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2012: Abschließende Session

Das Jahr endet für mich, für uns, mit einer Station im serbischen Novi Sad, wo unsere mehrjährige Zusammenarbeit mit der „Art Klinika“ nun einen bemerkenswerten Punkt passiert.

Zur Vorgeschichte: Ein Eintrag vom 10. Dezember 2010 erzählt vom Auftakt zur „Schock-Allianz“ und von unserer ersten Session im Rahmen der „talking communities“: [link] Das handelt in der Folge auch von einigen Markierungen und weiterführenden Prozessen: [link]

Die Novi Sad-Session von 2010: In der Innenstadt

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Fahrten Südost #3

Netzkultur. Das Thema handelt von weit ausladenden Möglichkeiten, der Chance zur Konfusion und von bemerkenswerten Kommunikationsmomenten. Seit das Web weit, gar weltweit ist, seit Webspace fast nichts kostet und der Aufbau von Websites simpel ist, weil sich Laien mit Datenbankgestützten Dateimanagementsystemen behelfen können, sind der MeinungsÄUSSERUNG bei uns sehr geringe Grenzen gesetzt. Die MeinungsBILDUNG bleibt allerdings ein so anspruchsvoller Vorgang wie eh.

Ich erlebe gerade den sehr anschaulichen Fall von einer Art „Guerilla-Marketing“ für spröde Ansichten. In der Sache ließe sich auch das Thema „Troll“ wieder etwas beleuchten. Beides ist für politische Interessierte und für Kulturschaffende interessant, weil sich gerade in unserem Netzkulturbereich, abseits des medialen Mainstream-Betriebes, allfällige Trittbrettfahrerei ganz gut schminken läßt. Das ist ein gleichermaßen amüsantes und bedrückendes Exempel, wie so was gemacht wird.

Ob die Leute, die gerade auf dieser Website gerade in Erscheinung traten, im Sinne der Netzkultur richtige „Trolle“ sind, kann ich aufgrund der Kürze des Ablaufes noch nicht sagen. Aber die zwei Burschen, von denen noch zu erzählen sein wird, würde ich auf jeden Fall als eine Art „Web-Marodeure“ einschätzen. Marodeure sind von „Kampfhandlungen“ beschädigte Leute, die sich in Folge ihrer Schwächung nun nicht mehr gegen den ursprünglich erwählten Feind in Stellung bringen, sondern am Wegesrand auf alles losgehen, was schwächer als sie ist. Oder was sie eben für schwächer halten.

Ich breite also diese Fallgeschichte hier aus, weil es lehrreich sein kann, und wo es nicht lehrreich ist, so wird es gewiß amüsant sein. Ich habe es dabei mit Leuten zu tun bekommen, da erstaunt allein schon, daß es derart verhaltensoriginelle Typen tatsächlich gibt. Nachdem mir in dieser Angelegenheit gerade „Herrenmenschengetue“ nachgesagt wurde, ein sehr ernster Vorwurf, beginne ich bei diesem interessanten Punkt der Geschichte.

Gestern bekam ich auf der Website von „kunst ost“ Nachricht von Safeta Sulic. (Ich bin 38 Jahre alt und wohne in der Schweiz.) Sie schrieb mir: „Demnach wird jeder weitere Besuch hier überflüssig, da sich ein moderner Mensch in zensurierter Umgebung nicht wohl fühlen kann.“

Sie setzte sich also mit mir in Verbindung, um mir mitzuteilen, daß es sich nicht lohne, sich mit mir in Verbindung zu setzen.

Kleiner Einschub: Die ganze Angelegenheit dreht sich um den Ort Srebrenica und um Geschehnisse in dieser Gegend während des letzten Bosnienkrieges, in dem sich serbische, kroatische und bosnjakische Verbände feindlich gegenüber standen. Serbische und kroatische Leute nicht durchgehend, denn die waren einige Zeit auch Alliierte, als Tudjman und Milosevic meinten, sie könnten sich Bosnien und Hercegovina aufteilen. Diese Rechnung hatten sie freilich ohne Bosnjaken gemacht. Also waren sie letztlich wieder Feinde.

Warum schreibt mir also Safeta Sulic. Und warum schreibt sie mir nicht in privater Post? Warum dieses in sich nicht ganz schlüssige Auftreten in der Teilöffentlichkeit unserer Website? Weil sie eine Botschaft hat. Diese Botschaft ist ein wenig für mich bestimmt, vor allem aber für die Welt.

