Archiv für den Monat: Juli 2012

Oben, unter oder wo?

Wir haben die Session in Pischelsdorf zweigeteilt erlebt. Im ersten Abschnitt waren Retrospektive und Reflexion der Arbeit des Kollektivs K.U.L.M auf dem Programm. Die Repräsentation verlangte also reichlich Platz. Natürlich war das IMPLIZIT auch kulturpolitischer Natur. Aber es drückte zugleich aus, was wir im Steirischen längst bevorzugen, nämlich die Kür zu tanzen und die Pflicht als erledigt zu betrachten.

Ich denke, das Betonen eigener Verdienste hat zwar wohltuende Wirkungen, ist aber kulturpolitisch von geringer Relevanz. So lange wir uns selbst nicht als eine fundamentale Quelle der Kulturpolitik verstehen, so lange wir das hauptsächlich der Funktionärswelt zuschreiben, so lange wir um eigene Bedeutung ringen, aber die Verantwortung für all das anderen auf den Hut stecken, bleibt unser Lauf der Dinge in dieser Sache völlig diffus.

Damit möchte ich betonen, daß der eigene, recht umfassende kulturpolitische „Sündenfall“ von uns gerne bemäntelt und geleugnet wird, statt daß wir ihn konsequent bearbeiten. Das zeigt sich eben auch an solchen Tagen, die ja eine Chance gewesen wären, so manchen Stier an den Hörnern zu packen; und sei es bloß jenen unserer umfassenden Weigerung, uns selbst als primär konstituierende Kräfte von Kulturpolitik zu verstehen und zu verantworten.

Dann hätte diese Veranstaltung keineswegs der Repräsentation gewidmet sein dürfen, sondern die Zusammenkunft Kulturschaffender und die insgesamt verfügbare Zeit wären einer Verständigung über den Status quo zu widmen gewesen, speziell jenes der Kunst- und Kulturschaffenden in der Provinz. Also zu Beispiel eher eine Konferenz am Nachmittag, eine Präsentation von a) Konferenzergebnissen und b) geplanten Schritten am Abend, anschließend die Inputs von Juliane Alton und mir mit anschließend öffentlicher Debatte dieser Inputs allgemeinerer Natur.

Schon die Titelgebung der Veranstaltungsserie zuzüglich einiger „Tagestitel“ ist ja verräterisch, läßt erahnen, daß wir in Fragen der Kulturpolitik längst mit trüben Kategorien arbeiten, weshalb neue Klärungen wohl hilfreich wären.

Der Titel unserer Pischelsdorfer Session lautete: „Kulturpolitiken im ländlichen Raum“. Er präsentiert den Plural des Diffusen, da wir schon im Singular „Kulturpolitik“ kaum Klarheit und schon gar nicht Konsens haben, worüber wir reden. Den Titel „Strategien einer Kulturpolitik von unten“ finde ich rundheraus entsetzlich. Ich kann nicht verstehen, warum wir in unseren Sprachregelungen alte Hirarchiekonzepte reproduzieren und wie es also kommt, daß „wir“ jene seien, die „unten“ Politik machen würden.

So bleibt mir weiters schleierhaft, was uns annehmen läßt, daß die Welt der Funktionstragenden „oben“ angesiedelt sei, quasi auf einem steirischen Olymp oder Dachstein, warum also das, was wir etwa von einem Landeskulturreferenten erfahren, „Kulturpolitik von oben“ sei, der wir „von unten“ gegenüber stünden.

Gerade wir Kunstvölkchen sollten um die Macht von Codes, von Begriffen und Sprachkonventionen bescheid wissen. Wir sollten Ahnung und Kompetenzen haben, daß wir mit unserer Sprache das Denken prägen und Realität konstituieren. So gesehen ist allein schon die Metaphorik des „Oben-Unten“ ebenso unerträglich wie unakzeptabel, ist außerdem verräterisch, weil sie offenbart, wo “Die Szene“ sich selbst zu sehen meint.

