Archiv für den Tag: 28. Mai 2011

was ist kunst? #13

ich denke, hier ist inzwischen schon deutlich geworden, daß die fragen nach der kunst keinen sinn ergeben, wenn jemand das thema mit einigen wenigen sätzen erledigt haben möchte. wer zu kurzen antworten auf komplexe fragen neigt, wird sich andere themen suchen müssen.

vielleicht waren wir alle über zu viele generationen hauptsächlich untertanen, um uns einem der zentralen themen des kunstgeschehens vergnügt zuzuwenden: definitionshoheit. wer darf sagen was es ist? wie lange darf die debatte dauern? wer redet dabei mit? was ist mit jenen, die nicht gehört werden?

eine kleine galerie in tirana (albanien) als bescheidenes beispiel für den teil eines organisierten und strukturierten „kulturellen gedächtnisses“

eine der kuriosesten fragen ergibt sich für mich von der regionalen gesellschaftlichen praxis her: warum drängen sich so auffallend viele leute um die flagge der kunst, wo das leben der kunstschaffenden in diesem land so unübersehbar von sozialer marginalisierung geprägt ist? hier mangelndes sozialprestige der kunstschaffenden, da zugang zu defintionsmacht, was für eine merkwürdige mischung!

ich habe im vorigen beitrag [link] boris groys und deine theorie einer kulturökonomie erwähnt. groys beschreibt ein geschehen, das sein wechselspiel zwischen „profanem raum“ und „kulturellen archiven“ entfaltet. gemäß dieser theorie lassen sich kunstGEGENSTÄNDE (nicht die kunst!) als etwas verstehen, was im profanen raum entsteht, durch aufkommendes interesse und bedeutungszuweisung „valorisiert“ wird, also eine WERTsteigerung erfährt, wodurch es geeignet ist, vom profanen raum in die archive der kultur zu wechseln, weil es als erhaltenswert betrachtet wird.

seit vielen jahrzehnten werden in der gegenwartskunst nicht nur artefakte, gegenstände, als kunstwerke verstanden, sondern auch prozesse sowie verschiedene mischformen. deren „ortswechsel“ aus trivialen positionen richtung kultureller archive ereignet sich also auch nicht von selbst oder selbstverständlich, so ungefähr nach der etwas naiven vorstellung: „das gute setzt sich von selbst durch“. das sind stets prozesse, in denen verhandelt wird. darum gibt es diesen westlichen kunstbetrieb auch nicht ohne theoretische diskurse, ohne kunsttheorie.

die "kulurellen archive" verlangen einen erheblichen einsatz an mitteln. im krieg ist ihre zerstörung durch gegnerische armeen obligat. hier der wiederaufbau eines kulturhauses im albanischen teil von mitrovica (kosovo), mit blick auf den serbischen teil

da stoßen wir also hart auf das oben erwähnte thema definitionshoheit. die theoretischen diskurse über kunst, kunstwerke und über deren wert werden nicht nur, aber hauptsächlich vom personal verschiedener „deutungseliten“ vorgenommen. kunstgeschichte, feuilleton und andere sparten der kunstkritik, politik… und vor allem die kunstschaffenden selbst als jene, die sagen was es ist; oder demonstrativ darüber schweigen.

die antworten auf diese frage „was ist kunst?“ hängen demnach von sehr vielen faktoren ab, vom lauf der zeit und vom stand der dinge, von den jeweiligen positionen der sprechenden, vom verhältnis zwischen marktwert und kulturwert einzelner kunstwerke etc.

die groys’sche theorie handelt unter anderem von der simplen tatsache, daß kunstwerke ihren anerkannten kulturwert auch wieder verlieren können, um in der folge aus den archiven der kultur richtung profanem raum abgeschoben zu werden. das wird nicht gerade der nike von samothrake widerfahren, auchdem feldhasen von dürer droht das kaum. (der verschwindet dafür von selbst, weil unter luft und tageslicht jene partikel aus dem papier verschwinden, welche dürer mit geübter hand aufgebracht hat, um, diesen feldhasen erstehen zu lassen.)

wir kennen aus dem alltag auch die „zwischensituation“. denken sie an die „sixtinische madonna“ von raffael. dieses bedeutende renaissance-gemälde zeigt am unteren bildrand zwei putti, deren popularität jener von pop-stars gleichkommt. deshalb wurde das duo millionenfach auf kitsch-produkte, nippes, heimtextilien, auf jeden nur denkbaren kram übertragen. selbst als wandschmuck kommen diese engelchen daher, als gerahmte flachware. das heißt, nicht etwa als reproduktion des vollständigen bilds raffaels, sondern bloß als kleiner ausschnitt, den geschäftsleute quasi aus dem gemälde rausgeschnitten haben.

