Höflich, zu höflich

Von Kerstin Feirer

Es gibt Gespräche, in denen es mir schwer fällt, höflich zu bleiben. Meistens gelingt es mir auch nicht. Weshalb ich generell als unhöflich gelte. Zu meiner Verteidigung muss ich aber sagen, dass ich mich ernsthaft darum bemühe. Was mir allerdings an gelegentlichen Bullshit entgegengebracht wird, würde jeden, der einigermaßen bei Verstand ist, den Verstand rauben, der in der Regel dafür sorgt, dass man eben nicht: „SEI EINFACH STILL!“ brüllt. Gleichzeitig scheine ich aber die seltene Gabe zu besitzen, im ungünstigsten Moment höflich zu bleiben…

(Cartoon: Kerstin Feirer)

Gestern war es wieder soweit. Und ich hätte es kommen sehen können, hätte ich das letzte Gespräch, das ich mit dieser Person führte, nicht erfolgreich verdrängt. Und, siehe da, es war mir offensichtlich beim letzten Mal gelungen, höflich zu bleiben. Sonst wären Begrüßung und das obligate „Wie geht es dir?“ nicht so herzlich ausgefallen. Zugegeben, die ersten 10 Minuten waren wirklich angenehm und wäre es in diesem Ton weitergegangen, würde ich diese Zeilen heute nicht schreiben. Und ich erinnere mich: das letzte Mal verlief es nicht anders. Ich wurde auf den Bullshit, der verlässlich folgen würde, wunderbar sanft eingestimmt.

Natürlich kamen wir nicht umhin, über Geschäfte zu sprechen. Die, bedingt durch Corona, in Mitleidenschaft gezogen wurden. Was furchtbar ist, und nicht der Weltuntergang, sofern ich weiß, wofür ich kämpfe. Zumindest sehe ich das so. Und natürlich ist mir klar, dass nicht jeder verstehen kann, warum man sich das antut. Und weil besagte Person genau das nicht verstehen konnte, folgte prompt ein Jobangebot für mich und meine „Künstlerfreunde“, weil wir endlich aufhören sollten, arm sein zu wollen… Wir (meine „Künstlerfreunde“ und ich) sollten anfangen, (natürlich bei ihr), etwas Sinnvolles zu tun. Um die Welt vor … (jede Facebook-übliche Verschwörungstheorie bitte einfügen) zu retten. Mit gesunder Ernährung wohlgemerkt.

Ich blieb höflich. Zu höflich. Denn obwohl ich dankend ablehnte, wollte das Gespräch an der Stelle nicht enden. Im Gegenteil. Mir wurde noch schnell erklärt, dass wir KünstlerInnen, unsere Kunst ja als Hobby weiterführen könnten. Neben dem Vertrieb von gesunder Ernährung wohlgemerkt. Und dass es uns zwar brauche, aber eher im Direktvertrieb, als als Kunstschaffende. Schließlich zeige die aktuelle Weltverschwörung ja deutlich, worauf es jetzt ankommt. Nämlich auf Menschen, die sich gesund ernähren und damit ihre Schwingung erhöhen, um immun gegen Corona, die neun reichsten Unternehmen und die Pharmaindustrie zu sein… Übrigens alle Abgesandte aus der Hölle.

Warum ich das schreibe? Um mir hinter die Ohren zu schreiben, dass es durchaus Sinn macht, von Haus aus unhöflich zu sein! Hätte ich bereits das vorangehende Gespräch unhöflich beendet, hätte ich mir diesen Scheiß gestern erspart. Und ich müsste jetzt nicht unsicher sein, dass sich der Wahnsinn nicht noch einmal wiederholt. Weil ich wieder versucht habe, höflich zu bleiben. Und es mir wieder gelungen zu sein scheint. Denn, ob ihr es glaubt oder nicht, ihre Abschiedsworte lauteten: „ich freu mich schon aufs nächste Mal!“

+) Wosnei x: Mode | Kunst | Design

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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