Archiv für den Tag: 3. Dezember 2011

Prioritäten prüfen

Die Frage nach dem Rang Kultur- und Kunstschaffender

Diesmal ein sehr kleines Plenum mit der Arbeit an großen Vorhaben. Wir hatten uns in der Nachbarregion („Vulkanland“) getroffen, auf Schloß Hainfeld. Beim vorangegangenen Plenartreffen [link] waren schon einige Punkte deutlich geworden, die nun greifbarer gemacht werden müssen. Der Hintergrund all dessen ist heuer kontrastreich.

Zusammenfassend läßt sich sagen: Nun ist rund ein Jahr vergangen, seit die Konsequenzen mehrjähriger Krisenentwicklungen, national und international, ganz konkret und hart zur Basis regionaler Kulturschaffender durchgeschlagen haben.

Irmgard Hierzer (links) und Irmgard Eixelberger

Ende Oktober 2010 war klar, daß sich die Kommunen von uns zurückziehen, um sich mit allenfalls verbleibenden Kulturbudgets um ihre „hauseigenen“ Einrichtungen zu kümmern. Allein die Stadt Gleisdorf hat ihr Kulturbudget in zwei Jahresschritten (2010/2011) um 75 Prozent reduziert. Genau! Es blieb bloß noch ein Viertel übrig. Was das auf viele kleine Gemeinden umgelegt bedeutet, ist klar: Null Prozent Rest.

Inzwischen wurde sogar der Ausstellungsbetrieb im Gleisdorfer „Museum im Rathaus“ eingestellt und dieser wichtige wie zentrale Veranstaltungsort bleibt ab nun weitgehend privater Initiative überlassen. So schaut’s aus, punktum. Es gab keinen Moment, wo etwa das Kulturreferat bekanntermaßen engagierte Leute an einen Tisch gebeten hätte, so im Sinne von: „Wir sollten über den Status quo reden“.

Also kein kulturpolitischer Diskurs. Also minus 75 Prozent. Also keine Gespräche. So ist es gekommen. Wird es so bleiben? Zum Glück nicht ganz. Das war alles sehr anregend. (Ironie!) Die Politik beginnt nun doch noch, auf unser Bestreben zu reagieren. Worum geht es aber insgesamt?

Schloß Hainfeld war ja gerade erst unser Treffpunkt, um den Themenbrocken „Kunst Wirtschaft Wissenschaft“ in unsere Praxis herüberzuführen: [link] Siehe dazu auch die Notiz: [link] Das ist einer der Themenschwerpunkte im aktuellen Konzentrationsprozeß.

Gerhard Flekatsch

Ein anderer Aspekt betrifft die Frage nach dem Rang Kultur- und Kunstschaffender innerhalb der Regionalentwicklung. Da haben die Kommunen der „Energie-Region“ gerade einen anspruchsvollen Prozeß gestartet, der unter dem Aspekt von „BürgerInnenbeteiligung“ in die nächsten Jahre hinein wachsen soll. „Vision 2050“ ist für uns auf jeden Fall ein Anlaß, um zu demonstrieren, was kulturelle Kompetenzen in einer regionalen Gesellschaft sind und bedeuten.

Wir haben beim aktuellen Plenum erörtert und beschlossen, dem eine Serie von Arbeitstreffen folgen zu lassen. Die Themen-Website dazu gib schon einen Überblick, was in der Sache bisher zur Diskussion stand: [link] Nun wird „kunst ost“ seine Rolle in diesem Prozeß noch präzisieren.

Das bedeutet, wir bemühen uns, klarer erkennbar zu machen, daß zwar die künstlerische Praxis selbst kein soziales oder politisches Werkzeug ist und daß unsere künstlerische Arbeit sich selbst verpflichtet bleiben sollte, daß aber Kompetenzen, die wir aus der Befassung mit Kunst beziehen, im Gemeinwesen wichtig sind.

Wir haben außerdem erörtert, wo ein kulturpolitischer Diskurs ansetzen kann, da uns die letzten zwei Jahre mehr als deutlich gezeigt haben: Es gibt in den Kommunen der Region keinen breiten Konsens, sich für eine zeitgemäße Kulturpolitik zu engagieren, weil es darüber keine ausreichende Sachkenntnis gibt.