Eigentlich bietet unsere Kultur- und Ideengeschichte da eine Ermutigung und Anregung, die in solchen Selbstdarstellungen unberücksichtigt bleibt. Die Vorstellung von Politik ergab sich begrifflich aus der „Polis“, heute würden wir von Gemeinwesen und von Zivilgesellschaft sprechen, aber auch von „Politiká“, quasi der konsequenten Befassung mit Fragen und Angelegenheiten der „Polis“.

Der „Politikos“ ist der „Staatsmann“, welcher die „Staatskunst“ ausübt, da wäre heute eben von „Politkerinnen und Politikern“ sprechen, vom Funktionärswesen. Nun ist aber in meinem Universum die Politik NICHT das, was die Funtionärswelt generiert. Politik tritt erst in Erscheinung, wenn Funktionärswelt und Zivilgesellschaft interagieren.

In solcher Auffassung von Demokratie verbieten sich aber Denkmodelle des „Oben“ und „Unten“ einer Politik oder politischer Maßnahmen. Die Augenhöhe ist ein konstituierendes Element, selbst wenn die Funktionärswelt natürlich über andere, teils sehr kraftvolle Mittel verfügt. Das liegt im Wesen einer repräsentativen Demokratie. Und genau deshalb sollten wir sehr viel konkretere Vorstellungen von kulturpolitischer Praxis haben, stett jenen, die wir „oben“ vermuten, bloß etwas zuzurufen.

— [Dokumentation] —

Es kommt: basis-kunst

Wir haben einen Prozeß initiiert, welcher in der Region einen Akzent hervorbringen soll, der a) gesamtsteirische und b) internationale Relevanz entfalten möge, nein: muß.

Ziel des Vorhabens ist die Konzeption, der Aufbau und die Etablierung einer Plattform für steirische Gegenwartskunst in der Region; einer Plattform, die sich auch als Kompetenzzentrum und Präsentations- bzw. Vermittlunsgort bewährt. Hier eine kleine Vorschau zur Auftaktveranstaltung:

7. & 8. September 2012
Gleisdorf: Symposion
Regionalität und Realität // Globalität und Virtualität
Eine Veranstaltung zur Begründung der Gründung der Plattform für steirische Gegenwartskunst

Diese Veranstaltung ist der Auftakt eines mehrjährigen Prozesses. Sie wird in einer Kooperation der Kulturvereine kunst ost (Martin Krusche) und styrian contemporary (Erich Wolf) realisiert.

Im Kernbereich dieses ersten Symposions stehen Inputs und Know how-Angebote zur Frage, was so eine Einrichtung leisten soll und wie sich das praktisch handhaben läßt.

Wir haben Astrid Becksteiner-Rasche gewonnen, im Bereich solcher Institutionen und unter Wirtschaftstreibenden eine adäquate Auswahl zu treffen, deren Ansichten und Erfahrungen wir in unsere Debatten hereinholen.

Unternehmer Erich Wolf ist als Kunstsammler ein profunder Kenner aktueller Entwicklungen

Bei diesem Symposion geht es freilich auch konzentriert um Kunst und um „Vorbedingungen“ der Kunst. Dazu durchleuchtet Medienkünstler Richard Kriesche die oststeirische Ausnahmeerscheinung des Franz Gsellmann. Der Bauer hat uns mit seiner „Weltmaschine“ ein erstaunliches Werk und allerhand Denkanstöße hinterlassen.

