Archiv für den Monat: Juli 2011

klang und bewegung

der tag auf dem weg zu ulla rauters vernissage war von „belfast-wetter“ geprägt. das ganze spektrum von regen wind und sonne, mehrmals abwechselnd, kalt, warm und heiß im ständigen durchlauf. spaßige zustände! wie sehr wußte ich es zu schätzen, daß wir gerade zur ausstellungs-eröffnung, als ein arger regenguß sich über uns entlud, in einer mit glas bedeckten passage zugange waren.

künstlerin ulla rauter (mitte) und kuratorin mirjana peitler-selakov

kuratorin mirjana peitler-selakov hatte eine der interessantesten jungen künstlerinnen aus der klasse brigitte kowanz („angewandte“, wien) eingeladen. rauter arbeitet konsequent entlang einem klaren konzept, mit präziser umsetzung ihrer werke. an einer stelle im feature von peitler-selakov klingt das so:

„Das Ausgangsmaterial zu Sound Surfaces sind reale Ton-Quellen. Das ‚reale‘ Material wird durch das digitale Medium praktisch entfremdet und in einen einfachen Datenfluss übersetzt. So wird das Objekthafte, das Räumliche, zuerst auf reine Oberfläche reduziert und dann durch den Prozess des Lichtmalens transparent gestellt, in ein Konturenrelief verwandelt. Von der digitalen Spur wird aus dem Klang ein reduziertes Bild erstellt; oder die Bewegung initiiert.“

in der praxis war das dann an kuriosen technischen umsetzungen zu erfahren, die einerseits in ihren funktionen, andererseits in den ästhetischen qualitäten der erscheinung überraschen, um schließlich in ihrer anwendung denk- und erfahrungsprozesse anzustoßen.

der leib als teil des instrumentes

ein beispiel für gegenwartskunst, die zum einen theoriegeleitet ist, also auf komplexen deutungen unseres technischen und medialen status quo beruht, zum anderen ein ästhtetisches ereignis sind, was meint: wahrnehmungserfahrungen initiieren, um dann, drittens, weiterführende denkprozesse zu triggern.

wir haben hier in der region noch vorherrschende auffassungen, vom erbauungs-, erfreuungs- und letztlich unterhaltungscharakter, der sich dem kunstgeschehen aufbürden ließe. so wie vernissagen, allerdings zu recht, mit der funktion eines sozialen ereignisses befrachtet sind.

würde das in summe bloß zu einem fröhlichen KONSUM von wein, brötchen und sinneseindrücken führen, bliebe das ein ereignistyp, den man beruhigt an den sozialausschuß für eine kooperation mit dem tourismus-büro abgeben könnte.

hier ist das dann doch wesentlich anders angelegt und genau nicht so aufbereitet, um den prinzipien unserer konsumkultur zu dienen.

geselliges ereignis UND rahmen für denkanstöße

der abend mit ulla rauter hat zu einigen debatten geführt. dabei stand erneut klar im fokus: die kunst ist die kunst und hat keine anderen aufgaben, als ihren eigenen möglichkeiten gewidmet zu sein. aber die BEFASSUNG mit kunst, egal ob schaffend oder rezipierend, führt zu erfahrungen und kompetenzen, auf die ein gemeinwesen dringend angewiesen ist.

spät am abend waren wir in einer verbleibenden runde auch dabei angelangt, daß wir dieser unserer gesellschaft einen rasenden KOMPETENZVERLUST zuschreiben dürfen, der ziemlich viele lebensbereiche betrifft. das gipfelt unter anderem in der tatsache, daß eines der reichsten länder der welt eines der teuersten bildungssysteme europa mit einem der schlechtesten ergebnisse europas hat.

auch die aktuellen ereignisse in den kontroversen zwischen kommunen, land und bund lassen sich ohne probleme als ausdruck eines zusammenbrechens von kommunikationslagen anläßlich gescheiterter problemlösungsmomente erkennen.

in eben diesen zusammenhängen können wir geltend machen und nachweisen, daß ein kulturelles engagement auf der höhe der zeit möglich ist, welches solche probleme nicht gleich aus der welt schafft, wo aber strategien und verfahrensweisen erprobt werden, in denen sich auf lokaler und regionaler ebene wieder wege öffnen lassen. wege der kommunikation, der selbst- und fremderfahrung, des begreifens immer komplexerer gesellschaftlicher zustände, bei gleichzeitiger praxis des HERUNTERBREMSENS jener schnell-schnell-welterklärungsmethoden, die ja offensichtlich immer tiefer in stagnation hineinführen.

