und Kultur
+) Frido Hütter, Kleine Zeitung
+) Dzevad Karahasan, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler
+) Martin Krusche, kunst ost: Soziokulturelle Drehscheibe
+) Margarethe Markovec, Verein
+) Gerhard Melzer, Franz-Nabl-Institut Graz/Literaturhaus Graz
+) Peter Pakesch, Universalmuseum Joanneum
+) Eberhard Schrempf, Creative Industries Styria
+) Gottfried Wagner, Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur

daß ich hier nicht bloß nominell neben dem bosnischen autor dzevard karahasan gelandet bin, hat mir sehr gefallen, weil uns eine längere geschichte verbindet [link], die wohl auch ihre querverbindungen zu unseren kommenden vorhaben finden wird.

tags darauf folgte eine weitere station im rahmen unserer talking communities. viele kulturschaffende haben sich erfahrungsgemäß das steirische kulturförderungsgesetz noch nie näher angeschaut. wir haben einen der „architekten“ dieses gesetzes, heimo steps, gebeten, es uns zu erläutern, es mit uns zu debattieren.

referent heimo steps und kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov

wir werden diese art der inhaltlichen „basis-arbeit“ beibehalten. es geht mir dabei sehr wesentlich um einen andauernden kompetenzgewinn der kulturschaffenden, was uns in summe dazu verhelfen sollte, unsere vorhaben zu sichern und so den boden zu befestigen, auf dem sich gegenwartskunst — auch abseits des landeszentrums — zeigen und ereignen kann. das braucht freilich ganz andere strategien und wege als die „zentrums-situationen“. (den gesetzestext kann man HIER downloaden.)

wir sind zugleich laufend richtung praxis unterwegs. im augenblick bedeutet das, es geht mit „close to nature“ zur sache. basierend auf einer konzeption von mirjana peitler-selakov übertragen wir künstlerische arbeiten auf die region; nicht im metaphorischen sinn, sondern ganz konkret auf die landschaft.

ein erster, knapper blick auf ein stück der arbeit von christian strassegger

unser „raketenprojekt“ mit medienkünstler niki passath war ja schon ein kurioser vorbote dieses genres. wir hatten dabei auf dem anwesen der familie pölzer gehörigen spaß, was ein weiterer, wichtiger hinweis ist: die ernsthafte arbeit schließt den spaß nicht aus.

eine arbeit von christian strassegger wird nun dieser erste formelle akzent von „close to nature“ 2011  sein, ergänzt um eine session mit bernhard kober. man könnte sagen: rasenmäher trifft hubschrauber. das schafft auch querverbindungen zu unserem kuratorium für triviale mythen, bei dem augenblicklich die geschichte der mobilität und des verkehrswesens zur debatte steht.

konkret in gang

nun hat ein tag zwei wesentliche zwischenergebnisse für unsere arbeit erbacht. es geht im die beiden teilthemen „agrarische welt“ und „high tech-zone“, von denen das leben in der „energie-region“ maßgeblich geprägt ist.

zum einen haben wir klar, wie es inhaltlich mit dem „frauenmonat“ weitergeht. kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov, in ihrem früheren berufsleben diplomingenieurin in der motorenentwicklung, hat das projekt FMTechnik! konzipiert. zum anderen haben wir klar, wie es nach dem „tag der agrarischen welt“ weitergeht. ich durfte mich mit tierarzt karl bauer und künstler christian strassegger über konsens für die nächsten praktischen schritte freuen.

