Howl: Jahr 18, eins

Ende eines Narrativs

Nun das 18. von 20 Jahren Projektlaufzeit von „The Long Distance Howl“. Launiges Schicksal! In dieser Spanne zwischen 2003 und 2022 einer gebündelten Arbeitsphase manifestiert sich ein Umbruch von enormem Ausmaß. Die Globalisierung ist umfassend. Der Kapitalismus ist in einigen Bereichen am Ende seiner Möglichkeiten angelangt. Das große Narrativ, mit dem ich aufwachsen durfte, hat sich erschöpft.

Nach dem Ende der Feudalzeit war es hier der Faschismus, war es dort der Stalinismus. Konzepte, mit denen die Proleten Fürsten werden wollten. Wie aufschlußreich, daß Hitler und seine Kanaillen sich an der Phantasie eines Dritten Reiches erregt haben, das auf tausend Jahre angelegt war.

Imperium Romanum, Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation und schließlich diese erbärmliche Hitlerei. So stellten sie sich das vor. Der Führer und sein Lieblingsarchitekt Albert Speer tüftelten an einer Architektur, deren Werke nach Jahrtausenden sogar noch als Ruinen imposant wirken sollten.

Nun aber, nach Feudalzeit, nach Faschismus und Bolschewismus, die Demokratie in ihrer akuten Erosion. Was wird die nächste Erzählung sein? Die Vierte Industrielle Revolution ist greifbar geworden und neue Maschinensysteme haben unseren Alltag erreicht.

Die Klimasituation ist so brisant geworden, daß wir von unseren Kindern gefragt werden, was wir jetzt zu tun gedenken, um ihnen ihre Lebensräume nicht zu zerschlagen. Die Pandemie, in der wir Covid-19 rund um die Welt ausstreuen, wir, denn von sich aus kann das Virus nicht auf Reisen gehen, verschärft diese Umbruchsituation.

Der Lockdown ist eine neue Erfahrung, mit der wir klären müssen, was unsere Ansichten und Modi taugen. Ich äußere mich bei all dem nur mehr zu Themen, die ich mir erarbeitet habe und bei denen ich mich wenigstens grundlegend sachkundig fühle. Das ist kein allgemeiner Standard.

Momentan boomen die Schreihälse und die Autokraten. Berlusconi ist als Warnschuß verhallt. Orban und Trump beschäftigen uns gerade. Der irrlichternde Boris Johnson hat mich ratlos gelassen. Währenddessen haben wir weitgehend übersehen, wie China seine Position als Weltmacht radikal und wirksam ausgebaut hat.

Nun muß ich mich gerade fragen: Hat mich unser Kanzler belogen? Hat mich unser Innenminister belogen? Ich kann beides im Augenblick nicht ausschließen. Wir haben eine Situation!

„The Long Distance Howl“ war konzipiert, um Grenzen zwischen Kunstpraxis und Alltagsleben zu verwischen. Da wußte ich noch nicht, womit ich es zu tun bekommen werde.

— [Stadt-Land]

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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