Gleisdorf: Betrachtungen #14

Die Heimat schickt ihr letztes Aufgebot? Nun feiern sich auf Bühnen und in Online-Foren Menschen, die mir versprechen, meine Demokratie, meine Freiheit, meine Kultur, meine Identität zu schützen. Menschen, die freilich keine 20 Minuten unaufgeregtes Gespräch über Österreichs Demokratie, Freiheit, Kultur und Identität durchstehen würden, die auch großteils keinen Tau haben, was das Wort Heimat hier in der Oststeiermark eben noch bedeutet hat.

Vielleicht sollte Gleisdorf ganzjährig einen Speakers Corner nach britischer Art haben. (Aber ohne Lautsprecheranlage!)

Wenn ich mir anschaue, womit einige der exponiertesten Personen dieser aktuellen Gleisdorfer Unruhe ihr Brot verdienen, würde ich die Wirtschaftskammer in Weiz gerne auf eine staatsbürgerliche Sensation hinweisen. Die regionale Wellness-Branche hatte eine politische Express-Erweckung, wie ich sie vorher in meinen über 60 Jahren auf dieser Welt noch nie gesehen hab.

Gottfried Lagler darf ich mit Klarnamen nennen, denn wir kennen uns seit Jahrzehnten und haben im Kulturbereich viele Male zusammengearbeitet. Mobilitätsgeschichte, „Oldtimerei“, aber Gottfried ist vor allem in Ernährungsfragen sehr sachkundig und als Gastwirt zu empfehlen. (Gut, Zeitgeschichte, Soziologie, das historische Werden Österreichs waren bisher noch nie unsere Themen.)

Guerilla Marketing?
Hier ein kleiner Auszug des Reigens exponierter Leute, um das Ausmaß des demokratischen Kompetenzspektrums anschaulich zu machen. Ein Schuft, wer annimmt, das könnte etwas mit Public Relations (Guerilla Marketing) zu tun haben, um sich für Kundschaft sichtbar zu machen, ohne ein großes Werbebudget zu benötigen.

+) Irmgard B.: Body Feng Shui, Energiepflanzen für ihr Zuhause, Jungbrunnen-Tips etc.
+) Michaela H.: vormals Wirtin mit starker vaterländischer Sektion an ihrer Theke etc.
+) Sabine K.: Aroma, Energie-Coaching, Ohr-Akupunktur, Yoga etc.
+) Tanja L.: Beauty Devices (Normale bis Mischhaut), eine ideale Serie für einen „urbanen Lifestyle“ etc.
+) Gerlinde R.: schwingende Energie, bringt einen „in Einklang mit hervorragenden, natürlichen Gesundheitsprodukten, die uns Energie geben und ein erfülltes gesundes Leben ermöglichen“ etc.

Nein, diese Frauen konnten auf langjährige Mühen verzichten, sich in kulturellen und politischen Veranstaltungen ein Publikum zu erarbeiten. Sie mußten nicht erst als Teil des öffentlichen, des sozialen und kulturellen Lebens in Gleisdorf Punkte sammeln, damit ihnen jemand zuhört.

Etwas verwirrende Botschaft, vielleicht die Multikultiversion von „United we stand!“ oder wie unser Kaiser Franz Josef gerne sagte: „Viribus unitis!“

Sowas geht jetzt erst einmal ratzfatz mit dem passenden Phrasenkatalog und einem Lautsprecherwagen, denn das muß ich als treuer Rezensent solcher Vorgänge festhalten: außer Slogans, Phrasen und Rhetorik habe ich hier praktisch noch nichts Anregendes geboten bekommen. (Auch kein Flugblatt mit einem konkreten sozialen und/oder politischen Konzept.)

Geist kann man nicht kaufen
Ich darf Ihnen versichern, das ist alles keine Frage von sozialem Milieu oder formaler Bildung. Ich arbeite seit gut 30 Jahren mit Hacklern und alten Handwerkern, ich bin – nebenbei bemerkt – der Vater eines Fabrikarbeiters. Ich weiß also verbindlich, daß Sachkenntnis, Geist und Lebensklugheit sich in einer differenzierten Sprache ausdrücken und Humor kennen.

Diese Qualitäten kommen ganz ohne Phrasen aus, weil ein wacher Geist sich individuell ausdrücken mag, sich sonst – wie ich annehmen darf – selbst nicht erkennt. Um das noch einmal speziell zu betonen (und bei den alten Leuten zeigt es sich durch Falten in den Augenwinkeln): jeder gescheite Hackler, mit dem ich bisher zu tun hatte, zeichnet sich durch Witz aus und hat Selbstironie. So kommt ihre Sachkenntnis daher. In diesen Milieus gilt: man sagt nur, was man kann und man kann das, was man sagt. Alles andere ist Gewäsch.