frauen und technik: diplomingenieurin mirjana peitler-selakov (mitte) neben robotikerin kirsty boyle (links) und kunsthadwerkerin ida kreutzer bei unserem "tag der trivialen mythen" auf dem gut pölzer

das kürzel FMT meint „Frauen, Macht und Technik“. petler-selakov: „Seit Jahren wird versucht, mit Hilfe diverser Förderungsprogramme Frauen für technische Berufe zu interessieren. Leider beweisen die Untersuchungen, dass diese frauenfördernden Aktionen bisher wenig Effekt gebracht haben. An der TU Graz beträgt der Frauenanteil beispielsweise im Durchschnitt knapp 20%, im Wintersemmestar 2010/2011 waren es 21,4%. In den klassischen Ingenieursfächern sind noch immer fast keine Studentinnen zu finden. Warum ist das auch heute, im 21. Jahrhundert, so?“

peitler-selakov konstatiert: „Technische Kompetenzen werden der männlichen Geschlechtsidentität zugeschrieben. Sie sind fast Teil der männlichen Kultur, die in Kommunikation und Beziehungen zu anderen Männern zum Ausdruck kommt.“

so haben wir, in korrespondenz mit unserer arbeit an der „nikola tesla-doktrin“, einen gewichtigen aspekt der fragen rund um unseren „industrie-komplex“ formuliert bekommen. ich meine damit, im themenbogen „zwischen landwirtschaft und high tech“, den wir für diese region als relevant erachten, sehen wir hier einen sinnvollen ansatz, unser soziokulturelles engagement, das wir mit vorhaben im künstlerischen bereich verknüpfen, auf einige besondere themenstellungen zu fokussieren.

tierarzt karl bauer ist unsere schlüsselperson für fachfragen zur agrarischen welt

im ausloten des status quo der agrarischen welt haben wir nun sechs weiterführende stationen definiert, zu denen wir teilveranstaltungen und künstlerische vorhaben entwerfen, für die wir professionals aus verschiedenen bereichen der landwirtschaft einbeziehen wollen.

wir haben für die nächsten eineinhalb jahre sechs HAUPTTHEMEN ausfindig gemacht, an denen deutlich wird, was die region zur zeit im wesentlichen darstellt. alphabetisch gereiht: apfel, kürbis, mais und pferde.

der apfeld steht für jene sonderkulturen, über die das einstige „armenhaus österreichs“, die oststeiermark, wirtschaftliche voteile gewonnen hat. an kürbis und mais hängen nicht nur ernährungsfragen der menschen, daran knüpfen sich auch schweinemast und hühnerzucht. das pferd war einst nur den sehr gutgestellten bauern als zugtier zur verfügung, heute ist es im bereich sport und freizeit zu einem wichtigen wirtschaftsfaktor geworden.

das sind also 4 von sechs „stations-themen“. zwei stationen sollen dem wichtigen thema „kleinbäuerliche strukturen“ gewidmet sein. in summe wollen wir ein verständis davon fördern, daß heute zwischen bäuerlicher und industrieller landwirtschaft unterschieden werden muß.

künstler christian strassegger führt oft knifflige themenaspekte in viduelle codes über

was haben wir? was brauchen wir? im zusammenhang mit dieser fragestellung wollen wir das gesamte vorhaben auch um die behandlung sozialgeschichtlicher aspekte ergänzen. da war ein erster vortrag von historiker robert f. hausmann in wetzawinkel extrem anregend. es muß auch mehr an solchen informationsangeboten geben, um den stand der dinge zu begreifen und so an der gestaltung der zukunft mitzuwirken.

die künstlerische spange, mit der all diese bereiche verknüpft werden, haben wir einerseits im „april-festival“ angelegt, sie wird aber andrerseits mit dem kunstprojekt „close to nature“ verdichtet. so erwarten wir eine sachlich relevante und in der umsetzung gut realisierbare verzahnung der teilthemen, die wir in zusammenschau betrachten und bearbeiten möchten.

