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was ist kunst? #9

die dinge sind nicht bloß was sie sind, sondern stets auch etwas anderes. ich weiß, das kommt jetzt ein wenig floskelhaft daher. als kinder hatten wir manchmal magischen gegenstände in den händen. dazu zählten „wackelbilder“. es waren meist kleinere blättchen, die einen wechselnden inhalt boten, wenn man den blickwinkel leicht verschob. (bilder hinter sogenannten lenticularfolien.)

diese art „wackelbilder“ sind heute längst von anderen visuellen sensationen übertroffen, werden aber immer noch erzeugt. dazu schreibt ein anbieter über den „flip-effekt“ etwa: „Die Erzeugung von äußerst effektvollen Bildabfolgen ist möglich.“

ich erinnere mich an kindertage, in denen ein fernsehgerät noch nicht zum obligaten inventar eines haushaltes gehörte. da war der eindruck solcher wechselbilder natürlich in einen anderen zusammenhang gebettet als gegenwärtig, wo unser vermögen, visuelle codes zu entschlüsseln, mit inputs vollgestopft ist wie nie zuvor in der menschheitsgeschichte.

mit „vexierbildern“ verhält es sich ähnlich wie mit „wackelbildern“. sie verlangen allerdings, daß der „flip“ im kopf passiert. man muß sie nicht unbedingt bewegen, um den „zusätzlichen“ bildinhalt zu entdecken. solche kuriositäten sind in der kunst wenigstens seit der renaissance erhalten. in meiner kindheit waren „suchbilder“ sehr populär. da sind im vordergründig offensichtlichen bildinhalt noch andere motive versteckt gewesen, die man suchen mußte. eine frage des „flip“ im kopf.

dieser „flip“ im kopf, ich sehe rückblickend, daß solche simplen vergnügen, in wackel- und suchbildern kleine überraschungen zu finden, grundlegende erfahrungen waren, die mich lehrten, kunstwerke zu „lesen“; also die visuellen codes zu entschlüsseln und zu verstehen.

derlei möglichkeiten der verborgenen inhalte finde ich natürlich auch in anderen codes, nicht bloß in den bildwelten. in einer polemisch verkürzten deutung des möglichen unterschiedes zwischen kitsch und kunst ließe sich behaupten: im kitsch ist nichts zusätzliches verborgen. er erzählt bloß sich selbst.

nun hat für mich jahrzehntelange künstlerische praxis zu einem kuriosen effekt geführt. die ganz welt ist mir zu einem „vexierbild“ geworden. je ausdauernder ästhetische erfahrungen sich auswirken dürfen, desto zwingender werden mir solche sichtweisen. vielleicht besagt das ja auch bloß, daß ich reichlich geübt habe, auf einer sehr breiten skala von tiefenschärfe den fokus beliebig zu verschieben.

metapherngeschäfte! ich erzähle hier nicht die welt und nicht die kunst. das sind bloß reflexionen und denkanstöße. meine erfahrung besagt: das leben in der kunst wird so zum „dauerzustand“. ich würde diesen blick auf komplexität, diese neigung vexierbilder zu lesen, um nichts mehr aufgeben.

würde ein einziges bild für eine ausstellung genügen? (von links: die fotografen andreas turk, richard mayr und franz lukas)

tiefenschärfe und komplexität. das verlangt keineswegs, sich so auch in einem werk zu zeigen. radikale reduktion kann die richtige antwort auf eine bestimmte fragestellung sein. ich habe das gerade in einem laufenden prozeß diskutiert, wo ein leidenschaftlicher fotograf auf eine ausstellung zugeht und dazu tendiert, dort bloß ein einziges bild zu zeigen. es gab kurz die überlegung, wie ein publikum das wohl aufnehmen würde.

das führte zu einigen ausführlichen erörterungen. im allgemeinen wird kunstschaffenden manchmal vorgeworfen, daß sie sich dem publikum andienen würden. wenn sie sich aber bei der arbeit einen gedanken an das publikum verbieten, kann das ebenso zu vorhaltungen führen.

das handelt vor allem einmal von der vermischung verschiedener jobs. die aufgaben der KUNST sind heute ja ganz andere als die aufgaben der KUNSTVERMITTLUNG. was also in der kommunikation nach innen geschieht, hat andere zusammenhänge als die kommunikation nach außen, fordert einen, ganz unterschiedliceh aufgaben zu erfüllen.

ich kenne aus der regionalen kulturarbeit kreative leute, die eine befassung mit all diesen zusammenhängen entweder ablehnen oder in ihrer arbeit weitgehend vermissen lassen. kein einwand! aber ich kann jemandem nicht folgen, der so eine position hält und sich dennoch unter die flagge der gegenwartskunst reklamiert …

