Kultur ist kein Park der Denkmäler, auch kein geistreich dekoriertes Gräberfeld, sondern eine Dünung, welche sich quer durch die Zeiten ständig bewegt.

Dazu befähigt uns symbolisches Denken. (Die ältesten uns bekannten Artefakte in diesem Sinn sind etwa 70.000 Jahre alt.) Eine der Konsequenzen dieser menschlichen Eigenheit ist künstlerische Praxis. Im Kern erweist sich die Kunst ungefähr als das, was wir in der Wissenschaft unter Grundlagenforschung verstehen; im Kontrast zu angewandten Formen.
Deshalb werden mehrere Genres unterschieden. Die Kunst im Sinn von Grundlagenforschung ergibt das, was wenigstens seit der Renaissance als Autonomie der Kunst verstanden wird. Kunst schafft sich selbst die Regeln und ist keinen andern Aufgabe verpflichtet als sich selbst. (Genau das bedeutet „Autonomie“.) Ihr Wert ergibt sich aus dem Gewinn immaterieller Güter.
Verzerrung schwächt das Genre
Das deute ich als eine Forderung, wir mögen jenen Bereich des symbolischen Denkens, worin wir uns nicht nur üben, sondern auch ausdrücken und mitteilen, keinesfalls durch andere Aufgaben verzerren. Polemisch verkürzt: Ich meine, eine „Kunst um zu…“ ist keine. Vor allem kein Werkzeugsortiment zum Reparieren sozialer Problemlagen oder zum Verbessern wirtschaftlicher Ziele.
Hier also einer der Gründe, weshalb ich jener „Kulturstrategie 2030“ mißtraue, in der – wie es heißt – rund 600 primäre Kräfte unter anderem zu solchen Schlüssen gekommen sein sollen; Zitat: „Die KS2030 fordert nachhaltige Synergien zwischen Kultur, Tourismus, Wirtschaft, Bildung, Gesundheit und Soziales (unter besonderer Berücksichtigung von Inklusionsthemen). Diese Synergien sollten die verantwortliche Politik unterstützen und öffentlich kommunizieren, was auch zu einem besseren Standing von Kunst und Kultur beisteuern kann. Das setzt die Bereitschaft von Kunst- und Kulturakteur*innen voraus, von anderen Ressorts und Disziplinen zu lernen und in einen direkten Austausch zu gehen.“

Was daraus abgeleitet wurde, halte ich für sachlichen Unfug, außerdem für den Ausdruck mangelnder intellektueller Selbstachtung. Ich kann mir überhaupt nicht erklären, wie eine Basis primärer Kräfte der Kunst einem derart mißbräuchlichen Zugriff auf die Kategorie Kunst zustimme konnten. Zitat:
Vorschläge für ressortübergreifende Förderungscalls des Landes Steiermark:
+) KUNST VERBINDET (innovative ressortübergreifende Projekte)
+) KUNST STATT LEERSTAND (Landes- und Regionalentwicklung, Verkehr und
Landeshochbau)
+) KUNST MACHT ZUKUNFT (innovative ressortübergreifende Projekte)
+) KUNST BRINGT FREQUENZ (Wirtschaft, Handel, Tourismus, Regionalentwicklung)
+) KUNST SCHAFFT KLIMA (Wirtschaft, Landwirtschaft)
+) KUNST MACHT GESUND (Gesundheit)
+) KUNST IST JUNG (Jugend, Bildung, …)
+) KUNST IST ALT
+) KUNST MACHT MOBIL
+) KUNST ÜBERWINDET GRENZEN (Europa, Internationale Angelegenheiten)
+) KUNST IST …
Die Durchökonomisierung
Was hier als „ressortübergreifende Förderungscalls“ promotet wird, legt offen, daß die Kunst als Magd des Marketings verdingt werden soll, wobei auch gleich einmal gut zweitausend Jahre Kunstdiskurs vom Tisch geräumt werden.
Allein diesen Satz halte ich für das Aufgeben wesentlicher Bereiche unseres geistigen Lebens zugunsten einer schlichten Verwertungslogik: „Die KS2030 fordert nachhaltige Synergien zwischen Kultur, Tourismus, Wirtschaft, Bildung, Gesundheit und Soziales (unter besonderer Berücksichtigung von Inklusionsthemen).“
Ich halte das für einen Restaurationsversuch mit einem Denken aus dem vorigen Jahrhundert im Tausch um ein Stück Zukunftsfähigkeit. Die Höhe der Zeit ist gewiß woanders.
+) Gleisdorf: Kulturpolitik (Übersicht)
Quellen
+) Der Massnahmenkatalog als PDF-Datei (2,7 Mb)
+) Maßnahmenkatalog zur Kulturstrategie 2030 (Empfehlungen der steirischen Kunst- und Kulturszene für die Politik)
+) 10 Kapitel der Kulturstrategie 2030
Postskriptum
Ich widerspreche hier der Forderung „Kulturstrategie 2030 umsetzen!“, erhoben in der Kampagne „Kulturland retten!“ in etlichen Bereichen. Ich fände es besorgniserregend, wenn das so käme, ohne gründlich überarbeitet zu werden: „Die empfohlenen Maßnahmen, besonders bezüglich nachhaltiger Förderung der Kulturinitiativen und Kulturzentren, Stärkung der regionalen Kulturarbeit und Kooperationen sowie Diversitätsförderung und kulturelle Bildung müssen unter der Einbindung der Szene umgesetzt werden.“ [Quelle]
PPS
Das „Manifest“ der Kampagne „Kulturland retten!“ läßt mich vollkommen ratlos. Ich hab keine Vorstellung, was mir dieses Manifest mitteilen möchte: [Link]
+) Gleisdorf: Kulturpolitik (Übersicht)