Das April-Festival 2012
„Leben: Die Praxis der Zuversicht“
[link]

weichenstellungen

wir haben, wie schon im beitrag verknüpfungen skizziert, mit dem ende unseres heurigen “april-festivals” die weichen für die weitere arbeit von “kunst ost” gestellt, da die inhaltlichen grundlagen nun im wesentlichen erarbeitet sind.

bei der programmarbeit (von links): christian strassegger, mirjana peitler-selakov und nina strassegger

dabei haben wir einen ausgangspunkt in der kooperation mit dem forscher branimir jovanovic zur “tesla-doktrin”, aus der wir wertvolle denkanstöße zum heutigen status quo unserer gesellschaft gewinnen. damit verstärken wir das fundament unseres mehrjährigen vorhabens, in der region den themenbogen “zwischen landwirtschaft und high tech” zu bearbeiten und unsere ergebnisse in eine kulturelle wie künstlerische praxis zu überführen.

branimir jovanovic forscht seit jahrzehnten über nikola tesla

der ingenieur und erfinder nikola tesla hinterließ rund 150.000 dokumente, in denen sein denken und seine damaligen ausblicke nachvollziehbar werden. branimir jovanovic hat mehrere jahrzehnte – gestützt auf diese dokumente – über tesla geforscht. jovanovic, selbst ein techniker und erfahren mit wissenschaftsgeschichte, blickt mit eben diesen kompetenzen auf tesla.

jovanovic zitiert aus einem interview mit tesla, das etwa 1920 stattgefunden hat:
“Wir befinden uns in einem Zeitalter der beispiellosen technischen Errungenschaften, die mehr und mehr zu einer absoluten Herrschaft über die Kräfte der Natur und der Vernichtung von Raum und Zeit führen. Aber diese Entwicklung, welche zu unserem Komfort, zu Bequemlichkeit und Sicherheit der Existenz beiträgt, weist nicht in Richtung einer wahren Kultur und Aufklärung. Im Gegenteil, sie ist zerstörerisch für Ideale.”

teslas umfassende kritik an den vor allem sozialen und politischen konsequenzen aus den anwendundunen der neuen technologien kann aus heutiger sicht sehr gut auf ihren gehalt überprüft werden. und dabei lassen sich erstaunliche anregungen finden.

die strecke: wir bespielen seit jahren strecken zwischen den orten der region mit akzenten und künstlerischen momenten

so haben wir nun den themen- und arbeitsbogen für die nahe zukunft weitgehend vollständig. die zwei wesentlichen pole sind, wie erwähnt, die agrarische welt und der high tech-bereich. den agrar-schwerpunkt bearbeite ich zur zeit mit tierarzt karl bauer und fotograf christian strassegger. im technikbereich ist kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov federführend, die als dipl. ing. der elektrotechnik das metier gründlich kennengelernt hat.

die künstlerische klammer für beide bereiche schaffen wir mit der projektreihe „close to nature“. das korrespondiert mit weiteren vorhaben des „kuratoriums für triviale mythen“, von dem ebenfalls beiträge kommen, die einen starken kunstbezug haben, aber auch populäre kulturformen nutzen.

es wird weitere „tesla-tage“ geben, mit denen wir uns der arbeit an der „tesla-doktrin“ widmen, wie sie jovanovic entworfen hat. außerdem wird peitler-selakov einen themenschwerpunkt „frauen und technik“ umsetzen.

über arsch und titten zur schnattergesellschaft

ich hab in meinem logbuch von einem spaziergang durch das verschneite novi sad mit dem literaturwissenschafter radivoj doderovic erzählt: [link] es ging um unsere plauderei über idioten als staats-chefs, wie sie seit mussolini und hitler in europa nicht möglich waren und nun doch. über eine schnatter-gesellschaft ganz im sinne des „arsch und titten-tv“ a la berlusconi. das bedeutet irgendwie: jeder redet überall mit, alles paßt auf eine bühne, man kann ohnehin nicht so genau sagen, was es ist.

literaturwissenschafter radivoj doderovic nach der vernissage von nikola dzafos ausstellung

das war mir zum beispiel kürzlich aufgefallen, als ich eine junge kunsthistorikerin sagen hörte, man könne eh nicht so genau sagen, was kunst sei. sie kann es nicht, weil sie offenbar noch kaum zeit und interesse auf das große thema verwendet hat. an ihrer seite der plüschige maler schwüler nuditäten, dem eine konsequente debatte über kunst bloß etwas „elitäres“ ist, dem er mißtraut. ich verstehe sein mißtrauen, denn wären kriterien zugelassen, er müßte sie auf sein eigenes tun anwenden, was ihn möglicherweise vom kunstfeld kippen könnte.