[überblick]

was ist kunst? #8

können sie sich unter einem „wow-effekt“ etwas vorstellen? es ist gewissermaßen die triviale variante von „kathedrale!“ markanter effekt, heftige reaktion. so in der art. ja, das ist schon etwas, worauf in der kunst nicht unbedingt verzichtet wird. die etwas zurückhaltendere deutung dessen meint ungefähr einen „erhebenden moment“. das kann auch auf „andere zustände“ hinauslaufen. solche „alterated states“ kennen wir nicht nur durch die einnahme verbotener substanzen, der eigene leib produziert kraftvolle stoffe, die unsere wahrnehmung verschieben und uns in solche anderen zustände versetzen. menschliche kultur handelt seit ewigkeiten davon, was auch immer an mitteln und methoden dazu führt.

ob es also nun um eher triviale momente geht, ob wir uns feierlich fühlen und erhoben sein möchten, erhoben über alltägliche zustände, stets sind das intensive wahrnehmungserfahrungen. der hooligan, dem es während eines fußball-matches völlig die sicherungen schmeißt, tobt da vermutlich auf einem ähnlichen bedeutungs-kontinent wie die kunstfreundin, die von einem entzücken über besonderen kunstgenuß gerade auf wolken schwebt.

der reisende und fotograf emil gruber pendelt mit seiner liebhaberei ausdauernd zwischen trivialen artefakten und hochkarätigen kunstgegenständen

vermutlich würde man beim durchforschen unserer gehirne mit einem scanner feststellen, daß dabei – fußball-match oder kunstgenuß – einerseits höchst unterschiedliche neuronen-ensembles feuern, aber ich stelle mir vor, es gibt dabei andrerseits auch viele übereinstimmungen. kleiner einschub: was immer wir tun, was immer uns bewegt, es bildet sich in gehirnaktivitäten ab. es wird durch physikalische und chemische ereignisse, die heute durch verschiedene „bildgebende verfahren“ gut sichtbar gemacht werden können, in unseren köpfen repräsentiert. diese oder jene gehirnegionen zeigen dann „leuchtende“ aktivitäten, was vergleiche der anlässe und ereignisse zuläßt.

franz sattler, fotograf und wandelndes gegenkonzept zu stubenhockern, verzichtet auf große gesten und zieht kontinuierliche arbeit vor.

aber diese neuronale ebene interessiert mich im augenblick gar nicht weiter. wir sind als spezies offenbar ziemlich darauf versessen, „wow-effekte“ oder „kathedrale!“-momente zu erleben, ganz egal, wodurch wir sie auslösen und auf welche weise sie sich einlösen. in der wirtschaft bediebnt man sich dieser neigung von menschen ebenso wie in anderen branchen.

und die effekte selbst? kulturelle und soziale konventionen regeln hierarchien solcher momente. in meinen kindertagen galt etwa die polarisierung „schundhefte“ (comics) versus „das gute buch“ als turnierplatz des ringes um kulturelle exzellenz. ein anderer nebenschauplatz ist jener der „kitsch oder kunst“-debatte. aber das sind irgendwie bloß zeitbezogene konzepte der dünkelhaftigkeit, falls sich daraus frontstellungen ableiten. viele von uns finden aus dem „entweder-oder“ in das „sowohl-als-auch“.

ich hab derlei fragen gerade mit den beiden fotografen emil gruber und franz sattler erörtert. in dieser debatte hat gruber den begriff „kathedrale!“ als metapher verwendet. das gefällt mir und erscheint mir für unser thema passend. wir sind akteure des „kuratorium für triviale mythen“. es beschäftigt uns daher ein mögliches ineinandergehen von so unerschiedlichen positionen; nämlich was da einerseits der gegenwartskunst zugerechnet werden kann, was andrerseits sache der populärkultur ist. gegenwartskunst und produkte der pop-kultur sind nicht generell von einandner zu unterscheiden. überlappungen, interferenzen, trugbilder und falschmünzerei ergeben in summe ein gedeutungsgefüge, da war es vergleichsweise simpel, zu sagen: beethove, leonardo, thomas mann!

wir kinder des popismus und des kalten krieges haben uns eine kompliziertere welt angeeignet, als es alte eliten für möglich halten wollten. das macht mir dann auch als künstler viel freude, aber es muß stets unter der androhung massiver verunsicherung gelebt werden.

ich dar für uns drei — gruber, sattler und mich – behaupten, daß wir in unseren leidenschaften keine grenzen zwischen diesen feldern zur kenntnis nehmen; im sinne von: demarkationslinien, an denen wir uns aufhalten würden. es ist auch nicht so, daß unser gemeinsames tun vor allem auf einen „wow-effekte“ oder „kathedrale!“-moment zielen würde. als künstler wählen wir fragestellungen, mit denen wir uns befassen möchten. wir wählen uns gemeinsame aufgabenstellungen.

