Zwischen Geschwafel und Praxis

Es hat sich in meinem Milieu über die Jahre etabliert, ein Fähnchen zu schwingen, auf dem „Vernetzung“ steht. Wo sich ein Kreis von Menschen als Gemeinschaft versteht, ist solches Betonen von Vernetzung freilich so aufschlußreich wie die Mitteilung: „Das Wasser ist naß“. Oder: „Der Papst ist katholisch“.

Unsere Juli-Sause in der vormaligen Gleisdorfer Poststation.

Ich sehe das so, da wir als Spezies erfolgreich sind, weil die Evolution uns mit einer Art von Empathie reifen ließ, die auf Kooperation ausgerichtet ist, nicht auf Konkurrenz. Das zeigt sich seit wenigstens rund 70tausend Jahren mit der Fähigkeit zum symbolischen Denken unterfüttert.

Wer demnach Vernetzung betont, sagt einfach: „Der Himmel ist blau“. Andrerseits wäre das Fehlen von Vernetzung in Gemeinschaften bemerkenswert und diskussionswürdig. Wovon ist hier die Rede? Etwa davon, daß wir Verbindendes suchen, wo wir Trennendes schon gefunden haben. Davon, daß uns interessiert, was andere denken, wünschen und vorhaben. Davon, daß wir nicht nur das eigene Vorankommen stärken, sondern auch zum Gelingen der Pläne anderer Leute etwas beitragen.

Wenn mir jemand aus der „Szene“ von Vernetzung redet, schaue ich gerne nach, was die Person tut. Kommt auf der Website dieser Person und in ihren Social Media-Postings nur die eigene Person vor? Sieht sie auch das Tun anderer Kulturleute? Zeigt sie dem eigenen Publikum, was sie an anderen Leuten schätzt?

Ganz zu schweigen davon, daß man ab und zu gemeinsam an Themen arbeitet, Arbeitsergebnisse vorlegt, das dann womöglich in einer gemeinsamen Veranstaltung nach außen trägt, (s)einem Publikum anbietet.

Was es wiegt, das hat‘s
Siehe da, nun sind wir in den meisten Fällen schnell fertig mit „Vernetzung“. Gleisdorf kennt Beispiele, da waren Kulturleute quer durch die Region rund ein Jahrzehnt lang Nutznießer einer kommunalen Kultureinrichtung. Gab es dazu auf ihren Websites wenigstens ein Logo mit Backlink? Gab es gelegentlich ein kleines Feature über den größeren Zusammenhang? Ich konnte kein einziges Beispiel finden. Tja, „Vernetzung“.

Schert mich das? Nein. In unserem Genre sind Predigten völlig nutzlos. Man kann es bloß anders machen und sich mit jenen Leuten verständigen, die kooperationsbereit und paktfähig sind. Trittbretter hochklappen, dann hört diese leidige Mitfahrererei auf. Wir befinden uns in einer globalen Zeitwende. Wer da weitermacht, wie bisher getan wurde, wird eben zurückbleiben. Und noch einmal, es geht im Kern darum, wer sich als kooperationsbereit sowie paktfähig erweist. Da beginnt Vernetzung.

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