Die boomende Wirerei

Das Wir hat wieder Konjunktur; zumindest als Propagandamaterial. Ich habe an verschiedenen Stellen schon notiert, wie sehr ich in meinem Metier seit wenigstens einem Jahrzehnt relevante kulturpolitische Diskurse vermisse. Dieser Mangel ist uns naturgemäß schon mehrfach um die Ohren geflogen und wurde immer verläßlich mit Solidaritätsrufen bemäntelt.

Anfang der 1980er: noch suchend…

Das Ausrufen des „Wir“ sowie Beteuerungen dessen, was und wie „wir“ seien, hat während der Corona-Pandemie noch zugenommen. Es verbindet sich komplementär mit der Saga von einer „gespaltenen Gesellschaft“, womit in dieser Krisenzeit unterstellt wird, es hätte davor mehr Einigkeit und Einheit gegeben.

Ich halte das für ein Phantasma. Ein praktisches Narrativ. Wie unsere Gesellschaft in ganz verschiedenen Lagern angeordnet ist und es davor schon war, ist natürlich auch das Kunstvölkchen ein Ensemble sehr kontrastreicher Lager.

In dieser Geschichte ist ein noch eher junges Kapitel, daß sich auch völlig unbedarfte Kräfte aus der Hobbyliga, denen Gegenwartskunst erkennbar egal ist und handwerklicher Ehrgeiz kaum nachgewiesen werden kann, sich energisch unter die Flagge der Kunst reklamieren. Mehr noch, sie haben in weiten Bereichen das Wohlwollen von kulturpolitischem Personal gefunden, welches inhaltlich ebenso auf der Seife steht.

Facebook-Gruppe wie „Schweigemarsch der Künstlerinnen 2020“ mit seinen über 3.000 Mitgliedern machen anschaulich, daß sich diese Milieus im Auftreten widerspruchslos mischen. Das belegt eine kulturpolitische Irrelevanz solcher Formationen.

Vorläufer: Privatedition mit Gedichten von Alois Hergouth

Ein Teil dieser Kreise, in denen ich mich nun über Jahrzehnte bewegt hab, sind als Genre der „Freien Initiativenszene“, wahlweise „Autonomen Initiativenszene“ notiert. Das benennt eine einstmals völlig neue soziokulturelle Erscheinung, die ich eng mit meiner Generation assoziiere. Diese Entwicklung scheint mir ab Mitte der 1970er Jahre ganz gut belegbar, auch wenn „frei“ und „autonom“ eher Duftmarken blieben.

Bis Anfang der 1980er Jahre war es jenseits des Landeszentrums noch selten der Fall, daß Gegenwartskunst gezeigt wurde, stattfand. Malerei, Literatur, Kabarett, Musik-Richtungen wie Jazz, Folk und Blues kamen in der Provinz nur selten vor. Das hat sich fundamental geändert.

Generationen

In den 1970er Jahren kam dieses eigentümliche Ringen auf, das meine Generation entfaltet hat, um kulturelle Vorstellungen zu verfeinern und zu etablieren. Damit meine ich jene Leute, die in den 1950er- und 1960erJahren zur Welt gekommen waren.

Zur Zeit dieses Ringens kannte ich Alois Hergouth, weil der mit meinem Vater befreundet war. Von Emil Breisach, Hannes Schwarz oder Günter Waldorf wußte ich bloß durch Kolportage. Diese Männer, allesamt (wie mein Vater) 1920er Jahrgänge, hatten den Weg geebnet, um das Forum Stadtpark zu etablieren.

1985: die Subway-Press Literaturnacht

Das war nicht die einzige, aber eine sehr wesentliche Grazer Drehscheibe der Gegenwartskunst. Dort entwickelten und profilierten sich dann jene 1940er Jahrgänge, deren Wirken teilweise internationale Bedeutung erlangte.

Elfriede Jelinek oder Peter Handke waren eher auf Abstand zu uns. Wolfi Bauer konnte man auf Touren durch das nächtliche Graz allemal treffen. Helmut Eisendle kannte ich näher, wir mochten einander gut leiden.

So haben wir gesehen, was zwei Generationen vor uns angefangen hatten, um dem geistigen Leben der Steiermark eine Dimension zu geben, die selbst in den 1970ern noch vielen Einheimischen sehr suspekt war.

Für manche waren dann beizeiten auch die politischen Aspekte dieser Prozesse klar. Wir sind im Dunst des Faschismus aufgewachsen. Einige kannten die Heucheleien der vormaligen Mitläufer, andere, wie ich, hatten auch Täter in der Familie.

Ich bin sicher, daß auf die Art eine ethische Doppelbödigkeit in unsere Kinderleben gefräst wurde, die uns prägte, auch wenn wir sie als kleine Menschlein natürlich nicht dechiffrieren und verstehen konnten. Ich empfinde das bis heute als ein Merkmal meiner Identität, weil ich damit auf eine persönliche Art gerungen hab wie abertausend andere Leute auch. [Fortsetzung folgt!]

+) Wir (Die Übersicht)

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.