unsere erfahrung besagt, das führt sehr verläßlich zu besonderen momenten, zu anderen zuständen. das ist einfach so, aber es ist kein „hauptereignis“ in unserem künstlerischen tun. sie ahnen schon, das praktische tun, die erfahrungen, das erlebnis des kritischen austausches, nein! bitte nicht die floskel, daß der weg das ziel sei! wir haben uns nämlich keine bestimmten ziele gesetzt. es ließe sich bestefalls sagen: der weg ist der weg. das hat nun entweder eine sehr buddhistische anmutung oder es ist leeres geschwätz, also lassen wir das.

künstler betreiben künstlerische praxis. wir sammeln dabei erfahrungen mit höchst unterschiedlichen codes und mit fragen, wie man sie verwenden kann. wir tun derlei – jeder für sich – lange genug, daß erwartet werden darf, diese prozesse werfen gelegentlich brauchbare ergebnisse ab. ich kennen kolleginnen und kollegen, die sich dabei dann mit großen gesten hervortun. auch recht! mir egal. das präsentationsgeschäft zähle ich zu den sozialen agenda, nicht zu denen der kunst. marktschreierei halte ich für banal, aber ich ignorirer nicht, daß sich ohne solche zutaten nur schwer geschäfte machen lassen.

gesellige regung und gesellschaftliche relevanz halte ich für zwei grundverschiedene vorkommnisse. ich will nicht so tun, als wäre mir das ringen um sozialprestige völlig gleichgültig. wahrgenommen zu werden, reaktionen auf das zu erfahren, was einem gelingt, das sind ja früchte, die ich auch ganz gerne nach hause trage. zugegeben, wie jedes milieu seinen jargon bildet und seinen verhaltens-kodex entwickelt, ist das „zurückhaltungs-gebot“, welches mir gefällt, im kern auch bloß pose. oder aber doch: haltung? also etwas, das inhalt ist und inhalt ausdrückt?

[überblick]
emil gruber, martin krusche, franz sattler: „wheels

was ist kunst? #7

in seinem opulenten werk „die geschichte der kunst“ hat ernst w. gombrich deutlich gemacht, daß es keinen kunstbegriff gibt, der durch die zeiten gültigkeit habe. wir müssen laufend neu klären, was wir mit dem begriff „kunst“ meinen.

die grazer philosophin elisabeth list sagte kürzlich in ihrer rede „Zur Eröffnung der Ausstellung ‚Philosophinnen – Liebhaberinnen der Weisheit’“ zu fragen der definitionshoheit: „Bedeutungen fallen nicht vom Himmel, sondern werden festgelegt, werden gemacht, hergestellt. Und hinter der Festlegung von Bedeutungen steht ein bestimmtes Interesse, eine bestimmte Macht.“ [quelle]

philosophin elisabeth list in unserem setting "die verschwundene galerie"

an anderer stelle sagte list: „Ich wiederhole, was Judith Butler sagt: Ohne Begründungen können wird nicht Handeln und Denken. Aber sie sind nichts Ewiges, Absolutes, sie beruhen auf kontigenten Grundlagen, und sehr oft auf politischen, und dessen muss man sich bewusst sein.“

gombrichs hauptwerk erschien erstmals 1950. damals fehlte noch die erfahrung der „pop-kultur“. meine spätere ausgabe ist um das kapitel „eine endlose geschichte“ erweitert. es trägt den untertitel „der triumph der moderne“. gegen ende des buches findet man den satz „unsere kenntnis der geschichte ist immer unvollständig“. so verhält es sich auch mit der kunst ganz generell.

es ist eine markante erfahrung, das GANZE in der unvollständigkeit von kenntnis zu erfahren. ein erheblicher kontrast zu jener zielstrebigkeit und lösungs-orientierung, mit der wir in der alltagsbewältigung klare ergebnisse suchen. gombrich drückt meines erachtens in jener passage keinen mangel aus, sondern – ganz im gegenteil – den zugang zu einer grenzenlosen fülle als einer besonderen qualität menschlicher kultur. das ausmaß dieser fülle beweist sich gewissermaßen in der stets unvollständigen kenntnis einzelner personen.

elisabeth list kritisiert den „für die Philosophie lange Zeit charakteristische Anspruch, die Welt und ihre Erkenntnis umfassend, vollständig zu erklären, ein Anspruch, der etwas mit einem männlichen Habitus zu tun hat: Der Anspruch, im Gebrauch der Vernunft eine Souveränität zu besitzen, die alles erklärt, alles, was es gibt intellektuell zu unterwerfen. Heute wissen Philosophen, dass sich dieser Anspruch nicht einlösen lässt.“

selbstreflexion als schattengeschäft? kunst als paradoxe praxis?

