Konvergenzen

Nun eben diese Session im temporären Konvergenzraum von Schloß Freiberg, Ewald Ulrich schraubte sich tiefer in die Themen rein, Helmut Oberbichler sah sich einmal um. Ich renn allerweil mit so viel Kontext im Nacken durch die Gegend, daß Menschen offenbar manchmal das Gefühl entwickeln, sie stünden einem fahrerlosen Möbelwagen im Weg.

Helmut Oberbichler

Diese beiden Männer sind da weniger schreckhaft. Oberbichler hat sich übrigens redlich geplagt, mein schönes Vexierbild des „Blade Runner“ fotografisch mit meinem Kopf in Balance zu bringen. Zur Erläuterung: Ich halte Ridley Scott’s „Blade Runner“ für den einflußreichsten Science Fiction-Film des vorigen Jahrhunderts. Darin erscheint mir zum Beispiel das Verlöschen von Cyborg Roy Batty (Rutger Hauer) als eine Szene von homerischer Dimension.

So mag deutlich werden, in meinem Dasein als Kunstschaffender habe ich mich unauflösbar in der Populärkultur verstrickt, die wiederum an allen Ecken und Enden von abendländischer Mythologie durchbrochen ist.

Ich muß mich auf solche endlosen Verzweigungen einlassen, weil mir sonst zu viel Zeit übrig bliebe. Als Künstler bin ich primär Autor und in meinem Herzen Lyriker. Marcel Reich-Ranicki vertritt die Auffassung, daß ein Lyriker in seinem Leben bestenfalls vier, fünf wesentliche Gedichte zustande brächte.

Ewald Ulrich (links) und Helmut Oberbichler

Das leuchtet mir ein. Reich-Ranicki meinte, nur Giganten kämen auf mehr, Autoren wie zum Beispiel Berthold Brecht, dem er vierzig bis fünfzig wesentliche Gedichte zutraute. Ich bin kein Gigant. Daher nehme ich mir durch die Jahre auch noch andere Dinge vor.

Ich mag eine Metaphorik, die sich aus alten Mythologien ergibt. In einem Bereich unseres Projektes unterscheide ich demnach zwischen Atlantikern und Ikariern. Auf jenem Atlantis wird gefertigt und gepflegt, womit Ikarier hoch fliegen und gelegentlich abstürzen. Das ist natürlich ein Spiel mit Bildern.

Dahinter arbeite ich gerade einige Motive heraus, die quer durch das zwanzigste Jahrhundert führen. Zum Beispiel das schwarze Quadrat und die Gräben von Verdun. Die Stromlinie und der Glanz des Faschismus. Das Mädchen und der Tod in Stammheim. Die Gräber von Kozarac. Der brennende Pilot.

Dieser Tage sagte der Profi-Soldat Gerhard Gerber in einem Interview: „Die Orks sind da, und wir glauben, wir leben im Auenland.“ Wir haben umgehend zu klären, was das für uns bedeutet und welche Konsequenzen es verlangt.

Manches wird in diesem Zusammenhang mit Mitteln der Kunst zu bearbeiten sein, manches mit diskursiven Mitteln, manches wird konkretes Handeln in realer sozialer Begegnung sein müssen.

Was sich aus solchen Momenten an Markierungen ergibt, wollen wir mit einen Dialog durchflechten, den ich mit Selman Trtovac vor einer Weile begonnen habe, festgemacht am Satz „Ich kann das auch“. Das ist ein beliebtes Statement von Menschen, die etwas herabwürdigen, wofür sie selbst nicht mit Kompetenzen gerüstet sind.

Der Konvergenzraum

Trtovac realisierte übrigens 1994 erstmals „Mi volimo i umetnost drugih“; das heißt: „Wir lieben die Kunst der anderen“. Draus ergeben sich Aspekte in einer prozeßhaften Arbeit, wie sie nach meinem Geschmack sind.

Das führt jetzt einerseits in jene „Wunderkammer“ die ich im temporären Konvergenzraum von Schloß Freiberg einrichten werde; ein Beitrag zum „Aprilfestival“ 2105, das Winfried Lehmann leitet.

Das führt andrerseits zum Gleisdorfer Kunstsymposion 2015. Dafür arbeite ich derzeit unter anderem mit Ewald Ulrich und Heimo Müller an einem Teilprojekt, welches ich für mich über „The Track: Pop | Ikarus“ erschließe.

Wenn alles gut geht, werde ich mit Müller heuer die Strecke nach Beograd in einem alten LKW machen, den er zu einem mobilen Medienlabor ausgebaut hat.

Mirjana Peitler-Selakov verfolgt diese Entwicklung und es scheint, als werde sie gelegentlich in unser Work in Progress einsteigen.

Hier agiert eine Gang of Excellence, in der wir nicht mehr auf Etiketten und Beschriftungen angewiesen sind, wer unter uns sich als Künstler verstünde, wer anderer Profession sei. Es gibt Fragestellungen, aus denen sich Aufgaben ableiten lassen. Damit befaßt sich, wer sich dazu bemüßigt fühlt…

+) The Track: Pop | Ikarus [link]
+) The Track: Pop | Wunderkammer [link]

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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