Die Botschaft besagt: „Was nun das Verhalten von der krusche betrifft: es unterscheidet sich durch nichts vom Verhalten unserer Massenmedien während des Krieges. Es ist ein Mix aus Voreingenommenheit, Einseitigkeit, Engstirrnigkeit und völliger Intoleranz. Das durch die Massenmedien verbreitete Bild wird eisern verteidigt, während allen Gegeninformationen sofort der Garaus gemacht wird. Diess Herrenmenschengetue ist wirklich völlig abstossend und passt zu keinem aufgeklärten und zivilisierten Menschen.“

Weshalb diese Heftigkeit? Dem ging eine (öffentliche) Korrespondenz mit zwei Männern voraus, deren Identität mir momentan noch unklar ist. Das Thema ist in Europa extrem unpopulär. Es geht um die erheblichen zivilen Opfer einer bosnjakischen Soldateska a) im Raum Srebrenica und b) im Bosnienkrieg überhaupt. Das Faktum ist unbestreitbar, seine öffentliche Debatte von Problemen umstellt.

Zurück zu Sulic. Mein „Herrenmenschengetue“ ist natürlich nicht gar so leicht belegbar. Voreingenommenheit, Einseitigkeit, Engstirnigkeit und völlige Intoleranz. Man könnte glatt annehmen, ich neige zur Vergnügungssucht, denn gemäß diesem Befund hätte ich (fast) nichts ausgelassen, was einen Autor und Kulturschaffenden in einer zeitgemäßen Kultur-Community erledigen würde.

Die Diagnose der Safeta Sulic beruht gewiß auf einer ausführlichen Lektüre meiner Publikationen. Sie beruht außerdem auf der Tatsache, daß ich kürzlich jene zwei genannten Personen, die mir nicht näher bekannt sind, jeweils zur „Persona non grata“ erklärt habe, woraus u.a. folgt, daß sie auf der Website von „kunst ost“ keine Kommentare mehr posten können.

Diese Situation wurzelt in einem Korrespondenzverlauf der Kommentare zu meiner kleinen Reflexion „fahrten südost #2“ [link] Dem war die Notiz „fahrten südost“ [link] vorangegangen, was alles — die Fahrten und die Reflexionen — mit unserer „Šok alijansa“ [link] zusammenhängt.

Es ist also ein anschauliches Beispiel, wie ein ernstes Thema zu einer Kontroverse führt, in der Leute auf einmal nicht mehr meine Argumente angreifen, sondern mich selbst. Dieser kleine, aber bedeutende Unterschied ist der eigentliche Gegenstand meiner jetzigen Ausführungen, weil uns das in der Gesellschaft, in der Politik und im Kulturbetrieb immer wieder unterkommt. Als Auslöser für Konflikte. Argumentiert jemand
+) zur Sache oder
+) zur Person?

Greift jemand die Argumente eines Opponenten an oder den Opponenten selbst? Weiß jemand Vorhaltungen zu begründen? Können diese Gründe belegt werden, etwa mit Zitaten? Auf welche Arten wird das via Web kommuniziert?

Das sind sehr grundlegende Fragen, deren Erörterung im Netzkulturbereich nützlich sein kann…

[šok alijansa / notes #2: überblick]

fahrten südost #2

der flügel von einem kampf-jet mit jugoslawischem hoheitsabzeichen. graffiti darauf belegt, daß die ära titos braver pioniere vorbei ist. es wäre früher sicher als enorme respektlosigkeit gewertet und geahndet worden, wenn sich jemand auf den memorials heroischer haltungen aus titos tagen derart verewigt hätte.

post-weltkriegs-monument als landmark mit rasendem bedeutungsverlust

quer durch die neuen länder befinden sich außerdem noch denkmäler, die an den kampf gegen den faschismus erinnern. manche davon aus dem ersten weltkrieg, dem „great war“, abgeleitet, mit dem zweiten verknüpft. danach: das paradigma, ein antifaschist sei gleich ein kommunist, ist längst zu bruch gegangen.

ländliches terrain von bescheidener blüte. auf dem weg nach srebrenica passiert man kravica. das mächtige schwarze kreuz erinnert an die toten serbischen leute, kombattanten und zivilisten, die einer attacke von bosnischen einheiten unter naser oric zum opfer gefallen waren. diese kampfhandlungen und reaktionen darauf waren zu einem sturm ausgewachsen, sind aber sicher nicht in monokausaler art die ursache für das massaker srebrenica gewesen.