von einer anderen seite vernahm ich: „wie das die akademische Elite oder der perfide Kunstmarktkapitalismus sieht ist mir schnuppe.“ das diffamieren von leuten, die in der „kopf-arbeit“ tätig sind, hat tradition. ich staune allerdings stets, wenn ich in der kultur-community so ausdrücklich anti-intellektuelle positionen vorfinde. geht es hier bloß um bildungsdünkel? oder ist das schon so ein „berlusconi-effekt“, wonach sich eine art „instant-kultur“ einlösen solle, mit oder ohne „arsch und titten“, die keine mühe bereiten darf, keine entwicklungs- und erfahrungszeit beanspruchen soll, was dann auch gegen reflexion spricht, denn offenbar setzt sich da etwas durch: denken stört.

rasa doderovic hatte mir eben erst ein buch mitgebracht, das zweisprachig vorliegt. was hier in cyrilica zu lesen steht, hat mich überrascht: „Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Karl Franzens-Universität zu Graz vorgelegt von Ivo Andric aus Sarajevo, SHS.“ (der „shs-staat“, also ein „staat der serben, kroaten und slowenen“, war der vorläufer jugoslawiens nach dem ersten weltkrieg.)

Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Karl Franzens-Universität zu Graz vorgelegt von Ivo Andric aus Sarajevo, SHS

ich habe nicht gewußt, daß der diplomat und literaturnobelpreisträger ivo andric in graz studiert hatte. (vermutlich auch so ein repräsentant einer akademischen elite oder sonst wie perfider kulturträger.) die dissertation von andric trägt den titel „Die Entwicklung des geistigen Lebens in Bosnien unter der Einwirkung der türkischen Herrschaft“. daß jemand über die mögliche entwicklung eines geistigen lebens nachdenkt, ist offenbar etwas aus der mode gekommen. vielleicht stagniert sie deshalb auch ein wenig, die geistige entwicklung.

ich finde es sehr provokant, daß man sich womöglich noch rechtfertigen sollte, wenn man reflexion schätzt, diskurse pflegt und erwartet, daß jemand seine gründe zu nennen vermag, wenn er dies oder das dahinbehauptet. goebbels würde lächeln. bei den faschisten galt der „primat der tat“ als vorrangig. aggressives handeln war gefordert, nachdenken galt als verdächtig. im wehrmachtsheer, so wurde mir erzählt, genügte es zuweilen schon, eine brille zu tragen, und man konnte als „intelligenzler“ diffamiert, folglich schikaniert werden.

kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov und künstler nikola dzafo

mit der gegenwartskunst ist es zur zeit so, daß sie ohne diskurs kaum dingfest gemacht werden kann. das bedeutet nicht, sie könne nur über diskurse erfahren werden. das reich der sinnlichkeit und die regeln der kunst sind zweierlei. was also sinnlich erfahren werden kann und was begrifflich begriffen werden kann, hat jeweils seine ganz eigenen momente.

aber wenn wir darüber reden, über kunst reden, sollten wir wenigstens temporär sagen können, was wir meinen. wenn alles kunst ist, dann ist nichts kunst. wenn jemand über kunst nichts sagen kann, dann kann er eben über kunst nicht reden. das wäre ja keine problematische position. warum also dieses andauernde geschnatter von jenen, die schließlich doch betonen, daß man eigentlich nicht sagen könne, was kunst sei? vielleicht wären sie gut beraten, sich dem reich der sinnlichkeit zu widmen … und öfter eine kunstveranstaltung zu besuchen.