Landeszentren haben es da leichter, weil da historisch gewachsene Milieus bestehen, deren kulturelle Ansprüche und deren Kulturverständnis die Basis eines kulturellen Klimas ergeben, von dem die „Provinz“ keine Spur zeigt. Gut, es ist eben so und da bleiben momentan nur wir Kulturschaffende, die sich dem widmen mögen. Das heißt auch, Graz hat alle Vorteile materieller und immaterieller Art gegenüber der restlichen Steiermark, eine angemessene Wechselwirkung in der Frage findet kaum, eigentlich eher nicht statt.

Kernpunkt: Wenn wir den Leuten in Politik und Verwaltung klar machen möchten, warum es uns geben soll und warum Kommunen in den Kulturbereich investieren müssen, sollten wir das erst einmal uns selbst klar machen.

Dazu gehören auch Fragen nach Vermittlungsarbeit und Präsentation. Wir kennen die Falle. Alle Welt flötet: „Quoten sagen doch nichts aus.“ Aber unterm Strich fragt die Politik: „Wie viele Besucherinnen und Besucher waren da?“ Die konventionelle Verwertungslogik dominiert. Wir sind dem bisheute noch nie ausreichend streitbar entgegengetreten. Wir ließen es bisher an klaren Argumenten fehlen.

Wenn wir das nicht aufbrechen, wird es niemand sonst tun. Also haben wir auch uns selbst zu fragen: Warum soll es Ausstellungen geben? Welchen Sinn und welchen Stellenwert hat Präsentation? Wie viel davon sollte allenfalls zugunsten anderer Aktivitäten zurückgenommen werden?

Wir waren uns freilich einig: Das soll es weiter geben. Wir werden uns auch zukünftig über diesen Weg an eine Öffentlichkeit wenden, ein Publikum suchen. Doch insgesamt muß das Repertoire verschiedener Kulturveranstaltungen überdacht werden. Auf eine Kommunikation mit einem Publikum werden wir nicht verzichten. Aber es geht auch noch um ganz andere Settings und ganz andere Aufgabenstellungen.

Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov mit Unternehmer Andreas Kindermann (Mitte) und Tierarzt Karl Bauer

Das kommende Aprilfestival bleibt natürlich auf der Checkliste: [link] Es wird allerdings konzeptionell gründlich zu überarbeiten sein. Unser „FrauenMonat“ bleibt auch auf dem Programm. Da hat Kuratorin Mirjana Peitler-Selakov aus dem letzten Sommer heraus offenkundig mehrere Durchbrüche geschafft. Siehe dazu auch die Notiz „Frauen, Technik, Kunst“: [link]

Für den Herbst 2012 ist ohnehin schon länger eines von zwei Symposien fixiert, mit dem wir auf die Ebene eines internationalen Kunstdiskurses gehen. Der kommende Herbst ist dem Thema „regionalität und realität // globalität und virtualität“ gewidmet; siehe: [link]

Wir sind also gerüstet, die Positionen Kulturschaffender jenseits des Landeszentrums neu zu besetzen und zu begründen.

Die Künstlerhaus-Debatte #5

Der Staub legt sich, Klarheit nimmt zu

Das Grazer Feuilleton ist gerade nicht um große Klarheit in der Sache bemüht. Aber angesichts des Joanneum-Jubiläums mit seinen Themen darf man das vielleicht auch augenblicklich kaum erwarten. Immerhin gingen sich ein paar schneidige Headlines aus.

Wer wird über das Künstlerhaus verfügen können?

Und immer wieder mein Gedanke: Was kann zur Zeit gewußt werden? Künstlerin Eva Ursprung müht sich mit großer Zähigkeit, beim Ordnen und Klären des Status quo Transparenz herbeizuführen. Ich muß ein paar Punkte aus dem vorigen Eintrag [link] revidieren. Wo steht also die Sache inhaltlich und wer ist in der Sache aufgestellt?

Mir scheint, wir haben momentan
a) eine „Diskurs-Partie“ und
b) eine „Konzept-Partie“
… natürlich mit einigen Überlappungen.

