Johann von Österreich

Ein Land, wo ich viel gesehen
(Aus dem Tagebuch der England-Reise 1815/1816)
Herausgegeben von Alfred Ableitinger und Meinhard Brunner
Graz, 2010

In meinem Nachdenken über das Europa des 20. Jahrhunderts mache ich das Zeitfenster gerne im Jahr 1848 auf, denn das Ende der Erbuntertänigkeit („Bauernbefreiung“) hat den Lauf der Dinge in Österreich gravierend verändert. Und der Vormärz spielte im geistigen Leben des Staates eine wichtige Rolle.

Aber damals hatte sich längst verdichtet, was wir heute als ein rund 200 Jahre währendes Leben in einer permanenten technischen Revolution erkennen. Eine kontinuierliche Beschleunigung aller Aspekte unserer Existenz. Erzherzog Johann von Österreich steht exemplarisch für diesen Zug zum Umbruch, für den offensiven Umgang damit. Das bedeutete damals freilich, eine völlig rückständige Region – die Steiermark – voranzubringen.

Das Schlüsselereignis im Auftakt dieser Geschichte: am 29. April 1769 wurde James Watt ein Patent für seine Optimierung der Dampfmaschine ausgestellt. In den Jahren 1815/1816 besuchte der Steirische Prinz Großbritannien, damals die führende Industrienation der Welt. James Watt persönlich erläuterte ihm die Innovation, mit welcher sich Wirtschaft und Weltgeschichte verändert haben.

Johann von Österreich führte über jene England-Reisen sehr penible Aufzeichnungen, die ganz unterschiedliche Aspekte des dortigen Lebens betreffen. Dadurch erhalten wir heute einen Eindruck, wie der Mann dachte und was damals die Welt zu bewegen begann. Daraus entstanden Impulse, die nach seiner jeweiligen Rückkehr beitrugen, diese einst eher arme Steiermark aus der düsteren Kargheit des agrarischen Lebens herauszuführen.

Die heutige Popularität des Aristokraten, teilweise in Marketing-Belangen verramscht, verstellt ein wenig den Blick auf seine Leistungen, verniedlichen sie fast. Als Sproß einer hochrangigen Familie und Bruder des Kaisers verfügte Johann über ein enormes Vermögen. Damit konnte er seinem großen Wissensdurst entsprechend wirksam nachgehen.

Johanns Reiseaufzeichnungen beeindrucken mich durch ihren Detailreichtum. (Die Notizen sind mit Handzeichnungen versehen.) Während andere Adelige ihre soziale Distanz durch demonstratives Verbrennen von Geld und persönliche Nutzlosigkeit demonstrierten, ging dieser wache Geist andere Wege. Er war ein Mann der Aufklärung und verstand, man habe „Die alte Welt auf einige Zeit zu verlassen, um in der neuen sich umzusehen und in’s Klare zu kommen, was erstere von letzterer in der Zukunft zu erwarten hat…“

Reisen war damals sehr strapaziös. Man mußte sich dafür erheblichen Belastungen aussetzen. Dem Mann schien klar: „Ich möchte nichts unbemerkt lassen“. Bis hin zu allerhand Zusammenhängen, wie etwa: „Wolf, dessen Maschinen man in Cornwall siehet, suchte Watts und Trevithicks Entwürfe zu vereinigen, über beyde sehr vieles im Repertory of Arts und Fillochs Magazin etc.“ Da waren in der „Soho fabryke im durchschnitt 600 Arbeiter“ beschäftigt. Aber er „konnte keine Preistabelle der Dampfmaschinen erhalten“.

Die Preise seien vergleichsweise hoch gewesen, doch entsprechend auch die Qualität, „und ich sah Maschinen, welche 20 und mehr Jahre beständig gehen“. Das ist nur ein kleines Beispiel unter vielen anderen, anhand derer man über die Steiermark auch später sagen konnte: Weltgeschichte berührt Regionalgeschichte.

Ergänzend finden Sie zu diesem Buch auf dem Server der Technischen Universität Graz eine interessante Publikation aus dem Jahr 1890. Die PDF-Fassung einer Anthologie aus dem Verlag Leykam gibt Eindrücke, welche Früchte all dieser Know how-Transfer trug und wie man sich in der Folge bemühte, diese Prozesse fortzuführen: das Sammeln und Vermitteln von Fachwissen auf der Höhe der Zeit. Siehe dazu: „Culturbilder aus Steiermark“ [PDF]

— [Bücher] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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