— [was ist kunst?] —

jenseits der zentren

warum führen wir gerade arbeitsgespräche in serbien, wo “kunst ost” doch eine regionale kulturinitiative ist? wir befinden uns momentan in novi sad, der hauptstadt der vojvodina. die stadt ist von der dimension her mit graz vergleichbar. die provinz vojvodina wird von der eu einer „zukunftsregion“ zugerechnet: „Die heute abgesegneten Projekte sehen u.a. eine Bio-Großregion vor, die vom Veneto und Friaul über die Steiermark bis Ungarn und die Vojvodina reicht.“ [quelle]

auf der „matriosca“-website finde ich in der liste der projekt-partner die vojvodina noch uner dem länderkürzel SCG, was serbien und montenegro (crna gora) als gemeinsamen staat meint. das hat sich ja schon vor einem weilchen geändert, montenegro erlangte 2006 eigenstaatlichkeit.

im vordergrund: nikola dzafo (links) und zmuc radionica

in diesem jetzt nicht rasend wichtigen detail liegt aber ein hinweis darauf, warum wir kulturellen austausch mit leuten aus serbien pflegen. es sind nicht die kriterien der verwaltung bestehender eu-projekte, die uns das nahelegenen. doch wie oft hat man gelegenheit, einem tatsächlichen „nation-building“ beizuwohnen? hier entstehen gerade neue nationalstaaten, die darum ringen, ihre kriegs-traumata hinter sich zu lassen.

in diesen situationen, die von mangel und konflikten geprägt sind, hat die gegenwartskunst nicht gerade hohe priorität. das drückt sich einerseits im eklatanten ressourcen-mangel aus, andrerseits sind bestehende strukturen teilweise ausgetrocknet, sogar stillgelegt. dazu kommt für kunstschaffende aus dem südslawischen raum, daß sie von gesellschaftlich ganz anderen schwerpunkten geprägt wurden, was in der begegnung, teils konfrontation, mit dem „westlichen“ kunstmarkt zu kuriosen situationen führt.

wir haben nun seitens „kunst ost“ gute gründe, die debatten und den erfahrungsaustausch mit kulturschaffenen zu suchen, die sich unter diesen bedingungen kulturpolitischen fragen widmen. das ist aber nur ein aspekt, nämlich die frage, wovon denn kulturpolitik heute handeln solle. es geht ferner um strategien und praktische konzepte für ein kunstgeschehen, das sich nicht völlig den dominanten marktmechanismen ausliefern möchte.

es geht mutmaßlich auch um manche unterscheidungen zwischen gegenwartskunst und voluntary arts. was den „profi-bereich“ betrifft, stellt sich die frage, welche art broterwerb sich für kunstschaffende als machbar erweist. nun ist dieser erweb, also ein jahreseinkommen, das uns ökonomisch überleben läßt, keine kategorie der kunst, sondern eine soziale kategorie. aber es wird einleuchten, daß viele leute, die sich nicht auf den kunstmarkt allein als einkommensquele verlassen möchten, wenigstens kunstnahe arbeitsbereiche suchen, um sich da ihren lebensunterhalt zu verdienen.

darka radosavljevic vasiljevic (links) und mirjana peitler-selakov

jenseits dieser individuellen fragestellungen bleibt natürlich auch die anforderung bestehen, ob sich ein kulturbetrieb völlig in die zentren zurückzieht, wo er durch eine erhöhte konzentration der mittel und möglichkeiten handlungsspielraum hat. oder finden wir angemessene strategien, um auch in der sogenannten „provinz“, also jenseits der landeszentren, kulturelle prozesse zu initiieren und zu konsolidieren?

solchen überlegungen widmet sich zum beispiel momentan die sehr erfahrene kunsthistorikerin und kuratorin darka radosavljevic vasiljevic, welche eine der maßgeblichen akteurinnen war, um die belgrader kunsteinrichtung remontaufzubauen. da bahnt sich ein spezieller austausch an.