der vorwurf zielt auf einen herrschaftsanspruch, auf den griff nach definitionsmacht. kunstpraxis, wie ich sie kenne, handelt von einer prinzipiellen skepsis gegenüber solchen macht-optionen.unser wissen ist begrenzt, die kunst ist es nicht. dieses grenzenlose, die kunst, spottet letztlich jeder anmaßung und generell der tyrannis.

freilich gibt es genug beispiele, daß sich einzelne kunstschaffende der tyrannis angedient haben. gombrich hielt im mai 1992 einen vortrag im wiener rathaus. diesen vortrag schloß er mit einer kleinen referenz an seinen lehrer, den kunsthistoriker hans tietze. er zitierte ihn: „Und lassen Sie sich nichts verbieten!“ gombrich war der ansicht, daß „künstler und kenner aus begreiflichen gründen zur intoleranz“ neigen. ich teile diese einschätzung und diese emotion.

daraus leitet sich einmal mehr die disposition zu widersprüchlichen, uneindeutigen situationen ab. ich hab hier behauptet, die kunst vertrage sich nicht mit der tyrannis. und ich stimme zu, sie sei jedoch ihrerseits anlaß für einen zug zur intoleranz. wie geht das? ich lebe es schon lange, aber ich kann es ihnen eigentlich nicht erklären. erinnern sie sich an eintrag #2! da habe ich die übung des „koan“ erwähnt. wir haben eben auch in unserer kultur momente, die sich nicht über erklärungen, sondern nur über praxis erfahren lassen.

[überblick]

was ist kunst? #6

ich produziere nicht für den markt. meine künstlerische praxis führt zwar AUCH zu werken im sinn von ARTEFAKTEN, die auf den markt gebracht werden könnten, aber ich kann mich nicht damit befassen, ob jemand werke von mir kaufen möchte.

es verlangt ein sehr zeit- und kräfteraubendes engagement, auf dem markt präsent zu sein, um dort einnahmen zu lukrieren, die den lebensunterhalt sichern. manche menschen, auch kunstschaffende, nehmen gerne an, lukrative marktpräsenz sei ein kriterium küstlerischer qualität. natürlich spielen solche qualitäten auf dem markt eine rolle und der marktWERT kunstschaffender wird sich kaum ganz unabhängig davon entwickeln. aber deshalb sind das dennoch bloß ökonomische und soziale belange, keine kriterien der KUNST.

krusche live in novi sad (foto: nikola dzafo)

verstehen sie mich recht, ich stehe ökonomischen und sozialen fragen sehr interessiert und wachsam gegenüber. sonst wäre ich ja nicht in der lage, mein auskommen zu sichern. ich erlaube mir bloß, dabei einige trennlinien zu betonen. ich weiß natürlich, daß marktpräsenz und nennenswerter marktwert gewöhnlich auch für erhöhte sichtbarkeit und entsprechende aufmerksamkeit bei den deutungs-eliten sorgen.

leute von der kunstgeschichte und vom feuilleton, kuratorisches fachpersonal und politische funktionstragende sowie fachkräfte aus diversen branchen der kunstvermittlung werden sich in summe weit weniger um kunstschaffende scheren, die sich von diesen bereichen des kulturbetriebes eher fern halten.

daraus ergibt sich auch eine etwas verengte dimension bei legitimations-fragen. im sinne von: wie klärt sich denn nun, ob ich ein künstler bin? wenn ich mit den angehörigen diverser deutungs-eliten wenig zu tun habe, also von solchen seiten kaum einschlägige bestätigung erhalte, bin ich um so mehr auf mich selbst gestellt, zu klären, was denn mein rang und meine position im kunstzusammenhang seien.

das hat durchaus vorteile, auch wenn es meinen status ökonomisch eher schwach sein läßt. auf diese art ist es sozusagen vor allem eine sache zwischen der kunst und mir.

ich habe keine nennenswerten ressentiments gegenüber dem kunstbetrieb und dem kunstmarkt. ich bin mit diesem metier nun seit jahrzehnten vertraut und verstehe es als eines von vielen sozialen systemen innerhalb einer arbeitsteiligen gesellschaft. das hat seine beeindruckenden und seine verrückten seiten, hat sehr wahrhaftige und sehr korrupte momente.

ich neige nicht dazu, meine werke zum verkauf anzubieten. dadurch kann ich etliche schattenseiten dieses metiers umgehen. freilich bleiben mir so auch manche vorteile versagt. niemand hat mich gezwungen, diesen beruf auszuüben. deshalb ist mir ein räsonieren über die eigenarten der branche heute eher fremd. ich bemühe mich, innerhalb des gesamten gefüges eine position zu finden, in der ich mich einerseits sehr radikal meinen interessen als künstler widmen kann, also künstlerischen fragen und aufgabenstellungen, andrerseits schert mich natürlich die frage meines ökonomischen überlebens. ich ziehe es vor, diese zwei felder an herausforderungen nicht gar zu eng zu verknüpfen.

