Was es wiegt, das hat’s XXV: Verschnöselung

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Ein Unterschied zwischen Konsumation und Partizipation läge beispielsweise darin, daß man in der Teilhabe am Gemeinwesen auch Verantwortung dafür übernimmt, daß die ganze Situation gedeiht und nicht kippt, absäuft, nachdem vorhandene Ressourcen verbraucht wurden.

Wer bloß konsumiert, wird es beklagen, wenn die Tafel abgeräumt wurde. Wer partizipiert, wird beitragen, daß immer was da ist. Zu abstrakt? Also etwas konkreter… Ich hab zu Fragen der Kulturpolitik mehrfach betont, es sei eine Verschnöselung in Gang.

Mit Schnösel meine ich bildungsbürgerliche Kreise, die sich nicht mehr den Mühen von Bildung unterziehen mögen, aber den bildungsbürgerlichen Kulturkanon als Distinktionsmaschine benutzen und den ganzen Kulturbetrieb so herabwürdigen. Sie holen für sich heraus, was geht, egal, die der laden hinterher aussieht. Dann zieht die Karawane eben weiter.

Wie sich das in der Praxis zeigt, hat Alfons Haider eben veranschaulicht, als er die lächerliche Abendgage von Orchestermitgliedern (€ 30,-) zu rechtfertigen versuchte, indem er den Leuten vor Publikum Kompetenzmängel unterstellte; sie hätten ihr Studium noch nicht abgeschlossen.

Fresse halten? Er doch nicht!
Statt höflich zu schweigen oder sich für die augenscheinliche Schräglage der Situation taktvoll zu entschuldigen, legte er noch nach, um weinerlich zu beteuern, in seinem Lager stünden keine „Verbrecher“. So in einem Clip zu hören: [Quelle]

Ab zirka Minute 3:0 satt er: „…sie stellen ein System hin als Verbrecher…“ Eine völlig unangemessene Ausdrucksweise. Dann zeigt sich der Untertan in Haider, der beteuert: „Ich möchte schon, daß man anerkennt, daß auch andere Menschen arbeiten.“ Auf meinem Kontinent heißt sowas: „seinem Herren die Stiefel lecken“. (Haiders deutliches Engagement für die Sozialdemokratie scheint mir damit nicht vereinbar.)

Alfons Haider mit Vera Russwurm (Foto: Manfred Werner, CC BY-SA 3.0)

Meine Quelle zu diesem Vorfall ist: „What’s Opera Doc – The Youtube Channel For Professional Opera Singers“. Die Headline lautet: „Musiker kritisiert 30 €-Gagen bei Live-Festakt“. Der Videoclip auf Youtube erweist sich als aufschlußreich. Alexander Köck von der Band Cari Cari läßt das Publikum wissen, zu welchen Bedingungen hier ein Ensemble beiträgt, daß die Leute einen festlichen Abend haben.

Alfons Haider, Intendant der Seefestspiele Mörbisch, bringt sich als Moderator in die Situation ein, tadelt Köck und relativiert die Situation aus seiner Sicht. Es ist freilich eine Schande, wie er den Orchestermitgliedern in aller Öffentlichkeit vorhält, ihr lächerliches Klimpergeld von 30,- Euro sei darin begründet, daß sie ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen hätten.

Das heißt, sie dürfen zwar eine tadellose Leistung abliefern, doch die rangiert in der Abgeltung unter jener von Putzpersonal, das für 30,- Euro wohl kaum zwei Stunden durchhält. Zitat:

„Beim Festakt ‚100 Jahre Burgenland‘, der live vom ORF übertragen wurde, ergriff der Musiker Alexander Köck von der Band Cari Cari das Wort und kritisierte die niedrigen Gagen seiner Orchesterkolleg:innen. Es entwickelte sich coram publico ein Wortgefecht mit dem ORF-Moderator und Intendanten der Seefestspiele Mörbisch Alfons Haider.

Auch Landeshauptmann Hans Peter Doskozil nahm dazu Stellung. Alexander Köck: ‚Ich möchte mich bei allen bedanken, aber ich möchte trotzdem etwas sagen. Ich habe mitbekommen, dass die Damen und Herren, da drüben im Orchester heute 30 Euro fürs Spielen bekommen. Ich finde das in einem Kulturland Burgenland, bei 100 Jahre Burgenland, in einem sozialdemokratischen Land beschämend, ich finde es besonders beschämend nach Corona, und noch beschämender finde ich es, wenn man weiß, dass während Corona genug Geld dafür da ist, dass es zwei Intendanten bei den Seefestspielen Mörbisch gibt.“ Quelle: ORF, Live-Sendung am 14. August 2021 von der Friedensburg Schlaining (Burgenland/Österreich)

Post Scriptchen
Johann Reilo Sparowitz meinte auf Facebook dazu: „…weder Django Reinhardt (der angeblich nicht mal Noten lesen konnte), noch Charlie Parker, aber auch viele andere Jazzgrößen (z.B. Wes Montgomery, Lous Armstrong, Ella Fitzgerald, Billie Holliday u.v.a.m.) haben jemals eine Musikschule von innen gesehen, was ich weiß… Also müßten die – dieser Logik folgend – auch für 30,- Gage auftreten? Ich lach mir einen Ast ab!!!“

— [The Long Distance Howl] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton, Kulturpolitik, Reflexion und Grundlagen abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.