Was es wiegt, das hat’s XI: Die kulturelle Vielfalt der Oststeiermark I

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Vorweg eine kleine Intrada. Als ich mit meinen Notizen zum vierten Clubgespräch des Landtagsabgeordneten Hannes Schwarz fertig war, schien es unvermeidlich, daß ich den Text in zwei Teile schneide. Er ist nämlich sehr lang geworden, denn es gilt auch hier das Prinzip: Nennen Sie ihre Gründe!

Autor Martin Krusche und Kulturmanagerin Michaela Zingerle bei der Arbeit am Projekt Kunst Ost (7. Dezember 2009)

Kritik heißt auf meinem Kontinent: 1.: Die kritisierbare Stelle zitieren. 2.: Die Quelle des Zitats nennen. 3.: Die Einwände vorbringen. Naja, und ganz ohne Polemik hab ich es nicht geschafft. Es geht hier um meinen Lebensraum, den Bezirk Weiz. Da kenne ich mich aus. Es geht um das Leben in der Kunst. Da kenne ich mich auch aus.

Ich bin kein „objektiver“ Beobachter, sondern parteiischer Teil dieses Geschehens. Ich habe meine eigenen Interessenslage und Parteienstellung. Darum auch die Ausführlichkeit, die zur Transparenz beitragen soll. (Dies ist überdies ein Beitrag zu meiner Diskursleiste „Die neue Bourgeoisie“.)

Kultur in den steirischen Regionen
So lautet der SPÖ-Leistentitel auf Facebook. Hier also die Rezension des vierten Clubgesprächs. Das Auftakt-Feature von Schwarz: „Heute lernen wir die kulturelle Vielfalt der Oststeiermark kennen.“ Davon kann dann freilich keine Rede sein. Es wird die Debatte mit Künstlerinnen und Künstlern angekündigt, Schwarz meint erneut, man wolle wissen, „wo der Schuh drückt und wie wir helfen können“.

Dazu fand er bloß einen Lehrer, der zwar ein vorzüglicher Maler ist, aber ein steinaltes System promotet und selbst die Existenz als Freelancer in der Kunst gemieden hat, in der Sache also nur mit Kolportage aufwarten kann, wie auch die Frau im kommenden Gespräch, Kulturmanagerin, keine Künstlerin. Kolportage mangels eigener Erfahrungen in diesem Metier.

Schwarz beginnt aber mit Vizebürgermeister und Kulturreferent Oswin Donnerer. (Es folgt ab Minute 1:28 eine Führung durch das Kunsthaus Weiz.) An dessen Seite Bürgermeister Erwin „Asti“ Eggenreich. Was Donnerer bis Minute 2:09 sagt, ist völlig ohne Inhalt zum gestellten Thema und reproduziert bloß, was wir alle schon wissen, wenn wir das Video auf Facebook suchen und anklicken. Non Value-Gesichtswäsche, die uns kulturpolitisch naturgemäß gar nichts bringt.

Donnerer kommt uns dann mit Bruno Kreisky. Ich höre ferner, alles, was sie im Kunsthaus haben, sei „ganz toll“. Mehr noch: „ganz, ganz toll“. So geht das bis Minute 3:50. Damit sind schon einmal zehn Prozent des Videos nutzlos verballert, denn die zwei ranghöchsten Stadtpolitiker haben zur kulturellen Lage des Landes (oder auch nur des Bezirks) nach gut einem Jahr Corona nichts zu sagen, außer daß sie zwei ausführlichere Bildunterschriften aus einem Werbeprospekt abspulen.

Da hat also auch der Weizer Kultur-Chefideologe Georg Köhler im Hintergrund geschlampt, denn so eine inhaltliche Nullnummer hätte nicht passieren dürfen. Die Politik spricht zu uns nicht über ein Jahr Corona, wodurch der ganze Kulturbetrieb samt unseren Existenzen ins Schleudern kam. Wie schon in Glosse IX („Kulturpolitische Agonie“) beschrieben, die Burschen machen alle einfach weiter, als wäre nichts geschehen.

Nun aber: Auftritt Richard Frankenberger (Künstler) und Michaela Zingerle (Kulturmanagerin, Vorstandsmitglied der IG Kultur Steiermark). Interessant, daß Frankenberger immer noch als „treibende Kraft hinter dem Kollektiv KULM“ vorgestellt wird. Ich hätte da aktuell eher auf das Ehepaar Ranegger getippt, zumal Frankenberger, als er sich vor Jahren aus allerhand Zusammenhängen zurückzog, Name und Logo der ersten K3-Phase in Pischelsdorf mitnahm; beides durften die Raneggers nicht weiter benutzen. Also: was genau treibt der Mann voran, außer sein persönliches Image? (Sie und ich erfahren das im Rest des Videoclips nicht.)

