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Was es wiegt, das hat’s XXVIII: Kollektivvertrag?

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Ich hab mich während der ersten Corona-Phase im Jahr 2020 daran gestoßen, daß mir eine Reihe kulturpolitisch begründeter Plattformen keinerlei neue Überlegungen anboten, die sich diskutieren ließen; als eine erkennbare Reaktion auf den nun offensichtlichen Umbruch, den die Pandemie zwar nicht ausgelöst, aber verdeutlicht hat.

November 2009: IG Kultur-Expertin Gabriele Gerbasits zu Gast in Gleisdorf
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Symposion: Zwischenbilanz und Ausblick

Kürzlich besuchte mich Herbert Nichols-Schweiger, damit wir in meinen sich verdichtenden Vorbereitungen des Kunstsymposions einige Fragen erörtern konnten.

Mir liegt daran, ihn gerade in dieser Serie von Konferenzen an Bord zu haben, denn es gibt bei uns nur wenige Menschen, die das Kunstgeschehen und den Kulturbetrieb in der Steiermark der Zweiten Republik so gründlich und umfassend kennen.

Herbert Nichols-Schweiger, ein profunder Kenner des steirischen Kulturbetriebs der Zweiten Republik

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Wovon handelt Kulturpolitik? #20

Ich habe in der jüngeren Vergangenheit mehrfach geltend gemacht, daß der kulturpolitische Diskurs in der Steiermark offenbar den Bach hinuntergegangen sei. Und ich habe dabei die IG Kultur Steiermark nicht zu knapp kritisiert, weil ich zur Ansicht gekommen war, daß diese Interessensvertretung steirischer Kulturschaffender zu stark auf Graz konzentriert sei, dabei überdies zwischen kulturpolitischen Polemiken und Textimporten aus Wien (IG Kultur Österreich) genuin steirische Positionen und Konzepte weitgehend fehlen lasse.

„kunst der kulturpolitik“, eine veranstaltungsreihe der IG Kultur Steiermark

Dieser Befund hat sich so als nicht haltbar erwiesen. Es gilt nun eine Vortragsreihe als fixiert, welche tief in derlei Themenstellungen hineinreicht. Unter dem Titel „kunst der kulturpolitik“ wird eine Serie von Inputs geliefert, sollen die Debatten in Gang kommen.

Bei der IG Kultur Steiermark hat man nun kuriosen Humor gezeigt und… ausgerechnet mich zu einem Vortrag eingeladen. Ich werde am 29.06.2012 ab 18:00 Uhr ordinieren. Und zwar, das ist ein nächstes, überaus originelles Detail in der Sache, im Hause von k.u.l.m. (Kulm 49, 8212 Pischelsdorf).

Fein! Und ich will nicht zimperlich sein. Zwar wäre ich vermutlich gerne um Thema und Titel meines Vortrages gefragt worden, doch wenn es nun schon da steht, kann ich mich natürlich auch danach richten: „kulturpolitiken im ländlichen raum”. Das läßt ja einigen Spielraum zu.

Bei "kunst ost" versuchen wir klarzustellen: Uns gibt es auf jeden Fall und was wir tun, hat Bestand wie Perspektive; Politik und Verwaltung sind eingeladen, mit uns zu kooperieren

Bemerkenswert ist, daß ich per Einladung (siehe oben) der Bezirkshauptstadt Weiz einverleibt wurde, wo ich doch mein Schicksal angefleht habe, man möge über nun schon mehrere Jahrzehnte bemerkt haben, daß meine Arbeit von Gleisdorf ausgeht. Aber das ist andrerseits ein origineller Beitrag zum momentan so akuten Thema der „Zentrum-Provinz-Spannungen“ in der Region.

Es trägt uns ja eine Verwaltungsreform zu neuen Ufern und da bleibt demnächst kaum eine Gemeindegrenze auf der alten. Das sorgt für heftige Emotionen in der Oststeiermark; siehe etwa: [link] Da sollte es also auch einmal Gleisdorf zu spüren bekommen, wie es ist, wenn man als Weiz wahrgenommen wird, was sich sonst Ludersdorf, Albersdorf etc. von Gleisdorf gefallen lassen muß ;-)))

So gesehen wurde mir der Ball in launiger Weise aufgelegt. Es ist auch die überaus richtige Zeit, um aktuell zu klären, was genau wir uns eigentlich unter Kulturpolitik vorstellen und wer darin welche Positionen einnehmen könnte. Bei kunst ost haben wir inzwischen klar demonstriert, daß die inhaltliche Arbeit und das Definieren von Rahmenbedingungen erst einmal von uns ausgeht, also Sache der Zivilgesellschaft ist.

Aus dieser Arbeitshaltung heraus bestimmen wir auch, welche wesentlichern Ereignislinien geplant und praktisch verfolgt werden. Davon ausgehend suchen wir den Diskurs mit Leuten aus der kommunalen Kulturpolitik und die Kooperation mit Leuten aus der Verwaltung.

Dabei ist die Hauptposition genau NICHT dem Motto: „Wir wünschen, Ihr bezahlt, wir spielen!“ gewidmet. Wir haben auch keine Erwartung, daß eine hundertprozentige Finanzierung durch die öffentliche Hand verhandelbar und erreichbar wäre. Polemisch verkürzt: Hundert Prozent Abhängigkeit vom Staat assoziiere ich mit Nordkorea, aber nicht mit Österreich.