wir haben also gute gründe, uns über die landesgrenzen hinweg mit engagierten und kompetenten leuten des kunstfeldes zu verständigen, um im laufenden erfahrungsaustausch eher herauszufinden, was unseren regional vereinbarten zielen nützt. ich darf auch davon ausgehen, daß das im geist jener intentionen angelegt ist, die auf landesebene überhaupt erst zu einem LEADER-kulturprogramm geführt haben …

— [balkan buro: šok alijansa] —

das kühle extrazimmer 10

im vorigen eintrag [link] notierte ich: „ich hab es lieber, wenn die website einigermaßen authentisch abbildet, was wir im ‚real-raum‘ sind und tun. nicht größer, nicht kleiner …“ meine gründe dafür sind politischer art. bei der frage, was denn das sei, „das politische“, hänge ich an der vorstellung, daß leibliche anwesenheit im öffentlich raum ein unverzichtbares fundament „des politischen“ sei. deshalb ist das für mich ein vorrangiges kriterium. (von medial aufgeblähten „realitäten“ halte ich gar nichts.)

es geht um reale soziale begegnung im physischen/analogen raum; da wiederum nicht bloß in privaten, sondern auch in öffentlichen räumen. ich sehe viele von uns kunstschaffenden in einer bewußt gesuchten tradition, die von bürgerlichen salons und von hitzigen debatten an öffentlichen plätzen handelt. wo das nicht so ausdrücklich sichtbar wird, bleibt davon wenigstens ein fragmentchen: der anspruch, öffentlich wahrgenommen zu werden, also ein interessiertes publikum vorzufinden.

mirjana peitlr-selakov, kunsthistorikerin und dipl. ing. der elektrotechnik

bei manchen leuten, mit denen ich in österreich zu tun hatte, ist eigentlich nur dieses fragmentchen, dieser eine anspruch geblieben. ich habe andrerseits seit etlichen jahren mit leuten aus südost-europa zu tun, vor allem aus ländern, die vormals miteinander jugoslawien gewesen sind. da sehen die gewichtungen teilweise ganz anders aus.

am vorabend einer weiteren reise nach serbien habe ich einen text von mirjana peitler-selakov durchgesehen, der einige punkte enthält, die mir hier zum thema passen. vorweg diese passage: „Von einem Künstler, einer Künstlerin, wird heute erwartet, sich in globalen Zusammenhängen erfolgreich durchzusetzen und gleichzeitig lokale und spezifisch ästhetische wie politische Anliegen verstehbar zu machen.“ ein brisanter zusammenhang …

in einem späteren abschnitt schreibt peitler-selakov: „Die klassische Konzeption von Kunstschaffenden im Westen als ‚öffentliche Intellektuelle‘, als Figuren der Aufklärung in einer bürgerlichen Öffentlichkeit, hat definitiv an Aktualität verloren und ist noch von rein historischer Relevanz. Parallel dazu verschwindet auch die Vorstellung von einer bürgerlichen Öffentlichkeit als einem Raum, der von rational-kritisch ausgestatteten Subjekten betreten werden soll. Es gibt ‚die Öffentlichkeit‘ nicht mehr, sondern entweder überhaupt keine Öffentlichkeit oder eine Reihe verschiedener fragmentierter, spezifischen Öffentlichkeiten.“

das rührt an die frage: WER spricht zu WEM mit welcher REICHWEITE? und zwar von welchem ORT aus in welches FELD hinein? darin liegt ferner die frage verborgen: wer erhebt seine stimme nicht? wer wird nicht gehört? dazu paßt die kritische anmerkung: „Parallel wurden klassische bürgerliche Repräsentationsräume durch Märkte ersetzt oder in Konsum- und Unterhaltungsräume umgewandelt.“

entertainment, infotainment und tittytainment als ersatz für den austausch von argumenten? das wohnzimmer mit seiner elektronik-ausstattung als platons höhle? wenn ich netzkultur als ein sinnvolles praxisfeld verstehe, auf dem wir medienzugänge und medienkompetenzen erlangen und praktizieren können, dann heißt das vor allem auch: üben wir meinungsbildung, um eine meinung zu haben. üben wir mediengestützte kommunikation, um eine grundlegende vorstellung zu erlangen, wie diese angebliche „informationsgesellschaft“ funktioniert.