– [frauenmonat 2011: FMTechnik!] –

weiterführende verknüpfungen

stellen sie sich vor, sie wollten den hauptfilm beim festival „diagonale“ [link] sehen, konnten aber keine karte dafür bekommen. so erging es manchen menschen zuletzt mit marie kreutzers „die vaterlosen“: [link] aber nun wäre dieses filmfestival nach gleisdorf verzweigt und sie bekämen noch eine chance.

christina seyfried (links, „diesel kino“) und brigitte bidovec („diagonale“) beim ersten ausloten einer kooperationsmöglichkeit

das ist einer der aspekte, den ich eben mit repräsentantinnen des gleisdorfer „diesel-kinos“ [link] und der „diagonale“ debattiert habe. die hiesige „diesel“-filiale ist ja keineswegs bloß ereignisstätte für den mainstream. eine eigene filmreihe war schon bisher an cineastischen aspekten bzw. themen orientiert, nämlich „film anders“: [link]

ich hatte vergangenen märz, anläßlich eines besuches von regisseurin elisabeth scharang, gelegenheit, mit christina seyfried über weiterführende optionen zu sprechen: [link] medienkompetenzen verlangen ästhetische erfahrungen und einblicke in die funktionsweisen von medien. es müssen demnach andere als nur mainstream-filme überhaupt noch in realen kino-sälen gezeigt werden.

und es sollte ab und zu gelegenheit geben, mit erfahrenen leuten über das zu sprechen, was man dabei erlebt hat. vergangenen februar hatten wir über derlei zusammenhänge mit „diagonale“-chefin barbara pichler und ihrer mitarbeiterin brigitte bidovec besprochen: [link]

sandra kocuvan, zuständig für film und regionale kulturbelange, mit dem programm zu unserem „frauenmonat“

dazu kommt die möglichkeit, an themenstellungen wesentlicher filme anzuknüpfen. ich meine damit, es könnten unterschiedlich große kulturinitiativen an manchen inhalten und aspekten davon mit ihrer arbeit andocken. so entstünde ein kulturelles beziehungsgeflecht ungewöhnlicher art. ich mag vor allem diesen teil der idee, daß so höchst unterschiedliche instanzen eines kulturellen geschehens quer durch einen konkreten lebensraum momente der kooperation ansteuern würden.

das dürfte auch sandra kocuvan von der kulturabteilung des landes steiermark interessant finden, die als fachreferentin für den bereich film und ebenso für unsere kulturellen vorhaben in der region zuständig ist. wir starten übrigens heute mit der veranstaltungsserie unseresfrauenmonats („FMTechnik!“): [link]

auftakt ist die vernissage mit arbeiten der medienkünstlerin ulla rauter. wir bespielen hier ein leerstehendes geschäft in der innenstadt gleisdorfs, an dem die großen schaufenster eine wichtige rolle spielen. der übliche galeriebetrieb ist ja ein kulturgeschichtlich sehr junges phänomen. einen „white cube“ mehrere wochen offen und besetzt zu halten, das gehört zu den strukturellen anforderungen, die sich heute meist nicht einmal in vielen bereichen der landeshauptstadt einlösen lassen. umso weniger in der „provinz.

kuratorin mirjana peitler-selakov beim aufbau in der „popcorner-passage“

also brauchen wir flexible lösungen, die geringere kosten verursachen, um eine initiatve wie „kunst ost“ nicht mit running costs zu überlasten. es zeigen ja andere beispiele in der „provinz“, daß ein fixes haus den großteil von ressourcen frißt und dabei dann nur ein sehr viel geringeres potenzial für das eigentliche programm bleibt.

andrerseits ist es für künstlerinnen und kuratorinnen natürlich viel schwieriger, einen platz angemessen zu bespielen, der überhaupt nicht für die präsentation von kunstwerken konzipiert wurde. ein kniffliges thema, an dem wir noch einige arbeit haben werden.

ulla rauter ordiniert

die penible arbeit an den wänden sieht man erst im dunkeln, wenn die schwarzlichtlampe aufgedreht wird. medienkünstlerin ulla rauter werkt zur zeit am und im raum, welcher ereignisort und ereignisoberfläche wird, in der gleisdorfer „popcorner-passage“.