Kulturstock 3 in Pischelsdorf, 6. Oktober 2000, Richard Frankenberger bei den Vorbereitungen für „Die letzte Bibliothek“ von Martin Krusche.

Bei etwa Minute 4:36 der Wordrap, der uns nichts bringt, sondern nur ein phonetisches Kostüm für ein wenig Selbstdarstellung ist. Sogar das geht schief. Zingerle zum Stichwort „lernen“: „Lernen ist,… waß i net. Sorry.“

Frankenberger gibt den rustikalen Flaneur, den Bildungsbürger in der Wildnis der Provinz, kommt uns mit Johann Gottfried Seume und dem „Spaziergang nach Syrakus“ (1801/1802) an, dessen Nachahmung er empfiehlt. Er sagt: „Ich bin wegen dem Berg Kulm da.“

Na sicher! Das glaub ich sofort! Nun habe ich also bis Minute 6:30 (von 33:52 Minuten) noch nichts erfahren, was ein professioneller Künstler in der Oststeiermark anno 2021 eventuell geklärt oder wenigsten erwähnt haben möchte. Das ist bisher alles private Salonplauderei, mit der man vielleicht in der Hobby-Liga jemanden beeindrucken und erregen kann.

Schwarz fragt dann Zingerle, ob es einen „Kulturgipfel der Regierung“, den sie einst mitgefordert habe, immer noch bräuchte. Den habe es gegeben, sagt sie, „da ist aber auch einiges weitergegangen.“ Sie wünscht sich solche Gipfel ebenso auf regionaler Ebene, in den Bundesländern. (No na net! Wo steht die IG Kultur Steiermark derzeit mit solchen Minimaloptionen?)

Bei Minute 7:37 kommt endlich ein sehr interessanter Punkt zur Sprache. Schwarz fragt, was man aus der Pandemie lernen und wie man in die neue Zeit rüberkommen könne. Bingo! (Da hätte schon Clubgespräch Nummer eins beginnen können.) Zingerle sagt: „Ja, genau. Es geht für viele, viele, viele geht‘s ums Überleben…“

Ach, was für ein Geschwätz! Was muß man denn wissen und noch weiter erkunden, um diese Aussage zu treffen? Wie viele Papiere wurden über Jahre rausgehauen, die weit mehr Aussagekraft haben als dieser Satz?

Sehen Sie selbst, ein beliebiges Beispiel: „Berichte und Studien zum Thema Kunst“ (Studie: Soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittlerinnen und -vermittler in Österreich 2018“. [Quelle] 2018! (Wir haben nun 2021.)

Um die kulturpolitische Situation im Bezirk Weiz zu verstehen, sollte man sich dieses Setting vom 30. November 2009 merken. (Die Details am Seitenende!)

Es „wäre sehr schade“, meint Zingerle, wenn also Kräfte aus dem Kulturbetrieb mangels adäquatem Einkommen in andere Berufe abwandern würden und dann für immer verloren seien. Dieses Niveau der Aussagen von einem Vorstandsmitglied der IG Kultur Steiermark macht nicht gerade zuversichtlich. (Könnte mich bitte jemand erschießen?) Bei Minute 8:25 ist dieses Stück Trauerspiel überstanden.

Nun behauptet Schwarz: „Richard, Du warst Deiner Zeit immer schon weit voraus.“ Mumpitz! Seit wann bin ich in der Region zu Hause? Seit 1985. Da müßte ich das bemerkt haben. Dann kommt die Frage nach den Grenzen „zwischen Kunst und politischem Aktionismus“. (Wetten, jetzt beuyselt es gleich?) Frankenberger: „Man muß sich engagieren, wenn man was weiterbringen möchte.“ Klar! Das Wasser ist naß. Der Papst ist katholisch.

Danach zitiert er den Ex-Vizebürgermeister Hans Meister, was gut ist. Den hätte ich für diese Sendung sofort gegen die beiden parlierenden Gäste eingetauscht. Der redet nicht herum, salbadert nicht, hat was zu sagen und bringt es auf den Punkt. Zack! (Daher: ich biete zwei Richards und zwei Michaelas für einen Hans.)