das abwerten von "valorisierten kulturgütern": ich schneide mir ein stück aus einem meisterwerk heraus und schmeiß den rest weg

wenn sie kurz im beitrag #12 nachschauen, könnte ihnen auffallen, daß auf einem foto sergei romashko von den „kollektiven aktionen“ mit dem daumen der linken hand auf ein bild hinter seinem rücken zeigt. da hängt kurioserweise eine reproduktion der „madonna sistina“ OHNE die zwei populären putti.

die eine wie die andere version degradiert das werk raffaels zum dekorationsgegenstand. ein unbedeutenderes werk als dieses wäre dadurch wohl zur gänze „re-profanisiert“ und aus den archiven der kultur ausgeschieden worden. nun ahnen sie gewiß, welche knifflige balance kunstschaffende gelegentlich anstreben. sie müssen erreichen, daß ein werk „valorisiert“, also im wert über profane alltagsgegenstände erhoben wird.

es muß allerhand zustimmung erreicht werden, damit so ein werk schließlich in den archiven der kultur aufnahme findet. dabei sollte es aber nicht gar so leicht die zustimmung eines massenpublikums erleben, weil das zwar den marktwert einer arbeit steigern kann, aber ihren kulturwert gefährdet, durch… genau! profanisierung.

solche profanisierung fördert das risiko, letztlich aus den archiven der kultur abgeschrieben, abgeschoben, ausgeladen zu werden. und wer bestimmt nun über all das? viele! es sind laufende diskurse, es sind debatten an allen ecken und enden des kulturbetriebs, die das bewirken.

groys nennt das „hierarchiestiftende wertunterscheidung“. selbstverständlich steht jede hierarchie zur debatte und ist der kritik auszusetzen. aber am organisierten und strukturierten „kulturellen gedächtnis“ (stichwort „kanon“!) läßt sich nicht ohne weiteres rütteln.

das materialisierte kulturelle gedächtnis, wie wir es etwa in bibliotheken, museen und galerien sehen, ist allerdings leichter zu gefährden. geht einer nation das geld aus, werden grade solche einrichtungen vorzugsweise heruntergefahren, geschlossen. marschieren feindliche armeen ein, werden sie meist geplündert und angezündet.

[überblick]

ein kurzer überblick

Die soziokulturelle Drehscheibe „kunst ost“ verknüpft verschiedene soziale und kulturelle Agenda mit Optionen der Gegenwartskunst, wobei wir aus unserer langjährigen Erfahrung schöpfen, solche Vorhaben jenseits des Landeszentrums, in der sogenannten „Provinz“ zu realisieren. Dabei beziehen wir Kompetenzen aus der Praxis im Bereich eigenständiger Regionalentwicklung und haben auch auf dem Kunstfeld Zugänge entwickelt, die uns erlauben, für unseren Arbeitsbereich geltend zu machen: „Provinz war gestern!“

vorarbeiten für den schwerpunkt "frauen und technik": kulturmanagerin nina strassegger-tipl (links) und kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov in albersdorf

Wir bemühen uns, das gesamte Geflecht an soziokulturellen und sozialgeschichtlichen zusammenhängen angemessen zu bearbeiten. Das bezieht sich in den großen Schwerpunkten auf unsere
+) Tage der agrarischen Welt
und den momentanen Fokus auf
+) Frauen und Technik
sowie verschiedene thematische Querverbindungen, die das
+) Kuratorium für triviale Mythen
bearbeitet, welches sich in den Kunstbereich verzweigt, aber stellenweise auch stark sachbezogen arbeitet. In diesen Zusammenhängen greifen wir momentan auch verstärkt das Thema
+) Mobilitätsgeschichte
auf.

christian strassegger (mitte) setze den heurigen auftakt zu "close to nature", was bernhard kober ("kuratorium für triviale mythen") mit einer aktion abrundete

Wir entwickeln unsere Projekte vor dem Hintergrund eines Themen-Horizonts, an dem zwei große Teil-Themen ineinander gehen, welche diesen Lebensraum, die „Energie-Region“, ausmachen:
+) die agrarische Welt
+) und die High Tech-Zonen.

Im Zentrum unserer Aufgaben steht die Befassung mit Gegenwartskunst und ihren Bedingungen. Die Bedingungen der Kunst sind über quasi benachbarte Genres berührbar:
+) die Alltagskultur
+) das Kunsthandwerk und
+) die Voluntary Arts,
… also jener sehr populäre Bereich, in dem sich interessierte Menschen außerberuflich mit künstlerischen Verfahrensweisen befassen.

Einige dieser Bereiche verknüpfen wir quer durch das Jahr mit künstlerischen Aktivitäten im Rahmen der Reihe „close to nature“. So fügt sich „kunst ost“ als Ganzes zu einem Gesamtvorhaben, in dem diese verschiedenen Themen- und Aufgabenstellungen in Theorie und Praxis verbunden werden.

[kuratorium für triviale mythen]
[Frauenmonat: FMTechnik!]
[april-festival 2012]
[close to nature]
[was ist kunst?]