Archiv für den Monat: August 2011

umbrüche

es sind oft feine kräftespiele, die eine position vom feld des kunsthandwerkes hinüber zur kunst verschieben. irmgard eixelberger bewegt sich gerade als grenzgängerin zwischen diesen zonen. ihre profunde kenntnis des brauchtums im agrarischen leben ergab nun einen anknüpfungspunkt für uns, um zu einer ersten „erweiterten runde“ zusammenzufinden, in der wir einige künstlerische optionen der „tage der agrarischen welt“ debattierten.

tierarzt karl bauer, die künstlerinnen herta tinchon, michaela knittelfelder-lang und irmgard eixelberger

auch hier gilt, daß kunstschaffende nicht zu einem „dekorationsgeschäft“ aufgerufen sind. es geht darum, daß sie mit ihren bevorzugten mitteln auf gemeinsam festgelegte frage- und aufgabenstellungen reagieren. im dialog mit leuten, die genau das mit anderen mitteln tun. dieser zugang basiert auf einer vorstellung, die wir dem „april-festival“ 2011 zugrunde gelegt hatten:

„Wenn diese Region eine Erzählung wäre, dann könnte sie sich selbst erzählen, falls die Menschen, die hier leben und arbeiten, ihre Stimmen erheben würden. Die Stimmen zu erheben ist in diesem Fall auch metaphorisch gemeint und bezieht sich auf das Einsetzen der jeweils bevorzugten Kommunikations- und Gestaltungsmittel.“ [quelle]

medienkünstler niki passath (links) und unternehmer tino pölzer bei den startvorbereitungen der „essigrakete“

das bedeutet zum beispiel ebenfalls, kunstschaffende von auswärts mit verschiedenen akteuren des regionalen gemeinwesens in interaktion zu bringen. ein beispiel dafür war die session beim unternehmer-ehepaar jaqueline und tino pölzer, bei der wir experimentalbäckerin ida kreutzer, medienkünstler niki passath und fotograf emil gruber zu gast hatten. [die crew]

nun arbeiten wir am kommenden „april-festival“ das den titel „leben: die praxis der zuversicht“ [link] tragen wird. mit dem eingangs erwähnen arbeitstreffen ist auch eine erste laborgruppe formiert worden, zu der sich noch der fotograf christian strassegger und die künstlerin renate krammer zählen. strassegger arbeitet übrigens auch an einem eigenen konzept für einen beitrag zu den „tagen der agrarischen welt“.

wir gehen gerade daran, unseren aktuellen arbeitsansatz mit landesrat christian buchmann zu debattieren. aus unserer konzeption ergibt sich nämlich ein ganz anderer modus als herkömmlich zirkulierende „geschäftsmodelle“, wie wirtschaftstreibende und kunstschaffende mit einander zu tun haben können. dieser modus steht auch im kontrast zu gängigen befürchtung, die wirtschaft werde die kunst vereinnahmen. wenn sich dieser ausgangspunkt klar markieren läßt, nämlich eine gemeinsamen fragen- und aufgabenstellung, dann ergeben phantasien vom vereinnahmen keinen sinn.

der kanadier simon brault gibt in seiner streitschrift “no culture, no future” einen anregenden hinweis auf solche zusammenhänge: „We are still locked in a restrictive mode that is preventing us from taking full advantage of the potential of the arts and culture, which are incredible vectors of creativity, the principal driver of economic and social growth.“

brault sagt ebenso unmißverständlich: „Culture is not a parasite of economic and social development, but it can be a motor for it.“

apotheker richard mayr (links) und büchsenmacher franz lukas als akteure im kunstgeschehen

das verlangt etwa, herkömmliche rollenzuschreibungen aufzugeben. als beispiel: wenn ich mich bemühe, versierte unternehmer für ein projekt zu gewinnen, und zwar als akteure, dann betrachte ich sie nicht als „geldquelle auf zwei beinen“, sondern als personen, die a) interessante kompetenzen einbringen und b) ihrerseits sehr konkrete erfahrungen mit unserem milieu und unseren arbeitsweisen machen.

das bringt nicht bloß interessante ergebnisse, wie sich etwa im fall von „ist gleich/ungleich“ gezeigt hat. da ging es mir darum einen kaufmann (richard mayr), einen ingenieur (andreas turk) und einen handwerker (franz lukas) für ein gemeinsames vorhaben zu gewinnen: [link]. derlei modi verändern auch die kulturelle situation eines ortes.

nun geht es darum, solchen wechselseitigen erfahrungsprozessen mit ihrer gemeinsamen wirkung nach außen als ein spezielles kulturelles geschehen dauer zu verleihen. dabei spielt zwar die gegenwartskunst eine wichtige, aber nicht die einzige rolle.

ich hab übrigens gerade zusammengefaßt, welche art von rolle ich in solchen zusammenhängen für kunstschaffende sehe: [link]

es geht mir da um eine klare position, sich den verschiedenen varianten simpler verwertungslogik zu entziehen. was sich nun interessanterweise zeigt: genau darin, nämlich im ablehnen simpler verwertungslogik, finden wir dann auch mit manchen wirtschaftstreibenden und einzelnen leuten aus politik und verwaltung konsens. offenbar ein tauglicher ansatz, um begegnung und umgang in augenhöhe zu erproben.