Richard Kriesche zur Gesellmann-Ausstellung, die wir vorbereiten und die er kuratiert:
„gsellmann steht für uns nicht im kontext der künste, sondern in ihrem vorfeld, im kontext einer ‚ungebrochenen’, einer absolut ‚originären’ kreativität — mit anderen worten, gsellmann repräsentiert das archaische und anarchische, das allem künstlerisch- wie auch wissenschaftlich-kreativen schaffen und lebensvollzug eigen ist. gsellmanns kunst begründet sich geradezu aus ihrer ferne zur kunst.“

Die Gäste, mit denen wir uns über anstehenden Fragen auseinandersetzen werde:

+++) Freitag 07. September 2012, Tag 1:
Präsentationen von Kunsthäusern / Kunstmuseen / Kunstsammlungen im europäischen Kontext
+) Dr. Sabine Folie: Die Generali Foundation, Wien
+) Prof. Dr. Ludger Hünnekens: Burda Museum, Baden-Baden
+) Carmen Gasser-Derungs und Remo Derungs: Gelbes Haus, Flims
+) Pater Winfried: Sammlung Stift Admont, Admont
+) Mag. Erich Wolf: basis kunst, Gleisdorf

+++) Samstag 08. September, Tag 2:
Präsentationen von Wirtschaftsunternehmen im internationalen Kontext
+) Dipl.-Dolm. Dr. Fritz Kleiner: KLEINER+KLEINER gmbh, Graz
+) Dr. Manfred Gaulhofer: Gaulhofer Vertrieb GmbH & Co KG, Übelbach
+) KR Hans Roth: Saubermacher Dienstleistungs AG, Feldkirchen bei Graz

— [home] —

Proviant für den Marsch durch das „Tal der Tränen“

Im vorigen Eintrag [link] war die Frage gleichermaßen implizit und explizit auf dem Tisch: Was hat das Gemeinwesen davon, für Kunst und Kultur öffentliche Gelder aufzuwenden? (Völkstümlich: „Zu wos brauch ma des?“) So liegt bei uns die Anforderung, den Leistungsaustausch darzustellen und zu begründen.

Damit meine ich, wir können uns keine selbstreferenziellen Erklärungsmodelle leisten, wie sie bei Sekten üblich sind, wir müssen gegenüber anderen Metiers unsere kulturpolitischen und budgetären Ansprüche nachvollziehbar darlegen.

Ich war gerade in Wien, saß unterwegs in einem Kleinbus des Landes Steiermark, den ich unter anderem mit zwei Beamten aus dem Wirtschaftsbereich teilte. Einer von ihnen sagte in unserer Plauderei ebenso unverhüllt wie unmißverständlich, das nächste Doppelbudget der Steiermark werde ein „Tal der Tränen“.

Das erinnerte mich an März 2010. Wir waren gewarnt, es ist kein Geheimnis gewesen, was uns Ende 2010/Anfang 2011 an Kürzungen treffen werde. Das führte in meinem Metier aber, so weit ich mich erinnere, nicht dazu, daß wir uns gewappnet und strategisch vorbereitet hätten, der versprochenen Krise angemessen zu begegnen.

Philosoph Erwin Fiala wies in Pischelsdorf symbolisch auf die zunehmende Abwertung von Wissensarbeit hin.

Kleiner Einschub:
Philosoph Erwin Fiala unterließ während des formellen Teils der Veranstaltung in Pischelsdorf jeglichen Kommentar mit dem Hinweis, er sei Professional, den man für seine Beiträge bezahlen müsse.

Ein wichtiger Akzent im Zusammenhang mit der Tatsache, daß wir heute eine aggressive Abwertung der Wissensarbeit erleben, wie wir das einst bei der Industriearbeit beobachten konnten, ohne in jüngerer Vergangenheit auf die Idee zu kommen, daß uns derlei auch betreffen könnte; noch dazu, wo der Bedarf an Content radikal gestiegen ist.

Fortsetzung:
Also erweitere ich meine „Reflexion über Pischelsdorf“ hier kurz um Bezüge zu dieser Ausfahrt nach Wien. Das paßt inhaltlich AUCH; weil ich in Pischelsdorf noch einige Überlegungen mit Philosoph Erwin Fiala debattiert hatte. Dabei gewannen zwei Teilthemen besonders scharfe Konturen. Das eine handelt vom Mangel an Trennschärfe zwischen Fragen der Kunst und Fragen der Kunstvermittlung.

