Wo noch niemand war

[Vorlauf] Ich hab in der ersten Glosse skizziert, wie das Auftauchen selbstreferentieller Genies die Sphären der Wissens- und Kulturarbeit verändert hat. An der Spitze dieser radikalen Bildungsbewegung steht der „Doctor youtubis causa“ in dem sich weibliche wie männliche Blitz-Expertenschaft ausdrückt.

Diese neuen Genies fragen nicht mehr, sondern wissen schon. Ich muß mich dagegen als bekennendes „Schlafschaf“ zurechtstellen, weil ich angesichts der sprudelnden Klarheiten viel zu oft sage: „Ich weiß es nicht.“ Oder: „Wir wissen es nicht.“ Das kommt, weil ich eine etwas antiquierte Vorstellung von dem habe, was mit dem Begriff „gesichertes Wissen“ bezeichnet wird.

Unter „gesichertem Wissen“ verstehe ich eine Kenntnislage, die während eines Prozesses der systematischen Falsifizierungsversuche in ihren Details bis heute standgehalten hat. Was das bedeutet? Es gibt keine Wissenschaft ohne Kontroversen. Aus Kontroversen entstehen Annahmen, wie es sich mit dieser oder jener Frage verhalte.

Diese Annahmen werden dem Versuch der Falsifizierung unterzogen: Läßt sich belegen, daß die Annahme falsch ist? Wer für eigene Annahmen weitere Kritik ausschließt, hat sich einfach aus dem Spiel genommen. So oder so bleibt die Forderung: „Nennen Sie Ihre Gründe!“

Wir wissen seit der Antike: wer dann seine Argumente zur Sache aufgibt und Argumente zur Person vorbringt, hat keine redlichen Absichten. Annahmen, Kontroversen, Prüfungen. Ich habe erfahren, daß die Wege der Kunst und die der Wissenschaft sich grundlegend unterscheiden können, aber nicht müssen. Da war freilich schon seit meiner Kindheit stets auch diese Frage: Wer darf sagen, was es ist? (Eine Frage nach Definitionsmacht.)

Doch in der Kunst und in der Wissenschaft gibt es etwas, das jede menschliche Definitionshoheit übersteuert: Erkenntnis, die sich erweist. (Oder auch nicht. Dann läuft einfach der Klärungsprozeß weiter.) Deshalb kann ich mit jemandem im Dissens verbleiben, kann Dissens sogar als anregend erleben, denn er ist eine nützliche Station auf dem Weg zu Erkenntnis.

Soweit ich das Leben kenne, neige ich zur Ansicht: Schnellverfahren gibt es nur auf dem Jahrmarkt. Aber ich akzeptiere inzwischen, daß manche Menschen sich selbst nicht ertragen, wenn sie auf Nichtwissen, auf Widersprüche, auf Ambivalenz stoßen. Da werden dann, wie wir auch derzeit sehen, Schnellverfahren abgewickelt, um nächste Klarheiten rauszuhauen.

Bliebe dieses schöne Bonmot: „Intelligenz ist die Fähigkeit, über zwei einander widersprechenden Ansichten nicht den Verstand zu verlieren“. Zwar sollte klar sein, daß sich keinerlei „Wahrheiten“ produzieren lassen, indem man drangeht, die Widersprüche zu eliminieren, aber dazu finde ich derzeit keinen breiten Konsens.

Also muß mein Verständnis von „Wir“ den Bestand ganz verschiedener Lager berücksichtigen, die teilweise unvereinbare Positionen ausdrücken. Ich finde die Vorstellung, man könne Gefolgsleute anderer Wahrheiten belehren, ziemlich unsinnig. Wir Menschen sind so gemacht, daß der einzelne Wille jederzeit übersteuern kann, was die kritische Prüfung von Annahmen ergeben hat.

Anders ausgedrückt: ich kann niemanden gegen seine oder ihre bevorzugten Annahmen erreichen. Wo ein Argument nichts bewirkt, bliebe nur die geladene Flinte. Das ergibt aber kein sinnvolles Konzept.

Mein vertrautes Terrain schaut an manchen Ecken so aus. Es ist gerade zirka 7:30 Uhr morgens. Sigrun Karre postet auf Facebook eine Notiz von Marcus Steinweg, der darüber nachgedacht hat, was Gilles Deleuze in seinem Nachdenken über Nietzsche und die Philosophie bewegt hat.

Zugegeben, da wird es etwas knifflig, aber für jemanden wie mich auch lohnend. Die Notiz führt zu folgendem Steinweg-Satz: „Wer denkt, neutralisiert sich nicht im Existierenden. Denken heißt, sich aufs Inexistente verlängern. Dorthin zu gehen, wo noch niemand war.“

Und Karre kommentiert: „Denken wird ja landläufig oft mit rationaler Resignation verwechselt. Dass es mit etwas Phantasie im Gegenteil sogar der Ausstieg aus dem Dilemma sein kann, ist dann doch eine Vorstellung, die mir gut gefällt.“ So klingt es in meinem Lager… [Fortsetzung]

+) Wir (Die Übersicht)

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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