Was es wiegt, das hat’s XXXVII: Redlichkeit

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Redlichkeit halte ich für eine vorteilhafte Kategorie. Dazu genügt mir ein einziges Kriterium. Ich möchte zwischen dem Denken, dem Reden und dem Tun einer Person ein Fließgleichgewicht erkennen können, Schlüssigkeit.

Sie merken, dazu muß man kein guter Mensch sein. Auch mit unfreundlichen Intentionen kann jemand das Gebot der Redlichkeit erfüllen. Ich muß das so sehen, weil ich zweierlei für unverzichtbar halte, wenn ich über Demokratie nachdenken: Antwortvielfalt und eine pluralistische Gesellschaft.

Ich denke, bis hierher ist noch sehr wenig Ideologie im Spiel und ich bewege mich mit diesen Punkten einigermaßen nahe an evolutionären Prinzipien. Hier seien alle, die Darwin auf eigennützige Art lesen, deutlich daran erinnert: Darwin hat nie gesagt und nicht gemeint, daß „Die Stärksten“ sich durchsetzen würden, sondern jene, die am besten an ihre Umwelt angepaßt sind.

Ich denke, das sind nützliche Punkte, wenn man das 20. Jahrhundert entschlüsseln möchte. Also: Redlichkeit! Die ergibt sich aus erkennbarer Folgerichtigkeit. Ich spare hier bewußt das Thema „Wahrheit“ aus, weil ich diese Kategorie lieber den Philosophen und Theologen überlasse. Wir können aber gerne darüber streiten, was in dieser oder jener Angelegenheit konkret der Fall sei.

Kommunismus in Graz
Ich fasse das Gezänk um den Grazer Wahlsieg der steirischen KPÖ bezüglich ihrer Gegnerschaft folgendermaßen zusammen: „Wo Kommunismus drauf steht, ist historisch der Tod drinnen. Marx, Engels, Stalin, Mao und Konsorten sind gute Gründe, daß die KPÖ nun Mandatsverzicht üben möge.“

Ein frommer Wunsch! Nun zeigt uns schon diese Zusammenraffung negativ konnotierter Motive eine rotzfreche Geschichtsklitterung von jener Qualität, wie ich sie oft bei einem Bildungsbürgertum finde, das die Bildung aufgegeben hat, also schnell ein paar Slogans raushaut, diese aber kaum begründen und diskutieren kann. Beginnen wir nun mit einer einfachen Übung, die sich auf Kultur- und Bildungspolitik beschränkt.

Steirerblut und Himbeersaft
Ich nehme an, Hanns Koren ist Ihnen wenigstens namentlich ein Begriff. Es heißt unbestritten, daß sich damals ohne ihn das Forum Stadtpark nicht in so wirksamer Form hätte etablieren können. Der ebenso verdiente wie populäre ÖVP-Politiker nannte wen als seinen Spiritus rector?

Koren ehrte gerne den 1884 in Deutschlandsberg geborenen Viktor Geramb, Hochschullehrer und Volkskundler, der bis 1958 lebte. Es ist also zumindest kurios, daß er bis heute gerne als Viktor von Geramb vorkommt. Ein Wissenschafter, der einst fraglos deutschnational gesinnt war und heute als Ikone der heimischen Volkskunde gilt.

Immerhin hat Geramb erlebt, wie Aristokraten des Hauses Habsburg ihr Imperium mit einem Festival der Inkompetenz in Blut versenkt haben, wie der Adel abgeschafft und das Tragen von Adelsprädikaten in Österreich verboten wurde. (So viel zum „von“.)

Geramb publiziert 1946 bei Otto Müller in Salzburg sein Buch „Um Österreichs Volkskultur“. Es ist mir völlig schleierhaft, wie so ein Werk erscheinen konnte, ohne Gerambs Reputation als Wissenschafter erheblich zu beschädigen.

Der Essay enthält eine gute Portion Intellektuellenfeindlichkeit, überhöht die agrarische Welt gegenüber dem Städtischen, leistet sich manches Raunen, das implizit Blut und Boden zusammenreimt etc. Es ist einfach eine grottenschlechte Arbeit mit problematischen Ideologie-Splittern.

Aber keine Angst, ich werde jetzt nicht verlangen, daß Gleisdorfs Bürgermeister und ÖVP-Nationalrat wegen solcher historischer ÖVP-Zusammenhänge nun sein Amt niederlegt 😉

— [The Long Distance Howl] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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