verkürzt und auf den punkt gebracht:
ich verstehe meine künstlerische arbeit als etwas sehr grundlegendes, das man vielleicht ähnlich wie grundlagenforschung verstehen könnte. „kunst um zu …“ lehne ich ab. damit meine ich: eine kunstpraxis, um damit etwas bestimmtes zu bewirken, was außerhalb der kunst und den fragen der kunst liegt, möchte ich nicht pflegen.

das bedeutet ganz unromantisch, meinen lebensunterhalt muß ich mir mit anderen tätigkeiten verdienen. das ist zwar manchmal mehr als anstrengend, da es ja auf eine mehrfachbelastung hinausläuft, die mich gelegentlich zum ächzen bringt. aber so ist eben das metier. das sind ganz banale umstände.

so ging es zum beispiel auch dem großen leonardo da vinci; siehe dazu sein legendäres bewerbungsschreiben an den mailänder sforza! darin bietet er seine talente und dienste an. und zwar jene, die ganz praktischer natur sind.

unter leonardos in einzelnen punkten aufgezählten dienstleistungen fällt eben nicht, was er fast schon informell an den schluß des schreibens setzt: „Ich beschäftige mich auch mit Skulpturen in Marmor, in Bronze und in Erden; ebenso fertige ich Gemälde, alles was man will. Ich würde auch an einer Reiterstatue in Bronze arbeiten können, welche zum unsterblichen Ruhme und ewiger Ehre, also auch zur glücklichen Erinnerung Eurer Herrlichkeit Vaters und des fürstlichen Hauses Sforza errichtet werden soll.“ [quelle]

ich verstehe meine zahlreichen kolleginnen und kollegen sehr gut, die dem anspruch nachhängen, ihr lebensunterhalt möge ausschließlich aus künstlerischer tätigkeit bestreitbar sein. ich würde mich selbst keineswegs dagegen wehren, wenn ich von allen banalen anforderungen des broterwerbs freigestellt wäre.

aber ich sehe in der praxis, daß dazu a) der österreichische markt allein viel zu klein ist und b) die konkreten marktbedingungen und -verhältnisse mir großteils mißfallen. ich hänge also HIER der kunst auf sehr grundsätzliche art an und vermarkte DA jene meiner kompetenzen, die ich mir freilich über jahrzehntelange kunstpraxis erworben habe. so habe ich ein paar praktische trennlinien zwischen der kunst und dem kommerziellen.

[überblick]

was ist kunst? #5

es war im vorigen eintrag von „flow“ die rede, von einem bestimmten zustand, in dem mir die arbeit besser gelingt als in anderen zuständen. das sind abschnitte, in denen inspiration greift und ich mich meist nicht mehr mit überlegungen plagen muß, was nun geschehen soll. da arbeite ich dann sehr zügig. inspiration ist für mich nur in seltenen fällen ein ereignis, wo mir etwas aus heiterem himmel zufällt. sie hat vorbedingungen, sie hat rahmenbedingungen.

das gilt ja keineswegs bloß für künstlerische akte. aber da eben besonders. denn anderes tun hat zum beispiel ergebnisse in der bewältigung des alltags. greifbares, gut nachvollziehbares. in der künstlerischen praxis erlebe ich, daß jedes ergebnis neue fragen oder problemstellungen für neu aufgaben hervorbringt. was ist denn DAS für ein tun? wozu braucht man sowas?

es wird oft als sehr provokant empfunden, wenn sich nicht sofort sagen läßt, WAS etwas ist. das uneindeutige stört die beschauliche ruhe im denken vieler menschen.

ein weiterer hinweis darauf, daß mein zugang zur kunst ein äußerst prozeßhafter ist, weshalb dabei kontinuität große bedeutung hat. so wird dann ein einzelnes werk, das ich zustande bringe, fast schon zum „nebenprodukt“, auf jeden fall zu einem zwischenergebnis. das werk ist evidenz für augenblicke. diese dinge verschwinden dann auch wieder. selbst dürers weltberühmter „feldhase“ verschwindet, die farbpartikel fallen vom papier; fachleute rechnen aus, wie lange das blatt jeweils in finsternis „ruhen“ muß, nachdem es an’s licht gezerrt und betrachtet worden ist. das wird den „feldhasen“ langfristig nicht erhalten, sondern bloß sein verschwinden bremsen.