Klischee-Tetris
Ich hab in einer vorangegangenen Glosse schon das Klischee-Tetris von Gleisdorf erwähnt. Unzählige Stereotypen und Phrasenpakete purzeln daher, müssen ein bißl gedreht und geschwenkt werden, flott-flott, das haben wir gleich, und schwupps! Pluralistische Protestveranstaltung. Alles da! Das ganze Spektrum.

Manche der Einheimischen haben sich von zu Hause aus aufgeregt, haben das via Social Media kundgetan, sind aber zu Hause geblieben. Telepräsenz. Das gilt! Wirtschaftstreibende haben das Protestvölkchen demonstrativ verflucht. Teile der Stadtpolitik nehmen eine Abkürzung, argumentieren gegen die Protestierenden nicht politisch, sondern ökonomisch. (Das klappt immer, bringt aber gar nichts.)

Zugegeben, seit Einführung der EU ist die Freiheit der Bauernschaft etwas im Eck.

Auf meinem Weg vom Florianiplatz zum Hauptplatz sah ich kürzlich die „Trychler“ grade ihre mächtigen Glocken aus einem Kombi hieven. „Freiheitstrychler“ (Glockenläuter) aus der Schweiz. Also ein alpines Brudervolk, um ein wenig in heimatlichen Kategorien zu sprechen. (Und über tausend Jahre die besseren Soldaten als unsere Leute, das muß man sagen.)

Freiheit ist derzeit so angesagt wie lange nicht. Auf dem Hautplatz wurde eine Eröffnungsrede gehalten, die mich enorm langweilte. Kein Esprit. Keine Denkanstöße. Reine Befindlichkeitsprosa und Gefühlsduselei. (Da war es lustiger, als uns vor den letzten Wahlen in Gleisdorf Herbert Kickl besucht hat.)

Dann stand ich neben einem Youngster, der sah aus wie ein Ninja. Ganz in schwarz, nur die Augen frei. Aus dem Tuch überm Gesicht quoll mit nach unten verlegter Stimme: „Alerta, Alerta, Antifascista!“ Das fand ich extrem rührend, weil ich am anderen Ende dieser Session noch zu hören bekommen sollte, „Der Hitler“ habe ja ein Konzept gehabt, aber „Die Hitlers“ hätten ihm das ruiniert.

Polaritäten
Genau diese Formulierung, diese Polarität, kannte ich aus meiner rund 60 Jahre zurückliegenden Kindheit. Ich hörte an diesem Abend auch, daß die Impfkampagne von der Industrie durchgesetzt worden sei, um Profite zu machen. Naja, seit wir Konzerne haben, zumal schon längst multinationale Konzerne, bemüht man sich in Konzerne ganz energisch, vor allem einmal Profite zu machen. (Das Wasser ist naß! Der Papst ist katholisch!)

Und diese Konzerne, da wisse man ja, wer davon profitiert. Ah ja? Wissen wir? Wer denn? „Die Juden.“ Ooookay! Ohne Antisemitismus geht in Sachen nationaler Freiheit eben gar nichts. Da wäre dann übrigens noch dieses enorme Gütermenge, die wir laufend aus China beziehen. (Fragen Sie einmal bei der Wirtschaftskammer in Weiz nach, welche umfassenden Handelsbeziehungen wir mit China pflegen.)

Wenn ich heute durch ein Kaufhaus gehe, mich umsehe, muß ich ja eigentlich fragen: Was ist nicht „Made in China“? Sie ahnen, welches Problem sich dabei ergibt?

Ich muß jetzt einmal ernsthaft über die chinesischen Juden nachdenken. Daß darauf noch niemand gekommen ist! Dort muß es, wenn man der oben erwähnten Wirtschaftstheorie von Profitmaximierung folgt, Juden geben. Jede Menge Juden. (Naja, vielleicht doch keine brauchbare Wirtschaftstheorie.)

Nein, ich will jetzt das Denkfenster zur Welterklärung nicht noch weiter aufreißen. Wie sollte dann alles, was zur aktuellen Welterklärung nötig ist, bei den Gleisdorfer Protestmärschen Platz haben, damit auch jede Richtung angemessen vertreten ist? Wenn wir schon in einer „Diktatur“ leben, wie ich jüngst wieder erfahren konnte, dann wenigstens in einer pluralistischen Diktatur. Okay? (Na, das will ich meinen!)

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Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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