ulla rauter on location: die farbe auf der weißen wand ist bei tageslicht nicht sichtbar

fotograph christian strassegger bewährt sich in der alpinistischen passage. wir hatten im vergangenen jahr fröhliche (und auch irritierende) momente, als in der allzweckhalle von urscha/labuch die ausstellung mit der arbeit von jelena juresa aufzubauen gewesen ist: „what it feels like for a girl“ [link]

christian strassegger würde vermutlich auch badehosen und taucherbrille mitbringen, wenn wir einmal eine geflutetes schwimmbecken zu bespielen hätten

kleiner einschub: der „frauenmonat“ von „kunst ost“ bedeutet, wir setzen einen fokus auf frauenleben. das bedeutet NICHT, hier sei eine veranstaltuzngsreihe nur an frauen adressiert. sie können sich vielleicht vorstellen, welche kuriose situation das in urscha/labuch war, als wir mitten in das revier von oststeirischen eisschützen einer portrait-serie geschundener und mißhandelter frauen gesetzt haben: [link]

ich habe freilich manchmal zweifel an dieser anstrengung, kunstwerke an plätzen zu zeigen, die nicht für die präsentation von kunstwerken gemacht sind. dabei trifft mich nur ein bruchteil dieser anstrengung. die meiste mühe hat kuratorin mirjana peitler-selakov zu bewältigen, um a) eine jeweils halbwegs adäquate raumsitution zu finden und b) mit der kunstschaffenden dann eine zufriedenstellende umsetzung der ausstellung zu erarbeiten.

ulla rauter und mirjana peitler-selakov in der „popcorner-passage“

die allgemeinen zugänge zur kunst sind ein noch junges gesellschaftliches phänomen. also haben wir keineswegs die situation, daß eine befassung mit kunst ebenso selbstverständlich als persönlicher gewinn bewertet wird, wie andere bildungs- und erfahrungsmöglichkeiten.

wenn man nun einrechnet, daß zur zeit in einem der teuersten bildungssysteme europas nicht einmal ein allgemein gewünschter bildungsstandard zustande kommt, sind präsenzprobleme der leute aus der kunst sehr einleuchtend.

indem wir beharrlich abseits des landeszentrums an orten, die genau NICHT der kunst gewidmet sind, die präsenz mit kunst zu halten versuchen, bemühen wir uns als kulturinitiative um ein stück kulturellen bodens, der gerade im moment enorm von austrocknung bedroht ist.

— [frauenmonat 2011: FMTechnik!] —
— [ulla rauter] —

wo liegt das salzamt

ich kann in meinem milieu keineswegs die auffassung voraussetzen, daß KULTURPOLITIK von sehr viel mehr handeln sollte als von einer mittelvergabe an kunstschaffende, um kunstproduktion zu ermöglichen und um kunstpräsentationen zu ermöglichen.

jenseits des landeszentrums ist die vorstellung gar nicht selten, kulturpolitik sei im wesentlichen: ausstellungen, konzerte und lesungen zu ermöglichen und zu eröffnen. punktum! im zetrum des geschehens sehe ich vor allem die vertretung von partikularinteressen. eine arbeit an einem größeren ganzen scheint kaum anziehend zu sein.

das rächt sich natürlich postwendend, wenn wohlstand verklingt und verteilungskämpfe schärfer werden. dann erscheint nämlich das konzept „ausstellungen, konzerte und lesungen ermöglichen und eröffnen“ schagartig als „dekorationsgeschäft“, das von einer majorität für verzichtbar gehalten wird.

grob zusammengefaßt:
wenn wir gegenwartskunst und volontary arts kategorial nicht zu unterscheiden wissen, wenn darüber hinaus NUR kunstproduktion, vermittlung und repräsentation als KULTURPOLITISCHE AGENDA verstanden und vertreten werden, geht der laden den bach runter. genau: jetzt!