Ich hab das schon im vorigen Eintrag thematisiert: [link] Inklusive der regionalpolitischen Unruhe, mit der wir rechnen müssen, weil der 31.12.2014 ein hartes Datum ist, bei dessen Vorlauf wir ebenso Belastungen erwarten müssen wie in der Zeit danach.

Wir müssen also JETZT darüber reden, auf welche Art wir uns wappnen können, wenn die realpolitischen Kräftespiele ihr Personal derart belasten, daß sie vermutlich als erstes das Thema Kunst & Kultur über Bord werfen werden. Ich habe bei einem steirischen LEADER Kultur-Treffen [link] vor einigen Tagen genau das zum Auftakt der Session herausgestrichen. Alles schon dagewesen! Nun sollten wir nicht mehr kalt erwischt werden, sondern gut aufgewärmt sein, wenn es eng wird.

Zur Erinnerung: Im Jahr 2010 hatte der Österreichische Gemeindebund Bevölkerung und Orts-Chefs befragen lassen, in welchen Bereichen Einsparungen am ehesten Akzeptiert würden. Spitzenreiter wurden dabei Kunst & Kultur mit 92% bzw. 95% Akzeptanz für Kürzungen. So kam es dann auch.

Diesmal wissen wir was kommen wird und wann es kommen wird…

— [übersicht] —

ach, die kunst!

es steht außer zweifel, DAS ist der klassiker: „ah, sie sind künstler. und was arbeiten sie?“ erstaunlich wenig menschen kommen auf die idee, daß sie es hier mit einer PROFESSION zu tun haben könnten. die rache der romantischen professionals gipfelt dann in: „ach, es ist mit der kunst so schwierig!“

da treffen sich zwei seiten im OBSKURANTISMUS. der chor schwillt an, wenn die verunsicherten mitplaudern, die sehnsüchtigen und die grimmigen. „naja, das kann man eigentlich nicht so genau sagen, was kunst ist.“ so? warum denn nicht? „wenn man das sagen könnte, müßte man es ja nicht MACHEN.“

nun haben wir menschen über jahrtausende die fähigkit zum symbolischen denken entwickelt, haben uns verschiedene kommunikationswege erschlossen, auf denen wir sehr unterschiedliche codes einzusetzen verstehen. aber plötzlich soll über das tun nicht geredet werden, sollen inhalte und bedeutungen der debatte entzogen sein? schade um die viele arbeit!

vor ein paar hundert jahren war das einfacher geregelt. kunstwerke zu ordern ist den alten eliten vorbehalten gewesen. aristokraten und kleriker traten im namen gottes als auftraggeber auf, kunstwerke waren auf erden der repräsentation dieser herrschaften gewidmet und nebenbei höheren idealen gutgeschrieben.

der große rest der menschen, der pöbel, hatte damit nichts zus schaffen. (irgendwer mußte sich ja krummlegen, um jenen mehrwert zu erwirtschaften, den der kunstbetrieb verbrauchte.)

die kunstschaffenden hatten in früheren zeiten mit sehr eingeschränkter bedeutung zurecht zu kommen und mußten der herrschaft dienstba. das hat sich mittlerweile sehr geändert. deshalb sind wir freilich weder fragen des MARKTES losgeworden, noch von der dominanz diverser eliten befreit. einerseits DEUTUNGSELITEN, die laufende diskurse führen, was kunst sei und was nicht, andrerseits KAUFMÄNNISCHE kräfte, die marktwerte bewegen.

zwischen solchen „brückenpfeilern“ wäre noch so allerhand zu verhandeln und zu einzurichten. solange wir die debatten meiden, um stets neu zu klären, was kunst sei und was nicht, überlassen wir diese definitionen allein der ökonomie und der politik. keine gute idee!

solange wir unsere blicke mit romantischem geschwätz trüben und einander klischees aus dem vorigen jahrhundert hersagen, wird es aussichtslos bleiben, dem lauf der dinge neue bedingungen abzutrotzen. natürlich ist es schwierig, in österreich durch künstlerische arbeit ein erträgliches jahreseinkommen zu erwirtschaften. (das ist in vielen anderen branchen auch so.) nebenbei sind fragen der steuern und der sozialversicherung geradezu obszön schlecht geregelt und werden der realen berufssituation kunstschaffender in österreich nicht im mindesten gerecht.

dazu kommt, daß wir in politik und verwaltung quer durchs land nur sehr selten das glück haben, auf sachkundige persdonen zu stoßen. denn meist wird in kommunen die kulturpolitik so verstanden, daß man spärliche budgets zu verteilen und veranstaltungen zu eröffnen habe; das war’s.

solange die einzige antwort auf all das der landesübliche jammer-ton ist, wird sich daran nichts verändern lassen. mich intertessiert eher, die befunde zu präzisieren, schlüsse daraus zu ziehen und handlungspläne daraus abzuleiten. dann wäre noch TUN nötig.

p.s.: ich schätze sehr die evidenz von diskursbeiträgen bei der „ig kultur österreich“: [link] es wäre ja vorzüglich, wenn sich auch andernorts kunstschaffende in öffentliche diskurse über kunst und deren bedingungen einbringen würden.