Aus der „Diskurs-Partie“ kam kürzlich ein sehr interessantes kulturpolitisches Papier, das ich deshalb „Einser-Papier“ nenne, weil es das erste kohärente Dokument ist, das in dieser laufenden Debatte als profunde Arbeitsgrundlage für den Weg zu Handlungsplänen dienen könnte. Es trägt den Titel „Zur Lage der bildenden Kunst in Graz“ [link]

Dieser Text ist von 15 Personen unterzeichnet, unter ihnen so versierte Kräfte wie Reinhard Braun oder Astrid Kury. Inzwischen erfahre ich, daß auch der schon erwähnte, aber noch nicht publizierte „30-Seiter“ von diesen Personen stammt. Hier scheinen sich also inhaltliche Kompetenz und praktische Erfahrung zu bündeln, um einen kulturpolitischen Diskurs zu speisen. Das klingt für mich sehr vielversprechend.

Unter dem gleichen Titel, nämlich „Zur Lage der bildenden Kunst in Graz“, hat übrigens auch Joanneum-Boss Peter Pakesch eine Stellungnahme veröffentlicht: [link]

Dann wäre da noch das „Manifest“ der IG Kultur Steiermark, in meiner Diktion: „Der Wunschzettel“. Dieser Wunschzettel ist, so erfuhr ich, das Ergebnis einer Session von „15 am papier beteiligten künstler*innen und kulturschaffenden“, die auch Teil jener themenbezogenen Mailinglist sind, zu der die IG Kultur eingeladen hat. Eva Urpsung betont allerdings, daß die IG Kultur hier zwar Promotorin sei, doch nicht die „big mama“ dieser Runde.

Dort haben sich im Augenblick rund 40 Personen aus der Branche eingefunden. Die Page: [link] Das PDF-Dokument: [link] Wollen wir doch voller Zuversicht annehmen, daß 15 Leute aus unserem Metier die Kraft haben, aus einem simplen Wunschzettel noch ein richtiges „Manifest“ zu machen. Die Kommunikation nach außen soll sich bei dieser wachsenden Gruppe über jene schon erwähnte Website ereignen, die seit gestern online ist: [link]

Künstlerin Eva Ursprung

Eva Ursprung ringt energisch darum, daß sich eine möglichst heterogene Community in jene Prozesse einlassen möge, welche zu einem Konzept führen sollen, die auf ein selbstverwaltetes Haus weisen. Dabei geht es ihr um „die erprobung basisdemokratischer, kollaborativer prozesse“; eine sehr anspruchsvolle Intention.

Ein selbstverwaltetes Haus ist höchstwahrscheinlich nicht ganz nach dem Geschmack der „alten Verbände“, die momentan von Künstlerin Beate Landen vertreten werden. Die Ansprüche dieser Verbände haben a) historische Dimension und werden b) in der Repräsentanz von rund 400 steirischen Kunstschaffenden begründet. Ein Konzept der Verbände soll bei Landeskulturreferent eingelangt sein; neben einigen anderen Konzepten, deren Absender Buchmann genannt hat, deren Inhalte wir noch nicht kennen: [link]

Peter Pakesch hat zum Thema Künstlerhaus schon wissen lassen, er könnte zwar, müßte aber nicht unbedingt: [link] Im Grazer Stadtmuseum herrscht eher Zurückhaltung bezüglich Mitteilungen. Die Kleine Zeitung berichtete im Oktober: „Museumschef Otto Hochreiter ist für diesen Vorstoß offen, er hat auch bisher im Stadtmuseum regelmäßig Ausstellungen Grazer Künstler gezeigt.“ Es gehe um einen Dialog mit den Vereinen: [link]

Nun bin ich neugierig, was der 30-Seiter zeigen und zur Debatte stellen wird, ob aus dem IG Kultur-Wunschzettel noch ein richtiges Manifest wird und was der Landeskulturbeirat über die eingereichten Konzepte verlautbaren wird. Es ist also eine Zeit, in der nun gestellte Ansprüche mit Taten unterlegt werden müssen.

[Die Debatte: Übersicht]