ein anderes beispiel. von der griechischen kunst der plastik ist fast nichts erhalten geblieben. wenige artefakte, das meiste davon spätere kopien und beschreibungen von einzelnen werken. dieser kunstzweig, von dem gombrich in seiner kunstgeschichte sinngemäß sagte, wir hätten fast alles von den griechen gelernt, ist uns vor allem als teil unserer ansichten erhalten geblieben; die werke selbst sind großteils versunken, verschwunden, wir kennen auch die namen der meisten künstler nicht.

wo bleibt dabei nun die kunst? eben! und da bin ich auch bei gombrich. die KUNST sehen wir nicht, wir hören sie nicht, wir können sie nicht sinnlich erfahren. unsere wahrnehmung („aisthesis“) erblüht an werken und prozessen, die der kunst gewidmet sind, nicht an der kunst selbst.

noch einmal ausdrücklich: ich habe die kunst nie gesehen. aber erfahrungen, berichte, artefakte und so etwas wie kollektives bewußtsein sind offenbar seit jahrtausenden beleg dafür, daß menschen sich der kunst widmen. manche würden vermutlich sagen, daß hier von spirituellen erfahrungen zu sprechen sei. ich erlebe mich sowohl in der rezeption wie auch im kunstschaffen dieser ganzen vorgeschichte verbunden.

es ist ein metier, das nicht über herkömmliche beweisführung erschlossen werden kann. ein weiterer grund, warum mir die frage „was ist kunst?“ so unerheblich erscheint. manchmal höre ich menschen sagen: „ich verstehe nichts von kunst.“ das mag ja sein. aber die aussage erscheint mir etwas irreführend. „ich habe keine erfahrung mit kunst“ halte ich für viel zutreffender.

ich sehen gerne von spontan wirksamen talenten ab, die quasi ohne anlauf zu bemerkenswerten ergebnissen fähig sind. solche menschen gibt es gelegentlich. aber das gros der kreativen ist auf praxis und ERFAHRUNG angewiesen. also auf schon absolvierte prozesse; vor allem ästhetische erfahrungen, also wahrnehmungsprozesse. ich wiederhole mich bewußt: ZEIT spielt dabei eine erhebliche rolle. (das würde ja eher die frage empfehlen: „WANN ist kunst?“)

[überblick]

was ist kunst? #4

sie ahnen es vermutlich inzwischen, ich habe zu den fragen der kunst heute einen eher pragmatischen zugang. das betrifft nicht meine innere disposition, sobald ich mich meiner künstlerischen praxis widme. aber diesen bereich halte ich für eine intim angelegenheit. das sind aspekte, die mir keinen stoff zur selbstdarstellung liefern.

ich hab im vorigen eintrag schon dargelegt, die selbstanzeige „hallo, hier kommt ein künstler!“ ist meines erachtens eher ein hinweis, daß jemand keiner ist. aber das erweist sich seinerseits natürlich als eine etwas dünkelhafte position, die keine sicheren ergebnisse verspricht.

damit die arbeit gelingt, muß ich spezielle zustände erreichen. die fallen nicht vom himmel, sie haben bedingungen...

wenn ich als künstler aktiv werde, nenne ich das vorzugsweise „in die kunst eingehen“. aus dieser befindlichkeit kehre ich dann jeweils in den alltag zurück. es gibt für diese zustände, in denen die arbeit an einem werk gelingt, sehr verschiedene bezeichnungen; die erfahrungen damit sind ja auch individuell höchst verschieden, äußerst vielfältig. mir gefällt jene vorstellung sehr, die mihály csíkszentmihályi als „FLOW“ beschrieben hat.

damit wird auch schon klar: so eine dispostion bringe ich nicht bloß mit künstlerischer praxis in verbindung. ich bin ferner überzeugt, daß man in künstlerischer praxis aus einer ganzen reihe von quellen schöpft, die andere menschen auch für ganz anderes tun nutzen. damit möchte ich herausstreichen: künstlerische tätigkeit ist nichts, was a priori ÜBER andere tätigkeiten gestelltn werden könnte oder sollte. sie konstituiert auch keinen „sozialen sonderstatus“.

das schließt keineswegs aus, in diesem bereich dinge und qualitäten zu erwirken, wie das in anderen genres so nicht oder kaum möglich ist. gut, ich sehe selbst, vorsichtiger könne man die wichtigkeit des kunstbereiches kaum betonen. aber genau in dieser zurückhalung finde ich einen vorzüglichen ausgangspunkt für viele der möglichkeiten, die ich vor allem dem kunstfeld zutraue.

damit bin ich einer klärung der frage „was ist kunst?“ noch kaum näher gekommen, aber ich kann ihnen jetzt schon verraten, mein weg läuft darauf hinaus, die frage zu verwerfen. nein, das bedeutet keinesfalls, ich hätte nichts weiter festzustellen oder ich wüßte nicht, wo man kunst dingfest machen könne. ich will hier bloß raum schaffen, ausreichend denkraum, damit die komplexität des themas platz hat.

