D:Demo #25, Zwischenstand

Zwei Exponentinnen der Gleisdorfer Protestmärsche haben ein angekündigtes Gespräch mit dem Stadtpolitiker Wolfgang Weber abgesagt. Bei meinem augenblicklichen Wissensstand ist zu notieren: Sie haben keinen neuen Termin (wahlweise mit neuem Setting) vorgeschlagen. Sie haben auch keine anderen Personen für ein Gespräch empfohlen, was eigentlich kein Problem sein sollte, denn die Protestbewegung setzt sich aus mehreren Interessensgruppen zusammen.

Die Verhandlungspraxis widerspricht dem Banner

Das illustriert meine Annahme, die ich freilich nicht überprüfen kann, weil – zu meiner Überraschung – Kommentare bezüglich der Dialogverweigerung seitens der Protestbewegung weitgehend ausblieben. (Doppelter Themenwechsel: Tanja Lederer wechselte am 26.2.22 zu einem Charlie Chaplin-Zitat, Ende der Durchsage. Ihre Kollegin kümmerte sich postwendend um das Image von Präsident Putin.)

Meine Annahme lautete, die Predigerinnen würden Mobilisierung und Agitation auf der Straße schaffen, seien aber für eine Verhandlung und realpolitische Kompromißfindung ungeeignet. Dazu bräuchte es unaufgeregte Verhandler, die präzise denken und formulieren, die sich als Person nicht in den Vordergrund drängen. (Verkünden statt begründen klappt eben nur auf der Straße.)

Call and Response
Bei einem mehrstufigen Prozeß (so geht eben Demokratie!) sollte man ja irgendwann die Stufe #1 hinter sich lassen. Wer nichts auf die Reihe kriegt, außer Wirbel auf die Straße zu tragen, und dann herumheult wir zum Beispiel die rührende junge Kärntnerin in einem Video bei „Österreich schimpft“, Zitat: „Es muss endlich aufhören! Wie weit wollt ihr noch gehen“, sollte vielleicht langsam aus der Pubertät herauskommen und üben, wie man über Argumente und Verhandlungen etwas bewegt.

Es wird sich kaum über die Erhöhung von Lautstärke machen lassen, eher mit langem Atem und Konzentration. Gut, die Stufe #1 war durchaus beeindruckend. Und ich hoffe, für die laute Beschallung mit Musik – von Protestsongs bis Falco – wurden auch Lizenzgebühren an die AKM abgeliefert, denn wir Künstler haben bezüglich rechtswidriger Werknutzung ziemlich klare Vorstellungen, weil das unserer Broterwerb betrifft.

Also die Startphase. Auf der Straße wird Terz gemacht, damit zum Beispiel Politiker und andere Opinion Leaders hören: Da ist jetzt ein Problem, dessen Bearbeitung erlaubt keinen Aufschub mehr. Im besten Fall antwortet die Politik. Die Konfliktbearbeitung muß dann von der Straße an den Verhandlungstisch verlagert werden. Ebenen- und Moduswechsel:
1) „Huston, wir haben ein Problem!“
2) „Ground Control to Major Tom!“

Job unerledigt
Aber was wollten denn die Predigerinnen am Verhandlungstisch? Na, Beute machen. Wenn sowas klappt, sind der Bürgermeister oder diverse Stadtdpolitiker ihre Trophäen, mit denen sie bei den eigenen Leuten Punkte zulegen.

Doch das ganze G’scher bleibt in der Einser-Phase stecken, auf der Straße, wo nun einmal keine Kompromisse ausgehandelt und keine politischen Lösungen gefunden werden. Auch bei anderen Exponentinnen und Exponenten der Gleisdofer Unruhe war zu sehen, daß sie vorerst entweder geschwiegen haben oder auf das Thema Rußland/Ukraine rübergesprungen sind.

Wir launigen Klartext-Ministranten
Ich habe in den letzten Wochen vor allem Gemeinderat Wolfgang Weber einige Male für ein paar seiner Schritte kritisiert und war dabei nicht zimperlich. Doch heute, an diesem 28. Februar 2022, ist zu notieren: Er war – neben dem Bürgermeister – der einzige Stadtpolitiker, der sich konsequent aus dem Fenster gelehnt, sich exponiert hat, und dafür einiges einstecken mußte.

Da gilt seit jeher und allemal: nur wer nichts tut, macht keine Fehler. Im Hochgehen dieses Konfliktes haben sehr viele, die über Mandate verfügen, nichts getan, sind nicht aus den Büschen gekommen oder hinterm Ofen hervor oder was weiß ich.

Der Konflikt mit seinen hitzigen Momenten in den Social Media blieb wesentlich an Bürgermeister Christoph Stark, Gemeinderat Weber hängen, wobei Kulturreferent Karl Bauer jetzt einen interessanten Schritt gesetzt hat, der vermutlich bald in den öffentlichen Diskurs führen wird.

Ich finde es enttäuschend, wenn sich kein größerer Personenkreis zeigen will, der klar macht: Wir übernehmen nun Verantwortung für diese Konfliktlage in Gleisdorf, denn der soziale Frieden und die Zunkunftsfähigkeit der Menschen in dieser Stadt können nicht allein von einer Fraktion bearbeitet und geliefert werden. Da müssen sich Leute aus allen drei Sektoren engagieren: Staat, Markt und Zivilgesellschaft.

Und wenn bloß jeder dritte oder fünfte oder zehnte Mensch in der Stadt genau nur das einbrächte: was man gut kann und was man dafür an Zeit aufzubringen vermag, dann käme Bewegung in die augenblicklich etwas endlos wirkende Schleife.

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Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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