dieses serbische mahnmal flankiert den weg nach potocari und srebrenica

ein dunkles statement zu einer serie von gewalttaten, deren unfaßbarer höhepunkt sich in der enklave srebrenica verdichtete. es ist mir übrigens vollkommen unbegreiflich, wie mladic seine verbände unter aufsicht des dritten niederländischen battailons in einer offiziellen schutzzone aufziehen und den massenmord an den muslimen realisieren konnte.

natürlich wird von den südslawen in der rückschau alles mit jedem verknüpft. doch geschichts-klitterung, die plötzlich tausende tote bewirkt, ist eben genau so komplex, auch so gefährlich, wenn sie sie auf staatlicher legitimation beruht. das ist keine domäne südslawischer völker, das ist eine grausame kompetenz europas.

ein body count macht für sich noch nichts deutlich. aber die tausenden toten muslime, von denen längst noch nicht alle wieder gefunden wurden, ergeben eine erdrückende dimension der traurigkeit und des entsetzens, wo europa seine düstere fratze gezeigt hat.

die gedenkstätte in potocari ist auf zehntausend grabstätten ausgelegt. das ist, wenn man über jenes gelände geht, kaum erträglich.

es befinden sich heute wieder moscheen in der gegend und im vorbeifahren sieht man ab und zu menschen, deren erscheinung mutmaßen läßt, daß muslime zurückgekommen sind. aber ich vermute, das ist alles serbisch dominiert. war das ein guter grund für radko mladic? ist es bloß darum gegangen, diese eher ärmliche gegend für die serbische seite zu nehmen? was war dort zu gewinnen gewesen?

potocari überfordert einen im grunde, was da begreifen der vorgänge betrifft.

in meiner vorstellung ergibt sich vorerst nur eine schlüssige antwort: mladic hat es gemacht, weil es für einige zeit möglich war, weil er es tun konnte. das ist der einzige nachhaltige grund, auf den ich komme.

darin liegt eine massive warnung.

und warum sollten wir uns in einer vor allem regional tätigen, oststeirischen kulturinitiative mit solchen themen befassen? ich habe es oben erwähnt: das ist eine von mehreren gegenden, wo europa seine düstere fratze gezeigt hat.

es geht nicht einfach um „die jugoslawen“, nicht um „die serben“. mit den aspekten persönlicher schuld, die aus täterschaft und unterlassung entstehen, haben sich ordentliche gerichte zu befassen.

darüber hinaus hat sich da einmal mehr eingelöst, was die lektion des nationalismus in europa ist, der verdun und auschwitz ergeben hat und der auch heute wieder in österreich sein maul aufreißen darf.

das berührt politische und kulturelle agenda; wenn etwa eine aktuelle innenpolitik nur schwach gerüstet ist, den vaterländischen ihre menschenverachtenden diskurse abzuschneiden, die von wachsenden bevölkerungsteilen aufgegriffen werden.

wir hängen da alle mit drinnen. und wir werden es am eigenen leib erneut erfahren, wenn wir den schreihälsen ihre hetzerei nicht abzugewöhnen imstande sind.

[Übersicht]

fahrten südost

wir haben bei „kunst ost“ verschiedene themenschwerpunkte. zeitgeschichte und sozialgeschichte spielen dabei eine erhebliche rolle. die agrarische welt ist eines unserer bezugssysteme. blühen und verfall von industriellen komplexen interessieren mich, weil sie gegenwärtige situationen eingefärbt haben.

die krisen-erfahrungen durch kriegshandlungen sind ein eigenes themenfeld, von dem ich bei uns nur mehr symbolische und mentalitätsgeschichtliche präsenzen finden. (doch deren wirkung besteht.)

hinter vukovar: ackerbau und viehwirtschaft im großen stil

auf dieser fahrt durch kroatien, serbien und bosnien haben derlei zusammenhänge völlig andere bedingungen. so wie ich es innerhalb der steiermark für unverzichtbar halte, andere regionen konkret zu besuchen, wo sich für uns arbeitsschnittpunkte ergeben, gilt mir das auch für südost-europa.

wir haben für unsere regionale projektarbeit wachsende arbeitskontakte mit leuten aus sehr verschiedenen teilen des vormaligen jugoslawiens vereinbart. eine wichtige voraussetzung dafür sind die realen begegnungen, weil nur so sich jenes lernen ereignen kann, das grundlagen der zusammenarbeit ebnet.