Das andere handelt vom Mangel an Kenntnis der Entwicklungen eines/unseres Metiers, was etwa meint: Ich kann selbst bei bezahlten Kräften der steirischen Initiativenszene nicht voraussetzen, daß sie eine wenigstens kursorische Kenntnis der Entstehung und der wichtigsten Entwicklungsstufen dieses jungen soziokulturellen Phänomens haben.

Obwohl also diese Geschichte kaum weiter zurückverfolgbar ist als bis zum Ende der 1970er-Jahre, höre ich etwa von ausgewiesenen Funktionstragenden der Initiativenszene: „Tut mir leid, davon weiß ich gar nichts, dafür bin ich noch zu jung.“

Es ist nun etwas schwierig, einen kohärenten kulturpolitischen Diskurs zu führen, wenn mir der aktuelle Kontext unseres Metiers unklar ist, weil ich über seine inhaltliche Entwicklung zu wenig weiß. Aus so einer Position heraus bleibt es ferner problematisch, angemessene Vorstellungen zu entwickeln, die sich in kulturpolitische Streitgespräche einbringen ließen.

Veronika Ratzenböck präsentierte eine aktuelle Studie

Aber zurück zum Stichwort „Tal der Tränen“, zu meiner Wien-Exkursion und den Denkanstößen, die ich von dort mitbekommen hab.

Ich war eingeladen worden, einen Debattenbeitrag zu „Kultur und die EU-Regionalpolitik: Praxis und Perspektiven“ einzubrigen. Wir fanden uns im Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur ein. Unmittelbarer Anlaß dazu war, daß Veronika Ratzenböck und das Team der österreichischen kulturdokumentation [link] einige ihrer Arbeitsergebnisse präsentierten.

Im Zentrum der Veranstaltung stand eine neue Studie, die unter anderem unsere Arbeit zum Gegenstand hat, aber eben auch genau die Zusammenhänge der impliziten Frage: „Wozu brauchen wir das?“ Es geht um die Studie „Der Kreativ-Motor für regionale Entwicklung. Kunst- und Kulturprojekte und die EU-Strukturförderung in Österreich“.

Die Studie kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden: [link]

Außerdem ging es um ein „Policy Handbook“, genauer: European agenda for culure – work plan for culture 2011-2014: Policy Handbook. Dieses Dokument ist hier downloadbar: [link]

„Der Kreativ-Motor für regionale Entwicklung. Kunst- und Kulturprojekte und die EU-Strukturförderung in Österreich“

Die Studie betont, was ich am eigenen Metier zu kritisieren habe, denn wir sind die Ersten, die an der Behebung eben jenes Defizites zu arbeiten hätten: „Die Bedeutung von Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft für die Struktur- und Regionalentwicklung wird zwar immer stärker, aber noch zu wenig wahrgenommen.“

Mit dem Ensemble von Kategorien „Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft“ komme ich gut zurecht. Wir haben deutlicher herauszuarbeiten, was dabei das Genre Kunst sei und wodurch es sich von den anderen Genres unterscheidet.

In der Studie heißt es zu diesen drei Genres/Metier: „Sie sind Motoren für die europäische wirtschaftliche Dynamik, weisen überdurchschnittliche Wachstumsquoten auf und fördern neben Kreativität, Innovation und Unternehmergeist auch die so genannten weichen Faktoren wie z. B. Lebensqualität, Wohlbefinden und kulturelle Vielfalt.“

Na, es wird uns nicht fad werden, regional zu klären, wo und genau womit wir solchen Zusammenhängen gewachsen sind und was genau das für die Region bedeutet…

— [Dokumentation] —

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Tip: „zweintopf“ in Gleisdorf

Ein Teil der Arbeit des Duos zweintopf (Eva Pichler & Gerhard Pichler) führt konsequent durch den öffentlichen Raum. Andere Schritte okkupieren geradezu klar begrenzte Räume. So diese Landschaftsdeutung:

„fencing IV (landscape)“
zweintopf
Vernissage: Freitag 06.07.2012, um 18:00
Galerie einraum, Gleisdorf
(Ausstellungsdauer bis Ende Juli)

Das Duo "zweintopf“ und Kunstsammler Erich Wolf (rechts)

„Ein lineares Element, das eigentlich der Grenzziehung und -durchsetzung dient, wenn auch meist in Zusammenhang mit „untergeordneten“ Lebewesen, die es ohne großen Aufwand auf den ihnen zugeordneten Flächen hält, ist das Grundelement für eine raumgreifende Installation im Einraum Gleisdorf. zweintopf verwendet dazu handelsübliches Zaunband: ein vier Zentimeter breites Kunststoffgeflecht, verwoben mit feinen Drahtlitzen, das aus dem fortschrittlichen, westlichen Landschaftskontext kaum mehr wegzudenken ist.

Aus dieser Linie falten sich in unzähligen, genormten Schichten imaginäre Gebirge auf, die mittels Weidezaungerät unter gleichmäßig pulsierenden Strom gesetzt werden können. Eine Vereinnahmung des Raumes, die damit gleichzeitig seine strikte Ausnehmung bedeutet: die Landschaft und damit der Ausstellungsraum selbst scheinen sich hier zu wappnen, wenn sie sich nach dem Prinzip der Konditionierung jeder Berührung und damit einer planmäßigen Eroberung und Nutzung entziehen.“

Die Website von zweintopf: [link]

Heuchler und Schweigsame

Ich habe das Mißverhältnis der Mittel und Möglichkeiten zwischen Zentrum und Provinz oft zum Thema gemacht. Ein kritischer Diskurs, ein Zeichen von Verständigung, ein Bemühen, die Frage nach Verteilungsgerechtigkeit in kulturpolitische Debatten einzuführen, habe ich mit den Kolleginnen und Kollegen aus Graz noch nicht erlebt.

Quelle: Kulturförderungsbericht 2011 des Landes Steiermark

Aber auch in der Region/Provinz besteht da noch allerhand Klärungsbedarf. Was soll es geben? Was soll mit welchem Aufwand aus öffentlichen Geldern kofinanziert werden? Vor allem aber: Warum?

Es ging ja diesmal flott. Kaum hat sich der Staub in Pischelsdorf gelegt, die Hitze der Debatte ein Ende gefunden, um von der Hitze des Sommers ersetzt zu werden, da erreicht uns via Presse eine der zentralen Fragen, der wir uns wieder einmal nicht gewidmet haben. Dabei ist ja jede Frage nach den Agenda von Kulturpolitik auch eine nach den guten Gründen, um öffentliche Budgets bereitzustellen.

Katharina Zimmermann stellt via „Kleine Zeitung“ eine der maßgeblichen Fragen

Es ist eine Frage, auf die wir klare Antworten haben sollten. Der übliche Verweis auf interessante Studien ist müßig. Probier einfach, dem Bürgermeister von Hofstätten, der Bürgermeisterin von Urscha-Labuch auszurichten, daß sie jetzt endlich einmal die „Study on the contribution of culture to local and regional development“ lesen sollten; vielleicht innerhalb der nächsten vier Wochen, damit wir das Thema einmal debattieren können.

Man wird mir zustimmen, das ist kein sehr vielversprechendes Ansinnen. Ich kenne im Gegenzug genug Kunstschaffende, die waren noch nicht bereit, sich innerhalb von Jahren das regionale Regelwerk ihres Metiers, das Landeskulturförderungsgesetz von 2005, anzusehen; obwohl die Kenntnis solcher Grundlagen einem bei kulturpolitischen Vorhaben durchaus nützlich ist.

