Archiv für den Tag: 29. April 2012

Wovon handelt Kulturpolitik? #20

Ich habe in der jüngeren Vergangenheit mehrfach geltend gemacht, daß der kulturpolitische Diskurs in der Steiermark offenbar den Bach hinuntergegangen sei. Und ich habe dabei die IG Kultur Steiermark nicht zu knapp kritisiert, weil ich zur Ansicht gekommen war, daß diese Interessensvertretung steirischer Kulturschaffender zu stark auf Graz konzentriert sei, dabei überdies zwischen kulturpolitischen Polemiken und Textimporten aus Wien (IG Kultur Österreich) genuin steirische Positionen und Konzepte weitgehend fehlen lasse.

„kunst der kulturpolitik“, eine veranstaltungsreihe der IG Kultur Steiermark

Dieser Befund hat sich so als nicht haltbar erwiesen. Es gilt nun eine Vortragsreihe als fixiert, welche tief in derlei Themenstellungen hineinreicht. Unter dem Titel „kunst der kulturpolitik“ wird eine Serie von Inputs geliefert, sollen die Debatten in Gang kommen.

Bei der IG Kultur Steiermark hat man nun kuriosen Humor gezeigt und… ausgerechnet mich zu einem Vortrag eingeladen. Ich werde am 29.06.2012 ab 18:00 Uhr ordinieren. Und zwar, das ist ein nächstes, überaus originelles Detail in der Sache, im Hause von k.u.l.m. (Kulm 49, 8212 Pischelsdorf).

Fein! Und ich will nicht zimperlich sein. Zwar wäre ich vermutlich gerne um Thema und Titel meines Vortrages gefragt worden, doch wenn es nun schon da steht, kann ich mich natürlich auch danach richten: „kulturpolitiken im ländlichen raum”. Das läßt ja einigen Spielraum zu.

Bei "kunst ost" versuchen wir klarzustellen: Uns gibt es auf jeden Fall und was wir tun, hat Bestand wie Perspektive; Politik und Verwaltung sind eingeladen, mit uns zu kooperieren

Bemerkenswert ist, daß ich per Einladung (siehe oben) der Bezirkshauptstadt Weiz einverleibt wurde, wo ich doch mein Schicksal angefleht habe, man möge über nun schon mehrere Jahrzehnte bemerkt haben, daß meine Arbeit von Gleisdorf ausgeht. Aber das ist andrerseits ein origineller Beitrag zum momentan so akuten Thema der „Zentrum-Provinz-Spannungen“ in der Region.

Es trägt uns ja eine Verwaltungsreform zu neuen Ufern und da bleibt demnächst kaum eine Gemeindegrenze auf der alten. Das sorgt für heftige Emotionen in der Oststeiermark; siehe etwa: [link] Da sollte es also auch einmal Gleisdorf zu spüren bekommen, wie es ist, wenn man als Weiz wahrgenommen wird, was sich sonst Ludersdorf, Albersdorf etc. von Gleisdorf gefallen lassen muß ;-)))

So gesehen wurde mir der Ball in launiger Weise aufgelegt. Es ist auch die überaus richtige Zeit, um aktuell zu klären, was genau wir uns eigentlich unter Kulturpolitik vorstellen und wer darin welche Positionen einnehmen könnte. Bei kunst ost haben wir inzwischen klar demonstriert, daß die inhaltliche Arbeit und das Definieren von Rahmenbedingungen erst einmal von uns ausgeht, also Sache der Zivilgesellschaft ist.

Aus dieser Arbeitshaltung heraus bestimmen wir auch, welche wesentlichern Ereignislinien geplant und praktisch verfolgt werden. Davon ausgehend suchen wir den Diskurs mit Leuten aus der kommunalen Kulturpolitik und die Kooperation mit Leuten aus der Verwaltung.

Dabei ist die Hauptposition genau NICHT dem Motto: „Wir wünschen, Ihr bezahlt, wir spielen!“ gewidmet. Wir haben auch keine Erwartung, daß eine hundertprozentige Finanzierung durch die öffentliche Hand verhandelbar und erreichbar wäre. Polemisch verkürzt: Hundert Prozent Abhängigkeit vom Staat assoziiere ich mit Nordkorea, aber nicht mit Österreich.

Ich hab das schon im vorigen Eintrag thematisiert: [link] Inklusive der regionalpolitischen Unruhe, mit der wir rechnen müssen, weil der 31.12.2014 ein hartes Datum ist, bei dessen Vorlauf wir ebenso Belastungen erwarten müssen wie in der Zeit danach.