kleine kulturdebatte mit dem bauern richard hubmann (links) und dem bürgermeister robert schmierdorfer: gegenwartskunst hat natürlich traditionell keine hohe priorität im ländlichen raum

wo wir also einen größeren soziokulturellen zusammenhang weder zu argumentieren, noch zu praktizieren verstehen, sagt die kommunal- und regionalpolitik: „wir können den winterdienst für unsere großen wegenetze kaum schaffen, ohne zu ächzen, wir können die pflegekosten für unsere leute nicht mehr zahlen, was, bitte, wollt’s IHR denn jetzt?“

hinzu kommt verschärfend, daß es ein eklatantes „stadt-land-gefälle“ zwischen graz und der restlichen steiermark gibt und daß jenseits von graz strukturen des kulturbetriebes großflächig fehlen, vom vorhanden gerade vieles wegbricht. ich habe den status quo kürzlich in unserem projektlogbuch zusammengefaßt: [link]

eine ig kultur steiermark [link] zeigt keinerlei nachvollziehbare wahrnehmung für das zentrum-provinz-gefälle und die wesentlich höhere brisanz der situation kulturschaffender jenseits von graz. im gegenzug gibt es keine hinweise auf eine relevante lobby-bildung kulturschaffender der „provinz“, sei es für sich, sei es innerhalb einer ig kultur steiermark.

es ist natürlich viel komfortabler, im landeszentrum zu verbleiben, die codes arabischer kulturen zu plündern, schuhe zu werfen und sich auf einer „oasen“-party mit dem kabarettisten josef hader fotografieren zu lassen.

ja, ich weiß, polemik.

nein, ich möchte nicht behaupten, kulturlandesrat christian sei vor ergriffenheit in andacht verfallen, weil er die oststeiermark besuchen durfte. aber er war hier und ich konnte in ruhe eine reihe von fragen vorlegen, auf die ich ausführliche antworten bekam

bemerkenswert ist bloß, daß ich in letzter zeit keine probleme hatte, vertragsbedienstete wie etwa heimo steps (vorsitzender des förderausschusses) oder sogar landeskulturreferent christian buchmann hier vor ort zu sprechen. referatsleute wie sandra kocuvan oder gerald gigler haben auch kein problem, gelegentlich in die oststeiermark zu fahren, damit wir uns akuten fragen widmen können.

aber unsere primären kolleginnen und kollegen neigen eher zur haltung: „Lieber Martin, wann bist Du in Graz und hast Zeit für ein klärendes Gespräch? Liebe Grüße, Christian.“ so der künstler und kulturaktivist christian w. am 7. juni 2011, das war’s.

ob mit privatfahrzeug oder öffentlichen verkerhsmitteln, jede fahrt nach graz schlägt mit satten kosten zu buche

es gibt im eigenen milieu nicht einmal eine wahrnehmung, was das allein an konkreten reisekosten anhäuft, 30 bis 50 mal pro jahr aus der provinz nach graz zu fahren. selbst manche leute, die etwas von mir brauchen, scheuen den weg in die oststeiermerk und haben die chuzpe zu fragen: „wann bist du denn einmal in graz?“

wir teilen uns also keineswegs die anfallenden mobilitätskosten, wie auch sonst viele grazer zentrums-leute ein höheres maß an mitteln und möglichkeiten lieber in graz gebündelt sehen. siehe dazu meine zusammenfassung „zur lage: zentrum/provinz“ im projekt-logbuch: [link]

der ruf nach solidarität bedeutet also primär einen ruf der solidarität zum zentrum. wie erwähnt, ich habe selbst hochrangige leute der steirischen kulturpolitik und der verwaltung öfter in der oststeiermark gesehen als kolleginnen und kollegen aus graz. ich hatte öfter gelegenheit, meine ansichten mit diesen amtstragenden hier zu diskutieren als mit grazer leuten meines metiers.

mehr noch, sogar das „Steiermärkisches Kultur- und Kunstförderungsgesetz 2005“ betont explizit in § 1 punkt (5) „Dieses Gesetz verfolgt auch das Ziel, den Gemeinden als Vorbild für deren Kunst- und Kulturförderung zu dienen.“ das muß alles jenseits von graz überhaupt erst kommuniziert, bearbeitet und aufgebaut werden. das würde aufgrund fehlender evidenz in der „provinz“ einen erhöhten einsatz an mitteln verlangen, fördermittel UND vielleicht auch personelle unterstützung von grazer sachkundigen, die uns dabei mit know how und renommee begleiten, unterstützen könnten.

ein entsprechendes begehren habe ich kürzlich im salzamt abgegeben.

p.s.:
wo liegt das salzamt? na, wenn sie einmal nach graz kommen, werden sie es schon finden.

— [übersicht: wovon handelt kulturpolitik?] —