Kurz, wir behaupten viel und verknüpfen es vergleichsweise selten mit sachlichen Grundlagen, die zu ignorieren jede weitere Debatte hinfällig machen würde. Übrigens, ich hab einige lesenswerte Dokumente hier auf einer Liste zusammengefaßt: [link] Wir sollten ja besser nicht HINTER dem Status und UNTER dem Niveau von Arbeiten wie „Das kulturelle Profil der Stadt Graz“ (österreichische kulturdokumentation, 2007) debattieren…

Die in der Kleinen Zeitung aufgeworfene Frage sollte auch deswegen klare Antworten erfahren, weil wir regelmäßig erleben, daß kommunale Kräfte das Kunstfeld für politische Schlampereien mißbrauchen. Gerade solchen Leuten muß unmißverständlich geantwortet werden.

Ich hatte auf meinen Queue Cards für den Vortrag in Pischelsdorf ein exemplarisches Zitat. Es entstammt einer Gleisdorfer Wahlkampfbroschüre aus dem Jahr 2010, worin jede Person, die in den Gemeinderat wollte, eine Seite zur Verfügung hatte, um sich selbst und ihr Thema vorzustellen.

Warum redlich und sachkundig, wenn es auch unseriös und öffentlichkeitswirksam geht?

Wollte ich in den Gemeinderat, würde ich darstellen, welches kommunale Thema mir ein Anliegen ist, wo meine inhaltlichen Kompetenzen liegen. Ein Mann, der offenbar nichts dergleichen anzubieten hatte, lieferte den „Klassiker“. Er zerrte „Die Künstler“ vor den Vorhang, um mit einem Scheinargument die eigene Blöße zu bedecken.

Diese Nummer klappt immer, weil „Die Künstler“ der breiten Bevölkerung eher ein dubioses Milieu denn eine ernstzunehmende Berufsgruppe sind… woran vermutlich nur wir selbst etwas ändern können.

Indem der Mann eine sozial marginalisierte Randgruppe (Künstler und Künstlerinnen) gegen eine andere sozial marginalisierte Randgruppe (Bedürftige, Mindestrentner etc.) ausspielte, suggerierte er gesellschaftspolitische Kompetenz.

Nun ist erstens eben diese Polarisierung schon infam, weil sie unterstellt, Kunstschaffende würden den Ärmsten etwas wegnehmen, zweitens ist das sachlicher Mumpitz. Würde man das gesamte Kulturbudget der Steiermark streichen, hätte man noch nicht einmal zwei Prozent des Landsbudgets eingespart.

In der Debatte haben wir hauptsächlich erörtert, welche Fragen und Argumente stichhaltig seien. Jetzt fehlt noch Teil II, in dem Fragen geklärt und Argumente verfeinert werden.

Da müßte jeder Regionalpolitiker wissen, daß es vermutlich in anderen Ressort dringlicheres Einsparungspotential geben MUSS. Bei der Kultur ist einfach zu wenig da, um es – im schlimmsten Fall – sogar zu vergeuden.

Es ist demnach eine üble Heuchelei oder wenigstens ein Mangel an Kompetenz, wenn jemand das Herunterstutzen von Kulturbudgets fordert, um die Budgets der Kommunen und des Landes zu sanieren. Das ist also die eine Sache, die wir darzustellen in der Lage sein sollten, die andere eine klare Argumentation guter Gründe, die für eine permanente Kofinanzierung von Kunst und Kultur sprechen.

Ich betone: Kofinanzierung! (Hundert Prozent Abhängigkeit vom Staat kann ich als freischaffender Künstler nicht für wünschenswert halten.) Wenn sich aber die Heuchler gegenüber Schweigsamen breit machen können, ohne Einwände zu hören, wird es für uns eng…

— [Dokumentation] —

Kunst-Karaoke

Ich hatte der Veranstaltung ein Statement vorausgeschickt. Es zielte auf den Umstand, besser gesagt: Mißstand, daß auf dem Lande schon viel zu lange Kunst und Kultur auf völlig diffuse Art begrifflich ineinander vermengt werden, Inhaltsfragen und Vermittlungsfragen wenn schon, dann ohne jede Trennschärfe zur Debatte stehen, was in Summe dazu geführt hat, daß vor allem Kultur, aber dann auch Kunst, soweit dem Budgets gesichert sind, eher der sozialen Reparaturarbeit gewidmet werden, als diesen oder jenen Agenda der Kunst.