[überblick]

was ist kunst? #3

wenn sie georg k., den arzt meines vertrauens, in der stadt über den weg laufen, werden sie aufgrund seiner ercheinung nicht gleich denken: „ah, ein arzt!“ sollten sie manfred l. sehen, er ist mein belastbarer sachbearbeiter in der bank meines vertrauenes, verkündet sein outfit doch nicht seinen beruf.

falls sie ulli m. begegnen, wird ihnen nichts an ihr zurufen: „die apothekerin!“ daß christoph st. gleisdorfs bürgermeister ist, müßte man wissen, denn es gibt kein verbindliches bürgermeister-dienstgewand, das einen darauf hinweisen möchte.

aber es gibt operettenhafte aufmachungen, die sollen der welt, oder mindestens einer abendgesellschaft, umgehend ausrichten: „hallo, hier kommt ein künstler!“

eigentlich merkwürdig, daß derart „ständisches denken“ sich aus alten zeiten offenbar erhalten hat, weshalb einige leute per selbstinszenierung die zugehörigkeit zu einem jeweils „anderen stand“ proklamieren. aber gut, das sind codes, das sind milieu- und genre-fragen, das gibt es eben.

im auftreten still, in der orientierung radikal: der maler hannes schwarz

in meinem umfeld sind mir solche gesten fremd. da drücken sich lebensgeschichten eher unspektakulär aus. da werden keine standesdünkel an garderoben abgearbeitet. wie erkennen wir einander? die zeichensysteme der kunst sind grundlagen eines komplexen kommunikationsraumes. es liegt vielleicht am genre, daß manche von uns eben subtilere codes vorziehen. daran ist also nichts spektakuläres, dieser kommunikationsraum hat rundum offene zugänge.

es braucht dabei nicht einmal „türhüter“. über ein spezifisches kommunikationsverhalten und aktive anwesenheit regeln sich diese fragen. freilich stelle ich immer wieder fest, daß wir leute von sehr unterschiedlichem künstlerischem rang sind. damit möchte ich vor allem betonen, daß ich auch mit leuten zu tun habe, deren möglichkeiten und deren werk ich als viel weitreichender denn meine eigenen möglichkeiten einschätze. aber das erweist sich als unerheblich; und zwar im dem sinn, daß es uns nicht von einender trennt. vielleicht, weil es den kunstschaffenden, deren gesellschaft ich vorziehe, nicht um große gesten, sondern um intensität geht.

darin sind natürlich manche durch ihre talente und ihre praktischen erfahrungen weiter fortgeschritten als andere. etwas teilen wir aber über alle möglichen unterschiede hinweg: fragestellungen, aufgaben, pläne und vorhaben. diese dinge ereignen sich dann nicht über die gesten, sondern – wie schon erwähnt – über intensität. und dabei ist es völlig nachrangig, wie weit jemand in der sache kommt. diese positionen am ende einer arbeit sind sowieso flüchtig und stets dem wandel unterzogen.

allerdings neige ich zur ansicht, daß ohne folgende zwei eigenschaften in der kunst nicht voranzukommen ist: passion und ausdauer. als ich den alten, sehr erfahrenen maler hannes schwarz einmal gefragt habe: „worin zeigt sich meisterschaft?“, überlegte er nur kurz und antwortete lapidar: „im ergebnis.“

[überblick]

was ist kunst? #2

es mag ihnen irritiernd erscheinen: was immer ich hier vorbringe, es kann auch dessen gegenteil zutreffen. deswegen ist das gesagte nicht falsch. aber es bleibt anfechtbar. quer durch das 20. jahrhundert ist genau diese erfahrung im kunstbereich sehr radikal gemacht worden. aber sie war schon vorher keine neuigkeit mehr: wo kommen wir denn hin, wenn alle regeln gebrochen werden können und wenn die unterschiedlichsten stile wie positionen sich parallel nebeneinander zeigen dürfen, ohne einander auszuschließen? wo kommen wir denn hin, wenn das bewährte in frage gestellt werden darf?

in schlampigen zugängen nehmen manche menschen gerne an, das sei ein dubioser modus; die möglichkeit, daß etwas zutrifft, aber auch sein gegenteil gelten darf. diese skepsis mißtraut einer großen menschlichen und kulturellen qualität; daß nämlich unser denken nicht bloß auf praktische ergebnisse ausgerichtet ist, welche der „unzweideutigkeit“ gewidmet sind.

geht es um kunst, dann geht es sehr wesentlich um menschliche selbstvergewisserung, die sich nicht einlöst, indem ein status quo festgeschrieben wird. genau in diesem aspekt der kunst, uns keinerlei gewißheit anbieten zu wollen, liegt eine chance, vielfältige erfahrungen zu machen, die über vertraute formen der alltagsbewältigugung hinausweisen. brauchen wir das? ich schon! dazu brauche ich vor allem auch ein umfeld mit inspirierten menschen.