Wir müssen also JETZT darüber reden, auf welche Art wir uns wappnen können, wenn die realpolitischen Kräftespiele ihr Personal derart belasten, daß sie vermutlich als erstes das Thema Kunst & Kultur über Bord werfen werden. Ich habe bei einem steirischen LEADER Kultur-Treffen [link] vor einigen Tagen genau das zum Auftakt der Session herausgestrichen. Alles schon dagewesen! Nun sollten wir nicht mehr kalt erwischt werden, sondern gut aufgewärmt sein, wenn es eng wird.

Zur Erinnerung: Im Jahr 2010 hatte der Österreichische Gemeindebund Bevölkerung und Orts-Chefs befragen lassen, in welchen Bereichen Einsparungen am ehesten Akzeptiert würden. Spitzenreiter wurden dabei Kunst & Kultur mit 92% bzw. 95% Akzeptanz für Kürzungen. So kam es dann auch.

Diesmal wissen wir was kommen wird und wann es kommen wird…

— [übersicht] —

kopfbahnhof

„Ein neuer Ort für die Kunst und ihre Bereiche des Lebens in sich wandelnden Zeiten stellt sich vor – versucht zu zeigen, was vorstellbar ist.“ Kathi Velik, die „Stationsvorsteherin“ der Kulturinitiative „kopfbahnhof“ Bad Gleichenberg, hat nun ihre Crew formiert, um den 5. Mai abzurunden. Wir werden per Zug von Gleisdorf über Feldbach nach Bad Gleichenberg anreisen, um das „April-Festival“ von kunst ost abzuschließen: [link]

Das „Performance Writing Weekend“ von Arnolfini

Dazu gehört eine online-Verknüpfung mit dem „Performance Writing Weekend“ von Arnolfini: [link] Genauer: 17:30 UpStage: Internet-liveperformance „make-shift“ von Helen Varley Jamieson (NZ) und Paula Cruchlow (UK) Interactive screening as part of PW12

Außerdem gibt es Akzente am Saxophon von Eva Ursprung und Thomas Rottleuthner. Die Zuglotsinnen und Weichenstellerinnen der kopfbahnhof-Crew aus der südöstlichen Steiermark sind: Bernadette Moser, Erwin Stefanie Posarnig, Karin Scheucher, Andrea Schlemmer, Marlene Stoisser und Kathrin Velik.

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Das Buch von Renate Krammer

Künstlerin Renate Krammer gehört zu den markanten Bezugspunkten laufender Veranstaltungen von kunst ost. Vor allem ihr grafisches Werk demonstriert eine Tiefe, wo mit Ausdauer die langen Handlungsstränge ihres Tuns zu ästhetischen Erscheinungen führen, die neben ihren Themen, Inhalten, eben auch jene Zeit des Handelns repräsentieren.

Dieser Krammer’sche Weg ist nun Thema eines Buches, das am 8. Mai in Wien präsentiert wird. Renate Krammers „Linien/Lines“, erschienen in der edition keiper, bietet einen detailreichen Eindruck in diese kräfte- und zeitraubende Arbeit. Einige Blätter daraus sind hier als PDF-Dokument downloadbar: [link]

Philosoph Erwin Fiala präzisiert an einer Stelle des Buches, wie dann auch die Betrachtenden in das Prozeßhafte einbezogen werden: „Wird eine Fläche primär durch die Linie gestaltet, durch die zeichnerische Geste, so muss sie durch die Imagination des Betrachters ergänzt werden – und gerade darin liegt ein Merkmal der spezifischen Qualität des Graphischen.“

Renate Krammer (Foto: edition keiper)

Fiala an anderer Stelle: „Renate Krammer geht es zunächst aber darum, wie schnell die einfachsten piktographischen Formen und Zeichen beginnen, den Kommunikationsalltag zu determinieren und zu regeln, …“

Das verweist zum Beispiel auf die Anforderung, mit der wir im Alltag stets konfrontiert werden. Über eine Zeichenflut, mit welcher nicht bloß der öffentliche Raum intensiv bespielt wird, dringen stets Nachrichtern, Botschaften, Angebote auf uns ein. Während dieser Teil unsere Alltags davon geprägt ist, daß uns über solche Kanäle stets etwas angedient, verkauft, angedreht werden will, schaffen Kunstwerke ganz andere Zusammenhänge, in denen unsere „Blickkompetenz“ gefordert ist, unsere Fähigkeit, visuelle Codes zu lesen und zu dechiffrieren.

Übrigens! Bei unsere abschließenden Session zum „April-Festival“ im Bad Gleichenberger „Kopfbahnhof“ wird eine filmische Arbeit von Renate Krammer zu sehen sein: [link]

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