Das ist durchsichtig, wird nicht einmal bemäntelt und findet verblüffend wenig Widerspruch seitens Kunst- und Kulturschaffender in der Provinz.

Ich darf auch wiederholen, daß uns allerhand bildungsbürgerliches Personal um die Ohren schwirrt, teils mit akademischen Graden dekoriert, das ohne wenigstens grundlegende Kenntnisse dieser Zusammenhänge einfach drauf los werkt.

Darunter nicht wenige Spießer und Mittelschicht-Trutschen, die in stiller Kumpanei mit pittoresk auftretenden Kreativen die Operettenversion von Kunstschaffenden geben: Der Künstler als Poet, Rebell, Bohémien? Die Künstlerin als Sozialarbeiterin und Salondame? Solche Kostümierungen kommen vor und bekräftigen verbreitete Stereotypen, die uns dann bei der Arbeit im Weg herumstehen.

Die Rollenbilder, die Berufsbilder bleiben dabei vollkommen diffus. Der Mythos von einer „Königsdisziplin Freelancer“ wird weiter gefüttert, damit die „Heldenbilder“ was hergeben. Diese ganze Klamotte hilft natürlich, den Betrieb für allerhand dem Genre vollkommen fremde Aufgaben zurechtzustellen und die möglichen Budgets als Manövriermasse verfügbar zu halten.

In genau solchen Zusammenhängen wird dann auch einmal mehr der Begriff „Kunst“ ganz beliebig besetzt, vorzugsweise mit „Kulinarik“ gekoppelt, weil solche Verquickung Publikum verspricht, um so Terrains zu beleben, für die etwa dem City Management oder dem Tourismusbüro längst sachgerechte Ideen ausgegangen sind.

Warum nicht auch noch eine Tombola anbieten, auf der unbeholfen gemachte Laienarbeiten ohne jeden Marktwert der Verlosung anheimfallen? Hauptsache gesellig und es läßt sich darstellen, daß viele Leute da waren.

Derlei „Kunst-Karaoke“ soll ein Feld markieren, auf dem dann nicht gar so auffällt, daß Budgets für Kunst und Kultur recht häufig ganz widmungsfremd eingesetzt werden, um in der Kommune soziale Reparaturleistungen hinzuklotzen, weil in den letzten zehn, fünfzehn Jahren landesweit so viel schief gegangen ist, daß es sich inzwischen einfach nicht mehr bemänteln läßt.

Da zeigt sich dann auch oft, daß innerhalb kultureller Communities das „Karaoke“ ebenso Standard geworden ist, gleichermaßen in der Kommunikation nach innen wie nach außen. So erklärt sich etwa, warum der Boulevard-Tonfall sich derart breit macht. Die öffentlichen Debatten zur steirischen Kulturpolitik haben leider einen hohen Anteil an Geplärre im Propagandastil von Rechtspopulisten, an völlig überzeichnenden Alarmismus und was sonst noch beitragen mag, einigermaßen präzisen Diskurs durch polemisches Bellen zu ersetzen.

Das Statement, von dem ich eingangs schrieb, lautet:
„Wir haben auf dem Lande zu klären und nach außen darzustellen, warum die Bereiche künstlerischer Praxis und deren Vermittlung weder als ‚Kreativ-Werkzeugkasten’ zur Bearbeitung sozialer Defizite mißbraucht werden dürfen, noch als Teil der Tourismus-Agenda zu begreifen sind. Die Befassung mit Kunst ist ein völlig eigenständiges Ensemble von Handlungs- und Erfahrungsweisen im Ausloten der Conditio humana, kein ‚Ersatzteillager’ für diverse Baustellen menschlicher Gemeinschaft.“

— [Dokumentation] —