meine eigene erfahrung besagt: das ist heute in vielen bereichen leichter möglich, niedrigschwelliger angeordnet, als noch vor jahrzehnten. ich stand seinerzeit an einer offset-presse, um büchlein zu drucken. digitalprint-anlagen machen das heute einfacher. radiomachen war einst von sehr teuren, nur von experten bedienbaren equipments abhängig. die filmwelt hatte auch sehr hohe zugangsschwellen. das internet gab es noch gar nicht.

die meisten dieser bereiche kann ich heute mit einem preiswerten laptop und etwas peripherie bewältigen. maschinen, die mir selbst zu teuer wären, kann ich zumindest gegen erträgliche gebühren mit meinem zeug ansteuern. wir haben es also einerseits schwerer, weil mainstream-betriebe die medienwelt völlig verändert haben und permanent auf dominanz aus sind. wir haben es aber auch leichter, weil türhüter uns viele zugänge nicht mehr verstellen können.

[NETZKULTUR: der überblick]

Was sagen Kunstwerke?

Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov, bei „kunst ost“ vor allem für den Programmbereich und für internationale Kontakte zuständig, hat für unseren Bereich der „talking communities“ eine eigene Debatten-Reihe entworfen. Wir werden das im Lauf dieses Jahres ausbauen. Die zentrale Frage lautet dabei:

Was sagen Kunstwerke?

Wir funktioniert das? Wir haben nun schon einzelne Kunstschaffende gewonnen, an je einem Abend ein Werk mitzubringen, dieses kurz zu erläutern, dann einer offenen Debatte darüber beizuwohnen.

kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov (2. v. links) neben christian strassegger, michaela knittelfelder-land und irmgard eixelberger

Wir laden zu diesen Abenden vor allem Künstlerinnen und Künstler aus unserem Umfeld ein, aber auch – ganz generell – an Kunst interessierte Menschen. Und wozu das? So sollen Gelegenheiten und Anregungen entstehen, um konkrete Erfahrungen zu sammeln, wie wir über Kunst reden und debattieren können.

Ich habe schon mehrfach erwähnt: Wenn alles Kunst ist, dann ist nichts Kunst. Wenn wir keine Begriffe von den Dingen haben, können wir nicht darüber sprechen, auch nicht darüber streiten.

Sprechen und Sprachen! Spricht beispielsweise der etwas brummige Oswald Oberhuber über verschiedene Kunstrichtungen, dann meint er eigentlich „Sprachen“. Nach seiner Auffassung gibt es keine Stile, sondern – so führt er aus – Künstler entwickeln eigene Sprachen.

medienkünstler niki passath zwischen mirjana peitler-selakov und sandra kocuvan

Es geht also um Code-Systeme, um Kommunikationsbedingungen, um Zeichen und Bedeutungen. Das legt nahe: Wie man andere Sprachen durch Studium und Praxis erlernen kann, sind uns auch die „Sprachen“ der Kunst zugänglich, wenn wir uns auf entsprechende Erfahrungsprozesse einlassen.

An den Abenden zum Thema „Was sagen Kunstwerke?“ im Rahmen der „talking communities“ geht es dann auch um Fragen wie „Können Kunstwerke zum Nachdenken bewegen?“ „Was sagen sie aus und zu wem sagen sie was?“ Kunstschaffende und Publikum sind eingeladen, in einer Reihe von öffentlichen Erörterungen eine bewußte, kritische Beziehung zur zeitgenössischen Kunst zu suchen.

Eine der ersten Stationen wird die Malerin Herta Tinchon anbieten, die demnächst ihre Personale im Gleisdorfer „MIR“ („Museum im Rathaus“) eröffnet. Eine andere Station bietet Medienkünstler Niki Passath bei unserem kommenden „April-Festival“.

+) „April-Festival
+) „talking communities