kunst-praxis handelt nicht nur von geifbaren werken, sondern auch von prozessen: (von links) kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov, abine hänsgen, sergei romashko und sergei letov ("kollektive aktionen", moskau)

für mich ist ein leben in solcher „ungewißheit“ jedem anderen in endlosen klarheiten vorzuziehen. das wird nicht bloß in unserer kultur geschätzt. in einem lied von van morrison heißt es: „Chop that wood / Carry water / What’s the sound of one hand clapping / Enlightenment, don’t know what it is“ [link] „hacke das holz, trage das wasser, wie klingt einhand-klatschen, erleuchtung, ich weiß nicht, was das ist.“

damit zitiert morrison ein berühmtes „koan“, das dem meister hakuin zugeschrieben wird. „wie klingt einhandklatschen?“ suchen sie nicht nach einer eindeutigen antwort! das „koan“ ist eine übung im zen-buddhismus, durch welche keine „logischen schlußfolgerungen“ trainiert und keine „eindeutigen lösungen“ produziert werden sollen, sondern, wie soll ich es ausdrücken? … diese übungen sollen einen dazu bringen, in seiner wahrnehmung und auffassung über die absehbare enge der erwähnten „zweckmäßigkeit“ des alltäglichen denkens hinauszugelangen.

das ist meines erachtens keine haltung GEGEN alltägliches denken. dieses brauche ich ja, um meinen alltag zu bewältigen. darüber hinaus soll mir die befassung mit KUNST aber noch weitere möglichkeiten eröffnen. so pendele ich als künstler, aber auch als teil eines kunstinteressierten publikums, zwischen diesen gefielden des alltags und den „erweiterten terrains“ der kunst. ich würde es freilich für eine komische attitüde halten, wenn jemand eines über das andere stellen möchte.

[überblick]

was ist kunst?

was mache ich bloß mit diesem thema? ich muß für mich da nicht gar so viel ausdrücklich klären. aber: ich kann es nicht ignorieren, weil es mir in meinem metier implizit oder explizit laufend um die ohren fliegt. das schwammige gerede, wie ich es oft erlebe, macht mich ärgerlich. wie soll das also konkreter werden?

ich nehme mir heraus, hier eine mischung aus polemik und feuilleton zu beginnen. einzelne momente oder faden-enden für einen augenblick aufgreifen. vielleicht bringt es mich wo hin, vielleicht verebbt es schnell wieder.

poetische nachtschicht: krusche in der werkstatt zur "hasen-oper" von nikola dzafo

als ich kürzlich im serbischen novi sad einen vortrag zum thema „art under net conditions“ hielt, war meine bevorzugte „augustinus-paraphrase“ teil davon. (ich muß stets die prominente quelle nennen, weil es zu verlockend wäre, diese elegante erklärung auf meinem eigenen konto zu verbuchen.)

ich weiß schon lange ganz genau, was KUNST ist,
außer es fragt mich wer danach.

das ist kein scherz. es trifft genau so zu. ich bin bloß allerhand unsicherheiten der frühen jahre als künstler inzwischen los. deshalb ist es keine sichere sache für mich. ich weiß gerade noch: wenn mit innerhalb eines jahres fünf gedichte gelingen, die etwas taugen, darf ich zufrieden sein.

sie werden mir vermutlich zustimmen: kunst definiert sich nicht über quantitäten. ich kannte alelrdings einen mann („kannte“, weil er leider nicht mehr lebt), dem gelangen alle paar tage gedichte, die etwas taugen. seine gedichtbände liegen einem schwer in der hand.

poesie als lebens-konzept: gerhard kofler

es ist also ein beschreibbarer unterschied zwischen gerardo und mir, obwohl wir beide – der kunst gewidmet und der lyrik verfallen – dem gleichen metier angehör(t)en.

und woher weiß ich nun, daß ein gedicht etwas taugt? ich löse das nicht theorie-gestützt, es hat sich quasi empirisch ergeben. jahrzehnte lese-erfahrungen, unzählige gedichte gschrieben, allerhand debatten über das thema geführt, in summe also ein komplex an wahrnehmungserfahrungen, welcher eine inviduelle geschmacksbildung getragen hat.

darauf kann ich mich, wie es scheint, ganz gut verlassen. und so weiß ich es, wenn eines meiner gedichte etwas taugt; früher oder später weiß ich auch, ob ich eines wieder löschen muß.

[überblick]

zwischen diesen beiden optionen, daß etwas einige zeit bestand hat oder daß es verworfen sein muß, dürfte die kunst gelegentlich präsent sein.