Bei Minute 9:54 orakelt Schwarz, Frankenberger sei dafür bekannt anzuecken. Anecken? Wo? Bei wem? Wodurch und womit? (Gut, die oststeirische Jägerschaft gegen sich aufbringen, das schafft jeder Teenager.) Nein, wie schon in meinem Frankenberger-Feature beschrieben: er ist der Großmeister des Antichambrierens hinter den Kulissen, gibt aber naturgemäß vor dem Vorhang den Kantigen. (Eine verbreitete Strategie von Kräften der neuen Bourgeoisie.)

Ab Minute 11:10 erläutert Zingerle ihr zu Recht bewährtes Kursprogramm, das freilich annähernd null kulturpolitischen Impact generieret. Wie und wozu auch? Es hat ganz andere Agenda. (Die kulturpolitische Schminke ist bloß ein Werbeargument.) Es geht darum, daß Menschen mit kreativen Neigungen neue Ideen finden und ihre Kompetenzen erweitern.

Das ist ein ganz anderes Genre als ein Leben als Künstler abseits des Landeszentrums. Es dient fraglos dem allgemeinen Interesse an der Kunst, aber nur auf Umwegen und eher in homöopathischen Dosen. Wäre das auf belegbare Art anders, hätte zum Beispiel die „Regionale“ als Festival-Format erheblich durchschlagen müssen, statt zu verschwinden.

Was immer in den 15 Jahren bei „Styrian Summer Art“ auch an Ausstelllungen von Werken der Gegenwartskunst zustande kam, ist erfreulich zu vermerken, aber ohne einen markanten Effekt bezüglich des geistigen Lebens der Region. Zingerle schließt ihre Schilderung dann treffend, mit dem Hinweis, es seien unzählige Werke entstanden, „die sie dann mitheimnehmen“. Genau das ist der Punkt! Der Kompetenzgewinn im Bereich einzelner Partikularinteressen und kultureller Bedürfnisse ist ja unbestritten, doch der fließt gleich wieder aus der Region ab.

Bei Minute 12:25 kommt eine der Kursanbieterinnen von „Styrian Summer Art“ ins Spiel: Alice Mortsch, „Dozentin an der Schauspielschule Wien“ (Ein Weiterbildungsinstitut). Da bin ich nun gespannt, an welcher Stelle diese Frau der oststeirische Kulturschuh drückt, denn darum geht es ja (laut Schwarz) in diesem Clubgespräch.

Aber erst dürfen wir den Leuten ab Minute 12:50 noch bei einer Impro-Übung zusehen. Nun sehe ich zum erste Mal in meinem Leben eine kulturpolitische Gymnastik-Einheit. Die Leute strecken sich. Mortsch: „Und wir sagen dazu: Marmelade Aaaa.“ Dann falten sie sich zusammen, sagen: „Konfitüre Üüüüü.“ Dazu gehört auch: „Wir denken ein bißchen an Zitrone.“ Ich überspringe den Rest dieser kulturpolitischen Gymnastik-Einheit.

Oh! Dann kam aber noch was Interessantes. Die Gruppe spüren und so. Ein Aussagesatz wird herumgereicht. Mortsch: „Ich esse gerne Spinat.“ Zingerle: „Ich fahre gerne mit der Fähre.“ Frankenberger: „Ich esse gerne Spiegelei.“ Schwarz: „Heute ist Donnerstag.“ Mortsch: „Wunderbar…“ (Das wird dann noch mit einer Emotion verknüpft. Und zwar mit „schüchtern“.) Mortsch: „Emotionen sind ganz wichtig…“ (Das wird wohl so sein.)

Das Ganze war eigentlich eine Werbeeinschaltung für „Styrian Summer Art“. Die dauerte von Minute 12:50 bis 16:40; bei einer Gesamtlänge des Clips von 33:52 Minuten. Nun kommt Schwarz mit einer sehr relevanten Frage… [Fortsetzung/Teil II] [Das Video auf Facebook]

— [The Long Distance Howl] —

Zum dritten Foto
Um die kulturpolitische Situation im Bezirk Weiz zu verstehen, sollte man sich dieses Setting vom 30. November 2009 merken. Auf dem Flipchart ist „1. Kulturregion der Steiermark“ notiert. Von links: Georg Köhler (Kulturbeauftragter Weiz), Helmut Kienreich (Bürgermeister Weiz), Christoph Start (Bürgermeister Gleisdorf), Iris Absenger (LEADER-Managerin „Energieregion Weiz-Gleisdorf“), Christian Faul (vormals Abgeordneter zum Nationalrat und Kulturreferent Weiz), Hubert Brandstätter (Atelier KO Weiz)

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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