DJ Ötzi und das Steirertum

Als Paul Stepan das Dokument via Facebook lieferte, hielt ich es für Fake. Ein österreichweites Schulschlußkonzert, dessen prominentester Act DJ Ötzi ist. Satire. Oder? Ich sah auf der Website des Ministeriums nach. Ich sah auf der Website von DJ Ötzi nach. Nichts! Ich fragte bei Stepan auf Facebook nach. Sabine F. schrieb: „Nein kein Fake. Schreiben ging gestern an die Lehrer raus.“

Beim ORF wurde ich dann fündig: „Aus dieser Idee wurde mehr und nun sind die Musiker:innen, Alle Achtung und Tina Naderer der Einladung von Pizzera & Jaus gefolgt.“ [Quelle] Simone F. setzte nach: „Ich hab meinen Teenager zu Hause gefragt, ob er weiß wer DJ Ötzi ist. Antwort: Ja, die Leiche die sie gefunden haben.“

Nun ist es ja respektabel, daß Schulkinder eigenwillige Ideen entwickeln, die sich durchsetzen lassen, denn das schafft wichtige Erfahrungen. Aber weshalb eignet sich ein Minister das Produkt der Unterhaltungsindustrie an und promotet das?

Wir dürfen raten. Der Deal zahlt sich für die Company von DJ Ötzi aus. Nun mögen die Youngsters ihre Gaude haben, sollen sich vergnügen, wie es ihnen beliebt. Aber ich wünschte, ein Minister würde kein kulturelles Industrieprodukt mit seinem amtlichen Briefkopf dekorieren, denn das ist ein Statement.

„Die Schüler:innen aus dem restlichen Österreich können sich das Konzert live auf ORF 1 ansehen.“ Dagegen hab ich keinen Einwand, aber der Kontext stört mich. Das ist ähnlich deprimierend, wie wenn unser steierischer Landeskulturreferent Christopher Drexler gerade wissen läßt: „Aufsteirern findet 2021 mit Hofkonzerten und der Aufsteirern TV-Show statt!“

Da heißt es dann: „Damit ist sichergestellt, dass wir das Aufsteirern-Gefühl und unsere Volkskultur via TV nach ganz Österreich tragen und gleichzeitig viele Besucherinnen und Besucher unsere Traditionen auch wieder live in der Grazer Innenstadt (er)leben können.“ (Am 23.6.21 auf Facebook publiziert.)

Das „Aufsteirern-Gefühl“? „Unsere Volkskultur“? „Unsere Traditionen“? Mumpitz! Dieses professionell durchorganisierte Großereignis ist nicht Volkskultur, sondern ist Unterhaltungsindustrie unter Verwendung volkskultureller Elemente.

Auch dazu sage ich: Kein Einwand! Die Leute sollen sich unterhalten, wie es ihnen beliebt. Und dieses Ding „Aufsteirern“ ist ja als Entertainment recht gut gemacht, auch wenn solche Ökonomisierung von „Steirertum“ manche Debatte hergäbe.

Aber der ranghöchste Kulturpolitiker des Landes sollte über valide Begriffe verfügen und wissen, was er sagt. Er sollte dieses Event stichhaltig benennen können, verwendet stattdessen eine Sprache der Werbeindustrie. Wie erwähnt: unser Landeskulturreferent.

Er sollte die Genre unterscheiden können und uns Kulturvölkchen dabei unterstützen, eine völlige Durchökonomisierung unseres Lebens zu vermeiden, im Kulturgeschehen für etwas mehr Trennschärfe zu sorgen. Wir müssen hoffentlich nicht erst debattieren, daß Sprache Realität herstellt.

— [Problemzone] —

Post Scriptchen
Steirische Kulturpolitik schwächelt zur Zeit mit großen Gesten. Ich hab mich gestern aufgerafft, dem Kultursprecher der steirischen SPÖ eine Rede zu schreiben, die von ihm bisher fehlt.
+) Ich, Hannes Schwarz, Sozialdemokrat

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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