wenn trubaci auf dem set erscheinen, bleiben die leute nicht mehr auf den sitzen und kein staub auf den möbeln

was ich damit meine? die südslawischen leute ticken natürlich in vielem völlig anders als wir. sie haben andere codes, sie sind in allerhand fragen von grundlegend anderen ereignissen geprägt.

soweit ich sehen kann, sind einige jahre der laufenden begegnungen keineswegs zu viel, um eine erste ahnung zu bekommen, worin man sich — jenseits der gefundenen gemeinsamkeiten — auch sehr stark unterscheidet. (ZEIT ist ein WICHTIGER faktor in solchen prozessen.)

in manchen momenten verdeckt die höflichkeit im achtsamen umgang mit einander heftigen dissens. außerdem verfügen wir „schwabos“ gegenwärtig über keine ausreichende vorstellung, was gehabte kriegsgreuel und kolportage, mutmaßungen und hoffnungen zwischen den ethnien angerichtet haben.

in potocari wird der tausenden ermordeten aus der enklave srebrenica gedacht

drei völker, getrennt duch die gemeinsame sprache, von heftigkeiten erschüttert, für die sich weit weniger rationale gründe finden lassen, als uns allen lieb sein kann.

aber genau DAS ist MEIN europa. erschüttert von seinen komplexen möglichkeiten. verstaubt und aufgerüttelt zugleich. mißgunst und leidenschaft manchmal ineinander verheddert. harte kontraste und tausend optionen.

ich habe hier nur drei von mehreren völkern erwähnt, die einst jugoslawien ausgemacht haben. ich kann mit serben in kroatien nicht über die „albanci“ im kosovo sprechen und um denen gerecht zu werden, müßte es „kosova“ heißen, aber dort sind ja eben erst die konflikte wieder hochgegangen, da reden wir leicht.

kleiner einschub:
ich staune manchmal über kleine details wie daß albanische kosovaren sich selbst „shqiptaret“ nennen, wenn aber serben das phonetisch für mich überhaupt nicht unterscheidbare „siptar“ sagen, dann ließe sich kein übleres schimpfwort finden.

mazedonien wirft als thema offenbar keine konflikte auf und über montenegriner wird freundlich gelächelt. von den slowenen wird praktisch nicht gesprochen, denn wo sind die schon dabei gewesen?

gestern nacht habe ich im zentrum von sarajevo ein feuer vor einer gedenktafel brennen sehen. beides erinnert daran, wie brigaden der serben, bosnjaken und kroaten — „srba, muslimana i hrvata“ — am 6. april 1945 die stadt befreit haben.

am selben ort einst vereinte befreier, später erbitterte feinde

dieses andenken wird hier bewahrt, menschen zeigen es ihren kindern und lassen sich davor fotografieren. zugleich sieht man von nahen gassen und plätzen auf die umliegenden hügel, von denen im jüngsten krieg die serbischen kanoniere und scharfschützen auf unbewaffnete menschen gefeuert haben.

die kroaten waren hier einmal mit den serben einig, sich bosnien untereinander aufzuteilen, dann standen sie einander wieder als feinde gegenüber. diese 1990er-jahre sind mehr als verwirrend.

ich ahne zumindest, wie alt manche der ressentiments sind, wenn ich sagen höre: „naja, die kroaten können ihre straßen nur nach einem ban benennen, wir nach einem kralj.“

der ban war etwa ein markgraf, kralj ist das wort für könig, die hierarchie ist klar. aber, wie schon erwähnt, genau DAS ist MEIN europa, so komplex und manchmal zutiefst irritierend. verheerend in seinen ausbrüchen und hinreißend mit all seinen schätzen.

ich kann mir ein kulturelles engagement auf der höhe der zeit ohne solche querverbindungen nicht vorstellen. auch wo es ein ausgewiesen REGIONALES engagement ist, hat es nicht erst durch die junge erfahrung einer globalisierung vieler lebensbereiche diese bedingung: die praxis des kontrastes zu bewältigen.

wir, und das sage ich sehr bewuß: WIR, haben damit schon eine lange, tief in die geschichte reichende erfahrung. unsere kultur ist das ergebnis solcher erfahrungen. gegenwärtige kulturarbeit sollte also bei solcher vielfalt wieder anschließen können.

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