was ist kunst? #18

in zeiten knapper budgets steigt die tendenz, kulturbudgets anzufechten. das hat viele wurzeln. zentrale ressentiments gegenüber diesen genres liegen vermutlich in vorstellungen, wie daß „kultur“ eine freizeitangelegenheit sei und gegenwartskunst sowieso etwas elitäres, das als vergnügen von minoritäten aus dem breiteren gesellschaftlichen geschehen ruhig verschwinden könne.

in solchen attitüden antwortet der vormalige untertan früherer herrschaft. hundert generationen als dienstboten, als mägde und knechte, haben in vielen von uns noch ihre gegenwart. wäre die befassung mit kunst ein dekadentes vergnügen, gleich dem übermäßgen verzehr von süßigkeiten, könnte ich diese pose der aufsässigkeit nachvollziehen.

debatten und erfahrungsaustausch: künstlerin eva ursprung bei den "talking communities"

sehr kurios, daß die nachfahren von mägden und knechten nicht gerade häufig auf den gedanken kommen, fürsten und bischöfe hätten nur zu gut gewußt, warum sie sich diesen bereich, die befassung mit kunst, selbst vorbehalten, während sie den pöbel lieber sehen, wie er sich auf den feldern krummschindet.

denn da ging es all die jahrhunderte im kern um „herrschaftswissen“, auch darum, herr der zeichen zu sein. wer über ein feines reflexionsvermögen verfügt, wer kommunikation beherrscht und herr der zeichen ist, wer also auf symbolischer ebene zu dominieren versteht, hat enorme politische möglichkeiten zur verfügung. ich skizziere hier demnach eine grundausstattung der werkzeugkastens der macht.

jeder polizeistaat, der auf kontrolle der menschen durch physische gewalt setzt, kommt früher oder später an unüberwindliche grenzen seiner tyrannis. gerade der „arabische frühling“ erinnert uns zur zeit daran, daß die tyrannis an einen punkt gelangen kann, wo bügererinnen und bürger mit bloßen händen selbst gegenüber bewaffneten einheiten nicht mehr zurückschrecken.

macht hat also noch ein anderes arsenal als bloß waffenkammern. wie erwähnt, kommunikation, die beherrschung von zeichen und symbolen, damit also die fähigkeit, auf symbolischer ebene den lauf der dinge zu gestalten, reflexionsvermögen, in folge all dessen auch: ausdruckskraft.

drei fotografen, drei konzepte, von links: franz sattler (sitzend) christian strassegger und emil gruber

mit einigen veränderten vorzeichen, wenn es nicht um fragen der machtausübung gehen soll, kann der vorige satz auch auf das thema KUNST angewandt werden. und jetzt dämmert vielleicht manchen, warum es uns so schwer fällt, der gegenwartskunst in der breiten bevölkerung mehr gewicht zu verschaffen und die befassung mit kunst aus dem geruch des dekadenten eliten-vergnügens herauszubringen.

es gibt nur wenige felder menschlichen tuns, wo wir – einerlei, ob als schaffende oder rezipierende – uns so fundamental mit der summe der genannten möglichkeit beschäftigen können; und zwar höchst konzentriert, ohne diese beschäftigung dabei ANDEREN zwecken zu unterwerfen.

zusammengefaßt:
die beschäftigung mit kunst, einerlei, ob als schaffende oder rezipierende, ist unter anderem das üben von kommunikation, das erlernen der beherrschung von zeichen und symbolen, damit also das erlangen der fähigkeit, auf symbolischer ebene den lauf der dinge zu gestalten, das reflexionsvermögen zu stärken, in folge all dessen auch seine eigene ausdruckskraft zu verfeinern, zu verstärken.

wenn sie es einmal unter diesem aspekt betrachten, darf ich die frage empfehlen: und wer will, daß ein ganzes volk sich in diesen möglichkeiten übt?

ein paar weitere hinweise:
wir sind sinnsuchende, zuweilen sinnsüchtige wesen. ich denke, das erklärt sich allein schon in seinem gegenteil. werden menschen zur sinnlosigkeit gezwungen, verdammt, nehmen sie daran sehr bald schaden. kommunikation ist eines der hauptinstrumente von sinnsuche.

das leiden an sinnlosigkeit ist übrigens ein problem, an dem in einer konsumgesellschaft der markt mit großer effizienz ansetzt. mit surrogaten, mit den abenteuerlichsten ersatzstoffen, wird der hunger nach sinn vorläufig gestillt. auch der wunsch nach zuwendung und nach anerkennung, zenrale soziale ereignisse, lassen sich so bewirtschaften, lassen sich ökonomisch und politisch nutzen.

würde es uns gelingen, das ausmaß der denunziation, mit dem eine befassung mit kunst befrachtet ist, zurückzudrängen, könnten erfahrungen offenstehen, die solchen tendenzen entgegenwirken.

damit wir uns recht verstehen, ich sehe nicht die kunst als ein werkzeug um das zu bewirken. die kunst ist die kunst und sich selbst ihr zweck, mit ihren eigenen mitteln. aber wenn wir uns darauf einlassen, machen wir erfahrungen, die uns in diesen anderen zusammenhängen von großem nutzen sein können.

[überblick]